Ausgabe 
6.5.1939
 
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Kuttur im Gau.

jur Gaukulturwoche Hessen-Nassau.

Was Veranstaltungen wie beispielsweise die Reichstheaterfestwochen, die Jahrestagung der Reichs­filmkammer, die Reichsmusiktage, die Ausstellungen im Hause der deutschen Kunst in München oder die Große deutsche Rundfunkausstellung in Berlin, all­jährlich wiederkehrend, für das gesamte großdeutsche Reichsgebiet bedeuten, das sollen die von den ein­zelnen Gauen, ebenfalls alljährlich wiederkehrend, veranstalteten Gaukulturwochen für das landschaft­lich enger und schärfer begrenzte Teilgebiet inner­halb des großen gemeinsamen Ganzen sein: Rechen­schaftsbericht und Leistungsschau. Und zwar, wie man sogleich hinzufügen muß, nicht auf eine ein­zelne und einzige unter den schönen Künsten bezo­gen, sondern auf alles, was wir unter dem Namen der Kultur zusammenzufassen gewohnt sind. Die all­gemeinen Richtlinien und Grundsätze für unsere Vorstellung vom Wesen, von der Pflege und der Wirkungsmöglichkeit deutscher Kultur sind seit dem Jahre 1933 oft genug und immer wieder bei den verschiedensten Gelegenheiten zusammengefaßt und verkündet worden: sie gelten naturgemäß auch für die kleinen Einzelbezirke, für jeden Gau: die charak­teristische Sonderart aber einer Landschaft wird sich in den Gaukulturwochen im Nahmen jener gro­ßen, heute allgemein verbindlichen Kultur-Grund­sätze zu spiegeln haben.

Es ist an dieser Stelle in den letzten Tagen des öfteren vom Programm der Gaukulturwoche Hessen- Nassau 1939 die Rede gewesen. Wer es, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren, auch nur im Aufriß überflogen hat, wird betroffen gewesen sein von der Fülle dessen, was unser Gau innerhalb einer einzigen Woche an kulturellen Veranstaltungen zu bieten hat, um seinen Beitrag zur allgemeinen Kul­turpflege in Deutschland durch eigene, bodenständige Leistungen zu dokumentieren. Wir denken dabei nicht nur an die an und für sich schon erstaunliche Zahl von insgesamt mehr als vierhundert Veran­staltungen: sie bleibt erstaunlich auch dann, wenn man sie über das gesamte Gaugebiet und über den Zeitraum von sieben Tagen verteilt. Wenn man ins (Änzelne geht und sich vergegenwärtigt, wie in die­ser Woche Theater und Film, Kunst und Wissen­schaft, Musik und Schrifttum und Rundfunk auf­marschieren, Hand iy Hand arbeiten und das Beste geben entschlossen sind, was sie vermögen, so wird man finden, daß die kommenden Tage eine imposante Heerschau kultureller Leistungen in einem räumlich verhältnismäßig eng begrenzten Gebiet in Aussicht stellen.

Hierzu wäre verschiedenes zu bemerken. Dor allem dies, daß die Kulturwoche veranstaltet wird in einer Zeit, in welcher nicht nur der gesamte europäische Raum, dessen Herzmitte von unseren Grenzen um­schlossen wird, sondern nahezu die ganze Welt von einer politischen Aufregung m die andere gestürzt, von nervösen Spannungen und psychologischen Er­schütterungen in Atem gehalten und in beständige Unruhe versetzt wird: ein Blick auf die friedlichen und musischen Bemühungen, denen, hier in unserem nächsten Umkreise, die kommenden Tage gewidmet sind, wird jedermann nicht allein mit gerechtem Stolze, sondern auch mit dem Gefühl tiefer Beruhi­gung und wohlgegründeter innerer Sicherheit er- fiillen.

Lenken wir den Blick, der einen Augenblick über die Grenzen schweifte, wieder zurück ins Innere und Eigene, so wird des weiteren zu bemerken sein, daß die nahezu unübersehbare Vielfalt der Gesichte, wie sie uns in den Vorschauen auf die Veranstal­tungen der Gaukulturwoche angekündigt wurde, durch einen gemeinsamen, großen Leitgedanken zur Einheit zusammengefaßt wird. Dieser Leitgedanke lautet: Rasse und Kultur. Das Thema ist ebenso weitschichtig wie von brennender Aktualität. Wie vielgestaltig die Aufgaben, die Fragen und Problem­stellungen sind, die sich aus dem knappen Leitwort ergeben, konnte man auf der letzten vom Reichs- propaganda-Amt in Frankfurt einberufenen Presse­konferenz ermessen, deren erstes, vom Gaukultur- wart Conrad erstattetes Referat den Veranstal­tungen der kommenden Gaukulturwoche gewidmet war: die lange Reihe der hier aufgezählten Themen für Vorträge, Ausstellungen und Theateraufführun-

gen gab einen Begriff davon, wie vielschichtig und umfassend das Leitmotiv sich darstellt; wie es in nahezu alle Lebensfunktionen hineinspielt, alle kul­turellen Aeußerungen berührt und zur Klärung, Auseinandersetzung und Abgrenzung zwingt. So wird die Gaukulturwoche also unter diesem Leitwort gewissermaßen in der praktischen Kulturpflege und Ausübung die Nutzanwendung dessen zu ziehen haben, was in all den letzten Fahren, theoretisch viel­fältig unterbaut, als einer der Leitsätze im national­sozialistischen Gedankengut aufgestellt und dem Volksbewußtsein eingeprägt worden ist.

Daneben wird es, wie früher, eine der schönsten Aufgaben der Gaukulturwoche sein, in der Folge ihrer Veranstaltungen gerade die heimatlichen, die landschaftlich gebundenen Kräfte frei zu machen, zu Wort und Wirkung kommen zu lassen, und unter ihnen wiederum mit besonderer Liebe und Sorgfalt die jungen, noch unbekannten oder kaum bekannten Kräfte, die in unserem Raume sich regen, nach Er­probung, Entfaltung und Bewährung orangen, auf« zusvüren und nach Verdienst zu würdigen und zu föroern. Diesen AbsicAen wird sowohl die Wahl und Ausgestaltung des Programmes im Einzelnen als auch vor allem die Verleihung des Gaukulturpreises Rechnung tragen, die wiederum, wie beim vorigen Male, der Gauleiter persönlich vornehmen wird.

Wenn man das Programm der kommenden Tage überschaut und sich über eine Veranstaltung wie die Gaukulturwoche einige Gedanken macht, so wird man nicht übersetzen können, daß der damit ver­bundene Plan einer Leistungsschau sich nicht aus­schließlich an die Künstler wendet, nicht allein an die Kulturschaffenden und Kulturträger im weitesten Sinne, sondern m einem mindestens nicht geringe­ren Maße auch an die Kultur-Konsumenten, wenn dieser Ausdruck einmal gestattet sein soll, an das Publikum, an das Volk schlechthin. Es ist in den letzten Jahren aus sehr berufenem Munde immer wieder dargelegt worden, wie auf der innigen Wechselwirkung zwischen Volk und Kunst, zwischen Schaffenden und Empfangenden, die Fundamente unserer neuen deutschen Kulturpolitik und Kultur- gefinnung ruhen; wie der Künstler im luftleeren Raume arbeitet, sofern er nicht die lebendige Be­ziehung zur Gemeinschaft empfindet, aus ihr schafft und gestaltet und immer aufs neue seine besten Kräfte empfängt; wie das Kunstwerk seinen Sinn verliert, wenn es nicht vom Volke gesehen, gehört, ausgenommen und empfangen wird, wenn es nicht im Volke Wurzeln zu schlagen, Kräfte zu lösen, tm Seelenraume zu wirken, zu befreien, zu erschüttern, zu erfreuen vermag. Das find Gedanken, die man nur anzudeuten, nicht auszufpinnen braucht, weil sie so oft und so eindringlich wiederholt worden sind, daß sie längst Allgemeinbesitz aller an der deutschen Kultur innerlich Teilnehmenden geworden sein müssen. Daß die Zahl dieser an den Kulturgütern und an der Kulturübung der Nationinnerlich Teil­nehmenden" mit der Zahl des gesamten Volkes in einem möglichst hohen Grade übereinstimme, ist ein Ziel, dessen Erreichung zu den vornehmsten An­liegen einer Veranstaltung wie der von der Partei ins Leben gerufenen Gaukulturwochen gehört. Des­halb richtet sich der Aufruf zu einer solchen Woche mit nicht geringerer Dringlichkeit an das Volk ins­gesamt als an Die Künstler, die geistig Schaffenden, die Kulturträger und Kulturvermittler im Volke.

Es ist zu hoffen, daß Zielsetzung und Absicht der Gaukulturwoche auch in diesem Sinne weithin ver­standen werden. Wenn man die Kulturfreudigkeit, Aufgeschlossenheit und Empfangsbereitschaft, wie es uns hier am nächsten liegt, in einer immerhin ver­hältnismäßig kleinen Stadt wie Gießen betrachtet, so wird man sich um das ideelle Ergebnis der kom­menden Veranstaltung, um ihre Wirkung in die Breite wie in die Tiefe, kaum Sorgen zu machen brauchen. Wenn man beruflich mit dem kulturellen Leben einer Stadt in dauerndem und engem Kon­takt steht und am Ende eines Winters zurückblickt, wird man mit dem Ergebnis zufrieden fein: es ist eine erstaunliche Fülle kultureller Leistungen hohen Ranges, die da Monat für Monat und Woche für Woche in Theater und Film, an Musik und bilden­der Kunst, an Vorträgen und Dichterabenden, in Funkprogrammen und Ausstellungen vieler Art nickst nur dargeboten, sondern auch besucht und aus­genommen und verarbeitet wird. Es sei nicht ver­gessen, daß die Provinz, das Hinterland mit den kleineren Städten und Landorten ebenfalls rege

und aufgeschlossen an dem teilnimmt, was sich hier bietet, und sich überdies seinerseits selbständig eine bodenständige Kulturpflege auf- und ausgebaut hat.

Man braucht nur einen Blick auf einen beliebigen Halbmonatsspielplan des Stadttheaters zu werfen, um sich klarzumachen, welch eine Unsumme sowohl vorbereitender als auch unmittelbar gestaltender Kul­turarbeit hier allein in der schmalen Spanne von vierzehn Tagen produziert und wie ein weiterer Blick in den Zuschauerraum am Abend ober am Sonntagoormittag erweisen mag auch tatsächlich konsumiert" wird. Es ist auch keine Ueberschätzung und keine Ueberheblichkeit, wenn man bei dieser Gelegenheit feststellt, daß ein Provinztheater wie das unsere, wenn man es recht verstehen will, die Ar­beitsleistung, künstlerische Verantwortlichkeit und die

Ausstrahlungsmöglichkeit mehrerer Berliner Büh- nen in sich vereinigen muß. Achnliche Ueberlegungen ergeben sich, wenn man sich ein gutes Wochenpro­gramm unserer beiden Lichtspielhäuser vornimmt, die in den täglich drei Vorstellungen anzutreffenden Besucherzahlen multipliziert und auf einen größeren Zeitraum und eine breitere Produktionsspanne um­rechnet.

Betrachtungen und Tatbestände dieser Art ließen sich, für andere Kulturgebiete und andere Teile un­seres Gaubereiches, ohne Schwierigkeit vervielfäl-. tigen; sie enthalten, wie uns scheint, die beste Ge­wahr für einen starken und nachhaltigen Erfolg der Gaukulturwoche Hessen-Nassau 1939.

Hans Thyriot.

Das Erlebnis der neuen Grenze.

Von unserem Dr. W. A.-Korrespondenien.

Budapest, April 1939.

Mit dem Zusammenbruch der Tschecho-Slowakei im März 1939 ging der östlichste Teil dieses künst­lichen Staatsgebildes wieder in ungarischen Besitz über. Eine neue Zeit mit neuen Problemen und Hoffnungen hat für das geheimnisvolle abge­legene Waldland der K a r p a t tz o - U t r a i n e be­gonnen, die so plötzlich fast in den Mittelpunkt des weltpolitischen Interesses gerückt schien. Wie es dort jetzt aussieht, soll hier in mehreren Berichten ge­schildert werden. Die letzte ungarische Bahnstation vor der polnischen Grenze Kisszolyoa, ist kein eigent­licher Ort und kein Dorf, sondern etwas oberhalb des kleinen Bahnhofs stehen nur wenige Häuser für Beamte und ein größerer zweistöckiger Steinbau als Kaserne für die Grenzwachen. Hier hält der Zug vor einem 1700 Meter langen Tunnel, und in der Mitte des Berges verläuft die neue ungarisch- polnische Grenze, die gleichzettig auch oben auf dem Kamm markiert ist. Dort stehen noch die alten polnisch.tschechischen Grenzsteine. Das Verwetten an einer Landesgrenze ist eigentlich immer ein Erlebnis eigener Art. Da steht man auf einem fast tausend Meter hohen Berge auf einem kleinen weißen Stein, der die Wappen oder An­fangsbuchstaben zweier Staaten trägt Man ist bis­lang Tage und Wochen lang gewandert durch Wäl­der und Felder, über Berge und an Flüssen ent­lang, ohne das mindeste Bewußtsein von einer Grenze zu haben, von der kommenden Möglich- teit eines ,^Halt!" undNicht weiter!". Auf einmal verkündet eine Reihe weithin verstreuter Steine in einer Waldlichtung mitten auf einem Bergkamm, daß es nicht mehr weiter geht. Man schaut nach Norden: dort liegt Polen. Man dreht sich um, und blickt nach Ungarn. Der unvoreingenommene Wanderer spürt gar keine Grenze. Vor ihm liegen Berge, hinter ihm türmen sich Berge auf, Aum Teil noch schneebedeckt. Ein Spaziergang zwischen den weißen Steinen auf dem Berg kämm entlang nach Osten und nach Westen führt dann allmählich vom unbewußten Erlebnis zu der nüchternen Erwägung: Ungarn ist größer geworden unb grenzt an Polen.

Verkohlte Holzreste zeugen von Lager- und Freu- denfeuern, die hier vor kurzem bei der Grenzfest­setzung brannten, als der ungarische Honv^d-Offi- zier und der Kommandant der polnischen Grenz­wache den Bruderkuß tauschten. Umgekippte Stan­gen mit vergilbten rotweißgrünen Papierfähnchen sind die letzten Zeugen dieser stürmischen Feiern. Jetzt liegt die Grenze oberhalb des Latorcsa-Flusses einsam und verlassen da. Nur ein ganz kleines Feuer glimmte ein wenig abseits von dem Paß- weg. Das Lagerfeuer eines polnischen oder unga­rischen Soldaten? Als wir von unserem Spazier­gang zurückkamen, schürte ein Wanderer das Feuer, ein junger ungarischer Schüler, das graugrüne Käppi mit dem leuchtenden ungarischen Wappen keck auf dem Kopf tragend. Vor dem großen Grenz­stein aber saßen zwei Mädchen. Die eine an­dachtsvoll die Hände im Schoß haltend, während die andere gerade aufstand, als ich aus dem Walde auf die Lichtung trat. Ich hatte schon vorher zwi­schen den Baumstämmen hindurch bemerkt: sie kniete vor dem Stein und hatte ihn mit beiden Armen umfangen. Ist diese gewissermaßen symbolische Handlung einer jungen Ungarin aus Salgotarjau

im nördlichsten Teil des ehemaligen Rumpfungarns schlechthin als das Grenzerlebnis der un­garischen Jugend überhaupt anzusprechen? Es ist das heiße Bestreben der ungarischen Regierung, daß es so sein möchte. Jedoch, die magyarische Jugend hat sich immer noch nicht in einem einigen« den, nationalen Erleben gefunden. Und das hat seinen guten Grund: Vieles, was die Jugend will, widerstrebt den Ansichten der alten Magyaren.

In vielen Städten und kleinen Dörfern, nicht nur in den vorwiegend magyarischen Gemeinden, die übrigens nur einen verschwindend kleinen Bruchteil der Bevölkerung in der Karpatho-Ukraine aus­machen, sondern auch von den Deutschen und von den Ruchenen sind die Ungarn bei ihrem Einmarsch mit ehrlichem Wohlwollen empfangen worden. Denn der materielle Druck unter den Tschechen hatte jede wirtschaftliche Entwicklung abgeschnürt, und es war für viele Tausende gelernter Arbeiter

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unmöglich, sich das tägliche Brot zu verdienen. Vor­wiegend die alten Leute in der Karpatho-Ukraine, die sich noch an die Zeiten vor dem Kriege er­innern, malten sich und den Jungen wieder jene Zeiten aus, wo es ihnen unter der österreichischen ungarischen Staatsobrigkeit wirtschaftlich und kul­turell ausgezeichnet ging. Die traurigen Nachkriegs- jahre ließen überdies die Vergangenheit in einem noch rosigeren Licht erscheinen. Wird Ungarn nun wenigstens einen Teil dieser Hoffnungen erfüllen können? Das ist jetzt schon überall zu einer bangen Frage geworden, in den Städten und in den Ge­birgsdörfern. Augenblicklich werden die Waldkar- ictthen immer noch militärisch verwaltet. Die Uni- ormen der Soldaten, der Landjäger und der Buda- lester Polizisten beherrschen das Bild. Die ungari« chen Beamten müssen sich erst mit ihrem neuen Aufgabenkreis bekannt machen, und das ist ange­sichts der Vielsprachigkeit unter der Bevölkerung keineswegs so einfach. Die' Karpatho-Ukrainer wis­sen sehr wohl, daß dies alles seine Zett kostet.

Inzwischen ist aber in den letzten vier Wochen die Arbeitslosigkeit immer größer ge­worden. Besonders groß ist das Elend jener, die in irgendeiner Weise alstschechisch v o r b e - l a st e t" galten. Sie sind vollkommen mittellos, haben keine Beschäftigung und müssen im Lande bleiben. Man hofft aber immer noch, obwohl sich mittlerweile die Erkenntnis Bahn bricht, daß das Ungarn von heute ja nicht mehr das Vorkriegs- Ungarn ist. Damals war es die Freiheit, eine un­ausgesprochene Autonomie gewissermaßen, in der sie lebten. Man kannte weder wirtschaftliche noch kul­turelle Sorgen. Man hatte ausreichend zum Leben und durfte sich seiner slowakischen, ruthenischen oder deutschen Volkszugehörigkeit ohne irgendwelche bangen Fragestellungen bewußt sein. Man gehörte damals einem großen und starken Reiche an, das im Rahmen seiner großen Politik die kulturellen Probleme der Minderheiten großzügig behandeln konnte. Nicht ohne Sorgen sehen die Ruthenen in den Waldkarpathen jetzt einer Lösung dieser Pro-

Die Tänzerin und die Korallenkette.

Von Anton Schnack

Gina heiße ich, Gina die Tänzerin. Aber ich fürchte mich, vor den Matrosen aus Korinth und den reichen Schwammhändlern aus Rhodos heute abend in der Kneipe zu denDrei Orangenbäumen" aufzutreten, wenn ich nicht meine Korallenkette finde. Oh dieses Durcheinander in meinem Zimmer. Immer lag sie in dem kleinen Nähkorb zwischen blauen und grünen Wollfäden, getrockneten Rosen­blättern und Lavendelzweigen, zwischen Spangen, Nadeln und dem silbernen Fingerhut, den mir Onario, der Segelflicker, geschenkt hat. Wo und wie­viel ich auch suche, ich finde die Korallen nicht da liegt meine Kette aus geschliffenem Glas, dort eine andere aus gefärbtem Holz, hier hat sich eine Sandale aus rotem Ziegenleder am unrechten Ort eingenistet, nichts, überall nichts, auch unter den Schleiern aus Gaze liegt sie nicht.

Meine Freundin Tispe, die das Tamburin schlägt, sagt zwar immer: es ist doch gleich, Gina, welche Kette du um den Hals trägst, die Kelle aus schwar­zem Jett ober das grüne Nevhritherz an seidenem Faden. Aber Tispe mit ihren flatterhaften Gedanken und ihrem Kindergeschwätz hat weder modischen Ge­schmack noch Empfinden für die inneren Geheim­nisse der Dinge: auch schminkt sie sich schlecht und ungenau, nie ist ihr Haar in Ordnung und ihre Sandalen haben schon längst den milden Lederglanz verloren und sehen grau und ungepflegt aus. Wenn fie den wohlriechenden syrischen Balsam braucht, so schleicht sie sich an meinen Salbentisch und stiehlt einige Fingerspitzen davon aus meinen Flaschen. Wahrscheinlich hat sie sich auch meine Korallenkette um den Hals gelegt und geht jetzt, um Aussehen zu erregen, damit geschmückt auf dem Fischmarkt und vor den Garküchen herum.

So wahr ich Gina heiße und aus St. Pietra auf Sardinien stamme, ich kann dieses Benehmen von Tispe nimmermehr dulden. Tispe ist nicht nur un­wissend und haltlos, fie leidet auch an Schwindsucht und müßte in die Luft der piemontesischen Berge, anstatt den beißenden Staub des Marktes und der rauchigen Kneipen einzuatmen. Es ist mir nicht recht, daß fie meine Korallenkette angelegt hat; beim ber alte Weise und Götterehren verdienende Plato hat ber Koralle eine innige und merkwürdige Ver­bindung mit ber Natur nachgerühmt, indem er be­hauptete, die makelloseste rote Koralle würde nach

kurzer Zeit blaß, wenn die Trägerin erkranke oder an einer Krankheit leide. \

Ich befürchte also, Tispe bringt mir meine purpur­rote Kette verblaßt und mattgeworden zurück, und bis sie sich auf meiner gesunden und schneeigen Haut wieder erholt und im allen satten Glanze leuchtet, braucht sie längere Zeit. Ihr könnt es glauben, es ist so! Probiert es selbst aus! Nach geraumer Zeit werden die blaßgewordenen Korallenstücke bei mir wieder rot und brennend wie das Fleisch meiner Lippen, die zu küßen die Sehnsucht des Onario ist, des mit Schiffen und Ankern tätowierten Segel­flickers. Wegen dieser Begierde hat er mir am Feste berQuattro Allari" einen silbernen Fingerhut ge­schenkt und sich einen Kuß dafür ausgebeten, aber er hat diesen Kuß immer noch nicht erhalten, so sehr er auch danach schmachtet.

Weh mir, wenn ich die Kette aus Korallen nicht mehr finde oder wenn sie mir von Tispe auf ihrem Schlendrian verloren wurde! Ich wäre diesem ver­wegenen und hitzigen Onario ausgeliefert. Ohne meine Korallenkette um den Hals, könnte ich wcchr- scheinlich dem zähnezeigenden Segelflicker nicht widerstehen und müßte seine Liebkosungen über mich ergehen lasten. Korallen aber, das hat mir meine Mutter auf ihrem Sterbebett gesagt, sind das Amulett der Tänzerinnen. Sie sollen vor allem schützend auf die Füße wirken, mit denen ich meine zierlichen oder wilden Sprünge ausführe und die schnellen Wirbel drehe, daß mir die blauen und gelben Gazeschleier gleich einem kreiselnden Reifen um die Hüften stehen. Auch die andere Mahnung meiner Mutter habe ich noch im Gedächtnis: meine Tochter, sagte sie, trage diese Korallenkette und sie wird dir behilflich fein, deine Tugend zu bewahren und sonstige Versuchungen von dir abwehren.

Meine selige Mutter hatte recht, Versuchungen sind zahlreich, nicht nur durch Onario, auch von dem dicken und reichen Olioenhändler Antinw, der über seiner Brust eine Kette aus purem Gold trägt. Herrlich funkelt sie, und dazu glimmen die großen Edelsteine seiner Fingerringe, wenn das auf­flackernde Licht der Bühnenlampen darauffällt. Ich Unglückliche, die seinen Beifall und seine Teilnahme gefunden hat! Wenn er mich zu Wein aus Orvieto und zu gefüllten Kuchen an den Tisch zu sich bittet, erhebt sich im rauchigen Hintergründe der wind- gebeizte und muskelspannende Onario und steht wie eine Steinsäule dabei, nur seine schwarzen, weit- aufgeristenen Augen verraten Eifersucht und Unheil.

Meine Kette, wo bist du? Wenn ich sie nach dem Tanze durch meine Finger gleiten ließ, stiegen mir

mannigfache Erinnerungen an die Küste von St. Pietra auf. Ich, die Tochter des bei einem fahlen Schirokkosturm ertrunkenen Fischers Sandonin, weiß von der Koralle, daß sie von einem winzigen Tiere verursacht ist, dem Korallenpolypen, der an ber felsigen Küste meiner sardinischen Heimat, unten in der Tiefe des Meeres, wo es nächtlich und fast unbeweglich ist, wunderbare Aeste wachsen läßt, die den Aesten kleiner Sträucher ähnlich sind. Damals, als das Korallengeäst von dem schweren, über den Grund schleifenden Schleppnetz meines Vaters er» faßt wurde, brachte man gleichzeitig einen mufchel- bewachfenen Zweihenkelkrug, mit einer gescheiterten griechischen Galeere auf den Grund gesunken, an die Oberfläche.

Ich liebe die von meinem Vater gefundenen und mir geschenkten Korallen mehr als die Ketten aus Achat, Jett, Bernstein und gefärbtem Holz. Wenn ich die Korallen trage, fühle ich auf meiner Haut die gleitende und schmeichlerische Bewegung des Meerwasters. In ihnen lebt noch die zitternde Be- roegung der schönen Goldbraste, die um das Koral­lengeäst auf und nieder schwamm und im Nacht- grün der liefe mit den weichen Flossen den Koral- lenstrauch zum Zittern brachte. Wo die Koralle wuchs, war bei Abendröten das Meer besonders purpurfarbig und feuerbrandig und Tropfen dieser Lichtröte wurden immer feiner und geläuterter, je tiefer sie hinunter ins Master sanken, um schließlich vom Korallenstrauch aufgesaugt und gesammelt zu werden.

Und nach langer Verwandlung kamen die fest- gewordenen Lichttropfen der Abendröte aus ber undurchdringlichen Nacht ber Meerestiefe wieder an die Oberfläche, und nun sind sie zierlich und leuch­tend um meinen weißen Hals gelegt. Heute abend hatte ich etwas Besonderes mit den Korallen vor. Ich wollte zwischen die einzelnen Kettenglieder winzige silberne Glöckchen hängen. Der Klang hätte bei jedem hupfenden Schritt und bei jeder schnellen Bewegung getont und dem Ohr der Matrosen und der anderen Zuschauer wohlgefällig geläutet und geflirrt.

0 Tispe, leichtsinnige und herzlose Freundin, endlich bist du da! Gib mir meine Korallenkette wieder! Mit ihr geschmückt können die fette Begehr- lichkeit des Olwenhändlers Antimo und die wilde Eifersucht des Segelflickers Onario mir nichts an- haben und man wird mir Rosen und Veilchen- sttäuße in den ausgebreiteten Schleier werfen und mich mit ungestümem Beifall überschütten: denn die Glöckchen an der Kette werden wie eix Schwal- benchor in den Lüsten singen.

Ein Minnesänger wurde ausgegraben.

Die in der Kölner Kirche 6L Severin durchge­führten Ausgrabungen haben vor nicht langer Zeit wieder zu rin em bedeutenden Funde geführt. Es Murde ein Plattengrab aus der fränkischen Zeit, etwa aus dem 6. Jahrhundert, geöffnet, in dem man das Skelett eines fränkischen jungen Mannes sand, der in der Höhe der Brust eine Harfe in der Hand trägt. Da man bisher Harfen in Gräbern aus dieser Zrit nur in einem einzigen Falle, in einem alemannischen Grab in Württemberg, ge­funden hat, ist dieser Fund besonders bemerkens­wert. Die Saiten lasten sich noch als Staubfäden erkennen. An den Händen trägt der Tote lederne Sttllpen, feine Füße find mit Sandalen bekleidet, und auf der SchÄter befanden sich noch Reste eines Brokatstoffes. Es ist noch nicht sicher, was man von dem Inhalt des Grabes wird bergen können. Man will zunächst durch Präparattonsmittel die Funde, die in eine dicke Staubschicht eingebettet sind, verfestigen. Der Leiter des Kölner Museums für Dor- und Frühgeschichte will den Eingeweide- staub des Skeletts chemisch untersuchen, um die Speisen festzustellen, die der Tote zu sich genom- men hat und dadurch Rückschlüsse auf die fränkische Ernährung zu ziehen.

Zeitschriften.

Der Dank an die deutsche Mutter, der am diesjährigen Muttertage in der Verleihung des Ehrenkreuzes ber deutschen Mutter" feinen Aus­druck findet, steht im Vordergründe des Macheftes der ZettschriftNeues Volk", Blätter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. Der Na­tionale Feiertag des deutschen Volkes, die Heimkehr von Böhmen und Mähren und des Memellandes ins Reich, die soziale Aufbauarbeit des Gaues Kärnten sind die Themen weiterer Beiträge. Alte deutsche Handwerkskultur und bodenverwurzeltes Bauerntum zeigen die reichbebilderten Seiten, die von einem Bäckergeschlecht mit ber Trabition von zehn Generationen und einem Bauerngeschlecht be­richten, bas fast sechs Jahrhunderte auf seinem angestammten Hof sitzt. Ein ArtikelFrauen, die nicht Mütter werden dürfen", macht mit abschrecken­den Bildern von geistes- und erbkranken Frauen die Notwendigkett der Nachwuchsauslese deutlich- Ein BeitragDer Traum ift aus", ber antijüdische Karikaturen aus einer Zeitschrift der Jahrhundert­wende bringt, ist uns dank der nationalsozialistischen Rassenpolitik nur noch eine Nacherinneruna an em Problem, das einsichtige Volksgenossen früher schon erfannten.