n./l 2. November 1939
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 265 Zweites Blatt
Baltische Burgensahrt
Don Or. Paul Rohrbach
Von eng!ischenFrauen,Sandsälken undAachiklubs
KRÄNCHEN
für
ihre
ent-
begluckend wirkt hoch ein aufgeräumter Mensch!
fragte er- gleich, t. Als sie den
„Und die Ante?
Mann in der
dieses kleine Beispiel ist ebenso wichtig, denn es
Front das große
sten wie im größten Kreise; während vor dem
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Zx^n bem ® Ulfen«! bi* Not ruft; ober er tämpft nicht um des Kampfe. Form unseres Volkes entfpnogeuden Telaffenheit
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fVs ist die Hei* des kleinen, munteren, blitzblanken Beispiels für die in der Heimat gekommen, roäl)« rend die Front das große Beispiel auffteüt. Aber
Von der Gelassenheit
Von Zosel Moonus Wehner.
gleich verstand.
Dirks hatte schon umgeschnallt, da gingen sie noch zu Anke fyinein. Ante lochte wieder^srnd strampelte vergnügt mit den Beinen. Mit einemmal aber lag die Anke ganz ruhig und sah Dirks lange an, als überlegte sie. Dann blies das Kind die Backen
Nichts wäre verkehrter als der Glaube, der ge-Tichkeit, die herzliche Hilfsbereitschaft des zuverlasst, lassens Mensch habe weder Feuer noch Leidenschaft; gen Kameraden. Unterdrückt jede Aufregung, Der» er hat vielmehr beides, nur hat das Elementare wandelt Sorge in Sorgfalt, Unrast in Arbeit, Um in ihm seine Fassung und damit seine größte Wir-! mut in Mut. Seid heiteren Sinnes, räumt ieden kungskraft gefunden. Jeder Handarbeiter weiß, daß Morgen in euch se'ber auf: wie belebend, befreiend, in einem richig geführten Hammerschlag mehr Kraft -1-6k v— —
steckt, als im blindwütigen Drauflosichlagen. Jlur schwache Menschen sind unruhig und hauen daneben, der ruhige Schütze trifft meistens in»
Der Schweizer Dichter Jakob Schaffner wird am Montag im Goethe-Bund aus eigenen Werken lesen.
Schwarze. dieses kleine Beispiel ist ebenso wichtig,
Gelassenheit ist auch nicht zu verwechseln mit hilft mit siebzig Millionen Annen den zebi
Gemütskälte; sie ist im Gegenteil gesammelte, gleich- nen Armen, die draußen an der Front o „ _ bae Jlotröenblae im rechten Augenblick zu tun. mäßige Wärm- kein Feuer freilich, fonbem Licht. Feuerrad wälzen. Keiner ist auegefchloffen. feder ist Seine AN weckt Vertrauen und G-horfam im klein- kein Bich, fonbem eher der Kerze verglich-! mit i-b«n,v°rbunben inaner un^Eltzbaren selb».
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He da Herausfamen.
Zwei Tage blieb Dirks. Immer war Charlott im ihn. „Rühe dich doch ein wenig aus!" mußte <r die Eifrige bitten.
„Nein!" sagte sie, „das kann ich noch genug, öenn du wieder weg bist!"
Sie packte eine Sachen.
„Was soll ch denn mit den vielen Zigaretten?" fragte Dirks, „die kann ich mir doch auch dort taufen!"
bürg; hier mar der Sitz des Landmeisters von Livland. In Wenden spielt der letzte, heroisch-verzweifelte Akt nach dem Untergang des Ordens rm ungleichen Kampf mit Iwan dem Schrecklichen. Der Zar belagerte das Schloß. Dor seinen Kanonen wankten Mauern und türme, und die Eingeschlos- senen wußten, welche Martern ihrer harrten, wenn den Russen der letzte Sturm gelang. Da sammelten sie sich, mehrere hundert Männer, Frauen und Kinder, in der Schloßkirche, unter der viele Fässer mit Pulver lagen, fangen noch einen Ehoral und nahmen mit einander das Abendmahl. Danach zündete der Rittmeister Heinrich B o i s m a n n das aus geschüttete Pulver mit einer langen Lunte durch ein Fenster an. Die Explosion verbrannte und begrub alles unter dem zusammenstürzenden Mauerwerk. Nur Boismann, der schwer verwundet hinausgeschleudert wurde, kam vor den Zaren und wurde auf dessen Befehl, schon sterbend, noch gepfählt!
Der Raum selbst, ohne Dach und mit geborstenen Mauern, isk erhalten. Auch von den mächtigen Türmen des Schlosses stehen noch mehrere, mit mas- siven Zwischenbauten. In einem Turmgemach, des- sen Sterngewölbe noch erkennbar ist, feierte zur Zeit der deutschen Universität Dorpat die Landsmannschaft Livonia alljährlich einen Kommers. O alte, verklungene Burschenherrlichkeit! Als ich Student war, ging noch keine Eisenbahn zwischen Riga und Dorpat. Man führ die 210 Kilometer mit Postpferden in 24 Stunden, im Winter in einem breiten Schlitten zu Fünfen nebeneinander, in lange Fahrpelze und wärmendes Stroh gepackt. Wenden
Anke ging es gut. — , Uniform sah, schien es einen Augenblick, als würde fe meinen; dann lachte sie aber. Sie machte den IC ei nen Mund rund — komische Laute waren es.
" TV™5 diele fianb bat Heilkraft; sie entwirrt das genb der Daheimgebliebenen, sozusagen eine Ofen- die Tugend der Reife? Sie heißt, meine lieben Verworrene, stillt den aufbegehrenden Trotz, hebt tugenb, eine Stubenhockertugend^ der Feldherr Mitmenschen: Gelassenheit.
Gelassenheit ist die Tugend der Reife. Sie springt einem ruhigen Herzen und schafft m ihrem Umkreis jene stille Sicherheit, jenen Schimmer von entschiedener Güte, die das Zeichen eines starken Menschen ist. Alle großen Dinge der Natur, die wir ewig nennen, atmen diese gelassene Ruhe: as Gebirge, das mit gesammelter Macht unter den Wolken thront, gegürtet mit der Weltruhe eroiaen Eises; der grüne, weite, unenbliche Wald; die sonneflimmernbe Heide; ber Strom, ber unsere Gedanken mit fortnimmt in die Ferne; der eferncn- Himmel über uns und bas moralische Gesetz in uns.
Der gelassene Mensch weiß sich in Ueberemsttm- mung mit dem ewigen Recht; tapfer erhebt er sich, wenn dieses Recht verletzt wird und stellt die Ord- nung der Dinge wieder her; er wahrt den Gleichmut auch im Ausnahmezustand und weiß immer das Notwendige im rechten Augenblick zu tun.
Die sind dann aber nicht von mir!" sagte Ehar. Idas Gefallene auf und bringt die Verirrten wieder Ibraucht sie ebenso wie der einfache Soldat m den lott ein wenig beleidigt, daß der Mann das nicht1 auf den rechten Weg. Und wie weiß sie die sogenannten kritischen Augenblicken. Man denke hier ' " * | Kranken zu beruhigen, den Unglücklichen zu Helsen, nur an die Gelassenheit Ludendorffs und Hinden-
Urlaub von der Front.
Don Katrin Franke.
Spat am Abend war der Gestellungsbefehl ge- Ivmmen. Nun wird Jie gleich weinen — hatte Dirks gedacht. Aber Charlott hatte nicht geweint: wenn is ihr wie Weinen hatte werden wollen, war sie unter einem Vorwand für einen Augenblick ins skebenzimmer gegangen.
„Dein Rasierzeug mußt du doch auch mitneh- inen?" hatte sie durch die offene Tür gefragt.
Ja, das müßte er mitnehmen, hatte Dirks ge- antmortet — und am nächsten Morgen war er bann iseggefahren. Es war sehr früh: Anke schlief noch.
„Willst du Anke nicht Ade sagen?" hatte Char- lott gefragt, und über ihre Worte lief es nun doch tote Tränen.
„Natürlich, die Anke!" hatte er sich entschuldigt unb war an das Bettchen getreten. Er wäre von fetbft nicht hinge gangen — er hatte sich dieses Schwere ersparen wollen. Ein Kind weih von richte: der Vater geht weg — und was tut Anke? Belacht hat sie und mit den Händen hat die Anke gespielt wie jeden anderen Tag!
„Wenn.du wiederkommst, kann sie vielleicht schon Etwas sagen", hatte Charlott gemeint — und bann hatte der Mann wirklich gehen müssen. *
3m Geiste Schliessens.
von Major a O von Keifer.
Es gibt wohl kaum einen Feldzug in ber Ge- chichte, ber uns in so ausgesprochener Weise den entscheidenden Einfluß ber Führung auf den Ausgang der Kampfhandlungen unb des Gesamtkrieges vor Augen geführt hat wie ber nun hinter uns liegende Feldzug in Polen. Das soll ein kurzer Ueberdlick über die polnischen und die deutschen operativen Absichten unb Maßnahmen bartun.
Aus polnischer Seite fehlte vollkommen die klare Einschätzung ber eigenen Lage, ihrer operativen Vorteile unb Nachteile. Anstatt den Vorteil ber „inneren Linie" gegenüber den in weitem Bogen um die polnischen Grenzen aufmarschierten deutschen Armeen auszunutzen unb dementsprechend sofort bei Kriegsausbruch mit versammelter Hauptmacht gegen einen Teil des deutschen Heeres die Entscheidung im Angriff zu suchen, um nach erfolgtem Siege blitzschnell sich gegen einen anderen Teil zu wenden, zeigt der Aufmarsch ber polnischen Armeen klar, daß die Heeresleitung überhaupt keinen eindeutigen Entschluß über An- griff oder Abwehr gefaßt hatte. Zwar hat sie offenbar die naheliegende Absicht eines Angriffs auf bas abgeschnittene O st p r e uß e n gehabt, wie aus ber Konzentration starker Kräfte im Korridor und südlich unb östlich Ostpreußens her- vorgeht. Dazu aber hätten die Polen ihre Hauptmacht etwa nördlich Warschau unb nicht in dem Raum um Posen unb südlich davon versammeln müssen. Mit dem Gedanken, mit dieser ihrer stärk- sten Armee eine Flankenstellung gegen etwaige deutsche Angrifssoperattonen aus Pommern unb Schlesien zu beziehen, machten sie sich von Anfang an von den deutschen Operationen abhängig. Zudem war die Gefahr, von beiden Seiten selbst umfaßt zu werden, anstatt den Gegner zu umfassen, in diesem weit nach Westen vorspringenden Raume von vornherein sehr groß. Auch hinsichtlich ber im Raum zwischen Krakau unb Lemberg über- mäßig weit auseinandergezogenen polnischen Süd- armee fehlte offenbar ein klarer Entschluß zum An-
Segewold, Mitte Oktober 1939.
Im mittelalterlichen L i v l a n b zählte man über 140 Burgen unb feste Schlösser, die teils dem Deutschen Ritterorden, teils den geistlichen Landesherren achörten. Einige davon, so Wenden unb Fol - Lin, die beiben Hauptburgen des Ordens, und Neuhausen, die Grenzfeste gegen Rußland, waren gewaltige Anlagen, die selbst im Reich nur wenige ihresgleichen hatten. Fast alle liegen heute in Ruinen ober sind ganz verschwunden. Stark umgebaut existteren noch die Ordensschlösser in Riga unb Reval; gut erhalten sind Narwa in Estland, Windau in Kurland unb das Bischofsschloß von A r e n s b u r g auf der Insel Oesel. Gerade Windau unb Arensburg würben jetzt eben von ben Sowjetrussen besetzt. Heute habe ich eine für mich denkwürdige Fahrt von Riga durch bas Durgen- gebiet an ber livländischen Aa gemacht.
Der baltische Herbst trägt die 'Farben Grün und Gold. Dirken und Ahorn flammen neben der rpt- ftämmigen Kiefer unb dem blanken, dunklen Tan- nengrün. Bis an den Jägelfluß, 7 Kilometer, dehnen sich die Vororte von Riga. Dann zieht die breite Heerstraße durch Wald und Feld. Der lettische Bauer siedelt nicht in Dörfern, sondern wie der westfälische in Emzelhofen. Deren Zahl hat sich gegen früher stark vermehrt, da alles Land der ent* eigneten baltischen Gutsbesitzer an frühere Landarbeiter aufgeteilt ist. Ein kleines Restgut, meist nur 50 Hektar, rm nordischen Klima, ohne Mittel zur durchgeifenden Meliorierung, zum Leben zu wenig, ;um Sterben zuviel, wurde ben Depossedierten be. lassen. Die alten Herrenhäuser verfallen teils, teils werden sie für Post unb Schule, als Molkereien, Forsthäuser und dergleichen verwendet. Manchmal cheint der Himmel durch ein zusammen geb rochen es Dach auf die entleerten Stätte einer alten unb feinen Kultur.
Eine Autostunde von Riga führt eine große moderne Drücke über die livländische Aa, einen
Im arDH.en .......t har, die > innig beruhigt. Auch der gelassene sicheren Gemeinschaft, die ihre Kraft ichöpst aus
unrudiMN M-nlchsn alle Wehn fliehen und sich Mensch weiß zu stürmen und zu kämps-n, wenn di- dem M<n Quell einer zeitlosen, aus der enngen unruy g i a ____..__K__m.r.ttAv,A« hi« , mnt mH- mfear »r MmnW ntrh* nm he« G'rttnnfo# ftnrm inrfprtxi Nolkt»q enHnrtnaenben Gelallenbett.
feinen Augen unterzugehen scheint; er sieht hinter jedem Abend den ersten Strahl bes Morgens, hinter jedem Opfere bie Flucht, jenseits alles Kampfes den Sieg. Er ist der Mensch bes wägenden Gleich- gewichts, des gerechten Urteils, kurz ber überlegene Mensch Ein Volk im Kampfe wirb umso eher siegen, je mehr gelassene Menschen es in seinem Schoß birgt Denn der gelassene Mensch ist auch der zuverlässige Mensch, ber treue Mensch, ber
machte, um bie viele Luft herauszulassen, war ein ( kleines Wort in dem Hauch ein geschlossen. i Haber
„Kind, gutes!" rief Dirks. oi
„Sie hat Papa gejagt!" erklärte Charlott, die .
in diesem Augenblick unsagbar stolz war, denn sie hatte doch bas Kind, das Papa jagen konnte, zur Welt gebracht!
Dann war es aber Zeit, daß Dirks ging. „Es ist gleich elf Uhr!" mußte Charlott erinnern.
Dorthin ging Dirks, wo Männer am meisten SPinber tun können ...
Die englische Frau ist im allgemeinen wohlträ- niert und in ihrer charakterlichen Haltung kameradschaftlich, soweit sie den oberen unb mittleren Klassen angehört. Nach unten zu- besonders in den Elendsvierteln, nimmt der Einschuß vulgärer Haltung nicht nur bei den Männern, sondern auch bei ben Frauen rasend schnell zu. Wir gehen noch weiter: bie halbwegs gepflegte englische Frau ist nicht kühl unb temperamentlos, nicht fischblütig, wie es gelegentlich vorn „Hörensaaen" nachgesprochen wirb. Aber die englische Frau ist vielfach sehr unbefriedigt. England ist das Land ber männlichen Gesellschaft. Sport- unb Klubleben entziehen ben Mann viel mehr als bei uns dem häuslichen und familiären Leben. Auch Engländer selbst empfinden bas englische Loblied auf das „sweet Home" (wunderschönes Heim) als eine Verkennung dessen, was eine wirklich gepflegte Häuslichkeit in Wahrheit bedeutet. Seit dem Weltkrieg sind sehr viele englische Frauen berufstätig, um nach außen hin eine gewisse Lebenshaltung aufrecht erhalten zu können. Der Rückgang ber Geburtenziffer ist enorm.
Aus biefem Hintergrund entwickelte sich schon im Weltkrieg und auch jetzt wieder ein Kriegs- enthusiasmus der englischen Frau, der in seiner Eigenart auf uns als unweiblich wirkt. Dieser Kriegsenthusiasmus trägt alle Züge bes Suffraget- tentums, der Wahl re cht s -W e ib er, die etwa um 1913 so viel Aufsehen erregten. Es ist nicht mehr ein Enthusiasmus sondern ein Fanatismus. Es kann heute in London jungen Amerikanern, die eine Gaststätte betreten, sehr wohl passieren, daß sie von den Damen der Gesellschaft unverblümt gefragt werden, warum sie keine Uniform tragen. Die Frage ist zugleich unendlich naiv. In ihr schwingt die Vorstellung mit, daß, wer Uniform trägt, auch allein ber Landesvertetdigung dient. Man kann sich sehr leicht vorstellen, daß unter solchen Umständen Die Uniform in einem angeblich so unmilitärischen Land wie England einfach eine Modesache wirb unb daß ihr eigentlicher, wohlverstanbener Sinn sehr erheblich zu kurz kommt.
Die englische Regierung hat auch sofort bei Kriegsausbruch mit dieser Eigenart des weiblichen Beoolkerungsanteils gerechnet urtb zur Befriedigung dieses Kriegsfanatismus etwa eine Million Frauen „mobilisiert". Es ist richtig, daß ein kleiner Teil dieser Frauen dem weiblichen „Hilfsterritorial- korps" zu geteilt worden ist. Aber die meisten Frauen sind als Pflegerinnen oder auch als „Luftschutzwarte" tätig. In unferm angeblich so militaristischen Deutschland gebraucht kein vernünftiger Mensch in
diesem Zusammenhahge das Wort von der „Mo- bilisatton von einer Million Frauen". Für uns sind bas ganz selbstverständliche weibliche Hilfsdienste, bie nicht mit dem Wortgepränge militärischer Fach- ausbrürfe umhängt werben. Wahrscheinlich ist bas aber wieder einmal ein besonderes „Raffinement" des blutgierigen deutschen „Militarismus". Schon bie alten Griechen wußten, daß gegen Dummheit die Götter selbst vergeblich kämpften.
Der starke Einsatz von Frauen in dem Luftschutz d i e n st hat aber nun keineswegs dazu pei- getragen, daß die Abwehrvorbereitungen gegen Bombenangriffe besonders gründlich ober auch nur vernünftig durchgeführt worben wären. Man hat schon einiges getan unb sogar sehr viel getan, aber man hat sich bei all diesem geschäftigen Tun nichts überlegt. So sind Gebäude unb besonders Geschäftslokale durch stockwerkhohe Sandsäcke geschützt, für die Brettergerüste aufgebaut worden find. Nun wurde aber auch das, wie überhaupt alles in England, improvisiert, unb bestimmend war nur bie „totsichere" Erwartung, daß längstens 24 Stunden nach ber englischen Kriegserklärung ein deutscher Bombenregen über den englischen Städten medergehen werde. Da aber nichts dergleichen geschah, so treten jetzt die Mängel dieser improvisierten Vorkehrungen umso krasser zu Tage: In der ewig feuchten englischen Luft faulen die Säcke sehr rasch, der Sanb wird durch Die Feuch- tätigfeit schwer und droht, die Bretter zu durchbrechen, unb bie Gerüste beginnen aus den Fugen zu gchen, weil sich das Holz infolge der Feuchtigkeit ausdehnt.
Für allen jungen Engländer tft Frankreich und besonders Paris das Paradies, wo sie den strengen puritanischen Sitten ihres Heimatlandes entrinnen. Aber mit diesen puritanischen Sitten hat es seine besondere Bewandtnis. Vielleicht nur noch in Neuyork sind die Nackttänze in den großen Ausstattungsrevuen so drastisch wie in London. Unb in ben Seitengassen tun sich die Nachtklubs auf. Jeder darf mitmachen, ber sich (wohlgemerkt: für diesen Abend!) durch einen Jahresbeitrag als Klubmitglied einkauft. Whisky wird nur in Flaschen, und zwar zum fünffachen Preis der Ladengeschäfte verkauft, unb das (behördlich vorge schriebe ne) Butterbrot zu den scharfen Alkoholika kostet wirklich und wahrhaftig 5 Schillinge ober 2,50 RM. Jetzt ist im Unterhaus eine Anfrage eingebracht worden, in ber geklagt wird, daß bie jungen Offiziere von diesen Nachtklubs „magnetisch angezogen" unb nach allen Regeln der Kunst „ausgewogen'7 werden.
werben wollen unb verbürgt schon durch sein bloßes Dasein ben Sieg über drohende Widerständ!:. Dem Gelassenen kann auf bie Dauer nichts widerstehen. Geduld ist das Geheimnis jeden großen Sieges, der bas Wachstum von künftigen Jahrhunderten wie eine unaeheure Knospe in sich trägt.
Gelassenheit steckt ebenio an wie Unrast. Wie der unrafrige Mensch seine Umgebung zum Flackern bringt, so daß bald alle Dinge sprunghaft ihren Platz wechseln und wie verhext übereinanderfallen, (Mensch ber letzten Bewährung; er tritt hervor, ebenso hält ber gelassene Mensch dieselbe Umgebung wenn es ernst wird, freiwillig, bewußt unb stolz im Frieden seiner ruhigen Kraft. Ist es nicht merk-! und nimmt die schwerste Last, bie Last ber zwölf- würdig, baß gelassene Menschen am meisten Glück ten Stunde, auf seine Schultern.
haben? Sicherlich fühlt sich das Glück am besten | (£in jeder von uns kann sich zur Gelassenheit er- in der Gelassenheit aufgehoben, deshalb läuft es ziehen. Zeigt in euren Begegnungen mit den Nach- solchen Menschen geradezu nach und bleibt ihnen bam, den Mitmenschen auf der Straße, im Getreu wie der Hund feinem Herrn. schäft, auf der Straßenbahn die unentwegte Freund-
Eines Tages, fünf Wochen später, tarn Dirks tuf Urlaub. Charlott hatte ihr bestes Kleid an- cezvgen — ber Mann spürte sogleich, daß die irrau sich dorgenommen, ihm in den paar Stunden Urlaub alles zu fein.
war eine Hauptstatton für den Pferbewechsel. Man rollte sich aus dem Schlitten, stapfte in bie Herrenstube der Station, tränt einen Punsch unb noch einen ober mehrere, unb rollte sich wieder zur Weiterfahrt ein. 3m Sommer konnte die Fahrt auch drei Tage oder eine Woche dauern!
Noch ein letztes Abschieds winken zur altvertrauten Ruine — dann ging es weiter nach Setze- w o l d. Hier, noch eine Stunde vor Riga, öffnet sich der Blick in das breite und tiefe romantische Tal, das sich die Aa in den roten Sandstein ge» graben hat, der bie bünne, eiszeitliche Schuttbecke unterlagert. Die Balten nennen bas Aa-Tal bei Segewolb bie livländische Schweiz. Drei Burgen wurden hier zur Ordenszett in fester Lage oben am Talranb erbaut. Am beherrschendsten lag Tre y- b e n. Don der Höhe seines mächttgen, aus dunkel, rotem Ziegelmauerwerk errichteten Turms wollten wir diesem Stück Heimaterde Lebewohl sagen. Der rote Turm von Treyden ist ein Wahrzeichen bes Balten! ander. Schon begann es leise zu bunt ein, aber gerade im schwindenden Licht war ber Anblick bes Tals mit der meilenlangen, grüngoldenen Symphonie seiner waldbestandenen Wände unbe- schreiblich schön — unb wehmütig.
Wie schimmern dort gleich flammend Gold, Dom Abendrot beschienen,
Cremon, Toreyba, Segewolb, Mit klagenden Ruinen!
Eine hundert Jahre alte sentimentale balttsche Sttophe. Uns aber klang sie an diesem Tage aus ttefstem Herzen.
die Verzweifelten zu trösten. Die Hanb des ge- bürg5 im kritischen Augenblicke ber Tannenberg« lassenen Menschen leitet ben Strom unmittelbar! schlacht, bie nur badurch zum größten Sieg der aus dem Herzen in bie Welt, unb dieses Herz hat Ostkrieges wurde.
die Wärme gebundenen Lichtes; es ist eine Der-1 Man muß ben waltenden Mächten, den gött- iwenegre pe. x>ann um» uu» «w v« , büUte Sonne, um die sich gerne bie unruhig eilen- lichen wie ben Kräften der Natur ihr« Möglich-
voll Luft, baß sie ganz rund und rot wurden wie; den Sterne sammeln, um Richtung und Gesetz,1 teilen lassen, zu wirken. Das tut ber gelassene
Aepfel im September. Als Anke den Mund auf-1 Maß unb Ziel von ihm zu empfangen. Mensch unb barum ist er gesegnet; er hat ben
""" ""! So sicht der gelassene Mensch als ber Befehls- großen Ueberblitf über ben unzerreißbaren Zu-
.;über immer in der Mitte; er führt auch im grötz- sammenhang; darum bringen ihn kleine Verlusts
! ten Aufruhr bie Menschen zu sich selbst zurück, er nicht äus ber Fassung; er weiß ja, baß an einem
j entbindet ihre brängenben Kräfte, bie ja auch reif anderen Orte wieder kräftig aufersteht, was vor
™™-fr.„ ..„x (a.aw XnrA (aih kTa« OfiiAdn ifm11ffipht hinter
^luß wie die Saale. Wir machten einen kleinen llmroeg, um ein unscheinbares Gutshaus in einem romantischen Park zu besuchen: Quellenhof, früher Witwensitz einer Gräfin Tiesenhau - 1 e n. Sie war befreundet mit Bismarck; der Kanzler bekam von ihr einige seiner aroßen Doggen «schenkt, auch den berühmten Reichsyunb „Tyras". Mellenhof ist Restgut. In den Zimmern wurden ;ur Repatriierung nach Deutschland Möbel verpackt. Ein langes, schon zerfallenes Mockhaus im Park beherbergte einst zur Sommerzeit die vielen unb häufigen Gäste der Gräfin. Weit, weit liegen die Zeiten zurück!
Bald war Groß-Roov erreicht, ursprüntzlich i'in festes Schloß des Erzbischofs von Rigg, später ange Zeit im Besitz derer von Rosen. Um dies balttsche Geschlecht geht eine blutige Sage von tra- rischem Siebe st eib unb grausamer Daterhärte. Ein nosen, heißt es, habe bem Jüngling der die Tochter <rus dem Turm bes Schlosses entfuhren wollte, die Strickleiter durchschnitten, den Herab gestürzten von Hunden zerreißen lassen und die wahnsinnig gewor- bene Tochter bis an ihr Ende gefangen gehalten. Noch ist die Mittelalterliche Anlage Des Schlosses wohl erkennbar. Burg unb Kirche bilden bei diesem geistlichen Wehrbau einen Komplex. Nach ber alt- losettschen Zeit war Roop in vielen Händen. Auch ler berühmte Feldmarschall Lacy, ein geborener Ire im Dienst Peter des Großen, hat es besessen. 2or einigen Jahrzehnten wurde es von einem Rosen, im Andenken an die Vorfahren, erworben. Dem alten Herrn, einer lebendigen Chronik balti» scher Geschichte, galt unser Besuch. Inmitten des Dämmerns und Schraubens, womit Ahnenbilder, alte Mahagonimöbel, seltenes Porzellan und anderer kostbarer Hausrat für den Transport nach Deutschland verpackt wurden, klang bie Stimme bes Siebzigjährigen: Deutschlands Führer ruft uns, d»a gibt es kein Zögern, selbst dann nicht, wenn es jilt, einen Strich unter sieben deutsch-baltische Jahr- >üriberte zu machen! — Mitten im Aufbruch gilt Doch baltische Gastfreundschaft.
Noch eine Stunde weiter sind wir im Städtchen Wenden. Das Schloß ist die livländische Marien-


