Wichtig für die Volkskartei.
Schwerhörig ist nicht körperbehindert!
In der Zeit vom 13. bis 19. August findet in allen Gemeinden des Altreichs die Ausfüllung der Volkskarteikarten statt.
Die Fragespalte 4 sowohl der Dolkskarteikarten für männliche als auch der für weibliche Personen hat folgenden Wortlaut: „Sind Sie dauernd körperlich behindert? Wodurch? Liegt amtlich festgestellte Erwerbsbeschränkung vor?"
Der Reichsbund der deutschen Schwerhörigen hat den Reichsminister des Innern nun darauf aufmerksam gemacht, daß die Schwerhörigen sich nicht als körperbehindert betrachten, da sie, auf den rechten Arbeitsplatz gestellt, in jeder Hinsicht vollwertige Arbeit leisten. Es sei deshalb im Hinblick auf den Zweck der Volkskartei wünschenswert, die Schwerhörigen
besonders darauf aufmerksam zu machen, daß sie diese Eigenschaft in der Volkskarteikarte angeben.
Die Volkskartei soll die Behörden, für deren Zwecke sie dient, instandsetzen, sich über die Persönlichkeit ejnes jeden und seine Geeignetheit für eine besondere Verwendung wenigstens ein vorläufiges Bild zu machen. Da Schwerhörigkeit die Art der Verwendung beeinflussen kann, werden dem Wunsche des Reichsbundes der deutschen Schwerhörigen entsprechend die Schwerhörigen ausdrücklich ersucht, diese Eigenschaft bei Ausfüllung der Dolkskarteikarte mit anzugeben. Die bei der Erfassung der Volksgenossen in der Volkskartei tätigen Helfer werden ebenfalls gebeten, hierauf zu achten.
und in gleicher Weise mit Schwefelkohlenstoff behandelt. Die oom Käfer befallene Fläche wird durch Schilder markiert. Der Zutritt ist polizeilich verboten.
Für die verschiedenen Bekämpfungsmaßnahmen wurde eine dem Kartoffelkäferabwehrdienst zur Verfügung stehende und mit allem notwendigen Material und Arbeitsgeräten ausgestattete Arbeitskolonne ein-gesetzt. Ein universell ausgerüsteter Lastkraftwagen enthält eine Motorfüllpumpe, 10 Rückenspritzen, einen großen Bottich für die Mischung der Kalkarsen-Spritzbrühe, mehrere Injektoren für die Schwefelkohlenstoff-Behandlung des Bodens und einen Tank für 800 Liter Wasser. Für die Kalkarsen-Spritzung werden für den Morgen Land etwa 200 bis 250 Liter Spritzbrühe gebraucht.
Die Außenstelle Gießen des Kartoffelkäfer-Abwehrdienstes, die unter Leitung von Dr. Hahn steht, erfaßt als Arbeitsbezirk drei Kreise, und zwar den Kreis Gießen, den Kreis Wetzlar und den Kreis Oberlahn. Bisher
wurden im Kreis Gießen insgesamt zehn Kartoffel, käferherde festgestellt. In den beiden anderen Krej. sen wurden zusammen 70 verschiedene Schädlings» Herde entdeckt und bekämpft. Innerhalb des Stadt- bezirks Gießen-Wieseck ist der Herd unweit der Badenburg das erste Auftreten des Schädlings.
Em ganzer Vorort im Kampf gegen den Kartoffelkäfer. Nachdem am Freitag und Samstag in der Ge- markung Gießen-Wieseck in der Nähe der Badenburg der Kartoffelkäfer gefunden wurde, setzte am gestrigen Sonntagvormittag eine Großsuchaktion ein. Aus jedem Haushalt des Vororts Wiefeck mußte ein Erwachsener antreten, und dadurch beteiligten sich rund 1000 Personen an der Suchaktion. An der Stelle, wo bereits am Freitag ein Käfer und verschiedene Larven gefunden wurden, fand man nochmals einen Käfer und verschiedene Larven.
Schutungstagung der Kaninchenzüchter.
Bei einer Schulungstagung der Kreissachgruppe Gießen der Kaninchenzüchter, die am gestrigen Sonntag im „Burghof" stattfand, berichtete Kreisfachgruppenleiter Ludwig Kreiling über die Landesfachgruppentagung in Darmstadt. Anschließend gab er die Richtlinien für die Arbeit im neuen Jahr aus. Dabei stellte er die Notwendigkeit in den Vordergrund, alle Kaninchenzüchter organisatorisch zu erfassen, um die den Kaninchenzüchtern aufgetragenen Ziele zu erreichen. Die Kaninchenzucht bedeute eine starke Reserve für die Fleischversorgung des Volkes, so daß jeder Kaninchenzüchter und Kaninchenhalter sich seiner Verpflichtungen gegenüber der Volksgemeinschaft bewußt sein müsse. Eine besondere Forderung an jeden Verein sei es, daß er auch die Zucht der Angorakaninchen betreibe.
lieber das Thema „Die praktische Anwendung der, Erkenntnis der Vererbungslehre zur Leistungssteigerung" sprach Zuchtlchrer W a g e n k n e ch t (Frankfurt a. M.). Er schilderte die Zuchtverfahren, durch die Hochleistungsfamilien gefajaffen werden sollen, damit jedem Züchter ein Zuchttier in die Hand gegeben werden kann und im Notfälle durch eine Vermehrungszucht die Fleischversorgung des Volkes entlastet wird.
lieber „Die wirtschaftseigene Futtergrundlage" sprach Schultheiß (Lollar), der die Vorratswirtschaft als eine Notwendigkeit für den Züchter hervorhob. Er vermittelte auf Grund seiner Erfahrungen viele praktische Kenntnisse und empfahl den Bau von Silos, die der Kaninchenzüchter ohne große Mittel sich selbst anlegen kann.
Zum Thema „Die Frau in der Kaninchenzucht" sprach Kreiling (Gießen), lieber die praktischen Arbeiten hinaus müsse die Frau wissen, daß die Wirtschaftlichkeit der Zucht nicht nur in der Gewinnung der Erzeugnisse, sondern vor allem in einem gesunden, im Geschmack erstklassigen Fleisch liege. Auch der Nachwuchs müsse rechtzeitig herangebildet werden; denn die Kleintierzucht sei ein Gebiet, auf dem schon die Kinder zu tatkräftiger Arbeit herangezogen werden könnten.
In der Mittagspause fand eine rege Aussprache statt. Dann sprach Schultheiß (Lollar) über die „Verwertung, Bewertung und Erfassung der Kaninchenfelle". Er stellte fest, daß sich die Gleichmäßigkeit in Größe und Farbe bereits vorteilhaft bemerkbar macht, und wies auf das Ziel hin, die Hcrauszüchtung guter, dichter Unterwolle. Die Reichsfachgruppe hat angeordnet, daß kein Fell, auch das geringste, verloren geht, sondern alles restlos abgeliefert wird.
Schließlich sprach Falk (Hungen) noch über „Herdbuch- und Dermehrungszucht". Er stellte die früheren Ziele, die auf Form und Farbe eingestellt waren, den heutigen Leistungszielen gegenüber. Eingehend besprach er dann die Ziele der Herdbuchzucht und die Möglichkeiten, anerkannter Herdbuchzüchter zu werden.
In einem weiteren Vortrag über „Die Wollgewinnung und Wollsortierung" zeigte Falk das Scheren des Angorakaninchens und stellte das Ziel jedes Angorazüchters heraus, möglichst große Mengen erstklassiger Wolle zur Ablieferung zu bringen.
Energischer Kamps gegen den Kartoffelkäfer.
Erstes Vorkommen in der Gemarkung Gießen. — Auffindung durch Wiesecker Schulkinder.
Arn Freitagnachmittag waren Wiesecker Schulkinder unterwegs, um in Kartoffelfeldern unweit der Badenburg nach dem Kartoffelkäfer zu suchen. Dank der Aufmerksamkeit der Kinder gelang es, einen Herd des Schädlings aufzuspüren. Sofort wurde der Flurschütz benachrichtigt, der seinerseits die Außenstelle Gießen des Kartoffelkäferabwehrdienstes in Kenntnis setzte. Sofort und nur kurze Zeit später trafen die Beauftragten des Abwehrdienstes an der Fundstelle ein und suchten das betroffene Feld ab. Da inzwischen die Dunkelheit hereingebrochen war, wurde die Sucharbeit am Samstagmorgen fortgesetzt. Es wurden zwei ausgewachsene Kartoffelkäfer, etwa 100 Larven und Puppen und ein frisches Eigelege gefunden. Noch im Laufe des Samstags wurde dann auf dem Kartoffelfeld, auf dem der Käfer angetroffen wurde.
eine Kalkarsen-Spritzung durchgeführt. Das Kälk- arfen, ein Fraßgift, hat den Tod derjenigen Larven und Käfer zur Folge, die Blätter benagen, die von diesem Gift in hauchdünner Schicht bedeckt sind.
Am heutigen Montagmorgen wurde die Hauptfundstelle, der Herd, eine Fläche von etwa zwölf Quadratmeter, völlig umgegraben, nochmals nach Puppen abgesucht und dann mit Schwefelkohlenstoff entseucht. Der Schwefelkohlenstoff, der mit sogenannten Injektoren etwa 20 Zentimeter tief flüssig in den Boden gebracht wird, verbreitet sich gasförmig in der Erde und tötet dort alle Puppen. Auf einen Quadratmeter werden dabei etwa 500 ccm Schwefelkohlenstoff (überaus feuergefährlich) gebracht und damit eine absolut sichere Wirkung erzielt. Das Kartoffelkraut, an dem sich eventuell noch Eier oder Larven befinden können, wird tief vergraben
Oer Adolf-Hitler-Marsch -es Gebietes Hessen-Nassau.
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NSG. Der Adolf-Hitler-Marsch des Gebietes Hessen-Nassau der Hitler-Jugend beginnt am 17. August in Darmstadt mit einer Kundgebung und führt über Pfungstadt, wo am Grabe des ermordeten Hitlerjungen Ehr. Croßmann eine Gedenkfeier ftatb findet, nach Oberramstadt, Höchst i. O. und weiter in das Gebiet Franken. Bei dem Marsch quer durch
den Spessart sind Sommerau-Eschau und Markt- Heidenfeld Uebernadjtungsorte, dann führt die Strecke weiter über Würzburg, Kitzingen nach Nürnberg, wo die Marscheinheit am 29. August eintrifft Zwei Tage später wird sie zusammen mit den übrigen Kameraden aus dem Reich mit dem Vorbeimarsch an den Führer den Reichsparteitag eröffnen.
Rundfunkprogramm.
TNonlag, 14. August.
13.15 Uhr: Schloßkonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Wir blättern in unferm Aufnahmealburn (IV). (Eigenaufnahmen des Reichssenders Frankfurt.) 16: Nach- mittaaskonzert. Das kleine Orchester des Reichssenders Breslau. 17 bis 17.10: Neues für den Bücherfreund. 18: Tiere im Scheinwerferlicht. Stippvisite im Zirkus. 18.30: Soldaten — Kameraden. Der Abschied in der Soldatengeschichte. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Der fröhliche Lautsprecher. 20: Nachrichten. 20.15: Der Freischütz. Romantische Oper in 3 Akten von Carl Maria von Weber. 22.35: Nachrichten. 22.45 bis 24: Unterhaltung und Tanz.
Dienstag, 15. August.
5 Uhr: Frühmusik. Akkordeon-Quartett Erich Hübsch, Schrammelgruppe Horst Konrad Müller. 5.50: Bauer, merk auf! 6: Morgenspruch — Nachrichten. 6.30: Gymnastik. Frühkonzert. Ausführung: Das Trierer Unterhaltungsorchester. $n der Pause 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.25: Kleine Ratschläge für Küche und Haus. 8.40: Froher Klang
zur Werkpause. 10: Schulfunk. Rübezahl und die drei Studenten. Nach einer alten Volkssage. 11.40: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert. Das große Orchester des Reichssenders Frankfurt. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Das Stündchen nach Tisch (Industrie-Schallplatten und Eigenaufnähmen). 16: Nachmittagskonzert. Das Kurorchester Bad Salzschlirf. Einlage 17 bis 17.10: Das Mikrofon unterwegs. 18: Volk und Wirtschaft: Deutschlands Kunden und Lieferanten. 18.15: Er stellt sich vor...? 18.30: Kleines Konzert. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Fahrt durch den Sommer... mit unseren Mädeln der Mnö- funkspielschar Frankfurt a. M. der Hitlcr-H^/^. 20: Nachrichten des Drahtlosen Dienstes. Anschließend: Hier spricht die Reichsgartenschau. 20.15: In froher Runde ’ne halbe Stunde (Industrie-Schall- platten und Eigenaufnahmen). 20.45: „Hochzeitsreise ohne Mann". Lustspiel von .Leo Lenz. 22: Nachrichten. 22.15: Sport in Kürze. 22.20: Politische Zeitungsschau. 22.40 bis 24: Tanzabend.
Der Täter mitten unter uns
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Detlag Dskar Meister, tDetöau i. Sa.
5. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Das hast du nicht immer gesagt, meine Liebe", gibt er höhnisch zurück. „Es gab eine Zeit ..."
„Kinder ... ich bitte euch!" unterbricht Claire kopfschüttelnd das Gespräch. „Vater ist heute nachmittag begraben worden ... und ihr liegt euch schon wieder in den Haaren. Könnt ihr das nicht verschieben, bis ihr in eurem Haus in London seid? Mir ist wirklich nicht nach einem solchen Geplänkel zumute."
Holgerson schiebt seinen Stuhl zurück und steht auf. Divie, seine Frau, weint still in ihr Taschentuch.
„Tränen! Na ja! Schließlich bist du seine Stieftochter. Aber von mir erwartet ihr besser keine Gefühlsergüsse. Ich kann das nicht mitmachen. Es wäre Lüge, wenn ich den trauernden Schwiegersohn spielen würde. Dein Vater hat mich wie einen Schmierenkomödianten behandelt. Euch zwei hat er aus dem Hause tyrannisiert ... Was ist da schließlich für ein Grund zum- Weinen? Aber ... wie ihr wollt!"
Er geht zur Tür, nimmt sich vom Rauchtisch noch eine Zigarette und erklärt zwischen zwei Rauchwolken:
„Ich packe meine Sachen und fahre. Das ist für uns alle das beste. Ich passe nicht in ein Trauerhaus. Wir sehen uns dann wohl zur Testamentseröffnung wieder. Hoffentlich geht alles glatt."
Er entfernt sich, ohne den beiden Frauen auch nur zuzunicken. Die beiden Schwestern bleiben allein. >
Langsam steht Claire auf, geht zu Vivie hinüber und legt ihr behutsam den Arm um die schmalen, zuckenden Schultern.
„Mußt nicht meinen, große Schwester!" tröstet sie mit ihrer dunklen, etwas rauhen Stimme. „Ist ja nun nichts mehr zu ändern. Vater ist tot, und mir beide bleiben allein. Das ist einmal so. Wir sind eben Pechvögel. Unseren wirklichen Vater haben mir kaum kennengelernt, und unser Stiefvater wollte nichts von uns wissen. Aber du hast wenigstens deinen ... Mann, deinen schönen, berühmten Asbjörn Holgerson."
„Daran habe ich was Rechtes?" fährt Dioian auf. „SchorU Berühmt! Ja, das stimmt. Aber hinter dieser Schönheit, hinter diesem zauberhaften Lächeln, hinter dieser herrlichen Fassade... weißt du, was sich da verbirgt? Nichts! Leere ist da! Oede und Leere! O Gott, wer hätte das geahnt!"
Claire blickt still vor sich hin, und ein bitterer Zug schiebt sich um ihren schmalen Mund.
„Vater hat es vorausgesehen. Aber du wolltest ja nicht hören. Du hattest nur den berühmten, schönen Mann vor Augen ..."
„Ach Claire, warum muß das alles so sein? Warum ist alles so öde in unferm Leben, so entsetzlich einsam? Bin ich so schlecht?"
„Warum ... ?" Claire schließt die Augen. „Weil uns die Mutter fehlte. Eine Mutter hätte vieles tun können ... aber so ..."
„In jeder andern Familie, in der allerärmsten und elendesten, wäre jetzt Trauer, aufrichtige, herzliche Trauer. Und bei uns? Wir zwei sitzen hier, besprechen uns ein wenig, und im Grunde genommen ist es einzig der Schreck, der Anblick des Toten, die Ueberrumpelung, was uns so verstört hat. Sei ehrlich, Claire, kannst du so recht aus tiefstem Herzensgrund trauern? Ich vermag es nicht."
Und trotzdem weinst du?"
Aber Vivie winkt ab. „Das sind keine Tränen, wie sie ein Kind um seinen Vater meinen sollte. Auch wenn er nur unser Stiefvater war, wahrscheinlich hat er uns doch auf feine derbe Art geliebt. Aber das sind Tränen ... um meine verlorene Ehe, um mein verlorenes Leben."
Darauf weiß Claire nichts zu erwidern. Oder sie will es nicht.
Vorsichtig lenkt sie das Gespräch in andere Bahnen.
„Hast du dir eigentlich schon klargemacht, daß mir nun sehr reiche Leute sind? Ich persönlich lege ja keinen großen Wert daraus. Was nützt einem das Geld schon, wenn man so ausschaut mie ich?" Sie sieht abschätzend an sich herab. „Ein Mädchen mit einer Brille und einer Stupsnase bleibt auch häßlich, wenn es reich ist? Ja... du brauchst gar nicht zu versuchen, mir dos auszureden. Ich kenne mich. Mir ist das viele Geld herzlich gleichgültig. Aber du... vor allen Dingen dein Herr Gemahl,., ich glaube... ihr atmet doch erleichtert auf, wenn ihr die Hände frei bekommt."
,,3d) weiß es nicht", zuckt Vivie die Achseln. ..Asbjörn verdient viel Geld, aber er gibt auch viel aus. Da läßt er ja niemand hineinsehen. Ich weiß nicht einmal, ob mir arm ober reich sind. Ich hab mich nie darum gekümmert."
„Das ist sehr töricht!" meint Claire, denn sie ahnt wo Asbjörn Holgerson seine Riesengagen an. legt. Der Kunstlerklatsch hat es ihr zugetragen. Aber welchen Zweck hätte es, der Schwester auch noch mit diesem Gerede den Kopf heiß zu machen? Wenn es tatsächlich wahr sein sollte, was man erzählt, wird sie sich noch zeitig genug damit auseinandersetzen müssen.
„Na, jedenfalls wird Holgerson hocherfreut sein, wenn er nun nicht mehr zu rechnen braucht. Künst. ter lieben das ja nicht", fährt sie leichthin fort. „Ich
würde mich an deiner Stelle um die finanzielle Seite meiner Ehe etwas kümmern."
„Ach, Claire, du kümmerst dich ja auch nicht um Geldangelegenheiten!"
„Ich greife von Vaters Geld keinen Groschen an, das stimmt. Ich beiße mich wie bisher durch. Mir genügt das, was meine Bildhauerei einbringt."
„Du bist manchmal unbegreiflich."
„Vielleicht gar nicht fn sehr, wie du denkst", murmelt Claire. „Man hat als einziges eben seinen Stolz. Und nun komm schlafen, Kind. Es ist Zeit. Der Tag war trübe und hat nicht viel Gutes gebracht. Ich bin ernsthaft müde."
An der Treppe, die in das Obergeschoß zu den Schlaftäumen führt, wartet Hawk> \ der alte, grauhaarige Hawkins.
„Haben die- Damen noch Aufträge für mich?" fragt er mit seiner leisen, behutsamen Stimme, und als Mrs. Holgerson ihm kopfschüttelnd Bescheid gibt, sieht sie, daß er ganz rote Augen hat.
„Haben Sie geweint, Hawkins?" fragt sie mit plötzlicher Teilnahme und sieht ihn besorgt an. Da senkt der Alte sein Haupt, als schäme er sich.
„Ich habe dem gnädigen Herrn um diese Zeit immer noch ein Bad bereitet ..." murmelt er. „Er hatte es gern recht heiß ... und immer war er brummig, wenn es nicht haargenau vierzig Grad waren."
„Lieber, guter Hawkins ..."
„So etwas fehlt einem sehr, wenn man’s fast zwanzig Jahre getan hat." Er verbeugt sich und geht wie zögernd die Treppe hinab.
Nachdenklich sieht ihm Vivie nach.
„Ich glaube", sagt sie nachdenklich, es trauert doch mancher um Vater, von dem wir noch nichts wissen, Claire!"
Langsam begeben sich die Schwestern hinauf in die Gastzimmer des Hauses.
„Laß uns zusammen schlafen wie in unfern Mädchenjahren!" schlägt Claire vor, und die Schwester nimmt den Vorschlag dankbar an, denn sie fürchtet sich, in dieser Nacht allein zu sein.
Still und einsam märe dieser Tag zu Ende gegangen, wenn nicht jenes Ereignis eingetreten märe, das den ersten Anstoß zu einer Kette von jelffamen Geschehnissen gab, die nun in den nächsten Wochen so vieles änderten.
Es beginnt mit einem Gepolter, einem unbestimmten Lärmen.
Vivie schreckt empor und rüttelt die Schwester.
„Hast du nichts gehört, Claire?"
„Ich ... gehört?" fährt die schlaftrunken auf. „Was soll ich denn gehört haben? Es donnert draußen. Windig ift's auch."
„Es hat aber etwas gepoltert und geflirrt."
„Vielleicht ist ein Laden los ... ober ein Fenster offen. Da wird Hawkins schon nachsehen."
Seufzend legt sich die Schwester wieder auf die Seite. Aber lange dauert die Ruhe nicht.
Heftiges Pochen an der Tür läßt sie von neuem auffahren.
„Ja ...?" schreit Vivie, und das Herz schlägt ihr in hastigem Schrecken bis zum Halse. „Wer ist denn da?"
„Ich ... Onkel William! Bitte, zieht euch doch einmal an und kommt herunter!"
„Ist denn etwas geschehen?"
Aber der Onkel ist schon fort, er gibt keine Antwort mehr.
Mit einem kräftigen Fluch schwingt sich Claire aus'dem Bett, macht Licht und greift nach ihrer Brille. Sie ist so kurzsichtig, daß sie hilflos ohne Augenglas wäre.
„Blödsinnig, uns hier nachts aus dem Schlaf zu trommeln! Los, steh auf, Vivie! Vielleicht ist was geschehen!"
Ein mächtiger Donnerschlag draußen gibt ihr Antwort, und in fliegender Hast kleiden sich die beiden Schwestern an.
„Nur das Nötigste! Wir geben feine Abendgesellschaft!" befiehlt Claire.
In der Halle hat sich auch Hawkins schon eingefunden. Er hat sich über sein Nachthemd das Jackett geworfen und klappert vor Frost mit den Zähnen.
Der Onkel wandert im Hausmantel aufgeregt umher. Er ist im Gegensatz zu feinem verstorbenen Bruder klein und untersetzt, bber außerordentlich kräftig. Trotzdem ist die Äehnlichkeit der Gesichtszüge unverkennbar.
„Seid ihr endlich da?" empfängt er die beiden Frauen ungeduldig. „Es ist eingebrochen worden? In eures Vaters Zimmer ist eingebrochen rSorden!
„Eingebrochen? ... Du lieber Himmel! Da tnrf man sofort die Polizei benachrichtigen!"
Das Arbeitszimmer liegt gleich rechts, wenn vom Eingang des Hauses her die Diele betritt. $te Tür steht weit offen.
„Das ist doch aber ein starkes Stück! Sind denn die Einbrecher etwa durch die Tür spaziert?"
„Nein, die habe ich aufgeschlossen, als Mister Perkins kam. Ich habe ja auch gehört, wie's geflirrt hat und bin schnell aufgestanden!" stammelt Hawkins.
„Na, dann ziehen Sie sich erst mal was Warmes an. Sie frieren ja wie'n Schneider. So eilig ist J,e Sache hier wohl nicht mehr", meint Claire und betritt dann enffchlossen das Zimmer des Verstorbenen. „Was geschehen ist, das ist eben geschehen.
„Hoffentlich ist nichts Wichtiges gestohlen!" meint Onkel William aufgeregt. „Gott soll uns schutzen- Vielleicht hat mein seliger Bruder hier Geheimnisse aufbewahrt? Denn Geld und Reichtümer wird er ja schließlich nicht in dem alten, wackligen Schreibtisch verstecken. Auf jeden Fall muß die Ponzel verständigt werden!" _ w
„Das tut Vivie schon, wie ich gerade höre.
(Fortsetzung folgt.)


