Ausgabe 
4.3.1939
 
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Nr. 54 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fürGberWen)

4./5. Marz (939

Oie Flucht aus der Landarbeit eine Gefahr für das ganze Volk.

Von Richard Wagner, M. d.R, Landesbauernführer der Landesbauernschaft Hessen-Nassau.

Niemand im deutschen Volk, am allerwenigsten der Städter, kann heute mehr an dem Problem der Landflucht und den Fragen, die mit der Unter­bewertung der gesamten landwirtschaftlichen Arbeit Zusammenhängen, Vorbeigehen. Hier handelt es sich und das muß mit aller Deutlichkeit heraus­gestellt werden um eine Frage, die ü b e r das Wohl und Wehe unseres Gesamt­volkes entscheidet. Es ist kein neues Problem, das hier zutage tritt, und seit der falschen Bauern­befreiung des Kanzlers Hardenberg, der alle guten Gedanken des Reichsfreiherrn vom Stein in den Weg eines für das Bauerntum tödlichen Liberalis­mus überleitete, haben sich die Wissenschaft, Agrar­politiker und die Praxis mit dieser Frage beschäf­tigt.

Die einen sehen in der Landflucht jede Abwande­rung vom Lande, die anderen nur ein Landarbeiter­problem. Beide Auffassungen sind nicht richtig, denn es handelt sich hier um eine Frage, die nicht nur die Landarbeiter angeht, sondern die vor allen Dingen auch die Bauernsöhne und Bauerntöchter betrifft. In der Tat waren ja allein von 1895 bis 1910 bei einer Gesamtabwande­rung von 3,578 Millionen aus der Landwirtschaft 2,019 Millionen, d. h. 5 6,4 v. H., Se lb st än - d i g e , während nur 43,6 v. H. Arbeiter waren. Daß aber auch die Frage jeder Abwanderung vom Lande nicht mit Landflucht bezeichnet werden kann, geht daraus hervor, daß wir Nationalsozialisten das Bauerntum als den Blutsquell der Nation bezeichnen; denn wir wissen ja längst, daß die Städte ohne die vom Lande immer wieder zufließenden Menschen zum Aussterben verurteilt wären. Ich brauche nicht mit Zahlen zu beweisen, daß hier die Wissenschaft recht hat. Aber so lange man die Städte in der Frage der Bestandserhaltung nicht sich selbst überlassen will, muß eine gewisse Abwanderung vom Lande erfolgen dürfen.

Heute haben wir es aber mit einem wilden Rückzug aus der Landarbeit zu tun. Wir erleben eine übermäßige Abwanderung der Bevölkerung vom flachen Lande in die Stadt, aber außerdem auch eine Abwande­rung landwirtschaftlicher Arbeiter und selbständiger Existenzen aus der Landarbeit, die ihre Wohnungen auf dem Lande beibehalten. Hier handelt es sich um eine dauernde Abwanderung der Landbevölkerung als solche. Wir haben in der Geschichte eine Reihe von Beispielen, aus denen her­vorgeht, daß schon vor Jahrhunderten eine Land­flucht anzutreffen war. So war gerade z. B. b e i uns in Hessen um 1400 bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts eine regelrechte Flucht aus der Landwirtschaft zu verzeichnen, so daß im genannten Zeitraum etwa 40 v. H. der ländlichen Gemeinden eingegangen sind. Damals hat man die mangelnde Rentabilität der Landwirtschaft, die steigenden Ab­gaben und Lasten sowie die Preisschere zwischen Agrarerzeugnissen und gewerblichen Produkten als schuldig an der ländlichen Not bezeichnet. Was be­zeichnet das anderes als das Wort, das wir heute immer wieder hören: Unterbewertung der Landwirtschaft.

Ich habe schon einen Grund für die tiefere Wur­zel der Landflucht angegeben: die Verfälschung der Steinschen Agrargesetzgebung durch Hardenberg, die einen großen Teil des Bauerntums von der Scholle trieb und zu einem land- und besitzlosen L a n d - arbeiterftanb führte. Die Bemessung des Loh­nes, sei es in Naturalien oder in Geld, die mit der allgemeinen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung nicht Schritt halten konnte, ist ein weiterer Grund. Zweifellos haben auch betriebstechnische Neuerungen in der Landwirtschaft, wie z. B. der Zuckerrübenbau

ober ber Maschinenbrufch, bie ßanbarbeit noch stärker zur Saisonarbeit gemacht. Die Beschäftigung ausländischer Wanberarbeiter brückte bas Lohn- unb Kulturniveau ber beutfchen Lanb- arbeiter. Dor allem aber finb ber Geist bes Kapitalismus unb bas liberale Boden- recht sowie bie ungefunbe Grundbesitz - Verteilung in manchen Gegenden als Haupt­wurzeln ber Lanbslucht anzusehen. Blütezeiten ber Inbustrie haben immer die Landflucht besonders stark gefördert, da der Arbeiterbedarf der Industrie in solchen Zeiten unaufhaltsam den ländlichen Ar­beiterftanb vom Lanbe abfnugt.

So wirken, wie man sieht, viele Kräfte zusam­men, bie zeitlich unb örtlich wechseln unb bie selbst von ben Lanbslüchtigen verschieben beurteilt werben. Wenn man sich aber mit biesen Menschen unterhält, so nennen 50 v. H. von ihnen als Grunb für die Abwanderung eine z u niebere Entloh­nung ihrer Arbeit. Der Rest führt bas Fehlen von Aufstiegsmöglichkeiten, bie Erschwerung ber Familien grün- b u n g, bie Länge unb Unregelmäßigkeit ber Arbeitszeit ober bie Schwere ber Ar­beit selber als Grunb an. Selbstverständlich haben Vergnügungen ber Grvßstäbte, wie Kinobesuch usw., auch ihre Anziehungskraft.

Nun hat auch nach ber Machtübernahme, trotz aller Maßnahmen, bie ergriffen würben, bie Lanb- flucht weiter angehalten. Der Reichsbauern­führer hat in feiner Goslarer Rebe festgestellt, daß runb 400 000 arbeitsbuchpflichtige Arbeitskräfte ber Lanbwirtfchaft im Jahre 1938 weniger zur Ver­fügung stauben als 1933. Jebenfalls kann man ins­gesamt von 700 000 bis 800 000 Arbeitskräften spre­chen, bie ber Lanbwirtfchaft verloren gegangen finb. Wenn wir bie Grünbe für bie Lanbslucht durch- gehen, so bleibt als Hauptgrunb, baß bie Ent - lohnungsverhältnisse auf bem Lanbe heute so niebrig finb, baß eben feiner mehr in ber Lanb- wirtschaft arbeiten will, fei er Lanbwirts- ober Bauernsohn ober 'Bauernmöbel. Es geht so weit, baß Bauernsöhne, bie einen Erbhof bewirtschaften müssen, in Gegenden mit starker Inbustrie keine Frau mehr bekommen, weil die Bauern­mädchen die schwere Arbeit nicht auf sich nehmen wollen.

Es ist kein Zweifel, daß wir es mit einer Unter­bewertung in der Landwirtschaft zu tun haben, aus der letzten Endes wieder die Unmöglichkeit entsteht, solche Löhne zu zahlen, daß die Arbeitskräfte gern auf dem Lande arbeiten. Die Unterbewertung der Landwirtschaft und ihrer Arbeitsleistung beschwört die Gefahr einer Extensivierung der Arbeit, d. h. bie Gefahr einer ßeiftungs - minberung, herauf. Diese Feststellung wirkt sich zwangsläufig dahingehend aus, baß bie Leistung zurückgeht unb dadurch nicht nur bie Lanbwirtfchaft, sondern das ganze Volk großen Schaden er­leidet. Seine Ernährungsmöglichkeiten verschlechtern sich. Was bas für bas Volk, das so angestrengt arbeiten muß, wie bas beutsche, bedeutet, kann jeder unschwer erkennen. Führen wir bei einem Rückgang ber heimischen Erzeugung bas Fehlenbe aus bem Auslanbe ein, so brauchen wir Devisen. Benötigen wir bie Devisen für Nahrungsmittel, so fehlen sie bei anderen für die Industrie wichtigen Rohstoffen, die eingeführt werden müssen. Damit verzögert und erschwert die Unterbewertung der landwirtschaft­lichen Arbeit aber auch die industrielle, überhaupt die nichtlandwirtschaftliche Arbeit.

Es sind deshalb von uns Maßnahmen ergriffen worden, die bie Lanbflucht zurückdämmen sollen. Wir haben bie Lebensverhältnisse bes Lanbarbeiters burch Vermehrung gesunber Lanb-

arbeiterwohnungen, burch Regelung ber Arbeitszeiten unb Minbe st löhne, burch Schaffung von Aufstiegsmöglichkei­ten unb Verbreitung bes Heuerlingswesens zu bekämpfen versucht. Auch im Lanbbienst unb Lanbjahr würbe, ebenso wie mit ber Hebung bes kulturellen Lebens auf bem Laub, versucht, ber Lanbflucht entgegen­zuarbeiten. Trotz aliebem hat sich ber Zug nach ber Stabt als stärker erwiesen, unb mir selbst können uns nicht ben geringsten Vorwurf machen, baß es an unserem guten Willen gefehlt hätte. Die kurze Formel, bie ber Stabsamtsführer bes Reichsbauern­führers, Dr. Reifchle, niebergelegt hat, trifft ben Nagel auf ben Kopf:Zur Lanbflucht führt bie heutige Unterbewertung ber ßanbarbeit".

Diese Frage aber zu lösen kann nid)) Aufgabe eines Stanbes fein, sie muß bie Aufgabe bes gesamten Volkes werben, ba bas Bauern­tum ber Blutsquell der Nation ist. Die Bauersfrau muß Mutter einer großen Familie fein können. Zum Aufziehen von Kindern gehört

aber ßebenskraft unb Zeit. Nimmt jeboch Arbeitsüberlastung ßebenskraft und Zeit, so droht ber Geburtenquell zu versiegen. Die Arbeitsämter, bie heute barüber zu wachen haben, welche Zeit als Pflichtjahr von ben jungen Mäbchen unter 25 Jahren zu gelten hat, haben bafür zu sorgen, daß nicht bie Mäbchen in einen Haushalt vermittelt werben, ber klein ist und von einer Frau geführt werben kann, fonbern zunä-ck/st in einen bäuer­lichen unb landwirtschaftlichen Haus­halt kommen.

Es liegt im Gesamtinteresse des Volkes, bie Unterbewertung ber landwirtschaft­lichen Arbeit zu beseitigen und damit auch die Flucht aus der ßanbarbeit abzustoppen. Der Agrarsektor selbst hat nach dem derzeitigen Stande alle in ihm liegenden Möglichkeiten ausgenutzt. Denkt daran, daß schon vor 1% Menschenalter em deutscher Schriftsteller gesagt hat:Wer die Zeichen der Zeit versteht, der kann ben Zug vom ßanbe nur beurteilen als ben Zug zum Tob e."

Nach Afrika eingeladen.

Bei den Deutschen in Angola. Gastfreundschaft am Wüstenrant.

Sonderbericht des Gießener Anzeigers

m.

Es gibt wohl kaum ein ßanb in ber Welt, in bem bas Deutschtum nicht irgendwie vertreten wäre. Man kann dabei immer wieder feststellen: je ent­legener ein Erbenstrich, um so handfester ist ber Deutsche, ber hier sein ßeben fristet, und um so stärker glüht in ihm die ßiebe zur fernen deutschen Heimat. Darum ist es angebracht, von diesen Deut­schen zu erzählen, wenn man einmal mit ihnen näher zusammentrifft.

Die Fahrt des portugiesischen Staatspräsidenten nach Angola gab mir immer wieder Gelegenheit, das Deutschtum in -Angola, der großen portugiesischen Kolonie in West-Afrika, kennenzu­lernen, ob es sich dabei um Deutsche handelt, die in den Küstenstädten als Kaufleute, Angestellte oder Handwerker tätig finb, ober um bie Pflanzer, bie an ben Hängen ber Hochlänber ihre Kaffee-, Mois- unb Sisal-Kulturen bauen. Wenn man bebenft, daß Angola tropisches Afrika ist, bann ist bie Zahl ber hier ansässigen Deutschen überraschend hoch; sie wird mit 600 angegeben. Freilich, meist sind es Pflanzer, die als Deutsche im angolaischen Hinterland leben.

Wie ungemein herzlich nahm mich bas Deutschtum immer wieber auf! Welch eine Freube, als mir em Bote beim Verlassen bes Dampfers in Mossamebes einen kleinen Brief überreichte folgenden Inhalt: Sehr geehrter Herr Eck, bei Ihrer Ankunft in Mos­samebes begrüßen wir Sie herzlichst unb heißen Sie willkommen! Wir würben uns sehr freuen, wenn Sie währenb ber brei Tage, bie Sie in Mossamebes finb, recht oft unser Gast wären. Bitte, lassen Sie uns Ihre Wünsche wissen." Unterzeichnet war bas Schreiben mitBruno Hochmeister unb Frau". Hochmeister? Nein, ich kannte ihn nicht. Nie hatte ick) biesen Namen gehört. Dafür hatte er aber meinen Namen gelesen. In ben portugiesischen Zeitungen, die bie ßifte ber Begleitpersonen bes Staatspräfibenten veröffentlicht hatten.

Es war ein fröhlicher Empfang im Hause Hoch­meister. Meine Wünsd)e wurden noch am gleichen Abend erfüllt, sie galten bem Essen, unb so löffelten wir wie beim ersten Eintopf in Deutschland Erbsen­suppe mit Speck. Dann gings ans Erzählen. Bruno Hochmeister lebt mit seiner jungen Frau unb seinem etwa zwei Jahre alten Söhnchen als einzige deutsche Familie in Mossamedes. Trotzdem ist Mossamedes eine sogenannteweiße Stadt", in der fast keine Neger leben, sondern nur weiße Portugiesen, deren Geschlechter allerdings seit über hundert Jahren hier ansässig sind. Inmitten dieser rein portugiesischen

Umgebung lebt Hochmeister als Kaufmann, besitzt ein gutgehendes Geschäft und fühlt sich wohl, ob­wohl es für einen Deutschen immer recht schwer ist, von seinem Volkstum losgelöst in ber fernen Fremde zu leben. Aber wie überall in Angola hilft auch hier die portugiesische Gastfreundschaft, das ßeben un­serer Deutschen freundlich zu gestalten.

Auf allen Gala-Bällen sah ich sie, unsere Deut­schen, die zu Ehren des portugiesischen Staatsober­hauptes vielfach aus (Entfernungen von vielen hun­dert Kilometer hergekommen waren. Von weißen Tropenfräcken hob sich das Eiserne Kreuz, zumeist der einzige, aber imponierende Schmuck un­serer ßanbsmänner in Angola, wirkungsvoll ab. An­derntags saßen wir bann in bem Heim eines deut­schen Kaufmanns zusammen mit unfern deutschen Pflanzern und plauderten über bie ferne beutsche

SPITZENLEISTUNG /

OPEL

Heimat. Wie wohl fühlte ich mich in bem Hause bes deutschen Konsuls in ßoanba, des Herrn Dr. Martin, der sowohl von ben Deutschen als auch von ben Portugiesen sehr geschätzt roirb; Die beut­sche Kaufmannsfamilie Thielecke, beren Kinder bie beutsche Schule in Swakopmunb (Deutsch-Sübwest- Afrika) besuchen, ftonb mir immer mit Rat und Tat und sehr viel ßiebenswürdigkeit zur Seite. Auch im Hause bes Gnglänbers Berman, ber die amerika­nische Firma Hudson in Angola vertritt, genoß id) bie gleiche herzliche Gastfreunbschaft, zumal bessen Gattin eine geborene Deutsche aus Metz ist.

In ßoanba fanb bie erste große portugiesische Ausstellung gerabc in ben Tagen statt, in benen ich mich bort aufhielt. Die deutsche Kaufmann­schaft Angolas war hier mit großen eigenen Stän­den ober Pavillons recht beachtlich vertreten, sie legte damit Zeugnis ab von dem hohen Stand der deutschen industriellen Produktion. Nicht zuletzt un­seren deutschen Kaufleuten ist cs zu danken, daß Deutschland nach der letzten amtlichen Wirtschafts­statistik ber Bank von Angola an zweiter Stelle aller importierenben ßänber (hinter Eng- lanb) steht. Diese Tatsache spricht für die Wertschät­zung, bie man in Portugal unb in Angola deutschen Erzeugnissen entgegenbringt, unb gleichzeitig spricht sie für ben jahrzehntelangen Fleiß unserer beutschen

Der Deister.

Von Walter von Molo.

Der alte Haydn verließ in feinen letzten ßebens- jahren feine kleine Wohnung nicht mehr. Er er­heiterte sich bie Debe ber Greisentage mit dem Spie­len eines Fortepianos, dessen Klaviatur besonders leicht zu bewegen war. Schließlich mußte t auch das unterlassen, feine Kraft war erloschen, Alter unb Schwäche brückten ihn zu Boben.

Als man ihm jeboch erzählte, baß eine Gesell­schaft, bie die Wiener mit ben Werken ber großen Meister ber Tonkunst bekannt machte, fein berühm­tes ChorwerkDie Schöpfung" aufführen werbe, ließ er ebenso unerwartet wie dringlich ben Wunsch erkennen, ber Aufführung beizuwohnen.

Zwei Stunden vor Beginn des Konzertes war der geräumigste Saal der Stabt von mehr als 1500 Menschen überfüllt. Alle, bie ein Gefühl für Musik ober Ehrfurcht vor Verdienst unb Alter hatten, waren in sonntäglicher Kleibung erschienen. Die Nachricht verbreitete sich, Haybn sei eingetroffen. Männer unb Frauen von hoher Geburt unb viele Personen von Namen unb seltenen Talenten gingen ihm ehrerbietig bis an ben Fuß ber Treppe ent­gegen, um ihn zu empfangen. Als sich ber ruhm- roürbige Greis, auf einem Sessel getragen, im Saale zeigte, erhoben sich alle, und ihre Bücke waren in Rührung auf ben Großen gerichtet. Divatrufe unb Beifallklatschen erschollen, ein Tusch aller Instru­mente bewillkommnete ihn. Vorsichtig würbe er ganz vorne niebergelassen, und zwei Prinzessinnen überreichten ihm Huldigungsgedichte. Haydns fast erloschene Augen glühten sonderbar dunkel: es ge­brach ihm an Worten, das Gefühl, das ihn ergriffen hatte, auszufprechen. Man hörte nur einzelne, von Tränen unterbrochene ßaute wie Dank! glück­lich .. .

Inmitten der auswärtigen Gesandten und ber schönsten Frauen Wiens saß ber Greis. Der erste Dirigent ber Stabt gab bas Zeichen zum Anfang. Mit berounberungsroürbiger Einheit begannen vor­zügliche Virtuosen bie Aufführung berSchöpfung". Der bejahrte Meister erkannte, baß fein Werk noch niemals in der Welt in solcher Vollkommenheit exe­kutiert worden war, die Zuhörer empfanden, was sie noch nie empfunden hatten und nie mehr emp­finden sollten. Üeberroältigt von den (Erinnerungen an die glanzvolle Zeit feiner Kraft zerfloß Haydn in Tränen und vermochte nichts anderes, als zum Zeichen feiner Dankbarkeit einige Male feine Hände dem Himmel zuzuheben.

Am Ende des ersten Aktes zeigten sich die Träger wieder im Saale, um Haydn zurück nach Haufe zu

tragen. Seine Verehrer fürchteten die Folgen der Erschütterung der Freude auf seine schwache Gesund­heit. Haydn winkte den Trägern ungehalten zu, sich zu entfernen, keine Störung zu veranlassen, doch man drang liebevoll in ihn, sich zu schonen, damit sein Herz nicht Schaden erleide. Der Ehrwürdige wurde im gleichen Triumphe, mit dem er empfangen worden war, weggehracht, gerade als der Fortgang seiner herrlichen Schöpfung mit vollendeter Meister­schaft intoniert wurde.

Es erschien vielen befrembenö, baß ber Meister schluck)zenb, wie in Verzweiflung, ja in Zorn, bie Arme ausstreckte unb roiberftrebte.

Es gewann ben Anschein, aber zu biefer Einsicht gelangten seine Verehrer erst später, als ob Haydn in feinem letzten Glücke, unter festlichen Menschen, die ihn liebten, gewissermaßen in ben Armen seines Werkes unb ber Freunbe, bie ihm biefes gewann, hätte sterben wollen.

Als er in feine einsame Wohnung zurückgebracht war, hotte er bas Bewußtsein verloren. Balb barauf war er tot.

Der Frühling und die Dichter.

< on Wilhelm von Scholz.

Daß ber Frühling in ber Dichtung, vor allem ber lurisch.n Dichtung, immer wieder besungen wirb, bas ist so bekannt, ist so oft belacht worben, daß man danach schon lange die zahllosen kleinen Ver- sifexe ohne echtes Talent, bie in ihren Gebichtchen meist vom Frühling gar nicht loskommen, als Blaublümelein-Poeten" bezeichnet.

Nun ist gewiß uns allen das Wunder ber wieder- erwachenben Natur ein allerstärkstes Erlebnis, bas nichts einbüßt an ber Kraft, mit ber es auf unsere Seele, unser Gemüt wirkt, wenn es fick) Jahr für Jahr wieberholt; das immer wieder neu und be­glückend ist, voller Hoffnung und ßebensverheißung. Und doch müssen wir um viele Jahrhunderte zurück­gehen und uns das Dasein im Mittelalter vorstellen, um zu begreifen, wie einst das Herz der Menschen davon erschüttert wurde, wenn die Tage wuchsen, Wärme und ßicht die ßuft durchströmte, wenn wie­der Frühling wurde; wie damals die Frühlings- dichtung ihren stärksten Antrieb empfing.

Denn damals war ber Winter etwas ganz, ganz anderes als heute. Wir haben kein unmittelbares Gefühl mehr dafür, wie es bei unseren Vorfahren aussah, wenn Regen. Nebel, Schnee, rauher Wind und Kälte einfielen, die Tage kurz und lichtlos, der Wald kahl, die Felder und Aecker dunkel wurden vom lastenden Gewölk, das sich über dem ßanbe hinfchob.

Wir haben eine Fülle von künstlichem ßicht, von Zentralheizungs- und guter Dfenmärme, von An­regung unb Regsamkeit in ben winterlichen Stäbten: Verkehr, Geselligkeit, Theater, Musik, die tausend anderen Mittel zur Zerstreuung ober zur Samm­lung! Anderseits ist uns die Winternatur mit ihrer Schneesonne durch Bahnen, gute Gasthöfe, Gewöh­nung an Wind und Wetter nichts weniger als em Schrecknis mehr. Die jungen Menschen treiben Sport, rodeln, laufen Schlittschuh ober Schi und find wohl gar betrübt, wenn ber Frühling kommt, oder reifen zum Wochenende bem Winter in feine Gebirgswelt nach.

Weber in der Hellen Stabt mit Kunst unb Schas­sen, noch in ber freien Natur brausten mit Sport unb Betätigungsluft kann man etwas von ben ein­stigen Entbehrungen bes Winterlebens in unseren Breiten ahnen; bes alten deutschen Winterlebens, das bestensfalls und erst verhältnismäßig spät ein mit Familienbehaglichkeit ausgefüllter Wintertraum wurde

Wir freuen uns auch, wenn der Frühling kommt, unb begrüßen bie fteigenbe Sonne. Aber welch an- beres Aufatmen war bas im Mittelalter, wo der Mensch unweigerlich in jedem Winter unter ber Kälte litt unb einige Monate an ßicht geradezu verkümmerte; als Fackeln ober rauchenbe Kkenspäne, fladernbe Kamine, die kleinen matten Flammen der Oelschälchen unb fragwürdigen Kerzen mehr Schat­ten als ßicht in die winterdämmerigen Räume brachten! Und draußen lagen in dem eifenbahn­losen Deutschland die verschneiten Bandstraßen ein­sam, oft genug unbefahrbar in grauer Weltver­lorenheit!

Da griff das ßenzwerden gewaltig ins Herz der Menschen, daß es ihr Gefühl ausströmen ließ unb sie zu Dichtern machte, wo nur ein Funke Begabung vorhanden mar. Wir haben freilich schon aus bem zehnten Jahrhunbert von lateinisch dichtenden beut­schen Mönchen mittelbare ßobpreifung bes Früh­lings; aber bie damalige Dichtung war gelehrt unb volksfremd, sie hatte noch nicht ben vollen ßebens- ton.

Der ist plötzlich ba, sobalb die ritterlichen Minne­singer zur ßaute greifen und in tausend Abwand­lungen jubelnd den ßenz besingen: bie wieder- crwachte Natur, die Blumen, bie lenzliche ßiebe. Die einfachen Poeten unter ben Bauern unb Hand- werkern gaben mit Spaß unb Witz in Winter- austreibungs-Spielen ihrer Frühlingsfreube Aus­druck. Aber auch ben Minnesingern fehlt ber Humor keineswegs:

,Du bist kurzer, ich bin langer*, also stritens uf dem Anger bluomen unde klee!

Eine Welle jubelnder Frühlingsdichtung geht über das ßnnb. Ein Gipfel wird erreicht: Walthers von ber VogelweideUnter ber ßinben", bas schönste, von ßenzgefühl unb Nachtigallenschlag durchströmte ßiebesgedicht bes Minnesangs!

Der Frühlingshymnus jener großen Zeit, ber Staufer-Zeit, wirkt burch unsere ganze Dichtungs­geschichte bis auf heute nach. Jener Männer nach ßage ber Zeitverhältniffe noch stärkeres Frühlings­erleben ist durck) bie Jahrhunberte von Dichter zu Dichter weitergefloffen unb hat alle spätere ßyrik erfüllt. Wohl jeder Dichter unb sicher jeder ßyriker, ob er ein schlichter Volksliedsänger oder ein gelehr­ter Barockpoet, ein Dichter unserer Klassik ober einer ber Nachklassiker war, hat seitbem ben Früh­ling besungen.

Am vertrautesten finb uns Heutigen gewiß die Dichter bes neunzehnten Jahrhunderts, die uns zeit­lich nah finb unb doch schon zum allgemeinen Besitz gehören. Welche Perlen verdanken wir allein schon ihnen: MörikesFrühling läßt sein blaues Band wieder flattern durck) bie ßüfte" Uh 1 anbs Die linden ßüfte find erwacht" Hebbels Vorfrühling" G e i b e l sDu feuchter Früh­lingsabend, wie hab ich dich so gern" Eichen- dorffs ganzes Füllhorn von Gedichten, das uns mit Frühling überschüttet Rückertsßiebes- frühling" Conrad Ferdinand Meyersßenz- fahrt" unb bie anberen herrlichen ßenzgedichte von ihm. Wo soll man enben!

Unb boch ist bie größte Frühlincrsdichtung unseres gesamten Schrifttums von seinen Anfängen an noch nicht unter diesen. Das sind die Verse des O st e r - spaziergangs in GoethesFaust", in der das -ursprüngliche echte deutsche Frühlingserleben ben stärksten Ausbruck gewann:

Aus bem hohlen, finstern Tor bringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeber sonnt sich heute so gern;

sie feiern bie Auferstehung des Herrn: benn sie finb selber auferftanben, aus niebriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- unb Gewerbesbanben, aus bem Druck von Giebeln unb Dächern, aus ber Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht finb sie alle ans ßicht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge* durch die Gärten unb Felder zerschlägt.

Warum ist hier bie größte Frühlingsbichtung gelungen?

Weil sie nicht nur vom einzelnen liebenden ober durch den Frühling beglücken Menschen aus erlebt wurde, sondern aus dem Volk, au<; der Gesamtheit, von deren Gefühlen ber Dichter erfüllt ist!