Ausgabe 
6.5.1939
 
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Nr. >05 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefjen)0./7.Mai 1939

Aus her Stadl Gießen.

Hilfsbereitschaft im Alltag.

Wir hoben nicht immer Gelegenheit im Leben, große und besondere Taten zu verrichten, wie das schwärmende Jugend oft erträumt. Was von den meisten Menschen verlangt wird, ist der bescheidene stille Dienst im Alltag, ein schmuckloser Dienst, mit dem nicht viel zu prunken ist, der aber unendlich wichtig ist für die Gemeinschaft, in der wir stehen, wie für uns selbst. Bei jedem Menschen sieht dieser Dienst anders aus, doch die Forderung für ihn ist mit uns geboren worden, denn es ist die Forderung, welche unsere Nächsten an uns haben. Es gibt glück­liche Naturen, denen es eine Selbstverständlichkeit ist, für den anderen einzuspringen, sie brauchen ein­fach ihrer Natur zu folgen und tuen dann das Richtige. Der Alltag bietet unendliche Gelegenheit zum Dienst am Nächsten. Albert Schweitzer bezeich­net dies in seinem Lebensbild einmal als die einzige Möglichkeit für viele Menschen, die nicht mit ihrem Schicksal oder ihrem Beruf zufrieden sind, dem Leben erträgliche Seiten abzugewinnen. Zu dieser menschlichen Fühlungnahme und Betätigung gibt nicht nur der Beruf Gelegenheit, jede Menschenklasse findet in ihrem Bereich die Möglichkeit, ihren Mit­menschen Freundliches zu erweisen, jede Hausfrau, jede Arbeiterin, jeder Werktätige. Dem anderen eine Handreichung tun, ihm eine Auskunft geben, seine Sorgen mit ihm besprechen, das kann für den Nächsten unendlich viel bedeuten, für uns selbst ist es nur eine geringe Mühe.

Schon bei Kindern zeigt sich diese Wechselwirkung. Dos gefällige, dienstbereite Kind, das gern selbst vom Spiel aufspringt und der Mutter einen Weg abnimmt, das die kleinen Handgriffe im Haushalt unaufgefordert tut, wird meist frischer sein als ein Kind, das träge hie Bitte um seine Hilfe überhört, oder das zum Widerstand neigt und stets Einwen­dungen hat. Die Mutter hat es mit in der Hand, ihre Kinder zur Dienstbereitschaft zu erziehen, ein­mal, indem sie diese als selbstverständlich voraus­setzt und das Kind immer wieder darauf hinweist und indem sie darauf achtet, daß auch die Geschwi­ster untereinander sich gefällig sind. Wo in einem Hause der Geist selbstverständlicher Hilfsbereitschaft herrscht, wo die Kinder sehen, daß die Eltern in liebevoller Kameradschaft füreinander da sind, und auch ein Ohr haben für die Nöte ihrer Mitmenschen, da werden sie unbewußt in diesen Geist hineinwach- fen. Sie sehen, wie die Mutter in dem und jenen Falle handelt. Der Briefträger klingelt und bittet, ein Paket für die Flurnachbarin anzunehmen, die nicht daheim ist. Oder ein Lieferant ersucht um den gleichen Dienst. Ein andermal wird zu einer Fa­milienfestlichkeit beim Nachbar ein Küchengerät oder eine Kuchenschüssel ausgeliehen. Das Kind svürt ge­nau am Ton und Gebärde der Mutter, ob sie diese Gefälligkeiten gern und aus einem Herzen voll guten Willens heraus tut, und fein Weltbild formt sich danach.

Hilfeleistung kann sehr verschieden aufgefaßt wer­den, im kargen Buchstabensinne und im weiten Sinne eines großmütigen Herzens. Angenommen, eine Bekannte bittet uns, ihr eine häusliche Hilfs­kraft, eine Stundenfrau oder eine Hausgehilfin zu besorgen, da sie selbst durch Krankheit in der Fa­milie behindert ist. Wir gehen zum Arbeitsamt, die Sache will nicht klappen. Wir könnten uns bei die­sen fruchtlosen Versuchen beruhigen und vorgeben, die Lage sei zur Zeit aussichtslos, augenblicklich gebe es keine häuslichen Hilfskräfte. Das wäre nur eine Ausflucht. Ehrlicher Helferwille darf nicht vor klei­nen Schwierigkeiten zurückschrecken, sondern muß dann erst recht einsetzen. Es gibt immer noch die Möglichkeit, bei der Berufsberatungsstelle anzufra­gen,' oder persönliche Beziehungen zu Familien spielen zu lassen. Ist es uns dann endlich gelungen, trotz aller Widerstände und Hemmungen eine pas­sende Helferin für den Haushalt der überlasteten Freundin zu finden, welche Genugtuung und Freude. Gelegentlich werden wir dos gleiche erfahren. HF.

Reue Wege zur restlosen Verwertung des Schlachtblutes.

Wichtige Errungenschaften im Dienste der deutschen Ernährungswirtschast.

Eine Unterredung des Gießener Anzeigers mit Schlachthosdireitor Or. Keller.

Ausi der Tagung der Kreissachschaft Flei­scher in der Deutschen Arbeitsfront am Sonntag, 30 April, in Gießen vergleiche Gieß. Anz." Nr. 101 vom 2. Mai wurde erwähnt, daß im Städtischen Schlachthof Gießen Versuche über die r e st l o s e Ver­wertung des Schlachtblutes zum Zwecke der Verwendung als menschliches Nahrungsmittel ge­macht wurden. Wir haben daraufhin den Leiter des Städtischen Schlachthofes Gießen, Direktor Dr. med. vet. habil. Keller, ge­beten, uns über dieses Verfahren, das schon seit einem Jahre im Gießener Schlachthof erprobt wird, näheren Aufschluß zu geben. Das Ergebnis unserer Unterredung mit Direktor Dr. Keller ist in den nachstehen­den Sätzen zusammengefaßt.

Die längst bekannte Tatsache, daß Blut durch Zu­satz von Chemikalien in flüssigem Zustand gehalten werden kann, ist in neuerer Zeit für die Verwer­tung des Schlachtblutes als menschliches Nahrungs­mittel ausgenutzt worden. Als Chemikalien kommen die vollkommen unschädlichen Salze Natriumzitrat und Natriumphosphat in Frage. Setzt man dem frisch aus der Schlachtwunde strö­menden Blut in dem Auffanggefäß eines dieser Salze, in etwas Wasser gelöst, zu, so gerinnt das Blut nicht mehr. Es ist auch nicht not­wendig, dieses Blut durch Schlagen von seinem Faserstoff, dem sog. Fibrin, welches die eigent­liche Gerinnuna bewirkt, zu befreien. Das flüssig gehaltene Blut hat gegenüber dem geschlagenen Blut gewisse Vorteile. Es enthält als weiteren wichtigen Eiweißkörper das schon erwähnte Fibrin, in Gießen ortsüblich auchBlutdrosseln" genannt, das sich durch einen hohen Gehalt an löslichen Silikaten

und Kalzium auszeichnet, also in diätetischer Be­ziehung ein wertvolles Nahrungsmittel darstellt. Ein weiterer Vorteil des flüssig gehaltenen Schlachtblutes besteht darin, daß die damit her­gestellten Blutwürste oder Mengwürste eine vor­zügliche Bindigkeit und infolgedessen eine aus­gezeichnete Schnittfestigkeit erhalten.

Hiermit nicht genug. Anstatt das Schlachtblut nur in flüssigem Zustand zu verarbeiten, ist man noch weiter gegangen. Man hat dieses Blut, ähnlich wie die Milch, in Zentrifugen in zwei Komponenten ge­schieden: einesteils in die etwas dickflüssigen roten Blutkörperchen, andernteils in das sog. Blutplasma. Die roten Blutkörperchen können in Zukunft unter Zusatz von Fett, Schwarten und Fleischteilen weiterhin zu Blutwurst verarbeitet werden. Sie fallen beim Zentrifugieren zu ein Drittel der Gesamtmasse an und reichen ungefähr aus, um das deutsche Volk genügend mit Blutwurst zu versorgen. Die übrigen zwei Drittel, das sog. Plasma besitzt eine hellrötliche Farbe, die beim Kochen in eine grauweiße um­schlägt. Das Plasma ist geeignet, als Bindemittel sämtlichen Brüh - und Kochwürsten zugesetzt zu werden. Durch Runderlaß des Reichs- und Preu­ßischen Ministers des Innern ist der Zusatz von Plgsma zu Koch- und Brühwürsten bis zu 10 v. H. zugelassen. Artfremde Bindemittel, wie Milcheiweiß, können infolgedessen entbehrt werden. Die mit Plasma hergestellten Kochwürste zeichnen sich ge­nau wie die mit flüssig gehaltenem Blut hergestellten Blutwürste durch ausgezeichnete Schnitt­festigkeit und durch besonderen Wohlge­schmack aus.

Die Verwertung des Schlachtblutes konnte bisher niemals insgesamt zu Blutwurst vorgenommen werden, da der Bedarf an Blutwurst nicht die ganze

Menge des anfallenden Blutes umfaßte. Die Folge davon war, daß großeMengen anSchlacht- blut nutzlos in die Kanäle abfloffen und so einer Verwertung für die Ernährung un­serer Volksgemeinschaft verloren gingen. Durch den hier beschriebenen neuen Weg, der seit einem Jahre im Gießener Schlachthof praktisch erprobt wurde, können, wenn das Zentrifugieren des Schlachtblutes überall in Deutschland ein geführt ist, durch das allein in den Schlachthöfen anfallende Blut 20 Millionen Kilogramm mehran

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

Wurst waren ift D eutschland hergestellt werden. Wenn die neue Methode der Schlachtblut­verwertung auch auf dem Lande überall Platz ge­griffen haben wird, was durch Aufstellen preis­werter kleiner Zentrifugen durchaus im Bereich der Möglichkeit liegt, so lassen sich insgesamt 40 Mil­lionen Liter Blut und damit 4 0 Millionen Kilogramm Wur st waren jährlich mehr gewinnen. Der deutsche Einfuhrüberschuß an Fleisch, der sich in den letzten Jahren nur auf 1,4 v. H. be­lief, konnte durch die restlose Verarbeitung des Schlachtolutes fast vollständig gedeckt werden.

Das Ziel, die Selb st Versorgung des deutschen Volke san Fleisch zu erreichen, wäre mit dem hier kurz beschriebenen Verfahren beinahe vollkommen erreicht. B.

Iugendherbergsarbeit in Gießen und Oberheffen.

Anläßlich des Opfer» und Werbetages' für das Jugendherbergswerk ha­ben wir den seit Jahren in ehrenamtlicher Arbeit für die Förderung des Jugendherbergswerks tä­tigen Studienrat Dr. Flörke in Gießen, einen verdienstvollen Vor­kämpfer und Wegberei­ter dieser gemeinnützigen Jugendsache, gebeten, uns feine Erfahrungen und Eindrücke über das Wer­den und den Stand des Jugendherbergswerks in Gießen und Oberhessen mitzuteilen. Dieser Bitte hat Herr Dr. Flörke mit den nachstehenden Zeilen entsprochen.

Das nebenstehende Bild zeigt den Tagesraum der Jugendherberge Hardt- terrasse in Gießen. (2Iufn.: Neuner, Gieße­ner Anzeiger.)

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Jugendherberge ein Wort, heute allen vertraut, ja sogar weit über die Grenzen Deutsch­lands hinaus ein Begriff und ein Ziel. Noch vor zwei Jahrzehnten aber war es nur ein kleiner Kreis von Eingeweihten, denen dieses Wort etwas

zu faaen hatte, wenige, denen es Aufgabe sozialen Schassens war.

Dreißig Jahre sind es heute, feit in Altena die erste Jugendherberge ihrer Bestimmung übergeben wurde. Richard Schirrmann, der Vater des Jugend­

herbergswerks, hatte sie geschaffen. Sie war in einer Zeit entstanden, in der das Jugendwandern mächtig aufblühte, in der uralter deutscher Drang in die Weite, der lange verschüttet war, wieder Gestalt gewann. Hoffnungsvoll gedieh das neue Werk. 1913 wiesen 83 Herbergen bereits 21000 Uebernachtungen auf. Aber erst nach dem großen Kriegsbrände ging die Entwicklung in die Breite; im Jahre 1919 finden wir schon 300, 1921 1300 und 1924 gar 2000 Herbergen verzeichnet, und eine halbe Million Uebernachtungen wies dies letzt­genannte Jahr auf. In Jahren des größten Elends und der tiefsten Not war durch den Einsatz einer immer größer werdenden Schar selbstloser Schaffer ein soziales Werk von größter Bedeu­tung mächtig vorangetrieben worden. Zwar die Jungen von heute würden die alten Bleiben gar mitleidig betrachten, wenn wir sie ihnen noch zeigrn könnten. In den allereinfachsten Räumen waren sie eingerichtet, mit dem allereinfachsten Gerät, wie es eben aus Heeresbeständen zur Verfügung stand, waren sie ausgerüstet. Bei weitem nicht berufen waren sie zur Erfüllung der erzieherischen Aufgabe, die wir heute unserer Herberge zuweisen, die wir so gestalten, daß sie in enger Verbindung stehen mit der deutschen Geschichte und der deutschen Land­schaft, daß sie den jungen Gästen den Reichtum deutscher Kultur und deutschen Lebens widerspiegeln; aber doch ein Anfang und ein Keim, aus dem ein mächtiger Baum wuchs. 158 175 Betten standen am Ende des Jahres 1938 in den deutschen Herbergen zur Verfügung, 8,7 Millionen Uebernachtungen wies

Wir besuchen zweiTigerkinder.

Don paul Eipper.

Wieder einmal hat mir das Schicksal eine große Freude bereitet: im Berliner Zoo sind zwei sibi­rische Tiger geboren worden, und so oft ich nur kann, besuche ich die wolligen Katzenkinder, sehe ihrem Wachstum zu, dem äußerlichen und dem inneren.

Beides geht nach menschlichen Verhältnissen überraschend schnell; die Tigerchen sind zwar noch recht niedrig auf den Beinen, mehr rundlich dick als langgestreckt, aber ich lasse mich von ihrer tolpatschigen Weichheit nicht täuschen: die gestreiften Knirpse wissen schon ganz genau, was sie wollen, und sie lernen Stunde um Stunde, obwohl sie kein Vorbild haben und keinen Lehrmeister, denn sie wohnen für sich im Käfigraum.

Alfred Kaden, der Betreuer aller Berliner Raud- katzen, stellte eines Morgens eine massive Leiter­treppe aus Holz in ihre Kinderstube:Das ist gut für die Ausarbeitung der Knochen", meint der er­fahrene Pfleger, freut sich zugleich auf die kommen­den Ereignisse, und wir, die zuschauenden Tier- freunbe, tun es auch. Ja, selbstverständlich wird zu­nächst einmal das neue Ding beschnuppert und be­rochen ungefährlich, sagt die Nase. Dann hebt der eine Tigersohn die breite Vorderpfote; kurzes, kaum merkliches Antaften, zum zweiten-, drittenmal, und schon hockt er auf der unteren Treppenstufe. Die nächste erklimmt er sehr gemächlich, auf der dritten legt er sich schlafen. Aber die Ruhe ist nicht für lange Dauer; sein Brüderlein, das steche, hat vom linken Vordereck her zugeschaut, ein wenig blinzelnd und gar nicht so sehr interessiert; nun zieht er alle vier Beine zusammenkauernd unter den Leib, wackÄt mit dem Hinterteil nach links und rechts, hoppla, die gelbrot gestreifte Wollkugel ist gar nicht mehr vorn im Käfigwinkel, sie schnellte flammend quer durch den Raum, flach nach oben mit einem richtigen, wilden Tigersprung und hockt dem Bru­der neidisch fauchend im Genick. Mit dem Erfolg, daß nun zweibumme Katzenbuben" rumpelnd und polternd die Treppe hinunterfallen. Sie jmb wirklich verbutzt, rappeln sich maunzend auf, schüt­teln bie Köpfe unb trollen sich, jeder nach einer andern Seite. v . e, q

Woher kam nun das Signal und wer fünfte es. Mit einem Ruck drehn sich in der gleichen Sekunde die beiden Tigersöhne um und federn wie viel­erprobte Hürdenspringer die Treppe hinauf, sofort zurück, wieder empor, .und damit hat ein Ha^che- spiel begonnen, das seitdem eigentlich nimmer enbet, sondern zu jeder Tageszeit mit der gleichen Begei­

sterung ausgeübt wird.Das tut euch gut, ihr ver­fressenen Lausbuben", schmunzelt Kaden sichtbar beglückt. Er ist ja ein unverbesserlicherTigernarr". Wohl fünfzehn Jahre kenne ich ihn nun, und wir sind in unserer Gesinnung wirklichauf Du und Du", in unserer Liebe zu den Tigern. Was uns nicht hindert, immer wieder die geschmeidige Schön­heit des Leoparden zu bestaunen, den machtvoll kantigen Ausdruck eines Löwenschädels.

Passen Sie auf, nun habe ich ein neues Spiel­zeug für bie kleinen Sibirier", sagte er kürzlich zu mir unb schob einen Holzreifen durch die Stäbe, vielleicht fünfzig Zentimeter im Durchmesser und mit Isolierband mehrfach umwickelt, damit sie sich nicht wehtun mit den weichen Kindermäulern.

Man kann schmunzeln und hell auflachen; man kann sich freuen und man kann staunen; auf alle Fälle sieht man nun, was alles in diesen jungen Geschöpfen steckt an Neugier, Temperament, Mut, Tolpatschigkeit und Eigensinn. Mal zwängt sich der eine mit den Beinen in den Reif; aber so sehr er sich auch müht, die vierte, die linke Hinterpfote be­kommt er nicht mehr hinein; das kurze Schwänz­chen rutscht dazwischen, und wenn der Tiger allzu temperamentvoll kratzt und schlenkert, haut ihm der Reif von unten her wippend gegen die Kinnlade. Da muß er natürlich knurren vor Zorn; immerhin, erklären kann ich es nicht, wieso er plötzlich Kobolz schoß samt dem Spielzeug und nach der Landung einwandfrei, mitganzer Figur" in feinem Reifen saß, umfriedet gewissermaßen, so wie der Vogel im Nest.

Während er aus großen, erstaunten Kinderaugen an sich hinunterblickte, empfing er jäh eine wohlge­zielte Ohrfeige, die ihn mit einem neuen Purzel­baum aus dem Ring ins freie Gelände warf; sein Bruder trollte mit der Spielzeugbeute weg. Es braucht nicht unbedingt als Siegerftolz gedeutet zu werden, daß er dies hocherhobenen Hauptes tat; nur so konnte er nämlich im Fang den Reifen vor sich her tragen. Erstaunlich genug, daß er trotzdem nicht stolperte; er mußte seine Dordertatzen bei jedem Schritt hochreißen, wie das edle Schulpferd die Beine wirst, sonst hätte er sich doch zu guter Letzt verheddert. Aber er brachte sich unb seinen Trumpf auf die höchste Plattform ber Treppe, bort streckte er sich längelang aus und benagte nach Her­zenslust den gepolsterten Holzring. Dabei schielte er fortgesetzt hinunter auf bie Niederung des Fuß­bodens, jederzeit bereit, den vielleicht revanchefüch- tigen Bruder zweckentsprechend zu empfangen.

Doch der hatte inzwischen einen anderen Entschluß gefaßt, einen besseren dazu: er zog zu Kaden und klagte ihm sein Leid. Oder wollte er nur Zärtlich­keit an Stelle der brüderlichen Hiebe?Das ist

nämlich ein Schmuser, ganz verschieden von dem dort oben". Wahrhaftig, man kann es sich kaum norfteUen, mit wie vielen Körperstellen zugleich sich dieSchmeichelkatze" an den beiden Menschenhänden reibt; fast steht sie auch noch Kopf, damit die Zunge kostend ebenfalls daran teilnehmen kann.Aber die Pfoten laß lieber peg, mein Sohn! Unser Menschen­haut ist nicht so dick wie euer Pelz", sagt Kaden unb zeigt mir durch einen leichten Druck auf die Pranke, daß schon jetzt die gelben Krallen gefähr­liche Dolche sind mit Nadelspitzen am gebogenen Ende.

Man muß sich in der Tat wundern, daß nicht dauernd Blut zu Boden tropft bei den geschwister­lichen Zweikämpfen, daß die Ohren nicht längst aus- gefranst sind unb die rosafarbenen Nasen geschlitzt; denn diese Raufereien, an sich Ausbruck von Wohl­behagen, Beweis für Gesundheit und Ueberschuß an Jugendtemperament sind doch schon ganz richtige, wilde Tigerkämpfe mit Anschleichen, Ueber- fatt und grimmig ausdauernder Schlagkraft.

Nun singt mal ein bißchen", meint Kaden und krault ihre Nacken. Wahrhaftig, sie klagen und werben mit einem hohen, hellen langgezogenen Singlaut.Ist schon gut; ich weiß, ihr habt Appe­tit. Unglaublich, was bie kleinen Kerle futtern kön­nen? Alle paar Stunden mache ich ihnen was zu­recht; dann schlafen sie eine Weile, um nachher mit aller Kraft weiter zu toben."

Recht so< ihr werbet groß und stark unb schön wie euer Vater draußen, Amur, der sibirische Tiger.

Der gute Montag.

Der Montag hat im allgemeinen keinen 'guten Ruf unter den Wochentagen. Nach dem Ausruhen am Sonntag ist der Mensch nicht immer so frisch wie er eigentlich sein sollte, sondern bas süße Nichts­tun am Tage bes Herrn klingt noch nach, und erst allmählich kommt bieArbeitsmaschine" wieder in Gang, so daß die Leistungen am Montag gewöhn­lich schlechter sind als an anderen Tagen. Der blaue" Montag ist ja daher auch seit alten Zeiten eine beliebte Fortsetzung der Sonntagsfreiheit, die stets die Mißbilligung der Behörden und Arbeit­geber gefunden hat. Und doch hat auch der Montag seine Lobredner gefunden, unb man hat behauptet, daß er einen besonderen Zauber unb Reiz besitze. Eine Englänberin schrieb in einerEhrenrettung" des Montags, daß dieser Tag mehr für sie bedeute als jeder andere Wochentag.Wir lieben", so führte sie aus,den Morgen des ersten Tages der Woche, an dem wir das Leben mit frischer Energie und neuen Hoffnungen beginnen. Nach der Stille des

Sonntags setzt das bunte Leben wieder ein. Briefe kommen, die Geschäfte sind offen, unb wir haben sechs ganze Tage vor uns, um zu -arbeiten und uns zu vergnügen. Wenn auch manches Sprichwort den Montag zu einem Unglückstag erklärt, so stehen dem doch uralte Bräuche entgegen. Für die alten Römer war der Montag einguter Tag", an dem wichtige Entschließungen gefaßt und bedeutsame Unterneh­mungen begonnen wurden; er stand nämlich unter des Einfluß des Jupiter. Noch heute behauptet der Volksglaube, daß die glücklichen Stunden am Mor­gen zwischen 10 und 12 Uhr liegen. Hochzeiten am Montag sollen besonders glückliche Ehen zur Folge haben. Der Montag ist auch ber beste Tag, um Vergnügungen nachzugehen. Die Theater unb Kinos sinb am wenigsten besucht; man bekommt da­her bie besten Pläste. Die Damen sollten auch mehr, als sie es bis jetzt tun, die Montage für ihre Ein­käufe wählen, denn die Läden sind bann nur halb voll; die Angestellten sind nach der Ruhe des Sonn­tags aufmerksamer und höflicher, können uns auch mehr Zeit widmen, da sie weniger beschäftigt sind. Wer den Zauber des Montags richtig versteht, der wird an ihm die Freuden des Sonntags noch einmal durchkosten und wird besonders gut gelaunt unb arbeitsfreubig fein. Geben wir dem Montag feilt Recht und feinen Sinn." B.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Wilhelm Furtwängler, Ordi­narius für Mathematik und Geodäsie an der Uni­versität Wien, vollendete das 7 0. L e b e n s j a h r. Furtwängler arbeitete als Assistent an der Tech­nischen Hochschule Darmstadt. Von 1904 bis 1907 und 1912 wirkte er als Professor an der landwirt­schaftlichen Akademie Bonn, von 1907 bis 1910 an ber Technischen Hochschule Aachen. Seit 1912 bis zu seiner Emeritierung hatte er das Ordinariat für Mathematik an der Universität Wien inne. Furt­wängler gilt als Autorität auf bem Gebiet der Zahlentheorie, der Mechanik und der Geodäsie.

Der n. b. a. o. Professor Dr. Hermann G u m b e ( an der Universität Frankfurt wurde beauftragt, an der Universität Königsberg die Vertretung der o. Professur für deutsche Philologie wahrzuneh­men. Der n.b. a. o. Professor Dr. Karl Ehr­hardt in Frankfurt wurde beauftragt, an ber Universität Graz die o. Professur für Geburts- Hilfe unb Gynäkologie vertretungsweise zu über­nehmen. Der n. b.a. o. Professor Dr. Wilhelm Dirscherl in Frankfurt wurde beauftragt, an ber Universität Gö11ingendie Vertretung der Professur für Physiologische Chemie wahrzunehmen.