Nr. 259 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
4./5. November (959
urd) Ostpreußen über- Zur Schule ging. Hier steht kaum ein Haus, das Namen, die viele Stationen nicht Deutsche gebaut hätten; nur der Be-
Auf der Fahrt durch O st p r e u ß e^n über
raschten uns die neuen
sitzer hat gewechselt, und die Straßen heißen jetzt
Riga, Mitte Oktober 1939. Das erste Erlebnis auf der Fahrt nach Osten
lettisch, statt wie früher deutsch und russisch. Mein
Hotel liegt am Aspasia-Boulevard, nahezu gibt es
nSi hX »Hrf ßftfnrt auch schon an der litauischen Grenze, wurde Zoll-
prinflche Bauerri berRorXnri? mit -°E°n Mant gchandhabt; lettisches und litauisches ff“’1Hauerei Oer HorriOorjeit mit Sabn, unb 3oaper[ona[ lf( an oieser Internationa, fahren n™ l-n Durchgangsstrecke fabelhaft gut angezogen. Aus
sauberen Anstrich und den stachen Pultdächern
von
den Lits wurden nun Lats, etwas weniger wie
(Heiligk ie in o
bekommen hatten. In der ganzen Provinz sollen siebenhundert Orte um des besseren deutschen Klan-
ab. den
die noch die Fußwanderung^ und die Einpökelung auf der Fähre hatten durchmachen müssen.
Meter erreicht und von umspielt ist.
Die Hauptwasseradern die Oder und vor allem die Warthe, ferner die
möchte es mit eigenen Augen sehen. Hinter Groß- Boschpol fingen früher die polnischen Umbeneu-
eine halbe Mark. Für alles Eßbare tft die Kaufkraft dieser Währung erstaunlich hoch.
Riga selbst ist in seinem allen charakteristischen Kern und im Ring der eleganten Boulevards an
tendste ist, gibt es noch viele „ v großen Brüchen (z. B. Oder- und Warthebruch), von denen manche bereits von Friedrich dem Großen
Bartsch, die Orla, die Netze und die Brahe. Die Weichsel berührt das eigentliche Posener Land nur im Nordosten auf eine kurze Strecke. Zwischen den einzelnen Flußläufen breiten sich größere und kleinere Seengruppen aus. Die meisten davon liegen im Gebiet der Netze. Hier ist auch der größte dieser Binnenseen, der Goplo-See, der eine Fläche von rund 330 Quadratkilometern einnimmt. Außer einigen Kanälen, von denen der die Oder mit der
des Posener Landes sind deren größter Nebenfluß, Prosna, die Odra, der
gingen beide doch lieber zum Standesamt.
Es herbstet auch in Riga, aber alle Laubbäume stehen noch in bunter Pracht. Heller, kühler Sonnenschein lockt hinaus zur Burgensahrt nach Wenden und in die „Livländische Schweiz" im roman- ttschen Aa-Tal. Doch davon ein anderes Mal.
Stelle der früheren Festungswälle noch ganz dieselbe Stadt geblieben, in der ich vor sechzig Fahren
hältnis und taufte die Boulevards poetisch begei-- stert noch Reims und Aspasia. Als die Zeiten aber bürgerlicher und wieder „vorurteilsooller" wurden.
der Wald, der Fuß schreitet über weiche Moosteppiche, hin und wieder ein lockender Vogelruf aus der Höhe, oder der sieghafte Schrei des roten Milan (Adler), der jenseits des Waldes quf einem hohen Uferbaum horstet. Ein kleiner See hemmt den Schritt. Es ist, als ob der Wald einen anschaue. Der „moosgrüne Träumer", wie ihn ein Dichter genannt hat, schlägt sein großes dunkles Auge auf.
Ein Adler kreist hoch über der Lichtung und schießt jäh hinab, um sich aus dem See eine Beute zu holen; von der Lichtung aus sicht man in der Ferne den See, über dem dunkle Wölkchen stchen. Unruhig stiegt eine Ente auf, streicht tief über die Wasserfläche hin, läßt sich langsam fallen und schaukelt nun wieder auf.den sich kräuselnden Wellen. Inzwischen wuchsen die dunklen Wöllchen zu einer schwarzen Wand, hinter der Gewitterwind braust; unter seinem scharfen Atem beugen sich ächzend hundertjährige Bäume, wild brodelt der sonst so ruhige Seee, grelle Blitze zerreißen die dunkle Himmelswand, dunkles Donnern stolpert hinterher, und dann prasselt ein dichter Regen über See und Land und Wald.
Nach dem Gewitter strahlt die Sonne noch einmal so hell aus der Höhe, weiße Nebel steigen auf aus der weiten Ebene, und es ist, als ob die Flüsse freudiger dahinströmten. Die großen unter ihnen, die Oder und die Warthe, hccken etwas Unberührtes behallen, sie sind nicht nur Wasserverkehrswege für Menschen und Waren, sie sind Ströme geblieben und gehen tags und nächtens durch das Land wie eine erhabene Gewalt, der die Menschen nur mit Dämmen, Durchstichen oder Abflüssen entgegentreten können, lieber ihnen liegt es wie eine Ahnung von der Weite des Ostens, an ihren Ufern rauscht etwas von der Verlassenheit der Uriand- schast, und dort, wo Städte oder Siedlungen an ihrem Wege blühen, raunt es von vielen alten und neuen Geschichten und von oft harter Geschichte, die sich hier begeben.
Schwer ist es, die- Seele des Posener Landes zu erkunden; das liegt wohl in der Schicksalsverbundenheit mit seinen Bewohnern. Kampf war und ist die Losung für beide, für das Land und für die Menschen, Kampf mit den Feinden und Kampf um das karge Leben. Und dieses tägliche Ringen hat sie alle, die Bauern, die Waldarbeiter und die Fischer, zu einer geschlossenen Gemeinschaft gemacht, deren oberstes Gebot lautet: „Du kannst — du mußt!" Und ebenso umschließt nun wieder das deutsche Band das Posener Land mit seiner Vielfältigkeit, und der neue Gau fügt sich freudig ein in das Reich, denn auch er hat ja eine urdeutsche Seele!
D. S.
Weichsel verbindende Bromberaer Kanal der heben» äle in den
den alten, soliden, festen deutschen Häusern Lange Reihen von Eisenbahnwagen stehen auf Stationsgleisen: durch die polnischen Bezeichnungen läuft ein kräftiger Strich, und darüber, mit schnell fertiggestellten Schablonen weiß aufgemalt, das lapidare Wort: Deutsch!
Der befreite Warthegau.
Vielgestaltig und eigenartig in Geschichte und Landschaft.
Fahrt ins Baltikum
Bon Or. Paul Rohrbach
Eine knappe Stunde hinter der einstigen Korridorgrenze erscheint Gdingen, polnisch Gdynia, heute weithin leuchtend: Gotenhafen. Warum? Well an dieser Küste vor fünfundzwanzig und mehr Jahrhunderten die Goten, ursprünglich Bewohner Skandinaviens, ans Land stiegen und das Land zu germanischem Boden machten. Das polnische Gdingen war in den letzten Jahren mächtig gewachsen. Es zählte 120 000 Einwohner, aber trotz seiner hohen Häuser mit den endlosen Fensterrechen macht es einen unfertigen Eindruck. Häuser und Straßen sind lieblos, wie nach der Fabrikmarke genormt, ins rohe Gelände gesetzt, ohne alle Pflege und Schmückung des Bodens, ohne einen Rasenstreifen, ohne Baum, ohne Blumenrabatte, Menschenschachteln, keine Wohnbauten. Sehr viele stehen leer, weil die polnischen Bewohner geflüchtet sind Hier werden die volksdeutschen Balten, die im Laufe der nächsten Woche ihre Repatriierung nach Deutschland erleben, vorläufig Aufnahme finden, bis ihnen die neue Heimat im ostdeutschen Siedlungsraum die Pforten öffnet. Auf dem Bahnsteig drängt sich polnisches Volk mit Bündeln und zerbeulten Koffern, viele Juden darunter, vor einem Zug, der nach Polen fahren soll — auch eine „Repatriierung"! Im Weiterfahren hat man einen Blick auf den Hafen mit seinen mächtigen Kränen und Speicherbauten. Das ist anderes Mauerwerk, als das schwächliche der Stadthäuser. Hierfür hat Polen aber auch einen tiefen Grift in den ftanzö- sischen Beutel tun dürfen. Schlecht angelegtes Ka vital!
Je näher am wieder deuftch gewordenen Danzig, desto länger dehnen sich die Reihen von erbeutetem Eisenbahnmaterial. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich der Blick auf die Weichsel und die geipren^e Eisenbahnbrücke bei Dirschau. Dom pol- nifchen Tczew stebt nichts mehr zu lesen. All»s aussteigen! In der Zeitung las man vor der Abreise: „Bequeme Autobusse bringen die Reisenden von der Bahnstatton zur Weichfeifähre und auch auf dem anderen Ufer zur Einsteigestelle". Aber siehe da, ein uniformierter Arm schiebt sich zwischen den männlichen Fahrgast und die Waqentür: Nur für Frauen und Kinder, Männer laufen zu Fuß. Bis zur Fähre waren es zwei Kilometer, drüben fast ebensoviel, durch Schmutz und Schlamm — aber es hätte ja dazu noch vom Himmel gießen können! Das Gepäck wenigstens wurde nachgefahren. Don hüben und drüben reißt die Folge von Menschen, Pferden und Fahrzeugen, meist militärischen Charakters, die übergesetzt werden muß. nicht ab; 700 Mann geben, eng gepreßt, auf die Fähre. Als wir den jenseitigen Bahndamm erklettert hatten, sahen wir, wie eine schwere Lokomotive sich zur Probe- und Einweihungs^ahrt über die wiederhergestellte Drücke anschickte. Eben war sie fertig geworden; nur zweiundvierzig Tage hatte die Montierung und Auftetzung der neuen eisernen Joche an Stelle der gesprenaten gedauert — eine staunenswerte Leistung! Wir waren gerade die Letzten gewesen,
Das Posener Land ist vorwiegend ebenes, fast einförmiges Flachland, das etwa achtzig bis hundertzwanzig Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die weiten, fruchtbaren Ebenen sind mit sumpfigen, sandigen und waldigen Strecken durchsetzt. Sie grenzen im Norden zum Teil an den steil abfallenden uralisch-baltischen Landrücken mit dem Eichberge (194 Meter) und weisen im Süden einige vorgeschobene Erhebungen des märkisch-schlesischen Landrückens mit der Ostra Gora bei Schilberg (247 Meter) auf. Höhere Berge fehlen bis auf die Lysa Gora (Heiliger Kreuzberg) südlich vom Eintrttt der Warthe in den Gau, deren höchste Erhebung 611 Hexen- und Teufelssagen
angelegt worden sind.
Es ist ein weites, stilles Land, dessen besonderer Reiz in seiner Abgeschiedenheit liegt. Nichts gebietet dem suchenden Blick Einhalt, unbekümmert schweift er über die Ebene, über feuchte Wiesen und fruchtbare Ackerbreiten in grenzenlose Weiten. Fern blauen unberührte Wälder, in .deren geheimnisumwittertem Dunkel uralte Märchen leben. Langgestreckte blaue Hügelketten umschließen wieder weite Ebenen, in denen kleine Seen träumen; dazwischen sandige Höhen oder Strecken flachen Brachlandes. dann wieder braune Heide oder grüner Bruch.'
Posener Land, vielgestaltig und eigenartig wie seine Geschichte. Wer es nicht kennt, erwartet eine flache, öde, reizlose Gegend und ist bald gefangen von dem Reichtum landschaftlicher Schönheit, die leider nur selten beschrieben worden ist. Tief atmet hier die Erde, wenn der Wind darüber hinfährt, leise neigen sich die hohen Wipfel der Wälder, wenn über ihnen schwere Wetter hängen, versonnen ruhen die glatten Spiegel der Seen, über denen sich weiße Wolkengebirge schichten. Traumhafte Ruhe atmet
h „ r n", millen umbenannt worden fein. Auch Eydt- Hotel liegt am Achasia-Bouleoard, nahezu gibt es
das Verschwand en fein d e s K o r r t b or 5 ! JuI}ne n m gnötfau geworden. — Im Dunkel geht den Remis-Boulevard. Remis ist ei-n namhafter Man weiß es, er ift Nicht mehr da, aber man Gunter fremd gewordenen Speifewagengenüsien,!lettischer Dichter. Er hatte eine mondän-literarische I n a ch L i t a u e n h i n e i n. An die' Stelle der , Freundm, hie sich — etwas fremdartig am Duna- — .-/r— i--ö— r-v“ -•* 1 Mark tritt der sckwäcblicbere Lit. Auf der Station 1 Ufer! — Aspasia nannte, nach der berühmten Ge-
nungen an. ^etzt steht aus den Stationen, aus frisch Radsiwllischki ist s o w j e t r u s s i s ch e s M i l i t ä r , liebten des Perikles. Im liberal-sozialistischen Ju- geweißbem Grund, wieder wie früher zu r^en jejne Bahnhofswache übrigens sondern genalter der lettischen Republik stieß man sich nicht man: ft^iAeti'hielnmnmenP!:eUauf Weitertransport wartend. An der attischen, wie an dem frei nach antikem Muster gepflegten Der. Man streichelt dre Namen im Do ruberfahren form- . h fitmiifrhpn murho Noll- haltms und taufte die Boulevards poetisch begei-
Die Neutralen und die britische Kontrolle.
Von ©r. (Sari Wellthor.
Bis vor wenigen Wochen glaubte man, die Neu« traten würden durch den von Großbritannien ent« fachten Wirtschaftskrieg „mitbetroffen". Jetzt stellt sich heraus, daß die Neutralen wahrscheinlich schwerer betroffen werden als die krieg« führenden Mächte. Dies hat einen doppelten Grund: Die Neutralen haben im Vertrauen auf die Fortsetzung des internationalen Güteraustausches im Falle eines neuen Krieges zwischen den Großmächten keine Vorräte angesammelt und haben sich auch zunächst weder innerlich noch äußerlich auf Die Möglichkeit einer Bewirtschaftung knapper Nahrungsmittel und Verbrauchsgetzenstände eingestellt. In einigen neutralen Ländern ist es so weit gekommen, daß an wichtigen Verbrauchsgütern ein schwerer akuter Mangel eintrat, der zu sofortigen scharfen Einschränkungen des Verbrauchs zwang. In der gesamten neutralen Welt — allein die Vereinigten Staaten von Amerika ausgenommen —, ist die sehr deutliche Note der Sowjetregierung vom 26. Oktober als eine Art Entlastungsoffensive zugunsten der Le« bensnotwendigkeiten der Neutralen aufgefaßt worden. Das starke Echo der sowjetrussischen Antwortnote auf zwei britische Ankündigungen aus dem September dieses Jahres haben ein überaus starkes Echo gefunden und die Neuttalen in der Absicht bestärkt, ungerechtfertigte brllifche Zumutungen insbesondere in der Frage der Kontrolle zurück- zuweisen.
Es ist stets als das selbstverständliche Recht der Kriegführenden anerkannt worden, den unbeteiligten Ländern die Lieferung von Kriegsmaterial an einen Gegner zu verbieten und Verstöße gegen dieses Verbot als „unfreundlichen Akt" aufzufassen. Allerdings hat die Grenze zwischen „Kriegsbedarf" und „Zivilbedarf" nie genau feftgeftanben. Was jedoch Großbritannien in feiner Konterbande-Liste von Anfang September unb in bem Begriff bes Kriegsbedarfs zusammenfaßte, reicht nach allgemeiner Auffassung weit in bie Sphäre bes zivilen Bedarfs hinein. Dieser Gebaute kommt in ber erwähnten sowjet- russischen Antwortnote sehr klar zum Ausdruck. Die Neuttalen finb burch bie britische Konterbanbe-Liste geradezu überrumpelt worden. Sie sehen sich nicht nur in ber Verwenbung ihrer Lanbeserzeug« nisse, sondern auch in ber Zufuhr wichtiger Bedarfsartikel bedroht, da beides unter bie britische Auslegung bes Begriffs „Kriegsbebarf" fällt, unb bahec nicht nach freiem Belieben gehanbelt werben kann. Es besteht aber wenigstens kein Zweifel bar üb er, daß Deutschland sich um eine möglichst enge Auslegung der Begriffe „Kriegsbedarf" und „Konterbande" bemüht' hat, daß aber Großbritannien mit feiner weiten Auslegung dieser beiden Begriffe durchgedrungen ist. Selbstverständlich war Deutschland nicht im Stande, an feiner engen Auslegung festzuhalten, weil dies eine mittelbare Bevorzugung Großbritanniens bei der Austragung des Wirtschaftskriegs bedeutet hätte.
In einigen England freundlichen Zeitungen wurde Anfang Oktober behauptet, die Uebergangsschwierig- teilen bei der Kontrolle neutraler Fahrzeuge in britischen Häfen seien überwunden. Dem wird von denjenigen Ländern, bie am meisten unter ber britischen Kontrolle zu leiben haben, auf bas schärfste widersprochen. Holländische unb belgische Zeitungen stimmen darin überein, baß sowohl in bezug auf bas Tempo ber Kontrolle wie auch in bezug auf die bamit oerbunbenen Belästigungen keine Besserung eingetreten sei. Sogar eine amerifa-
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
1914.
Don Wilhelm von Scholz.
(21113 bem Schlußkapitel bes neuen Erin- nerungsbuches „21 n I l m unb Isar". Mit bem Wilhelm von Scholz seine in ben Büchern „Berlin unb Bodensee" unb „Eine Jahrhundertwende" gegebene Selbstbiogra- vhie beenbet, stellt uns ber Dichter folgenden Abschnitt zur Verfügung.)
Das Jahr 1914 brach an.
Ich habe einmal eine höchst fesselnde, allerdings auch erschreckenbe Zufallsaufnahme von einem Bob- unglück gesehen, bas mehreren Leuten bas Leben kostete. Der Fotograf nahm bie bie Bahn herab- jagenben Schlitten in einer Kurve auf unb belichtete einen Film zufällig gerabe in bem verhängnisvollen Augenblick, als einer ber Schlitten plötzlich aus ber Kurve getragen würbe unb in bie Zuschauer raste, deren viele er zu Boben riß unb schwer verwunbete.
Als ber Lichlbilbner ben Momentoerschluß seiner Kamera löste, flog das stählerne Fahrzeug bereits doch über ber vereisten glatten Schneedecke mit deutlicher Zielrichtung auf eine Gruppe der Zuschauenden zu. Die gleich (Betroffenen mußten den Vorgang auch schon gesehen haben unb, sollte man meinen, bie furchtbare Gefahr für sich erkennen. Aber bem war nicht so: bie, bie gleich von bem auf dem Silbe deutlich auf sie zuschießenden Schlitten- ungestüm zu Boden gerissen werden müssen, stehen lächelnd, aufmerksam auf die Bahn, ja, den heranschießenden Bob blickend, da und scheinen nicht das Mindeste von der schon unausweichlichen Katastrophe zu bemerken, nichts zu ahnen.
So wie diese Besucher des Bobrennens standen wir alle, als der vernichtende Kriegsschlitten schon in der Luft auf uns zuflog, uns zermalmen wollte. 1914! Arglos berichtet mein Tagebuch von den ersten sieben Monaten des unheilbringenden Jahres, wie es von jedem anderen, der vierzig Lebensjahre, die nun hinter mir lagen, hätte berichten können. Ich spähe vergeblich nach einem kleinen Zuge des Bedrückseins, des unerklärten Erschreckens darin, wie es wohl bem bann Kommenden angemessen gewesen wäre.
Nichts. Meine Reisen gehen weiter. Ich bin wieder in Berlin, sehe wiberliche Sternheimsche Stücke unb erzürne mich, baß man berartiges spielt, sehe die Sent M'ahesa tanzen, lerne in bem Bilbhauer Gaul einen feinen stillen Künstler kennen, sage Paul Wegener über seinen Macbeth bebingt Anerkennendes unb höre von ihm bie Bemerkung, mit ber bie Schar seiner Mitspieler bei dieser Ausführung im
ganzen charakterisiert ist: „Sag mal, soll es einem etwa Spaß machen, diesen Duncan zu ermorden? Es lohnt sich ja gar nicht!"
Ich lese in der Freien Studentenschaft vor, sehe mir Wedekinds seltsamen „Simson" an, verbringe mit Eduard Stuckens, bei denen auch Lina Lossen zu Gast ist, einen anregenden Abend, fahre nach Leipzig, wo Max Martersteig mit Decarli als Sanas und keiner guten Königin meine „Meroe" dennoch groß inszeniert, höre in München Joses Rue- berer seinen „Prinzen Dschem" vortragen, sehe mit halber Zustimmung seine „Morgenröte". Es war mein letztes Zusammensein mit bem Freunb, ber währenb bes Krieges starb.
Die Arbeit geht nicht minber ruhig weiter. Ich schreibe bie Ballabe „Abt Mangolb unb ber Reichenauer Fischer", ber eine Sage von ber Insel Reichenau zugrunbe liegt; ich mache bie Auswahl besten, was im Laufe eines Jahrtausends an ben Ufern bes Bobensees an Dichtung entstaub ober was von Dichtung sonst ihn berührte, unb lasse sie unter bem Titel „Der See" erscheinen. Durch biefe Arbeit komme ich bazu, freie Nachdichtungen der Minnesänger des Bodensees, wie ich sie für die Zeit um bas zwölfte Jahrhundert brauchte, zu schreiben, unb empfange bavon bie Anregung zu meinem späteren Buch „Minnesang".
Aus nachbarlichem Lande, dem Hegau, vom Randen her kommt mir die Sage eines mittelalterlichen Alchimisten, ber schließlich zu einem braven Pulvermacher wirb. Ich spüre in bem Magier einen sehr menschlichen natürlichen Kern. Die Novelle „Der Unkenbrenner" entsteht.
Ich arbeite meine ersten Regiebücher für Stuttgart aus unb fahre bort hin zu Besprechungen unb Proben. Im Bobensee segle ich mit guten Bekannten unb halte meine Einbrücke, zusammen mit benen früherer Segelfahrten, in einer Schilderung fest. Ich genieße ben sommerlichen Frieben. Ich ahne nichts von bem Fahrzeug, bas schon aus ber Bahn unb vernichtenb auf bie gaffenbe Menschheit zufliegt.
Jetzt wo ich bie arglosen Auszeichnungen in meinem Tagebuch von bamals wieder lese, lese, wie ich mit meinen kleinen literarischen Angelegenheiten, mit Reisen, Dorträgen, Ausführungen als höchst wichtigen Dingen beschäftigt war, finde ich den Zusammenhang mit meiner Erinnerung nicht. Mit einer fast grellen Deutlichkeit steht, alles vor meinem inneren Auge, was geschah, seitdem das erste noch leichte Erschrecken durch die europäische Menschheit ging: es kann Krieg kommen!
Ausgelöscht ist bas, was in Friedensbehaglichkeit ooranging — nicht aus bem Wissen, aber aus bem Gefühl. Was In der ersten Hälfte bes Jahres 1914
geschah, ist für bas Gefühl offenbar, soweit es mir vor Augen steht, furchtsam in frühere Jahre zurückgeglitten, als wäre es schon 1913, 1912 erlebt worben. Die Sommertage 1914 haben so stark bas ganze Jahr mit ber unvergeßlichen Vierzehn bestimmt, baß es für bie Erinnerung nur bem Kriege gehört, baß es ist, als hätten wir alle von Anfang bes Jahres an nur an ben großen Krieg gedacht.
Unb doch ift die Erschütterung durch das zunächst Unfaßbare: Kriegsgefahr unb Kriegsausbruch in ber Erinnerung mit bem Bilde schönsten stillsten Sommerwetters unb mit bem ba hineinfallenden Schrecken oerbunben. Denn für uns, bie Damaligen, war ber Krieg in der Tat etwas Ungeheuerliches, Unbekanntes, wie aus bem Erbboden vergangener Jahrhunderte ber Geschichte Heraufbrohenbes — nicht wie uns Heutigen ein trotz all feiner Furchtbarkeit fast Vertrautes, bem auch ber Friedliebendste ruhig und gefaßt ins Auge sieht.
Blaue Blume.
Von Heinrich Riedel.
Diese Geschichte — wenn es überhaupt eine Geschichte ist — will ich so einfach und wahr erzählen wie sie sich zugetragen.
Mitten aus allem Schrecklichen, allem Gewaltigen und Erhebenden des großen Krieges, aus dem krachenden Spritzen heißen Granatenstahls, ben grünlich-grauen Schwaden schleichenden Gases, neben Tod und Opfer unb nimmerwankem Heldenmut sehe ich in meiner Erinnerung dieses kleine unscheinbare Erlebnis immer wieder traumhaft aufsteigen ... stillblühend in sich selbst, wie eine Blume am Weg. —
Es war während ber großen Frühjahrsangriftsschlacht 1918 in Frankreich. Wir ftanben, nicht weit vor Amiens, zu kurzer Rast an einem zerschossenen Bauernhof, als plötzlich Geschosse ganz in der Nähe einschlugen.
Sie fuhren — wie ein schweres Bell in den Block — mit dumpfem Klatsch in bie Erbe. Dann gab es einen kleinen spauzenden Puff, ein mephistophelisches Rauchwölkchen stieg fast elegant und spaßhaft auf, unb bie Sache war erledigt. Blindgänger, einer wie ber andere.
Die zirkelten sich immer dichter heran. Manche platschten nur vier bis fünf Meter von uns in den feuchten Boden. Mein Pferd nickte jedesmal bedächtig mit dem Kopf, wenn einer wie ein kalter Teufel herniederfuhr.
Es war ein ziemliches Geduld spiel. Denn wahrscheinlich würde die betreffende Kiste doch einmal
leer werden und eine bessere dran kommen. Aber es hatte keinen Zweck, wo anders hinzugehen. Denn Granaten fielen überall unberechenbar ins Gelände.
Da sahen wir einen einzelnen Soldaten des Wegs — es war ein schmaler, grasbewachsener Landpfad — daherkommen; ein Meldegänger sicherlich.
Es war ein Mann von ungefähr vierzig. In dem guten und starken Gesicht spiegelte sich ein langes arbeitsames und auch gesegnetes Menschendasein. Und das alles — ging es mir in einem Augenblick blitzhafter Besinnlichkeit durch den Kopf —, wozu das Leben vierzig Jahre gebraucht hatte, es aufzubauen, konnte jetzt mit einem Schlag von der gedankenschnell über das Feld streichenden riefen- haften Senfe des Todes vernichtet werden.
2lls er nun an uns vorbeiging, da erblickte er einen Schritt seitwärts auf der Wiese eine leuchtende blaue Glockenblume. Sie stand da inmitten all des Aufruhrs rings umher still in ihrer fast schmerzlichen Schönheit.
Er Dürfte sich schnell und sah sie einen Herzschlag lang ein wenig verträumt und in Gedanken versunken an. Er brach sie nicht. Dann riß er sich wieder zusammen und gina weiter.
Im selben Augenblick fuhr zwei Meter vor ihm gerade auf dem Pfad wieder einer der Blindgänger in die Erde, und man hätte mit mathematischer Genauigkeit berechnen können, daß dieser Blindgänger den Mann, wenn er frinen Weg ungehemmt fortgesetzt hätte, durchbohrt haben müßte. Denn er hätte sich genau an der Stelle befunden.
Die blaue Blume hatte ihn gerettet.
Scheint es nicht zuweilen so, daß Menschen, die sich auch beim ernstesten Dräuen des Schicksals — sei es in Krieg oder Frieden — den Sinn für die ewige Schönheit bewahrt haben, wie von einer vor« sorgenden Hand geleitet und beschützt werden?
Zeitschriften.
— Die 11 u ft r i r f e Zeitung" widmet ihre einleitenden Beiträge der Neutralität der westlichen Staaten Holland, Belgien, Luxembeurg und Schweiz. Jeder Artikel vermittelt einen Eindruck von der politischen Haltung, der historischen Entwicklung ihrer Beziehungen zu Deutschland und den Auswirkungen des Konfliktes. Geleitworte der diplomatischen Vertreter in Berlin leiten die Artikelfolge ein. Aus dem übrigen Inhalt heben wir wiederum den Reichtum an Zeichnungen hervor. So sind em Angriff deutscher Sturzkampfflieger auf die englische Flotte, die Parade in Warschau, sowie der Kampf um die polnische Hauptstadt In lebendigen Zeichnungen festgehalten.


