Nr. 105 vierter Blatt
I ■■ ■
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
6./7.moil939
Blumenbinverei — ein Kunsthandwerk.
Blumen — immer ein sinniges Geschenk.
■ -
4
I Bn den deutschen Familien ist es Brauch ge- |Ä):fföcn, sich, uni) zwar nicht nur zu festlichen An- ld en, mit einem Blumengeschenk zu erfreuen. Ge- jia e die hinter uns liegenden Feiertage haben wie- Le gezeigt, daß wir uns z. B. einen Ostertisch ohne Vinnen überhaupt nicht vorzustellen vermögen. W nn wir in ein Blumengeschäft treten und einen A auß ober einen Kranz bestellen, so nehmen wir
als selbstverständlich hin, daß er alle Vorzüge eines nach Farben- und Formengeschmack urteilenden Äuges in sich vereint.
Diese Anlage zu wirklichem Geschmack, die ja nicht jedem Menschen eigen ist, stellt naturgemäß für den Blumenbinder oder für die Blumenbinderin auch die selbstverständliche und grundlegende Voraussetzung zu ihrem Beruf dar, die dann in einer dreijährigen Lehrzeit bis zur fachlichen Vollkommenheit ausgebildet wird. Der Blumenbinder soll handwerkliche Fertigkeit mit künstlerischem Können und theoretischem Wissen vereinen. Dazu muß er das Grundsätzliche der Formen- und Farbenlehre beherrschen, um, daran anknüpfentß das gefühlsmäßige Empfinden für Form und Farbe durch die Kenntnis der gesetzmäßigen Zusammenhänge zu ergänzen. Außerdem kommt es natürlich auf die Beherrschung des rein Handwerklichen sowie auf die Materialkenntnis an, die hauptsächlich im gärtnerischen und botanischen Wissen liegt.
Der Beruf des Blumenbinders ist eigentlich noch nicht einmal alt. Er entwickelt sich erst in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, als die Gärtnereien durch das Anwachsen der Großstädte hinausge- drängt wurden und den Einzelverkauf in dem
bisherigen Maße nicht mehr vornehmen konnten. Erst hierdurch — weil nämlich der Weg des Kunden in die Gärtnerei zu umständlich wurde — ergab sich die Entwicklung zur Entfal- tuntz der eigentlichen Blumenbinderei, die nicht mehr allein Einzelhandelsgeschäft ist, sondern einen durchaus handwerklichen Einschlag hat. Ja, mit dem nach dem 70er Krieg steigenden Wohlstand in Deutschund hob sich gleichzeitig der Verbrauch an Blumen, und die Blumenbinderei entwickelte sich zu einem kunsthandwerklichen Beruf. Unter ihm wird heute verstanden „die handwerkliche Zusammenstellung von Naturblumen und Naturgrün zu Gebinden jeglicher Art in selbstschöpferisch-künstlerischer Gestaltung. Dazu gehört ebenfalls das Zusammenfügen von blühenden und grünen Topfpflanzen in Schalen und Korbgeflechten, das Schmücken von Räumen, Straßen und Häusern mit Grün und Girlanden sowie die Herrichtung gärtnerischer Erzeugnisse aller Art zum Verkauf". Also erst die Summe des Gärtnerischen, des Einzelhändleri- schen, des Handwerklichen
Das Schleisenbinden will gut verstanden sein. Hier wird geübt.
Ä-
**
und des Künstlerischen macht den Beruf des Blumenbinders aus.
Seit Beginn des Jahres 1935 ist die Fachgruppe Blumenbinderei die zuständige Vertretung ihres Wirtschaftszweiges innerhalb des Deutschen Reiches. Sie ist keiner Wirtschaftsgruppe angeschlossen, sondern stellt eine selbständige Fachgruppe der Reichsgruppe Handel dar. Der alte Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber ist in ihr aufgegangen. Ihr gehören etwa 8000 Berufsangehörige an. Die Fachgruppe besteht aus 16 Bezirken, die wiederum unterteilt sind in 90 Lehrlingsprüfungsbezirke und 152 Ortsgruppen. Die Aufgabe der Fachgruppe liegt hauptsächlich in der Schaffung, Anregung oder Unterstützung der Förderung der Mitglieder. Ihre besonderen Bestrebungen gelten gegenwärtig der Sicherung eines ausreichenden Nachwuchses. In Anbetracht des schon in jedem Berufs- und Wirtschaftszweig auftretenden Mangels an Arbeitskräften ist diese Sorge der Fachgruppe um so ernster, als der Berus des Blumenbinders naturgemäß nicht als ein lebenswichtiger angesprochen werden kann-, auch seine Arbeitsbedingungen, wie etwa der Sonntagsverkauf, wirken
Ein Blumengruß im Zimmer gibt festlichen Glanz. (Ausnahmen 15]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
■
tfW 'S V, - &■
bei der Nachfrage nach Lehrlingen nicht gerade erleichternd. Um so mehr hat die Fachgruppe in der Ausbildung eine Intensivierung angestrebt und erreicht, wofür das Beispiel der Einführung der Meisterprüfung 1936 bezeichnend ist. Augenblicklich ist die Fachgruppe damit beschäftigt, für die Lehrlinge solcher Kleinstädte, in denen keine Berufsschule vorhanden ist, Fernunterrichtsbriefe herauszubringen.
Zum Blumengruß die schriftlichen Glückwünsche!
i
Es herrscht eine feine, eine eigenartige Atmosphäre in einem Blumengeschäft Der Duft der vielen und sorgfältig gehaltenen Blumen vermischt sich mit dem Duft des frischen Tannengrüns zu einem kraftvollen Wohlgeruch, der den Laden und dcn Arbeitsraum erfüllt Es ist ein Freude, die geübte Blumenbinderin bei ihrer Arbeit zu beobachten, wie sich mit flinken Fingern eine 'Blume zur anderen fügt und jede einzelne Blume mit Hilfe eines Bastbandes in einer bestimmten Stellung fest- hält und so einen Strauß entstehen läßt, der nach Charakter, Form und Farbe ein harmonisches Ganzes darstellt.
Der Arbeitsbereich der Blumenbinderin ist groß und vielfältig; er reicht weit hinaus über den Bezirk der Straße und der Stadt, ja, er umspgnnt schon eine ganze Welt — wenn auch in einem übertragenen Sinne? Durch eine besondere Organisation, die sich „Fleurop" nennt, ist es möglich, in Gießen ein Blumenangebinde zu bestellen, das noch am gleichen Tag der Base, .die in Neuyork gerade Hochzeit hat, übermittelt merben kann. Wenn babei auch nicht deutsche Blumen nach Neuyork geschickt werben, so geschieht boch die Bestellung auf telegraphischem Weg und von einem ortsansässigen Blumenhändler wird ein Blumengebinde, wie es in Gießen bestellt wurde, überreicht.
Dienst am Kunden ist es auch, wenn dem Kunden Gelegenheit gegeben wird, gleich im Laden auf bereit gehaltenen Karten- und Briefblättern dem bestellten Blumenstrauß auch die schriftlichen Glückwünsche beizufügen.
So ist die Blumenbinderei ein schöner Beruß weil er immer dem Ziele dient, Freundschaft, Liebe und Verehrung zwischen Menschen zu fördern und zu vertiefen.
die für drei Jahre mit jährlich 40 Stück erscheinen werden.
Daß der Blumeneinzel- handel, auch rein wirtschaftlich betrachtet, ein nicht unwesentlicher Faktor ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß er jährlich einen Gesamtumsatz von 300 Mill. Mk. verzeichnen kann, der in Hauptsache von den 98 v. H. Kleinbetrieben aufgebracht wird. Der Laie ist tatsächlich überrrascht, daß nur 10 Millionen Mk. auf die Einfuhr von Schnittblumen fallen. Wesentlicher aber als alle Zahlen bleibt die schöne Tatsache, daß der finnige Schaffensbeitrag des Blumen- binbers aus bem Bezirk bes Menschlichen nicht mehr fortgedacht werben kann.
' *■>
> . ■
•X K
W. O.
Die Blumenbinderin überprüft mit kritischen Augen ihr Werk.
| feine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
krvprlght by Carl Duncker Verlag, Berlin
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Ctifem) stand auf und sagte einige leise Worte zu lii m Musikern. Dann setzte er den. Bogen an.
I ie Leute, die im Begriff waren, sich in Erwar- hi der Tanzmusik zu erheben, blieben in halber !:i.cgung stecken, denn an Stelle des erwarteten iiryos ertönte — mit unendlicher Zartheit von 'L'iterhand gespielt — das Menuett von Boccherini. . jtinftilte herrschte in dem überfüllten Raum. Der •j in Teil des Publikums war stumm vor lieber- ! cjciung, an Stelle der erwarteten Tanzmusik ein . Higertstück zu hören, der weitaus größere Teil ■ ke gab sich schweigend dem musikalischen Genuß
I :na hatte den Kopf gesenkt und starrte auf das ' kscüuch. Sie nahm jede Linie des verschlungenen 'k.ulers wahr, kleine Sternchen formten sich, die ■ uf । eine merkwürdige und verwickelte Weise mit- > Ar ider verbunden waren. Eines davon schimmerte • et).; 5 gelblich. Sicher beim Bügeln versengt wor- ' bit, dachte sie und war etwas unwillig über diese Ar lässigkeit. Und gleichzeitig war sie ganz weit ■ ec Die ersten Töne dieser Melodie hatten eine ir aufgestoßen, die Jahre hindurch fest verriegelt grafen mar, und nun strömte wie eine breite fft-ene Sonnenbahn die Erinnerung herein. Es tiii ihre Lieblingsmelodie gewesen, keiner konnte IMG Menuett so bezaubernd, so hinreißend spielen lle Joe, und nichts verkörperte so die Zeit der Fjtm himmelstürmenden Glückseligkeit wie diese ! tri!. Nachher hatte er das kleine Menuett nicht n: - gespielt — und es dennoch nicht vergessen.
t qenber Beifall schreckte sie auf, Mikeny oer- : hl ate sich lächelnd nach allen Seiten und blickte ib zu ihr hinüber. Sie konnte nicht anders, sie Ulf te diesen Blick mit einem leisen Neigen des . fl^es beantworten. Da lachte er, genau jo strah
lend wie damals vor sieben Jahren, als sie sich kennenlernten.
In der Pause kam er, als fei es etwas Selbstverständliches und begrüßte sie.
„Eine angenehme Ueberraschung folgt der anderen", sagte er, sich über Margits Hand beugend. „Vorgestern treffe ich Claudette und nun auch Sie, gnädige Frau. Vielen Dank", er setzte sich auf Margits einladende Bewegung. „Seit wann sind Sie hier?"
„Seit heute Nachmittag, und unser erster Weg ist zu dem berühmten Mikeny", lachte Margit. Sie war ganz in ihrem Element unter den neugierigen und neidvollen Blicken der übrigen Weiblichkeit. Diesmal war Dina froh, daß ihre Cousine niemanden zu Wort kommen ließ, nie zuvor hatte ihr die Nolle der stummen Zuhörerin mehr zugesagt.
„Ich bin gerührt und dankbar, gnädige Frau", sagte Mikeny. „Was darf ich für Sie spielen?"
„Vor allem Ihr neuestes Repertoire, ich kenne ja fast gar nichts. Sie glauben nicht, wie ich verbauert bin auf dem Lande."
„Den Eindruck machen Sie eigentlich nicht, gnädige Frau", sagte Mikeny, ihre überelegante Erscheinung musternd, mit solch drolliger Ernsthaftigkeit, daß auch Dina lachen mußte. „Hoffentlich hatten Sie eine gute Reise", fragte er höflich, immer noch zu Margit gewendet.
„Es ging. Im Speisewagen traf ich sogar Bekannte, das Unterhaltungsthema war natürlich überall dasselbe — der große Diamantendiebstahl." Sie sah Dinas erstauntes Gesicht und lachte. „Du hast natürlich keine Ahnung."
„Habe ich auch nicht. Ich lese hier oben kaum Zeitungen. War es etwas Besonderes?"
„Und ob Da ist in Südafrika irgendwo so ein Riesending gefunden worden, soll fast so groß sein wie der Cullinan, hat auch so 'nen ausgefallenen Namen." —
„Meinen Sie den ,Blue Ray'?" warf Mikeny ein.
„Richtig, so hieß er. Sie haben doch sicher von ihm gehört?"
„Von dem Stein? Natürlich, fein Fund machte ja ungeheures Aufsehen. Er heißt „Blauer Strahl",,
weil er bei einem bestimmten Lichteinfall ein ausgesprochenes blaues Feuer sprühen soll."
„So? Das wußte ich noch nicht", sagte Margit interessiert. „Dann kann ich mir denken, daß es lohnte, ihn zu stehlen."
„Wer hat ihn denn gestohlen?" erkundigte sich Dina. Es war ihr gänzlich gleichgültig, aber es war ein wundervoll neutrales Thema.
Margit dagegen war in ihrem Fahrwasser, sie liebte solche Geschichten und las die Berichte darüber sehr gewissenhaft. „Wenn man das wüßte. Der Stein war mit dem Schiff bis Genua geschickt worden und sollte von da mit dem Flugzeug bis Amsterdam — über Paris, glaube ich. Und in Genua hat man folgendes feststellen müssen: daß jemand den — wie hieß er? — ach so, „Blue Nay" — einfach weggezaubert und eine wertlose Nachahmung hingelegt hat. Du kannst dir die Aufregung denken."
„Das kann aber doch gar nicht einfach gewesen fein, der Stein war doch sicher gut verwahrt", meinte Dina etwas naiv.
„Einfach!! Du harmloses Kind! Das ganze Schiff hat den Stein bewacht und trotzdem ist er gestohlen worden. Nein, es war schon ein Meisterstück, und es soll auch ein Meisterdieb gewesen fein, das ,Chamäleon' nennen ihn die Zeitungen."
„Ach", sagte Dina interessiert und richtete sich steil auf. „Weißt du das genau?"
„Schau mal an! Von dem weißt du sogar etwas?" sagte Margit lachend.
„Doch. Ich besinne mich, den Namen einmal in Verbindung mit einem Juwelendiebstahl in London gehört zu haben", antwortete Dina gleichgültig. Sie hatte nicht die leiseste Neigung, der sensationslüsternen Kusine von ihrem Biringer Erlebnis zu berichten.
„London — Paris — bei jeder größeren Sache soll dieses merkwürdige Tier die Finger drin haben. Haben Sie auch schon von ihm gehört?" wandte sie sich an Mikeny.
Der schrak aus tiefem Nachsinnen auf. „Dorn Chamäleon? — Nein, nie", versicherte er, und Dina wunderte sich unwillkürlich, wie heiser diese melodische Stimme plötzlich klang. Sie musterte ihn prüfend: das nervöse Zucken der Augenbrauen
hatte er früher auch nicht gehabt. Ihr forschender Blick schien ihm unangenehm zu sein. Er erhob sich ziemlich brüsk:
„Ich bitte um Entschuldigung, die Pflicht ruft. Ich werde hoffentlich das Vergnügen haben, die Damen hier zu sehen."
^„Aber sicher", erklärte Margit. „Und was wollen Sie uns jetzt spielen?"
„Den neuesten Tanz. Auf Wiedersehen!"
Er ging zu seiner Kapelle zurück, die sich inzwischen wieder auf dem Podium eingefunden hatte und mit ungeteiltem Interesse von der neuen Bekanntschaft ihres Leiters Kenntnis nahm. Bald drehten sich die Tanzenden in dichtem Gewühl zu den Klängen.
„Dieser Rhythmus! Er spielt einfach fabelhaft!" sagte Margit'hingerissen. „Es dürfte wirklich lohnen, sich ein paar gute Tänzer anzubändigen."
„Was bei dir nicht allzu lange auf sich warten lassen wird", sagte ihre Kusine ergeben.
Dina hatte mit dieser Vermutung recht. Margit tanzte noch am gleichen Abend, und es dauerte keine zwei läge, da war sie unbestrittener Mittelpunkt eines sehr bunten, sehr lebhaften Kreises, der das Feld seiner Tätigkeit abwechselnd in das „Kulm" und ins „Claridge" verlegte. Ein französisches Ehepaar gehörte dazu, zwei Amerikanerinnen, ein Berliner Ehepaar, das Margit auf einem Ball flüchtig kennengelernt hatte und eine Anzahl Herren verschiedenster Nationalität, die aber alle über die verlangten Tanzqualitäten verfügten.
Dina lagen die Leute um Herrn Kaspar erheblich mehr, sie machte abends nur mit, weil eine Weiterung unfehlbar zu Auseinandersetzungen geführt haben würde; Auseinandersetzungen mit Margit waren eine unangenehme Sache, das wußte sie noch von früher, auch lohnte es nicht, das augenblickliche gute Einvernehmen aufs Spiel zu setzen. Margit gab sich auf ihre Weise entschieden Mühe, sie war rücksichtsvoller als sonst und sprach viel von gemeinsamen Erlebnissen ihrer Jugend. So ging Dina abends geduldig mit und nahm sich, nur das Recht des früheren Zurückziehens, was durch ihre großen Schiausflüge, die meist sehr früh begannen, genügend begründet war.
(Fortsetzung folgt.)


