lir.182 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Montag, 7. August My
Aus her Stadt Gießen.
Sroschengrab wird Millionengrab.
Wieder werden wir daran erinnert, daß das Grab vieler sauer verdienter Groschen in der Unachtsamkeit, der Gleichgültigkeit oder auch der Unkenntnis zu suchen ist, die man in der Behandlung der Lebensmittel noch antrifft. Mit viel Mühe hat der Bauer die Ernte gesichert, mit aller Sorgfalt ist das Mehl und dann das Brot aus dem Korn entstanden, aber mit großer Nachlässigkeit wird es von manchen Leuten behandelt. Die Kinder müssen dazu erzogen werden, keine Scheibe ihres Frühstücksbrotes in der Schule verderben zu lassen oder gar wegzuwerfen; viele Brotreste gehen ferner in manchem Haushalt zugrunde, weil man sie vertrocknen oder gar verschimmeln läßt. Zusammengerechnet macht das im Haushalt des Volkes Millionen von Reichsmark aus. Nicht anders ist es mit der Be- bandlung von Gemüse und Obst in der heißen Jahreszeit. Die kluge Hausfrau sorgt für rasche Verwertung oder für das rechtzeitige 'Einkochen als Wintervorrat. Das gilt nicht nur für den Haushalt, sondern auch für viele Gärten, wo manches Pfund Beeren noch zu retten wäre, wenn man sich rechtzeitig die Mühe machen wollte, alles abzuernten, obwohl die Arbeit überall drängt. Mit Milch, Wurst oder auch Fleisch muß während des Sommers ebenfalls mit Vorsicht umgegangen werden, gerade dann, wenn der ersehnte Kühlschrank | fehlt.
Wir haben eine starke Steigerung des Lebens- -nittelverbrauchs in Deutschland. Bei der Butter ist : er von 7,5 Kilogramm pro Kopf im Jahre 1932 auf 8,9 Kilogramm in 1938 gestiegen. Größer ist ; auch der Verbrauch an Seefischen und in allen ' Fleischwaren geworden. Gemüse und Kartoffeln vertragen noch eine gewisse Steigerung, besonders wird die Ernte an Kohl und Bohnen wieder ausgezeichnet sein. Es ist aber die Pflicht aller Erzeuger ; anb Verbraucher, die Früchte und empfindlichen Lebensmittel gut und sorgsam zu behandeln. Die | Hausfrau trägt hier wieder eine besondere Verantwortung. Durch ihre Hände läuft der größte Teil kos Nationalvermögens. Wenn in den rund 20 Millionen Haushaltungen des Reiches im wöchent- ! chen Durchschnitt auch nur für 10 Rpf. Lebens- Mittel verderben, so ergäbe das im Jahre eine gewaltige Summe. Die Einfuhr erfordert Devisen, fi Knser Stolz ist es zudem, zum allergrößten Teil | rus eigener Erzeugung zu leben und damit dem besetz der nationalen Unabhängigkeit zu dienen. Kenn der Bauer dafür in hingebender -und schwerer Arbeit, trotz der Leutenot auf dem Lande, Sorge ^ägt, wenn das Reich durch strenge Preisoorschrif- -N gegen willkürliche Preissteigerungen vorgeht, n muß auch der Verbraucher das Seine beitragen, .«mal Sparsamkeit dem eigenen Vorteil dient.
Die Parole gegen das „Groschengrab" im Kampfe ^egen den Verderb wird daher als ein Appell zur wlkswirtschaftlichen Disziplin von allen Dolksge- i offen freudig unterstützt werden.
Dornotizen.
Tageskalender für Monkag.
Gloria-Palast, Seltersweg.- „Hallo, Jcmnine".
Erhöhter Kleiderzuschuß der Reichsbahn.
Um den Pflichtmitgliedern der Reichsbahn-Kleider- bsse die Anschaffung der Dienstkleidung zu erleich- trrn, ist der Anteil der Deutschen Reichsbahn an 1-n Kosten der Dienstkleidung von einem Drittel auf be Hälfte erhöht worden. Der Zuschuß beträgt für jDes Pflichtmitglied monatlich 2,10 RM. bzw. jähr- ich 25,30 RM. Der laufende Beitrag der Pflicht- riitglieder beträgt ebenfalls 2,10 RM. monatlich. '•1 der Anordnung wird die Erwartung ausgesprochen, daß diese Vergünstigung zur stärkeren Be- lchtung der Bestimmungen über das vorschriftsmäßige Tragen der Dienstkleidung beitragen wird.
Gießener Pimpfe und HZ. im Lager Eger.
Zu unseren Bildern.
N e b e n st e h e n d: An der Stadtgrenze von Bayreuth angetreten für den Marsch zum Führer.
Oben rechts: Ge- sundheits - Appell. Hier werden die Füße einer Kontrolle unterzogen.
Unten links: Eine Stunde der Ausspannung nach dem Schwimmen im Schwimmbad von Wunsiedel.
(Aufnahmen: (3) Jungvolk.)
Nach dem großen und freudigen Erlebnis der Begegnung mit dem Führer in Bayreuth nahm die Fahrtenabteilung der Gießener Pimpfe am Morgen des folgenden Tages die Sehenswürdigkeiten von Bayreuth in Augenschein. Zuerst wurde die Weihehalle im Hause der Deutschen Erziehung besucht. Dort hatten die Gießener Pimpfe Gelegenheit, ein wundervolles Orgelkonzert zu hören, wie es in der Zeit der Festspiele an jedem Vormittag um 11 Uhr stattfindet. Anschließend wurden die Lehr- einrichtungen des Hauses eingehend besichtigt und schließlich dem Markgräflichen Opernhaus ein Besuch abgestattet. Nach dem Mittagessen wurde noch dem Schloß Eremitage mit seinem Park und seinen Wasserspielen ein kurzer Besuch abgestattet, womit die schönen Tage von Bayreuth ihren Abschluß fanden.
Lager Wunsiedel.
Am Nachmittag des 1. August ging die Fahrt weiter nach Wunsiedel. Dort wurden am Abend auf dem Katharinenberg oberhalb der Stadt die Zelte aufgeschlagen und alles für die Uebernachtung vorbereitet. Während die Lagerfeuer prasselten, herrschte nach kurze Zeit der übliche Lagerbetrieb, dann ging
es in die Zelte. Nachtwachen, die sich alle zwei Stunden ablösten, gingen um das Lager und betreuten die Ruhe ihrer Kameraden.
Der Vormittag des 2. August brachte für die Gießener Pimpfe eine ©eneraljäuberung von dem bisherigen Fahrtenstaub. Dabei wurden alle Pimpfe auf ihren Gesundheitszustand geprüft, der Haarschnitt in Ordnung gebracht, die Fahrräder nachgesehen usw. Der ganze Vormittag war mit dieser Tätigkeit reichlich ausgefüllt. Nach dem selbstgekochten Mittagessen im Zeltlager, wo die Jungen eine schmackhafte Gemüsesuppe verzehrten, wurde geschlossen zur Luisenburg abgerückt, um dort auf der Freilichtbühne das Drama „Chrimhild und Brunhild" von Paul Ernst zu sehen. Nach der Aufführung wurde die Luisenburg besichtigt. Am Abend erfreute die Frauenschaft die Pimpfe mit einem prächtigen Kartoffelsalat und warmer Fleischwurst, dem etwa eine Stunde später noch ein wundervoller Pudding folgte.
Auch die Hitler-Zugend sah den Führer.
An diesem Abend traf auch die 25 Mann starke Fahrtengruppe der HI., Bann 116, in dem Lager ein und wurde hier mit der 70 Jungen starken Abteilung des Gießener Jungbanns zu einer g e - fchlofsenen Fahrtenabteilung vereinigt. Am Tage vorher hatten die Hitlerjunge'n aus Gießen in Bayreuth ebenfalls die große Freude erlebt, den Führer bei einem Besichtigungsgang treffen und begrüßen zu können. Ein Scharführer der Hitler- jungen meldete dem Führer die Gießener Gruppe, worauf sich der Führer in herzlicher Weife mit den Jungens unterhielt, sich nach dem bisherigen Verlauf, nach den weiteren Zielen ihrer Fahrt erkundigte, an allen Einzelheiten großen Anteil nahm und schließlich der Bitte der Jungen, ihnen Gelegenheit zu einer photographischen Aufnahme zu geben, in freundlichster Weise willfahrte. Hochbeglückt wurde der Photoapparat in Tätigkeit gesetzt und als der Führer schließlich die Gruppe verließ, schenkte er seinen Gießener Hitlerjungen als Zuschuß zu ihrer Fahrtenkasse den mit größter Freude begrüßten ansehnlichen Betrag von 100 Mark. Von dem unvergeßlichen Erlebnis der Begegnung mit dem Führer erzählten die Kameraden des Bannes 116 am Abend im Lager voller Begeisterung. Ein Teil der Fahrtenabteilung besuchte am Abend noch die Freilichtbühnenspiele auf der Luisenburg, wo der erste Teil von „Faust" aufgeführt wurde. Voll höchster Befriedigung über den schönen Tag ging es dann in die Zelte zum Schlafen.
Fahrlengruppen am Ziel.
Der 3. August brachte frühmorgens zunächst den Abbau des Zeltlagers und die orbnungsmäßige
ingens stattfindet und dann Sport, unfr ?ni''F die Sbirtnons (jpfr+mffmen
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Herrichtung des Lagerplatzes. Dann ging die ganze Abteilung zum Schwimmen in das Schwimmbad von Wunsiedel. Mit gutem Appetit wurde hierauf das von den Lagerköchen hergerichtete Mittagessen verzehrt und sodann nach einer kurzen Ruhepause die Weiterfahrt nach Eger zum dortigen Zeltlager angetreten.
Gegen 18 Uhr traf die ganze Abteilung in dem Zeltlager Eger em. Hier wurden die 96 Hitler- jungen und Pimpfe in zwei Verpflegungsgruppen eingeteilt, deren jede vier Zelte zur Verfügung hat, so daß je 12 Jungens in einem Zelt beieinänder- wohnen. Das Laaer, das insgesamt 103 Zelte zählt, Ijegt etwa zwei Kilometer vor der Stadt an einem Berghang in der Nähe der Eger. Nach der Essenausgabe wurden die Zelte hergerichtet und dann war es aüch soweit, daß alles in die „Klappe" stieg.
Das Lagerleben im Zeltlager Eger wickelt sich in der Weise ab, daß vormittags zunächst eine Schu-
wird. Nach dem Mittagessen folgt eine zweistündige Lagerruhe, anschließend hören die Jungens wieder bedeutsame Vorträge. Führende Männer der Bewegung und der HI. sprechen über weltanschauliche Themen zu den Lagerinsassen. An einem Nachmittag findet gemeinsamer Ausgang statt, verbunden mit dem Besuch der Schiller-Festspiele in Eger. Jeweils der letzte Tag des Lageraufenthaltes einer Fahrtabteilung ist einer Großfahrt gewidmet, bei der sämtliche Abteilungen vom Morgen bis zum Abend eine Fahrt in das Sudetenland unternehmen, die am Abend mit der Rückkehr in das Lager Eger ihren Abschluß findet. Jede Fahrtabteilung hat dabei ihre eigene Strecke und eigene Ziele, so daß die verschiedensten Gegenden des Landes besucht werden.
Am 4. August wurde das Aufstehen im Lager bis gegen 8.30 Uhr verschoben, da anhaltendes Regen- wetter den Frühaufstehern ja doch das Konzept verdorben hätte. Dann begann der übliche Tagesdienst.
Rückfahrt durch Thüringen.
Da es durch den Fahrkzufchuß des Führers möglich wurde, eine größere Strecke mit der Bahn zu fahren, wurde die Heimfahrt in das Thüringer Land verlegt Die Fahrtstrecke führt jetzt von Eger über Hof, Saatfeld, Friedrichsanfang bei Erahwinkel uuch Eifenach. Die Post ist also nicht nach Coburg
Das Strandgut.
Von Frank $. Braun.
-Wir saßen in der Bar „Zum blauen Elefanten", (e war mittags, und wir gehörten um die Zeit er nicht dahin. Aber Heinrich hatte mich einfach hmemgezerrt, als er mich auf der Straße traf.
.„Ich muß dir etwas erzählen, Mensch", sagte e. Nach dem ersten Whisky hatte er Mut. „Also, 1011 «S rtllr3 ZU machen: ich habe mich verheiratet." .„Wieso?"
Wr nahm die Frage wörtlich. „Hertha wollte es jjim, und da sie mir das Leben gerettet hat, konnte ic es ihr nicht abschlagen."
^Jch starrte ihn an. „Vielleicht erzählst du mir das nl genauer."
.„gerne", sagt er. „Es war in Amrum."
.„Also im Sommer."
..Natürlich im Sommer; im Winter ist da nichts ■< 7$ i Sommer, Mensch, es war wunder- Hll. Jeden Tag draußen, mit dem Boot, im Bade- orflug, Schlicklaufen, Schwimmen ..."
I-Fasse dich kurz! Nimm Rücksicht auf Wartende!" .Richtig. Es war ein Freitag. Man soll sich an « Regeln der Altoorderen halten, Mensch. Es war ir Unglücks-Freitag. Ich fuhr mit dem Boot hin- us. Dann legte ich es still und sonnte mich. Aber ri das fo ist, man muß in der Gegend aufpassen w Ebbe und Flut. Plötzlich merkte ich, daß ich Maß. Das Boot war auf Grund geraten. Meine Überlegung war, daß demnach Ebbe kommen »irbe. Ich hatte, wenn ich nicht loskam, sechs CLnben ba auf bem Watt abzusitzen. Das paßte Hin nicht.
l>ch lasse mich behutsam am Bootsranb ins Wasser Feten, fasse im weichen Schlick Fuß unb beginne Ji! Boot abzuschieben. Das gelingt mir auch. Das $o*t schießt ein Stück vorwärts ins offene Wasser. A aber sitze fest. Wahrscheinlich haben sich meine »eine beim Abbrücken bes Bootes zu tief in ben Sechen Schlickboben gebrückt. Ich fitze fest. Mensch, J5)jage dir, mir brach vielleicht der Schweiß aus!
wühlte, machte mit ben Armen Schwimmbe- *2 ungen, unb schließlich, nach Ewigkeiten wollte E- mir scheinen, kam ich los.
Slber ba war bas Boot so weit abgetrieben, baß fl!I kein Gebaute aufkommen kann, es jemals ein- 5^*len. Unb Mensch! mein Irrtum, nicht bie Ebbe, Alut kommt!
Dih merke es beutlich. Das Wasser steigt. Mensch, uf agte dir, bas waren Viertelstunden.
Sann war die Flut ba. Sie reichte mir bis zum
Halse. Dann gingen die Wellen mir über ben Kopf. Äch schwamm. Nach einer halben Stunde war ich matt.
Ich lasse vorsichtig die Beine hängen, tauche unter unb habe vielleicht einen Viertelmeter unter Wasser festen Boben. Was für eine scheußliche Situation! Auf der Stelle Wasser treten bis Zur Erschöpfung, bann eine Minute absacken, mit vollgepumpten Lungen unter Wasser stehen unb ausruhen. Dann roieber hoch, weiterschwimmen."
Er machte eine Pause, trank mit einem Ruck sein Glas aus unb fuhr fort: „Als ich roieber einmal blaurot im Gesicht auftauchte, sah ich ein Boot. Es kam munter, strahlend weiß herangesegelt. Ich schrie, aber erst nach einigen entsetzlichen Minuten der Ungewißheit sah mich Hertha."
„Hertha, bas ist deine jetzige Frau; sie war im Boot?"
„Du errätst auch alles. Hertha entdeckte mich und zog mich zu sich an Bord.
Wir waren in der Saison bie Sensation unb bas Tagesgespräch von Amrum. Weißt du, wenn man so zusammen gefeiert wirb, überall, wo man auftaucht, machen sich bie .Leute aufmerksam und tuscheln, ba bleibt einem nichts anderes, man verlobt sich dann schon lieber. Und Hertha hatte ja auch ein Recht darauf. Nach westfriesischem Stranbrecht war ich von ihr gerettetes Strandgut, bas ihr zu- ftanb."
Er erhob sich. „Ich muß weiter, Mensch. Kommst bu heute abenb einmal zu uns heraus? Meine Frau möchte dich gern kennenlernen."
„Ja, gerne", sagte ich. Ich war bann viele Male bei ihnen draußen. Hertha ist eine nette junge Frau. Sie ist ganz besonders hübsch, und als ich gesprächsweise sagte, sie sei doch sicher viel umschwärmt worden und Heinrich habe wohl Mühe gehabt, an sie heranzukommen, sah sie sich mit gutmütigem Lächeln um, ob Heinrich nicht horchte und flüsterte mir zu: „Er wäre mir gar nicht aufgefallen, wissen Sie. Aber er fuhr eines Tages kurz vor mir mit bem Boot hinaus. Als er sah, baß ich in ber Nähe war, ließ er sich ins Wasser fallen unb tat, als sei er am Ertrinken. Ich habe ihn bann gerettet." Ihre Augen lachten mehr als ihr Munb. „Wie bas bann so ist in einem Seebab, wo nichts passiert, bie Leute feierten uns. Ich fand Heinrich nett. Wir verlobten uns. Heute Heben wir uns und sind glücklich. Sein Schwindel ist geglückt." Sie lachte. Heinrich kam mit der Bowle. „Wer hat einen Witz erzählt?" fragte er, „war er gut, bann laßt ihn mich auch hören." Aber wir hüteten uns.
Sommerliche Hofmusik.
Von Anke Ehlers.
In der Ecke des Hofes steht der Kastanienbaum. In seinem Schatten sitzt ein kleines Mädchen, das seine Puppe wiegt. Schmale, braune Beinchen baumeln von der niedrigen Mauer, die ben Wirtschafts- Hof vom grünen Garten trennt. Im bichten Sommerlaub bläst ber Winb bie sanfte Flöte, so daß die Töne — goldene Lichter — auf Haar und Schulter des versunkenen Kindes fallen.
Wie blendet die Sonne von ben weißen Wänden im Geviert bes Hofes! Eine Schwalbe schwingt sich mehrere Male rundherum im Kreis, ein blitzendes Vogelkarussell. Im heißen Sand haben Hühner. Laut gatfernb gesellt sich eine Henne ihnen zu, die eben vom Nest kommt und ihre Leistung aller Welt verkündet. Ein kleiner, roter Hahn singt Kikiriki. Qjr weiß, er muß verschwinden, wenn ber weiße Sussex- hahn sich zeigt, ber in ber Hierarchie bes Geflügelhofes ben Abelsstanb vertritt.
König ist ber Pfau. Don der Gartenmauer läßt er die bunte Schleppe herunterhängen, unb feine Damen schreiten als feine Königinnen über ben Rasen. Wo sie erscheinen, weicht bas Geflügelvolk zurück. Ihr Schrei ein Urlaut ber Natur. Ihr Flug vom Dach ber Scheune im schrägen Licht bes Morgens —. eine Vision aus exotischer Märchenwell. Wenn ber Herr im Liebesspiel knisternb seinen Fächer entfaltet, baß bie schillernben Augen die Umworbene bannen unb Brust unb Hals als göttliches Dreieck im Flammenrad schimmern — welch ein Schauspiel! Nur von hinten, ach von hinten soll ihn dann niemand besehen. Wie ein König in Unterhosen, wie ein Dichter in Pantoffeln ist er anzu- schauen. Und wer liebte nicht die Illusion!
Uebrigens macht sein streitbares Temperament es zum Wagnis, sich ihm zu unrechter Zeit zu nahen. Wobei ber zornmütige Vogel allerdings riskiert, eines echten Tyrannentodes zu sterben wie fein Vorgänger, ben man eines Tages mit gewürgtem Hals tot am Wege liegenb fanb.
Doch biejer hier lebt noch mit aller Kraft unb hat vor einem nur Respekt: vor Troll, bem ungarischen Steppenhunb. Wenn Troll, schwarz wie bie Nacht unb bunte! wie bas Schicksal, im Hof auf» taucht, ergreift ber Pfau bie Flucht. Rusch! fegt fein Schweif um eine Mauerecke. Troll roieberum, ber finstere Teufel, — es gibt keinen, mag er noch so furchtbar scheinen, ber nicht roieber einen Mächtigeren fürchten müßte — auch Troll ist nur bis zu einem gewissen Grabe souverän. Denn wie er sich behaglich
■im Schatten bes Kastanienbaumes zu einem Schläfchen eingerichtet hat, erscheint Frau Schnüfti auf dem Plan, bie Katzenmutter mit vier seidenweichen, spielerischen Katzenjungen. Vierfache Sorge für ein Mutterherz. Ist es zu verwundern, wenn sie faucht, den Buckel krümmt und scharfe Prankenhiebe austeilt an den, der ihre Lieblinge anzuknurren wagt? — Troll wagt dies längst nicht mehr, die Nase tut ihm jetzt noch weh von Frau Schnüftis mütterlich-behender Ohrfeige. Und ba Frauen eher hunbert Guttaten als eine schlimme Tat vergessen, zieht er zottelnd ab. Sein buschiger Gang ist Aerger, Vorwurf, melancholische Gekränktheit.
Nun ist Familie Schnüfti unter sich. Das ist ein Balgen, Spielen, Ueberkugeln! Den Stamm hinauf, baß bie Borke unter ben Krallen knackt, unb roieber hinunter, kopfüber, kopfunter, und lautlos, lautlos dieser ganze Tumult, auf samtenen Katzenpfötchen.
Da begibt es sich, daß eins auf die Mauer springt, dem Kinde in den Schoß und gerade auf bie Puppe, bie endlich eingeschlafen ist. Muß bas nicht bie Puppen- mutter verdrießen? Ihre kleine, braune Hand packt das vorwitzige Kätzchen im Genick unb beförbert es im Bogen in ben Garten.
Dann sitzt bas Mäbchen roieber still. Die Hühner kauern im heißen Sand. Ein Falter taumelt trunken.
Droben im bichten Sommerlaub spielt ber Wind bie sanfte Flöte.
Sochschulnachnchten.
Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Wilhelm M auch ot, Drbinarius für organische Chemie in München, vollenbete sein 7 fl. Lebensjahr. Der Gelehrte habilitierte sich an ber Universität Göttingen unb wurde bereits 1903 als ao. Professor nach Würzburg berufen. 1914 folgte er einem Rufe an bie Technische Hochschule in München, an ber er seitdem ununterbrochen gelehrt hat. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde Manchot 1929 zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt.
Von den amtlichen Verpflichtungen sind entbunden worden: der ordentliche Professor an der Universität Köln Dr. August D a r a p s k y (Chemie und chemische Technologie), der ordentliche Professor an ber Universität Erlangen Dr. med. Bruno Fleischer (Augenheilkunde), der ordentliche Professor an der Universität Erlangen Dr. med. Leonhard Hauck (Dermatologie und Geschlechtskrankheiten) wegen Erreichung der Altersgrenze, der ordentliche Professor an der Technischen' Hochschule Graz Dr. Wilhelm Heyn (Maschinenbau) auf seinen Antrag. - —•


