llr.53 Swettes Blatt Eichener Anzeiger ISeneral-Anzeiger für GberWen!Mittwoch,A.zediugr 1959
Admiral Ludwig von Reuln.
Don Konteradmiral a. O. Biün^nghauS.
Am Tage der Sommersonnwende des Jahres 1919 wurde in S c a p a Flow die dort internierte deutsche Hochseeflotte — 11 Linienschiffe, 5 Schlachtkreuzer, 8 kleine Kreuzer und über 30 Zerstörer — versenkt, nachdem die Schiffe vorher Die deutsche Kriegsflagge, die am 20. November 1918 niedergeholt worden war, wieder gesetzt hatten. Mit wehender Flagge, auf See unbesiegt, fand hoch oben im Norden die Hochseeflotte ihr selbstgewähltes, ehrenvolles Seemannsgrab. Den Befehl hierzu gab der Chef des Verbandes, Admiral LudwigvonReu- t e r, der am 9. Februar sein 70. Lebensjahr vollendet. Er lebt im Ruhestande in Potsdam, dessen Ehrenbürger er ist. '
Schon mit 16 Jahren in die Marme eingetreten, kann er auf eine glänzende Laufbahn als Seeoffizier zurückblicken. Den Weltkrieg machte er in der vordersten Front mit, zunächst als Kommandant des Schlachtkreuzers „Derfflinger", dann als Führer von Kreuzerverbänden. Als Admiral Hipper das Kommando der Hochseeflotte übernahm, wurde Reuter zum Führer der Schlachtkreuzer' ernannt. Die von ihm getroffenen Vorbereitungen zur Versenkung der unter Bruch der Waffenstillstandsbedingungen nach Scapa Flow gebrachten Flotte und die dann schlagartige gleichzeitige Versenkung der vielen Schiffe, unter deren Besatzungen sich kein Verräter befunden hat, leuchtete wie ein Fanal in die damalige Zeit hinein, in der die Wogen der schmählichen Revolution vom November 1918 noch hingingen. Unter den Wegbereitern für eine bessere Zukunft Deutschlands wird Ludwig von Reuter stets genannt werden. In einem vor etwa zehn Jahren veröffentlichten Gedicht heißt es mit Recht:
„Drum singt Ihr das Lied der Ehre und Pflicht, Der Helden und Wegbereiter,
Dann vergeßt die Tapfern von Scapa nicht, Und vergeßt nicht Ludwig von Reuter!"
Man kann sich die Wut der Engländer gut vorstellen, als am Vormittag des 21. Juni 1919 ein deutsches Schiff nach dem andern in den Fluten versank. Das rechtfertigt aber in keiner Weise die völkerrechtswidrige und sinnlose Schießerei auf völlig unbewaffnete deutsche Seeleute, die sich in den Booten von den sinkenden Schiffen zu retten versuchten. Ein Offizier, acht Mann tot, drei Offiziere, sechzehn Mann verwundet, war das Ergebnis, das für die englische Flotte höchst beschämend ist. Heute ist Scapa Flow Geschichte geworden. Der Abstand von den Dingen ist weit genug, um eine vorurteilsfreie Behandlung zu ermöglichen.
Die Geschichte wird dem Admiral von Reuter recht geben, der auf die Vorwürfe des englischen Admirals Fremantle an Bord des englischen Flaggschiffs „Revenge", die Versenkung der Schiffe würde bei keinem ehrliebenden Seemann Verständnis finden, kurz erwiderte, er könne diese Behauptung nicht anerkennen, sondern wäre im Gegenteil der Ueber- zeugung, daß auch jeder englische Seeoffizier in seiner Lage ebenso gehandelt hätte wie er. Selbstverständlich haben die Engländer versucht, iie vollkommen unwürdige Schießerei auf die wehrlosen deutschen Boote mit einem Mantel des Rechts zu umgeben und die Versenkung ber Schiffe als völkerrechtswidrige Handlung hinzustellen. Das konnte ihnen nicht gelingen. Admiral von Reuter, der noch monatelang in England gefangen gehalten wurde, ist überhaupt nie vernommen worden. Dem deutschen Kriegsgerichtsrat gegenüber wurde die Frage der Souveränität der internierten deutschen Flotte aufgerollt. Dieser' sagte trocken, daß zwar die Flagge seinerzeit zwangsweise niedergeholt worden sei, jedoch die Kommandozeichen — Wimpel und Admiralsflagge — zu Recht weitergeweht hätten, und darauf tarne es an. Dieser Beweisführung stimmte der dem Verhör beiwohnende englische Seeoffizier zu, indem er zu dem verhörenden Richter sagte: „Sehen Sie, das habe ich Ihnen gleich gesagt."
Aber ganz abgesehen von der zweifellos bestehen-
Verusswetlkamps mit zehn Tonnen Heringen.
Eindrücke von den ersten Wettkampftagen.
lieber 3V2 Millionen Jungen und Mädel, Männer und Frauen treten in diesem Jahre zu den Ortswettkämpfen des RBWK. an, gegenüber 2,8 Millionen im Vorjahr. Mehr Berufe, mehr freiwillige Helfer, mehr Wett- fampfftätten und die erste Teilnahme der Ostmärker find die Kennzeichen der diesjährigen Ortskämpfe, die im ganzen Reich bei den Eisen- und Metallberufen und den freien Berufen begonnen haben.
Gespannt wie die Läufer in ihren Startlöchern stehen 200 Jungen — Sparte Maschinenschlosser — an ihren Wettkampfplätzen im weiten Saal der Lehrlingswerkstatt. Ein Kommando ersetzt den Startschuß: Treibräder beginnen zu rattern, Riemen werden herüber gezogen — die Maschinen laufen. Scharfer Stahl schneidet Gewinde, sausende Schleifsteine polieren Rohgußstücke spiegelblank, Fräsen formen komplizierte Werkzeugteile. Auf anderen Werkplätzen liegen Feilen dutzendweise griffbereit, fein sauber der Größe und Zweckbestimmung nach geordnet. Alle praktischen Aufgaben der Jungen sind verschieden. — Abgucken, wie in der Schule vielleicht, hat also keinen Zweck, abgesehen davon, daß diese Jungen gar nicht daran denken, und in dieser Verschiedenartigkeit erweisen sich die mannigfaltigen Anforderungen des Maschinenschlosserberufes. Auf einem Bogen über jedem Platz ist die Aufgabe verzeichnet und eine Werkzeichnung beigefügt.
Chemie ist, wenn ...
In einer technischen Arbeitsschule der DAF. prüft die Sparte Chemie 300 jugendliche und 80 erwachsene Wettkämpfer. Auf Bänken, wie in der Schule, die die Jüngsten erst seit einigen Monaten, die ältesten Teilnehmer feit Jahrzehnten entwachsen sind, sitzen sie hinter ihren theoretischen Aufgaben; bei einigen raschelt die Feder flink über das Papier, andere knabbern sinnend und grübelnd am Füll- federhalterende.
Die Aufgaben haben es aber auch in sich: „Wieviel Kubikmeter Luft, gemessen bei 20° C und 745 • mm Hg, braucht man zum Abrösten von 25 Tonnen Pyrit mit 91°/o Fe$2, 3% AI2O.3, 2°/o FeMs und 4°/o 81O2, wenn die Luft 20,9 Volumenprozent Sauerstoff hat? Dies als eine Kostprobe der Rechenaufgaben in der Leistungsklasse 4. Dazu ist ein Aufsatz zu schreiben über „Die Gruppeneinteilung der Kationen in der qualifizierten Analyse". Aber auch in den Leistungsklassen der Jüngeren hagelt es chemische Formeln, gegen die das wohlbekannte C2H5OH des weitverbreiteten Getränkes spiritus vini ein Kinderspiel ist, das man mit einem Dutzend anderer Alkoholformeln zusammen beherrschen muß, endlose Formeln, auf die jeder Kopfschmerzen- pillenfabrifant neidisch roerben könnte.
Solange die Formeln noch auf dem Papier stehen, sind sie absolut harmlos, sobald sie aber bei den
praktischen Wettkämpfen Wirklichkeit werden, sind sie nur noch mit Gummihandschuhen anzufassen, wenn man sich hinter einem weißen Chemikerkitiel und Schutzbrille verschanzt hat. Für die Nase allerdings gibt es keinen Schutz. Es bleibt also bei der alten Definition: „Chemie ist, wenn's stinkt ..."
Einer vergißt Samoa.
Wenn man einen Blick auf die Antworten zu den Fragen über Allgemeinwissen und Weltanschauung wirft, kann man mit Freude ftst- stellen, daß die Jungen und Mädel durchweg auch politisch sehr gut geschult sind, so daß einem der arme Kerl beinahe leid tut, der unter den deutschen Gebietsverlusten durch das Versailler Diktat Neu- Guinea, Samoa und Kiautschou vergessen hat. Fragt man sie nach dem „Woher" ihres Wissens, so gibt es Antworten wie: „Noch von der Schule hängengeblieben" ober „Vom HJ.-Heimabenb vor sechs Wochen".
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Eine ruhige Hand, Blick für technische Zusammenhänge, Genauigkeit unb auch Gebuld finb — nach ben Worten eines Wettkampfleiters — notwendige Voraussetzungen des technischen Zeichners. In acht Leistungsklassen, von denen die für Flugzeugingenieure unb -techniker bie schwerste ist, kämpften allein in ber Reichshauptstadt 700 Jugendliche und 300 Erwachsene in dieser Sparte. Von den acht Wettkampfstunden verbringen sie zwei vor dem Reißbrett zwischen Zirkeln, Ziehfedern, Reißschienen, Dreiecken unb Maßen. Gezeichnet werben Maschinen-, Werkzeug- ober Werkstückteile, z. B. die Guß- form eines Winkelhebels, so peinlich genau, daß die fertige Zeichnung gleich in bie Mobellwerkstatt wandern könnte. — Wer beim Zeichnen nicht so flink bei der Hand ist unb die Zeit überschreitet, muß den Verlust bei der theoretischen ober weltanschaulichen Prüfung aufholen ober — bei der Prüfung in „Hauswirtschaft".
20000 zerrissene Strümpfe.
Die technischen Zeichnerinnen nämlich (unb es gibt viele bavon) müssen sich, ba sie später meistens boch zu bem verbreitetsten ,Hauswirtschaftlichen Beruf" hinüberwechseln, ebenso rote alle anberen RBWK.- Teilnehmerinnen auch auf ihre hausfraulichen Talente prüfen lassen: Waschen, Kochen, Flicken unb Strümpfeftopfen gehört bazu, und unter den hierfür notwendigen Prüfungsutensilien werden in Berlin allein beispielsweise gebraucht: mehr als 10 000 Paar zerrissene Strümpfe und zehn Tonnen Heringe. Unb wenn noch ein paar solcher Zahlen aus anberen Wettkampfgruppen interessieren: in Berlin werben bei ben Wettkämpfen, währenb 7000 Schreibmaschinen klappern, 80 000 Ziegelsteine vermauert und wieder abgerissen. H. S.
ben formalen Berechtigung muß das Hauptgewicht auf die moralische Auswirkung der Versenkung der Flotte gelegt werden. Es gibt eben neben dem rein formalen Recht im Leben der Völker noch jenen kategorischen Imperativ der Pflichterfüllung, der unsere Schiffsbesatzungen, vom Admiral bis zum jüngsten Matrosen unb Heizer, beseelte, als sie, obgleich sie sich ber Folgen ihrer Hanblungsweise burchaus bewußt waren, bie Schiffe versenkten unb bamit verhinberten, daß sie, bie Namen wie „Frieb- rich der Große", „Moltke", „Hindenburg" trugen, in Feindeshand fielen und auf ihnen eine fremde Flagge gesetzt wurde. So fand hoch oben an den einsamen Orkney-Inseln der Weltkrieg zur See ein Ende, das ehrenvoll für die deutsche Marine unb ein Ruhmesblatt für ben Admiral Ludwig von Reuter bleiben wird.
Die Ll-Booi-F1otten.
Das U-Boot stellt diejenige Seekriegswaffe dar, die wegen ihrer geringen Kosten auch von kleineren Kriegsmarinen in den letzten Jahren stark entwickelt wurde. Im wesentlichen haben sich bei allen Nationen zwei Typen ausgebildet, von denen der kleinere dem eigentlichen Torpedoangriff dient, während die größeren Bootstypen Spezialaufgaben zu erfüllen haben. Hierzu gehört der Handelskrieg in entfernten Gewässern, so daß die Tonnage eine Vergrößerung erfahren muß. Die deutschen U-Boote sind, wie Kapitän C. S. Dönitz im Nauttcus ausführts, ausgesprochen als Torpedoträger gebaut. Eine geschickte Raumausnutzung hat es ihnen jedoch ermöglicht, sehr viel Brennstoff mitzunehmen, so daß diese Boote eine erhebliche Seeausbauer haben.
Die großen Kriegsmarinen weisen sehr verschie-
bene Typen auf, von denen d.e älteren U-Boote noch aus der Zeit des Kriegsendes stammen Sie sind aber bestrebt, durch ihre zahlreichen Neubauten diese Nachteile wieder auszugleichen. Eine Statistik über die Stärken der U-Boot-Flotten ergibt (in runden Zahlen) folgendes Bild Sowjetruß- l a n d verfügt schätzungsweise über 160 U-Boote mit 81 000 Tonnen, die sowohl in der Ostsee wie im Schwarzen Meer und im Fernen Osten stationiert sind. Die Wasserverdrängung schwankt zwischen 200 und 1400 Tonnen. Die Vereinigten Staaten haben 90 U-Boote mit 85 000 Tonnen diese Zahl wird auf 105 mit 107 000 Tonnen durch neue Bauten verstärkt. Ebenso wie Japan legt USA. auf weitreichende U-Boote besonderen Wert und bevorzugt größere Typen. Frankreich hat 76 U-Boote mit 74 000 Tonnen in Dienst und wird ihre Zahl durch die Neubauten auf 98 mit 94 000 Tonnen vergrößern. Darunter befindet sich der Unterseekreuzer Surcouf, das größte U-Boot der Welt, mit 2880 Tonnen. Italien wird seine 76 U-Boote durch weitere Bauten auf 98 Einheiten mit 94 000 Tonnen verstärken. Daß «die italienische U-Bovts- roaffe der Stolz der Kriegsmarine Italiens und des Duce ist, zeigten die bei dem Führerbesuch erfolgten Vorführungen und bie Anerkennung, die der Duce feinen Männern dafür zollte. U a. befinden sich unter den italienischen U-Booten 8 große Einheiten von je 1350 Tonnen. Japan besitzt 61 U-Boote mit 79 000 Tonnen, die durch Neubauten auf 69 mit 95 000 Tonnen verstärkt werden. Hier ist die Mehrzahl der Einheiten über 1000 Tonnen, darunter 7 Unterseekreuzer von annähernd 2000 Tonnen.
England steht mit 56 U-Booten die 96 000 Tonnen verdrängen, an sechster Stelle ber Liste, die Zahl wird sich durch Neubauten in Kürze auf 69 Einheiten unb 76 000 Tonnen ausbehnen Eng- lanb bedarf des U-Bootes nicht, um bie Seeverbin- bungen eines Gegners zu stören ober zu unter- binben, weil biefes Ziel burch die starke Kriegsflotte ohnehin wirkungsvoll gesucht werden kann. Die Triton-Klasse wird 12 U-Boote von 1095 Tonnen umfassen, 18 U-Boote der Baujahre 1926—30 sind 1311 bis 1475 Tonnen groß. Es gibt bann einen kleineren Typ, ber etwa 1000 Tonnen oerbrängt, ferner die „schnellen Boote", die anscheinend zur Mittelmeerflotte gehören und 1850 Tonnen groß sind.
Das deutsch-englische Flottenabkommen hatte bestimmt, daß Deutschland 35 v. H. der englischen Tonnage an Kriegsschiffen bauen darf. Da aber die englische U-Boot-Flotte aus den erwähnten Gründen weniger stark ausgebaut ist, wurde hier eine andere Regelung getroffen. Deutschland erhielt das Recht, von vornherein 45 Prozent der englischen U-Boots-Tonnage als seinen eigenen Maßstab anzuwenden, behielt sich aber vor, seine Bauvorhaben bis auf 10 0 Prozent der englischen U-Bootstonnage zu erhöhen. Im November 1938 hatte Deutschland 43 Einheiten der U-Bootswaffe mit zusammen 16 000 Tonnen, 22 Einheiten mit zusammen 11000 Tonnen, weitere 6 U-Boote mit 3700 Tonnen waren im Bau. Genau genommen betrug die deutsche U-Bootstonnage 31 288 Tonnen ober 45 v. H. ber englischen U-Bootstonnage. Die kleinen deutschen Boote vom 250-Tonnen-Typ haben ?inc Besatzung von 23 Mann, die größeren Boote zu 740 Tonnen haben 35 bis 40 Mann Besatzung. Die kleinen Einheiten führen 3 bis 6 Torpedos mit, aber feine Artillerie, bie größeren U-Boote haben je ein Geschütz zu 8,8 oder 10,5 Zentimeter (ber französische Unterwasserkreuzer Surcouf führt 20,3-Zentimeter- Geschütze mit!). Bekannt ist, baß die deutschen 11 o Boote in Fl 0 tillen eingeteilt sind, die ben Namen der Seehelben bes U-Bootskrieges von 1914 bis 1918 tragen. Erforberlich sind für bie U-Boots- Flotte größere Stützpunkte, bie sie mit Ersatzteilen und Verpflegung beliefern. Diesem Zweck dient das Begleitschiff „Saar" (2710 Tonnen), bns 1934 vom Stapel lief. Zwei weitere Begleitschiffe sind im Bau, gon denen eines den Namen „Wilhelm Bauex" trägt, als des Mannes, der 1850 das erste Unterseeboot konstruierte.
Begegnung der Kameraden.
Don Paul Alverdes
Paul Aloerdes hat die als Frankreich-Heft erschienene Februar-Nummer ber Zeitschrift „Das Innere Reich" mit einem Erlebnisbericht „Chacun devant sa batterie" eingeleitet. Mit Erlaubnis der Schriftleitung entnehmen wir daraus folgende Abschnitte.
Der Schlafwagen-Schaffner war ein Franzose, weißhaarig, mit einem kleinen weißen Knebelbart in dem noch jugendlich frischen Gesicht. In der hoch- aeschlossenen dunklen Uniformbluse mit dem Käppi hatte er eine Aehnlichkeit mit einem Bilde des Marschalls Joffre. Er begrüßte mich in geläufigem Deutsch sehr freundlich und geleitete mich, meinen Koffer in der Hand, durch seinen Wagen wie einen Gast durch fein Haus, und zeigte mir das Gelaß, in dem ich die Nacht verbringen sollte. Ich war der einzige verspätete Ankömmling, und so gab es, während er das Bett bezog unb währenb ich mich einrichtete, allerlei Unterhaltung: baß dem Herrn Paris sehr gut gefallen werde, weil es eine herrliche unb unvergleichliche Stabt fei; daß aber er, seinerseits, die großen Städte nicht liebe, sondern ein kleines Häuschen auf dem Lande bewohne, wo er seine Freizeit verbringe, und ich konnte mit dem Bekenntnis ber gleichen Vorliebe antworten. Darüber war bie Rheinbrücke schon durchfahren, unb der Zug hielt im Straßburger Bahnhof, als ich zu der Frage kam, woher er denn so gut Deutsch könne. Er habe es in Ohrdruf gelernt, antwortete er; fast vier Jahre lang sei er als Kriegsgefangener im Ohrdrufer Lager gewesen, da habe man es schon lernen können.
Vier Jahre lang —; daraufhin mochte man nun doch nicht damit hinter dem Berge gehalten haben, daß man auch seinerseits etwas besehen habe damals, zwar nicht vier Jahre lang, aber immerhin man war auch dabei gewesen. Eigentlich war es eine Mitteilung, die ihm unter anderen auch besagte, baß man dabei auch auf die Seinigen geschossen hatte und daß diese es ihrerseits an der Antwort nicht hatten fehlen lassen. Aber nun geschah das Wundervolle und Bewegende, das bei dem Zusammentreffen von Soldaten des großen Krieges so oft zu erleben ist und das ich auch selber noch oftmals erleben sollte, wenn ich es auch nie wieder unter für mich fo denkwürdigen Umständen erfuhr wie auf dieser ersten Reise nach Paris Eine ehrliche Freude nämlich leuchtete in seinem guten Mannsgesicht auf, er lüftete sein Käppi, so wie ich es am Rhein die französischen Ossiziere zuweilen hatte lüsten sehen, und reichte mir die Hand unb sagte: das
freue aber ihn sehr, da seien wir ja gewissermaßen Kameraden. Er nämlich freue sich immer über das Zusammensein mit Deutschen, am meisten natürlich mit ehemaligen Soldaten. Er habe nämlich eine Dankesschuld an uns seit dem Lager von' Ohrdruf. Dort sei er auf dey Tod erkrankt gewesen und ohne die Kunst unb Gebulb des beutschen Arztes wäre er nimmermehr mit bem Leben bavongekom- men. Nein, er wolle nicht schönfärben, natürlich sei ein Gefangenenlager ein Gefangenenlager unb kein Ercholungsaufenthalt. Aber er bleibe babei, daß er für seine Person seither die Deutschen Hochschätze, und darum habe er auch seinen Jungen nach Deutschland geschickt, damit er dort für feinen Beruf noch etwas dazugewinne und die deutsche Sprache erlerne. So sagte er und zog das Bildnis seines Sohnes aus der Brieftasche und zeigte es mir, und durch das Fenster hinter ihm war der Name der Stadt zu lesen, in ber ich geboren bin, ohne daß ich sie Wiedersehen sollte, und irgendwo mochte im Nebel der Turm des Münsters aufragen, unsichtbar in der Dunkelheit.
In dieser Nacht habe ich nicht viel geschlafen. Mitternacht war schon vorüber, als wir aufhörten, einander zu erzählen. Nicht lange danach erreichte der Zug eine Zone, durch die wohl tei'Xr aus unserer Generation schlafend und achtlos hinburch- fahren mag. Es war aus dem Fenster nicht viel zu sehen in der nebelnden Finsternis außer ein paar Lichtern und ein paar Hügelzügen. Aber bie Namen, bie auf den Stationstafeln aufleuchteten, waren ehrwürdige Namen, ehrwürdig meinem Volke auf immer und ebenso ehrwürdig dem Volke, dessen Gast ich nun fein sollte. Hier lagen sie nun in dem nächtlichen Gesild und schliefen, seit zwanzig Jahren schon, die von hüben unb bie von brüben, unb wenn nun auch ein neues Zeitalter heraufgekommen war und das alte versank, nach dem Gesetz der Zeiten: aber die Toten waren noch nicht versunken und würden niemals versinken. Ich mußte nur aussteigen auf einer ber kleinen Stationen dann würde ich alsbald vor Kreuzen stehen mit mir vertrauten und teuren Namen und auch vor anderen mit anderen Namen, die meinem Kameraden dem Schlafwagen-Schaffner, vertraut und teuer waren So fuhr der Zug dahin, und ich saß auf meinem Bett und starrte durch die Scheiben und grüßte stumm hinaus und verneigte mich in meinem Herzen Später, schon jenseits der Marne, ging ich hinaus und wanderte den Gang draußen auf und ab. Der Schlafwagen-Schaffner konnte wohl auch nicht schlafen. Er saß wach in seinem kleinen, erleuchteten Abteil, das Käppi auf bem Haupt mit bem weißen Haar unb Bart, bem Marschall Joffre ähnlich, unb so oft ich Ueberlebenber an ihm vorbei
schritt, ber es auch hatte überleben sollen, nickte er mir zu und lächelte mich sreunblich an, wie ein Vater seinen Sohn.
Schauspielschule.
Don Erich Ebermayer.
Vor einer Probebühne, die öde unb trostlos ist, wie alle Probebühnen, im fünften Stock eines Theaters, — irgendwo — vor knarrenden Holzdielen unb staubigen Kulissen, angebeuteten, sowie weiß starrenden Kalkwänden sitzen der Herr Theaterdirektor unb die übrigen Herren vom Lehrkörper unb warten.
Sie warten zweifelsohne auf Talente, die kommen werden, um die Prüfung abzulegen, welche berechtigt zum Eintritt in die Schauspielschule. Aus junge Talente warten sie, auf Nachwuchs, Herrlich Nachbrängendes, Innig Starkes, weil es ja nicht aussterben darf, bas Theater.
Und sie kommen. Namentlich aufgerufen treten sie ein, die Talente. Eins nach dem andern. Solche mit brennender Sehnsucht unb ber Leidenschaft des Herzens, mehr zu fein, öfter unb vielfältiger als ein Mensch nur, ein einmaliger, namens Meier, oder auch Müller.
Solche, die es langweilt, das einfache und gute Leben bes Bürgers zu führen, welche Angst würgt, bas Nachts, wenn sie allein finb, vor dem langsam- behäbigen Altern unb bem oben Trott ungeliebten Berufs.
Faule kommen, scheuenb ehrliche Arbeit, die noch nicht kennen bie Freude ber kleinen, täglich getreu zu erfüllenden Pflichten, die nichts lernen wollen, was mühevoll ist: Schuster ober Straßenbahnschaffner ober aber Gymnasialprofessor, unb bie noch nicht wissen, daß auch »er Künstler, auch er, nur ein Handwerker ist, ein strenger getreuer, freilich einer mit göttlichem Werkzeug an heiligem Stoff.
Kranke kommen. Verstiegene, mit dem gleißenden Wurm schwieriger Besesienheit in ausgeleierten Gehirnen.
Törichte kommen, denen taube Tanten Talent patentiert, bie böse blicken unb gehässig auf bie Prüfenden, welche ohne Zweifel, natürlich und selbstverständlich weit weniger tonnen als sie, die Erwählten des Herrn.
Gescheiterte kommen, bie nichts mehr zu verlieren haben, tn benen aber immer noch glimmt ein Funke, ein verschütteter ihres Anfangs, — vielleicht ist es gar Genialität? — aber es erweist sich bei näherem Zusehen als Unordnung unb Schlamperei.
Dann aber, spät klein unb zierlich kamst d u herein, kleines Mädel, durch die tnarrenbe Tür,
knixtest, sagtest „guten Tag", warfst die nach vorn gefallenen Locken wieder an ihren richtigen Platz, zupftest dein nicht sehr langes Kleid ein Stückchen nach unten, was aber gar nichts half; sagtest sodann deinen Namen, ferner, als ber Herr Direktor dich fragte, wie alt du seist sagtest bu,' ohne Lächeln, saft stolz „eben sechzehn", zupftest nochmals am Kleidchen, warfest enbgültig bie bereits wieder vor bie Augen gefallenen Haare zurück und begännest.—
Hast bu gespürt, Kinb, Dummes, Kleines, — daß es stille wurde zwischen uns, als du sprachst, heilig still? Kind, r-
Du hast es nicht gespürt, kleiner Kerl, benn bu. warst auf einmal nach zwei, drei Zeilen, die bu zaghaft gesprochen, nicht mehr da, nicht mehr unter uns.
Wir sahen es, baß bu hingenommen wurdest; unb das weggetragen ward dein Kleinmädchenkörper unb jetzt auf einmal etwas anderes vor uns aufftanb wie ein Wunder, so daß wir erzitterten unb die Köpfe senkten.
Unb als du endetest, am Boden hingestreckt, am staubigen, bas Haupt vergraben in bem Wald von Haar (weil bie Rolle es so erforderte) unb bu noch immer vergessen hattest, nichts mehr wußtest von Schauspielschule unb Aufnahmeprüfung et cetera, unb ber gute Herr Direktor nach einem Augenblick bes Schweigens, bas vielleicht Ehrfurcht war vor dir unb deiner Kunst, bir den Spruch bes Kollegiums, des bebächtig unb ernst Hazu nickenden, verkündete, — da ging der Schmerz deines Anllitzes fcynell wieder über in dein liebes Kleinmädchenlachen, fo daß du nun auch uns, Verzauberte, aus schmerzvollem Bann gnädig entließest unb wir wieder lächeln konnten unb uns freuen über bich, kleiner Kerl.
So ftanbeft bu auf, lächelnd, zupftest am Röckchen, warfest die Haare, bie natürlich längst wieder gut unb schützend sich vor deine bleiche Stirn gelegt hatten, abermals zurück, sagtest: „Danke schon, auf Wiedersehen!"
Und liefest, selig und stolz, hinaus und hinunter die vielen Treppen in ben blauen Sommertag, der wartete auf dich, kleiner, feiner Kerl.
Hochsckulnachrichten.
, Ernannt wurden: der ao. Professor Dr. Erich Reitzen st ein an der Universität Halle zum Ordinarius für klassische Philologie in Halle; ber ao. Professor Dr. Johannes von A11esch an der Universität Halle zum Ordinarius für Psychologie in Halle; Regierungsbaurat Harald Hanson in Hirschberg zum Ordinarius für Baugcschichte an der Technischen Hochschule Stuttgart.


