Ur. 156 Zweites Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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Einfluß des NSDStB. bereits (tnde 1930 an unserer Universität der „numerus clausus“ für Juden angenommen, damals auch schon die Errichtung eines Lehrstuhls für Rasseforschung gefordert wurde. Ferner rief er in die Erinnerung zurück, daß bereits im Februar 1931 der damalige Hochschulgruppenführer Ludwig Fritz dem Reichsführer des NtzDStB. Baldur von Schirach Gießen als nationalsozialistische Studentenschaft melden konnte. Damit bekannte sich also schon 2 Jahre vor der Machtergreifung die Mehrheit der Gießener Studentenschaft zu Adolf Hitler und zum Nationalsozialismus.
Dann sagte der Redner u. a.:' Inzwischen zog Adolf Hitler in die Reichskanzlei ein. In der Folgezeit hatte der NSD.-Studentenbund noch schwere Proben zü überstehen. An Versuchen, die richtige und zweckmäßige Form und Organisation des Stu- dententums zu finden, fehlte es auch nicht. Namen und Begriffe wie SA.-Hochschulamt, Wohnkameradschaften usw. sind noch in unser aller Erinnerung. Diese Unternehmungen waren vielleicht für damalige.Zeit berechtigt, sie aber find heute überflüssig geworden, nachdem wir wieder eine allgemeine Wehrpflicht haben.
Unter dem jetzigen Neichsstudentenführer Dr. Scheel wurde dann der einzig richtige Weg eingeschlagen und die Kameradschaften, die Erziehungsund Lebensgemeinschaften des Studentums, ins Leben gerufen. In Gießen bestehen mit dem heutigen Tag acht solcher Gemeinschaften, die in früheren Korporationshäusern prachtvolle Heime gefunden haben, die allerdings in den kommenden Semestern eine neue Ausgestaltung, wie sie der Zeit entspricht, erfahren müssen.
Hinter jeder Kameradschaft steht eine ebenso starke Altherrenschaft, die nur das eine Ziel kennt, dem Führer ein zuverlässiges Akademikertum zu schaf
fen. Damit ist das ganze Gießener Akademikertum in der großen Gemeinschaft, dem NS.-Altherren» bund, aufgcgangen. Dies hier heute verkünden zu. können, erfüllt mich mit starker Genugtuung und Befriedigung.
Rückschau zu halten auf das bisher Geleistete und Gewesene, sich über die Erfolge zu freuen und sich an ihnen zu stärken, die Kräfte zu sammeln und zu aktivieren in unserem Ringen um eine politisch- nationalistische Hochschule, in der die studcntischo Jungmannschaft mitverantwortlich verankert ist, ist. Sinn und Zweck der örtlichen Studententage. Ungeheure Aufgaben für die Zukunft harren noch ihrer Lösung. Wir haben als Studenten, als Akademiker den geistigen Reichtum unseres Volkes zu wahren, zu mehren und wciterzugeben. Dieser geistige Reichtum muß mit dem Geist neuen nationalen und sozialistischen Menschentums durchsetzt werden, um ihm dadurch zu einer ganz neuen und fruchtbaren Lebendigkeit zu führen. Das Errungene, den Bestand der Wissenschaft streng zu hüten und es mit dem Geist der nationalsozialistischen Berufsauffassung völlig zu durchtränken, an dieser Doppelausgabe zu arbci- . ten ist Pflicht von Dozenten und Studenten. Nur in der Gemeinschaft kann sie gelöst werden. Und wir Studenten fühlen in uns die Kraft und die Stärke, unser Teil zur Lösung beitragen zu können. Wir fordern, alles hier noch Hemmende und Trennende beiseite zu schieben, alles Faule und Morsche abzulegen, um nicht dadurch an Stoßkraft zu verlieren.
sität schwenkte die Spitze, bestehend aus dem Stu- dentcnführer Frank und dem Hochschulringführer Professor Dr. R i e h m , der Fahne, den ^Kranz- trägcrn und einem Spalier fackeltragender Studenten, zum Haupteingang des Gebäudes ein, während der Marschblock mit den lodernden Fackeln Front nach dem Gebäude zu nahm. Unter den Klängen des vom Musikzug der SA.-Standarte 116 gespielten Liedes vom guten Kameraden begaben sich Studentenführer Frank und Hochschulringführer Professor Dr. R i c h m , gefolgt von der Fahne und den Trägern der Kränze, durch ein Fackclspalicr von Studenten in die Vorhalle der 2lula zum Ehrenmal. Hier wurden sie von Se. Magnifizenz dem Rektor der Universität Professor Dr. Seifer und dem Prorektor Professor Dr. Dietz erwartet. Einige Minuten des feierlichen Gedenkens und die Niederlegung der Kränze galten nun den gefallenen Kameraden,' während von draußen die feierliche Musik erklang.
Faüelmarsch durch die Stadt.
Nach der feierlichen Totenehrung wurde vom Universitätsgebäude aus, nunmehr mit flotter Marschmusik und in den Musikpausen mit dem Gesang frischer Kampflieder, der Fackelmarsch fortgesetzt. Der Marsch ging durch die Ludwigstraße über Ludwigsplatz, Moltkestraße, Hitlerwall, Landgrafenstraße, Landgraf - Philipp - Platz, Brandplatz, Sonnenstraße, Kreuzplatz, Seltersweg, Horst-Wessel- Wall, Bahnhofstraße, Neustadt zum Oswaldsgarten. Hier folgte beim Scheine des Feuers der zusammengeworfenen Fackeln
Nachdem der heutige Freitag als „Tag Sportes" den sportlichen Wettkämpfen auf Universitätssportplatz gewidmet ist, wird der morgige Samstag als „Tag der Wissen- s ch a f t" begangen. Sein Höhepunkt ist die Ha u p t- kundgebung in der Aula um 10 Uhr.. Bei dieser Feier wird nach dem Einbringen der Fahnen und einem gemeinsamen Liedgesang der Studentenführer Frank die Festoersammlung begrüßen. Nach einem Musikstück folgt als Hauptpunkt
händig.
In der Zwischenzeit waren die Vorbereitungen für die leichtathletischen Vorkämpfe auf dem Universitäts-Sportplatz beendet, so daß zunächst mit den Sau (Übungen begonnen werden konnte. Austragung kamen zunächst 100-, 200-Meter- die Staffel-Läufe. Heute nachmittag werden
In eindrucksvoller Weise wurde am gestrigen Donnerstagabend der Gießener Studententag 1939 eröffnet. Mittelpunkt des ersten Hauptteiles der Feier war das Universitätsgebäude, während der zweite Hauptteil der Feier sich auf Oswaldsgarten abwickelte. Vor der Universität und während des Fackelmarsches durch die Straßen zum Oswaldsgarten sowie auf diesem Platze selbst hatten sich viele Volksgenossen eingefunden, die dadurch ihre Verbundenheit mit unseren Studenten und unserer Universität bekundeten.
Feierliche Totenehrung.
Unter Dorantritt des SA.-Musikzuges der Standarte 116 marschierten die Studenten - Kameradschaften im Fackel marsch um 21.30 Uhr vom Studentenhaus herab durch die Ludwigstraße. zur Universität. In Erinnerung an die für Deutschlands Freiheit und Größe auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges und im Freiheitskampf der Bewegung gestorbenen Kameraden vollzog sich der Fackelmarsch vom Studentenhaus zur Universität unter völligem Schweigen, auch die Musik blieb stumm, um die Gedanken der Marschteilnehmer ganz auf die Erinnerung an die Gefallenen hinzulenken. 23or dem Haupteingang des fahnengeschmückten Universit.its- gebäudes loderten aus den Feuerbecken auf zwei schwarzen Pylonen große Flammen empor. In der Vorhalle der Aula vor der Ehrentafel mit den Namen der Gefallenen war reicher BUkmenschmuck, von Blattpflanzen flankiert, angebracht.
Nach Ankunft des Marschblocks vor der Univer-
Jn diesem Sinne eröffne ich den Gießener Stu- bentehtag 1939. Möge er Wegbereiter sein. Vor uns schwebt das hohe Ziel: Die deutsche Hochschule mit ihren Einrichtungen zu einem starken Ast am Baum des nationalsozialistischen Staates zu machen. Der Führer wartet darauf, und wir werden ihn nicht enttäuschen. Ihm, dem unsere ganze Liebe gehört, gilt nun unser Gruß. Adolf Hitler, Sieg-Heil!
Freudig stimmte die Menge in den »Gruß an den Führer ein. Mit dem gemeinsamen Gesang der Nationallieder fand die Feier ihren Abschluß.
Der „Tag des Sportes" der Studenten.
Nach der Eröffnung des Gießener Studententages durch Studentenführer Frank wurde der „Tag des Sportes" mit einem Kleinkaliberwettbewerb eingeleitet. Bei dem vor einiger Zeit durchgeführten Mannschafts-Sechskampf der Kameradschaften waren die Kameradschaften „Schuster" und „Ulrich von Hutten" punktgleich geblieben. Der Stichkampf fand nun auf den Schießständen am „Schützenhaus" statt. Die Bedingungen waren fünf Schuß liegend frci=
Entscheidungen fallen.
„Tag der Wiffenfchasi."
Die Studenten-Kameradschaften und die ansehnliche Menschenmenge standen in weitem Viereck vor dem Rednerstand.' Vertreter der Partei und ihrer Gliederungen, der Rektor und der Prorektor, der Wehrmacht und der Behörden sowie zahlreiche Alte Herren usw. wohnten der Feier bei.
Sludentensührer Frank erinnerte zu Beginn seiner Ansprache daran, daß der Studententag 1939 als Geleitwort folgenden Ausspruch des Stellvertreters des Führers hat: „Nicht der Titel, nicht der Rang, sichern euch auf die Dauer Autorität, sondern eure Haltung und die Frucht eures Wirkens" Damit habe die Partei klipp und klar dem Studententum das Aufgabengebiet umrissen, an dem es zu arbeiten habe. Gin .national sozialistischer Student bzw. ein nationalsozialistischer Akademiker sei nur der, der diese beiden Forderungen in sich vereinige. Verantwortlich hierfür seien der NSDStB. und die Universität. Hieraus ergebe sich zwangsläufig die Verankerung des NSDStB. im Leben der Universität, der eine kämpferisch-politische Aufgabe von der NSDAP, und ihrem Führer erhalten habe. Treibender Faktor der Studentenschaft sei der Geist der nationalsozialistischen Bewegung, der immer wieder ansporne und ewig jung halte.
.Der Studentenführer gab bann in großen Zügen einen Rückblick auf die Entwicklung des nationalsozialistischen Studentenbundes während der Kampfzeit in Gießen, wobei er mit pietätvollen Worten des verstorbenen Förderers und von Anfang an opferfreudigen Betreuers Prof. Kuhn gedachte^ ferner auch daran erinnerte, daß schon bei den Asta- Wahlen im Jahre 1930 sich mehr als ein Drittel der Gießener Studenten zum Nationalsozialismus bekannte und unter dem immer mehr wachsenden
Gießener Gtudenieniag 1939.
Feierliche Eröffnung. - Heute „Tag des Sportes". - Morgen „Tag der Wissenschasi"
Aus der Stadt Gießen.
„Aus der Wolke ohne Wahl. . "
In Mittel- und Süddeutschland ist der Juli der gewitterreichste Monat des Jahres. Nicht aber an der Nordsee, wo vielmehr die meisten Gewitter im August und September bis in den Herbst hinein , verzeichnet werden? Dieser Tatbestand ist wenig be- ' lannt, aber das ändert nichts an feiner Richtigkeit.
Auch heute noch wissen wir vom Gewitter und ' dem Blitz nicht allzuviel. In früheren Jahren hat 1 man z. B. den Blitz immer in der berühmten Zick- l zacklinie gezeichnet. Das war ein Sehfehler. Und ein > Sehfehler, der durchaus nicht verwunderlich ist. < Denn die Dauer eines Blitzes schwankt zwischen ; einer tausendstel und einer ganzen Sekunde! Erst j die moderne Photographie hat erlaubt, sich auch nur . über die äußere Erscheinungsform des Blitzes wirklich klar zu werben. Und'da ergibt sich, daß der „Nörmalblitz" nicht in einer wilden Zickzacklinie verläuft, sondern in einer Richtung, wenn auch mit Abbiegungen, Knicks und Ausläufern. Es ist bekannt, daß es noch andere Formen des Blitzes gibt, so den oft genannten und selten gesehenen Kugelblitz; auch diese Ersck)einungssorm ist noch nicht ergründet. Ein anderer Blitz, der Flächenblitz, ist eine optische Täuschung: es ist ein richtiggehender „Normalblitz", aber er erfolgt hinter einer nicht all^u dichten Wolke und infolge des zerstreuten Lichtes erscheint er flächig, obwohl er in Wirklichkeit genau so aussieht wie der übliche Blitz.
Ein richtiges Gewitter im Freien ist wohl immer eine etwas unheimliche Sache. Es hat gar keinen Zweck und Sinn, über diesen sehr natürlichen seeli- I schon Eindruck mit großen Worten hinwegzureden.
Wahr ist, baß die Menschen — und zwar sowohl Männer wie Frauen — mit verschiedener Empfindlichkeit auf ein Gewitter reagieren. Es gibt selbst in der Großstadt Männer, die als Soldat durchaus ihren Mann gestanden haben und die durch nichts zu bewegen sind, während eines Gewitters etwa zu telefonieren. Sie haben sogar recht, sintemalen sich niemand in Gefahr begeben soll, in der er umkommen kann. Die Blitzableiter haben allerdings in der Stadt die Gefahren ganz wesentlich verringert. Der Blitzableiter ist bekanntlich 1752 von Franklin, dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, in feinen späteren Lebensjahren, erfunden worden.
x Aber es dauerte sehr lange — mit unseren zeitlichen Maßstäben gemessen! —, bis der Blitzableiter allgemein eingeführt war. In der Zwischenzeit war das Gewitter nach wie vor eine Naturerscheinung, gegen die sich der Mensch hilflos fühlte, eine Stimmung, wie sie das bekannte Schulgedicht malt: „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind..." Bei Bürger, Goethe und Schiller findet das Elementare von Feuer- und | Wasserkatastrophen urkräftigsten Ausdruck, wie in Idem Lied von der Glocke nachzulesen ist: „Aus der
Wolke quillt der Segen, strömt der Regen; aus der Wolke, ohne Wahl, zuckt der Strahl."
Bekannt ist, daß Bäume, vor allem Einzelbäume, bei Gewittern gemieden werden sollen. Aber auch hier besteht eine wirklich wissenschaftliche Klarheit über die Häufigkeit der getroffenen Baumarten nicht. Sicher ist aber, daß die Eiche und Pappel besonders anfällig sind, wahrscheinlich wegen ihrer häufig vorkommenden trockenen Aeste und weil diese Bäume sich gern anfiebeln, wo unterirdische Wasseradern in der Nähe sind. Und da kommen wir wieder zu einem sehr interessanten Kapitel einer wissenschaftlich noch nicht ergründeten Erfahrung, daß Gewitter nur ungern größere Flüsse und stark wasserhaltige Moore überschreiten!
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Gießener Studententag: „Tag des Sportes". Um 15 Uhr: Schlußkämpfe auf dem Universitäts-Sportplatz. 18 Uhr: Siegerehrung. — Gloria-Palast, Seltersweg: Weiß-Ferdl „Der arme Millionär".
Reisefieber.
Don Friedrich Markus Huebner.
Reisefieber an den Tag legen, wird nicht selten ' als ein Anzeichen von Unerfahrenheit, von An- fängertum belächelt. In der Tat trifft es sich kaum bei jenen, die ihre Tage sozusagen gewohnheitsmäßig in Eisenbahnabteil und Flugzeugkabine, ihre Nächte in Hotelbetten und Schiffskabinen verbringen. Unruhe, Ausregung, Reizbarkeit — das alles ist von ihnen abgefallen. Sie wissen Bescheid darüber, was kommt, kennen den Verlauf bei Zugabfahrten und Schiffsankünften, betrachten den Speisezettel in der Gaststätte eines fremden Landes nicht anders als den ihres heimischen' Eßhauses, nämlich als ein simples Ernährungsangebot, und beim Sonnenuntergang hinter den Kap Berdischen Jckseln hocken sie an der Theke der Schiffsbar ober im Rauchsalon, wo sie Bridge spielen.
Wie vieles entbehren, welche Genüsse versäumen sie doch, diese alten Füchse und Sachverständigen der Reisekunst! Und wie vieles haben vor ihnen nicht jene voraus, denen es ein Zittern durch den ganzen Körper verursacht, wenn die Lokomotive des v-Zuges, auf den sie warten, in die Bahnhofshalle einläuft, und nun das Durcheinander der Aussteigenden und der Abfahrenden beginnt, Zeitungen und Imbisse ausge rufen werden, durch die Gänge in den Wagen die Plätzesuchenden drängen und sich dann schließlich auf den Bänken des Abteils vielleicht für einen ganzen Tay und noch länger Menschen zusammenfinden, die sich nie zuvor sahen, die sich hernach nie wieder sehen werden! Und bann hebt ber Stationsvorsteher ben Signalstab, unter den Füßen beginnt es zu rumoren, die Schnelligkeit nimmt zu, die Vorwärtsbewegung verfällt in den Taktschlag einer dunklen Musik, und dieser Musik, so voll von Zwischentönen, lauscht nun das Herz, fiebernd vor Erwartung, heiß von Einbildungskraft.
Andere benutzen um voranzukommen das Motorrad, das Auto, wobei ihnen das Sausen des Windes, das Surren des Motors, das Geknatter des Auspuffrohres die Melodie aufspielt, die wilde hinreißende Melodie des Davonstürmens, von der das Herz noch ungeduldiger gestimmt wird, als es ohnehin ist. Doch auch die Wanderung zu Fuß, einzeln, zu zweien ober in Trupps, kennt diesen Begleitgesang der Fortbewegung. Hier ist es das Niedersetzen des eisenbeschlagenen Schuhs, das Aufstoßen des Wanderstocks, klapp, klapp, trapp, trapp, die aus dem bloßen und grauen Straßengeräusch ein munteres Marschlieb schaffen, daran Lässigkeit und -Ermüdung zuschanden werden, und sich mit Meilen
stein um Meilenstein der Wille zum Erreichen des Ziels immer aufs neue strafft.
Auf der Reife ist alles Fortgang, Strömung, Un- aufhaltsamkeit! In dieses Gesetz gilt es sich ein- zuschwingen. Der Uebertritt aus der Seßhaftigkeit ins Unstete, aus dem Einerlei in den Wechsel ist natürlich eine Sache der Nerven, der persönlichen Anpassungsfähigkeit, und wer wäre seiner selbst so vollkommen Herr, daß sich diese Umstellung nicht mit einem kleinen Stoß, einem Ruck durchs ganze Wesen vollzöge? Weshalb auch keine Erschütterung? Ist es nicht gut, so recht kräftig in Aufruhr versetzt zu werden vom Eintritt in diesen neuen Zustand, in dieses Märchendasein, wo man sich von all seinem Hab und Gut leichten Sinnes getrennt hat und nicht mehr bei sich trägt als einen grünen Rucksack auf dem Rücken oder ein paar braune Leberkoffer im Gepäcknetz?
Natürlich wird hiermit nicht jene Form des Reisefiebers verhimmelt, die sich in der gewissen Angst äußert, man könne den Zug versäumen, oder in der Angst, man werde in der Fremde aller Ecken und Enden von Betrügern und Spitzbuben umlauert, ober in der Angst, man könne in Florenz, m Rom irgendeine berühmte Sehenswürdigkeit ausgelassen und nicht mitgenommen haben. Derlei Anwandlungen zeigen, wie das Reisefieber tatsächlich ins Komische entarten kann. Sie erinnern an das berühmte Lampenfieber des Bühnenkünstlers, der sich vor dem Auftreten wer weiß welche Verlegenheiten und Vergeßlichkeiten ausmalt und eben dadurch das Mißgeschick mit Sicherheit herbeiruft.
Nein, nicht unüberlegtes, verquirltes Wesen wird befürwortet. Reisefieber im hohen Verstände ist ein Gestimmtsein ber Gefühlssaiten für den Anschlag des Außergewöhnlichen, befindet man sich doch jetzt durchgehends in einem Ausnahmezustand. Das Blut soll nun tatsächlich schneller pulsen das Auge freudiger glänzen, in der Haut die Farbe blühenden Wohlbefindens durchbrechen, und der innere Mensch soll wirklich seinen Feiertag haben, wo er sich freier und empfänglicher geben darf denn fönst. So verstanden erfüllt das Fieber der Reise eine höchst heilsame Sendung. Es unterstützt sozusagen körperlich die Entschlackungsarbeit, auf die es ankommt, Die innerlich Zlufpflügung, damit die Ausnahme des i Reiseerlebnisses einen fruchtbaren Boden finde.
Zeitschriften.
: _ Danzig —, diese alte deutsche Stadt mit den
i steinernen Zeugen einer großen Vergangenheit ist ! jetzt wieder bestrebt, all das in seinem Stadtbild i wiederherzustellen, was Unvernunft und nüchterne ) Zweckmäßigkeit zerstörten. Wie die nationalsoziali- - stische Regierung den schönen alten Häusern Dan
zigs ihren ursprünglichen Charakter wiedergab, das zeigt ein Beitrag in der I l l u st r i r t e n Zeitung vom 6. Juni. Das neuzeitliche Bauen spiegelt sich auch in den Bildern von dem Berghotel bei Hindelang, das Baudirektor Lois Welzenbacher in die herrliche Alpenwelt hineingestellt hat. Dr< Conrad Oehlrich behandelt die französisch-türkischen Abmachungen über ben Sandschak Alexandrette. Die irische Frage erörtert Dr. Johs. Stoye, und Major v. Zeska' veröffentlicht einen mit interessanten Abbildungen ausgestatteten Aufsatz über die Entwicklung des englischen Heeres. Die Tagesgeschichte ist in vielen Bildlern festgehalten.
Die Uraufführung
der Marburger Festspiele.
Nachdem am 1. Juli die Marburger Festspiele unter der Schirmherrschaft von Gauleiter Staatsrat Weinrich mit ber Aufführung bes spanischen Lustspiels „Don Gil m it d e n g r ü n e n H o s e n" begonnen haben, bringt das kommende Wochenende Hans Wolfgang Hillers neuestes Werk, die Volkskomödie „Der F l u r f ch ü tz" von Wakefield". Hillers ist in Marburg fein Unbekannter. 1936 bereits erschien er mit ber „Hammelkomödie" auf ber Festspielbühne. Diesmal nun hat ber Dichter mit bem einem alten englischen Fragment der vorshakespeareschen Zeit entnommenen Stoff vom braven Flurschütz Georg Green, ber schon ben großen Romantiker Tieck zur Nachdichtung reizte, roieberum ein für bie Marburger Bühne besonders geeignetes Werk geschaffen. Er schreibt selbst über sein neues Werk: „Der Auftrag, vor ben ich mich nun gestellt sah, schien anfangs verschiebene Möglichkeiten zuzulassen. Ich versuchte das Fragment zu ergänzen — es erwies sich als zu spärlich. Ich versuchte das Fragment zu entstauben — es blieb unausführbar. Am Ende gab es nur bie eine Möglichkeit, es aus bem „Geist, ber das Ganze umspielt", neu zu schaffen unb babei so behutsam zu verfahren, baß bie Spur, bie ein alter Meister da hinterlassen hatte, nirgends verloren ging^. Auf der Spur eines alten Meisters zu wandeln, ist für den Jünger ein umzeugendes Erlebnis: erstaunlich die Stoff-Fülle, die in'einen Theaterabend hinein- gccht, beneidenswert die Naivität dem Leben gegenüber^ wunderbar die Ausschließlichkeit des leiblichen Auges; unübertrefflich die Jnstinktsicherheit in bezug auf theatralische Gesetze! Das Erregendste aber war und ist die Parallelität zum Heute: daß „Der . Flurschütz von Wakefield" keine Charakterkomödie, sondern ' e i n e Volkskomödie ist, daß der Hauptheld, Georg Green, nicht in eine moralische, sondern in eine' gesellschaftliche Situation gestellt
ist und daß er nicht das Leben eines „Individuums" lebt, sondern das Leben eines „Zeitgenossen".
„Der arme Millionär."
Die alte Lebenserfahrung „Schuster bleib bei deinem Leisten" hat Ludwig Thoma vor mehr als dreißig Jahren zum Motiv eines seiner köstlichsten oberbayrischen Dolksstücke gemacht, und der bem Dichter kongeniale Komödiant Konrad Dreher hat es einst aus der Taufe gehoben. Im Zürn ist aus dem „Schusternazi" ein „armer Millionär" geworden und aus Konrad Dreher der Weiß Ferdi. Auch sonst hat sich manches verändert, wie es halt so ist, wenn ein Bühnenstück, das in einem Menschenalter seine Zugkraft erwiesen hat, ben Weg auf bie Leinwanb antritt. Aber die Sentenz ist geblieben unb der köstliche Humor auch unb schließlich, unb nicht zuletzt, auch das Stückchen Wahrheit, bas Wissen um sehr menschliche Schwächen, wie es bas Leben hin unb wieder einmal zeigt, wenn auch meist nicht so kraß wie in dieser Geschichte vom armen Dorfschuster, ber über Nacht zum Millionär wirb, mit dem es das Schicksal aber noch einmal gut meint, indem es ihm ein paar Hochstapler ins Haus schickt, die ihn überraschend schnell von ber Last seiner Millionen befreien und ihm wieder zu Vernunft, Glück und Zufriedenheit verhelfen. Die tragikomische Gestalt des.Schusternazi ist bei Weiß Ferdi in. den rechten Händen. Wenn auch die schwankhaft aufgezogenen Erlebnisse im Millionärspalais bie Lachmuskel am meisten reizen, so hat er seine besten Augenblicke boch in ben Szenen, bie er mit der besinnlichen Lebensweisheit eines echten, ursprünglichen Humors erfüllen kann. Sein nied- liches Töchterlein, bas auch im Rausch ber Millionen ben Verstanb behält, spielt Trübe Haeselin mit natürlicher Anmut. Willy Rösner ift ein Schreiner mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Georg Alexander und Ursula Grabley sind ein einander würdiges Hochstaplerpaar, das ben töricht-eitlen Schuster mit Grazie hineinlegt, aber sie alle beschwindelt der glatte Intrigant Siebecke, der sich als Sekretär an den Neureichen herangemacht hat (Kurt Vespermann). Ein lebenskluger Kammerdiener ist -Fritz O d e m a r. Für bie Bavaria-Filmkunst hat Joe Stöckel ben Film mit offenem Blick für alle Möglichkeiten unb Nuancen wirkungsvoll in Szene gesetzt. — Im Beiprogramm sieht man Jagbbilber, bie ben ungeheuren Wild- reichtum ber ungarischen Ebene zeigen unb einen lustigen Film vom Münchner Oktoberfest. Die Ufa- Wochenschau bringt eine interessante Reportage von dem Aufbau des gewaltigen Volkswagenwerks und einen eindrucksvollen Bericht van der Westsalen- jaljrt der Alten Garde. ^n.W. Lange.


