Ausgabe 
14.10.1939
 
Einzelbild herunterladen

risch geworden. Dem einzigen Positivum der Fvacht- erhöhung stehen aber zahlreiche Negative gegen­über: die Dersicherungsraten sind unge­heuer gestiegen; die -euer der Seeleute ist viel­fach um 50 und sogar um 100 v. S). in die Höhe gegangen. Dazu kommt, daß besonders nach ein- druckvollen Schiffskatastrophen die Seeleute sich überhaupt weigern, sich für Fahrten in minenver­seuchten Gewässern anheuern zu lassen. Ganz un­berechenbar sind die Aufliegefristen zum Löschen geworden. In den letzten Tagen haben neutrale Schiffe, die zur Kontrolle in britische Häfen dirigiert worden waren, mitgeteilt, daß sie drei bis vier Wochen fest gehalten wor­den und zur Löschung eines Teils ihrer anders­wohin bestimmten Ladung in Großbritannien ge- Sngen worden sind. Vier Wochen bedeuten eine

rt nach Nordamerika und zurück, einschließlich en und Entladen. Es liegt auf der Hand, daß die Kalkulation der Reedereien durch die Kontrolle völlig aus den Angeln gehoben wird.

Die Konferenz der amerikanischen Staaten in Panama hat Klarheit darüber geschaffen, daß Par­teilichkeit oder auch nur Leichtsinn im Wirtschafts- krieg die Neutralität der Neuen Welt im Kriege ernstlich in Frage stelle. Wenn Herr Hüll trotz­dem von einerGeschicklichkeit" sprach, die es ge­statten werde, zwischen den beiden Klippen der Parteilichkeit und der Schädigung der wirtschaft­lichen Interessen der amerikanischen Union hindurch­zukommen, so läßt sich nicht leicht darunter etwas Greifbares vorstellen. Es gibt doch nur eine ein­fache Alternative: entweder findet sich der ameri­kanische Doppelkontinent mit den Formen des bri- tischen Wirtschaftskrieges und auch mit der erwei­terten Konterbandeliste ab und nimmt alle daraus für die Wirtschaft der Neutralen entstehenden Schä- digungen in den Kauf oder aber er nimmt den Kampf gegen das völkerrechtswidriae Verhalten der Briten auf und fetzt die freie Belieferung aller Kriegführenden mit Lebensmitteln, Textilrohstoffen usw. durch. Es wäre mit wirklicher wirtschaftlicher Neutralität nicht vereinbar, wenn die überseeischen Länder im Vertrauen auf die britischeHerrschaft der Meere" ihre Schiffe mit Sperrgut nach Europa natürlich nach briti­schen Häfen auf den Weg brächten und von Deutschland verlangten, daß es diese Fahrzeuge ungehindert passieren lasse. Die Lehre aus dem Weltkrieg ist unvergessen, daß solcher geschäft­licher Opportunismus früher oder später das Ende der Neutralität bedeutet. Das Di­lemma ist von Großbritannien hervorgerufen, und zwar aus zwei Gründen: weil man die eigene Versorgung verbessern und weil man Gegensätze zwischen Deutschland und den neutralen übersee­ischen Ländern heraufbeschwören wollte.

Die ersten Kriegswochen haben manche vorgefaßte Meinungen revidieren helfen: Großbritannien ist nicht mehr uneingeschränkter Herr­scher der Meere. Das ist soeben durch die amt­lichen Berichte über die Angriffe deutscher Bomben­flugzeuge auf britische Flotteneinheiten und durch die deutsche Schiffahrtskontrolle in der nördlichen Nordsee offenbar geworden. Weiter steht fest, daß Flugzeuge wirksame Kampfmittel gegen Kriegsschiffe sind. Ist die Ueberlegen- heit der britischen Flotte über die Flotten der ge­samten übrigen Welt eine Taffache, so kann an der Ueberlegenheit der deutschen Luftflotte eben­sowenig gezweifelt werden. Auch darf man die Kampferfahrung der deutschen Flugzeuge im polnischen Feldzuge nicht unterschätzen; Groß­britannien und Frankreich haben dem nichts gleich­wertiges an die Seite zu stellen. Im Weltkrieg, über dessen Dauer sich merkwüMg lange falsche Erwartungen erhalten hatten, hat Deuffchland seine Flotte jahrelang geschont und sich damit jener Wir­kungsmöglichkeiten begeben, die nach Ansicht zahl­reicher Fachleute bestanden haben. In dem Kriege, den Großbritannien dem Deutschen Reiche aufge­zwungen hat, kommt eine sachlich ungefertigte Zu­rückhaltung bei der Anwendung brauchbarer völkerrechtsgemäßer Waffen nicht in Betracht.

Fassen wir zusammen: die britische Handelsflotte ist kleiner als vor 25 Jahren, der Einfuhrbedarf des Jnfelreiches aus überseeischen Ländern dagegen größer; die Neutralen haben keine Lust, große Teile ihres Schiffsparkes daranzugeben oder gar sich in Gefahr zu begeben, in den Krieg hinein­

gezogen zu werden, indem Ke für Großbritannien Bannware befördern. Deutschlands Möglichkeiten, der britischen Schiffahrt und ihren Löschplätzen in der Heimat schweren Schaden zuzufügen, sind heute ungleich größer als damals. Auf der anderen Seite bestehen die damaligen Aussichten, Deutschland aus- zuhunaern, heute nicht mehr. Vor einigen Tagen hat eine neutrale nordeuropäische Zeitung das bittere Wort gesprochen, daß der von Großbritan­nien heraufbeschworene Wirtschaftskrieg bisher nie­mand geschädigt habe außer die Neutralen. Der fran­

zösische Ministerpräsident Daladier hat fn seiner Rundfunkansprache vom 9. Oktober dieErfolge" der britisch-französischen Blockade gegen die an Deuffchland adressierten Warensendungen in über­schwänglichen Worten geschildert. Wir wissen, daß wir von der überseeischen Zufuhr weitgehend ab- geschnitten, aber auch ebenso weitgehend unab­hängig sind die Gegenseite will nicht wahrhaben, in welchem Maße sie in ihrer Versorgung bedroht ist.

Neues Leben im Protektorat

Von unserem Or. S.-Korrespondenien.

Brünn, im Oktober 1939.

Wenn an den frühen klaren Herb stabenden über Brünn die scheidende Sonne die Spitzen des Domes vergoldet und von den Feldern her die Schwere der Dunkelheit gegen die Stadt zu vordringt, sinden sich bei den Kasernen, in denen Regimenter der deutschen Wehrmacht stationiert sind, regelmäßig ärmliche Knaben und Mädchen ein. Sie sprechen tschechisch, bemühen sich zwischendurch auch das eine oder andere Wort deutsch zu formen, und man hört immer wiederBrot" undEssen". Dann kommen die Soldaten und teilen aus, was von ihren Rationen übrig geblieben ist. Das ist meist nicht wenig. Die Gesichter der kleinen Tsche­chen hellen sich freudig auf. In mitgebrachten Ruck­sacken werden die Lebensrnittel verstaut. Man muß sie ja daheim abliesern, wo Vater, Mutter und Geschwister warten.

Nichts könnte besser die Stimmung kennzeichnen, die gegenwärtig in Mähren zwischen den Deutschen und Tschechen herrscht, als dieser kleine Ausschnitt aus dem täglichen Leben. Die mährischen Tschechen schämen sich ihrer Not nicht mehr, in die sie unter dem Benesch-Regime gera­ten sind, sondern wenden sich vertrauensvoll an die Deutschen. Dort finden sie die wirksamste Hilfe, die es überhaupt geben kann: Sie erhalten kräftige Nahrung und damit die Basis zum Wiederaufbau ihrer Existenzen überhaupt. So wächst allgemein die Ueberzeuguna, daß sich zwischen den Deuffchen und den tschechisch sprechenden Mähren zweifellos ein auf Anständigkeit beruhendes Verhältnis Her­stellen lassen wird.

Es dürfte im allgemeinen wenig bekannt sein, daß dieMährer" keineswegs wit den in Böh­men ansässigen Tschechen gleichzusetzen sind. So wie zwischen den Tschechen Böhmens und den Slowa­ken ein außerordenMch starker Unterschied in Ge­sinnung, Lebensart und Einstellung zur allgemei­nen Politik besteht, so haben sich auch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die tschechisch sprechen­den Mährer von den Tschechen in Böhmen start distanziert. Die Mährer, in deren nächster Nachbarschaft selbst wieder slowakische Stämme (in der Hanakei) siedeln, wurden erst durch den tsche­chischen chauvinistischen Historiker P a l a ck y für den Einheitsgedanken einesgroßffchechischen Vol­kes" gedrillt. Geglückt ist die Durchführung dieses Bestrebens auch unter Mafaryk und Benesch nie­mals restlos. Prag, von den Tschechen Böhmens als Mittelpunkt ihres Daseins betrachtet, wird von den Mährern absolut abgelehnt. Die Mährer fühlen sich geographisch und menschlich seit jeher dem o st mär tischen Raume näher. Die Brünner sind früher immer nach Wien in die Theater und zu den Konzerten gefahren, niemals jedoch wäre es einem von ihnen eingefallen, frei­willig eine Reise nach Prag zu unternehmen.

Auch wirtschaftlich hat sich Mähren fast ganz unabhängig von Böhmen entwickelt. Ebenso waren im mährischen Raum die Deuffchen ausschlaggebeird für die kulturelle und industrielle Entwicklung des Landes. Schon für das Jahr 1091 wurden in Brünn die er st en deutschen Siedler nachgewiffen. Den Silberbergbau von Jglau begründeten deutsche Bergleute, die auch das deutsche Bergrecht hier einführten. Don da wanderte es weiter in die damals ungarische Slo­wakei. Die Deutschen begründeten die berühmte Brünner Textilindustrie. Deuffche waren es, die die mährischen Z u ck e r r a f f i n e r i e n anleg­ten. Deutsche Gründungen sind die Brünner M a -

schinenindustrien, deutsche Schöpfungen die Kohlenförderungen in Mährisch-Ostrau. Da aber in Mähren Niemals so viele deutsche Ar­beitskräfte ansässig waren, um eine großzügige In­dustrialisierung nur mit deutschen Kräften durch- zuführen, so nahmen alle diese deuffchen Grün­dungen tschechisch-sprechende Mährer als Arbeiter auf. So ergab sich das für die mährischen Städte charakteristische Bild: neben den deutschen Sied­lungsgebieten entwickelten sich die breit ausladen­den Wohnviertel der tschechischen Mährer. Trotz­dem ist der Kern der wichtigsten Städte Mäh­rens Brünn, Jglau, Olmütz, Mährisch-Ostrau durchaus deutsch geblieben. Die Unter­drückungsmethoden unter dem Benesch-Regime ver­mochten dieses Deuffchtum zwar stark einzuengen, aber nirgends zu vernichten.

Darum wird auch jeder Reisende, der heute durch Mähren wandert, vor allem in den Städten einen absolut deutschen Charakter finden. Brünn be­sitzt sein deuffches Theater, das Schauspiel, Oper und Operette pflegt. Ebenso ist Olmütz bestrebt, ein gleichwertiges deuffches Kunstinstitut zu erhal­ten. Die kleineren Städte werden mit diesen beiden Ensembles und mit Bühnen aus dem Sudetengau und aus Nieder-Donau bespielt. Die Brünner Technische Hochschule verzeichnet einen er­freulichen Zuwachs ihrer Hörerzahl, und die all­aemeinen Grund- und Hauptschulen, die jetzt nach dem Lehrplan des Mtreichs umgestellt wurden, weifen gleichfalls einen außerordentlich starken Zu­strom deutscher Schüler auf.

Wie vorteilhaft sich die Eingliederung Mährens in den großen Arbeitsplan des Reiches auswirkt, könnte durch nichts besser erhärtet werden, als durch die Tatsache, daß heute knapp ein halbes Jahr nach der Schaffung des Protektorates überall bereits empfindlicher Arbeitermangel herrscht. Sämtliche Betriebe, gleichgültig welcher Erzeugungsart, laufen in Mähren auf vollen Touren. Da die Protektorats-Regierung überdies für die tschechische Bevölkerung auch einen geson­derten Arbeitsdienst aufftellte, so gibt es heute in diesem Raum niemand mchr, der Nicht zu irgendeiner Leistung erfaßt wäre.

Das mährffche Land, weitflächig und sanfthügelig, von Burgen uMsäumt, bietet auch während des Krieges, den wir jetzt durchleben, ein Bild tief- ft e n Friedens. Überall ist man bei der Be­stellung der Felder, reibungslos konnte die Hack­fruchternte eingebracht werden. Scheunen und Kel­ler find gefüllt. Heute weiß jeder in diesem Raum, an welch großer Gefahr seine Heimat im Vorjahr vorüberging. Wäre Benesch am Ruder geblieben, so hätte die mährische Jugend dasselbe Schicksal ereilt, das Polens Armeen jetzt erlitten haben. Daß statt eines sinnlosen gewaltsamen Konfliktes der wichtige Weg der Einordnung der tschechisch sprechen­den Bevölkerung in den Großdeutschen Raum ge­wählt wurde, begrüßen die Mährer aus ehrlicher Ueberzeugung. So konnte auch jene törichte Pro­paganda, die von London aus über Mähren in den letzten Wochen hereinbrach, dort auf keinen Widerhall stoßen. In Mähren dachte und denkt niemand auch nur an die kleinste Revolte. Man vertraut in unerschütterlicher Zuversicht dem Zu­sammenklang der Regierungsführung, wie sie zwi­schen den Vertretern des tschechischen Volkes und dem Reichsprotektor nach dem Willen des Führers festgelegt wurde.

England.

England. In kalten Händen trugst du das Los der Welt, konntest den Jammer wenden, der auf die Menschheit fällt.

England, mit kaltem Herzen hast du den Krieg gewählt, der doch mit seinen Schmerzen auch deine Mütter quält.

Wir deuffchen Frauen kennen nur einen Feind, nur dich, wir deutschen Mütter nennen. England, verachtend dich.

Du trugst in kalten Händen.

England, das Los der Welt der Krieg wird anders enden, als wie es dir gefällt.

Du haft mit kaltem Herzen, England, den Krieg gewollt, der nun mit seinen Schmerzen über die Völker rollt.

Wichtige Aufgaben derVolksbüchereien

Der Reichserziehungsminister wendet sich in einem Erlaß gegen die vereinzelt vorgekommene Schließung gemeindlicher Volksbüchereien, ohne daß ein zwingender Anlaß für eine solche Maßnahme vorgelegen hätte. Der Minister wefft darauf hin, daß die Volksbüchereien in der nächsten Zeit als Stützpunkte für den Einsatz von Büchern, die dn heimische Wehrkraft stärken, unentbehrlich feien. Für den in schwerer Arbeit und mehr noch für den in langandauernder Bereitschaft stehenden Volks­genossen sei das Buch auch ein wichtiges Hilft' mittel für die Enffpannung in Freistunden. Hinzu komme die Versorgung der Kranken und Derwun- beten mit Lesestoff. Der Minister ordnet deshalb an, daß die hauptamtlich geleiteten gemeind­lichen Volksbüchereien für die Benutzung offen gehalten werden. Unter Mitwirkung der staatlichen Stellen soll dafür gesorgt werden, daß die Volksbüchereien den neuen und vermehrt an sie herantretenden Anforderungen gewachsen sind. Von Wichtigkeit sei ferner, daß auch die zerstreuten Be­stände der über zehntausend nebenamtlich geleiteten Volksbüchereien auf dem Lande und in den Kleinstädten, die einen wertvollen nationalen und kulturellen Besitz unseres Volkes darstellen, nicht ungenutzt bleiben. Wegen der Versorgung von Angehörigen und Formationen der Wehrmacht mit Lesestoff bleiben weitere Maß­nahmen Vorbehalten.

wir deutschen Frauen tragen

im Herzen wie ein Licht in allen Schicksalstagen des Führers Angesicht. H. Schön.

WehrmachiSurlauberzüge.

Um beurlaubten Wehrmachtangehörigen aus tk.i Operationsgebieten Gelegenheit zu geben, rasch das Heimatgebiet zu erreichen und gleichzeitig die Züge des öffentlichen Verkehrs zu entlasten, werden, nach einer Anordnung des Oberkommandos der Wehr­macht, Wehrmachturlauberzüge ringe« richtet und nach einem bestimmten Fahr­plan gefahren. Die Wehrmachturlauberzüge, die zunächst nur an bestimmten Wochentagen verkeh­ren, fahren erstmalig am Samstag, 14. Oktober.

Bec ßpliker am -Bahnhof |

Lieferant-a^h

Ihrer Krankenkasse

Sind Sie praktisch veranlagt?

Deutsche Wissenschaft klärte eine wichtige Frage. Theorie und Praxis gehören zusammen.

Von Or. E. Keßler.

Deutschland arbeitet heute mit höchster Energie. Dabei ist es notwendig, jeden ein­zelnen an der richtigen Stelle einzusetzen und seine Begabung entsprechend auszunützen sei sie nun mehr theoretischer oder praktischer Art. Wir sind es ja gewohnt, demPraktiker" denTheoretiker" gegenüberzustellen, von dem der eine vorwiegend handelnd, der andere vorwiegend denkend in die Dinge und Ge­schehnisse des Lebens eingreift. Was sie aber bindet ober trennt, was die Praktiker unter­einander und die Theoretiker untereinander unterscheidet, davon machen wir uns nur selten eine richtige Vorstellung, obwohl es sich doch zweifellos um eine außerordentlich wichtige Frage handelt. Die deutsche Wissenschaft hat sich mit diesem Problem in letzter Zeit sehr eingehend beschäftigt; über die Ergebnisse be­richtet der nachstehende Artikel.

Die Bedeutung der Tatsache, daß an sich jeder Mensch praktisch veranlagt ist, d. h. in die stoffliche Welt handelnd eingreifen kann, können wir be­sonders eindringlich aus der Entwicklungsgeschichte der höher organisierten Lebewesen erkennen. Alles Lebendige ist ja in einem mehr oder weniger eng begrenzten Bereich von Daseinsbedingungen ein­geschlossen. Die Libelle hat ihre Welt, der Fisch die seine. Alle Tiere, und zumal die besonders instinkt- reichen Insekten, sind in ihre Umwelt eingepaßt wie ein Rad in eine Maschine. Die Lösungen ihrer Lebensaufgaben sind in angeborenen Mechanismen und Instinkten vollkommen festgelegt. Ungewohnte Lebenslagen vermögen sie nicht zu meistern: es fehlt ihnen die Fähigkeit zum selbständigen Handeln. So verhungerten die Larven einer Wespenart, die ihre Eier in ein Gehäuse aus Kalk legte, hinter einem dünnen Papierhäutchen, das der Zoologe versuchs­weise über den Deckel geklebt hatte. Mit ihren zan- genjäiarfen Beißorganen hatten sie wohl ihr steiner­nes Gefängnis zu durchbeißen vermocht dem un­erwarteten Hindernis standen sie machtlos gegenüber, obwohl es ihnen leicht möglich gewesen wäre, das Papierhäutchen zu durchbrechen. Diese Begrenztheit wird schon bei den höheren Wirbeltieren überwun­

den. Die angeborenen Instinkte treten etwas mehr zurück, und es besteht die Fähigkeit zum Handeln: Einfälle" helfen ungewohnte Lebenslagen über­winden.

Die großen Pioniere.

Beim Menschen steigert sich diese Fähigkeit der Anwendung vonKunstgriffen" hinauf zum technischen Denken". Der Beginn dieses Wunders vollzog sich, als der Urmensch einst einen Stein nicht mehr zufällig aufgriff das tun auch Assen, Ele­fanten, ja gelegentlich sogar Tintenfische, sondern ihn regelmäßig als Werkzeug benutzte. Als er, vom Geiste des Erfinderts beseelt, den Hammer schuf, den Speer, den Bogen, als er das Feuer entdeckte, als er das Rad erfand, die Hacke, den Pflug, den Herd, das Haus, den Garten- und Feldbau, den Schiffbau. Jeder technische Griff war zugleich ein Griff in die Welt. Ein jeder Griff in die Welt war auch eine Tat der praktischen Veranlagung, der geheimnisvoll schöpferischen Gabe des rettenden Ein­falles in der Bedrängnis unvorhergesehener Lebens­lagen. Immer wieder bedürfen die Völker der Pio­niere, die unvorhergesehene Lagen durch erfinde­rische Handlungen, durch neue Ideen meistern. Das gestaltende Wort des Staatsmannes, das befehlende des Feldherrn, das ordnende des Gesetzgebers, das erlösende des Weisen, das führende des Erziehers, das leitende des Organisators: sie alle sind, so sagt uns die Psychologie, zur gegebenen Zeit gleicher­maßen spannungslösende Einfälle wie die Erfindun­gen der Chemiker und Techniker, wie die Entdeckun­gen der Aerzte, wie die neuen Wege der Wirtschaft. Ein jeder Einfall zieht eine Schar praktisch schaffen­der Menschen nach sich. Inwiefern unterscheiden sich nun diese Menschen als Praktiker von denen, die das Wort und das Wert finden.

Sind Sie praktisch veranlagt?

Der bekannte Wehrmachtspsychologe Reg.-Rat Dr. Mierke hat sich mit dieser wichtigen Frage ein­gehend beschäftigt. Die mannigfaltigen Ergebnisse ! seiner experimentellen Veranlagungssorschung hat

er jetzt zu einer wissenschaftlichen Einteilung der Praktiker nach dem Grade ihrer Befähigung und Leistung verwertet. Danach gibt es unter den Prak­tikern schöpferische, überragende, schaffende und hand­werkliche Menschen. Sie sind die Vertreter der echten Praxis, vergleichbar den berufenen Denkern auf theoretischem Gebiet. Abarten praktischen Wir­kens kennzeichnet Dr. Mierke im einseitigen Bast­ler (nicht zu verwechseln mit dem geistig regen Bastler aus Liebhaberei), im oberflächlichen Dilet­tanten und Pfuscher.

Die großen Pioniere der Menschheit sind d i e schöpferischen" Praktiker. Aus ihren Reihen kommt der konstruktive Griff des Erfinders, ebenso wie das bahnbrechende Wort des Staats­mannes, die gestaltende Kraft des Künstlers. All­umfassend begabt, theoretisch und praktisch gleich stark veranlagt, wollen und können sie, wie Dr. Mierke sagt, aus sich selbst gestalten. Anschöpfe­rischen" Praktikern ist von allen Rassen der Erde die weiße Rasse weitaus am reichsten. Es ist ein Geschlecht von Eroberern, das vom 15. Jahrhun­dert an Vorstöße unmittelbar ins Dunkle wagt. Seit Watts Erfindung der Dampfmaschine entfaltet sich die einzigartige Aktivität der weißen Rasse in einem wahrhaft stürmischen Tempo in Leistungen, die sich auf alle nur möglichen Lebensgebiete erstrecken. Denn der gesteigerte erfinderische Wesenszug der weißen Menschheit liegt keineswegs auf technischem Gebiet im engeren Sinne. In allem Unternehmer­tum, in aller Organisation, in jedem großen strate­gischen und taktischen Gedanken, in der Entdeckung von Wesen der Massenformung stecken dieselben Griffe in das bis dahin Dunkle.

Denschöpferischen" Praktikern am nächsten stehen dieüberragenden" oberbefähigten" Prak­tiker. Je nach Uebungswillen und Interesse entwickeln sie sich entweder zum Praktiker oder zum Theoretiker und leisten hier wie dort Überdurchschnittliches. Die schaffenden" Praktiker sind theoretisch wie praktisch normal begabte, aber hochgradig aktive und leistungsfreudige Menschen. Sie betätigen sich zumeist als Spezialisten in mannigfaltigen Berufen und Existenzen. Unter ihnen finden sich verhältnis­mäßig viele Führernaturen. Diehandwerk­lichen" Praktiker endlich sind ebenso normal be­gabte Menschen wie dieschaffenden". Sie gehören jedoch dem Typ des Praktikers an, der erst E r fahrungen sammeln muß, bevor er selb­ständig schaffen kann. Fleißig, gewissenhaft im kleinen und an Erfahrungsgrundsätze gebunden, erreicht ihr praktisches Schaffen schließlich gute Erfolge. Seit Jahrtausenden verkörpert sich diese Ausprägung der praktischen Veranlagung im Handwerker und heute

ebenso im Facharbeiter, der die Traditionen des alten Handwerks fortsetzt.

Alle diese Praktiker, die schöpferischen, die über» ragenden, die schaffenden und die handwerklichen,, sind aktive Menschen. Sie haben den Willen, zur Leistung; sie vermögen zu lernen und um» zulernen; sie können von einem Denk- und Arbeits« stil in einen anderen hinüberwechseln, wenn es not» wendig ist. Die einzigartige Aktivität der weißen Rasse hat sich in ihrem Tun Bahn gebrochen und ist: in ihnen gewährleistet. ,

Ist Geschicklichkeit eine Veranlagung?

Von den vielen Einzelantworten, welche die Psy" chologie auf bestimmte, hierher gehörige Fragen gibt,, wollen wir einige hervorheben. Da ist die Fragt: nach dem Zusammenhang von praktischer Veran­lagung und Handgeschicklichkeit. Der Psycho­loge betont, daß ein solcher anlagemäßig nicht be­steht. Die Handgeschicklichkeit ist allgemein übbar.. Sie mag eine erfreuliche Begleiterscheinung sein, ift aber keine Vorbedingung der praktischen Veranla­gung, noch darf sie mit dieser verwechselt werden.

Dann eine weitere, ebenfalls wichtige Frage: Im welchem Verhältnis stehen Theorie und« Praxis zueinander? In der Durchschnittsauffas­sung sind sie absolute Gegensätze aber bereits Kant bekämpfte dieseunsinnige" Meinung; denm Theorie und Praxis sind in Wahrheit zwei Wellen, die auf das innigste miteinander verflochten sind- Das Altertum schuf die theoretischen und mathemati­schen Voraussetzungen zur Beherrschung dec: stofflichen Welt des Raumes unb der Zeit; die Neu­zeit führte und führt diese Beherrschung auf Grund» dieser Voraussetzungen praktisch durch. Bedenken mir weiterhin, daß heutzutage technische Aufgaben täglich« mit wissenschaftlichen Mitteln gelöst werden, das und das praktisch-technische Verhalten einander er­gänzen müssen, dann verstehen wir auch die Antwom gänzen müssen, dann verstehen wir au die AntwarS der modernen Psychologie: Hinter jeder echtem Praxis steht eine Menge echter Theorie, und es gib» nichts Praktischeres als eine gute Theorie, die Ord­nung in das Chaos menschlicher Erlebnisse und Er­kenntnisse bringen will.

Im deutschen Leistungsmenschen der Gegenwart wird die praktische Veranlagung durch die Orgnift- tionen planvoller Menschenpflege und zielbewußter Auslese gefördert. Ob er dem deutschen Volke als ein schöpferischer, überragender, schaffender oder: handwerklicher Praktiker dient: immer macht, wie der Führer sagt, seinen Beruf das aus, was er aus feiner Berufung heraus tut.