Ausgabe 
4.11.1939
 
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Mehr Lerkehrsdisziplin in nächtlicher Dunkelheit.

Die tiefe Dunkelheit in den Straßen macht es mehr als je zuvor notwendig, daß von jeder­mann Verkehrsdifplin geübt wird. Leider muß immer wieder festgestellt werden, daß diese Notwendigkeit noch nicht zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Dabei kann es eigentlich nicht schwer fallen, die gebotene Vorsicht walten zu lassen!

Für den Fußgänger ist es ein Leichtes, immer nur die rechte Straßenseite einzuhalten, und doch wird noch häufig gegen diese Forderung des Rechts gehen!" verstoßen. Für die Radfahrer und die Radfahrerinnen ist es geradezu als Tod- sünde zu erachten, wenn sie ihr Fahrrad im nächt­lichen Dunkel an den Straßenrand stellen, ohne für die nötige eingeschränkte Beleuchtung des Rades zu sorgen. Am besten ist es überhaupt, wenn abends und nachts Fahrräder nicht vor Häusern und Straßen abgestellt werden. Auch die Autofah­rer sind nicht etwa plötzlich zu reinen Engeln ge­worden. Wie oft läßt sich noch beobachten, daß in­mitten der Stadt aufgeblendet gefahren wird. Wenn auch eingesehen wird, daß es für den Kraftwagen­fahrer besonders schwierig ist, mit so wenig Licht Äu fahren, wie es die Vorschrift fordert, so muß doch gerade vom Kraftfahrer erwartet werden, daß er andere Verkehrsteilnehmer nicht blendet. Aus gesetzlichen Vorschriften werden unter den gegebe­nen Verhältnissen Forderungen der Höflichkeit.

Wenn jedermann guten Willens ist, kann es nicht schwer fallen, alle jene Rücksichten zu üben, die nun einmal in einer verdunkelten Stadt genommen wer­den müssen.

Platzkonzert des Musikzuges der SA.

Aus Anlaß der zweiten Reichsstraßenfammlung für das Kriegs-WHW. veranstaltet der Musikzug der SA.-Sandarte 116 am morgigen Sonntag, 5. November, ein Platzkonzert. Unter Leitung von Mufikzugfüherer Herrmann konzertiert der Mu- stkzug in der Zeit von 11 bis 12.30 Uhr in der An­lage am Hindenburgwall.

Zwei (Sier auf £ 47.

LPD. Dm Bereich des Landesernährungsamts Hessen werden für die Zeit vom 4. November bis einschließlich 12. November auf den Abschnitt L 47 der Nährmittelkarte zwei Eier ausgegeben. Es wird nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Eier in dem gleichen Geschäft zu kaufen sind, in welchem das Ei auf dem Abschnitt L 48 eingekauft wurde.

Krankenscheingebühr für Familienangehörige der Einberufenen.

Gießener wochenmorkipreise.

* Gießen, 4. Nov. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,60 RM., Matte 25 bis 50 Rpf., Käse, das Stück 5 bis 10, deutsche Eier, Klasse S 13, A 12^, B 12, C 11V., D 10^, deutsche Kühlhauseier, Klasse S 12, Wir­sing, % kg 7 bis 8 Rpf., 50 kg 6 RM., Weiß­kraut, % Kg 5 Rpf., 50 kg 4 RM., Rotkraut, % kg 8 Rpf., 50 kg 7 RM., gelbe Rüben, Yi kg 8 bis 10 Rpf., Spinat 20, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15 bis 20, Feldsalat, Vio 10 bis 15, Tomaten, Vi kg 25, Meerrettich 30 bis 60, Kürbis 6 bis 8, Kartoffeln, % kg 4 Rpf., 5 kg 40 Rpf-, 50 kg 3,15 bis 3,45 RM., Aepfel, % kg 15 bis 25 Rpf., Birnen 15 bis 20, Zwetschen 13, Blumen­kohl, das Stück 10 bis 60, Salat 8 bis 12, Endivien 5 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15 Rpf.

«

** Treue Mitarbeiterin. Fräulein Marie Vogel aus Gießen kann am heutigen Samstag, 4. November, auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Firma Friedrich Seipel (Marktplatz) zurück­blicken. Die Jubilarin hat sich durch ihre Gewissen- Hastigkeit und Treue alles Vertrauen und alle Wertschätzung erworben. Nachdem Fräulein Vogel ihre Ähre beendet hatte, war sie mehrere Jahre

als öerföuferin tätig und rft seit nunmehr achtzehn Jahren Leiterin der Filiale in der Bahnhofstraße. Aus Anlaß des Jubiläums wurde Fräulein Vogel im Rahmen einer kleinen Feier geehrt. Durch die Betriebsführung, wie auch durch die Gefolgschaft wurde die treue Mitarbeiterin mit Geschenken be­dacht.

Strafkammer Gießen.

W. K. in Griedel war beschuldigt, in den Jahren 1938 und 19,39 an Kindern unter 14 Jahren un­züchtige Handlungen vorgenommen zu haben. Der Angeklagte wurde des vollendeten Sittlichkeitsver­brechens in drei Fällen und des versuchten Sitt­lichkeitsverbrechens in einem Falle schuldig er­kannt und dem Antrag des Anklagevertreters ent­sprechend zu einer Gesamtgefängnis st rafe von sechs Monaten verurteilt. Dem Angeklag­ten wurde der Schutz des § 51II StGB, zugebilligt.

H. M. in Vilbel mar beschuldigt, im Mai durch Vornahme unzüchtiger Handlungen öffentlich Aer- gernis erregt zu haben. Der Angeklagte mar ge­ständig, er will aber unter dem Einfluß des Al­kohols gestanden haben. Dem Antrag des Anklage- Vertreters entsprechend wurde der seither unbeschol­tene Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt.

SJ.-fporf

Die Handball-Nückrunde.

Nicht leicht dürften es die Jüngsten des DfB.-R. in Sich haben, denn die Platzherren sind körper­lich den kleinen Spielern der Grünweißen überlegen.

Staffel 1:

19.11.: Hochelheim Hörnsheim; Lützellinden Dornholzhausen; Münholzhausen Holzheim. 26. 11.: Dornholzhausen Hochelheim; Holzheim Lützellinden; Hörnsheim Münchholzhausen. 3.12.: Münchholzhausen Dornholzhausen; Hochel­heim Holzheim; Lützellinden Hörnsheim. 10. 12.: Holzheim Dornholzhausen; Lützellinden Hochelheim. 17. 12 : Hörnsheim Holzheim; Münchholzhausen Lützellinden. 24. 12.: Dorn­holzhausen Hörnsheim; Hochelheim Münch­holzhausen.

Staffel 2:

19. 11.: Niedergirmes Garbenheim; Katzen- furt Atzbach. 26. 11.: Atzbach Niedergir­mes; Garbenheim Dutenhofen. 3. 12.: Katzen- furt Garbenheim; Dutenhofen Atzbach. 10. 12.: Katzenfurt Niedergirmes; Garben­heim Atzbach. 17.12.: Dutenhofen Kat­

zen furt. 24.12.: Niedergirmes Dutenhofen. 31.12.: Niedergirmes Katzenfurt.

Staffel 3:

12. 11.: Mtv. Gießen 1900 Gießen; Lon­dorf VfB.-R. Gießen. 19.11.: Mtv. Gießen Londorf; VfB.-R. Gießen 1900 Gießen. 3. 12.: VfB.-R. Gießen Mtv. Gießen; Londorf 1900 Gießen.

Zugendhandball im Miv.

Die 1. Mannschaft des Männerturnvereins ist am morgigen Sonntag spielfrei. Dafür treten zwei Ingendman-nschäften auf den Plan. Die 1. Jugend, die ihre Spieler aus der 1. Mannschaft zur Ver­fügung hat, tritt gegen die aktive Elf des VfB.-R. an und hat damit eine schwere Aufgabe vor sich, da der Gegner naturgemäß körperlich überlegen ist. Die Jungen vom. Mtv. betrachten den Kampf als einen Probegalopp für die Spiele um die Bann­meisterschaft.

Die 2. Jugend tritt auf dem Platz der Spielver­einigung gegen die 2. Jugend von 1900 an. Da die Mtver nur sehr junge 'Spieler haben, wird es gegen die körperlich kräftigeren Blauweißen nicht leicht fein, ehrenvoll abzuschneiden.

Es wurde kürzlich darauf hingewiesen, daß Familienangehörige von Einberufenen die Kranken­scheingebühr nicht zu entrichten haben. Neuerdings ergab sich die Frage, ob die Krankenscheine auch solchen Kassenmitgliedern kostenfrei auszuhändigen sind, denen ihr Gehalt während der Hebung weiter­gezahlt wird. Diese Frage dürfte ohne weiteres zu bejahen sein. Wie der Reichsverband der Jnnungs- kranken kaffen mitteilt, wird diese Auffassung auch vom Reichsarbeitsminister vertreten.

Schonung frer Syirmstoffe

Der Kaufmann muß heute doppelt sorgfältig mit den Spinnstoffwaren umgehen und besondere Mühe auf die Lagerhaltung verwenden. Die la­gernden Stoffe sind, wie der Pressedienst des Einzelhandels schreibt, vor allem vor Sonnenbrand und Verstaubung zu schützen und davor zu bewah­ren, daß sie durch das unsachgemäße Anbringen von Etiketten und Anhängern beschädigt werden. Dom Kunden darf erwartet werden, daß er die vom Kaufmann zur Schonung der Stoffe ergriffe­nen Maßnahmen versteift und unterstützt. Stück­ware, die sich leicht drückt, darf man nicht gleich meterweise abrollen und vorzeigen und etwa noch viele in dieser Art behandelte Stücke aufeinanber- legen. Die Kundschaft sollte sich ihrerseits daran gewöhnen und beim Vorlegen der Stoffe keine Forderungen stellen, die sie unter Umständen be­einträchtigen könnten.

Die Fußball-Begegnungen des Sonntags.

vsv.-R. AL.leulonia Watzenborn Steinberg Großen-Linden Leihgestern

Steinbach Londorf

Großen-Vuseck Krofdorf

Diesmal stehen nur vier Spiele auf dem Pro­gramm, da das Treffen Lollar gegen 1900 ausfällt. Das Hauptinteresse der Spiele beansprucht die Be­gegnung der beiben Rivalen VfB-Reichsbahn gegen ^Teutonia" Watzenborn-Steinberg. Ein spannen­der Lotalkampf steigt in Großen-Linben, wo Leih­gestern anzutreten hat. Bei den bis jetzt von Leih­gestern gezeigten Leistungen ist mit einem sicheren Siege der Gäste zu rechnen. Leicht hat es Stein­bach, denn auf eigenem Platze dürfte die Mann­schaft sicher mit den Londorfern fertig werden Einen aussichtslosen Gang geht Krofdorf, denn in Groß en-Buseck hängen die Trauben recht hoch. Die junae Mannschaft von Krofdorf wird einer hohen Niederlage nicht entgehen können.

Oer Kampf auf 0em Waldsportplatz.

Große Anziehungskraft dürfte das Spiel der Grünweißen gegen den vorjährigen Meister Stein- berg auf dem Waldsportplatz ausüben. Wenn auch auf beiden Seiten mehrfacher Ersatz gestellt wer­

den muß, so stehen den Mannschaften doch genü­gend gute Ersatzkräfte zur Verfügung, die man schon mehrfach in der ersten Garnitur sehen konnte. Trotz des eigenen Platzes dürften die Grünweihen diesmal wohl kaum um eine Niederlage herum- kommen. Eine Wiederholung des Sieges vom Früh­jahr erscheint völlia ausgeschlossen, denn die Grün- weißen müssen auf Leutheuser verzichten, während die Gäste in Fett und Schmidt ihre Hauptstützen haben. Die bisherigen Ergebnisse der Rundenspiele haben bewiesen, daß Steinberg immer noch da ist. Auch haben sie die Niederlagen der letzten Spiele noch nicht vergessen. Die Mannschaftsaufstellungen der Partner sind noch nicht bekannt, aber beide Mannschaften werden mit stärkstem Geschütz auf­fahren.

Vor dem Spiel der ersten Mannschaft tritt wie­der einmal die Jugendmannschaft und zwar gegen Heuchelheim aus den Plan. Die Heuchelheimer haben zwar lange nicht gespielt, jedoch gelten die Gäste als spielstark.

Spielvereinigung 1900.

Die Blauweißen müssen morgen pausieren, da Lollar seine Mannschaft nunmehr von den Runden­spielen zurückgezogen hat und ein anderer Abschluß in der kurzen Zeit nicht mehr möglich war.

Wirtschaft.

Voller Erfolg der Neichsbahnanleihe.

Mit dem gestrigen Tage sind 300 Millionen RM. 4Vrprozentige auslosbare Schatzanweisungen der Deutschen Reichsbahn von 1939 zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt worden, nachdem vorweg schon ein Teilbetrag von 200 Millionen RM. bereits fest übernommen worden ist. Die Zeichnung konnte er­freulicherweise schon nach wenigen Stunden wegen erheblicher Heberschreituna des aufgelegten Betra­ges geschlossen werden. Der Zeichnungserfolg ist ein neuer Beweis für das allgemeine Vertrauen in die Stabilität der deutschen Wirtschaftsführung.

Nhein-Mainische Börse.

Weiler befestigt.

Frankfurt a. M., 3. Nov. Ohne daß die Ge­schäftstätigkeit eine Belebung erfahren hätte, war die Börse an den Aktienmärkten überwie­gend weiter fest. Von der Kundschaft setzten sich mäßige Anlagekäufe fort, dagegen mangelte es an Abgaben, so daß bei der Enge der Märkte vielfach Erhöhungen um mehr als 0,50 bis 1 v. H. ein­traten. Starke Beachtung fand die lebhafte Zeich­nung auf die heute aufgelegte Reichsbahn-Anleihe; man rechnet bereits heute mit dem Zeichnungs­schluß und mit einer Heberzeichnung. Bevorzugt wurden Maschinenwerte, von denen Demag 2,50 v. H. gewannen auf 140, ferner MAN. 1 v. H. auf 147,50 und Rheinmetall 0,40 v. H. auf 112. Auch Montanwerte in Nachwirkung des Klöckner-Ab­schlusses nach fest, Verein. Stahl 91,90 (91,13), Hoesch 107,90 (107), Mannesmann 101,65 (101,25). IG.-Farben lagen still und mit 158 (157,75) wenig erhöht. Elektropapiere weiter sehr ruhig und kaum verändert.

Am Rentenmarkt war ebenfalls weitere Anlagetätigkeit festzustellen. Gefragt blteben Pfand­briefe und Auslosungsanleihen, von letzteren Reichs­altbesitz 135,13 bis 135 (131,65), Dekosama I 139,90 (139,40), auch Reichsbahn-VA. 0,13 o. H. fester mit 124 bis 124,25. Liqui-Pfandbriefe und Stadtan- leihen sowie Staatspapiere wenig verändert. In­dustrie-Obligationen uneinheitlich, 5 v. H. Mittel­stahl 100,13 (99,75), 5 v. H. Gelsenberg 99 (99,25), 6 v. H. JG.-Farben 125 (124,65). Steuergutscheine l ruhig und wenig verändert.

Auch im Verlaufe blieb die Haltung überwiegend fest, das Geschäft zeigte aber keine Zunahme. De­mag weitere 1,50 v. H. höher mit 141,50, ferner zogen AEG. auf 114,75 nach 114,40 und Rhein- stahl insgesamt 1,25 v. H. an auf128,50 bis 128,75. Ferner kamen Eßlinger Maschinen nach Pause mit 102 (100,50) zur Notiz, sonst wiesen die später notierten Papiere keine größeren Abweichungen auf.

Rundfunkprogramm

Sonntag, 5. November.

6 Hhr: Hafenkonzert. 8.05: Wir fingen den Sonn­tag ein! Frankfurter A-cappella=<&)or. 8.45: Dich­ter unserer Zeit: Brief an einen jungen französi­schen Offizier. 9: Gläubiges deutsches Herz. Eine Stunde der Besinnung am Feiertag. 9.50: Heitere Melodien. 11: Konzert. 12: Mittagskonzert. 12.30 bis 12.40: Nachrichten. 14: Nachrichten. 14.15: Uns gehört der Sonntag! Ein Reigen sorgloser Melo­dien. 15: Für unsere Kinder: Die Reise zur Sonne. Ein Spiel. 15.30: Volkstum und Heimat: Weinlese 1939. 16: Nachmittagskonzert. 17: Nachrichten. Kon­zert. 20: Nachrichten. 20.15: Uebertragung vom Deutschlandsender. Dazwischen: 20.15 bis 20.30: Po­litische Zeitungsschau. 22 bis 22.15: Nachrichten.

SleftsuMöerstMöe

Roman non wallher kloepfer

Copyright by toi Dumfer Verlag- Berlin w 62

33. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

,Zch habe fünfzig Mark mitgebracht. Die sind von den Geldeingängen über", sagt sie forsch und legt den Schein auf den Stuhl, weil kein anderer Platz da ist. Diese fünfzig Mark sind ihre ganzen Ersparnisse, ängstlich von ihrem schmalen Gehalt zu- rückgelegt und sollten einen neuen Mantel und eine neue Tasche ergeben, weil sie sich mit dem alten Mantel kaum mehr sehen lassen kann.

Als Severin diesen Schein erblickt, bekommt seine seelische Haltung einen Stoß. Er hat neuerdings eine krankhafte Abneigung gegen allzu neue Noten. Er knickt mit einem leisen Wehlaut an ihre Schul­ter und tut, was er die ganze Zeit her nie getan hat er weint. Es ist kein richtiges Weinen, so eines mit Tränen, sondern ein trockenes Röcheln, das feine Schultern auf und nieder stößt. Nikotine fährt mit einer sanften Bewegung über seine kalten Finger und ist ihm sehr nahe in diesen Minuten. Sie spricht tröstende Worte, die einen singenden Tonfall haben.Oh, das wird alles wieder recht. Wir werden das schon deichseln. Ich werde Sie doch nicht im Stich lassen, wär' ja noch schöner." Sie empfindet eine ganz starke Verpflichtung, diesem verstörten großen Menschen helfend zur Seite zu stehen, der nicht mehr ein noch aus weiß. Hnd noch ein anderes steigt in ihr auf, ein bittersüßes, schmerz­haftes Gefühl, das sie in einsamen Nächten als Liebe erkannt hat. Sie hat das überwunden ge­glaubt, aber jetzt ist es plötzlich wieder da und un­bändiger denn zuvor. Nikotine hat nicht viel Män­ner gekannt in Ihrem kleinen und schutzlosen Leben, und auch da ist es nie sehr tief gegangen; mit ein paar Tränen, mit ein bißchen Zorn oder Wehmut ließen sich diese Geschichten abschließen. Aber mit Severin hat es sie ernstlich gepackt, und für den könnte sie alles tun ..."

Da fällt ihr plötzlich der Zweck ihres Kommens ein der Notar, die Versteigerung. Ich kann ihn doch jetzt, elend wie er ist, nicht auch noch mit dem überfallen! Das gibt ihm ja den Rest, und ich bin doch fein Scharfrichter, grübelt sie verzweifelt. Das Stöhnen an ihrer Schulter hat immer noch nicht nachgelassen und beunruhigt sie. Sie flüstert be­schwichtigend:

Alles kommt wieder in die Reihe, Sie brauchen den Mut nicht sinken zu lassen. Das von Friedrich habe ich noch gar nicht erwähnt. Er gibt Ihnen Aufschub! So lange Sie wollen, ein Jahr, wenn es sein muß. Ist das nicht großartig? Ich habe so lange in ihn hin ein geredet, bis er Ja gesagt hat. Hnd wenn es mit München nichts ist, gehen Sie eben wieder nach Eschelbrunn. Die Leute vermissen Sie sehr, das bekomme ich alle Tage zu hören. Hnd die Kinder fragen mich fast zu Tode nach ihrem Papa."

Die Lüge mit Friedrich ist ihr leicht und über­zeugend über die Lippen geflossen und entsprach einer jähen Eingebung. Aber hinterher graut ihr vor den Folgen ihrer Hnüberlegtheit.

Severin, durch ihr eindringliches Flüstern aus seiner Verzweiflung zurückgeholt, stammelt erstaunt:

Das hätte ich nicht von Friedrich erwartet, ich habe ihm unrecht getan. Etwas Besseres hätten Sie mir gar nicht erzählen können. Das ist doch wenig­stens ein Strohhalm. Sie sind jo gut, Fräulein Ferber, Sie tun mehr für mich, als ich je abtragen kann. Ich habe mich unmöglich benommen, entschul­digen Sie. Ich bin nicht mehr Herr über meine Nerven. Nach Eschelbrunn möchte ich nicht zurück; ich werde es schon schaffen hier." Nikolines Zureden hat ihm sichtlich gut getan; er lebt auf und faßt neue Hoffnung. 2&enn er jetzt ein Glas Milch be­käme, würde auch sein Magen Ruhe geben.

Ich glaube auch, daß Sie es hier schaffen wer­den. Das vorhin war eine verständliche Krise nach all diesen Aufregungen", sagte Nikoline zuversicht­lich, obgleich ihr zum Heulen ist. .Ich muß jetzt gehen, sonst versäume ich den Zug. Sie müssen mir versprechen, zu telephonieren, wenn Sie etwas brauchen." w r,

Ich bin ein neuer Mensch seit Ihrer Botschaft , lächelt er kümmerlich.

Es wird alles recht werden", versichert sie und geht langsam und verwirrrt aus seinem Zimmer.

18. Kapitel.

Nikotine ist auf dem Weg zu Friedrich. Sie steckt tief in Gedanken, ist etwas blaß und übersieht den Gruß von Weinzierl, der in der Pause vor dem Schulhaus seine Frühstückssemmel verzehrt und ! seine mutwillige Klasse beaufsichtigt. Bulll, der Nikotine trotz Gegenorder nad)gelaufen ist, gerat 1 am Marktbrunnen in einen wilden Streit mit dem Muggentaler Schnauz; denn zwischen sie ist Zwie­tracht gesät von Anbeginn. Das Fnedrichsche Haus l steht am sogenannten Gänsbühl, ist stattlich anzu- l schauen mit seinen blanken, gewölbten Fenstern

und hat ein Spiönchen neben dem Eingang.

,Kann ich den Herrn sprechen?" sagt Nikoline im. Kontor zu Parsunke und schaut über ihn hin­weg. Auch zwischen diesen beiden herrscht wahr­hafte Antipathie.

Mal nachkieken; weiß nicht, ob Herr Friedrich im Momang Zeit hat", gibt Parsunke schnippisch zurück, und sein Vogelgesicht leuchtet vor Bosheck. Er unterläßt es, Nikoline einen Stuhl anzubieten, und schlorcht davon. Dann kehrt er wiede/ zurück und brummt mürrisch:Ick soll Sie in bet gute Zimmer führen. Er kommt gleich, er is grabe im Stall"

Nikoline folgt ihm nach berguten Stube" unb setzt sich unbehaglich auf einen der Plüschstühle Parsunke bünft ihr eine üble Vorbedeutung. Die großen Fenster sind mit breitblätterigen Zimmer- linden verstellt; auf ber himbeerroten Tischdecke liegt ein blaßblaues Photographiealbmn; ein Wandregal brüstet sich mit Nippsachen unb golb geräuberten Tassen, auf benen Mäbchennamen

i stehen. Ein übertrieben sauberes Zimmer, bas nach Mottenpulver und Kernseife riecht. Nikoline hat ihr gutes Kleid an und bas flotte Hütchen auf, was in Eschelbrunn Feierlichkeit besagt. Sie hat ein emsiges Gefühl in den Beinen unb wagt kaum zu atmen.

\ Sie hat eine halbe Nacht mit Heberlegungen ; vergeudet, aber es gibt nur diesen einen Weg, wenn sie Severin retten will. Sie muß zu jener Lüge stehen und Friedrich heiraten. Eine andere Lösung gibt es nicht. Nikoline verliert sich nicht an I pathetische Ausdrücke wie Heroismus unb Opfer. , sondern sie hanbelt einfach unb klar, wie es ihr , Herz ihr vorschreibt. Sie liebt Severin, unb ohne sie geht er zugrunde. Es war von jeher an dem, daß die Frauen die Zeche bezahlen mußten. Sie hört draußen Wassergepritschel, bas ihr wie Nia- garabraufen erscheint. Friedrich wäscht sich in ber Küche bie Hänbe; benn er kommt aus dem Stall, unb bie weißgestirnte Kuh hat soeben ein Kalo geworfen. Er hat keine eigentliche Lanbwirtschaft, unb die Bleß ist nur für bie Milch ba.

Ach, Sie! Was verschafft mir bie Ehre?", fragt er freunblid) unb reicht ihr bie Hand.

Nikoline umklammert ihr Täschchen unb betet inständig. Lieber Gott, laß ein Wunder geschehen. Laß ihn selbst anfangen unb sagen: Sie, Fräulein Ferber, ich habe mir die Sache überlegt, Sie haben recht, man muß dem Doktor die Zinsen stunden; nicht aus christlicher Nächstenliebe, aber, weil es das Vorteilhafteste für mich ist...

Nikoline hat den Kopf gesenkt unb verschwendet all ihren Willen an diesen lautlosen Wunsch, als

vermöchte er dadurch auf den anderen überzu- strömen.

Aber sie wartet vergeblich, nichts geschieht. Friedrich sitzt ihr mit höflich-angespannter Miene gegenüber unb bleibt stumm wie ein Fisch. Der liebe Gott ist nicht für ein Wunder, sondern für Be­zahlung in barer Münze. Mit brausenden Schläfen gibt sich Nikoline einen Ruck unb zerschneidet die peinlich werdende Stille:

Sie erinnern sich an unser Gespräch vorgestern am Heimweg? Ich meinte, soweit es meine Person betrifft. Ich bin mit mir zu Rate gegangen. Sie müssen wissen, das ist Nicht so einfach für mich ich bin doch kein Backfisch mehr ich habe es mir überlegt unb, wenn Sie jetzt noch wollen...?"

Sie beendet die etwas herb formulierte Erklärung mit einem Brauenheben, das einem Fragezeichen entspricht. Dann schluckt sie energisch unb wartet ab.

Ist das wahr, Fräulein Nikoline? Gewiß unb wahrhaftig? Natürlich will ich. Ich kann es noch gar nicht glauben", strahlt Friedrich. Dann steht er auf, geht um den Tisch und tätschelt ihre' Hand, die kalt unb feucht ist. Er findet einen Kuß für angebracht, aber getraut sich Nicht, weil das ihm zugekehrte Mädchengesicht starr unb abwesend ist.Wollen wir uns nicht auf das Sofa setzen? Stehen ist so ungemütlich", sagt er heiter.

Nikotine denkt:Na, das ist ja verhältnismäßig gut ab gelaufen." Ein väterlicher Friedrich ist ihr weit lieber als ein überschwenglicher. Sie hat sogar etwas Mitleid mit ihm. Glück wird das keines wer­den, aber es soll ja mehr Ehen geben, die nur auf gegenseitige Achtung gegründet sind. Glück waren nur jene Tage bei Severin, die nun die Rechnung präsentieren.

Ich möchte eine Bitte daran knüpfen, Herr Friedrich", beginnt sie leise.Seien Sie nett zu Doktor Severin. Dem Mann geht es Nicht Aum besten. Lassen Sie es die Kinder nicht entgelten. Die Kinder sind mir ans Herz gewachsen, bas ner- stehen Sie doch? Geben Sie ihm Aufschub. Das liegt ja auch in Ihrem Interesse, wie ich Ihnen schon klargemacht habe."

Ach so, Sie nehmen mich beim Wort. Gut Ihnen zutiebe. Ich bin fein Hnmensch. Welche Frist haben Sie sich vorgestellt?"

Vielleicht ein Jahr.. .*

Meinetwegen. Also ein Jahr. Hoffentlich braudje ich es nicht zu bereuen. Ich halte mich an Sie. Es wirb ja jetzt auch Ihr Geld, das auf dem Sptete steht."

(Fortsetzung folgt)