Merkur am Morgenhimmel
Oer gestirnte Himmel im Januar.
Bon Or. Erwin Kossinna.
Don allen mit freiem Auge sichtbaren Planeten ist unstreitig der M e r k u r am schwierigsten zu beobachten, obwohl er ein ziemlich heller Stern ist. Aber er bleibt stets in der Nähe der Sonne und kann daher nur in der Zeit nach Sonnenuntergang oder vor Sonnenaufgang gesehen werden. Dabei steht der Planet nur in geringer Höhe über dem Horizont und hebt sich von dem hellen Himmels- grund nur wenig ab. Ein weiterer Grund dafür, daß so mancher Sternfreund noch niemals den Merkur erblickt hat, liegt in der rasch wechselnden Stellung dieses schnellsten aller Wandelsterne. Für einige Tage erscheint er am Morgenhimmel, um dann auf Wochen zu verschwinden und plötzlich wieder am Abendhimmel aufzutauchen, wo er sich auch nur kurze Zeit aufhält. Ist dann die Luft in Horizontnähe nicht ganz klar, was in unserem Klima leider nur zu häufig der Fall ist, so sind alle Bemühungen, Merkur ohne optische Hilfsmittel zu entdecken, vergeblich.
Um den sonnennächsten Planeten zu beobachten, muß man daher die Zeit wählen, wenn er weitesten nach Westen oder Osten von der Sonne ausschwingt. Im Jahre 1939 erreicht Merkur am 3. Januar seinen größten westlichen Abstand von der Sonne und geht nahezu zwei Stunden vor ihr auf. Man suche daher zu Beginn des Monats eine gute Stunde vor Sonnenaufgang am südöstlichen Horizont nach dem Planeten. Das Aufsinden von Merkur wird dadurch wesentlich erleichtert, daß schräg rechts über ihm sich die hellstrahlende Venus befindet, die von Dezember bis Mai die Rolle des Morgensterns spielt. Merkur ist ebenso hell wie Arkturus, der Hauptstern im Bootes; aber Venus rund 40mal heller. Bereits Mitte Januar verschwindet Merkur wieder vom Osthimmel. Venus geht vor 5 Uhr auf und erreicht am 30. Januar ihre größte westliche Abweichung von der Sonne. Als Dritten Planeten am Osthimmel sehen wir den rötlichen Mars im Sternbild der Waage, der gegen 3 Uhr aufgeht. Arn 15. und 16. Januar können wir etwa IV2 Stunden vor Sonnenaufgang die Sichel des abnehmenden Mondes neben Mars und Venus sehen.
Der hellstrahlende Jupiter ist nur noch in den frühen Abendstunden im Südwesten sichtbar. Er geht Anfang Januar um 20.30, Ende des Monats um 19 Uhr unter. Saturn im Sternbild der Fische bleibt bis 23 Uhr über dem Horizont. Uranus kann mit einem Feldstecher im Widder ausgesucht werden.
Von besonderer Schönheit ist im Januar der abendliche F i x st e r n h i m m e l, der zu keiner anderen Jahreszeit solche Pracht entfaltet, wie in den Wintermonaten. Gegen 22 Uhr steht das großartige Sternbild des Orion hoch im Süden und lenkt durch die wunderbare Anordnung seiner Hellen Sterne immer wieder den Blick auf sich. Mit dem Fernglas erkennen mir außerdem zahlreiche schwächere Sterne in dem großen Viereck, sowie unter den drei in einer schrägen Linie stehenden Gürtelsternen einen milchigen Lichtfleck, den Orion- nebel. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß die Orionsterne zu einem ausgedehnten, mehrere hundert Sonnen umfassenden Sternhaufen gehören, dessen Abstand etwa 400 bis 600 Lichtjahre beträgt und der sich von uns mit einer Geschwindigkeit von 22 Kilometer in der Sekunde entfernt. In diesem ziemlich weit zerstreuten Sternhaufey erkennt das freie Auge nur die Lichtriesen. So besitzt jeder der drei Gürtelsterne des Orion bei einer Oberflächen
temperatur von 18 000 bis 22 000 Grad rund die 2000fache Leuchtkraft der Sonne. Und noch weit lichtmächtiger ist R i g e l, der 18 OOOfache Sonnen- Helligkeit aufweist. In der Entfernung des Rigels würde unsere Sonne nur ein Stern 11. Größe, ein nur in größeren Fernrohren erkennbares winziges Lichtpünktlein sein.
Um den Orion gruppieren sich die Sternbilder Großer und Kleiner Hund, Zwillinge und Stier. Als weitaus hellster aller Fixsterne funkelt links unter dem Orion Sirius im Großen Hund. Wenn in der Neujahrsnacht die Glocken das neue Jahr einläuten, erreicht Sirius den höchsten Punkt seiner scheinbaren Bahn; er kulminiert um Mitternacht. Man pennt ihn daher auch N e u j a h r s st e r n. Sein blauweißes Licht ist neun Jahre unterwegs, bis es die Erde erreicht. Sirius gehört also zu den nächsten in Mitteleuropa sichtbaren Fixsternen.
Einen besonders reizvollen Anblick gewähren die beiden Sternhaufen im Stier, namentlich wenn man sie durch ein Fernglas betrachtet. Um den rötlichen Aldebaran scharen sich scheinbar die weißen Lichtpunkte der H y a d e n , die durchschnittlich 130 Lichtjahre entfernt sind, während Aldebaran selbst nur 57 Lichtjahre entfernt ist und nicht an der gemeinsamen Bewegung der Hyaden durch den Raum teilnimmt. Wenigstens viermal weiter als die Hyaden schweben die P le jaden oder das Siebengestirn. In diesem Sternhaufen sind über 200 Sonnen zu gemeinsamer Fahrt durch das Weltall vereinigt. Mit bloßem Auge erkennt man jedoch nur die sechs hellsten Sterne, die Lichtriesen. Langbelichtete photographische Aufnahmen der Plejaden zeigen, daß der Raum zwischen den Riesensternen von zarten hellen Nebeln erfüllt ist, die das Licht der sehr heißen Sterne reflektieren.
Nahe dem Zenit leuchtet die hellgelbe Kapella im Fuhrmann. Dieses Sternbild steht in der Milchstraße, die zwischen Sirius und Prokyon hindurchzieht und über die Zwillinge, Fuhrmann, Perseus, Kassiopeia und Kepheus zum Schwan am Nordwesthorizont verläuft. Das zarte, aber reich gegliederte Lichtband der Milchstraße hat namentlich in den frühen Abendstunden noch eine recht günstige Stellung.
Während im Westen sich die Herbststernbilder dem Horizont nähern, sind im Osten gegen 22 Uhr das unscheinbare Sternbild des Krebses und der Große Löwe heraufgekommen, in dem Regulus als hellster Stern funkelt. Den Verlauf der Ekliptik oder der scheinbaren 'Sonnenbahn zeigen uns die Tierkreissternbilder: Fische (mit Saturn), Widder, Stier, Zwillinge, Krebs und Löwe.
Am Nordhimmel steht der Himmelswagen im Großen Bären rechts vom Polarstern und rollt mit nach unten gerichteter Deichsel aufwärts. Zwischen dem Großen und kleinen Bären windet sich die Sternlinie des Drachen hindurch, dessen durch ein Sternviereck bezeichneter Kopf auf die am Nordhorizont funkelnde Wega gerichtet ist.
Der optisch veränderliche Stern Algol im Perseus ist im kleinsten Licht am 2. Januar 19 Uhr, 19. Januar 23.45 Uhr, 22. Januar 20.30 Uhr.
Die Erde erreicht am 3. Januar den sonnen- nächsten Punkt ihrer Bahn (Perihel); ihr Abstand von der Sonne beträgt dann 147 Millionen Kilometer gegenüber 152 Millionen Kilometer im Juli.
Der Mond zeigt folgende Lichtgestalten: Vollmond am 5., letztes Viertel am 12., Neumond am 20., erstes Viertel am 28. Januar.
zialdirektor Grass in den Ruhestand trat und (einen Wohnsitz nach München verlegte, wurde Dr. Meesmann am 1. April 1934 zum Vorsitzenden der Gießener Hochschulaesellschaft aewahlt Seit jenem Tage widmet er seine Kraft den bedeutenden Aufgaben der Hochschulaesellschaft im Dienste unserer Universität. Mit dieser ehrenam lichen Tätigkeit hat er der Ludoviciana schon zahlreiche wertvolle Dienste angedeihen lassen, die einer Reihe von.Instituten und Forschungseinrichtungen der Universität sehr förderlich geworden sind. Die Wissen chaft in Gießen hat jedenfalls feinem Wirken viel zu verdanken, und sie darf die Gewißheit haben, daß sie in dem Jubilar allezeit einen warmherzigen Freund und Förderer besitzt.
Durch seine ausgezeichneten Charaktereigenschaften und durch seine in schwerstem Kampfe für Deutschland stets bewährte nationale Festigkeit, aber auch durch sein allezeit freundliches und hilfsbereites Wesen hat sich Dr. M e e s man n m Gießen und weit darüber hinaus große Wertschätzung in breiten Bevölkerungsschichten erworben. Dem Jubilar bringen auch wir zu seinem morgigen 70. Geburtstage unsere herzlichen Glückwünsche dar. Prof. Dr. niet). Koeppe 72 Jahre alt.
Der frühere Direktor der Universitäts-Kinder- klinik in Gießen, Prof. Dr. med. Hans Koeppe, kann am heutigen Mittwoch, 4. Januar, seinen 72. Geburtstag begehen. Als Wissenschaftler und als Praktiker hat sich Professor Koeppe große Verdienste erworben, namentlich auch durch eine von ihm geschaffene, nach ihm benannte Säuglingsnahrung.
Als praktischer Arzt begann Dr. Koeppe seine Laufbahn in Darmstadt, später wirkte er in Gießen. Er machte dann mehrere längere Studienreisen, habilitierte sich hierauf in Gießen und wurde hier im Jahre 1907 zum außerordentlichen Professor ernannt. Im Jahre 1910 wurde er ärztlicher Leiter der Zentrale für Mutter- und Säuglingsfursorge in Hessen. Im Jahre 1913 wurde ihm unter gleichzeitiger Ernennung zum ordentlichen Professor die Leitung der neugeschaffenen Kinderklinik der Universität Gießen übertragen.
Zahlreiche praktische ßaboratoriumsarbeiten und eine große Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten auf dem Gebiete der Säuglingsfürsorge und der Kinderheilkunde sind neben feiner Klinikstätigkeit weitere sichtbare Erfolge der tatfrohen Arbeit dieses Gelehrten. Dem in weiten Bevölkerungskreisen bekannten und geschätzten Jubilar gilt auch unser herzlicher Geburtstagsglückwunsch.
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadtthegter: 19.30 bis 22 Uhr, „Lauter Lügen". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Pour le mente“.
Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Nanu, Sie kennen Korff noch nicht."
Spielplanänderung im Stadttheater.
Infolge plötzlicher Erkrankung im Personal heute abend statt „Der Hochverräter" die Gesellschafts- tomödie „Lauter Lügen" von Hans Schweikart. Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 14. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt, Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr.
Gießener Konzert-Verein.
Das für Sonntag, den 8. Januar, angesetzte Konzert der hervorragenden Violinoirtuosin Alma Moodie wird auf Wunsch der Künstlerin auf Sonntag, 15. Januar, verlegt. Hermann R e u 11 e r , der außergewöhnlich erfolgreiche Komponist, Direktor der ftaatl. Musikschule in Frankfurt, von welchem eine Rhapsodie (Manuskript) zur Aufführung gelangt, wird Alma Moodie begleiten, was dem Konzert eine besondere Note gibt.
Hitler-Jugend Bann 116.
Thealerring der Hiller-Iugend.
Heute abend Theaterring der Hitler-Jugend (3. Vorstellung), Zusatzkarten. Es gelangt d'^ Ge- sellschaftskomödie „Lauter Lügen" von Hans Schweikart zur Aufführung. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
WHW., Ortsgruppe Gießen-Rord.
Betr. Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefprbert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie C)
bis spätestens Donnerstag, 5. Januar, auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Gutscheine können nicht mehr berücksichtigt werden.
WHW. Ortsführung Gießen-Güd.
Kohlenabrechnung.
Die Kohlenhändler werden hiermit aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutfcheine der Serie „C" am Donnerstag, 5. Januar, von 19 bis
20 Uhr auf der Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Kohlengutfcheine werden nicht mehr angenommen.
Verlängerung der Mietbeihilfen.
Durch eine von dem Reichsminister des Innern, dem Reichsarbeitsminifter und dem Reichsfinanz- minifter erlaßene Zweite Verordnung über Mietbeihilfen vom 31. Dezember 1938 ist der zunächst bis 31. März 1939 befristete Ausgleich der feit 1. April
1938 nicht mehr gewährten Stundung der Gebäude- entfchuldungssteuer zugunsten hilfsbedürftiger Mieter durch erftattungpfreie Mietbeihilfen in der bisherigen Weife auf ein weiteres Jahr bis 31. März 1940 verlängert worden. Neu ist lediglich die Möglichkeit der Heranziehung Drittverpflichteter, insbesondere Un- terhaltspflichtiger zum Ersatz der Kosten der Mietbeihilfe. Ferner wird die Mietbeihilfe seit 1. Januar 1939 nicht mehr an Juden (§ 5 der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935) gewährt.
** Ernennung. Der Verwalter des Landes- Alters- und Pflegeheims Gießen, L'cher Straße 74, Heinrich K l ö ß, wurde durch Verfügung des Reichsstatthalters in Hessen — Landesregierung — mit Wirkung vom 1. April 1937 zum Verwaltungsinspektor ernannt und als solcher in den Staatsdienst übernommen.
** Sterbefälle in Gießen. Es verftarben: 16.12. Elisabeth Weber, Postassistentin i. R., 55 Jahre, Hillebrcmdstr. 5; 16. 12. Heinrich Siever, Schneidermeister, 72 Jahre, Seltersweg 51; 16.12. Dorothea Borchers, geb. Damman, o. B., 82 Jahre, Gr. Steinweg 22; 16.12. Else Schultheis, Hausangestellte, 31 Jahre, Löberstr. 23; 17.12. Marie Müller, geb.Marx, o.B., 73Jahre, Kaiserallee 83; 18.12. Konrad Nau, Arbeiter, 52 Jahre, Wartweg 23; 20. 12. Marie Bender, geb. Hoffmann, o. B., 73 Jahre, Bleichstr. 3; 21.12. Margarete Weller, geb. Friebel, o. B., 76 Jahre, Wetzsteinstraße 16; 21.12. Berta Neidig, geb. Andreas, o.B., 54 Jahre, Dammstr. 22; 22.12. Konrad Ziegler, Schütze, 23 Jahre, Wald- kaserne; 23.12. Kätchen Faulstich, geb. Heger, o.B., 50 Jahre, Bahnhofstr. 59; 25.12. Elisabeth Groos, geb. Bieber, o.B., 41 Jahre, Buddestr. 8; 27.12. Ida Hofmann, o. B., 68 Jahre, Asterweg 39; 27.12. Elise Haas, o.B., 63 Jahre, Licher Str. 74; 27.12. Gertrude Zahn, geb. Stredicke, o. B., 61 Jahre, Lie- bigftr. 83; 28.12. Elise Rottch geb. Lippert, 78 Jahre, o.B., Kirchenplatz 14; 28.12. Marie Günther, geb. Schultheis, o.B., 56 Jahre, Ederstr. 21; 28.12. Ludwig Becker, Schuhmachermeister, 43 Jahre, Neuen Bäue 15; 29.12. Wilhelm Erb, städt. Arbeiter, 56 Jahre, Rittergaste 18; 30.12. Maria Wolf, Hausgehilfin, 45 Jahre, Buddestr. 9; 31.12. Wilhelm Beuchert, Hotelier, 69 Jahre, Seltersweg 40; 31.12. Christian Weidig, Schreinergeselle, 87 Jahre Dammstraße 22; 31.12. Wilh. Lich, Eaufm. Angest., 47 Jahre, Landgraf-Philipp-Platz 9.
♦* Städtische Bücherei. Im Dezember sind 1957 Bände ausgeliehen worden. Davon kommen auf: Zeitschriften 15, Gedichte und Dramen 24, Erzählende Literatur 1148, Jugendschriften 282, Länder- und Völkerkunde 130, Kulturgeschichte 5, Geschichte und Biographien 207, Kunstgeschichte 9, Naturwissenschaft und Technologie 64, Heer- und Seewesen 23, Haus- und Landwirtschaft 5, Gesundheitslehre 5, Religion und Philosophie 7, Staats- Wissenschaft 33 Bände. Nach auswärts kamen 29 Bände.
Vezirksfchöffengerichl Gießen.
Der E. Sch. aus Butzbach hat eine Karte der Fahrradaufbewahrungsstelle des Bahnhofs Gießen dadurch verfälscht, daß er aus der Zahl 40. Woche durch Abänderung der 0 die 42. Woche machte. Er wollte hierdurch den Eindruck erwecken, als hätte er eine Karte für die 42. Woche gelöst. Als er die Karte dem Beamten vorzeigte, würde er erwischt. Er mußte die Karte nachzahlen. Das Gericht verurteilte ihn wegen Betrugs in Tateinheit mit schwerer Uukundensälschung unter Annahme mildernder Umstände zu einer Gefängnisstrafe von 3 Monaten. Die Karte stellte sich als eine öffentliche Urkunde bar. Gemäß §268 Ads. 2 StGB- war die Freiheitsstrafe als gesetzliche Mindeststrafe auszusprechen.
Weiterhin hatte sich vor dem Bezirksschöffenge- richt die M. W. aus Nieder-Ptörlen zu verantworten. Der Ehemann der Angeklagten war mit einem Arbeitskameraden zunächst in Lang-Göns, dann in Köppern i. T. beschäftigt. In Lang-Göns und in Köppern hob die Frau den Lohn ihres Mannes ab. Dabei ließ sie sich auch in je einem Falle den Lohn des Arbeitskameraden ohne besten Wissen und Auftrag aushändigen. Sie führte bas Gelb aber nicht in voller Höhe an diesen ab, sondern behielt einen Teil zurück. Um ihre Unterschlagung zu vertuschen,
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Roman von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!) :
Zwölftes Kapitel.
Die Argesilla schritt langsam und genießerisch, über mit dem federnden Schritt, der sie als Tänzerin verriet, die breite Treppe in der Halle des Adlon hinab. Ihr Blick ging über die Menschen weg, sie nahm keinen Anteil an ihnen, aber sie liebte $üe{e Karawansereien des modernen Lebens, weil sie ihr ein Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit gaben. Hier war man nie allein und konnte doch allein sein in jedem Augenblick, in dem man wollte. Sie ruhte, geöffnet, in sich und war zufrieden.
Plötzlich — der Blick spannte sich, der ganze Körper straffte sich — da hinten, zwischen den Menschen am Schalter, das mußte doch Don Jago sein. Don Jago hier! Eine plötzliche Freude durchfuhr sie. Aber bis die Argesilla zum Schalter kam, war der Gesuchte verschwunden. Ein Senor Schmid? Der Beamte zuckte die Achseln.
Als die Argesilla mit einer fremden Note seinem Gedächtnis nachhalf, erfuhr sie von einem Senor Jago, der zwar nicht mehr im Hotel wohne, aber in Den Gasträumen ein häufiger Gast sei. Natürlich — das war Senor Don Jago Schmidt aus Madrid, der aus irgendeinem Grunde seinen deutschen Namen verschwieg.
Sie gab dem Chef der Speiseräume die Anweisung, sie zu verständigen, sobald ihr spanischer Landsmann anwesend sei.
Sofort nach der Tänzerin trat der kahlköpfige Dalbo an den Postmanager heran.
„Und wer war diese Dame?"
„Auch was Spanisches! Die Tänzerin Argesilla, ine im Wintergarten bas halbe Programm bestreitet."
„Und die kennt den anderen Pesetenonkel?"
Der Beamte zuckte die Achseln.
.Offensichtlich!"
Seltsam, dachte Balbo, der die fünfzig Peseten als eine außerordentliche Verbesserung seiner Einkünfte schätzte, seltsam, wie diese Ausländer hier Geschäfte machen. Das Theater am Kurfürstendamm kommt mir nicht nur wienerisch, sondern auch spa- nisch vor. Es lohnt sich jedenfalls, die Dinge im Auge zu behalten.
Elisabeth war mit einer ruhigen Zuversicht in Schwerin in den Zug gestiegen. Eine innere Stimme sagte ihr, daß ihr Arbeitswille Erfolg haben werde, daß es ihr und ihrer Kunst gelingen müsse, die Heimat wirtschaftlich frei zu machen.
So viel ehrliches Wollen, wie in ihr steckte, konnte nicht erfolglos, so viel ehrliches Bitten und Beten nicht unerhört bleiben. Sie tröstete die Mutter, sie versprach dem Vater baldige Heimkehr, sie machte Karl Mut, der Zukunft mit Vertrauen entgegenzu- schauen.
Gewiß, die Mutter hatte von einer Versöhnung mit Fritz von Beeren gesprochen, ober wenn das schon nicht anaehe, bas Lob des Spaniers gesungen, dieses weisen Ausländsdeutschen, der sich doch offensichtlich für Elisabeth interessiere.
Elisabeth lächelte. Die Generation der Mütter dachte seit Eva in den gleichen Bahnen. Man mußte sie lassen und seine eigenen Wege gehen.
Aber sie war dann doch froh, als Jago am Lehrter Bahnhof stand und sie — es dunkelte schon — in eine Pension in der Kantstraße fuhr, vorläufig, bis sie was Billigeres gefunden habe. Männer waren, auch außerhalb der Ehe, offensichtlich sehr nützlich.
Noch am gleichen Abend ging Elisabeth in die „Tochter des Kunstreiters"- besuchte Ile in der Garderobe und feierte mit ihr ein so stürmisches und ausgiebiges Wiedersehn, daß die Pause sich über Gebühr in die Länge zog.
„Herrgott, es klingelt schon zum tmttenmal! Adio, Elisabeth. Hol mich hinterher hier wieder ab.
Aber hinterher saß Elisabeth vorn im Büro ihrem neuen Direktor gegenüber, gespannt und voller Willenskraft, den Vertrag — nicht für sich, aber für Trebbin — so günstig wie möglich zu gestalten. Brosti) täuschte einigen Widerstand vor. Zu leichte Siege sind keine Siege. Aber am Schluß hielt Elisabeth einen Vertrag in der Hand, der ihr eine gute Gage in stabiler Währung, zahlbar an jedem Ersten, verbürgte und außerdem eine dem täglichen Markkurs angepaßte Tagesgage, aus der das tägliche Leben sich zweifellos in großzügiger Weise bestreiten ließ. Elisabeth unterschrieb und bedankte sich.
„Sie sind wohl recht froh?" fragte Brasky.
„Ich hatte es so erwartet!" sagte Elisabeth.
i Sie hatte den Glauben an sich und ihre Zukunft, , und sie wußte noch nicht, daß der Mensch alles, i über auch alles bezahlen muß.
^Jago zahlte voraus. Elisabeth aber mußte vom SKütjal die Rechnung einmal vorgelegt bekommen.
Mit einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit. Die Proben begannen täglich um 10 Uhr und dauerten bis in den späten Nachmittag. Arn Abend saß sie oft im Theater und klatschte Jte zu, deren gewagte Kunst sie mit neidloser Freude anerkannte.
Die Spielleitung des „Idealen Gatten" hatte Brasky einem Künstler von bekanntem Namen übertragen, dem früheren Bonner Intendanten Karl Harten, der zwischen zwei Theaterleitungen seinen Ruf als Regisseur erneut unter Beweis stellen wollte.
Jte kam oft todmüde von den Proben. Und dann dauerten die Szenen ohne Jte noch stundenlang weiter.
„Er quält dich wohl?" fragte Brasky.
„Jedenfalls holt er das Menschenmögliche aus mir heraus. Es geht immer an die letzte Neige. Ich komme mir vor wie ein ausgeschöpfter Brunnen."
„Und die Hellfahr?"
„Elisabeth entspricht genau dem, was er will. Er lobte ihre englische Lady als etwas von Haus aus Vollkommenes."
Brasky lachte und rieb sich in direktorialer Freude die Hände.
„Ja, ja, meine Besetzung! Sie hat eben von Haus aus eine gewisse Strenge und Kälte, deine Elisabeth!"
„Ich glaube nicht einmal. Denk an ihr Klärchen. Aber sie ist wie eingefroren, nur auf ein fernes Ziel gespannt. Als ob nur ein Gedanke sie beherrsche."
Brasky pfiff vor sich hin.
„Der Dollar steht auf über tausend. Die Menschen denken nur noch an Geld. Kein Wunder, wenn die Herzen dürr und ttocken werden!"
Jte sagte langsam und versonnen:
„Nein, ich glaube nicht, daß es das ist. Jedenfalls nicht bei uns Frauen. Aber zu jeder Liebe gehören von Rechts wegen zwei. Und da fehlt's, seit die Not der Zeit die Männer verdorben hat."
*
Die Titelrolle im „Idealen Gatten" spielte ein Grazer Schauspieler, den Brasky für drei Monate verpflichtet hatte, ein schlanker, vornehmer Bonvivant, der eine feine süddeutsche Lässigkeit mit guter Haltung zu vereinen wußte. Er hatte nichts Englisches, aber er war ein Gentleman.
Er hieß Wolfgang Thaler.
„Der Wolfgang ist echt. Sogar der Amadeus steht in meinem Taufschein. Kunststück, wenn man in Salzburg geboren ist."
Er lachte Elisabeth an. Sie probierten eine Lie- ibesszerrk _
Sie lief herunter wie Wasser.
„Ausgezeichnet", rief Harten, „die reinste Natur, kann alles so bleiben. Nach der Pause lassen wir die Szene noch ein paarmal durchlaufen, damit alles klar und fest wird."
„Sie sind also ein Salzburger?" fragte Elisabeth. ,^Ja und nein! Meine Eltern haben ein kleines Gütel in der Nähe, und die Mutter ist dann vor ihrer Stunde halt nein in die Stadt!"
„Ach, wie seltsam", rief Elisabeth, ich stamme nämlich auch vom Lande!"
„Münchnerin?"
„Aber nein, Mecklenburgerin?"
„Ach so, also ein kleiner Schwindel ist auch dabei!" Er lachte mit der jungenhaften Frische, die Elisabeth zuweilen an Jago erinnerte. „Ganz ohne Schwindel geht's bei uns halt net."
Elisabeth lächelte.
„Ich hieß nämlich eigentlich nicht Thaler. Der Name hat in der heutigen Zeit so was Solides, so was Greifbares bei all dem Papier, das man heute entnimmt —"
Er war von fröhlicher Lustigkeit. „Auf meinem Taufschein hieß ich Hutschenthaler. Wissen Sie, was eine Hutsche ist?"
Elisabeth wußte es nicht.
„Das kann eine Norddeutsche auch net wissen. Eine Hutsche ist eine Schaukel."
„Ein Hutschenthaler — also was würde ein Berliner sagen ...?"
Er suchte nach einer Uebersetzung.
„Ein Groschen fürs Karussell!" lachte Elisabeth.
„Sehn S' genau so!"
Harten klatschte in die Hände.
Lachend kommen die beiden wieder auf die Bühne.
„So ist's recht", sagte Harten, „ein Herz und eine Seele. Da kann unsere Arbeit nur an Echtheit gewinnen.
Die Liebesszene lief noch ein paarmal durch. Sie saß einwandfrei —. Einmal, da Thaler sie in seine Arme nahm, sah Elisabeth mit aeschlossenen Augen ein weites, wogendes Aehrenfelv
Draußen erwartete sie Jago.
Jago Schmid hatte in diesen Wochen der ersten glühenden Proben die Ueberstedlung von München nach Berlin vollzogen. Er wußte, daß in der Zeit schöpferischen Dranges seine laute Trompete störend wirken konnte, so hatte er sich seiner Arbeit gewidmet und sich seltener gemacht. Aber heute war er in einer blendenden Stimmung, wie er mit Herrschergeste zu bestimmen pflegte, und heute sollte ein fröhlicher Abcnd die lange Reihe saurer Lage ablöjen und beschlleßem (IortsttzuLg jalM


