Oer rumänische Ministerpräsident f. Calinescu zum Nachfolger Miron Christeas ernannt.
B u k a r e st, 7. März. (DNB.) Der rumänische Ministerpräsident Patriarch Miron Christ e a, der seit einigen Tagen Aufenthalt in Can - nes an der französischen Riviera genommen hatte, ist am Montagabend um 21.30 Uhr gestorben. In Bukarest waren bereits Nachrichten eingetroffen, wonach sich der Gesundheitszustand des Minister-
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(Scherl-Bilderdienst-M.))
Präsidenten plötzlich verschlimmert habe. Ein am Montagnachmittag ausgegebener ärztlicher Bericht teilte mit, der Patriarch habe die Folgen seiner jüngsten Bronchitis noch nicht vollkommen überwunden. In der Herztätigkeit seien Störungen eingetreten. Der Herzschlag beginne auszusetzen. Der Zustand des Kranken sei außerordentlich ernst. Die Nachricht wurde in Bukarest durch Extrablätter bekanntgegeben und machte einen tiefen Eindruck. Für Dienstag und für den Tag der Beisetzung wurde Landestrauer angeordnet. Zum Ministerpräsidenten wurde der bisherige stellverttetende Ministerpräsident Innenminister und Kriegsminister Calinescu ernannt.
Der verstorbene Patriarch war 1868 als Sohn rumänischer Bauersleute geboren. Er studierte Theologie in Hermannstadt und Naturwissenschaft und Literatur in Budapest, wo er 1895 promovierte. Bon der Universität Czernowitz wurde er zum Ehrendoktor der Theologie promoviert. Schon als «tudent trat er publizistisch für das rumänische Volkstum in dem damals noch unter ungarischer Herrschaft befindlichen Siebenbürgen ein und gründete 1907 zusammen mit Oktavian Goga das Kampfblatt „Unser Land". 1909 wurde Christen Bischof von Caransebec. Im Dezember 1918 überreichte er an der Spitze einer rumänischen Delegation aus Siebenbürgen dem König Ferdinand in Budapest die Anschlußerklärung. Als Metropolit schuf er eine neue theologische Fakultät, fünf neue Diözesen und zahlreiche neue Seminare. 1925 wurde er Patriarch der rumänisch-orthodoxen Kirche und nach dem Tode König Ferdinands 1927 Mitglied des Regentfchafts- rats. Nach dem Sturz Gogas im Februar 1938 betraute König Carol den Patriarchen mit der Bildung einer überparteilichen nationalen Regierung, die die neue autoritäre Verfassung ausarbeitete und in Kraft' setzte.
Der neue Ministerpräsident Calinescu stammt aus der alten Krönungsstadt Argesch und hat sich aus kleinen Verhältnissen durch eigene Kraft emporgearbeitet. Er war Mitglied der nationalzarnistischen Partei, wurde jedoch ausgeschlossen, als er im Dezember 1937 Innenmnister im Kabinett Goga wurde. Im Februar 1938 wurde er auch in dem Kabinett des Patriarchen Christen mit der Leitung des Innenministeriums betraut und übernahm am 1. Februar 1939 daneben noch das Kriegsministerium. Gleich- zeittg wurde er Vizepräsident des Ministerrats. Calinescu, der das unbedingte Vertrauen des Königs besitzt, gehört zu den schärfsten Gegnern der Eisernen Garde, die die gegen sie im Sommer 1938 getroffenen Maßnahmen auf Calinescu zurückführt.
Gafencus Besuch in Warschau
Polnisch-rumänischeJntcressengemcinschaft
Warschau, 6. März. (Europapreß.) lieber den Besuch des rumänischen Außenministers G a f e n c u in Warschau wurde folgendes Communiqu6 ausge- geben: „Während seines Besuches in Warschau führte der rumänische Außenminister Gafencu zahlreiche Gespräche mit dem polnischen Außenminister B e ck. Im Laufe dieses Gespräches wurden in einer Atmosphäre sehr großer Herzlichkeit alle Probleme geprüft, die sowohl aus dem polnisch-rumänischen Bündnis wie auch aus der Aehn- lichkeit der geopolitischen Lage bei- der Länder hervorgehen. Beide Minister stellten bei dieser Gelegenheit die gänzliche U c b e r - ein st immun g der Anschauungen fest und beschlossen, die Tätigkeit in den politischen und wirtschaftlichen Fragen der beiden verbündeten Länder zu koordinieren'"
In einer Presse-Besprechung erklärte der rumänische Außenminister Gafencu polnischen Journalisten: Die Notwendigkeit» und Nützlichkeit des polnisch-rumänischen Bündnisses würde in gleichem Maße in Polen wie Rumänien anerkannt. „In den Gesprächen mit Außenminister Beck", sagte Gafencu, '„haben wir beschlossen, uns gegenseitig in den Be- mühüngen, die der Erhaltung gutnachbarlicher Beziehungen mit den anderen Staaten zustreben, zu unterstützen." Weiter erwähnte Gafencu wirtschaftliche Fragen, wie den Bau einer Brücke über die Donau, um auf diese Weise die Eisenbahnlinie Warschau—Bukarest nach Saloniki zu verlängern; den Bau eines die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verbindenden Flußweges durch einen Weichsel-Pruth-Kanal usw. Das i ü d i s ch e Problem, das sowohl in Polen wie auch in Rumänien bestehe, verdiene eine gemeinsame Lösung unter Berücksichtigung der Interessen beider Staaten. Der polnische Außenminister sei gebeten worden, bei seinem geplanten Besuch in London den gemeinsamen Standpunkt Polens und Rumäniens in der Judenfrage vorzutragen.
Volksgesundheit und Rauschgifte.
Aerzte und Verkehrsfachleute auf der II. Reichstagunq in Frankfurt.
Lpd. Frankfurt a. M., 6. März. Auf der großen Reichstagung gegen den Mißbrauch der Genußgifte nahmen die fachlichen Beratungen am Montagvormittag ihren Anfang. In der Wissenschaftlichen Konferenz sprach der Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Professor Dr. Reiter, über das Thema „Genußgifte und Leist u n". Es habe sich erwiesen, daß alle diejenigen, die einer „S u ch t" erliegen, mit mehr oder weniger Minderwertigkeiten behaftet sind, ungeachtet, ob neben diesen auch Hochwertigkeiten bestehen. Beobachtungen, die bei ausgesprochenen „A lko- holikern" gewonnen wurden, geben die Gewißheit, daß neben diesen extremen Fällen eine sehr viel breitere Schicht solcher Menschen vorhanden ist, deren Leistung durch den Mißbrauch des Alkohols mehr oder weniger gedrückt wird. Da ihre Zahl wesentlich höher ist, als die der extrem Belasteten, schränken sie die Leistungsfähigkeit des Gesamtoolkes in viel größerem Ausmaß ein, als die eigentlichen „Alkoholiker" und schädigen hierdurch die Höhe der Kultur und der Wirtschaft des gesamten Volkes. Auch beim Tabakmißbrauch ist die körperliche Leistungsfähigkeit gestört. B e - fonders bedenklich erscheint das Rauchen der Mädchen und jungen Frauen, die sehr bald den Ausdruck der frühzeitigen Derwelkung auf ihrem Gesicht tragen. Alle Bemühungen von Staat und Partei, dem deutschen Volk zur Pflege seiner Gesundheit und zur Steigerung seiner Leistung die geeignetste richtige Ernährung zu geben, erschienen unlogisch, solange wir nicht mit allen Mitteln gleichzeitig den Mißbrauch der Genußgifte bekämpften.
Dr. G. Hecht vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP, sprach über Trinksitten und Rassenhygiene. Seit Jahrzehnten sei unserem Volk von marxistisch- jüdischer Seite eingeredet worden, „Dein Körper gehört dir", was auch dahin verstanden wurde, daß bei geselligem Beisammensein Alkoholmengen beliebiger Art genossen werden durften, selbst auf Kosten der Gesundheit des Körpers. Mit dieser marxistisch-jüdischen Auffassung sei die germanischdeutsche unvereinbar, daß wir Träger des ewigen Erbgutes der Ahnen sind, und daß demnach unser Körper der Sippe und dem Volk gehört. — Der außerordentlich starke Anstieg des Verbrauches an Zigaretten, Zigarren und Pfeifentabak, der feit den Vorkriegsjahren zu verzeichnen ist — der Zigarettenkonsum stieg von etwa 7 Milliarden in den Jahren kurz vor dem Krieg auf heute etwa 42 Milliarden, also das Sechsfache! — ist nicht ohne beunruhigende Auswirkungen auf die deutsche Volksgesundheit geblieben. Diese Tatsache verpflichte deshalb, wie Dr. med. F. L i ck i n t (Dresden) in seinem Referat „Tabak und Volksgesundheit" ausführte, mit allen Mitteln Aufklärung über die nachteiligen Wirkungen des Tabakgenusses in alle Teile des Volkes zu tragen.
Alkohol im Verkehr ist mit der wichtigste Ansatzpunkt im Kampf gegen den Mißbrauch der Genußgifte. Deshalb forderte der Beauftrage des Reichsärzteführers, Gauamtsleiter Dr. Bruns, die gesetzliche Verankerung des 3. Punktes der vom Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP, ausge
stellten 12 Forderungen gegen den Alkohol- und Tabakmißbrauch: Alkoholenthaltsamkeit bei besonderer Verantwortung, wie z. B. bei der Führung von Fahrzeugen jeder Art und strengste Bestraiung von Alkoholdelikten. Aus den von den Fachreferenten dann gehaltenen Vorträgen über den Einfluß des Alkohols auf Au^e und Ohr ging hervor, daß der Führer eines Fuhrwerks, insbesondere eines Kraftfahrzeuges, in Ausübung seines Berufs völlig nüchtern fein müsse. „Herrenfahrer", die sich dieser selbstverständlichen Forderung nicht unterwerfen wollten, sollten nach einem geselligen Abend einen Kraftfahrer oder eine Droschke in Anspruch nehmen. Gefährliche Arbeit, verantwortliche Arbeit, Präzisionsarbeit erforderten klare Sinne; Alkoyol- benebetung, die Leistungs- und Sachschäden oer-, Ursache, sei Wirtschaftssabotage. Alkohol gehöre daher ebenso wenig in die Betriebe, wie auf die Fahrbahn. Die Zahl der Todesopfer im Verkehrsleben ist erschreckend hoch. Jährlich sind es fast 8000 Tote und 170 000 Verletzte. Ein großer Prozentsatz all dieser Unglücksfälle ist auf mäßigen Alkoholgenuß zurückzuführen. Reichsbahn, Po st, Polizei und Wehrmacht haben jeglichen Alkoholgenuß vor und während der Dienstzeit verboten. Die Sicherheit, mit der wir auf der Reichsbahn fahren, beruht mit auf diesem Verbot. Für den Kraftfahrer besteht ein solches Verbot nicht. Dem Herrenfahrer ist also erlaubt, was dem beamteten Fahrer und jetzt auch dem Kraftdroschkenfahrer verboten ist.
Ole Krau im Kampf gegen die ^enuhoiffe.
Auf der Frauenkundgebung am Montagabend erklärte die Gaufrauenschaftsleiterin Frau Wester- n a ch e r, wenn nun die NSDAP, energischer als bisher gegen den Alkohol- und Tabakmißbrauch vorgehe und die Gefahren und Schäden aufzeige, bann würden die Frauen freudig — und wenn es sein müsse mit Leidenschaft — mitarbeiten. Zu tief und zu ernst nehme die Frau des Dritten Reiches ihre Verantwortung gegenüber ihren Kindern und der Jugend, als daß sie achtlos und leichtsinnig an Dingen' voroeigehe, die für die Gestaltung unseres ganzen Lebens und für die Zukunft unserer Jugend entscheidend sein könnte. Die Grundeinstellung der deutschen Frau zu diesen Fragen behandelte dann die Hauptabteilungsleiterin Volkswirtschaft-Hauswirtschaft in der Reichsfrauenführung, Frau Dr. E. V o r w e r ck. Sie stellte nicht den - Grundsatz der absoluten Enthaltsamkeit heraus, weil dadurch nur die Heuchelei großgezogen würde, verlangte aber Schärfung der Wachsamkeit der Frauen für die Gefahren, die der körperlichen ebenso wie der geistig-seelischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen, insbesondere des Heranwachsenden Kindes drohen durch unüberlegten Genuß von Alkohol und Tabak. Weiter sprachen noch Frau Benser-Bruhn, Vorsitzende der Frauengruppe der Vereine gegen den Alkoholismus im Deutschen Frauenwerk und Frau Mertens von der NS.-Frauenschaft Gau Hessen-Nassau über die Arbeitsmöglichkeiten der Frau im Dienst der Volksgesundheit.
Oie Messe der Leistungssteigerung.
Höchstleistungen des Maschinenbaues. - Neue Errungenschaften der Elektrotechnik. — Kunststoffe erobern den Markt. — Textilien der Zukunft.
Von unserem Sonderbenchierstattrr Joachim Boebmer
Leipzig, 6. März.
Frühlingssonne schüttet ihr Licht über das weite Ausstellungsgelände, auf dem zum ersten Male Großdeutschland vor der Welt von seiner technischen Leistungsfähigkeit Zeugnis ablegt. Nicht nur an Ausdehnung, auch an Inhalt ist die Technische Messe eine Spitzenleistung, die bereits alle Merkmale der vom ganzen deutschen Volk erstrebten Leistungssteigerung in sich trägt. Mag auch die Zahl der in- und ausländischen Aussteller größer als je bisher fein, so steigen Güte und Form der tausendfältigen technischen Erzeugnisse ihrem Werte nach noch weit über zahlenmäßige Begriffe hinaus. Trotz aller Vorhersagen früherer Messen scheint die groß- deutsche Industrieschau tatsächlich keine Grenzen zst kennen.
Gegenüber den Fertigerzeugnissen treten die Produktionsmittel, unter ihnen besonders die Werkzeugmaschinen, scharf in den Vordergrund. Ueberall sind Bestrebungen zur Verfeinerung der Arbeitsweisen erkennbar, teils erreicht durch weitgehende Automatisierung der Maschinen, teils erstrebt durch zwangsläufige Kupplung des Arbeitsprozesses mit Masseneinrichtungen, die eine menschliche Kontrolle ausschließen. Ferner wird däs Streben nach Einsparung menschlicher Arbeitskraft durch diese verstärkte Automatisierung deutlich erkennbar.
Eine andere Entwicklungsrichtung beim Bau der Produktionsmittel ist eine Vermehrung der Reihen- f e r t i g u ng und des Typenbaues. So finden wir unter den Textilmaschinen ebenso wie unter den Elektromotoren zahlreiche Ausführungen, die in der
Herstellung ebenso universell wie in der Anwendung sind ober die nach dem sogenannten Baukastensystem gefertigt werden und damit den Austauschbau fördern. Für die Möglichkeiten, den Kraftbedarf der gewaltigen Maschinen herabzusetzen, zeigen die Textilmaschinen besonders aufschlußreiche Wege. Man hat beispielsweise dadurch, daß man die vielen Spindeln einer Maschine durch je einen kleinen Elektromotor antreibt und auf den zentralen Riemenantrieb verzichtet, an Antriebskraft 40 v. H. einzusparen vermocht.
Völlig neuartige Werkzeugmaschinen und Arbeitsgeräte sind durch die Wandlungen auf dem Rohstoffmarkt entstanden. Zu den jüngsten Vertretern dürften die großen Leichtmetall - Spritz- gußmaschinen gehören, die mit einer unerhörten Genauigkeit feinmechanische Teile für Schreibmaschinen, Meßgeräte oder Motoren herstellen, ohne daß noch eine Nacharbeit erforderlich wäre. Ebenso erstaunlich ist die Leistung der Baumaschinen, die ganz auf die Einsparung menschlicher Arbeitskraft eingestellt sind. Unter ihnen findet ein Bohrgerät, das auf erdölhöffigen Gebieten eingesetzt wird, schon dadurch Beachtung, daß es auf den Betrieb mit Erdgas, das an der Bohrstelle austritt, umgestellt werden kann. Bei den großen Dieselmotoren wird der hohe Druck der Auspuffgase mehr und mehr für die Aufladung der Zylinder herangezogen, wodurch sich wesentlich günstigere Ausbeuten an Energie ergeben.
Völlig unmöglich ist es, über die außerordentlichen Fortschritte der Elektrotechnik einen vollständigen Ueberblick zu geben. Zu dem neuesten
Kleine und große Neuigkeiten in Leipzig. Links: Eine neuartige Weckerlampe, die sich selbsttätig beim Wecken der Uhr einschaüet. — Rechts: Ein Kugelschaufler, der Sand und Steinschotter aufnimmt, um sie einem laufenden Band zuzuleiten. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
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Zweig gehört beispielsweise der Ban von Klima- Anlagen. In der Texttlindustrie sind derartige Einrichtungen, die für* Staubreinheit und richttge Befeuchtung der Luft zu sorgen haben, schon lange bekannt. Daß aber der Mensch auf gesunde Lust noch mehr Anrecht als eine Maschine hat, scheint man lange Zeit vergessen zu haben. Andere Leistungen der Elektrotechnik liegen auf dem Gebiet der Installation Mögen die Mehrfachnutzungen einer Fernsprechleitung ebenso wie die Herstellung von großen Trockengleichrichtern für 6000 Watt Leistung nur den Fachmann interessieren, so dürste die Entwicklung von elektrischen Transportmitteln (Elektrokarren für 3 Tonnen Nutzlast), von gewerblichen Staubsaugern, von Elektro-Wirtschafts- herden für die regelmäßige Beköstigung oon zwanzig bis vierzig Personen ober die Fertigung neuer Quecksilberdampflampen, die durch Aufbringung eines Leuchtstoffes auf der Innenseite der Glaskolben die Farbverzerrungen mildern, schon allgemeineres Interesse finden.
Die Leipziger Messe wäre keine echte deutsche Messe, wenn nicht die W e r k st o f f - F r a g e an allen Stellen des weiten Geländes wie in den viel- geschossigen Messehäusern der Innenstadt in Erscheinung träte. Waren noch im vorigen Jahr hin und wieder Stimmen zu vernehmen, die bei allen neuen Werkstoffen das Wörtchen „Ersatz" auf den Lippen führten, so ist heute eine straffe Ordnung auf allen Werkstoffgebieten zu erkennen, die zur Folge hat, daß sich die verschiedenen Werkstoffe die zugehörigen Anwendungsgebiete gesucht Haden, um den „Ersatz"-Charakter abzustreifen und Besseres an die Stelle von Gutem zu setzen. Es ist nicht wahr, daß Chrom, Nickel, Kupfer und andere Sparmetalle nicht mehr zu finden sind. Sie werden vielmehr immer dort angewendet, wo sie anderen Werkstoffen gegenüber Vorzüge besitzen. Bestecke und Geschirre aus Nickel-Chrorn-Metallen können jede Frau entzücken, ebenso wie die schönen Kochgeschirre aus Nickel-Chrom mit kupfernem Boden. Die großen deutschen Stahlwerke benutzen Sparmetalle in weitestem Umfang zur Bekämpfung des Rostes, sie plattieren einfachen Stahl mit dünnen Schichten rostsicheren Stahls, verkupfern oder vernickeln rostempfindliche Teile auf elektrolytischem Wege ober aber wenden chemische Verfahren an, um Eifen vor dem Rost nicht nur vorübergehend, sondern ein für allemal zu schützen.
Erstaunlich sind auch die Fortschritte, die auf dem Gebiet der Anwendung von Kunstharzen, Preß- stossen und synthetischem Kautschuk gemacht worden sind. So finden wir dicke, hochbelastbare Schrauben aus Kun st st offen, dafür bestimmt, neben der mechanischen Verbindung einzelner Bauteile gleichzeitig eine völlige elektrische Isolierung herbeizuführen. Neuartig ist auch die Verbindung four- nieder Hölzer durch Kunstharze. Die widerspenstige Rotbuche, die sich bisher kaum für hochwertige Fourniere verarbeiten ließ, ist unter Zuhilfenahme besonderer Schälmaschinen, die auch Aststellen gleich beim Schälen automatisch schließen, zu einem wundervollen Werkstoff geworden, der sich nicht nur nach allen Richtungen biegen läßt, sondern auch für die Fertigung laugenfester Gesäße und metallfreier Bottiche verarbeiten läßt. Die p last i s ch e n Kunststoffe haben sich auch wieder neue Anwendungsgebiete erobert. Synthetische Guttapercha (Guttasyn) dient zur Herstellung von Schläuchen und Matten, von Schutzkleidungen und chemischen Hilfsgeräten, für die bisher eigentlich aar kein Werkstoff vorhanden war. Dichtungen, Membranen, Flaschenverschlüsse und andere Kleinteile, für die bisher Naturkautschuk benötigt wurde, bestehen heute aus Guttasyn. Auch der aus Baumwolle und Naturkautschuk bestehende Treibriemen muß dem Zellwollgewebe weichen, das mit synthetischem Kautschuk imprägnied ist
Damit haben wir uns schon den Textilien zugewendet, die gerade auf der Leipziger Messe das Interesse der ganzen Welt finden. So überrascht uns diesmal eine neue Spinnfaser (PeCe), die ganz das Werk ^)es Chemikers ist, der sie aus den anorganischen Stoffen Kalk und Kohle entstehen ließ. Er ist also hier nicht einmal mehr von den für die Zellstoffgewinnung geeigneten Holzern abhängig, sondern verwendet zwei Rohstoffe, die wir in reichstem Maße im Inland zur V"r° fügung haben. Die Bezeichnung PeO-Faser wird nur dem Ritter der Retorte verständlich, wenn ihm PeCe als Anfangsbuchstaben der chemischen Verbindung Polyvinyl-Chlorid gedeutet werden. Die neue synthetische Faser ist gegen Wasser und Säuren völlig unempfindlich, sie brennt nicht und ist in na ff em Zustand genau so fest wie in trocknem. Aus diesen Ngenschaften leiten sich schon umfangreiche Anwendungsgebiete her. Schutzkleidung für chemische Betriebe, Färfbereien, Netze, Filter, Seinen für Fischereibetriebe und andere Arbeitsstätton, in denen mit ständigen Durchfeuchtungen gerechnet werden muß, Theaterdekorationen, die nicht brennbar sind, wird sich der neue Werkstoff schnell erobern. Für allgemeine und modische Kleidung wird die neue Faser allerdings keine Verwendung firfben können: sie ist nämlich nicht bügelfeft. sondern beginnt ^bei etwa 80 Grad Wärme zu schmelzen. Aus diesem Wege kommen wir also nicht zu dem Kleid aus Kalk und Kohle!
Dafür bietet uns aber das aus Zellulose gewonnene Cellophan neue Möglichkeiten zur Schaffung modischen Beiwerks. Aus Cellometall geflochtene Opanken werden in diesem Sommer die Füße der Damen umhüllen, derselbe Werkstoff, der auch dem flitternden Theaterkostüm den geheimnisvollen Reiz verleiht. Daß sich heute Mischgewebe aus Wolle und Zellwolle in einem Bad färben lassen, daß die wasserscheue Zellwolle ihren wasserabweisenden Charakter auch nach wiederholtem Waschen nicht verliert und daß sich feinste Gebrauchswäsche ebenso wie derbe Uniformtuche aus Zellwolle in allen gewünschten Farbtonen Herstellen lassen, sind nur einige Proben von der Leistungsfähigkeit der deutschen Textilchemie, die mit der Textiltechnik Hand in Hand unaufhaltsam vorwärts schreitet. )
Oeutsch-tschecho-slowakische Zusahvereinbarung.
Berlin, 6. März. (DNB.) Am 4. März wurde durch Vertreter der deutschen und der tschecho-slowa- kischen Regierung eine Zusatzvereinbarung zu dem Vertrag über Staatsangehörigkeits- und Optionsfragen unterzeichnet. Es' war vorgesehen, daß die tschecho-slowakische Regierung bis zum 10. Juli 1939 verlangen konnte, daß deutsche Dolkszu.gehörige und ihre Abkömmlinge das jetziae Gebiet der tschecho-slowakischen Republik verlassen müssen, wenn sie erst seit dem 1. Januar 1910 dort zu- gezogen waren. Ein entsprechendes Recht bestand für die deutsche Regierung. In der Zusatzoereinbarung ist vorgesehen, daß beide Regierungen vorläufig von diesen Rechten keinen Gebrauch machen werden, es sei denn, daß sie eine anderweitige Verständigung treffen. Gleichzeitig sind die


