Nr. 151 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhelfen)
Donnerstag, 8. Juni 1939
Aus der Stadt Gießen.
Gefängnisstrafe für leichtsinnigen
Dolmetscher, Uebersetzer und Sprachkundige werden erfaßt.
Umgang mit Jener!
Wichtige Bestimmungen für Jährten ins Grüne.
Die Hitze.
Die Hitze ist das Seltene; schon deshalb soll man sie begrüßen. Wieviel Tage hat das Jahr, Schüler, Leser, bitte aufstehen, hä? 365. Gut: und wieviel Tage'davon ist es wirklich heiß, in unseren Breitengraden? Na? Na also.
Ach, die Hitze ist schön. Man könne sich nicht davor schützen, das sagen nur Törichte. Wer, mein Lieber, hindert dich daran, ins Wasser zu gehen? Es ist noch kühl genug, um dir bittere Überraschungen zu verschaffen, wenn du unabgekühlt hineinspringst. Wie leicht haben es die Mädchen und Frauen, in des Wortes wahrstem Sinn! Wir Männer „haben" es etwas schwerer, aber kein Mensch wird uns schief angucken, wenn wir in Hemdsärmeln herumlaufen, es dürfen sogar Polohemdchen sein. Niemand hindert dich, in den hintersten Winkel kühler Eissalons zu krauchen und auf die saharaheiße Gasse zu schauen, geborgen, beschattet. Und niemand kann dich daran verhindern, wenn du in deiner häuslichen Kemenate die Rollläden herunterläßt und dich, lo lange du bist, aufs kühle Leinen legst, um die Geschichte von der Eroberung des Nordpols zu lesen.
Also: gegen Hitze kann man sich schützen.
Gegen schlechtes Wetter kann man sich viel weniger schützen. Der Schnupfen, der Husten, die Heiserkeit, die Grippe, die Regentropfen im Genick, der Schmutz an den Kleidern — das alles ist häßlicher als Hitze. Nur einem Menschenschlag darf man das Recht zum Schimpfen über die Hitze nicht absprechen: das sind die Dicken. Die Dicken leiden? Einem Dicken in diesen heißen Tagen begegnen und nicht mitleidig werden, das spricht für Herzensroh- hcit.
Wir aber, da wir ohne Bäuchlein durchs Leben gehen, grüßen die schönen Tage. Und wäre es nur wegen der Abende. Mit ihrem Duft! Mit ihrer unvergleichlichen Stimmung! Aus Gärten kommt ein zärtliches Geklimper. Fenster hinter einem Vorgarten stehen weit offen, ein Mädchen lehnt sich in die Dämmerung. Ein Junge geht über die Gasse und hat zwei Bierflaschen in der Hand, sie sind eisig betaut. Poesie und Prosa des Lebens.
Än einem heißen Tag! r. k.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Umwege zum Glück". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Marguerite: 3".
HHetneinM Ä Stuft öuttij Srenöe
Die NSG. „Kraft durch Freude" hat den gesamten Kartenverkauf für den Boxkampf S ch m e l i n g g e - gen Heuser in Stuttgart am 2.Juli 1939 übernommen.
Interessenten wollen sich für diese Veranstaltung auf unserer Kartenverkaufsstelle, Seltersweg 60, l» anmelden. 4161D
Hitler-Zugend Bann 116.
Vannsporlwellkämpfe am 11. Juni 1939 in Gießen.
Die Dreikampsmannschaften der Fähnlein und Gefolgschaften reisen nur dann an, wenn die betr. Einheit einen Einberufungsbefehl der 1,-Stelle erhalten hot. Mannschaften, die keinen Einberufungsbefehl erhalten, reisen nicht an. Einheiten, die . keine 8-Listen eingesandt haben, brauchen Mit keiner Einberufung zu rechnen.
Alle anderen Wettkämpfer reisen ohne einen besonderen Einberufungsbefehl der T-Stelle an. Sie haben 15 Minuten vor Beginn ihres Wettkampfes (siche Ausschreibung des Bannes) wettkampfbereit auf dem Universitätssportplatz zu sein. Jeder Wettkämpfer muß die vorschriftsmäßige HJ.-Sport- kleidung tragen (Brustring oder Raute).
Die 'Einheitsführer und die Jugendwarte der NSRL.-Vereine werden hiermit nochmals dringend
Die Hitzeperiode hat leider schon wieder Heide- und Moorbrände von gewaltigen Ausmaßen im Gefolge gehabt, bei denen beträchtliche Werte ein Raub der Flammen geworden sind. Eine große Zahl dieser Brandkatastrophen entsteht nachweislich immer wieder dadurch, daß Ausflügler beim Rauchen und Umgang mit Feuer es an der erforderlichen Sorgfalt fehlen lie- ; e n.
Der Reichsführer jj und Chef der Deutschen Polizei bringt deshalb in einem Runderlaß die zur Verhütung und Bekämpfung von Wald- und Heidebränden erlassenen gesetzlichen Bestimmungen zu- ammenfassend in Erinnerung. Diese B e st i m - mungen gehen jeden Volksgenossen a n, der bei seinen Wanderungen und Ausflügen Wald, Heide oder Moorflächen berührt. Ihr Nicht- beachten hat hohe Geld st rasen, sogar Gell n g n i s ft r a f e n zur Folge.
Wer Wald, Heide oder INoorflächen durch verbotenes Rauchen oder Anzünden von Feuer oder in sonstiger Weise in Brandgefahr bringt, wird mit Gefängnis bis zu drei 2H o -
Der Vereinsführer Junker des Obst- und.Gartenbauvereins Gießen hat nach dem Abschluß des Pachtvertrages mit der Stadt rund 7000 Quadratmeter Wiejengelände für die Zwecke der Kleingärtner zugänglich machen können. Das Gelände liegt am Leimkauterweg jenseits der Lahn, in der Nähe der früheren Wollspinnerei. Der Obst- und Garten- bauvercin hat es umbrechen und Herrichten lassen. Vereinsführer Junker ist es gelungen, ein Darlehen für die Erstellung einer dauerhaften Einfriedigung zu erhalten, so daß es dem Verein nicht schwcrfvllen wird, die Kosten für den Zaun aufzubringen, der dann in den Besitz des Vereins übergeht. Insgesamt wurden 2 3 Gärten angelegt. Jeder Garten umfaßt rund 300 Quadratmeter, auf denen im Herbst Obstbäume angepflanzt und ein Brunnen gegraben werden sollen. In kurzer Zeit haben die Mitglieder des Vereins hier eine schöne Gartenanlage geschaffen, die der Stolz des Vereins werden wird. Die Pächter haben eine Anregung für eine zweckmäßige Ausnützung des Raumes erhalten, so daß ihnen bereits im ersten Jahre ein Erfolg sicher ist.
Am Dienstag, 13. Juni, spricht im Cafe Leib der Obergebietsführer der HI. Kemper. Es tritt hierzu die gesamte Führerinnenschaft des Standortes Gießen um 20.10 Uhr auf dem Brandplatz an.
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Zu den Untergaumeisterschaften am kommenden Sonntag treten alle Mädel, die bei der Körperschule mitmachen, bereits um 9 Uhr an der Volkshalle an zu nochmaligem lieben. Die Einzelkämpfer und die Mannschaftskämpfer sind bereits um 8 Uhr am Universitätssportplatz unter der Führung der Gruppensportwartin.
Zu der Siegerehrung treten alle Einheiten des M.-Ringes Gießen sowie des BDM.-Werks um
n a l e n und mit Geldstrafe oder mit einer dieser Strafen bestraft. Strafbar macht sich jeder, der in der Zeit vom 1. März bis 31. Oktober im Wald oder auf Zttoor- und Heideflächen oder in gefährlicher Nähe ohne Erlaubnis des Grundeigentümers Feuer anzündet bzw. das mit Erlaubnis angezündete Feuer auszulöschen unterläßt.
Jeder Volksgenosse ist berechtigt, ja sogar verpflichtet, zur Verhütung und Aufklärung von Wald- und Heidebränden einzugreifen und Hilfe zu l e i st e n. Wird jemand auf frischer Tat betroffen, so ist, wenn seine Persönlichkeit nicht sofort festgestellt werden kann, jedermann befugt, ihn fcst- zunehmen und der nächsten polizeilichen Dienststelle zu übergeben. Ferner ist jeder, der den Ausbruch eines Schadenfeuers bemerkt, zur Meldung an die nächste Polizei- oder Feuerwchrdienststelle verpflichtet. Personen, die dieser Pflicht vorsätzlich nicht nachkommen, werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mark bestraft.
Die Uebergabe der Gärten fand nun nach ihrer Herrichtung in einer kleinen Feier einen Abschluß. Die Stadtverwaltung war dabei durch Vermessungsrat Carle vertreten.
Der Obst- und Gartenbauverein hctt weitere zahlreiche Anfragen wegen der Kleingärten erhalten, denen noch nicht entsprochen werden kann. Die Bemühungen, geeignetes Pachtgelände zu erhalten, werden fortgesetzt. Zugleich besteht die Absicht, Siedlergärten zu beschaffen. Auf genossenschaftlicher Grundlage soll ein geeignetes Gelände aufgekauft werden, das den Interessenten zu angemessenem Pachtpreis überlassen wird. Der Pachtpreis wird auf den Kaufpreis angerechnet, so daß die Pächter in absehbarer Zeit in den Besitz des Geländes gelangen können. Geeignetes Gelände steht für diese Zwecke in Aussicht. Auch die Mittel für den Ankauf können durch den Verein beschafft werden, so daß in Kürze mit der Verwirklichung dieses Planes zu rechnen sein wird.
17 Uhr an der Volkshalle an. Die Gruppenwimpel sind hierzu mitzubringen.
Mädelgruppe 1/116.
Alle Mädel der Schar 2 und 3 treten am Donnerstag um 20 Uhr mit Sportzeug am Heim an Die Mädel der Handballmannschaft und diejenigen, die an den Untergaumeisterschaften teilnehmen, treffen sich am Freitag um 20.15 Uhr am MTV.-Platz
Blitzableiter nachsehen!
Lpd. Die Zeit mit sommerlichem Witterungscharakter ist auch die Zeit der Gewitter. Zu dieser Zeit sollte man alljährlich den Blitzableiter von einem geprüften Blitzableitersetzer nachsehen und nachprüfen lassen. Man scheue diese geringe Kosten nicht, da sie im Ernstfälle hundertmal wieder hereinkommen. Es kann im Laufe des Winters leicht durch Frost und Rost eine Beschädigung des Ableitedrahtes hervorgerufen worden fein, die sich bei Fahrlässigkeit im Ernstfälle bitter rächen würde. Der kluge Mann baut vor!
NSG. Das Oberkommando der Wehrmacht hat die Reichsfachschaft für Dolmetscherwesen in der Deutschen Rechtsfront mit der Erfassung, Sichtung und Prüfung aller wehrpflichtigen und nichtwehrpflichtigen Dolmetscher, Uebersetzer und Sprachkundigen beauftragt. Die Sprechkenner werden eingeteilt in Dolmetscher, Uebersetzer und Sprachkundige. Der Dolmetscher mu,ß die fremde Sprache in Wort und Schrift sicher beherrschen. Der Uebersetzer muß die Fähigkeit haben, fremdsprachliche Schriftstücke gedruckt und geschrieben inhaltlich voll zu erfassen und einwandfrei zu übersetzen. Für den Sprachkundigen dagegen genügt eine allgemeine Kenntnis der fremden Sprachen ohne besondere sprachliche Fähigkeiten. Die Einteilung in eine der drei Gruppen erfolgt nach Prüfung durch die Reichsfachschaft für Dolmetscherwesen. Jeder Sprachkenner, der seine Meldung bisher noch nicht abgegeben hat, wird hiermit aufgefordert, diese unverzüglich an die Neichsfachschaft für! das Dolmetscherwesen zu richten.
Suchdienst — Ehrensache!
Westdeutschland sucht einen Schwerverbrecher.
Wissen Sie um was es geht? Um nicht mehr und nicht weniger als um die Mobilmachung der Bevöli kerung ganz Westdeutschlands, um eines Schwerver-, brechers habhaft zu werden und ihm sämtliche Schlupfwinkel und Einbürgerungsmöglichkeiten zn nehmen. Daß hierbei jeder mithelfen muß, bedingt die Eigenart des Gesuchten. Dieser pflegt npmlich nicht einzeln aufzutreten, ober immer am selben Ort^ sondern in Massen, mit Kindern und Kindeskindern. Außerdem verändert er auf Grund seiner fliegerischen Fähigkeit sehr gerne und weit den Ort seiner verbrecherischen Tätigkeit. Es ist bei diesem Gesellen nicht gesagt, ob er nicht heute hier und morgen 50 Kilometer weiter irgendwo anzutreffen ist. Es ist daher notwendig, daß ganz Westdeutschland sich an der Suche nach dem schweren Jungen beteiligen muß. Da man außerdem nie weiß, wann er aufx taucht und seine volksschädliche Arbeit aufnimmt, darf in dieser Sache nie nachgelassen werden. Alle 8 Tage muß eine Razzia durchgeführt und jeder Winkel seines Lieblingsplatzes abgesucht werden. Um nichts zu übersehen, wird in Kolonnen von 10 biH 12 Mann diese wöchentliche Groß-Suchaktion abgehalten. Wird er irgendwo entdeckt, so muß dies auf dem schnellsten Wege dem zuständigen Bürgermeister mitgeteilt werden, um den Verbrecher dingfest zu machen und auszurotten. Zum Glück sind das Aeußere, der Name und die Lebensgewohnheit des Gesuchten bekannt. Der Steckbrief lautet:
Bekleidung: Gelber Rock mit 10 schwarzen Längs« streifen.
Figur: Oben gewölbt, unten flach.
Größe: 1 cm.
Jetzt werden die meisten von Ihnen wissen, um wert es sich hierbei dreht. Ja, um den Kartoffelkäfer! Er ist der schwere Junge und internationale Schwerverbrecher. Ihn müssen wir entdecken und ihm keine Möglichkeit geben, sich festzusetzen, denn er schadet uns allen und bedroht unser wichtiges Nahrungs-. mittel, die Kartoffel. Daher ist die Beteiligung an der Jagd nach ihm fein Sport, sondern Ehrensache eines jeden und eine Ehrenpflicht am deutsches Volke.
Das Silberfischchen — ein Hausschädling.
Trotz seiner Verbreitung und seines häufigenAus. tretens in vielen Wohnungen ist das „Silberfischchen" oder her „Zuckergast" in weiten Kreisen als Hausschädling wenig bekannt. Das Silberfischchen gehört zu den einfachsten Insekten, die wir kennen. Seiner Flügellosigkeit wegen wird es meist gar nicht für ein Insekt gehalten und in Verkennung der Zusammenhänge oft fälschlich als „Mottenwurm" bezeichnet. Seinen Namen verdankt das im erwachsenen Zustand etwa 1 cm lange Wesen einmal seiner locker sitzenden, silbergrauen Beschup-
Rund 7000 am Garlengelände erschlossen.
Vorbildliche Arbeit des Obst- und Gartenbauvereins Gießen.
aufgefordert, die restlichen Meldungen für Me Bann- sportwettkämpse umgehend an die I^-Stelle des Bannes 116 einzusenden.
BOM.-Untergau 116 Gießen.
Andalusische Volksfeste.
Don Or. Fritz Fessel, Malaga.
Ein Volk, welches fast drei Jahre lang vielleicht den grausamsten Bürgerkrieg aller Zeiten durchlebt hat und darin Opfer bringen mußte, die ans Ungeheuerliche grenzen, hatte Anspruch darauf, eine großartige Siegesfeier zu begehen. Der Sieg Francos bedeutet ja nicht nur den Sturz und die Vernichtung einer unwürdigen, verbrecherischen Regierung, sondern er stellt zugleich den Anbruch eines neuen Systems, den Beginn des autoritären spanischen Staates dar. Trotz der tiefen Wunden, die der Krieg jeder Familie geschlagen hat, empfindet das Volk den Wandel der Zeit und den Marschtritt einer neuen Geschichtsepoche. Die Siegesfeiern ganz Spaniens fanden an dem Tag statt, an dem Franco mit seiner Regierung in Madrid einzog und dort die große Parade aller Wehrmachtsteile ab- nahm. In den Provinzstädten dürften überall die Volksfeste viel stärker in den Vordergrund getreten fein als die militärischen Vorbeimärsche, die man m der letzten Zeit schon oft gesehen hat. So war es wenigstens in Malaga, der zweitgrößten Stadt Andalusiens. . . „
Schon lange hatte man hier keine „Romena mehr gefeiert. Das ist ein gewaltiges Volksfest, an dem alt und jung, reich und arm teilnehmen. Das Verlangen danach war unendlich groß. Die andalusischen Feste find sehr reizvoll. Die Farbenfreudlg- feit, der Frohsinn, der Gesang und der Wein smd die charakteristischen Merkmale. Bei dieser Gelegenheit befindet man sich so recht in der „Cürmen"- Stimmung, von der man in Deutschland gar zu häufig glaubt, daß sie täglich in Andalusien anzu- treffen sei. Mit größter Liebe und Begeisterung hatte man diese Romeria vorbereitet. Zu so einem Volksfest gehören vor allem die mit einem runden Zeltdach überspannten Wagen und Karren. Sie sammeln sich alle in einer Allee im Zentrum der Stadt Welch entzückende Bilder kann man da sehen. Von oben bis unten ist jeder Wagen mit Blumen ausgeschmückt, selbst die Räder haben noch große Blumengebinde. Die Karren werden entweder von Stieren, Ochsen ober Mauleseln gezogen. Em Treiber mit seinem breitrandigen Cordobes (em Hut, der seinen Namen nach der Stabt Cordoba hat, wo er sehr häufig getragen wird) hält einen langen Stock in der Hand. Dor allen Dingen entzückt aber dos Innere des Wagens. Da sehen wir Madels m den typischen Zigeunerinnen-Trachten, mit den langen bunten Kleidern, von denen eins noch schöner ist als das andere. Große Kämme und Blu-
men stecken fesch im Haar und verleihen den schwarzhaarigen Schönen einen besonders scharmanten Ausdruck. Buntgestickte mantones (Umhängetücher) gehören ebenfalls dazu. Alle sind natürlich mit Kastagnetten oder einem Tamburin versehen. Aber auch Jünglinge schauen vorn und hinten aus dem Wagen heraus. Sie tragen ein luftiges weißes Hemd. Um die lange Hofe ist oben als Abschluß eine bunte Schärpe gebunden. Es herrscht bereits eine luftige Stimmung, bevor sich der Festzug in Bewegung setzt. Ueberaü tönt Gesang mit der takt- mäßigen Begleitung dieser typischen andalusischen Instrumente aus den Karren heraus. Manche Flasche Wein ist schon zu ihrer Bestimmung geöffnet worden. Aber noch etwas gewahrt man. Da sind viele Reiter, die auf einem Pferd sitzen und hinter sich ein junges Mädchen haben, das dem Reiter einen Arm um die Hüfte legt, um so einen festen Halt zu haben. Es ist ein ganz entzückender Anblick. Man hatte es schon so oft auf Bildern gesehen und jetzt endlich auch einmal in Natur.
Gegen Mittag setzt sich der Festzug in Bewegung und zieht durch die Hauptstraßen der Stadt zum Festplatz hinaus, unterbrochen von mehreren Musikkapellen, die spanische Märsche spielen. Freudig erregt steht überall die Volksmenge zu beiden Seiten der Straße, um nach dem Bürgerkrieg wieder einmal dieses farbenfreudige Bild zu sehen. Lauter Jubel und begeisterte Anerkennungsrufe erschallen von überall her. Als der Zug draußen auf dem Festplatz ankommt, springen die Mädels behend von den Wagen, während die Jungen ihnen behilflich sind. Noch ruht keiner im Schatten aus, denn jetzt erst beginnt das richtige Treiben. Ruhe haben nur die Zugtiere verdient. Ueberall herrscht ein reges Leben. Der Andalusier, der auch die entgegengesetzte Seelenstimmung der Melancholie und tiefen Traurigkeit in seinem Herzen trägt, ist heute ausgelassen froh. Wir treten in einen offenen Restaurationsbetrieb, der eine Tanzfläche hat. Im Hintergrund sitzt eine Reihe Gitarrenspieler, die für die spanischen Tänze unentbehrlich sind. Ihnen zu beiden Seiten sitzt auf der Erde eine „wahre" Zigeu- nergruppe: ein älterer schlanker Mann mit einem Tuch um den Kopf nebst vielen jungen Mädchen. Ein Tanz nach dem andern wird vorgeführt. Das Publikum erlebt alles mit und klatscht im Takt zu den bekannten Weisen. Die Begeisterung steigt immer mehr. Als der Zigeuner mit größter Gewandtheit feine Tänze vorführte, entfährt manchem staunenden Zuschauer ein begeistert zustimmendes ole.
An einer anderen Stelle sehen wir, wie junge Spanier ihre Volkstänze vorführen. Sie bestehen nicht in körperlicher Berührung, sondern die Tän
zer behalten immer einen gewissen Abstand. Trotzdem springt oft ein glühender Funke über, wie man aus den heiteren Gesichtern sehen kann. Neben den Füssen spielt die Bewegung der Arme eine sehr große Rolle. Von der gegenüberliegenden Seite erklingen flamencos herüber. Das ist eine Gesangsart, die auch wiederum vor allem in Andalusien zu Hause ist. Es sind das nicht Lieder mit einer ausgesprochenen Melodie, sondern häufig improvisierte Texte, welche in einer Form gesungen werden, die zunächst befremdend wirkt. Es gibt ganz bestimmte Gesetze darüber, und nicht jeder ist in der Lage, die flamencos zu fingen. Dieses Talent muß angeboren sein. Zum Mittagessen werden wir in bekannter gast- freundschaftlicher Weise von einigen Spaniern eingeladen, die große Mengen von allen möglichen Lebensrnitteln mitgebracht haben. Auch der Bürgermeister sitzt bei uns auf dem Boden unter einem von Stroh geflochtenen Dach, das gegen die Sonne schützen soll. Der mitgebrachte Wein versetzt die große Gesellschaft bald in eine heitere Stimmung. Bald erschallen die deutschen und italienischen Nationalhymnen und dann die spanischen. Es ist ein Volksfest im wahrsten Sinne des Wortes, wo es keine Stände und Klassen gibt. Man kann sich kaum vorstellen, daß in diesem Lande, wo alle so einträchtig miteinander feiern, noch vor zwei Monaten der Bürgerkrieg getobt hat. Am späten Nachmittag erfolgt die Rückfahrt. Die Menschen sind immer noch nicht müde. Nach wie vor hört man den Gesang der froh gestimmten Jugend aus den Karren heraus.
Abends wird eine große „verbena“ in einem entzückend am Meer gelegenen und festlich erleuchteten, mit großen ©artenanlagen versehenen Gasthaus veranstaltet. Es ist ebenfalls ein Volksfest, bas aber erst wie alle spanischen Tanzfeste sehr spät beginnt. Nach 10.30 Uhr füllen sich allmählich die Raume. Wiederum sind die Andalusierinnen in ihren typischen bunten Zigeunertrachten dabei. Ein ausgelassenes Treiben herrscht dort in der warmen Frühlingsnacht. Große Tanzflächen besinden sich im Freien, wo mehrere Tanzkapellen für die richtige Stimmung sorgen. Um Mitternacht schauen alle begeistert dem riesigen Feuerwerk zu, und von allen Bergen leuchtet der Schein der Siegesfeuer. Ganz Malaga feiert die neue Zeit. Solche Feste dauern gewöhnlich bis in die frühen Morgenstunden.
Und nun geht das ganze spanische Volk an di- ernsthafte Arbeit, denn ein jeder weiß, ckaß es noch gewaltige Probleme zu lösen gilt. Spanien hat nämlich den Ehrgeiz, in kurzer Zeit eine angemessene Rolle in dem Konzert der europäischen Großmächte zu spielen.
Zeitschriften.
— Im letzten Heft (3/4) der von der C. Hiheroth, Marburg, herausgegebenen kurhessischen Heimatzeit- schrift „Hessenland" finden wir u. a. einen reizvoll bebilderten Aufsatz über den Park der Fasanerie Adolfseck bei Fulda von Dr. Helmut Kramm. der unseren Lesern als Mitarbeiter an der „Heimat im Bild" nicht unbekannt ist: ferner eine Untersuchung von Kurt Mötzing über die Witterungsverhältnisse in Niederhessen und eine geschichtlich orientierte Arbeit über das Ende des Hochstifts Fulda von Paul Schützer; interessante Aufnahmen bebildern Paul Adolf Kirchvogels Beitrag „Astronomisch-mechanische Kunstwerke in Kassel aus bei? Zeit der Spätrenaissance"; Dr. Philipp Losch setzt sich temperamentvoll mit unbefriedigenden Darstel- lungen hessischer Vergangenheit auseinander, bejon« ders im Hinblick auf Soldatenhandel und Mätressenwirtschaft; genannt seien noch Dr. Theodor Ballauffs Arbeit „Marburger Philosophen" und die sehr hübschen Jugenderinnerungen von Thilo Schnurre aus Gelnhausen und Büdingen.
Hochschuinachrichten.
Oberstudienrat Professor Dr. phil. Dr.-Jng. h.c, Egon Ihne, der Altmeister der Pflanzenphänologie, beging in Darmstadt seinen 8 0. Geburts» t a g. Die phänologischen Karten der Atlanten gehen auf seine Arbeiten zurück. Besonders wertvoll sind diese Messungen für Obst- und Gemüsebau. Heute, im Dierjahresplan werden sie von der Landwirt-» schäft sehr berücksichtigt. Die Technische Hochschule in Darmstadt hat Ihne 1925 den Dr.-Jng. ehrenhalber verliehen.
Professor Dr. Peter Esser, der ehemalige Ordi« narius für Botanik an der Universität K ö In t beging seinen 8 0. Geburtstag. Esser begründete den Botanischen Garten in Köln und rourbe 1896 zu dessen Verwalter ernannt. 1920 mürbe e? als Professor ber Botanik an die Universität Köln berufen und wurde Direktor des Botanischen Instituts. 1928 trat Professor Esser in den Ruhestand. Das Hauptarbeitsgebiet des Gelehrten ist die Er« nährungsphysiologie ber Pflanzen.
Professor Dr. Karl Branbi, Orbinarius füt mittlere und neuere Geschichte und historische Hilfs, Wissenschaften an ber Universität Göttingen, wurde zum ordentlichen Mitgliedc ber WieneL Akabemie ber Wissenschaften ernannt.


