Ausgabe 
15.5.1939
 
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Nr. 112 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 15. Mai 1939

Aus der Stadt Gießen.

Maikäfer, flieg!

Kinderfreuden im Mai! Was wären sie ohne die Maikäfer? Mühselig kriechen die braunen Käfer aus dem dunklen Schoß der Erde, putzen sich die an­haftende Erde ab und summen hinauf zu den grünen Bäumen, um sich hier gütlich zu tun. Sie surren und brummen im Sonnenschein und werden erst in der Nachtkühle stumm. Manchmal kommen sie in solchen Scharen, daß Forstmann und Obstbauer ärgerlich die kahlen Aeste betrachten. Aber in diesem Jahre hat die Witterung wohl mitgeholfen, daß sie nicht in Massen auftreten.

Am frühen Morgen kommen die Buben und schüt­teln sie von den Bäumen. Oder sie gehen am Abend mit Tüchern, die an Stangen befestigt sind, auch manchmal mit Strohwischen, hinaus auf die Wiesen und schlagen die summenden Käfer aus der Luft. Das ist ein lustiges Treiben, und manche Mutter muß ihren Buben noch in der Dunkelheit suchen.

Dann aber stellt er sein Zigarrenkästchen, in das er sorgfältig einige Löcher gebohrt hat, neben sich auf das Nachtschränkchen, damit er noch im Schlaf das angenehme Summen der braunen Gesellen ver­nimmt. In der Schule dienen die Maikäfer als Han­delsgegenstände, sie werden verschenkt, erscheinen auch manchmal während des Unterrichts! Daß einem ängstlichen Mädchen dann und wann ein Maikäfer in das Haar gesetzt wird, versteht sich von selbst.

Von Zeit zu Zeit lassen die Buben ihre Maikäfer an Stäbchen hochklettern, schauen aufmerksam zu, wie sie Luft schöpfen und dann davonfliegen. Dabei singen sie:

Maikäfer, flieg, dein Vater ist im Krieg, deine Mutter sitzt im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer, flieg!

Die Hühner freuen sich auch, wenn auf ihrem Futtertisch einige Maikäfer erscheinen. Sie werden mit Heißhunger verschlungen. Man muß sich aber hüten, den Hühnern zuviel von den braunen Käfern zu geben, da sonst leicht Krankheiten übertragen werden können. Auch leidet der Geschmack her Eier, wenn die Hühner tagelang nur Maikäfer fressen. Z.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Der Gouverneur". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Salonwagen E 417".

Sladllhealer Gießen.

Heute abend findet für den Theaterring der Hitler-Jugend die 8. und letzte Vorstelluna der Spiel­zeit 1938/39 statt. Es gelangt zur AufführungEin ganzer Kerl", Komödie in fünf Akten von Fritz Peter Buch. Spielleitung Hans Geißler. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Oer Reichsappell der schaffenden Jugend in Gießen. Zum Reichsappell der schaffenden Jugend am heutigen Montagmorgen versammelten sich Jugend und Lehrherren, Vertreter der Wirtschaft, der In­dustrie und des Handels, sowie die Direktoren der Handels- und Gewerbeschulen in dem mit den Fah­nen der Bewegung und der DAF. geschmückten Lichtspielhaus.

Kreisjugendwalter der DAF., Pg. Baur, ent­bot den Gruß zu diesem 1. Kreisjugendappell und umriß in kurzen Zügen die Aufgabe der DAF. zur Betreuung der schaffenden Jugend. Er legte all denen, die für die Jugend verantwortlich sind, die Beachtung des Jugendschutzgesetzes nahe und ging näher auf die Forderung nach Einhaltung einer Mittagspause für die Jugend ein, die der Förde­rung der Gesundheit der Jugend zu dienen hat. Denn nur eine gesunde Jugend wird ihre Pflicht erfüllen können. Deutschland braucht aber nicht nur jetzt eine gesunde Jugend, sondern auch leistungsfähige Männer.

Anschließend setzte die Uebertragung ein, die mit dem Fahnenlied der HI. ihren Ausklang nahm.

Oie Volks-, Berufs- und Betriebszählung amckl.Mai Anleitung zur Ausfüllung der Zahlpapiere.

Von Verwaliungs-Znspekior Rothermel.

Bei der bevorstehenden VoKs-, Berufs- und Be­triebszählung werden gezählt:

1. Alle Menschen mit der Haushaltungs- liste und der Ergänzungskarte.

2. Alle land- und forstwirtschaftlichen Betriebe mit 0,5 Hektar oder mehr Gesamtfläche mittels des Land- und Forst wirtf chaftsbogens, alle kleineren mit weniger als 0,5 Hektar Gesamt­fläche mittels der H a u s h a l t u n g s l i st e.

3. Alle nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsstätten mittels des Fragebogens für nichtlandwirt­schaftliche Arbe >itsstä11en.

A. Oie Haushattungsliste.

Jeder Vorstand einer selbständigen Haushaltung ist verpflichtet, eine Haushaltungsliste auszu­füllen. Auch für eine selbständige Haushaltung, die bei einer anderen Haushaltung in Untermiete wohnt und eine von ihr getrennte Wirtschaft führt, ist eine besondere Haushaltungsliste auszufüllen. Hinter einer Wohnungstür können also mehrere zur Ausfüllung einer Haushaltungsliste verpflichtete Personen wohnen. Im einzelnen ist die Frage, wer eine Haushaltungsliste auszufüllen hat, auf Seite 1 der Haushaltungsliste unter I erklärt. Für olle Zweifelsfragen sind grundsätzlich in erster Linie die auf den Zählpapieren gedruckten Erläuterungen heranzuziehen. Insbesondere ist bei der Ausfüllung der Haushaltungsliste folgendes zu beachten:

Auf der ersten Seile:

1. Oben rechts müssen die sog. Jdentitätsangaben über Kreis, Gemeinde, Straße und Hausnummer von dem Haushaltungsvorstand angegeben werden.

Die Zählbezirks-, Grundstückslif^n- und Haus- haltungslisten-Nummer dagegen muß vom Zähler ausgefüllt werden.

2. In dem in der Mitte stehenden schwarz um­rahmten Teil muß der Dor- und Familienname des Haushaltungsvorstandes eingetragen werden. Wei­tere Eintragungen sind auf Seite 1 nicht zu machen.

Auf der zweiten Seite:

1. Unter dem Abschnitt A Sämtliche A n - wesende sind sämtliche in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1939 in der Wohnung des Haushaltungs­vorstandes anwesenden Personen aufzuführen, d. h. auch die vorübergehend anwesenden, wie z. B. eine Tante auf Besuch usw. Sind in einer Haushaltung zwei Familien, die jedoch keine getrennte Wirt­schaft führen (eine gemeinschaftliche Küche, eine Ver­pflegung s gemein schäft) vorhanden, so ist nur eine Haushaltungsliste auszufüllen. Beide Familien find im Abschnitt A bei den sämtlichen Anwesenden un­tereinander aufzuführen; sie sind jedoch durch einen Querstrich durch die Spalten auf Seite 2 und 3 der Haushaltungsliste voneinander abzutrennen. Sämtliche Studenten sind am Studienort nur unter dem Abschnitt A einzutragen, dagegen in der Haushaltungsliste der Eltern überhaupt nicht. Das verheiratete Personal in Anstalten, Kramten Häusern usw. muß, sofern es dort eine Wohnung innehat, je eine Haushaltungsliste ausfüllen. Dagegen wird das ledige Personal in eine Haushaltungsliste unter Abschnitt A zusam­mengefaßt. Patienten, die eine heimische Haushaltung haben, müssen in einer besonde­ren Haushaltungsliste zusammengefaßt und unter Abschnitt A und Abschnitt C aufgeführt werden; Patienten ohne heimische Haushaltung (Wander­burschen, Schlafgänger usw.) dagegen nur unter Abschnitt A. Die Insassen von Strafanstalten wer­den ebenfalls in einer Haushaltungsliste zusammen- gesaßt. Auf Seite 2 der Haushaltungsliste muß in Spalte 3 angegeben werden, ob es sich um Unter- suchungs- oder Strafgefangene handelt. Unter­

suchungsgefangene find unter Abschnitt A und C aufzufuhren; Strafgefangene dagegen nur unter Abschnitt A. Bei der Ausfüllung der Spalten 11 bis 18 auf Seite 3 ist zu beachten, daß ehren­amtliche Tätigkeit nicht als Haupt- oder Neben­beruf gilt. Bei den Erläuterungen zu der Spalte 11 auf Seite 3 ist für die Jahreszahl 1924 die Jahres­zahl 1925 zu fetzen, da die Haushaltungsliste bereits für die am 17. 5.1938 vorgesehene Volkszählung be­stimmt war. Da die Volkszählung infolge der Ein­gliederung Oesterreichs auf den 17. 5. 1939 ver­schoben wurde, muß die Jahreszahl entsprechend von 1924 in 1925 geändert werden.

2. Im Abscbnitt B sind die vorüber« gehend abwesenden Mitglieder der Haushaltung, z. B. ein verreistes Familienmitglied, aufzuführen.

Im Abschnitt C sind noch einmal die« jenigen schon unter A aufgeführten Per­sonen zu nennen, die nur oorübergehendan« wesend sind.

4. Der Abschnitt D links unten auf Seite 2 dient für die Durchführung einer bevölkerungspoli­tisch besonders wichtigen Familienstatistik. Für alls Frauen, die in Spalte 6 unter A oder B alsver­heiratet" odergetrennt lebend" bezeichnet sind, müssen unter allen Umständen die Sonder-

Eindrucksvolle Feier aus Vurg Mnrenberg.

In der vom Sonnenlicht umspielten Burgruine Münzenberg, demTintenfaß", herrschte bereits im Laufe des Sonntags reges Leben. Hier herauf war die Kreiskapelle der NSDAP, unter der Leitung von Pg. Schleuse gekommen, die mit den von Pg. Spurt geführten Werkscharen aus Butzbach und dem Chor der Dorfgemeinschast Mün- zenberg eifrig für die Feierstunde probten, mit der die NSG.Kraft durch Freude", Abteilung Deut­sches Volksbildungswerk, unter der Leitung von A. R ü f f e r, einen würdigen Abschluß der Gau­kulturwoche bot.

Aus der näheren und weiteren Umgebung waren in den Stätnachmittagsstunden die Volksgenossen herbeigeströmt. Die Butzbach-Licher Eisenbahn hatte einen Sonderzug eingelegt. Im Burghof, in dem einstmals Standartenführer S ch ä f e r die erste Ver­eidigung der SA. vorgenommen hatte und in dem manche Feierstunde der nationalsozialistischen Be­wegung durchgeführt wurde, drängten sich erwar­tungsvoll die Bauern und Städter. Vor dem wuch­tigen, vom abendlichen Himmel sich äbhebenden Bergfried gruppierten sich die Werkscharen. Vor ihnen hatten sich der Chor der Dorfgemeinde und die Kreismusikkapelle aufgestellt. Entlang den Mau­ern des prächtigen romanischen Palas zur Linken, den heute eine Gedenktafel an den verstorbenen Gauleiter Peter Gemeinder ziert, und des go­tischen Falkensteinerbaues zur Rechten gaben fackel- tragende SA.-Männer dem Bild die Geschlossenheit. Darüber wölbte sich der abendliche Himmel, der die gewaltigen Mauerreste zu einer wuchtigen Natur­kulisse werden ließ, wie sie fein Bühnenbildner zu schaffen vermag.

Aus dem Hintergrund der erwartyngsoollen Zu­schauer kündeten Fanfarenklänge des Jungvolks den 'Beginn der Feierstunde an, deren Leitgedanke U eher allem steht das Reich" eine ein­drucksvolle Versinnbildlichung fand. Während die Fackeln entzündet wurden, marschierte unter den Klängen desFestlichen Auftaktes" von Gg. Blu- menfaat ein SA.-Ehrensturm mit den Hakenkreuz­bannern in das große Rund ein. Aus den Gruppen des Chores und der Werkscharen traten fackeln­tragende Pimpfe heraus, und nachdem der Chor unter Begleitung der Kapelle mit dem LiedeUnter Sternen ist gut schweigen" die feierliche Stimmung vorbereitet hatte, beschworen Sprecher die aus den Ruinen der verfallenen Burgen aufgestandene neue Zeit, die ihr Haupt beherrschend über das Land reckt. Im Wechsel mit Chor und Musik kündete ein Sprecher den politischen Sinn dieser Feierstunde mit den Worten an:Wo Heimat werden soll, da müssen Burgen stehn. Baut eine Burg, die stärker bleibt als Stein." Schmetternde, von der Baßtuba geführte Trompetenklänge der Hymne von Sobanski fügten sich als tönende Aufforderung ein. Der

Sprecher (F. A. S ch m i d t) sprach mit der Schil­derung des DürerbildesRitter, Tod und Teufel" die Mahnung aus, dies Bild und Spiel als Gleich­nis des Lebens aufzunehmen, das zwischen Tag und Nacht und Falschheit und Bedrängnis sich voll, enden soll im Werk und in des Blutes Ewigkeit trotz Tod und Teufel. Dann schufen Pimpfe mit ihren Landsknechts-Trommeln die Ueberleitung zit dem SpielDer Ritter" dou Georg Basner, das unter dem Eindruck des Dürerschen Bildes geschaffen in vier Teilen den Reichsgedanken zum Ausdruck bringt. Nicht Tod (Hans Geißler vom Stadt­theater) noch Teufel (F.A. Schmidt) vermögen!

Vergessen Sie nicht Ihr Los zur 1. Deutschen Reichslotterie Ziehungsbeginn schon morgen! 3563d

den Ritter (A. Rüffer) von seinem voraefaßteni Ziele abzubringen, und mit der Aufforderung: Wir wolln den Weg der Ehre weitergehn ...!'* schließt der Sprecher das Spiel, das Chor und Or­chester ausklingen lassen in dem LiedWir wollene ein starkes einiges Reich!" Dann gibt der Sprecher den Zuhörern die Mahnung:Du aber sollst diö helle Fackel schwingen für unsere Posten ..." mit auf den Heimweg. Zugleich lodert symbolisch ein! hohes Feuer auf.

In seinem Schlußwort gab Kreisleiter Back­haus diesem erhebenden Erlebnis Ausdruck. Er! knüpfte an die Geschichte der Ritterburg Münzen­berg an, die zum Schutze des reisenden Kaufmanns an dieser hier ehemals von Rom bis Hamburg vorüberziehenden Handelsstraße erbaut und dis selbst ein steinerner Ausdruck deutscher Kultur! wurde, der noch heute als Ruine von den schöpfe­rischen Kräften zeugt, die aus deutschem Blut ge­wachsen sind. Er erinnerte daran, daß es germa-, Nische, nordische Menschen waren, die als Ritter! dieses deutsche Kulturgut weit hinaus in den Nord­osten bis nach Riga und in den deutschen Dftrauml trugen, der nun vom Führer wieder in das Reich zurückgeholt wurde. Sein Wunsch ging dahin, daß, wie diese Gemeinschaft hier in dieser Burg, auch das deutsche Volk, festgefügt unter der starken Hand des Führers, zusammenstehen möge unter dem Ge­danken, von dem auch diese Feierstunde getragen! war: lieber allem steht das Großdeut­sche Reich! Dieses Gelöbnis faßte er zusammen irt dem Treuegruß an den Führer, den die Fest- gemeinde mit den Nationalliedern, die wuchtig int diesen Mauern aufklangen, bekräftigte.

Brief aus Eger.

Don Wladimir von Hortlieb.

Aus Eger habe ich mir Ihnen, liebe Freundin, eine Karte zu schicken erlaubt. Wallenstein wurde also in einem zwar stattlichen, aber doch verhältnis­mäßig einfachen Patrizierhaus ermordet nicht in einer hochdramatischen Burg, wie wir uns wohl vorzustellen gewohnt find. Das Haus gehörte da­mals dem Bürgermeister Pachelbel. Es steht mitten in der Stadt, auf dem Marktplatz. Die Räume, die Wallenstein bewohnte, sind jetzt Museum. Mit selt­samem Gefühl stand ich an dem Fenster, an dem der irische Hauptmann den aus dem Schlaf ge­rissenen, nur mit einem Hemd bekleideten Feld­herrn niederstach. Ich sah die Partisane, mit der die Tat geschah. Fabelhaft, wie lebendig, wie un­mittelbar gegenwärtig solche Vorgänge in unserer Phantasie werden, wenn man auf ihrem Schau­platz steht. Fast habe ich jetzt die Empfindung, als hätte ich der berühmten Szene mit allen meinen ©innen bei gewohnt.

Stellen Sie sich vor, daß Wallenstein gichtleidend und deshalb nicht auf der Burg Barbarossas, son­dern im bequemeren Hause des Bürgermeisters ab- qestiegen ist. Er ging um acht Uhr zu Bett. Seine Offiziere, Feldmarschall Jlow, Graf Terzky, Graf Kinsky und Rittmeister Neumann, tafeln um diese Zeit auf der Burg. Dort werden sie niedergemacht Dann stürmt man in die Nacht hinaus und auf den Marktplatz, sucht Wallenstein. Ein Page stellt sich den Mördern am Hauseingang entgegen. Man tötet ihn. Nun geht es über die schone HoUreppe hinauf in den dunklen, getäfelten Vorsaal. Wallen­stein hort den Lärm, springt auf, will hinaus. In­zwischen sind die Mörder in den ersten Wohnraum eingedrungen. Wallenstein steht am mittleren Fen­ster Deveroux schreit ihm entgegen:Bist her Schuft, der dem Kaiser die Krone rauben will? Ich nehme an, daß der Feldherr den Todesstteich in großer Haltung empfing.

Eqer ist eine kleine Prooinzstadt, aber voll er­staunlicher Sehenswürdigkeiten. Sie erlauben mir doch, liebe Freundin, Ihnen von einem Wunder an Schönheit zu berichten, das mich mele Sünden auf gehalten hat: von der alten Kaiserburg. sie ist eine der herrlichsten Ruinen auf deut chcmBoden, den erlesensten Trümmern der Welt ebenbürtig. Man geht durch einige alte Gäßchen und plötz­lich am Ende des einen, der Staufengasfe, unver- mittelt, zusammenhanglos, einsam einen mächtigen kohlschwarzen Burgturm auf ragen: Man begreift

nicht, wozu er gehört und wie er hierherkommt. Der Eindruck ist umso überraschender, als er auf dem Niveau des Gäßchens steht, das aus winzigen alten Häusern besteht. Einfach und plötzlich sieht man ihn vor sich, ohne irgendein topographisches Pathos. Um es gleich zu sagen: er ist der Berg­fried, der als einziger Ueberreft der ursprünglichen Burg, die vor Barbarossa hier stand, die Zeiten überdauert hat, und er ist kohlschwarz, nicht weil einst eine Feuerbrunst um ihn gewütet hätte, wie man zuerst vermuten mochte, sondern weil er Sie werden staunen! aus Lavablöcken erbaut ist. Mit Recht fragen Sie sich, woher man diese Lava nahm. Nun, aus einer recht merkwürdigen Vulkangegend, die einem Teil von Nordböhmen, unweit des Erzgebirges, das seltsamste Gepräge gibt. Böhmen ist ja in mancher Hinsicht ein sehr eigenartiges Land. Es ist reich an geologischen Selt­samkeiten und an schonen Dolksmythen.

Nähert man sich dem Turm, so sieht man, daß er in die späteren Befestigungen der Burg einbe­zogen ist, also nicht so einsiedlerisch dasteht, wie es zuerst den Anschein hatte. Eine Brücke führt über den Wall, man tritt durch ein mächtiges Tor und findet innerhalb der Mauern eine bezaubernde (Bartenanlage voll hoher Bäume und Blumen. Diese Anlage ist die erste tiefe Ueberraschung nach Be­treten der Burg. Sie ist wundervoll arrangiert, sehr gut gehalten und besonders malerisch durch die Un­ebenheit ihres Terrains. Man soll es in Eger nicht gar so eilig haben; denn es wäre schade, wenn man nicht Zeit hätte, sich den Reizen dieses Gar­tens hinzugeben.

Die zweite, noch viel tiefere Ueberraschung ist ein architektonisches Wunder richtiger: zwei Wunder, da es sich um zwei hintereinanderliegende Bauten rechts im Hintergründe des Gartens handelt. Da ist erstens eine romantische Doppelkapelle, über die ich zehn Seiten schreiben müßte. Sie gehört zum schönsten, was ich in diesem alten, ehrwürdigen Stil je gesehen habe. Aeußerlich präsentiert sie sich grau und schmucklos, streng und straff empfunden. Die rauhen, verwitterten Mauern werden nur durch feingemeißelte Vertikalstreifen gegliedert, die ohne Unterbrechung vom Boden bis ,511m Dach reichen. Diese Streifen sind die Seele des Baues. Sie find seine Schönheit: die zarte, schüchterne Schönheit eines schweren Kolosses.

Tritt man ein, so sieht man, daß hier zwei Ka­pellen aufeinanderstehen, eine untere für das Ge­folge, eine obere für die Herrschaft. Zwei Gewölbe, die auf je vier quadratisch angeordneten Säulen ruhen. Eine achteckige Deffnung in der Mitte der

Säulen schafft die optische Verbindung zwischen beiden Stockwerken. Das untere Gewölbe ist rund- bogig und hat sehr massige Granitsäulen; das obere ist spitzbogig und stützt sich auf zierlich schlanke Marmorsäulen. Ein sehr einfacher Bau, wie Sie sehen, aber ganz in sich vollendet. Größte Baukunst im Kleinen, absolute Befriedigung unsres Raum­sinnes. Steht man in dieser Kapelle, so wird sie zu unsrer Welt. Alles, was wir suchen, liegt innerhalb dieser Mauern, nichts außerhalb. Das ist, glaube ich, das Geheimnis alles echten Bauens. Alles, was diese Forderung nicht erfüllt, hat mit wahrem Bauen nichts zu schaffen. Ein Bau muß zum Blei­ben zwingen; das ist fein innerster Sinn.

Gleich hinter der Kapelle liegt das zweite Wun­der: die Ruine des von Friedrich Barbarossa erbau­ten Palas. Zwei Außenmauern sind noch erhalten, eine lange und eine kurze; drei überaus herrliche, durch vier Säulchen geteilte romanische Fenster durchbrechen die Längswand. Der Blick geht ins Tiefe eines grünen Tales und ins Weite des Him­mels. Immer haben diese gewaltigen Menschen des Mittelalters einen solchen weiten, weiten Blick ge­habt. Das hat sie zu Eroberern, Abenteurern und Herrschern gemacht. Man muß in solchen Ruinen stehen, um sie zu begreifen; man muß sich in sol­chen Ruinen selbst groß werden fühlen. Das Mit­telalter war maßlos in seinen Helden, seinen Heili­gen, seinen Ideen. Sein Auge duldete keine Schranke, weil sein Geist keine duldete. Die Kirche, die Kaiser, alles machte Weltpolitik. Derselbe Friedrich Barba­rossa, der diese Burg erbaute und hier seinen ersten Reichstag hielt, ertrank in einem Fluß in Kleinasien. Der zweite seines Namens war die Grenzlosigkeit selbst. Man erfand die himmelanstrebende Gotik, weil die Erde den Menschen zu klein schien. Und nicht die Maschine war es, die ihnen die Erde klein machte, sondern der menschliche Geist selbst! Auf Menschen- und Pferdebeinen durchschweifte man die damalige Welt.

Die herrlichen Fenster, von denen ich sprach, ge­hörten einst zum Bankettsaal. Daneben stand der Raum, in dem die Wallensteinschen Offiziere er­schlagen wurden. Die jetzige Zerstörung erfolgte erst im Erbfolgekrieg durch die Franzosen. Die aanze ge­waltige Mauer, eine oer eindrucksvollsten, oie ich je sah, ist jetzt von rotem Weinlaub dicht überwuchert. Wie klein fühle ich moderner Zwerg mich an diesem Ort!

Eger muß man sehen, wenn man Gelegenheit dazu hat. Ich lege Ihnen, liebe Freundin, eine An­sichtskarte bei, über die Sie staunen werden. Ein findiger Kopf hat hier die Vergangenheit rekon­

struiert: man sieht die ganze Kaiserburg, wie sie vor? ihrer Zerstörung war, mit ihren vielen Trakten, Mauern und Türmen. Und ihr gegenüber eine zweite! Burg, auf der Karte als Wenzelsburg bezeichnet, von der heute kein Stein mehr steht. Diese zweite Burg ist offenbar vom böhmischen König erbaut worden, nachdem er die freie Reichsstadt mit dem! ganzen Egerland von Ludwig dem Bayern als Pfand erhalten hatte. Die Darstellung der Ansichts­karte scheint mir übertrieben; so bizarr kann der Fels doch nicht ausgesehen haben, auf dem diese! Wenzelsburg stand. Aber im großen und ganzen, wird das Phantastische des Eindruckes stimmen. Vergessen wir nie, daß uns die Zeit vom Mitteln alter nichts als Splitter zurückgelassen hat.

Ich habe eine Schwäche für Geschichte; sie ist für mich der großartigste aller Romane, ungeheuer spannend, wo immer man sie ausschlägt. Und daß es wunderbare Zeiten gegeben hat, ist keine Fabel; wer den Büchern nicht glaubt, für den mögen die Bauten reden, die nicht lügen.

Hochschnlnochrichten.

Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat mit Wirkung vom Sommer* semester 1939 ab den Uebertritt des Dozenten Dr.- Hans W e y r i ch von der Universität Berlin in die Philosophische Fakultät der Universität Mar­burg angeordnet. Ferner hat der Minister den Dozenten Dr. Franz Rellich in Marbura be­auftragt, im Sammer-Semester 1939 an der Tech­nischen Hochschule Dresden die Vertretung des durch die Beurlaubung des Professors Dr. K 0 w a l - s k i dort nicht besetzten Lehrstuhls für Mathematik wahrzunehmen.

Es wurden berufen: der ordentliche Professor Dr. Theodor B e ft e an der Technischen Hochschule Dresden (Privatwirtschaftslehre) in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Berlin, der ordentliche Professor Dr. Rudolf T 0 m a s ch e k in Dresden (Experimentalphysik) in gleicher Dienst« eigenschaft an die Technische Hochschule in Mün« ch e n , der ordentliche Professor Dr. T s ch e r m a k in Freiburg (Waldbau) in gleicher Eigenschaft an die Hochschule für Bodenkultur Wien, der ordent­liche Professor Dr. Emanuel V 0 g e l an der Hoch­schule für Bodenkultur Wien (Volkswirtschaftslehre) in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Wien, der ordentliche Professor Dr. med. Wilhelm Knipping in Düsseldorf (Innere Medizin) in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Ko l n.