Ausgabe 
13.5.1939
 
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ItrJU vierter Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Eisenbahner-Erholungsheim Ems-Lindenbach.

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Spaziergang in schönem Laub- und Nadelwald.

Die Bezirksfürsorge-Tagung der Reichsbahnkarne- radschaftswerke im Reichsbahnbirektionsbezirk Frank­furt a. M., die vor,kurzer Zeit in Gießen statt fand, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit einmal auf die im Bereich der Reichsbahn und durch den Zu­sammenschluß im Reichsbahnkameradschaftswerk zu leistende soziale Arbeir, die, das konnte man bei jener Tagung klar feststellen, in einem erheb­lichen Umfang geschieht. Schon seit geraumer Zeit bestehen in. den verschiedensten landschaftlich und klimatisch bevorzugten Teilen Deutschlands Er­holungsheime für Eisenbahner, die dem Zweck die­nen, den Angehörigen der Reichsbahn eine er­schwingliche Möglichkeit zur gründlichen Erholung zu geben. Zu einem bestimmten Teil wird solchen Frauen und Männern, die dessen besonders bedür­fen, ein mehrwöchiger kostenfreier Aufent­halt ermöglicht.

Das uns zunächst gelegene derartige Eisenbahner- Erholungsheim befindet sich dicht bei Bad Ems, bei

Ems-Lindenbach. Es führt den NamenEisen­bahn-Erholungsheim f)aus Linden- b a ch".

Das Heim, das wir dieser Tage für einige Stunden aufgesucht haben, liegt, halbversteckt zwi­schen alten Nadel- und Laubbäumen, am hohen Malberg. Don Bad Ems aus ist es nach einem herrlichen Spaziergang, die Lahn entlang, in einer knappen halben Stunde zu erreichen. Für bequeme Besucher hält die Eisenbahn nahezu vor der Türe des Heimes, d. h. vom kleinen Bahnhof Ems-Lin- denbach aus ist das Heim in kaum fünf Minuten zu erreichen. Die ruhige Lage des Heimes, das in halber Höhe am Berge' liegt, die meilenweit bewal­dete Umgebung, die gesunde Luft, die Nähe der heil­kräftigen Quellen von Bad Ems, das alles macht den Eisenbahnerfamilien Haus Lindenbach bald zur traulichen Heimstatt. Gegenwärtig ist dort eine statt­liche Anzahl kinderreicher Mütter zu Gast/ für die der Aufenthalt in diesem Erholungsheim ein schönes und bleibendes Erlebnis sein wird. 2)as- Heim ist übrigens ein idealer Ausgangspunkt für kleinere und größere Wanderungen zu den schön­sten Punkten des Lahn- und Rheintales, in den Westerwald und in den Taunus. Don diesen Mög­lichkeiten wird von den Gästen des Hauses gern Ge­brauch gemacht. Aber es ist gar nicht notwendig, weite Reisen etwa im Kraftwagen oder in der Eisenbahn zu machen. Ringsum, diesseits und jenseits der Lahn, ragen die dicht bewaldeten Berge auf; hin und wieder find an den Hängen Weinberge zu sehen, die manchem Gast aus anderer Landschaft unseres deutschen Vaterlandes eine interessante Abwechslung sind.

Das Erholungsheim ist ein in freundlichen, hellen Farben gehaltener Bau mit einem weit vor­gebauten Gartensaal und mit einer Terrasse von elegantem Halbrund. An schönen Tagen ist die Terrasse ein idealer Platz für Stunden der Ruhe im Sonnenschein oder im Schatten bunter e>onnen= schirme. Weit schweift von diesem Plätzchen aus der Blick in das Tal hinaus, hinab zum Fluß, hinüber zu den Bergen. Und gerne wird von den Frauen, von den Müttern, auch eine leichte Hand­arbeit auf die Terrasse mitgenommen, denn eine rechte Hausfrau und Mutter bringt es wohl kaum über sich, stundenlang oder gar tagelang völlig un­tätig zu sitzen. Und dann gibt es auch eine kleine Bücherei im Hause, und die Frauen können, wenn sie wollen, auchzum Lesen kommen", was ihnen ja zu Hause selten genug gelingt. Aber die Terrasse ist nicht der einzige Platz, der für Ruhe und Er­holung ausgenützt werden kann. Vielmehr befindet sich vor dem Hause ein schöner freier Platz, von prächtigen alten Bäumen zum Teil beschattet, so daß es möglich ist, je nach Jahreszeit und Tem­peratur, in die Sonne oder in den Schatten zu rücken. Gegenwärtig ist Sonne viel gefragt". Immer wieder werden die Liegestühle oder die bequemen Gartenstühle dem Sonnenschein nachge­rückt, der bisher nur lei­der allzu wenig zu ver­zeichnen war. Unter den Gästen des Hauses, mö­gen sie von Nord oder Süd, von West oder Ost kommen, greift schnell herzliche Kameradschaft Platz, denn sie kommen alle aus gleichem Kreis, bedürfen alle der Erho­lung (wenn es der Arzt

Stunden vollkommenster Ruhe werden im Liegestuhl genossen

sagt, wird es auch so jein!) und haben, insbe- jondere als Mütter meh­rerer Kinder, auch die gleichen Interessen. Bald findet man in Gesprä­chen, für die es ja in einem Erholungsheim im­mer genug Zeit gibt, zu­einander, Spaziergänge werden verabredet und in größerer oder kleine­ren Gruppen unternom­men, und in angenehmer Müdigkeit kehrt man zu­rück, um sich an den ge­deckten Tisch zu setzen. Gerade dasSich - an - den o gedeckten - Tisch - setzen - können" ist eine bejondere Freude, denn dieses Vergnügen ist für die Frauen, die in diesem Erholungsheim Aufent­halt nehmen können, sehr

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Auf der Terrasse. Schöner Ausblick in das Lahntal.

selten!

Es versteht sich am Rande, daß zu Ruhe und bewußter Erholung auch ein gutes Essen gehört, denn Essen und Trinken hält Leib und Seele zu­sammen. Blitzsaubere Saaltöchter huschen hin und her, lesen den Gästen die Wünsche von den Augen ab und bringen ohne besondere Aufforderung aus der Küche nach, was an Schüsseln auf den Tischen leer geworden ist. Das Essen wird übrigens sehr wichtig genommen! Es ist gewissermaßen Pflicht und Gesetz und einzige Bindung an die Zeit. Wenn der

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Siesta im Garten des Eisenbahner-Erholungsheimes. (Aufnahmen [4|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Gong angeschlagen wird, muß der Einzug der stets etwa 50 Gäste in den Speisesaal ftattfinden. Und niemand verschließt sich der sanften Gewalt des mahnenden Gongschlages.

So ist es denn kein Wunder, daß sich aus der Synthese von Ruhe, Unbeschwertheit und Pflege, von Sonne, frischer Luft und Heilwassern, von Unterhaltung, Spaziergängen und gutem Essen schließlich das ergibt,' was der Sinn des Aufenthalts ist, die E r h o l u n g und die körperliche Kräftigung. So dient das Eisenbahner-Erholungsheim das naturgemäß nicht lediglich für Frauen da ist

allen denen, die nach Monaten und Jahren treuer Pflichterfüllung einer inneren und äußeren Erneu­erung bedürfen, dient dem Zweck, Menschen wieder zu Kräften zu verhelfen, aus denen weitere Pflicht­erfüllung im Eisenbahnerdienst an der Allgemein­heit möglich ist. N.

Feriensonderzüge.

Lpd. Die seit Jahren bei Beginn der Sommer­ferien von der Deutschen Reichsbahn gefahrenen billigen Feriensonderzüge werden auch in diesem Jahre wieder durchgeführt. Während der bereits im Vorjahre nach Oesterreich geführte Feriensonderzug­verkehr wesentlich ausgebaut wird, werden erstmalig auch die wichtigsten Kur- und Erholungsgebiete des Sudeten- und Memellandes in den Ferienson- derzugverkehr einbezogen. Die Fahrpreisermäßigung beträgt 40 v. Sy, im Verkehr mit Ostpreußen sogar 60 v. H. Die gleiche Ermäßigung wie für den tfe* riensonderzug selbst wird auch für eine Anfahrts- strecke von 100 Kilometer bis zum Sonderzugein­steigebahnhof und zurück gewährt. Bei größeren Entfernungen wird die Ermäßigung für 100 Kilo­meter Anfahrtsstrecke in den Fahrpreis eingerech­net.

Neben der wesentlichen Fahrpreisverbilligung sind noch folgende Vorteile zu nennen: Beschleunigte Durchführung der Sonderzüge möglichst Jüs zum Zielort, gebührenfreie Sicherung eines Sitzplatzes nach Wahl in einem Nichtraucher- ober Raucher­abteil, Freihaltung ganzer Abteile schon für Gruppen von sechs Personen.

Im Kohlenbunker verschüttet.

LPD. Mainz, 12. Mai. In der Nacht zum Frei­tag stieg ein 32jähriger Arbeiter in einem Werk in Mainz-Ko st heim in einen Kohlenbunker ein. Dabei kam die K o h l e n m a s s e in Bewegung und verschüttete den Mann, der erstickte, ehe ihm Hilfe gebracht werden konnte. Seine Leiche wurde geborgen.

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haushalten/ Nimm

QUALITÄTS ERZEUGNIS der ^IDOL-WERKE, KÖLN

Hine Frau mit Herz

Roman von Hedda Lindner

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin 26 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Dann glitten sie schweigend dem Hotel zu, wo sie Lärm, Lachen und Musik empfing.

Annähernd zur gleichen Zeit vielleicht eine halbe Stunde früher spielte sich eine andere Unterredung ab, sehr verschieden, aber m ihrer Art nicht minder bedeutungsvoll wie die Aussprache zwischen Dina und Holk. Hier war der Schauplatz das Zimmer 226, und es begann ein neuer Akt der Komödie die Margit von Roeder inszeniert hatte. Und immer noch zu lenken glaubte, obgleich die Führung längst an John W. Griffin ubergegangen

war.

in der

Es war nicht die erste Auseinandersetzung hier oben, seit Griffin vor 14 Tagen so überraschend er- .schienen mar, aber es fällte die letzte fein, wenig- ' ftens fomeit sie das Zimmer 226 betraf.

Sie Fahndungen nach demBlue Ray" hatten nicht aufaehört. Im Gegenteil. Sie beifpiella e Frechheit diefes Siebftahis hatte die besten Kräfte der Polizei mobil gemacht und nicht nur der ita- iienifchen" Alle Länder, die an der Ergreifung de- , Chamäleon interefsiert waren und ihre Zahl mar nicht gering - boten ihre tuchttchten Leute auf, um endlich den Untaten dieses V-cbr-ch°rs ein Ende zu machen. So hatte dm geschickt env -eleitcte Irreführung zwar Zeit ^kostet aber doch nicht vermocht, die Beamten endgültig aus die jalsche Spur zu bringen. Man war inzwischen zu iiem Ergebnis gelangt, daß der Stein nicht nach Frankreich, sondern nach der Schweiz gegangen lei, um von dort aus über Deutschland nach Am- jterbam gebracht zu werden. Erst einmal dort und ! And eine- geschickten Schleisers, war er IlenbgüIHg verloren. . .

Das wußte der jüngste Kriminalassistent - wieviel mehr Männer, die wit der Bearbeitung des Falles beauftragt waren. Es stand letzt so, daß t°ft--chftch leine Maus über die Grenze kommen konnte, ohne ms Herz und Nieren geprüft »u werden. Sle.ch- reitig wurde die Schweiz systematisch ... [ait jagen - durchgekämmt, soweit es die grotzeren Städte und vor allem die Kurorte betraf 3eber Saft wurde unauffällig, aber scharf unter die Lupe ; genommen, und die Situation begann i ! Griffin reichlich ungemütlich zu werden. Er g i sich keinen Illusionen über seine Lage Jin; er war | ich klar. M der Besitz desBlue Ray dle ssrovte Gefahr bedeutete. Aber sich von dem Stem Kennen die ganze Arbeit umsonst jo weit war. ec

noch nicht, und wenn sämtliche Spürhunde der Welts er. Natürlich wußte er über scimn Rivalen grünb- lich Bescheid.Er kriegte drüben Malaria und mußte _ rr 11UL l a v- i > ai + a r in VR i r i M n £> n

sich in der Schweiz ein Stelldichein gaben!

Er hatte seinen Druck auf Mikeny verstärkt. Ohne Erfolg! Mikenys Entschluß, sich unter feinen Um­ständen zu ungesetzlichen Dingen herzugeben, war immer stärker geworden, je mehr er hoffen konnte, Dina mit ihrem großen Vermögen zurückzugewin­nen. Alles, Versprechungen, Drohungen, ja selbst

aufhören. Und jetzt 'ist er Flugleiter in Biringen. Du weißt doch, dem deutsch-schweizerischen Grenz-

Bitten, prallten an ihm ab.

Auch heute wieder.Ich muß dich ertragen, muß täglich mit ansehen, wie du, ein Verbrecher, den die Polizei der halben Welt sucht, anftänbige Leute mit deiner Gegenwart beschmutzt!" Seine melodische Stimme war heiser vor Wut.Aber damit ist cs genug. Für deine dreckigen Sachen such dir jemand anders aus!"

In diesem Augenblick hätte Mr. Griffin sogar den Blue Ray" dafür gegeben, Mikeny auf erprobte Gangstermanier umlegen zu können; in feinen kalten Augen stand blanke Mordlust. Aber seine Intelli­genz war stärker als sein Haß: in seiner jetzigen Lage mußte er jedes Aussehen vermeiden. Der Tod des bekannten Kapellmeisters würde alles auf die Beine bringen. Er mußte diese Abrechnung einem günstigeren Zeitpunkt überlassen. Daß er sie nicht vergessen würde, das war sicher.

Er lächelte, aber es war ein Lächeln, das Mikeny unwillkürlich eine Bewegung nach (einer Pistole machen ließ, die er in den letzten Tagen bei sich trug. Griffins Drohungen hatten ihn zuletzt docy nachdenklich gemacht, wenn er auch die tatsächliche Gefahr feiner Lage immer noch nicht voll erfaßte.

Mr. Griffin sah zwar die Bewegung, gab sich aber den Anschein, sie nicht bemerkt zu haben; nur sein Lächeln war noch etwas bösartiger geworden. Ich würde mich nicht zu sehr ausspielen", sagte er kühl auf Mikenys letzten Ausfall.Du halt deine Verflossene und beabsichtigte Zukünftige mit 'hren Millionen noch nicht! Ich halte es nicht für aus­geschlossen, daß dieser Mr. Holk dir den Rang ab- 10 Somit hatte er Mikenys empfindlichste Stelle ge­troffen.Unsinn", fuhr er auf.Er läuft gut edjt, und da machen sie eben ihre Touren zusammen. Das ist alles."

Hm! Sie scheinen sich auch sonst gut 311 kennen.

,',Quatsch!" sagte Mikeny grob.Natürlich kennen sie" sich! Dina gondelt doch dauernd über feinen

Aus Mr. Griffins Augen wich der Haß und machte äußerster Wachsamkeit Platz.Mr. Holk nt doch Flieger ich hörte selbst, wie er von Flügen in Kolumbien erzählte", sagte er in leichtem Unter­haltungston. .. _ ,

Mikeny war froh, daß sie in ruhiges Fahrwasser kamen. Er wußte wohl, daß es gefährlich war, das Chamäleon zu reizen, nur ging sein Temperament immer wieder mit ihm durch. Er führte also.bereit^ wMig das Thema fort.War Flieger", berichtigte

Hafen."

Mr. Griffin entsann sich an manches, als er den Namen Biringen hörte. Er hatte im Unterbewußt­sein immer das Gefühl gehabt, sowohl Dina wie Holk schon mal gesehen zu haben, ohne sich näher darauf besinnen zu können. Nun fiel es ihm ein. Biringen! Der Ort, wo Anita, die von den Schuften tatsächlich zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, gefaßt worden war. Das mürbe er sicherlich den Kerlen noch besonders anstreichen. Er sah sich wieder im Flugzeug sitzen, sah eine Dome in Be­gleitung eines Mannes heran kommen der Mann hatte das Abzeichen der Lufthansa an der blauen Mütze beide lebhaft miteinander plaudernd wo hatte er nur feine Augen vor allem fein Gedächtnis?

Er brauchte nicht einmal Sekunden, um diese Erinnerungsbilder zu ordnen, und schon kam seine nächste Frage:Fliegt Frau Wegner im Winter auch?. Damen haben doch leicht Angst!"

Im Januar ist sie geflogen Ob sie jetzt wieder fliegt, weiß ich nicht. Das hängt sicher vom Wetter ab." Mikeny war dabei, sich für den Nachmittags­tee zurechtzumachen und horte nur mit halbem Ohr zu.

Wann will sie denn irach Deutschland zuruck?' fragte Mr. Griffin. Er fragte es ganz beiläufig, wie jemand, der des freundlichen Abgangs wegen noch ein paar belanglose Redensarten macht. So faßte es Mikeny auf.

Sie muß vor dem 1. April nochmals hin wegen des Testamentes", erklärte er arglos.Ich glaube, sie will die nächste Woche rüber, weil bann ihre Cousine auch fährt."

Na, um diese Zeit ist bas Wetter ja schon ganz gut", meinte Mr. Griffin abschließenb unb erhob sich,lieber bas anbere reben wir später noch mal."

Mikeny seufzte erleichtert auf, als bie Tür hinter ihm ins Schloß fiel: bas wäre mal wieder über- ftanben.

Dina war fahl unb übernächtig, als sie sich am nächsten Tage nach einem unruhigen, von wirren Träumen derriffenen Schlaf erhob. Sie war nicht fieberhaft erregt gewesen wie in jener Nacht, als sie zuerst begriffen hatte, baß Mikeny sich ihr wieber nähern wollte. Sie war auch nicht ängstlich unb nervös geworben, als ber Föhn wieber um bas Haus heulte wie neulich, sie hatte ganz still gelegen unb versucht, Orbnung in bas Chaos ihrer Gebau­ten unb Gefühle zu bringen.

Holk hatte zum Abschieb in einem unbeobachteten Augenblick seine Lippen in ihre Hanbfläche gepreßt unb ganz leise gesagt:Ich hoffe boch auf ein Miedersehen. Dina!" Dann war er gegangen.

Sie hatte nichts antworten können, benn Margit ftanb schon wieber neben ihr. Aber ihr war jäm­merlich clenb zumute gewesen. Ein feiner, nagenbec Schmerz hatte sich eingenistet unb wollte nicht mehr weichen. Sie bewegte etwas bie Hanb, bie auf ber Decke lag, als fühle sie wieber ben warmen Druck feiner Lippen. Es war bie erste Zärtlichkeit, seit sie sich kannten, bas erste Mal, daß sie Leidenschaft hinter seiner Beherrschtheit spürte. Sie wußte nicht, daß es an ihr selbst gelegen hatte, wenn er bisher nicht mehr aus sich herausgegangen mar.

Es hing nur von ihr ab, ob sie Holk miedersal) ober nicht. Holk nicht Wiedersehen bpr Gedanke mar zu irrsinnig, um ihn meiterzndenken. Aber wenn sie,Holk wiedersah, mußte sie sich von Mikeny endgültig trennen. War das möglich? Sie seufzte tief auf und drehte den schmerzenden Kopf auf die andere Seite wo gab es einen Ausweg auq dieser Verwirrung?

Hier oben sand sie ihn nicht, das war sicher. Wenn sie überhaupt zu einer Klarheit über ihre Stellung diesen beiden Männern gegenüber kommen! wollte, dann nur, wenn sie von beiden getrennt: ohne persönliche Beeinflussung sich Rechenschaft über ihr Empfinden geben konnte. Dazu mußte sie Arosot sofort und ohne Rücksicht auf Margit verlassen.

Es schneite an diesem Morgen, daß man die Hand nicht vor Augen sah. Dieses Wetter kam Sina ge­legen; es gab einen Vorwand mehr zur Abreise, benn an Sport mar nicht zu benken. Ihr Entschluß mar nun noch fester geworben, unb sie erklärte ihrer Cousine beim verspäteten Frühstück ziemlich kurz, baß sie am nächsten Tage also am Dienstag, abreisen würbe.

Margit sah sie spöttisch an.So plötzlich?" fragte sie gebehnt.Willst bu vor beinern Verflossenen aus- kneifen ober hinter beinern Zukünftigen herrennen?"

Su hast eine entzückenbe Art, bie Dinge zu bet trachten", antwortete Sina mit gleichem Spott. Zufällig will ich keins von beiben. Ich habe in Luzern mit Stoecklin zu verhanbeln unb keine Lust, wieber hierher zurückzufahren. Sen Schnee kriegt man schließlich auch mal satt."

Im Februar ist überall Schnee."

Sas ist nicht gesagt. Ich orbne in Deutschland bie Wohnsitzangelegenheit unb fahre bann gleich von Hamburg aus mit einem Schiff nach bemt Süben", um ein Mitkommen Margits von Dornt herein abzubiegen.

Ein großartiger Plan von bem bu gestern! vermutlich selbst noch nichts gemußt hast. Mir kannst bu boch nichts vormachen: bu sitzt zwischen! zwei Heubündeln. Im übrigen würde ich Mikeny trotz seiner Fehler tausendmal dem langweiligen; Gestell, dem Holk, vorziehen."

Ich danke dir für deinen poetischen Vergleich. Holk verdankt das vernichtende Urteil doch wohl in erster Linie seiner Unempfindlichkeit für dein« Reize," (Fortsetzung folgt.)