Ausgabe 
4.9.1939
 
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Nr. 206 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 4. September (YZY

Ser neue russische Botschafter der LldSSR. in Serlin.

Nach der Landung und Begrüßung schreitet Botschafter Schkwarzew in Begleitung von Unterstaatssekretär Woermann (links) und des Kommandanten von Berlin Generalleutnant Seifert (rechts) die Ehrenkompanie der Wehrmacht ab. (Scherl-Bilderdienst.)

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Ankunst in Berlin.

Moskau, 2. Sept. (DNB.) Wie amtlich mitge­teilt wird, hat das Präsidium des Obersten Sow­jets Herrn Alexander Schkwarzew zum Bot­schafterder UdSSR, in Deutschland er­nannt, da dem bisherigen Botschafter Mereka- lo m eine anderweitige Tätigkeit übertragen wurde. Botschafter Schkwarzew ist im Jahre 1900 in Rybinsk (an der nördlichen Weichsel) geboren. Der Nationalität nach ist er Großrusse. Vor Beginn feiner diplomatischen Laufbahn bekleidete Herr Schkwarzew eine leitende Stellung als wissenschaft­licher Mitarbeiter des Moskauer Textilinstitutes. Am Moskauer Textilinstitut begann er die diplo­

matische Laufbahn. Zuletzt war Botschafter Schkwar­zew, der übrigens auch deutsche Sprachkenntnisse besitzt, im Außenkommissariat tätig. Gleichzeitig ist Herr Wladimir P e r l o w , der bisherige Sekretär des Außenkommissars Molotow, zum Botschafts­sekretär in Berlin ernannt worden.

Am Samstagnachmittag traf der neu ernannte Botschafter, aus Moskau kommend, in einem von der deutschen Reichsregierung nach Stockholm ent­gegengesandten Sonderflugzeug auf dem Flughafen Tempelhof ein. Im gleichen Flugzeug traf der Mi­litärbevollmächtigte der UdSSR., der komman­dierende General Maxim P u r k a j e w , mit seinem Stab ein. Zur Begrüßung hatten sich Unterstaats­

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Der Botschafter verliest sein Beglaubigungsschreiben. Rechts neben ihm Botschaftssekretär Wladinn P e r- (o w General P u r k a j e w und der Chef des Protokolls, Freiherr v. Dornberg. Ganz links Staatsminister Dr. Meißner. (Presse-Illustration Hoffmann-M.)

sekretär Woermann, der Chef des Protokolls, Ge­sandter v. Doernberg und vortragender Legations­rat Dr. Schliep, der Stadtkommandant von Ber­lin, Generalleutnant Seifert, eingefunden. Nach der Landung schritten der Botschafter und der Militär- bevollmächtigte die Front einer Ehrenkompanie des Heeres ab.

Der Führer empfing am Sonntagmittag in der Neuen Reichskanzlei in Gegenwart des Reichs­

ministers des Auswärtigen von Ribbentrop den neuernannten Botschafter der UdSSR., Alex­ander Schkwarzew, der von dem Militäratta­che und Milstärbevollmächtigten Maxim P u r k a - j e w begleitet war. Eine Ehrenkompanie der Wehr­macht erwies bei Ankunft und Abfahrt militärische Ehrenbezeugungen. Im Anschluß an die lieber* reichung des Beglaubigungsschreibens far»* eine längere Aussprache statt.

Vom Vormarsch unserer Truppen.

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Panzerwagen überqueren einen Flußlauf auf einer schnell hergestellten Brücke. (Lanzinger-Scherl-Bilderdienst, Berlin.)

Menschliche Kriegführung.

Der Führer antwortet aus einen Appell Aoofevelts.

Berlin, 2. Sept. (DNB.) Präsident Roosevelt hat an alle Regierungen, die an etwaigen Feind­seligkeiten beteiligt sein sollten, einen Appell ge­richtet, öffentlich ihren Entschluß bekanntzugeben, daß ihre Truppen unter keinen Umständen Luftbombardements auf die zivile Bevölkerung oder auf unbefestigte Städte unternehmen werden unter der Voraus­setzung, daß die gleichen Kriegsregeln auch von allen ihren Gegnern aufs genaue st e befolgt werden.

Der Führer hat noch am gleichen Tage dem Geschäftsträger der Vereinigten Staaten von Ame­rika in Berlin seine Antwort mit der Bitte übermittelt, diese unverzüglich dem Präsidenten Roosevelt zur Kenntnis zu bringen. Die Antwort des Führers hat folgenden Wortlaut:

Die in der Botschaft des Herrn Präsidenten Roosevelt vertretene Auffassung, daß es ein Ge­bot der Menschlichkeit ist, bei militärischen Aktionen unter allen Umständen den Abwurf von Bomben auf nichtmilitärische Objekte zu unterlassen, entspricht durchaus meinem eigenen Standpunkt und ist von mir von jeher vertreten worden. Ich stimme daher dem Vor­schlag, daß die an den jetzt im Gange befindlichen Feindseligkeiten beteiligten Regierungen öffentlich eine entsprechende Erklärung abgeben, bedin­gungslos zu. Meinerseits habe ich bereits in meiner heutigen Reichstagsrede öffentlich bekannt­gegeben, daß die deutschen Luftstreit­kräfte den Befehl erhalten haben, sich bei

ihren Kampfhandlungen auf militärische Ob­jekte zu beschränken. Es ist eine selbstver­ständliche Voraussetzung für die Aufrechterhaltung dieses Befehls, daß sich die gegnerischen Luft- ftreitfräfte an d i e gleiche Regel halten.

(gez.> Adolf Hitler."

Eine deutsche Warnung an polen.

Berlin, 2. Sept. (DNB.) Auf Weisung des Reichsministers des Auswärtigen von Ribben«. trop ist am Freitag der polnischen Bot» schäft in Berlin eine Note übermit­telt worden, durch die der polnischen Botschaft mitgeteilt wird, daß die deutschen Luftstreitkräste den Befehl erhalten haben, sich bei ihren Kampf­handlungen in Polen auf militärische Ob­jekte z u beschränken. Der polnischen Bot­schaft ist gleichzeitig mitgeteilt worden, daß es eine selbstverständliche Voraussetzung für die Aus-, rechterhaltung dieses Befehls fei, daß die pol­nischen Luftstreitkräfte sich an die glei-! ch e Regel halten. Sollte dies nicht der Fall sein, so werde deutscherseits sofort schärfste 23 e r » geltung geübt werden.

Denke daran - handle danach:

Chlorodont

wirkt abends am besten!

und lassen kein polen ein"

Die Machtgelüste Polens auf Danzig sind nicht von heute, aber immer hat sich der Wille des Danziger Volkes leidenschaftlich gegen sie gewehrt. Auch das Danziger Volks­lied hat durch die Jahrhunderte bis in unsere Tage stets ausgesprochenen Kampfcharakter getragen. Das Beispiel, das wir unten brin­gen, stammt aus dem 16. Jahrhundert.

Zu Danzig in dem Thore, da liegen fünf hündelein (Kanonen), die bellen alle Morgen und lassen kein Polen ein.

Desgleichen auff dem Walle da sind der Vogel vil, sie singen süß und saure, danach mans haben wil.

Ade, ade, ir Polen! ...

Dis Lied sey euch gemacht.

Der Teufel soll euch holen

in einem Leddern sack! Pma.

Das Grab imKorridor".

Don ORuboff Tloujot

Der Nachtzug hat den letzten Berliner Bahnhof verlassen und rollt über die sprühenden Lichter der Millionenstadt ins einsame Land hinaus. Gen Osten! Ich stehe im Gang und lausche dem ein- rönigen Lied der Räder, die mich auf singenden Eisensträhnen hinauf an Haff und Meer tragen.

Die Leute im Abteil machen es sich bequem, drehen die Lampen aus und ziehen die Vorhänge vor die Fenster: der O-Zug schläft. Ich spähe m die laue Sommernacht hinaus, sehe die Lichter des Zuges wie huschende Gespenster über Felder, Stra­ßen und Flüsse wandern, höre das Heulen der Hunde in nächtigen Dörfern und den Klang einer Uhr von einem Kirchturm, der weißgekalkt über dem Walde steht.

Einige Stunden von der Hauptstadt Großdeutsch­lands hat das Reich ein Ende, einen jähen Ritz. Freunds Beamte steigen in den Zug, ein kurzer.

höhnischer Pfiff, und die Räder singen in ver­lorenes Land hinein: Korridor!

Aufmerksamer spähe ich durch die Dunkelheit über die rundlichen Sandhügel der ehemals west- preußischen Heide, in der Hermann Löns aufwuchs. Der Morgen dämmert, so reich, so wonnig, so ganz eigenen Gesetzen folgend, als wüßte er nichts vom Kampf der Völker. Der Wind streicht durch die Roggenfelder, breitbrückige Rinder grasen in wei­ten Roßgärten, Kiefernwälder schütteln den Tau der Nacht aus den Kronen.

Noch immer Korridor! Der v-Zug braust Stunde um Stunde, gleichmäßig, trübselig. Hinter verhäng­ten Fenstern liegen Menschen in unruhigem Halb­schlaf, während in den Gängen das bleiche Mor­genlicht die Lampen löscht. Aus anmutigem flachem Tal steigen rote Dächer und Türme empor. Viel­leicht war es früher einmal Könitz, vielleicht Grau- denz, jene unvergeßliche Festung, deren Komman­dant den Franzosen 1806 auf ihre Forderung zur Uebergabe stolz erwiderte: Wenn es keinen Komg von Preußen mehr gibt, dann bin ich König von Grande nz! .

Hinter mir öffnet sich plötzlich eine Tur, und em alter Mann tritt in den Gang, um mit gespannter Aufmerksamkeit und einer Erregung, die er ver­geblich zu verbergen trachtet, der anruckenden Stadt entgegen zu spähen. Ich sehe, wie sein faltiges Ge­sicht zuckt, wie er in steigender Unruhe auf etwas zu warten scheint. Jetzt braust der Zug durch den leeren Bahnhof, rattert durch die Anschlußgleise und gewinnt über einen kleinen Fluß den jenseiti­gen Äusgang der Stadt. _

In diesem Augenblick reißt der Alte das Fenster herunter und beugt sich weit vor. Ich folge seinem Blick, durch sein eigenartiges Verhalten tief berührt, und sehe einen kleinen, umfriedeten Kiefernwald in der Landschaft stehen. Heber seine Mauern hangt Efeu herab, und einige helle Kreuze schimmern aus dem Grün. ,

Ein Kirchhof also! denke ich und beginne zu ahnen, was den seltsamen Alten innerlich bewegt. Er faltet die Hände, es geschieht mit einer htls- losen, kindlichen Gebärde, vielleicht, weil er sich be­obachtet fühlt. , v , ...

Ich wende mich ab, um ihn m der Andacht nicht zu stören. Indessen kommt em polnischer Bahn­beamter den Gang herauf und schreit:Fenster schließen!"

Der Alte zerrt mit einer müden Bewegung an dem Ledergurt. In seinen Zügen malt sich ebenso­viel Bitterkeit wie das Erstaunen eines Menschen, der eben aus einem Traum erwacht. Dieses alles sieht so rührend aus, daß ich impulsiv hinzuspringe, um ihm behilflich zu sein. Er sieht mich dankbar lächelnd an.

Dort drüben ruht wohl jemand, der Ihnen lieb war?" frage ich nach einer Weile teilnehmend.

Mein Krau meine beiden Kinder."

Sind Sie Westpreuße?"

Gewesen!" lächelte er.Ich lebte in dieser Stadt viele Jahre" er machte eine müde Handbewe- gungbis bis es eben nicht mehr ging. Alles verlorene Heimat hier ... alles, alles! Ich wohne jetzt in Berlin. Es ist schwer, sich im Alter irgend­wo wieder einzuleben, es ist ... vielleicht auch Nicht mehr nötig! Die Toten kann man nicht mit» nehmen nur die Erinnerungen

Er sagt das alles stockend vor sich hin.

Jetzt reisen Sie wohl auch nach Ostpreußen hinauf?" frage ich weiter in dem Bestreben, ihn zu unterhalten, ihm vielleicht über diese schwere Stunde hinweg zu helfen. Da schüttelt er leicht den Kopf mit einem vieldeutigen Lächeln um den Mund:Mein Ziel habe ich schon erreicht, junger Herr! Ich wollte nur meine Frau besuchen ... und meine Kinder. Aussteigen darf man ja jetzt hier nicht mehr. Aber vorüberfahren ..."

Er nickte mir freundlich zu und verschwindet wie­der in seinem Abteil. Ich schaue nachdenklich in den Morgen hinaus. Frau und Kinder in fremder Erde, die einmal Heimat war und noch Heimat ist ...

Der Freistaat Danzig taucht auf, und dann steigt aus dem Werder mit mächtigen Türmen, von der aufgehenden Sonne überstrahlt, das Schloß des Deutschen Ordens. Der Korridor ist zu Ende.

Ich habe den Alten noch einmal flüchtig im Wartesaal des Marienburger Bahnhofes gesehen. Dort saß er neben einem kleinen Koffer und schlürfte selig seinen Morgenkaffee. Vielleicht freute er sich auf die Rückfahrt, wo noch einmal der Fried­hof und die Stadt, die seine Heimat war, vor ihm stehen werden.

Wenn ich heute an den Korridor denke und es geschieht oft in diesen Tagen sehe ich das Gesicht des Alten vor mir und sein eigenartiges

Lächeln, das gleichzeitig Trauer und Triumph aus­drückte:Aussteigen darf man ja jetzt hier nicht mehr aber vorüber fahren! ...

Das erste Unterseeboot, das ein Kriegsschiff versenkte.

Es ist kaum bekannt, daß schon vor 75 Iah« re n, am 17. Februar 1864 es einem Untersee» boot gelungen ist, zum ersten Mal em feindliches Schiff im Kriege zu versenken. Es war im Sezes» sionskrieg der amerikanischen Südstaaten gegen die Nordstaaten, als die Blockadeflotte der letzteren ihren Eisenring immer enger und enger um die Hafenmündung vonCharlefton zog. Eine Granit» faule hält hier noch die Erinnerung an das Er­eignis fest und führt die Namen der Toten, soweit sie bekannt waren, auf. Für die Konföderierten- flotte hatte Horace L. Hunley dasFischboo t" entworfen, das 6 m lang, etwa über 1 m breit und 1,50 m tief war. Die Antriebskraft des Bootes lieferten acht Mann, die in einer Reihe mit bis zum Kinn hochgezogenen Knien dasaßen und eine Kurbelwelle mit der Hand drehten. Wenn die Me­tallhülse geschlossen war, um zu tauchen, so enthielt sie nur soviel Lust, daß die Mannschaft eine halbe Stunde darin leben konnte. Da das Torpedo an dem Boot selbst befestigt war, war die Hoffnung, mit dem Leben dcwonzukommen, gering. Die in ihren Metallsarg eingeschlossene Mannschaft hoffte vielmehr nur, ein feindliches Kriegsschiff zu errei* chen und zu zerstören, bevor sie erstickt oder ertrun­ken war. Fünf freiwillige Mannschaften versuchten es nacheinander und starben, ohne ein feindliches Schiff zu zerstören; nach jedem Versuch wurde das Fahrzeug gerettet, und neue Freiwillige traten vor.

Der sechsten Mannschaft gelang es, das Torpedo gegen das BlockadeschiffHousatonic" zur Explo» sion zu bringen, aber dasFischboot" wurde von dem untergehenden Schiff mit in die Tiefe hinab­gezogen. Die Mannschaften waren in den fast sicheren Tod mit solcher Heimlichkeit gegangen, daß es Monate dauerte, bis die Namen der Toten be­kannt wurden, und als ein halbes Jahrhundert später die Gedächtnistafel errichtet werden sollte, war es nur möglich, 16 von den über 40 Mann, die ihr Leben dahingegeben hatten, noch feftjiM stellen. C. K, 4