Ausgabe 
7.6.1939
 
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Devisenschädlinge vor der Großen Siraskammer

Vor der Großen Strafkammer Gießen hatten sich der Optiker Otto Biedenkopf und die Ehefrau Johanna BiedSnkopf in Gießen wegen Ver­geben gegen das Devisengesetz, Unter­schlagung und Betrug zu verantworten. Beide haben in den Jahren 1937/38 in Gießen und anderenorts

1. auswandernden Juden zur Verschiebung ihres Vermögens in das Ausland durch Rat und Tat fyilfe geleistet, indem sie ihnen hochwertige Er­zeugnisse der optischen Industrie, die an Stelle von Zahlungsmitteln zur Uebertragung inlän­dischen DermöaenL in das Ausland geeignet waren, im Gesamtwert von etwa 96 000 RM. verkauft und auf den Verkaufspreis einen von

den Lieferfirmen ausdrücklich untersagten Ra­batt gewährt.

2. Zwei Leica-Apparate und zwei Objekte des Zeugen Baer diesem im Gesamtwert von über 1000 RM., die sie in Gewahrsam hatten, sich angeeignet.

Otto Biedenkopf allein

1. den Juden Blumenthal in Kesselbach ver­anlaßt, bei ihm gekaufte optische Geräte im Wert von etwa 1500 RM. in Konservenbüchsen ver­packen zu lassen, die der Angeklagte jedoch statt mit diesen Geräten mit Sand und Marmelade anfüllte,

2. dem Juden B a u e r in Wallertsheim an Stelle eines echten Objektivs im Wert von 152 RM. eine Objektioattrappe verkaufte.

Der Angeklagte Biedenkopf widerruft heute vieles von seinen früheren Angaben, im besonderen be­streitet er die Höhe der Derkaufssummen. Am 14. Juni 1938 wurde ihm durch die Zollfahndungs­stelle der Verkauf von Apparaten an jüdische Aus­wanderer untersagt. Er hat sich sogar damals verpflichtet, keine Geschäfte mehr mit jüdischen Auswanderern zu machen. Um möglichst viele Apparate zu bekommen, bezog er diese durch zwei Firmen in Gießen, machte Be­stellungen auf den Namen der einen Firma und holte auf Grund von Postvollmacht die Waren bei der Post ab. Die Inhaberin einer dieser Firmen verbat sich im März 1938 weitere Bestellungen auf ihren Namen, trotzdem bestellte und bezog er weiter. Die Rundschreiben der Lieferfirmen, in denen vor jüdischen Aufkäufern gewarnt wurde, ließ er unbeachtet. Mit den Juden will er durch seine frühere Tätigkeit bekannt geworden sein. Es sei ihm angeblich nicht aufgefallen, daß beispielsweise

der Jude Levi, dessen Sohn, Tochter und Schwie­gersohn zugleich teure Apparate kauften, will auch nicht gewußt haben, was die Juden mit den Sachen vorhatten. Er nahm angeblich an, die Käufer woll­ten Geschenke machen, wenn sie auf einmal für mehrere tausend Reichsmark Photoapparate und Ferngläser kauften. Zrer Angeklagte mußte aber zu­geben, daß er wußte, daß die jüdischen Käufer aus­wandern wollten. Wie schon oben gesagt, kamen durchweg hochwertige Apparate in Frage. Der An­geklagte behauptet, er habe zuletzt nur Verkäufe ab­geschlossen, die er der Zollfahnüungsstelle mitgeteilt habe. Dies wurde von den Zollbeamten widerlegt. Wenn er wirklich so gehandelt hätte, dann wäre es möglich gewesen, viele der verkauften Apparate zu beschlagnahmen. Die Anzeigen erfolgten in der Regel erst dann, wenn der betreffende Käufer schon ausgewandert war. Die Käufer waren fast durch­weg Juden. Der Angeklagte gab derart hohen Ra­batt, daß er bald die Juden aus Gießen und Um­gebung und bis nach Marburg und Mainz in Kund­schaft hatte. Die plötzliche Photographierfreudigkeit der Juden ist dem Angeklagten Biedenkopf nicht auf- gefallen. Er hatte, wie er angibt, lediglich die Absicht, die Juden zu betrügen, damit das Geld in Deutschland blieb und nicht ins Ausland abwanderte. (!)

Die Angeklagte Frau Biedenkopf will mit dem Verkauf nichts zu tun gehabt haben, sie habe nur die Buchführung und den Schriftwechsel erledigt.

Allgemein sei bemerkt, daß die Angeklagten früher in ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, heute haben sie ein Bankkonto (etwa 5000 Mark), Waren im Verkaufswert von etwa 1 4 0 0 0 Mark und ein Auto. Durch die Beweisaufnahme wurde festgestellt, daß sich die Angeklagten wissentlich in jüdische Schiebergeschäfte einließen und zu den Leuten gehörten, die den deutschen Außen­handel schwer schädigten.

Gegen den Juden Karl Baer, der als Zeuge geladen war, wurde wegen Ungebühr vor Gericht eine Haftstrafe von einem Tag verhängt und er sofort in Haft abgeführt. Der vorgenannte Jude Baer ist inzwischen rechtskräftig zu den seinen Ver­fehlungen entsprechenden Geldstrafen verurteilt worden und die gegen ihn verhängte Freiheitsstrafe gilt durch die Untersuchungshaft als verbüßt.

In später Abendstunde wurde die Beweisauf­nahme geschlossen. Die Verhandlung wird am Mon­tag, 12. Juni, fortgesetzt.

Oie Abwehr des Kartoffelkäfers.

Zum Suchen verpflichtet. Schulkinder helfen.

In der heutigen Bekanntmachung des Herrn Ober­bürgermeisters' werden nähere Anordnungen über dos Absuchen der mit Kartoffeln- und Tomaten- beständen besteckten Flächen getroffen.

Der Schaden, den der Kartoffelkäfer anrichtet, ist ganz außerordentlich. Es liegt daher nicht nur im Interesse der Nutzungsberechtigten, die Kartoffeln und Tomaten angebaut haben, sondern der ganzen Bevölkerung, dieses gefährliche Insekt mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wie wichtig es ist, jedes ein­zelne Stück, Käfer und Larven, zu vernichten, geht daraus hervor, daß die Nachkommenschaft eines Weibchens in einem Sommer bis zu 31 Millionen Tiere betragen kann.

Alle mit Kartoffeln und Tomaten angebauten Flächen, auch Kleinftflächen, müssen wöchent­lich abgesucht werden, da der Käfer weite Gebiete

überfliegt und deshalb plötzlich dort auftreten kann, wo er seither noch nicht zu finden war. Nach der Reichsoerordnung vom 4. Mai 1939 sind die Nut­zungsberechtigten verpflichtet, die Grundstücke an den festgesetzten Suchtagen sorgfältig abzusuchen. Da dies jedoch für viele Nutzungsberechtigte der Stadt Gießen mit mancherlei Schwierigkeiten ver­bunden fein wird, haben sich die Schulen in dankenswerter Weise bereit erklärt, für das wöchent­liche Absuchen vorläufig die Schulkinder zur Ver­fügung zu stellen. Zu diesem Zwecke ist die Gemar­kung Gießen in verschiedene Bezirke eingeteilt und für jeden ein Kolonnenführer bestellt. Das Absuchen oeschieht kolonnenweise unter der Leitung des Kolonnenführers an jedem Freitag von 14 bis 17 Uhr. In den Gärten sollen die Nutzungsberech­tigten selbst suchen, und zwar samstags von 15

kMsmMtmMgM!!

Roman von Konrad Trani

Copyright by Carl Ouncker Verlag, 23etHn W35

9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Er schnupperte mißtrauisch. Der arme Teufel war entweder betrunken oder chloroformiert worden. In der Eile wagte der Wachmann es nicht, dies zu entscheiden.

Die Ausräumefrau stand zitternd und weinend neben ihm.

Dann sprang der Wachmann die paar Schritte zur nächsten öffentlichen Sprechzelle und rief das Kommissariat an. Die Frau hatte sich nicht von der Stelle gerührt und meinte noch immer. Der Beamte schleppte den Bewußtlosen an die frische Lust und legte ihn auf den Gehsteig. Fürs erste konnte er nicht mehr für ihn tun. Der Arzt und der Kom­missar mußten in drei Minuten hier sein...

Bevor er die Tür zur Bank aufriß, zog er seinen Revolver. Still. Leer. Kein Mensch zu sehen. Der Mann sah hinter jedes Pult, öffnete jeden Schrank, der sich öffnen ließ.

Die Tür zur Stahlkammer war sperrangelweit aus... Als er auf der ersten Runde hier vorbei- fam, war sie bestimmt zu gewesen. Sonst wäre es ihm aufgefallen!

Der Polizei stieß einen langen Pfiff aus. Hier sah es ja lieblich aus! Die Holztür war intakt, aber die stahlgepanzerten Platten des eigentlichen Zu­gangs zur Stahlkammer waren zackig aufgerissen. Und alle die Fächer waren offen. Der Boden war mit dicken Stößen von Papier bedeckt.

Er trat zurück in den Schalterraum. Da war alles in musterhafter Ordnung. Fast wäre er ge­stolpert und hingeknallt. Was war denn das? Zwei Leisten waren quer über den Parkettboden genagelt. Wozu die wohl gut sein mochten?

Von draußen klang das Weinen der Frau, unter­brochen von der scharfen Stimme seines Vorgesetzten, des Herrn Kommissars.

Der Diener Schmied ist betäubt und die Union­bank ist ausgeraubt worden", meldete der Wach­mann vom Dienst.

Das haben Sie mir schon telephonisch anver­traut", sagte der Kommissar gereizt.Wozu wir Sie in der Nacht spazieren schicken, möchte ich wissen! Nur damit Sie nichts merken und geduldig warten, bis eine Aufräumefrau halten Sie den Mund und flennen Sie nicht!" wandte er sich an diese, die trostsuchend den Blecheimer an sich drückte, bis eine Aufräumefrau über einen Bewußtlosen stolpert und Ihnen die große Neuigkeit mitteilt?"

Der Wachmann empfand den Vorwurf als haar­sträubend ungerecht, aber er stand stramm und hielt den Mund. Erstens durfte er nichts sagen, zweitens konnte er schwer etwas sagen, denn er hatte ja wirklich nichts bemerkt..-

VII.

Gottfried von Silben ging es auf dem Gut feiner Freunde ausgezeichnet. Das Essen war sehr gut und der Tennisplatz desgleichen. In diesem Hause brannte die Milch niemals an--

Aus einem Wochenende roarch schon zwei Wochen geworden. Und Gottfried hoffte sehr darauf, noch eine Weile auf Gut Oberfenke verweilen zu dürfen. Im Frühjahr konnte ihm sowohl die Großstadt als auch die Technik gestohlen werden. Seine Semester­prüfung hatte er bereits abgelegt und seine Pflicht damit getan. Magere Wochen hatte er auch hinter sich, und so konnte er sich fette Zeiten gönnen. Er überlegte nur, wann er an diesen Aufenthalt den nächsten bei Freund Hans in Neukirchen anschließtzn sollte.

Bis eines Morgens zu Gottfrieds Erstaunen neben dem Frühstückstisch ein Brief mit einer hol­ländischen Postmarke lag. Außer gelegentlichen Brie­fen feiner Mutter und ein paar Ansichtskarten von Hans hatte er den Postboten bisher nicht bemüht.

Er drehte erstaunt den Briefumschlag hin und her. Wer kann mir nur aus Holland schreiben?" fragte er verwundert die Umwelt.

Was meinst du, wie wär's, wenn du ihn auf­machtest?" regte der Haussohn an.

Die Adresse war mit Schreibmaschine geschrieben und kein Absender angegeben. Der Brief war ihm von Berlin nachgeschickt worden. Mit einem Butter­messer schlitzte Gottfried den Umschlag auf.

.Lieber Neffe,

ich höre von meinem Freund und Bevollmäch­tigten, Herrn Heinrich Nase, daß Du Dich nach mir erkundigt hast und daß Eure finanzielle Lage nicht besonders rosig scheint. In Bezug auf dein Interesse für meinen Aufenthalt kann ich Dir leider nicht dienlich sein. Aus Gründen, die Nase Dir erklärt hat. Dagegen gebe ich Dir eine Chance, etwas zu verdienen, da ich nicht ein­sehe, warum ich einem kräftigen, gesunden, jungen Mann ein Almosen zukommen lassen soll."

So eine Unverschämtheit! dachte Gottfried und wurde hochrot vor Aerger.

Am 2. Juni findet in London eine Auktion statt, bei der ein Blatt"

(Schon wieder einBlatt"! stöhnte Gottfried.) ausgeboten wird, für das ich mich interessiere. Ich habe feine Zeit, und Nase will ich nicht vor- schicken, ebensowenig einen anderen Händler, da­mit die Preise nicht zu sehr in die Höhe getrieben werden. Die großen Händler kennt man, und au das kleine Kroppzeug ist kein Verlaß. Du be- kommst zehn Prozent Provision, wenn Du zum Limit abschließt. Für den Betrag, der unter dem Limit bleibt, zwanzig Prozent. Es handelt sich um eine Skizze zu einem Männerporträt von Andrea del Sarto. Mein Limit ist Lstg. 650, (in Worten sechshundertfünfzig). Gegen die Be­stätigung, daß Dir der Zuschlag erteilt wurde, wird meine Bank in London den Scheck, den Nase Dir zukommen lassen wird, zur Auszahlung bringen. Nase ist beauftragt, Dir für Reise- und

bis 18 Uhr. Die Kolonnenführer und das Feldschutz­personal sind verpflichtet, auch das Absuchen in den Gärten zu überwachen.

Vom Beginn der Schulferien ab, etwa 6. Juli, stehen die Schulkinder für das Absuchen nicht mehr zur Verfügung. Von da an müssen die Nutzungs­

berechtigten auch auf der im freien Feld gelegenen Kartoffelfläche selbst suchen. In § 18 der genannten Verordnung werden diejenigen, die den Vorschriften für die Abwehr des Kartoffelkäfers zuwiderhandeln, mit hohen Strafen bedroht.

Wild in Gefahr!

Kraftfahrer! Vorsicht auf der Reichsautobahn!

LPD. In letzter Zeit wurden die Kraftfahrer im­mer wieder auf die Wildgefahr auf der Reichsauto­bahn aufmerksam gemacht. Auch der Reichsjäger­meister nimmt jetzt zu der FrageWildgefahr auf der Reichsautobahn" Stellung, bei der der Eindruck erweckt werde, als ob gerade die Reichsautobahnen wegen der hier gefahrenen höheren Geschwindig­keiten besondere Gefahren bieten.

Der Reichsjägermeister weist darauf hin, daß diese Ansicht im allgemeinen nicht richtig ist, denn ebenso häufig ereignen sich schwerste Zusammenstöße zwi­schen Wild und Kraftfahrzeug auf den Reichsstra- ßen.Es muß aber feftgefteUt werden", sagt der Reichsjägermeister weiter,daß auf den Reichsauto- bahnen zweifellos deshalb häufig schwere Zusam­menstöße erfolgen, weil im Gegensatz zu den Reich­straßen die Autobahn das Wild infolge ihres Grünstreifens zum Aufenthalt auf der Straße veranlaßt. Hierin liegt einzig und allein die Ge­fahr häufigeren Zusammenstoßes mit Wild auf der

Autobahn begründet. Es ist selbstverständlich, daß sich alles Wild, insbesondere in äsungsarmen, trockenen Wald- und Heidegebieten, nach dem frisch angelegten, infolge guter Düngung mit Süßgräsern und Klee bestandenen Grünstreifen der Autobahnen zieht und hier verweilt.

Es ist also nicht so sehr der Wechsel des Wildes über die Autobahn, sondern im Gegensatz zu den übrigen Reichsstraßen der Wechsel auf den Grünstreifen, der die erhöhten Gefahren bringt. Abzuwarten bleibt jedoch, ob nicht im Laufe der Jahre der Bewuchs der Grünstreifen sich wiederum dem allgemeinen Standort anpaßt und dadurch Gleichmäßigkeit der Aesung auf und neben der Reichsautobahn wiederhergestellt wird. Der Grünstreifen würde dann seine Anziehungskraft für das Wild verloren haben und damit die Gefahr eines Zusammenstoßes auf der Reichsautobahn nicht größer fein als auf jeder Reichsstraße, die durch mit Wild besiedelte Gebiete führt.

Aus der engeren Heimat.

Heuernte beginnt jetzt...

Die Heuernte der erste Grasschnitt hat nun, etwas später als sonst, aber in den letzten Tagen begünstigt durch sonniges Wetter nach der voraus­gegangenen Regenzeit, schon in verschiedenen Gegen­den eingesetzt. Aus den Wiesen sieht man in den frühen Morgenstunden, wenn der Tau noch über ihnen liegt, die Heumäher am Werk, und durch das Gras rauschen die Messer der Mähmaschinen und [irren die Sensen, unter deren Schnitt die Gräser fallen.

Dem ersten schönen Blühen des leuchtenden Grüns kaum hat sich das Auge daran ergötzt wird nun schon wieder ein Ende bereitet. Mit dem Gras fallen auch Gänseblümlein und Löwenzahn und die anderen Wiesenblumen. Würzig duftet die Frischmahd, und die Vögel hüpfen eifrig über den geschorenen Boden und suchen für ihre Kleinen Nahrung. Die Heumahd ist eine harte Arbeitszeit für den Bauern und seine Helfer. Hoffen wir, daß während der ersten Heuernte das schöne, trockene und warme Wetter anhält, damit der früheste Er­trag des bäuerlichen Wirtschaftsjahres glücklich '.n die Scheunen eingefahren werden kann.

HL.-Gefolgschast 8/116 Watzenborn-Steinberg.

Watzenborn-Steinberg. Am heutigen Mittwoch hat der gesamte Standort Watzer.barn- Steinberg Schulung in Geländespyrt. Zu diesem Dienst ist Schreibzeug mitzubringen. Die Schar II tritt um 20.30 Uhr, die Schar I um 21 Uhr bei der Volkshalle an.

Garbenteich. Die Kameradschaften 9 und 10 treten heute, 20.30 Uhr, bei dem Heim an. Der Dienst besteht aus einem Heimabend.

Hausen. Sämtliche Jgg. des Standortes Hausen

treten heute, 20.30 Uhr, bei dem Rathaus zu einem Heimabend an.

Schwerer Sturz vom Motorrad.

* Köddingen (Kreis Alsfeld), 7. Juni. Der 29jährige Zimmermann Karl Ganz von hier erlitt, als er sich mit seinem Motorrad unterwegs befand, einen schweren Unfall. Er stürzte und zog sich dabei erhebliche Kopfverletzungen, Quetschungen und eine Gehirnerschüt­terung zu. Nach erster ärztlicher Hilfeleistung wurde der Verunglückte in das Evangelische Schwesternhaus nah) Gießen gebracht. Sein Zustand ist bedenklich, da er bei dem Unfall vor allem eine Halsschlagaberquetschung erlitt.

Landkreis Gießen.

□J Allendorf (Lahn), 6. Juni. Mit Wirkung vom 1. Juni ist die hiesige Zelle der NSDAP, z u einer selbständigen Ortsgruppe er­hoben worden. Der seitherige Zellenleiter Pg. W. Lenz ist zum Ortsgruppenleiter bestellt wor­den. Seit dem Jahre 1933 waren die Allendörfer als Zelle der Ortsgruppe Klein-Linden angeschlossen. Kürzlich wurden innerhalb unserer Gemarkung die nutzbaren Wege und Wiesen für das laufende Jahr ausgeliehen. Es wurden bei der öffentlichen Versteigerung annehmbare Preise erzielt. Die Mühlstraße, die unsere Ortschaft mit der unweit gelegenen Hauptstraße GießenKoblenz verbindet, ist nunmehr in ihrem neuen Gewände wieder her- gestellt. Ein langersehnter Wunsch all derer, die den Bahnhof Dutenhofen aufsuchen müssen, um an ihre Arbeitsstätte zu gelangen, ist mit der Erneuerung der Straßendecke erfüllt worden.

= Steinbach, 5. Juni. Am gestrigen Sonn­tag verunglückte die Ehefrau des Heinrich Gerhard, IllÄolf-Hitler-Straße 37 wohnhaft. Sie befand sich mit ihrem Manne und Kind auf der Fahrt zu ihren Eltern nach Watzenborn. An dcm

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sonstige Spesen, die ich "natürlich jedenfalls ersetze, einen Vorschuß zu geben. Er wird Dir alle Einzel­heiten mitteilen, falls Du die Sache übernehmen willst. Wenn Du die Zeichnung erstehst, übergib sie Nase. Es geht mir gut. Wie geht es Euch, besonders Deiner Mutter?

Bestens grüßt

Onkel Otto."

Also war der Zwerg Nase gar nicht so widerlich, wie man auf ersten Anhieb glauben möchte, dachte Gottfried. Hatte er doch Onkel Otto geschrieben. Und Onkelchen hatte mit bekannter Liebenswürdigkeit darauf reagiert...

Wieviel sind 65 Pfund, englische Pfund, in deut­scher Währung?" fragte Gottfried plötzlich.

Eine Menge Geld!" antwortete Walter prompt. Acht- oder neunhundert Reichsmark schätze ich."

__Dafür kann man sich also schon für ein paar Tage nach London bemühen, besonders, wenn einem die Reise und das Drum und Dran vorher bezahlt wird", meinter nachdenklich Gottfried und reichte dem Freund den Brief.

Onkel Otto scheint ein süßer Schatz zu jein", sagte Walter, als er die Lektüre beendet hatte. Ader du mußt natürlich hinfahren. Erstens kann dabei Geld herausschauen, zweitens ist ein fetter Erbonkel er ist doch unbeweibt? Der Mann muß ja Junggeselle sein! mit liebevoller Vorsicht und Nachsicht zu behandeln. Schade, daß du schon fort mußt von uns... Aber nach deinem Londoner Abenteuer findest du Obersenke bestimmt auf dem alten Platz. Hans Voigt wird ein lautes Protest- gebrüll ausstoßen, wenn du ihm durch die Lappen gehst. Aber laß ihn schreien. Vor allem die Pflicht'"

Die Reisediäten waren großzügig berechnet, stellte Gottfried nach wenigen Tagen fest. Und weil er nicht nur ein guter Junge, sondern auch ein guter Sohn war, überwies er ein Drittel des Betrages sofort seiner Mutter, bevor er die Reise antrat. Je weniger ich mitnehme, mit desto weniger muß ich durchkommen, sagte er sich in weiser Selbsterkennt­nis.

Gottfried schob sich freundlich lächelnd durch das Gewühl der Millionenstadt. Das Wetter meinte es gut mit ihm, es war klar, ohne heiß zu fein. Er bedauerte nur tief, daß er feinem Englischlehrer seinerzeit nicht geglaubt, als dieser behauptet hatte, englisch sei wirklich und wahrhaftig eine Welt­sprache! Er hatte es nicht leicht, sich mit seinen sehr spärlichen Kenntnissen durchzufragen.

Denn Gottfried wollte in den paar Tagen natür­lich möglichst viel sehen und erleben. Er besuchte den Tower und war sehr beeindruckt: er streunte in später Stunde in den berüchtigten Slums und in übel beleumundeten Hafengassen umher und war sehr enttäuscht. Keiner Spur von Abenteuern begegnete er, nur unsagbarer, nüchterner Häßlichkeit. Und an jeder Ecke einem Polizisten, der ihn mißbilligend musterte...

Er war, da er ein gewissenhafter junger Mann mar, am 2. Juni Schlag neun Uhr im Auktions­lokal der Firma Harley Bros aufgetaucht und hatte

dort mühsam, aber unzweifelhaft, festgestellt, daß seine Katalognummer, Nr. 247, keinesfalls vor dem Nachmittag am 4. drankommen könnte. ,Er hatte eine Viertelstunde das seltsam verhaltene (Betriebe betrachtet und sich bann verkrümelt. Der Auftrag des Onkels besagte keineswegs, daß er aus Liebe zur Sache da herumsitzen und Maulaffen feilhalten mußte!

Als er bann am 4. Juni um 3 Uhr Platz nahm, würben gerabe bie Nummern um 200 feilgeboten. Es war ein schmaler, langgestreckter Saal, in dem Reihen von reichlich unbequemen Holzstühlen auf- gestellt waren. Es waren seltsame Menschen, bie sich barauf niebergelaffen hatten. Auktionen undBlät­ter" scheinen eine vorwiegend männliche Angelegen­heit zu sein! dachte Gottfried. Und eine Alters- erscheinung... Unter den Versammelten befand sich eine einzige Dame. Dame? Ein verhutzeltes altes Weiblein, in einem Mantel, der vermutlich um neunzehnhundert herum bie Schneiderwerkstatt ver­lassen hatte. Unter dem zerknüllten Filzhut drangen graue Haarsträhnen hervor. Die tiefliegenden kleinen Augen glitzerten.

Die Herren waren mit wenigen Ausnahmen würdige Herren über fünfzig. Alle verhielten sich sehr still und horchten wie gebannt auf den Herrn, der auf dem Podium stand. Das war ein sonder­barer Mensch! Sah aus wie ein Erzbischof und hatte die geschmeidigen Bewegungen eines Verkäu­fers in einem Seifenladen...

Neben ihm hantierte ein unscheinbarer Herr mii einem grauen Spitzbark. Wenn der Erzbischof eine Nummer nannte, hob er gleichzeitig eine Nummern­tafel hoch, um jegliche Mißverständnisse auszu­schließen. Niemand schien sich für eine Besichtigung der ausgebotenen Zeichnungen zu interessieren. Wahrscheinlich hatten bie Leute sie schon vorher an­gesehen, beruhigte sich Gottfrieb. Er ahnte nicht, daß jedes einzelne Blatt stundenlang mit der Lupe und zumeist in Gesellschaft eines Sachverständigen von jedem Interessenten geprüft worden war. Gottfried genügte es ja auch, daß er wußte, die Katalog­nummer 247 sei eine Studie von Andrea del Sarto. Studie zu einem Männerporträt. Na gut..

Nichts wurde unter hundert Pfund ausgeboten. Das schien in diesem Lokal als eine Art Entree- gebühr zu gelten. Der Erzbischof sprach viel und rasch. Hie und da schien er einen Witz zu machen, weil das Publikum schmunzelte. Gottfried bedauerte sehr, daß er diese Witze des Herrn nicht verstand. Er war heilfroh, daß er den genannten Zahlen folgen konnte. Anfänglich hatte er nicht recht be­griffen, nach welchen Gesichtspunkten der Herr da oben vorging. Dann bemerkte er, daß sehr häufig einer der Herren aus dem Publikum den Zeige­finger hob oder nur nickte. Daraufhin sprang das Ausgebot. Wenn nur ein Zeigefinger ober ein Nickenber zu entberfen war, machte der Erzbischof eine kleine Pause. Ein elfenbeinernes Hämmerchen schlug breimal gegen bie Tischplatte, unb ber Un­scheinbare mit bem Spitzbart steuerte auf einen Herrn zu unb reichte ihm einen Block zur Unter» jchrift. Das war alles.

(Fortsetzung folgt.)