Ausgabe 
12.12.1939
 
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Nach heftigen Rümpfen räumten die finnischen Truppen weiter nördlich Falls. Die Lage bei P e t j a m o ist unverändert.

Seestteitkrast: Bei Nebel auf See griffen die finnischen Küstenartilleriestellungen bei K o w i st o feindliche Flottenteile an. Der Feind erwiderte das Feuer mit schwerem Kaliber für einige Stunden. Auf Grund hörbarer Explosionen kann angenom­men werden, daß dem Feind erheblicher Schaden zugefiigt wurde. An der Bucht nördlich des Ladoga- Sees unterstützen finnische Küstenbatterien wieder­um die Landstreitkräfte. Luft: Die feindliche Luft­tätigkeit beschränkte sich im wesentlichen auf die Ostfront. Im Finnischen Golf wurden Bombenan- griffe auf einen Leuchtturm durchgeführt.

Die finnische Frage in Genf.

Ein Komitee der Liga fordert Moskau zur Einstellung der Feindseligkeiten auf.

Genf, 11. Dez. (DNB.) Hu Beginn der Man- tagnachmlttagsitzuna der Genfer Liga teilte Präsi­dent S) e mb r o (Norwegen) mit, Belgien, Luxem­burg, Schweden, Dänemark und Holland hätten von der Versammlung der Liga verlangt, daß als ein­zige politische Frage der Appell Finnlands an die Liga zur Behandlung kommen dürfe. Irgendeine andere politische Frage dürfe nicht aui Aussprache kommen, da die genannten Staaten die Behandlung einer solchen Frage ablehnten. Der finnische Delegierte Holsti verwies auf die von seiner Regierung in einer Dokumentensammlung dem Sekretariat übermittelten Unterlagen, legte mit den bekannten Argumenten die Lage Finnlands dar und verlas einen Appell des finnischen Parlaments an die Völker der Wett.

Die finnische Frage tourte sodann einem b e - sonderen Komitee zur Prüfung überwiesen. Dem Ausschuß gehören neben Frankreich und Eng- laich, Uruguay, BoAvien, Venezuela, Indien, Por­tugal, Kanada, Aegypten, Irlarch, Schweden, Nor­wegen und Thailand (Siam) an. Das Komitee hat bann auf Antrag Schwedens die Sowjet­regierung telegraphisch aufgefordert, innerhalb von 24 Stunden d i e Feindseligkeiten gegen Finnland einzu st eilen und sich für Aufnahme von Friedensverhandlung­gen unter den Auspizien der Genfer Liga bereit zu erklären. Außerdem wurde nochmals der Wunsch ausgesprochen, die Sowjetregierung möge sich in Genf vertreten lassen.

Schwedens Holle in Genf ausgefpieli.

Stockholm, 12. Dez. (DNB. Funtspruch.) ,.Nya Dagligt Allehanba" schreibt, die Ohnmacht der Genfer Liga sei so offenbar illustriert worden, daß man die Anrufung der Liga in der

finnischen Angelegenheit mit ironischer Verwunde- rung zur Kenntnis genommen habe. Die Liga In ihrer jetzigen Form habe in den letzten Jahren keinerlei Aufgaben erfüllt. Nachdem Schweden aus dem Rat ausgetreten fei, um durch einen anderen Staat ersetzt werden, könne man die Rolle Schwedens in Genf a l s aus­gespielt betrachten. Schweden hätte Überhaupt schon längst seinen Ratsfitz und seine Mitgliedschaft a u f g e b e n können; eine starke Gruppe in Schwe­den habe dies auch gefordert. Sicher wäre es auch am besten gewesen, wenn dies geschehen wäre. Wenn jedoch Schweden jetzt auf normalem Wege aussteige, so könne man dies nur mit Befriedigung feststellen. Wenn aber eine neue Or­ganisation zustandekornrnen sollte, die ein wirk­licher Völkerbund im Geiste und in der Wahr­heit wäre, so könne man die Frage einer neuen Prüfung unterziehen. Der augenblicklich existierende politische Teil der Genfer Liga sei keine emp­fehlenswerte Bekanntschaft.

Neue britische Schiffsverluste.

London, 11. Dez. (DNB.) Di« Admiralität be­bau ert mitteilen zu müssen, daß Seiner Majestät SchiffRay o f Hop e" gestern auf eine Mine gelaufen und gesunken ist. Drei verletzt« lieber» lebende des früheren Fischdampfers sind an Land gebracht worden. Der Kapitän befand sich im Augenblick der Explosion auf der Brücke und wurde hoch durch di« Luft ins Meer geschleudert. Er tonnte sich solang« über Wasser hatten, bis er aus­genommen wurde. Der 4815 Tonnen große englische DampferW illowvool" ist am Montagmorgen auf eine Mine gelaufen. Die Besatzung, insgesamt 30 Mann, wurde von einem Feuerschiff gerettet Der englische PassagierdampferDuke of Lan­caster^ ist am Sonntag früh in der Irischen See mit dem FrachtdampferF i r « f l n g" zusammen­gestoßen. Di« Besatzung derFireking" wurde an Bord der ,/Dute of Lancaster" genommen. Die Duke of Lancaster" (3814 Tonnen) ist am Bug schwer beschädigt. Weiter berichten die holländischen Blätter über den Untergang mehrerer anderer Han- delsschiffe an Englands Küste. Außer den bereits gemeldeten Verlusten wird dadurch noch der Unter­gang des britischen DampfersMiddlesbro" 989 Tonnen) bekannt. Außerdem soll der englische DampferSan Alberto" (7400 Bruttotonnen) auf der Höhe von Landsend torpediert worden sein.

Oie deutschen Hochschulen nehmen den Lehrbetrieb wieder auf.

Berlin, 11.De). (DJIB.) Außer den bereits offenen Universitäten und Hochschulen nehmen zu Beginn des kommenden Trimesters die übrigen Universitäten und Hochschulen ihren Lehrbetrieb wieder auf.

Verschärfter Kamps gegen Gewaltverbrecher.

Berlin, 11. Dez. (DNB.) Der Ministerrat für die Reichsverteidigung hat eine Verordnung erlassen, die dem Verbrecher, der mit Gangstermethoden ar­beitet, schärfsten Kampf ansagt. Fortan soll, wer bei einer Notzucht, einem Straßenraub, Bankraub oder einer anderen schweren Gewalttat Sckuß-, Hieb- oder Stoßwaffen oder andere gleich gefähr­liche Mittel anwendet, z. B. seinem Opfer Salzsäure oder Vitriol ins Gesicht gießt, ober wer mit einer Waffe einen anderen an Leib oder Leben bedroht, mit dem Tode bestraft werden. Ebenso soll der Verbrecher bestraft werden, der Verfolger mit Wasfengewaltangreift oder obmehrt.

Die Verordnung sichert ferner den Volksgenossen, der sich bet der Verfolgung eines Verbrechers für dessen Ergreifung persönlich «Infekt, denselben strafrechtlichen Schutz zu wie Polizei- und Justiz­beamten. Im Interesse größtmöglicher Beschleuni­gung der Aburteilung von Straftaten, für welche

diese Vorschriften in Dettacht kommen, ist das Sondergericht für juftärtbig erklärt.

Die Verordnung ermöglicht für den Fall des Versuches und der Beihilfe dieselbe Strafe, die für d i e vollendete Tat vor­gesehen ilt. Wer mit Tötungsvorsatz auf einen an­deren schießt, kann ebenso strafwürdig sein, wenn er fein Opfer trifft wie wenn er sein Ziel ver­fehlt; der Einbrecher, oer gestört wird, bevor er be­gehrte Beute findet, ist ebenso strafwürdig wie der Einbrecher, der seine Tat ungehindert durchführen kann. Die Verordnung ermöglicht es den Gerichten, die Strafe des Versuches und der Beihilfe j e n a ch dem Maß der Willensschuld des Verbre­chers zu bestimmen. Damit befreit die Verordnung den Richter von einem Zwang zur Milderung von Strafe, der ihn in solchen Fällen hinderte, gegen den Rechtsbrecher die Strafe zu verhängen, die ihm nach feiner Schuld und Gefährlichkeit gebührt.

Aus der Giadi Gießen,

prof. Edward-Gießen 70 Jahre alt.

Am morgigen Mittwoch, 13. Dezember, feiert ein Sohn unserer Stadt, Professor Geora Edward, seinen 70. Geburtstag. Edward besuchte in Gie­ßen das Gymnasium, studierte an deutschen Uni­versitäten und trat schon erstaunlich frühzeitig schrift­stellerisch hervor. Nach seinen eigenen Aufzeichnun­gen erschienen seine ersten Aufsätze kulturpolitischer, literarischer und kunstkritischer Art bereits im Jahr 1889. Er war in der Folge geraume Zeit Mit­arbeiter beimGießener Anzeiger", bald sand man aber auch feine Aussätze auch in größten deutschen Zeitungen. Im Jahr« 1893 erhielt sein Leben eine entscheidende Wendung dadurch, daß er für den Weser-Boten" in Bremen nach Chikago gesandt muri),« um von dort über die damalige Weltaus­stellung zu berichten. Zahlreiche Aufsätze erschienen in der Folgezeit in vielen deutschen Zeitungen über sein« Eindrücke in Amerika, das er zu seiner zwei­ten Heimat erwählte, allerdings ohne je die ameri­kanische Staatsbürgerschaff zu erwerben. Stets war er sich bewußt, daß er ein Deutscher war. Sein Wirken in Chikago bestand fast ausschließlich in der Vertretung der deutschen Sache. Er wurde im Jahre 1899 Privatdozent an der North-Western-Univer- sity zu Chikago, 1903 assistierender Professor unb im Jahre 1908 ordentlicher Professor für deutsche Literatur und Geschichte. Geraum« Zeit wirkte er auch an der Universität des Staates Virginia. Ins- gefamt lebte er 40 Jahr lang in den Vereinigten (Staaten. Lebhaft wirkt« er in den Kriegsfahren gegen di« Beteiligung Amerikas am Weltkrieg 1914/18. Dadurch machte er sich drüben unbeliebt und mußte den Dienst an der Universität quittieren. Nachdem er einige Zeit in Südamerika zugebracht hatte, kehrte er wieder in die Staaten zurück, arbei­tete mit am Aufbau des Franlin-Archivs, das aus ursprünglich privater Hand später in den Besitz der Vale-Unlversity überging. In die Zeit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit fielen auch weite Reisen, die ihn nach Westindien, Kanada, Britisch-Guyana usw. führten und ihm gleichzeitig viel Anregung zu stetiger publizistischer Arbett gaben. Nach dem Tode seiner Frau kehrte er nach Deutschland in seine Heimatstadt Gießen zurück, um sich nun hier weiterhin feiner schriftstellerischen Tätigkeit zu wid­men. Aus feiner Feder stammt ein BandBalla­den und Lieder", er verfaßte Roman« unter den TitelnPassatwind" und ,Lns«l Antillia", di« ver­öffentlicht wurden; gegenwärtig beschäftigt er sich mit einigen weiteren Erzählungen, für bi« feine reichen Erlebnisse in weiter Welt den Hintergrund bilden. In ungewöhnlicher geistiger Regsamkett nimmt er auch an den Ereignissen unserer Tage lebhaften Anteil. Wir beglückwünschen den Jubilar und Mitarbeiter von einst zu seinem Geburtstag aus das Herzlichste.

Sauleiter Sprenger spricht in Gießen.

Die von den Ortsgruppen Glehen Süd und OHe- ßen-Ost ursprünglich für den 6. Dezember geplante große öffentliche Kundgebung Ist auf Wunsch des Gauleiters auf den 13. Dezember verlegt mor­gen, da Gauleiter Sprenger Wert darauf legt, in unserer Stadt zu den Volksgenossen zu sprechen. Die große Kundgebung mit dem Gauleiter findet also am morgigen Mittwoch, 13. Dezem­ber, in der Neuen Aula der Universität statt. Es wird erwartet, daß aus allen Familien unserer Stadt zum mindesten der Mann oder die Frau er­scheint; alle Volksgenossen sind zu dieser Kundge­bung herzlich eingeladen.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22.45 UhrDer Zigeuner- baron". Gloria-Palast, Settersweg: Irrtum des Herzens". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Drei blaue Jungs ein blondes Mädel". Oberhessi­scher Kunstverein: 15 bis 16 Uhr Ausstellung rm Turmhaus am Brand.

Meisterprüfungen in Gießen.

Seit dem gestrigen Montag vormittag finden vor einer aus vier Mitgliedern bestehenden Meister­prüfung-Kommission in Gießen unter dem Vorsitz des Setters des Hessischen Hochbauamts in Gießen, Regierungsbaurat Kuhlmann, die Meisterprü- jungen für das Baugewerbe in Oberhessen statt. Di« Prüfung, die im Gewerbehaus in Gießen durchge­führt wird, wurde Montag vormittag in Gegen­wart des Hoheitsttagers im Kreise Wetterau, Kreis­leiter Backhaus, und des stellvertretenden Kreis- Handwerksmeisters Hartmann mit einer kleinen Feier eröffnet. Kreisleiter Backhaus betonte da­bei In einer Ansprache an die Prüfling« di« große Wichtigkeit des ununterbrochenen Fortganges der Arbeit in der Heimat, um auch dadurch unserer Front vor dem Feinde immer wieder neu« Kraft zuzuführen. Mit Genugtuung vermerkte der Kreis­leiter, daß das Handwerk auch in dieser Zeit auf di« weitere Fortbildung des Nachwuchses alle Auf- merksamkett richtet, und daß die angehenden jungen Meister von dieser Möglichkeit bereitwillig Gebrauch machen.

Nach dieser kurzen feierlichen Einleitung begann die Prüfungsarbeit, der sich insgesamt 40 Prüflinge, und zwar 35 Maurer und 5 Zimmerer, aus allen Teilen Ob er-he ff en s unterziehen. Die Prüfung wähtt auch am heutigen Dienstag und am morgigen Mittwoch an und findet morgen ihren Abschluß.

Probebetrieb der Luslschutz-Großalarmanlagen.

Dis zum Kriegsbeginn war es üblich, daß mit den in allen größeren Städten eingerichteten Grah- alarmanlagen von Zeit zu Zelt Uebungen in der Farm von Probealarmen abgehatten wurden. In einzelnen Orten wurden die Sirenen der Groß- alarmanlagen auf ihre Betriebsbereitifchaft durch regelmäßige Betätigung in Form eines Zettsignals z. B. jeden Samstag von 12.58 bis 13 Uhr betätigt.

Mit Kriegsb-eginn wurde dies« Übun-ysmäßige Be­nutzung der Sirenen eingestellt, um eine Verwechs­lung vonProbebettlöb^ und wirklichem Flieger­alarm" auszuschließen.

Inzwischen hat sich der einzelne Dvlksgenosie ein- gehend mit allen Fratzen des Luftschutzes biffaßt. Wenn er heute «in Sirenensignal hört, so unter­scheidet er sofort:Aus- und abschwellender Ton" ...Fliegeralarm" ... also schnell in den Luftschutz­raum!Gleichmäßiger langer Dauerton" ...Ent­warnung", also Gefahr vorbei!

Damit sind die Voraussetzungen gegeben, Me es tragbar erscheinen lassen, nunmehr wieder von Zeit zu Zeit die Sirenen der Großalarmanlagen auf ihre

Betriebsbereitschaff zu überprüfen. Dies« Ueberprü« fung ist dringend notwendig, weil Staub- und Rost- ansatz zur Stillegung der Sirenen führen können, so daß sie bann, wenn sie gebraucht werden, aus­fallen. Der Betrieb schleift und lädt die Verun­reinigungen fort oder zeigt wenigstens, wo etwa bereits an einzelnen Sirenen Fehler aufgetreten sind, so daß schnell Instandsetzung möglich ist.

Für den von Zeit zu Zeit stattfindenden Probe­betrieb gelten folgend« Regeln:

1. Zum Probebe,trieb wird stets das SignalEnt­warnung" gleichmäßiger Dauerten von zwei Mi­nuten benutzt.

2. Die Bekanntmachung des Zeitpunktes des Probebetriebes kann stets nur kurzfristig und ohne Anaabe der genauen Uhrzeit geschehen. Wenn ein Volksgenosse diese Ankündigung übersehen kann, so weiß er trotzdem ...Entwarnung" ohne vorherigen Fliegeralarm" kann nur Probebetrieb bedeuten.

3. He ulton auf» und ab schwellender Ton der Si­renen bedeutet stets auch wenn Probebetrieb angesagt warFliegeralarm" und zwingt zum Aufsuchen des Luftschutzraumes.

Asche.

Don Martin Gaschke.

Schon den Kindern erzählt man das Märchen, daß ein schönes Mädchen nachts auf der Herdasche schlafen mußte, wenn es nicht in der kalten Boden­kammer, dl« ihm von der Stiefmutter zugewiesen worden war, jämmerlich frieren wollte, weshalb man es allgemein bas Aschenbrödel hieß. In die­selbe Asche warf die Stiefmutter Linsen, damit sich die Schöne über dem Auslesen versäume und nicht zu dem allen Landestöchtern verhiehenen Fest im Königsschloß gelangen könne. Aber wie sehr auch das Böse widerstritt, sand der Prinz die im Herzen Erwählte auch im aschenbestäubten Kleide, erkannte sie an der Zierlichkeit ihres Fußes, der sich unterm Rocke hervorschob, well sich das Edle in jeder Ver­kleidung erkennt, und führte sie aus der Armut in die Pracht seines Hofes als die Stunde gekom­men war.

Die Asche, di« mir in diesem Märchen zum ersten Male begegnete, wie oft fand ich fie wieder, durch viele Geschichten und Bücher verstreut! Da saß Hiob vor der Tür, das Haupt mit Asche bestreut, unb Troja sank in Schutt, und die Magd so manchen Liedes, bas wir fangen, blickte am Morgen beim Hahnenschrei erinnerungsschwer in die Reste des Feuers vom vergangenen Tage unb weint«, ohne daß ich ihren Schmerz begriff. Denn wie viele Bei­spiel« sich auch anboten, in denen die Asche nur Tränen gelockt hatte, wollte sie dem Knaben eher als Helfer vieler Freuden erscheinen. Konnte man nicht Kartoffeln in bas heiße Grau schieben, wenn die Feuer auf den Feldern niederbrannten, um sie bann, schwarzumkrustet, herauszustochern und auf- zubrecken wie Muscheln mit mehligen, nach Rauch schmeckendem Fleisch? Unb wie herrliche Empfin­dungen durchströmten mich, bettete ich meinen be­tuppten Kopf in das niedergebrannte Feuer und lag, bi« Wärme im Nacken, auf einem Hang, über den schon das morgengebleichte Stemenheer wan­derte! Wie fern waren mir bann die lockeren Trä­nen der Mägde und die Märchentrauer Aschen­brödels! Auf den Bergen der Erd« lag ich, der Weite des Himmels, der bald feinen Adler schicken würbe, gefährlich bargeboten und doch die Wärme der mütterlichen Erbe tröstlich unter unb In mir.

Und warum sollte man das aufgeschüttete Gelände auf den Hügeln an der Stabtgrenze, dieses von vielen Schluchten unb Löchern burchsetzte Beralanb schmähen, auf das nach unablässig von Pferd«- gejpannen Schutt aebrächt wurde? Gewiß war die Asche von schmutzigem, leblosem Grau und roch übel, sobald em Regen sie feuchtete. Aber bot dieses

Gebiet nicht einen wunderreichen Spielplatz, auf dem man sich, hart am Rande eines Unratberges, merkwürdige Burgen aus Fässern, Steinen, Ma­ttatzen und Blecheimern errichten konnte, die bann der jeweils ««wählte Gegner mit alten Büchsen einzuwerfen suci-en mußt«? Inmitten der Mauer schwelt« ein rauchiges Feuer aus zusammengelesenen Kohlenstücken. Auch entbechen wir oft halbzerstörte Kinderwagen, die sich leicht zu flotten Gefährten umwandeln ließen, so baß man als geschickter Mann nicht zu Fuß zu gehen brauchte, sondern fahren konnte, von versklavten Kameraden geschoben, di« sich nur auf abschüssigen Wegen hinten auftchwingen dursten.

Doch nicht nur bie merkwürdig gebildete Ober­fläche dieses graubraunen Kindergebirges schenkte dem Knaben Freuden, sondern auch bie Tiefe barg Reichtümer und bereitete uns nicht mindere Ent­zückungen als der Schutthügel von Troja feinen Ausgräbern. Ich hatte in dieser Zeit von Schlie­mann gelesen, und wenn ich auch bald auf den Plan verzichten mußte, eine versunkene Stabt aus der Asche zu graben, so fanden sich dort altes Eisen, Kupier und Zinn bie Menge, was wir leicht bei Händlern veräußern konnten. Wir beuteten die Ab- fallbergwerke wacker aus und erlösten manchen Groschen für die Erze, der heimlich dem Bäcker zufloß. Immer war es uns ein selffamer Gedanke, wenn unsere schmutzigen Hande bie Kuchenränber umklammerten, daß diese schmeckenden Gebilde gleichsam aus der Asche gegraben worden waren.

Wann geschah es, daß bie Schuttebene, auf der Melde grünte, Nachtschatten unb spärlicher Beifuß, mehr und mehr an Reizen verlor unb immer ober wurde? Schaute ich nun in bie niebergebrannten Feuer, fühlte ich wohl noch die frühere Freude an den grauen Silbertönen des wie schmerzgekrümm- ten Holzes, doch graute es mir zugleich, wenn ein verkohltes Papier, das nur der Geist eines Papiers schien, emporsegelte, von der ausstrahlenden Aschen­wärme aufgetrieben, und lange über dem gewese­nen Feuer umherschwebte, bis es endlich der Wind entführte unb zerstäubte. Durch manches Gesicht, bas mir bisher lebenbig war, glaubte ich plötzlich auf Aschengrund zu blicken, unb bas wenige Dasein darin schien mir nicht grüner als die bestaubte Melde auf den Abfallbergen der Stabt. Mehr unb mehr wollte mir das Leben zu einem Spute wer­den, aus unsichtbaren Ascheselbern der Seele empor- gedünstet, und oft vermeinte ich grauen Regen vor den Fenstern fallen zu sehen. Wie schmerzten mich die kommenden Ausgräber, bie ein Troja in ber Asche dieses Jahrhunderts erwarteten, einem Schmuck des Driamos, und nichts als einige zer­beulte Blechküoel mit ihrem Spaten ans Licht för­dern würdenl

Trotz ber Mengfte, die aus diesen Erlebnissen em- porgestiegen waren, wagt« ich nach vielen Jahren in Die Vvrstadtlandschaft zurückzukehren, um von den Schutthügeln auf die Stadt herabzu sehen, wo­von ich mir eine traurige Freude versprach. Zu meinem glücklichen Verwundern fand ich einige Leute damit beschäftigt, das Aschenfeld umzugra- ben. Sorgsam lasen sie alle Fremdkörper aus, bie sich neben den wenigen schon fertigen Beeten häuf­ten, und grenzten ihr Eigentum daraus mit Draht gegen bie unkrautüberwuchsrte Wüste ab.

Seitdem lockte es mich immer wieber hinaus auf die Höhe, um den Kampf der Gärtner mit der toten Asche zu verfolgen. Schon hatte man einige Grundstücke mit hölzernen Zäunen umfriedet, hin­ter denen die Frau säte und pflanzte, während ber Mann an einer hölzernen Zuflucht mit Säge und Hammer baute. Als ich im Sommer die Siedler abermals aufsuchte, ragte inmitten ber Salate unb Möhrenwedel eine Lilie empor, weiß und klar wie nicht von dieser Welt. Zunächst wollte ick anneh­men, daß sie in einem eingesetzten Topfe blühe, bis ich auch auf dem umliegenden Gelände Blu­men gewahrte, die üppig aus ber einstigen Asche rankten, und der Fruchtbarkeit dieses Bodens ttauen lernte. Welche Hoffnung schwoll mir ins Herz! Würde es mir auch einmal gelingen, so fragte ich, die Aschenlandschaft, die ein wichtiges Teil meiner Erinnerung einnahm, fruchtbar zu machen und von ihr ohne Erschrecken $u reden grab wie von Acker unb gutberieselten Wresen?

»Jrrfum de« Herzen«.-

Es könnte alles in Wirklichkeit so fein, wie es der Film schildert. Wenn dabei auch dem Zufall viel Raum gegeben ist, so weiß doch wohl jeder- mann, daß die Wirklichkeit mit Menschen und ihren Schicksalen oft noch willkürlicher umspringt, als es je bie Phantasie eines Filmschriftftellers auszumalen vermöchte.

Die Handlung, die dem neuen Film im Gloria- Palast zu gründe fie-at, ist schwerlich auf einen ein- fad)cn Nenner zu vfiinäen, so klar sie auch hn Aufbau und Ablauf erscheint. In vielen Szenen walten subtilste Empfindungen unb geheimste Spannungen zwischen Menschen untereinander. Im einzelnen geht es um den Chefarzt in einem aro- ßen Krankenhaus und um feine Operationsschwester, Me fett Jahren neben ihm arbeitet, ihn liebt und verelmt, ohne daß er heften bei feiner Versunken­heit in seine ärztliche Mission gewahr und er ft auf» merksam wird, als sie chn verlaffen will. Am Weih­nachtsabend follte sich nun eine glückliche Gelegen­heit zu einer Aussprache, vielleicht sogar zu einer gegeNftlttgen Erklärung bitten^ aber der Zufall ver­

hindert fie. Und statt des verehrten Amtes tritt bann plötzlich ein anderer Mann, der fchneldi« Flugkapitän, in Schwester Angelikas Leben und sie gerät in Zwiespalt. Ihre Liebe aber fällt bem jün­geren Manne zu, ber Arzt muß verzichten unb wird auf feine ärztliche Mission zurückverwiesen.

Der Film, dessen Handlung hier nur tn gröbsten Umrissen angebeutet fein kann, vermittelte den dar­stellenden Künsttern eine Füll« ber schönsten Aus­gaben. Paul Hartmann gab ber Gestalt bei Chefarztes Züge einer Ausgeglick-enheit und mensch­lichen Reif«, die zu rückhaltloser Bewund«rmrg berausforberhm. Außerordentlich eindrucksvoll zeiat ihn das SchluhbiD. Von feiner Spannung sind die Auseinandersetzungen mfrt seinem Sohne (Karl Ludwia Schreiber) getragen. Leny Maren- bad) steht als Schwester Angelika mit aller frau­lichen Zurückhaltung bem Arzte gegenüber und ver­anschaulicht mit sparsamster Mimik die Verehrung, die sie dem Chef entgegenhringt. Nicht ohne Er­schütterung folgt man den Szenen, die sich zwischen beiden auf immer ander« Weise ergeben. Die Ober­schwester wird von Käthe Dorsch verkörpert, die ihre Rolle mit einer erstaunlichen darstellerischen Intensität erfüllt. Ratend unb helfenb, ausgleichend und unheilverhütend bewegt sie sich zwischen den Hauptpersonen und verfolgt klaren Auges das Ge­schehen im Bannkreis ihrer dienstlichen unb mensch­lichen Verpflichtungen. Mit schönem inneren Frei­mut stellt Hans S ö h n k e r den unternehmungs­lustigen, draufgängerischen Fluakapttän dar. Grethe Werfer bringt als lebhafte, romantisierende Schwester Therese einige Heiterkeit in den Filni. Die Regie für diesen Bavaria-Film führte Bernd Hofmann. Im Beiprogramm gibt es neben der Usa-Tonwoche einen Landschaffsfilm von der Zugspitze zu sehen. Heinrich Ludwig Neuner.

Robert Koch« Geheimnis.

Robert Koch, ber große Bakteriologe, fragte eineff jungen Arzt, der ihn ehrfurchtsvoll in feinem La­boratorium besuchte:

Raten Sie, was hier in diesem gugeberften Tops auf bem Spirituskocher kocht?"

Kugelbakterien!"

Nein!"

Streptokokken^

Nein!"

Spirochäten!^

Nein!"

Dann bin ich am Ende meiner Weisheit und kann es nicht raten, Herr Professor!"

Darauf Koch, inbem er den Deckel hockhob: ^Würstchen, mein Lieber« Frankfurter Würtzch«