Nr. 105 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
H./7. Mi 1939
Aus der Wett des Films.
Nischen in das des Geistigen übergehen, Hier hört der Derordnungslveg auf. Der Reichsminister hat die bisherigen Bestrebungen um einen brauchbaren Unterrichtsfilm in eindr „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm" mit dem Sitz in Berlin zusammengefaßt. Dieser wie ihren Unterorganisationen ist es zu danken, daß die Belieferung der Schulen mit Filmen bisher sich ziemlich reibungslos abgespielt hat, wenn auch hier noch der Brauch herrscht, daß die jeweils angeforderten Filme eine Woche der Schule zur Verfügung stehen. Bei rechtzeitiger Vorbestellung ließ es sich im letzten Jahr sogar schon erreichen, daß der gewünschte Film auch in der Woche zur Stelle war, in der er im Unterricht verwendet werden konnte. Damit ist man dem erstrebten Zustand bereits recht nahe gekommen. Man sieht also, das rein organisatorische läßt sich trotz hier schon einfließender menschlicher Schwächen bis zu einem gewissen Grade der Vervollkommnung erreichen.
Gegenstand besonderer Sorge wird hingegen immer der Inhalt der Filme bleiben. Hier geht
es dem Unterrichtsfilm nicht anders als dem Spielfilm, seinem großen Bruder, und Nicht anders als dem kulturellen Leben einer Nation überhaupt. Jede Befehlsgewalt hört hier auf, man muß der gebietenden Stunde gehorchen. Natürlich will der Unterrichtsfilm nicht solche Ansprüche stellen wie das Kunstleben, aber er hat doch zweifellos das Recht auf Forderungen in dieser Richtung. Allerdings .mit dem Unterschiede, daß seine Diener sich nicht in tatenlosem Warten verzehren, sondern in leidenschaftlichem Bemühen nach Vervollkommnung trachten.
Die verflossenen fünf Jahre ^eichsuntervichtsfilm haben im allgemeinen die schon vorher gewonnenen Erkenntniswerte bestätigt. Der Film als Laufbild dient seinem Wesen nach in erster Linie zur Wiedergabe von Bewegungsvorgängen. Deshalb zieht die Biologie als das Unterrichtsfach vom bewegten Leben den Hauptnutzen aus dem Film. Dies zeigt sich nicht nur rein äußerlich in der großen Zahl von Filmen, welche die Reichsstelle auf diesem Gebiet hervorgebracht hat, sie sind auch tat-
Sin Paradies der Kauen.
Besuch bei der Kostümberaterin im Filmatelier.
In einem Film, der in einem historischen Milieu spielt, wie der Tobis-Film „Robert und Bertram", den Hans H. Zerlett nach der bekannten Posse von Gustav Rae- der jetzt dreht, erhält die Arbeit der Kostüm- 6ernte rin eine besondere Bedeutung. Für diesen Film hat Professor Paul Scheurich die Kostüme entworfen, und Mia Pommer- P e h l, die auch von vielen Bühnen her als Kostümzeichnerin bekannt ist, hat sie nach seinen Skizzen ausgeführt. Wir hatten Gelegenheit, die Künstlerin bei ihrer Tätigkeit im Atelier zu beobachten und uns von ihren Erfahrungen erzählen zu lassen.
Wenn die Kinobesucherinnen bei „Robert und Bertram" ihr besonderes Augenmerk auf die Kostüme richten und ihr Helles Entzücken daran haben werden, so werden sie nur eins bedauern: daß es fein Farbenfilm ist. In Farben nehmen sich diese Kostüme nämlich noch viel prächtiger aus; das haben wir mit eigenen Augen gesehen. Wozu braucht man denn eigentlich Farben, wenn sie doch nicht zur Geltung kommen, könnte vielleicht eine Leserin fragen. Nun, da kann man antworten, daß einmal die Farben schon so gewählt werden, daß sie auch im Schwarz-Weiß der Leinwand unterschiedlich wirken, und dann gibt es noch einen viel gewichtigeren Grund gegen Farblosigkeit der Filmkostüme. Paul Wegener hat nämlich in seiner Anfangszeit als Regisseur auch einmal das Experiment gemacht, alle Schauspieler und alle Dekorationen nur in Schwarz-Weiß aufzunehmen, weil er sich sagte, daß der Film ja auch nur schwarz-weiß zeigte. Und was war das Ergebnis? Diese Eintönigkeit beeinträchtigte die Stimmung der Mitwirkenoen derart, daß man schleunigst wieder davon Abstand nahm. Aus demselben Grunde haben wir auch heute noch im Atelier alles in Farben. Aber auch in Schwarz- Weiß werden diese Kostüme sehr gefallen.
Mia Pommer-Pehl zeigte uns Scheu - richs Skizzen und ihre Entwürfe, und dann die fertigen Gebilde, die beider Phantasie schuf. Dazu führt sie uns in einen großen Raum im Keller der Atelierhallen, in dem man sich wie im Paradies der Frauen vorkommt, es ist ein Saal, in dem die Kostüme hängen, wie in einem großen Modenhaus. Sie holt das eine und andere hervor, das ihr besonders schön dünkt; uns kommen sie alle prächtig vor, und wenn man die Wahl hätte, sich eins auszusuchen, wüßte man kaum, welches man nehmen sollte.
„Ich habe auch darauf verzichtet, die Kostüme einfach auszulekhen", erzählt Mia Pommer-Pehl. „So wie die Solisten und Solistinnen, so habe ich auch jeden Komparsen und jede Komparsin für sich eingekleidet; jede hat ihr besonderes Kostüm, das zu ihrem Typ paßt. Ja, man muß an alles denken, aber wenn man mit Liebe bei der Sache ist, lohnt die Mühe sich auch, und die Arbeit findet Anerkennung. Das ist meine Freude."
Auf einem Regal sehen wir — Korsetts!
„Auch die gehören zu den Kostümen. Die Damen müssen geschnürt werden, sonst wirken sie auch im stilechtesten Kostüm nicht wie Damen von damals." Da gilt es also, für die Aufnahmen mal wieder in solch sonst unbekanntes Marterinstrument zu schlüpfen.
„Auch die entsprechenden Schuhe müssen dazu getragen werden, sonst erzielt man nicht den Gang, der für die Zeiten von damals charakteristisch ist."
Wir schwelgen noch etwas im Anblick der vielen, bunten, kostbaren Kostüme, denen die zahlreichen Mitwirkenden des Films Leben geben. Und eine Frage drängt sich auf, die nahe liegt: Ist nun die ganze Arbeit, die im Entwerfen der Kostüme und ihrer Ausführung liegt, hinfällig, wenn der Film zu Ende ist, und was geschieht dann mit all diesen Kostümen?
„Das wäre doch zu große Verschwendung. Nein, die Kostüme kommen dann in den sogenannten ,Fundus^ zur Aufbewahrung. Sie werden dort später mal in einem anderen Film wieder Verwendung finden können, vielleicht ein wenig ab- gewandelt. Wenn ich zum Beispiel eine etwas andere Zeit habe, dann würde dies Kostüm" — sie greift eins heraus — „so abgewandelt werden. Der untere Aermel weg, die Taille so gerafft", und schon hat unter ihren geschickten Händen das Kleid einen ganz anderen Charakter bekommen.
Als wir wieder nach oben steigen, ist schon von allen Seiten nach ihr gefragt worden.
„Die Rechnungen von der Firma ... sind gekommen."
„Fräulein Carla Rust möchte wissen, ob ..." — „Fräulein Ursula De inert bittet Sie, bei der Anprobe ..." — „Herr Rudi Godden läßt fragen ..."
Ja, Kostümberaterin ist ein Beruf, zu dem man nicht nur Künstlerin fein muß, sondern auch in vielen praktischen Dingen Bescheid wissen muß. Denken Sie auch an diese Arbeit, wenn ihre Schöpfungen auf der Leinwand vorüberziehen ... fb.
Fünf Jahre Unterrichtsfilm.
Don Or. Hermann Oreyhaus.
Der Gedanke, den Film, d. h. das Laufbild, als Lehrmittel im Unterricht zu verwenden, hat die Lehrerschaft bewegt, so lange es überhaupt Filme gibt. Sie war darauf vorbereitet durch den Gebrauch des Stehbildes, das sich bereits einen gesicherten Platz unter den Anschauungsmitteln erobert hatte. Die technischen Voraussetzungen für dieses waren verhältnismäßig einfach sowohl hinsichtlich Herstellung wie Vorführung. Auf beiden Gebieten stellte der Film höhere Ansprüche. Don den Pionieren der Unterrichtsfilmbewegung wurden sie aber in allen Kulturstaaten gemeistert. Es bildete sich eine Internationale Lehrfilmkammer. Diese konnte Anfang 1934 auf einem Kongreß in Rom vier Leitsätze für die Benutzung des Films im Unterricht aufstellen, deren Gültigkeit man auch heute noch uneingeschränkt anerkennen kann. Die pädagogische Aufgabe war damit klar umriffen. Für ihre praktische Durchführung im Deutschen Reich wurde es von einschneidender Bedeutung, daß der Reichsunterrichtsminister vor fünf Jahren einen Erlaß über „Unterrichtsfilm und amtliche Bildstellen" herausgab, die feinen Willen bekundete, „dem Film ohne Verzögerung in der Schule die Stellung zu schaffen, die ihm gebührt." Fünf Jahre sind natürlich nur ein bescheidener Zeitabschnitt. Trotzdem lohnt cs sich, eine kurze Rückschau zu halten und die Frage nach der Berechtigung des Films als Lehr- und Lernmittel zu überprüfen.
Die vorstehenden Zeilen deuten schon an, daß im wesentlichen technische Voraussetzungen erfüllt werden mußten, um das Wollen einer einsatzbereiten Lehrerschaft, die selbstverständlich zunächst in der Gesamtlehrerschaft noch eine Minderheit darstellte, zum Vollbringen zu führen. Die Schaffung dieser technischen Voraussetzungen kann man als vollauf geglückt ansehen. Die Einführung des sogenannten Lehrmittelbeitrages für jeden Schüler in Höhe von 20 Rpf. für das Vierteljahr hat der Herstellung von Unterrichtsfilmen eine gesunde wirtschaftliche Grundlage gegeben. Dadurch war die Industrie in der Lage, Vorführungsapparate von höchster Leistungsfähigkeit und doch möglichst einfachen Bedienunasansprüchen zu schaffen. Im ganzen kann man sagen, daß sie diese Bedingungen erfüllt hat, und sogar in verhältnismäßig kurzer Zeit. Sie trug dabei mit viel Verständnis den Anforderungen Rechnung, welche die Schule mit ihren kleinen Vorführungsräumen und ihren unterrichtlichen Absichten stellen muß. Hierbei darf bemerkt werden, daß die Raumverhältnisfe der Schule nur den Schmalfilm gestatten. Die unterrichtlichen Erfordernisse dulden aber nicht, wie die erwähnten Leitsätze des Kongresses in Rom mit Recht betonen, daß der Schüler den Film passiv oder als Unterhaltung hinnimmt. Im Gegenteil, alle Möglichkeiten eines gesunden Arbeitsunterrichtes Müssen von Seiten des Lehrers wie des Schülers ausgeschöpft werden.
Die Herstellung eines den wichtigsten Ansprüchen genügenden Apparates war die Grundvoraussetzung zur Durchsetzung der ministeriellen Anordnung. Sie Farm in der Hauptsache als gelöst betrachtet werden, auch hinsichtlich der Anzahl der zur Verfügung stehenden Apparate. Große Schulsysteme haben jetzt mindestens einen eigenen Apparat, manche aber auch schon zwei. Das bedeutet einen ungeheuren Fortschritt gegenüber den ersten Jahren, wo der Apparat wochenweise von einer Schule zur anderen wandern mußte. Jetzt kann er schon planmäßig eingesetzt werden, und damit nähert er sich der Erfüllung seiner eigentlichen Aufgaben. Natürlich nur dann, wenn die gewünschten Filme zur Stelle sind. _
Damit wird der Punkt berührt, wo die Frage des Unterrichtsfilms aus dem Gebiet des rein Tech
Zug der Masken.
Don N H. Düwett.
Vor 25 Jahren kam Emil I a n n i n g s zum ersten Male mit dem Film in Berührung. An seinem Jubiläumstage wurde dem Staatsschauspieler kürzlich in Berlin eine ehrende Feier bereitet.
Als ganz junger Mensch, mit einer wilden Besessenheit für die Kunst des Theaters im Herzen, l)at Emil Jannings einmal Friedrich Mitte r w u r z e r spielen sehen. Dies wurde dem Koaben zur Bestimmung. Ein Freund des Schauspielers hat es ausgezeichnet: „Hier wuchs zum erstenmal das große Erlebnis der Sprache, die nicht allein aus klingenden Worten besteht, sondern die der Ausdruck der Leidenschaft ist, die einen heldischen Menschen auf die Bühne stellt, die das Schicksal in die Faust nimmt, daß es uns graust, daß wir den Blick dieses Entfesielten nicht zu ertragen wissen. — Dies alles geschah einem Knaben hier durch Mitterwurzer." Später dann hat der reife Schauspieler an einem stillen Abend am Wolf- gang-See, wo sein Landhaus steht, erschüttert die Worte eines Dichters über Mitterwurzer gelesen, wie hier der Schauspieler verglichen wird mit dem , von innen glühenden Salamander, der einen undurchdringlich fremden Blick hat, weil er im Feuer wohnt.
So ist auch Jannings. Ein rätselhafter Zauberer. Wenn wir heute auf fünfundzwanzig Jahre seiner Arbeit für den Film zurückblicken, so taucht ein unendlich langer Zug von Gestalten auf. Was war dieser Mann alles! König und Bettler, Treibender und Getriebener, Verlorener und Erlöster, Mensch aus der Masse und Mann auf der Höhe des Lebens, Rummelathlet und Kammersänger, General und letzter Mann, Irrsinniger und Weiser, Verbrennender und großes Licht, Ruhe und Stärke, kleiner Professor und großer Wirtschaftsführer, gütig und böse, Schalksnarr und strömende Heiterkeit. Er war der preußische Soldatenkönig und der russische General, er war der Jndustriemagnat und der kleine Oberlehrer. Er war es alles ganz. In einem verschollenen Buch über Jannings ist folgendes zu lesen: „Die Vielfältigkeit der Gesichter ergab in Amerika ganz von selbst die Veranstaltung iber verschiedensten Jannings-Wochen: zwölf seiner | «berühmtesten deutschen und amerikanischen Filme J «legten drei Wochen lang dem Publikum zwei Preisfragen vor: Ob der Star 'ein besseres Werk in 'Europa ober in Amerika geschaffen habe, sodann:
Welche seiner Charakterlichkeiten überhaupt die beste sei, und warum. Die Zahl der Einsendungen war Legion. Aller unterschiedlichen Gesichter Gemeinsames bei Jannings ist: Mensch und Menschlichkeit, heißt: unendliche Skala aller Leidenschaften. Ihre Ausstrahlung gibt unendliche Liebe."
Hier wird das Geheimnis von Emil Jannings im tiefsten berührt. Hinter seiner Kunst steht die volle Kraft einer großen menschlichen Persönlichkeit. Was er spielt, füllt er ganz aus. Ehe Jannings an eine Filmarbeit geht, hat er lange das Werk mit sich herumgetragen. Das ist immer ein unendlich mühevoller Weg bis zur Gestaltung. Wenn er jetzt, im fünfundzwanzigften Jahre seines Schaffens, unter der Spielleitung feines Regisseurs und Freundes Steinhoff den berühmten Arzt Robert Koch spielen wird, so ist diese Dreharbeit geboren aus einem langen und harten Ringen um die Gestalt. Schon im vorigen Jahr sollte dieser Film gedreht werden. Ein Sommer und ein Winter ist darüber hingegangen, und nun endlich hat Jannings das Bild bis zur letzten Reise in sich ausgetragen. Mit solcher Unbedingtheit hat Emil Jannings diese zweieinhalb Jahrzehnte lang, von Aufgabe zu Aufgabe wachsend, sich zur Reife von heute entwickelt. Aus diesem Schauspieler leuchtet die klare Menschlichkeit. Aus seinem Gesicht wetterleuchtet das Leben. Darum ist der Zug seiner Masken so eindrucksvoll. Sie dienen dem Leben, weil sie aus dem Leben gestaltet sind. Sein eigenes Wort mag hier stehen: „So sonderbar es bei einem Schauspieler klingen mag, dem man nachsagt, daß er Masken zu machen 'wisse: ich hasse die Schminke. Nichts ist mir so zuwider, als das Uedertünchen der Natur, nichts stößt mich mehr ab, als vorgetäuschte Individualität."
In diesen fünfundzwanzig Jahren find viele Gesichter aufgetaucht und wieder verschwunden. Es hat Stilrichtungen aller Art gegeben — im Film und auf der Bühne, der stumme Film wurde vom Tonfilm überflügelt: der Erscheinung dieses großen Menschendarstellers hat das alles nichts geschadet. Denn er blieb immer ein Darsteller des Menschen. Auf eine Frage, welche Rolle Emil Jannings am meisten gegeben habe, sagte der Schauspieler mit verwundertem Blick: „Ich habe alle meine Gestalten gleich lieb gehabt. Und natürlich ist mir immer wieder die Rolle die liebste, die ich gerade spiele." Das sagt genug über den Mann und sein Werk aus: er steht immer mitten drin in seiner Arbeit. Für ihn gibt es keine Stile und keine Kunstrichtungen. Emil Jannings hat nach seinen eigenen Worten immer darauf gesehen, daß „zweimal zwei gleich
vier ist". Mit dieser Gradlinigkeit ist er zu der überragenden Persönlichkeit unter den Schauspielern geworden und mit dem Begriff des deutschen Films verschmolzen.
Tierfilm und Knochenbrüche.
Toni Altenberger erzählt.
Toni Attenberger, der bekannte Tierfilmregisseur, hat seinen neuesten Tierfilm fertiggestellt. Wir haben uns mit Toni Altenberger über seine fast,30jährige Arbeit am Tierfilm unterhalten. Es kam ihm nie darauf an, nur das schöne Tierphoto zu erreichen, sondern das Wesen des Tieres im Film festzuhalten und es dem Menschen zu zeigen, damit er wahrhaft ein Freund des Tieres werde. Freundschaft für das Tier zu wecken — das war das Ziel aller feiner Filme.
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Wie er zum Tierfilm kam — haben wir ihn gefragt. Der beste und liebste Spielgefährte des kleinen Toni war ein Lamm, das sein Vater in München, wo Attenberger geboren ist und auch seine Jugend verlebte, hielt. Eines Tages ging er zum Dorf- polizisten und verklagte seinen Vater, weil er das Lamm geschlachtet hatte. Die Liebe zum Tier war schon in dem Knaben tief getroffen. Es war das entscheidende Erlebnis. Die Liebe zum Tier bestimmte seine Lebensarbeit — er wurde der beredteste Anwalt des Tieres. Zahllos sind die Erlebnisse, die er mit Tieren hatte. 21 Knochenbrüche und kaum eine heile Stelle am Körper — das ist das Ergebnis der 27jährigen Tierfilmarbeit. „Und dennoch bin ich" — so betont er — „der alte Freund des Tieres geblieben." Er darf sich rühmen, die seltensten Tieraufnahmen gemacht zu haben, die je einem Menschen gelungen sind.
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Geduld und Energie — das sind die Voraussetzungen für jede Beschäftigung mit dem Tier. Nie hat Attenberger eine Aufnahme gestellt, und wenn er einmal irgendwo ein wenig nur nachzuhelfen versuchte, ging es meistens sehr übel aus. So erzählt er uns ein Erlebnis mit einer Schlange, die ihm drei Rippen zerdrückte. Die Schlange sollte in einem Spielfilm eingesetzt werden. Nach dem Filmmanuskript hatte die Schlange die Aufgabe, im Zimmer einer Villa auf eine Darstellerin loszukriechen, die dann vor Angst aus dem Fenster springen mußte. Die Darstellerin zitterte schon an ihrem Platz, die Schlange wurde ins Zimmer ge-
sächlich nach ihrem Inhalt wie den pädagogischen Auswertungsmöglichkeiten die weitaus besten. Dieses vor allem deshalb, weil sie sich in einem kleinen Rahmen halten können, besonders wenn es sich um die Kleintierwelt handelt, wo Aufschlüsse gewonnen werden zu gleicher Zeit von einer ganzen Klasse und in einem einzigen Arbeitsvorgang, was selbst beim eifrigsten Mikroskopieren am lebenden Objekt nicht möglich ist. Andererseits gestattet aber auch der Film noch, die Lebensbedingungen der Großtierwelt in einer Weise zur Anschauung zu bringen» daß ungewöhnlich starke Eindrücke vermittelt wer-
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OPEL ä
den. Man kann nur wünschen, daß die NeichSbildi stelle hinsichtlich der Biologie auf den eingeschlagenen Wegen mit dem gleichen Erfolg weiterarbeitet.
Daß sie nicht auf ihren Lorbeeren ausrüht, dafür sorgen die anderen Unterrichtsfächer. Hier ist c5. schon schwierig, den Rahmen für das einzufangende Leben abzustecken. Ist der Bewegungsraum zu eng, dann wird das Laufbild unzweifelhaft von dem ausdrucksvolleren Stehbild auf Glas geschlagen; ist er zu weit, geht gewöhnlich die Bewegung verloren. Um den Ausgleich dieser Gegensätze wird noch gerungen, besonders auf dem Gebiete der Erdkunde, wo es sich um eine Lebensfrage für den Film handelt. Denn nächst der Biologie ver« langt gerade die Erdkunde am meisten nach An« schauung, um das aus der Atlas- oder Wandkarts gewonnene Bild der Landschaft bis zuletzt gegenständlich machen zu können. Ungewollt ist dies einigen Filmen, z. B. den beiden ersten Teilen des Rheinfilms sowie dem dritten Teil des Films von der Zugspitzbahn, gelungen; hier wird die Erosion des fließenden Wassers und das Wolkenfpiel in den Hochalpen mit ungeheurer Eindringlichkeit zur Dar-, stellung gebracht.
Alles in allem bedeuten die ersten fünf Jahrs Unterrichtsfilm einen recht beachtlichen Erfolg. Vor allem zeigen sie die Entwicklungsmöglichkeiten recht deutlich. In dieser Erkenntnis liegt die Gewähr, daß die Zukunft das Unternehmen zu immer wertvolleren Leistungen bringen wird, zum Besten des kostbarsten Volksgutes, der deutschen Jugend.
Buntes Film-Allerlei.
Welcher Filmfreund weiß,
daß Gustav Fröhlich früher in Celle tagsüber Redakteur war und am Abend unter einem Pseudonym Theater spielte, so daß er oftmals über sich selbst Kritiken zu schreiben hatte? Diese Besprechungen waren so schlecht, daß der Direktor des Theaters ihn deswegen entlassen wollte;
daß Heinrich George seine künstlerische Lauf- bahn als Geiger in einem Kolderger Künstlercafö begann» und später als Zirkusreiter sein Geld verdiente?;
daß Albert M a t t e r st o ck sich vor seinem Theaterstart in Deutsch-Südwestafrika kümmerlich als Autooerkäufer durchs Leben schlagen mußte?;
daß der Filmregisseur Robert A. Stemmte, der als Volksschullehrer und Wanderbühnenschallspieler begann, heute zu den berufsreichsten Män- nern zählt: er ist Buchschriftsteller, Bühnendichter, Drehbuchautor und Spielleiter — außerdem der Gatte der Schauspielerin Gerda Maurus;
daß Fritz H o o p t s früher Steuerinspektor im Reichsfinanzdjenst war, und daß er bis vor zwei Jahren ausschließlich aus ideellen Motiven, ohne jede Entschädigung, auf der Bühne auftrat? Erst mit 60 Jahren wurde er von Carl Froelich für den Film entdeckt. , M. W.
bracht, in atemloser Spannung warteten die Filmoperateure. Aber die Schlange machte keine Miene, sich zur Darstellerin hinzubewegen. Alle Versuchs nutzten nichts. Schließlich wurde die Sache Toni Attenberger zu langweilig — er packte die Schlange, nicht wie es richtig gev-efen wäre, am Kopf, sondern am Schwanz — ktttd damit wäre beinahe sein Schicksal besiegelt gewesen. Denn blitzschnell hatte die zwei Zentner schwere Schlange ihn in ihren Schlingen, und es war nur sein Glück, daß er mit drei gebrochenen Rippen davonkam. Das war eine gründliche Lehre, mehr Geduld zu haben. In einem anderen seiner Filme hat er einmal eine Ausnahme gemacht, wie ein Hecht sich selbst in einer Reuse fängt. Diese Bildfolge läuft in vielleicht zwei ober drei Minuten ab. „Darauf habe ich" — so erzählt er lachend — „volle 31 Tage gewartet. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang haben wir einen ganzen Monat lang nichts anderes getan, als am Wasser gesessen und immerzu das Wasser beobachtet, bis dann schließlich am 31. Tage der Hecht in die Reuse ging."
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Wenn man seltene Bilder haben will, muß man eben unendlich viel Geduld üben. Was passieren kann, wenn man die Geduld verliert, zeigt noch ein Erlebnis Attenbergers mit einem Yakbüffel. Er filmte den Büffel und wollte feinen Kopf im vollen Profil haben. Aber der Bursche wollte nicht, er hielt mit konstanter Bosheit den Kopf nach unten, ließ sich füttern, nahm alle Neckereien an, aber er behielt den Kops unten. Da riß sogar bei Attenberger der berühmte Geduldsfaden, und er wollte mit fünfter Gewalt ein wenig nachhelfen. Im gleichen Augenblick aber saß er schon auf den gewaltigen Hörnern des Büffels und wurde in luftiger Hohe sehr unsanft hin- und hergeschüttelt. Glücklicherweise hatte er Lederhosen an, die so lange hielten, bis Hilfe kam. Geduld haben — das ist das große Geheimnis aller Tieraufnahmen. Zuerst muß man das richtige Tier herausfinden und dann muß man eben warten können. Nicht weniger zahlreich find natürlich auch die schönen Erlebnisse Attenbergers. All« Gefahren aber und alle Abenteuer haben seine Liebe zum Tier nie beeinträchtigen können. Heute hat er mehr als 1000 Tierfilme gedreht und in Taufenden und Hunderttausenden von Menschen die Liede zum Tier geweckt. Attenberger denkt nicht daran, sich mit dieser Arbeit zu begnügen. Nicht lange wird es ihn in seinen vier Wänden halten. Zunächst muß noch ein Buch fertiggestellt werden, dann geht es wieder hinaus auf die Jagd mit der Kamera. r.


