Hr.36 viertes Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
B./lZ.8ebruarl9ZY
Arbeit und Ziel der Heeresfachschule.
Ein Besuch in der Lehranstalt für langdienende Soldaten des Standorts Gießen.
Auch eine Fremdsprache — Englisch — wird gelehrt.
>
* *
TtUhb
■- .
der Heeresfachschu- i e n. Ihr Ziel wurde wie folgt festgestellt: „Der Lehrplan mit seiner starken Hinwendung zum militärischen und bürgerlichen Wert der soldatischen Erziehung führt den Mann zu klaren Entscheidungen." In der Reichswehr (Heer und Marine) mußten alle Soldaten die Fachschulen zur Vorbereitung auf den späteren bürgerlichen Beruf besuchen. Diese Regelung brachte damals in großen Garnisonen eine Stärke der Schülerzahlen, die um tausend herum lag. Viele ehemalige Reichswehrsol- daten haben diese Schulen mit gutem Rußen für ihren Zioilberuf und da- mit auch für ihr Wirken in der Volksgemeinschaft besucht.
Unsere Wehrmacht hat es stets als eine besondere Verpflichtung angesehen, den nach langjähriger Dienstzeit aus dem Heere ausscheidenden Unteroffizieren eine gute Berufsausbildung für das Zivilleben zu vermitteln und ihnen bei den Bemühungen um eine Anstellung fördernd zur Seite zu stehen. In der alten Wehrmacht war zu diesem Zwecke der Kapitulanten-Unterricht geschaffen, in dem sich die älteren Unteroffiziere, wenn das Ende ihrer Dienstzeit allmählich herannahte, ansehnliches Wissen für ihren späteren Beruf erwerben konnten. Diese Männer wurden dann auch für eine gewisse Zeit, durchweg wohl ein halbes Jahr, von ihrer Truppe zur Dienstleistung bei einer Behörde oder dergl. beurlaubt, damit sie dort Probedienst leisten und feststellen konnten, ob und wie die Aussichten für ihr Fortkommen waren. Der größte Teil unseres vorbildlichen, im Dienst für Volk und Vaterland bewährten Beamtentums ist in seinen jungen Jahren diesen Weg gegangen, und der soldatische Geist, den diese Männer aus dem Heere in das Zivilleben Mitnahmen, hat sich in segensreicher Weise für unsere Volksgemeinschaft ausgewirkt.
Die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 hat an der Bedeutung der Heeresfachschule nichts geändert, denn die Versorgung, in deren Dienst sie steht, ist und bleibt eine staatspolitische Frage ersten Ranges. Die Heeresfachschule wird jetzt nicht mehr von allen Soldaten besucht. Der nur seiner zweijährigen Dienstpflicht genügende Soldat ist nicht schulpflichtig. Schüler der Wehrmachtfachschule ist nur der zwölf Jahre und länger dienende Berufssoldat des Unter- offizierstandes. Die Schulpflicht besteht vom neunten Dienstjahr ab für die Klasse A 4. Rach dem Besuch dieser Klasse entscheidet es sich, ob der Mann für die Prüfung II oder I geeignet ist. Wer den Anforderungen der Prüfung II nicht gewachsen ist, besucht den Unterricht erst vom elften Dienjtjahre ab wieder in der Klasse B 2. Die anderen Männer besuchen den Unterricht in A 3, A 2 und A 1, nach dem Besuch der Klasse A 1 findet die Abschlußprüfung II statt. Die Schulbesucher vom neunten bis zum elften Dienstjahr müssen vormittags ihren militärischen Dienst tun, ein- bis zweimal wöchentlich besuchen sie nachmittags den Unterricht. Im zwölften Dienstjahr gehören diese Männer ganz der Schule, sie sind von jedem militärischen Dienst befreit. ' *
Es gibt drei Gruppen von Heeresfachschulen: für Verwaltung (V), Technik (T), Landwirtschaft (L). In Gieße n haben wir für den Standort Gießen eine Heeresfachschule für Verwaltung (V), die von den zwölf Jahre und länger dienenden Berufssoldaten der Gießener Truppenteile besucht wird. Die Heeresfachschule (V) hat den langdienenden Soldaten auf den Beamtenberuf vorzubereiten. Sie vermittelt die dafür erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten. Im Einklang mit der militärischen Erziehung schult sie ihn im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung. Die Heeresfachschule (V) führt zwei Lehrgänge (A und B). Lehrgang B bereitet auf die Abschlußprüfung I vor; sie ersetzt die Vorprüfung für die einfache mittlere micht- technische Beamtenlaufbahn. Lehrgang A ist die Vorbereitung auf die Abschlußprüfung II; diese
Es ist ein großes, unvergängliches Verdienst des Organisators unseres einstigen 100 000 - Mann - Heeres, des verstorbenen Generalobersten von Sceckt, daß er in der kleinen Reichswehr die Einrichtung für die zivilberufliche Ausbildung der lang- dienenden Soldaten neuzeitlich und erheblich ausbauen ließ. Das Jahr 1921 brachte den Aufbau
Maschineschreiben nach dem Zehnfingersystem — sehr wichtig!
Chemie-Unterricht dient besonders dem Verständnis des Vierjahresplanes.
<•
UM K'M-. ü
wird der Primareife gleichgewertet und gilt als Ersatz für die Vorprüfung für die gehobene mittlere nichttechnische Beamtenlaufbahn. Die Heeresfachschule (V) in Gießen hat ihre Unterrichtsräume in dem Gebäude der sog. Alten Klinik.
*
Der gesamte Unterricht ist vom Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauunggetragen. Reben der Rationalpolitik sind Deutsch, Geschichte und Erdkunde die wesentlichsten Träger der national- politischen Erziehung, die durch das maßgebliche Lehrbuch „Das neue Deutschland im Werden durch die Monatsschrift „Die Wehrmacht - Fachschule", durch den Lese
stoffplan und die Fachbücherei einheitlich ausgerichtet ist. Im Mittelpunkt des Lesestoffplanes stehen die soldatischen Stoffe. Hier kommen die Großtaten in der deutschen Geschichte und der Glaube an Deutschland als Kraftquell in Gegenwart und Zukunft vor allem zur Geltung. Der Lesestoff wird unter dem großen Gesichtspunkt des Segens der
Arbeit und des Willens zur Macht durchgearbeitet. Die hohen Gedanken von Einigkeit, Recht, Ehre und Freiheit sind die Grundlagen des Lesestoff-Unterrichts. Dazu treten als weitere starke Pfeiler des geistigen Baues der Schule der verpflichtende Gedanke der Gemeinschaft und der deutsche Staatsgedanke. Dieser große geistige Reichtum für das Le
ben wird den Männern in der Heeresfachschule durch das gemeinsame Lesen der bedeutendsten Werke deutscher Klassiker und des besten deutschen Schrifttums, u. a. aus der Zeit des großen Krieges und aus dem Ringen des Rationalsozialismus, ferner an Hand der großen Reden des Führers und anderer führender Männer de? Bewegung übermittelt. Es ist eine außerordentlich breite Grundlage, auf der sich diese geistige Arbeit aufbaut und als Gemeinschaftswerk von Lehrern und chülern vollzieht. Daß
dabei die für unsere Zeit und für alle Zukunft besonders wichtigen Gedanken vom deutschen Soldatentum, von der heldischen Lebensbaltung, von der Volksgemeinschaft, von der Rasse, von der Arbeit als sittliche Pflicht, vom deutschen Bauern- ,tum usw. ihren gebührend hervorragenden Platz haben, ist selbstverständlich.
Im Deutsch- Unterricht ist das Ziel die bildende Kraft der deutschen Sprache. Volkstum uird Heimat und die Gehalle
des besten deutschen Schrifttums werden dabei für die Erziehung nutzbar gemacht. Im Lehrgang B soll von den Schülern die Fähigkeit gewonnen werden, die Gedanken mündlich und schriftlich sprachrichtig auszudrücken, die Rechtschreibung zu beherrschen, Verständnis für die Werte des deutschen Schrifttums und ihrer nationalpolitischen Bedeutung zu gew'.n-
Elementare Kenntnisse der Physik werden ebenfalls vermittelt.
X
... .
Ein ungewohntes Bild: Soldaten auf der Schulbank. (Aufn. [5,: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Schuß im Zunkhaus.
Ein Roman von Maria Oberlin. Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Elchacker, Gröbenzell bei München.
19. Fortsetzung.
(Nachdruck verboten!)
„Wollen Sie etwas trinken?"
Der Patient schüttelte den Kopf. „Nein, danke, Schwester..." Etwas wie Unruhe kam in die scharf- i gefügten bleichen Züge.
„Schwester, ich bat Sie, zu veranlassen, daß die Untersuchung in meinem — meinem Unglücksfall «eingestellt wird ... ist das geschehen?"
Sein Blick suchte mit Spannung das ruhige aus- igeglichene Gesicht der Schwester.
„Ich bin selbst bei Kriminalrat Schaub ge- iwesen —" meinte die Schwester ausweichend. „Ich chabe natürlich Ihre Bitte vorgetragen..."
„Und?" Bortefeld versuchte sich aufzurichten.
„Man wird sicher Ihrem Wunsch entsprechen ..." Wortefeld sank zurück und schüttelte leise den Kopf.
„Also — man hat es nicht zuqesaqt? Die Polizei
>ist schon bei der Untersuchung?"
__„Bitte, regen Sie sich nicht auf, Herr Bortefeld! söiß müssen jetzt nicht an diese Sachen denken, Sie müssen sich schonen ..." Die Schwester beobachtete besorgt, wie sich das Gesicht des Kranken erregt tötete und heiß und fleckig wurde.
„Wo bin ich eigentlich hier?" fragte der Mann in den Kissen jetzt matt.
„In der Universitätsklinik, Herr Vortefeld. Sie wurden in der Wohnung des Hausmeisters operiert. — Seien Sie ohne Sorge — ?— es ist alles gut verkaufen ... jetzt sind Sie hier und sollen schlafen ..."
Das Gesicht des Patienten wurde nicht ruhiger. 5r schwieg zwar eine Weile, begann dann aber nach ’iiner Weile wieder:
„Wissen Sie, ob man in der Untersuchungssache ttwas festgestellt hat?"
Die Schwester seufzte ein wenig. „Bitte, Herr Zortefeld, seien Sie doch ruhig! Nein, soviel ich gehört habe, weiß man noch nichts Bestimmtes ... Man erzählt im Funkhaus, ein Fräulein Kay fei im Verdacht, aber--"
Mit Hefti geilt Ruck richtete sich Bortefeld auf.
„Evelyn--inan weiß von ihrem Besuch?"
Heftig röteten sich seine Wangen. „Was ist — was wissen Sie davon — um Gotteswillen sprechen Sie doch!"
„Bitte, seien Sie doch ruhig, Herr Bortefeld!" Das Gesicht der Schwester wurde angstvoll. ,„Ich kann es nicht verantworten, daß Sie sich so auf- regen ... Ich hätte nicht sprechen sollen--im
übrigen weiß ich ja auch nichts Näheres, als das, was ich Ihnen sagte!" Die Schwester drückte den Patienten leise in die Kissen zurück.
„Sie müssen jetzt ruhig sein!" sagte sie eindringlich. „Sie haben eine Operation auf Leben und Tod hinter sich ..."
Der Kranke lächelte jetzt. „Keine Sorge, ich habe eine Bärennatur, Schwester — mich bringt so leicht nichts um ..."
Er lag eine Weile still, die Unruhe, die sich in den festgefügten Zügen malte, wurde immer heftiger.
„SBie fpät ist es jetzt, Schwester?"
Die Schwester sah auf ihre große silberne Armbanduhr.
„Ein Viertel vor Zwölf, Herr Bortefeld ..." Wieder war es eine Weile still.
„Hann waren Sie bei Herrn Kriminalrat Schaub?"
„Vor einer Stunde etwa — Herr Bortefeld ... aber bitte, sprechen Sie nicht mehr ..."
Nach einer Weile begann er wieder:
„Die Untersuchung fand im Funkhaus statt, nicht wahr? Sie sagten zuerst, man habe Herrn Schaub ein Zimmer eingeräumt ...?"
„Ja, allerdings ... warum meinen Sie?"
Die nervösen Hände des Dirigenten spielten unruhig auf der Bettdecke herum. „Glauben Sie, daß er noch dort ist? Oder schon in seiner Wohnung? Ich möchte mit ihm telephonieren--jetzt sofort
— bitte, veranlaßen Sie das, Schwester ...!"
Die Schwester fühlte sich seltsam bewegt von dem fordernden bittenden Klang der Stimme.
Aber sie schüttelte abwehrend den Kopf.
„Jetzt? Mitten in der Nacht ... das ist doch unmöglich — das kann ich nicht !... Ich müßte auch erst den Herrn Professor um Erlaubnis fragen ..."
Der Patient sah die Schwester bittend^ an.
„Ich bitte Sie, Schwester, versuchen Sie es doch eben ... Ich m u ß Herrn Schaub sprechen ... man
verdächtigt da ja jemanden--es ist ja Wahn
sinn!" Wieder begannen seine Wangen fieberrot zu glühen.
Die Schwester stand langsam auf.
„Gut, ich will es versuchen", sagte sie schließlich. „Versprechen kann ich es Ihnen allerdings nicht ... Wäre es nicht besser, Sie warteten bis morgen früh?"
Der Verletzte schüttelte so heftig den Kopf, daß die Schwester seufzend nickte.
„Also gut — um Sie zu beruhigen--ich will
C5 versuchen!" Sie wies auf den Klingelknopf an langer Schnur, der in der Nähe des Patienten lag.
„Wenn Sie etwas brauchen sollten, läuten Sie bitte hier."
Wilhelm Bortefeld nickte nur. Leise schloß sich die hohe gepolsterte Doppeltür.
Professor Hepstedt wusch sich gerade im Vorraum seines Untersuchungszimmers die Hände, breite, weiche, ein wenig ausgelaugt wirkende Hände. „Nun, Schwester?" fragte er verwundert. „Ist nicht alles in Ordnung da oben? Bortefeld hat doch alles so ausgezeichnet überstanden ..."
„Doch, ja, Herr Professor ... er hat geschlafen und ist jetzt sehr frisch ... Er hat nur allerlei Wünsche ... Ich soll ..." Der Arzt unterbrach sie kurz.
„Schlafen soll er — ruhig liegen, nicht viel sprechen, wenn er Durst hat, kalte Milch oder Zitrone — ist noch was ...?"
„Er will unbedingt jetzt noch telephonieren! Er läßt mir keine Ruhe!"
Der Arzt wandte sich brüsk um.
„Was will er? Telephonieren? Verrücktheit! Reden Sie ihm das aus, Schwester!"
„Ich kann es nicht, Herr Professor! Er fängt immer wieder davon an. Es scheint ihn irgend etwas furchtbar zu beunruhigen, man verdächtigt da wohl jemanden ... Er wird ganz fiebrig, wenn man davon spricht, und bekommt Temperatur ..."
Der Arzt sah einen Moment nachdenklich vor sich hin.
„Temperatur? Das muß unbedingt vermieden werden! Dann tun Sie ihm um Gotteswillen den Gefallen. Natürlich darf er nicht selbst sprechen —
ausgeschlossen! Stöpseln Sie einen Apparat in sein Zimmer und sprechen Sie! Und vor allen Dingen eins: Er soll sich nicht anstrengen — Ruhe! Sonst können wir seinen Wunsch nicht erfüllen ... Verstanden? Daß Sie ihn mir ja schonen! Ich komme nachher nochmal selbst und sehe nach ..."
„Ja, Herr Professor, ich will alles tun ..."
Kriminalrat Schaub hatte die Dame im hellen Mantel zum Sitzen gebeten. Aber sie blieb stehen, sah ihn aus verstörten Augen angstvoll an.
„Sie wollten mich sprechen?" fragte er schließlich mit leiser Ungeduld und sah die Besucherin scharf an.
Sie hielt ihm ein Zeitungsblatt entgegen.
„Ich habe das gerade gelesen ... es ist ja entsetzlich, ich wußte nicht, ich war in der Oper — —• jetzt komme ich auf die Straße, da rufen die Zei- tmzgsjungen das aus! ..." Sie brach verwirrt und verstört ab und sank ganz auf dem schmalen Stuhlsitz zusammen.
Schaub betrachtete sie kopfschüttelnd. Dann, griff er nach dem Blatt, es war eines der Abendblätter. Dicke Schlagzeilen:
„M ordanschlag im Funkhaus!
Ein aufsehenerregender Anschlag wurde heute abend kurz vor acht Uhr auf den Generalmusikdirektor Dr. M. Bortefeld, den neuen sehr verdienstvollen musikalischen Leiter unseres Sendehauses verübt. Ein Angestellter des Hauses sand Bortefeld schwer verletzt und angeschossen in seinem Zimmer liegend. Die Tat wurde anscheinend mit einem kleinen Revolver, den man unweit des Tatortes fand, verübt. Nach den ersten Ermittlungen erfolgte der Schuß aus etwa zwei Meter Entfernung. Kriminalrat Schaub, der zur Zeit des Mordes im Sendehaus weilte, hat sofort mit der Aufklärung des Falles begonnen. Er verfolgt bereits eine Spur. Der Fall ist um Io ve- dauerlicher, als mit der Tätigkeit Dr. B,'s ein erfreulicher frischer Zug in den musikalischen Betrieb des Funkhäuses kam. Dr. Bartefeld hat schwere Verletzungen erlitten, sein Befinden ist ernst. Dr. Berke und Professor Hepstedt bemühten sich um den Kranken, der sich, wie wir hören, einer Operation unterziehen muß."
(Fortsetzung folgt!)


