Ausgabe 
13.4.1939
 
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Hr.86 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)__________Donnerstag,IZ.April 1959

Aus der Stadt Gießen.

Erster Blütenschmuck.

Die warme Frühlingssonne tut Wunder an unfern Bäumen. Vor meinem Fenster steht ein «zierlicher Birnbaum. Wenn ich jetzt vom Schreibtisch ausschaue, sehe ich hinein in seine Blütenpracht denn nun hat er seine Blüten geöffnet. Sie er­scheinen in einem Reichtum, der staunen läßt.

Wie lange ist es her, daß die Bäume noch kahl dastanden und ihre Zweige hilflos im Wind hin- und herbewegt wurden. Dann erkannte man die schwellenden Knospen. Die Sonne kam, kalter Regen folgte, später Schnee legte sich auf Garten und Baum. Aber immer wieder, wenn es sich aufhellte, traten die Knospen hervor. Langsam, aber stetig wuchsen sie, wurden dick und rund. Wahl hinderte die Kälte das Aufblühen, aber unentwegt schafften die Bäume, und die Sonne half.

Fetzt hat es der Birnbaum erreicht. Die zarten Blättchen erscheinen und die schneeweißen Blüten. Richt auzf einmal, sondern in langsamem, aber sicherem Wachsen.

Da steht er nun, der kleine Kerl, und freut sich seines Schmuckes. Er ist der Herr im Vorgarten, denn ganz allein steht er mitten im Blumenbeet. Äst ein blühender Obstbaum nicht wie ein großer Blumenstrauß? Er feiert jetzt sein schönstes Fest, und unzählige Freunde kommen zu Besuch. Be­rauschender Duft strömt von den kleinen Blüten aus, lockt und ruft: Kommt zu mir! Hier findet ihr einen gedeckten Tisch.

Und sic kommen. Bienen, Käfer und-Schmetter­linge. Da summen und singen die fleißigen Bienen. .Wie fernes, zartes Glockengeläute erklingt es.

Äch öffne das Fenster und schaue zu. Mit wel­chem Eifer und mit welcher Freude die kleinen Tierchen ihre Arbeit verrichten! Da kommen sie angeflogen, setzen sich nieder auf die Blüte, stecken ihre Köpfchen in das Honigtöpfchen und saugen den süßen Saft, nehmen an Blütenstaub mit, was an ihren rauhen Hinterbeinchen hängen bleibt, ver­weilen einen Augenblick, und schon tauchen sie in

Militärische Feier des 50. Geburtstags des Führers in Gießen.

Die Wehrmacht des Standorts Gießen wird den 5 0. Geburtstag des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht am kommenden Donnerstag, 2 0. April 1939, festlich be­gehen.

Eine Fahne des Änf.-Rgts. 116 und die Stan­darte unserer III. Abtlg. Ärt.-Rgt. 9 werden nach Berlin entsandt, um dort in dem Fahnenblock der Wehrmacht, der vor dem Führer vorbeimarschieren wird, zugegen zu sein.

Der Tag wird um 6.30 Uhr mit einem Großen Wecken von der Bergkaserne aus eingeleitet. Daran nehmen unter Vorantrift des Musikkorps des Infanterie-Regiments 116 je ein Zug des Infanterie-Regiments 116, der III. Abt. Artillerie- Regiment 9 und des Kampfgeschwaders 155 unter Führung eines Offiziers teil. Marschweg des Großen Weckens: von der Bergkaserne aus durch Licher Straße, Kaiserallee, Ludwigsplatz, Gartenstraße, Hindenburgwall, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Kreuzplatz, Mäusburg, Marktplatz, Kirchenplatz, Walltorstraße, Hitlerwall, Moltkestraße, Kaiserallee in Richtung Volkshalle zur Kaserne zurück.

Um 11 Uhr findet auf dem hinteren Trieb, also dicht nördlich der Bleidorn- (Artillerie-) Kaserne in der Nähe des Eulenkopfes und der früheren Waldes­lust, die große militärische Feier statt. Dort werden die Truppen des Infanterie-Regiments 116, der III. Abteilung Artillerie-Regiment 9 und der II./Kampfgefchwader 155 mit den Fahnen in

Paradeaufstellung stehen. Als Stellver­treter des Standortältestest Generalleutnant v. Apell wird der Kommandeur des Infanterie-Regiments 116, Oberst Herrlein, zunächst die Paradefront abreiten und anschließend die Vertreter der Partei, ihre Gliederungen, die Kriegsopfer, die Abordnun­gen der alten Soldaten und die übrigen Ehrengäste begrüßen, «odann wird Oberst Herrlein die Ansprache halten, die mit dem Gruß an den Führer und den beiden Nationalhymnen ausklingen wird. Hierauf folgt der Vorbeimarsch der Truppen, den Oberst Herrlein abnimmt. Damit findet die Feier ihren Abschluß. Der Nachmittag ist für die Soldaten dienstfrei.

250 Schwerkriegsbeschädigte aus dem Kreise Gießen sind zur Teilnahme an der militärischen Feier eingeladen worden. Für diese alten Soldaten werden auf dem Paradefeld Sitzplätze bereitstehen. In anerkennenswerter Weise hat der DDAC. die Beförderung dieser Kriegsopfer mit den Kraftwagen seiner Mitglieder übernommen. Nach der Parade werden diese Schwerkriegsbeschädigten als Gäste des DDAC. in der Kaserne verpflegt werden.

Zugangsweg für die Zuschauer zum Paradefeld ist der Alte Rödgener Weg an der Liebigs- höhe und hinter der Bleidorn-Kaserne vorbei. Auch Kraftwagen können dort fahren und zum Aus- steigen halten, jedoch dürfen dadurch die Truppen nicht behindert werden. Parkplatz für Kr-aftfahr- zeuge ist der Platz westlich der Bleidorn-Kaserne, also vor dem Sportplatz der Spielvereinigung 1900.

Wieder Schulanfang.

Unterhaltung mit einer Lehrerin.

die nächste Blüte unter. Schwer beladen fliegen sie zu ihrem Bienenstock, leeren ihre Vorräte in die Zellen aus, streifen den Blütenstaub ab, und schon sind sie wieder da, bei meinem kleinen Birn­baum.

So geht es den ganzen Tag munter fort, bis diL Sonne finkt.

Ja, unser zierlicher Birnbaum hat eine schöne .Zeit. Voll Schönheit und Hoffnung steht er vor meinem Fenster, und wenn keine Maifröste kom­men, wird er uns im Herbst mit seinen köstlichen Früchten erfreuen. H.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Stadttheater: 20 bis 22 Uhr 4. Orchester-Konzert des großen Städtischen Orchesters. Gloria-Palast (Seltersweg):Hotel Sacher". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Heidi". Oberhessischer Kunst­verein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung hiesiger Künstler im Turmhaus am Brand.

Viertes Orchesterkonzert.

Heut? abend findet das Vierte Orchesterkonzert des großen Städtischen Orchesters statt. Leitung: Paul Walter. Das Programm sieht vor: Bruckner, Fünfte Sinfonie in B-dur, Mozart, Haffner-Sin­fonie in D-dur K.V. 385. Das Konzert findet gleich­zeitig als 9. Platzmiete-Konzert des Gießener'Kon­zertvereins statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Lebensversicherung des Handwerkers.

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Fwd. Nach einer Entscheidung des Reichsarbeits­ministers braucht der Lebensversicherungsvertrag im Falle des § 7 des Gesetzes über die Altersversor­gung des deutschen Handwerks nicht auf den l.Jan. 1939 zurückdatiert zu werden. Es genügt, wenn die Lebensversicherung vor dem 1. Juli 1939 abgeschlos­sen ist und die Prämienzahlung vor diesem Tage beginnt, um die Befreiung mit Rückwirkung auf den 1. Januar 1939 zu erreichen.

Die größte Freude am ersten Schultag ist die Zuckertüte. (Aufnahmen [2].: Dr. Engelbart.)

Das eindrucksvollste Erlebnis., das jeder aus feiner Schulzeit hat, ist wohl die mehr oder weniger große Zuckertüte. Ich erinnere mich meiner eigenen nur mit leisem Lächeln. Sie war zwar riesengroß, aber als ich sie aufmachte, enthielt sie nur einen winzigen Teil von dem, was ihre Größe verriet, das übrige war nicht gut zu vernaschen. Eine kleine

Enttäuschung, die mir schon damals zeigte, daß hinter den Dingen nicht immer so viel steckt, wie man vermutet.

Und der Schulanfang selbst? Ich muß zugeben, daran kann ich mich kaum erinnern. Doch es reizt mich einmal wieder, Erinnerungen auszukramen. Ich ging zu meiner alten Lehrerin. Viele Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Die Wiedersehens­freude war deshalb groß. Eine gute Stunde ver­plauderten wir, ehe wir zu dem Thema kamen, das mir besonders am Herzen lag.

So viele junge Menschenkinder haben schon unter Ihren Augen das erstei" auf die Schiefertafel ge­kritzelt, oder aus Punkten, und Strichen ein unbe­holfenes Männchen gemalt. Alle Jahre sind es neue Gesichter, 40 oder 50 quicklebendige muntere Buben und Mädel. Und doch, ist es nicht immer das gleiche, was Sie mit der kleinen Schar erleben?"

Fräulein Sch. lacht zu meinen Worten.Immer das gleiche? O nein. Was glaubst du, wie verschie­den alle diese kleinen Wesen sind, gerade so, wie die Erwachsenen."

Da gibt es llebereifrige, die kaum erwarten konnten, in die Schule zu kommen. Den Ranzen und den schönen silberpapierumwickelten Griffel und den neuen Schwamm haben sie schon viele Male vorher ausprobiert. Auch bis 10 konnten sie schon zählen. Das möchten sie nun alles zeigen. Eifrig kommen sie dann vor zu mir:Du, ich weiß es", oderDarf ich etwas an die Tafel malen?" Es gibt auch solche, die zuerst ganz ängstlich und verschüchtert sind. Schuld haben vielfach die Eltern oder Geschwister, die aus einer falschen Einstellung heraus gesagt haben:Paß mal auf, wenn du erst in die Schule kommst, da ist ein großer Rohrstock!" Einige wollen gar nicht bei der fremden Lehrerin und in der un­gewohnten Umgebung bleiben, weinend hängen sie an der Mutter. Meist hilft es aber, wenn ich ihnen liebevoll zuspreche, ein ganzer Zoo, rasch aus Knet- gummi geformt, hilft gewiß. Wenn erst einmal die

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Aller Anfang ist schwer.

Freude an der Schule im Kinde geweckt ist, arbeitet es gern und fleißig."

Es ist doch so", plaudert meine Lehrerin weiter, daß mit dem Schulanfang ein wirklich neuer Ab­schnitt im Leben des Kindes beginnt. Wie genau und ernst es die Schule nimmt, zeigt folgende nied­liche Begebenheit: Auf meiner Liste standen die Namen 43 kleiner Mädchen, und 43 kleine Mädchen saßen auch im Klassenzimmer. Doch als ich ,J o- hanna Müller* aufrief, meldete sich niemand. Ich ging die Reihen der Mädel durch. Eine Kleine blieb übrig. ,Wie heißt du benn? ,H a n n ch e n Mül- ler, sagte sie ganz einfach."

Das Schwerste ist anfangs für die Kleinen, in der Gemeinschaft zu leben und sich dieser Gemeinschaft unterzuordnen. Aus der ungebundenen Freiheit, oft vielleicht noch aus verwöhnter Obhut der Eltern in den festen Rahmen der Arbeit und Pflicht versetzt, ist es manchmal schmerzlich, einsehen zu müssen, daß

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man nicht immer tun und lassen darf, was man gern möchte. Auch wenn der Hunger noch so groß ist, darf man nicht in der Stunde in fein Brot beißen.

Es ist auch schon vorgekommen", sagt Fräulein Sch. und lacht,daß eines der Kinder in der Pause nach Hause entwischte,weil es ihm heute fernen Spaß machte." Aber das sind doch Ausnahmen. Die meisten Kinder gehen gerp in die Schule. Wie freuen sie sich, wenn sie einmal eine besonders gute Arbeit gemacht haben. Das Lob für die gute Einzelleistung aber wird zum Ansporn für die ganze Klasse."

Gibt es etwas Schöneres als solch frohes ge­meinsames Schaffen? Sehr viel später erst begreifen das die Kinder... E.

HL. Bann und Untergau 116.

Am Montag, 17. April, findet die 7. Vorstellung im Rahmen des HJ.-Theaterringes statt. Zur Auf­führung gelangt:Die andere Seite". Die Karten

Hotel Sacher."

Gloria-Palast.

Es ist diesmal nicht das 19. Jahrhundert, das nun Ifeit vielen Monaten in unseren großen Filmen eine ^Auferstehung nach der anderen feiert: es ist die :Silvesternacht von 1913 auf 1914 in Wien, aber das Merkwürdige und manchmal sogar ein wenig Un­heimliche dabei ist, daß man die Vorgänge hier aus ^ähnlichen Abständen, fast aus der gleichen zeit­lichen Entfernung zu sehen glaubt wie etwa die ^Geschichte desBel ami" oder SudermannsHei- rniat" ... so fern und so unwirklich mutet es einen ran. Man sieht manchmal im Kino, meist als Kurio­sität, alte Wochenschau-Bilder oder kleine Repor­tagen aus der Zeit vor dem Kriege mit den Schau- Platzen, Uniformen und Gesichtern von damals, mit verühmten oder doch sehr bekannten Gestalten von ein ft, die heute längst tot und zum Teil schon ver­gessen sind; man sieht sie noch einmal leibhastig bewegt, lächelnd und im Gespräch... von solchen Bildern geht ein ähnlicher Eindruck auf den Zeit­genossen von 1939 aus. Der FilmHotel Sacher" iebt mehr von der Stimmung als von der Hand­lung, obwohl es ihm auch an Handlung, großer und kleiner, ernster und heiterer, nicht fehlt. Das Hotel Sacher, dessen Torte eine der unnachahm­lichen Spezialitäten der Wiener Speisenkarte ist, war in der weiten Welt berühmt; hier traf sich ganz Wien, das gesellschaftliche, das politische Wien .»er Vorkriegszeit, und auch das dort diplomatisch vertretene Ausland: es war so etwas wie ein Sammelpunkt der Donau - Monarchie, eines dem Untergänge geweihten Nationalitätenstaates. Hinter . er hellen, heiteren, glänzenden Fassade, hinter der ausgelassenen Silvesterlaune wird, in Gesprächen ind Gestalten, etwas vom nahenden Unheil spürbar, :iom Wetterleuchten über Europa, von der Welt- ntergangsstimmung des mit Tanz und Musik und Ahnungsloser Fröhlichkeit begrüßten Schicksalsjahres !?914. In dieser Stimmung, auf solchem Schauplatz j.nb vor solchen Hintergründen begibt sich die von Spionage und Verschwörung ruthenischer Sepa- Mtiften umwitterte Liebesgeschichte eines österrei- Uischen Beamten und einer russischen Agentin, und wirkt wie ein kleines, trübes, hoffnungsloses Dor- jviel, wenn sich der letzte Akt dieses Dramas tm //Sacher" ereignet, im Hintergründe einer animierten Siloesterfeier, wo russische und französische Offiziere und Diplomaten brüderlich das neue Jahr begießen. 5üe Agentin kann die rettende russische Botschaft

nicht mehr erreichen, und der Schuß, mit dem der Oe st er reicher sich seiner Verhaftung entzieht, verhallt kaum gehört und fröhlich mißverstanden im Trubel und Lärm der Neujahrsfeier...

*

Das Buch schrieben, nach einem Entwurf von Seeliger und F Ü r i n g k, die Dramatiker Stephan v. K a m a r e und Friedrich Forster- Burggraf. Der Spielleiter Erich Engel hat den Film sehr geschickt inszeniert: nicht als ob der Stoff, abgesehen vom lebhaften Szenen- und Schau­platzwechsel, besonders filmisch wäre; er ist nicht einmal ausgesprochen dramatisch, obwohl nicht ohne eine spürbare innere Spannung, die weniger vom Kern der Fabel als von der eigentümlichen Gesamt­situation ausgeht und überdies getragen wird von der zeitlichen Konzentration auf die eine einzige Nacht an der Jahreswende. Dor allem aber find der österreichische Schauplatz, die Stimmung, die Menschen, der Siloestertrubel und die merkwürdige Atmosphäre imSacher" und in der Oper mit einem feinen, fpürfinnigen Einfühlungsvermögen lebendig gemacht. Frau Anna Sacher, die vor zwanzig Jahren gestorben ist, wird von der be­rühmten Tragödin Hedwig B l e i b t r e u gespielt; es ist keine Tragödinnenrolle, aber sie wird persön­lich belebt und anziehend gemacht durch die Tat­sache, daß Frau Bleibtreu zu den zahlreichen Be­kannten der Frau Sacher gehört hat: man sieht eine liebenswürdig österreichische, menschlich warme und patriarchalische Erscheinung, das Bild einer Frau, die in einem eigentümlichen Sinne für das Wien vor dem Kriege charakteristisch erscheint. Sibylle Schmitz spielt mit großer Sparsamkeit in Geste und Wort die Agentin Nadja, Willy Birgel mit vornehmer, fast melancholischer Ver­haltenheit den Stephan Schefzcuk. Herbert Hüb­ner als her russische Oberst Barnoff: überlegen, kalt und geschmeidig; Elsie Mayerhofer als junge Aristokratin: ein zartes, belebtes Gesicht und eine sympathische Singstimme; Wolf Albach- Retty gibt einen Wiener Leutnant angenehm abseits von der Operettenkonvention; Leo Peu­ker t macht aus dem Grafen Kusmin eine amü­sante Chargenfigur. An der Kamera stand Werner Bohne; Willy Schmidt-Gentner schrieb die Musik. (Ufa.)

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Im Vorprogramm sieht man außer der neuen Wochenschau interessante Bilder von einer Gelände­fahrt des NSKK. Hans Thyriot.

Auf Papyrus geschrieben...

Alte Handschriften und Schicksale.

Im Jahre 1930 erwarb die Wiener Handschriften­sammlung, die in derAlbertina" untergebracht ist,«von einem Händler in Kairo fünf Stücke eines Papyrus, dessen Text sogleich die Vermutung auf­kommen ließ, daß es sich hier um ein außerordent­lich seltenes Exemplar einer Bibelhandschrift handle. Man erkundigte sich bei dem Verkäufer nach den dazugehörigen anderen Teilen des Papyrus und erfuhr, daß diese bereits an den berühmten eng­lischen Sammler Chester B e a 11 h y verkauft wor­den waren. Kurze Zeit danach kam aus London die sensationelle Nachricht, daß nunmehr die über­haupt ä 11 e ft e Niederschrift des Neuen Testaments aufgefunden worden fei. Es handelt sich dabei um das Matthäus-Evangelium, das spätestens um die Mitte des dritten Jahrhunderts ausgezeichnet wor­den ist. Der schmale, wie ein Herbstblatt dunkel­braune, aus fünf Teilen zusammengesetzte Papyrus- streifen der Wiener Sammlung ist ein Stück dieses unschätzbaren ersten Evangelientextes, den die Welt besitzt.

Auch der älteste griechische Papyrus befindet sich in Wiener Besitz. Das große braune Blatt, das vielfach ausgefasert ist, trägt den seltsamen Namen Der Fluch der Artemisi a", was sich von einem grotesken Ereignis herleitet. Artemisia war, wie aus dem Text hervorgeht, zur Zeit Alexanders des Großen eine in Memphis ansässige Griechin. Ihre Familie litt an Geldnot, und da gerade die Tochter gestorben war und einbalsamiert im Hause lag, wählte her Gatte und Vater das einzige Mittel, um zu einem Geldbetrag zu gelangen: er überließ gegen eine gewisse Summe Den Leichnam einem Gläubiger. In Aegypten war es nämlich Brauch, Mumien cbAi Verstorbener als Pfand zu benützen, da man ja mit Recht annehmen konnte, daß nie­mand in einem Lande, wo man so viel auf Toten­kult hielt, feinen Verwandten für die Dauer in frem­den Händen und also unbegraben lassen würde. In diesem Fall war aber eine besondere Verwicklung eingetreten. Der Vater war offenbar ein Wind­beutel und hatte sich der Verpflichtung, seine tote Tochter wieder einzulösen, entzogen: er war mit dem Gelde durchgebrannt und blieb seitdem unauf­findbar. Der Wiener Papyrus enthält nun die Ant­wort her empörten Mutter auf die Tat des leicht­sinnigen Gemahls. Artemisia flehte auf diesem Blatt den Zorn der Götter auf ihren Mann herab und,

hinterlegte es zu ausgiebigerer Wirkung zusammen­gerollt und verschnürt im Tempel des Serapis; dort lag es nun während zweier Jahrtausende, bis es 1830 bei einer Ausgrabung wieder an das Tages­licht kam. Von dort wanderte es dann geradewegs in die berühmte Sammlung der Habsburger, wo es sich noch heute befindet.

Auch der älteste lateinische Papyrus ist in Wiener Besitz. Er stellt ein militärisches Dokument aus dir Zeit des Augustus dar und wurde wahrschein­lich in den Jahren 17 bis 15 v. Chr. geschrieben.

Eine Erinnerung aus der Zeit der grausamen Christenverfolgung ist hie Bescheinigung her Opfer­kommission von Philadelphia. Da wer­den namentlich vier Aegypter angeführt, die sich dem gebräuchlichen Opfer unterzogen und somit den herrschenden Gesetzen Genüge geleistet hatten. Wer einen solchen Schein nicht vorweisen konnte, wurde verfolgt, ja, wie wir cs aus den Dokumenten der ersten Christen wissen, verbrannt oder den wilden Tieren in der Arena oorgeroorfen. Die genannten vier Aegypter hatten sich also noch gerade rechtzeitig eine Legitimation verschafft.

Das Bittgesuch eines Waisenknaben bildet den Inhalt eines arabischen Papyrus, der uns ein wenig in die Welt vonTausendundeine Nacht" versetzt: der Knabe wendet sich an den Statthalter Harun al Raschids (achtes Jahrhundert nach Christus). Der Brief lautet:Ich habe niemanden außer.Gott und Dich, mein Herr. Heute starb mein Vater, während ich ein kleiner Knabe bin. Und als mein Vater starb, hatte er vier Separe, die ober­halb der beiden Türen aufbewahrt waren. Da kam der Samba und nahm diese vier Denare von jenem Orte weg und gab mir nichts davon. Nun habe ich keinen Vater, keine Eltern mehr und bin ein armer Mensch. Bitte befiehl daher, o mein Herr, und sende zu jenem Manne, der hie vier Denare von jenem Orte genommen hat, auf haß er auf die­sem Wege Recht und Wahrheit anerkenne. Ich flehe zu Gott für Dich um ein langes Leben, sowie um seine Segnungen."

Leider wissen wir nicht, was her Statthalter des volksfreundlichen Kalifen Harun al Raschid verfügt hat. Anton Melichar.

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Der Rektor der Universität Jena, Staatsrat Professor Dr. Esau, Ordinarius für Technische Physik an der Universität Jena, wurde 1n gleicher Diensteigenschaft an die Technische Hochschule B e r« [ i n berufen.