Nr. 127 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
5./4.3unil939
AS.-Knegerkameradschaslen am Ausbauwerk des Führers.
Rege Arbeit in -en Kameradschaften. - Oer Nachwuchs eifrig mit am Werk.
Eine Unterredung des Gießener Anzeigers mit dem Kreiskriegerführer.
Aus der Stadt Gießen.
Hadfahrerfreude.
Wenn der Frühling gekommen ist, ergreift jeden Menschen die Wandersehnsucht. Die ist wohl schon uralt, so alt wie die Menschheit selbst: die Weite, die ganze, neuerwachte Schönheit der Natur zu besitzen. Und so wanderten denn die Menschen, sie zogen hinaus, durchschweiften die Wälder und durch- streiften die Täler, gezogen von chrer Sehnsucht nach ' der blauen Ferne.
Heutzutage holt der ^Mensch ein brummendes Etwas aus dem Stall, setzt sich hinein, und fort geht es auf breiten Straßen, durch Täler und Wälder: gezogen von der uralten Sehnsucht nach der blauen Ferne.
Manche Menschen aber nehmen auch heute noch den Wanderstock zur Hand und wandern zu Fuß, und wieder andere nehmen, wenn das erste linde Lüftchen zu spüren ist, ihr Fahrrad und erobern sich damit die weite, weite Welt.
Kopenhagen wird immer die Stadt der Radfahrer genannt. Deutschland ist ohne Räder auch nicht denkbar! Was wäre — um nur einige Beispiele 3U nennen — der Arbeiter oder Angestellte ohne sein Rad, mit dem er zu seiner Arbeitsstätte fährt? Was wäre der Bäcker- oder Metzgerbursche ohne Rad? Was die Krankenschwester oder Hebamme auf dem Lande, den Briefträger nicht zu vergessen? In all diesen Fällen ist das Fahrrad nur Mittel zum Zweck, aber wieviel Freude kann es auch geben!
An einem sonnigen Morgen steigst du auf, bald bist du aus der Stadt hinaus, eine herrliche, glatte Straße liegt vor dir. Dein Blick schweift über die bunten Wiesen bis zum Wold, der vom hellsten Hellgrün bis zum dunkelsten Blaugrün schimmert.
Und nun umfängt dich Waldesruhe und Waldesduft. Dicht vor dir fliegt eine schwarzweiße Elster auf, der Wendehals ruft, im Grase neben der Straße raschelt es geheimnisvoll: Frau Eidechse war wohl auch spazieren in der schönen Sonne!
Jetzt aber heißt's gewaltig treten, eine Steigung nimmt alle Kräfte in Anspruch, die Sonne brennt gewaltig, aber dann — heißa! geht's hinunter! Herrlich ist es, so zu fliegen! Immer lauter wird das Surren der Reifen, immer stärker das Sausen des Gegenwindes um deine Ohren! Vorbei... vorbei! Schade, daß man nicht nur bergab fahren kann.
Jetzt bist du aus dem Wald heraus, neben der Straße liegt eine schöne, alte Mühle. Hohe, gelbgrüne Pappeln stehen neben dem weißen Fachwerkhaus mit braunrotem Dach. Das Wasser läuft blitzend über das große Mühlrad.
Vorbei... vorbei! Die weiße Straße läuft schnurgerade zwischen den hellgrünen, im Winde sanft wogenden Kornfeldern auf das Dorf zu, das mit seinen roten Dächern und dem schlanken Kirchturm freundlich daliegt. Mit dicken, braunen Kühen bespannte Wagen, hoch beladen mit Holz aus dem Wald, kommen an dir vorbei: Frauen in Tracht — wie hübsch ist die weiße Bluse zu dem dunklen Spenzer und dem dickgefälteten Rock! — grüßen freundlich.
Uff... was ist es heiß. Und deine Beine tun weh, du hättest wirklich ein Glas Milch zur Stärkung verdient, ehe dich das treue Stahlroß heimträgt aus Sonne und Windeswehen und Frühlingsduft. E. L. St.
BDM.-ktntergau 116 Gießen.
Vetr.: Reichssportwettkämpfe am 4.3unL
Sonntag, 4. Juni, treten alle Mädel und BDM- Werk-Mädel des Standortes Gießen wie folgt an:
M.-Gruppe 1/116, 2/116 und BDM.-Werk-Gr. 3a/116 pünktlich um 8 Uhr an der Dolkshalle.
M.-Gruppe 3/116 und 4/116 um 9 Uhr an der Dolkshalle.
BDM.-Werk-Gr. la/116, 3a/116 und 4a/116 um 10 Uhr an der Volkshalle.
Mitzubringen ist Sportzeug. evtl. Trainingsanzug. Alle Mädel, die beurlaubt sind, haben auch zu kommen, dagegen sind alle die befreit, die der Gruppenführerin ein ärztliches Attest schon vorgelegt haben.
Der Reichskriegertag in Kassel lenkt die Aufmerksamkeit der Volksgenossen in besonderem Maße auf die große Organisatton der allen Soldaten, den NS.-Reichskriegerbund, und auf das Wirken feiner Kameradschaften im engeren Heimatbezirk. Wir haben uns mit dem Kreiskriegerführer für den Kreis Gießen, Oberveterinärrot Dr. M o n n a r d , über den Zusammenschluß der alten Soldaten im Kreise Gießen, das Wirken und die Zielsetzung in den Kameradschaften unterhalten. Es war ein erfreuliches Bild kraftvoll vorwärtssttebenden alten Soldatentums, verbunden mit vorbildlichem Sinn und Willen für die Pflege bester kameradschaftlicher Beziehungen zu unserer jungen Wehrmacht, und der Bereitschaft zum Dienst im Geist des Nationalsozialismus, das wir in dieser Unterredung gewannen. Als Ergebnis der Unterhaltung seien die nachstehenden Feststellungen mitgeteilt.
5679 alte Soldaten im ft reife Gießen zusammen- geschlossen.
Die Umgliederung der Kameradschaften der alten Soldaten im Kreise Gießen aus dem Kyff- häuserbund und den Waffenringen in die vom Führer befohlene einzige Organisation der allen Soldaten in Deutschland, den N S. - Reichskrieger b und, hat sich im Kreise Gießen bestimmungsgemäß und glatt vollzogen. Im Kreis Gießen, als Zuständigkeitsbereich der Kreiskriegerführung, bestehen heute 95 NS.-Kriegerkameradschaften mit einer Gesamtstärke von. 5679 alten Soldaten. Auf die Stadt Gießen, einschließlich Wieseck und Klein-Linden, entfallen davon 17 Kameradschaften. In den Reihen der 5679 alten Kameraden befinden sich heute noch 5 Altersveteranen aus dem Kriege 1870/71, während es im vorigen Jähre noch 12 waren. Von den 5 Altersveteranen lebt einer in Gießen, der hier zu der Kameradschaft ehemaliger 115er gehört: ein Kamerad von 1870/71 lebt in Watzenborn-Steinberg als Mitglied der dortigen Kameradschaft, zwei verbringen ihren Lebensabend in Kesselbach und einer in Laubach, wo sie ebenfalls hochgeschätzte Mitglieder ihrer Kameradschaft sind.
Erfreulicherweise ist der Zugang junger Kameraden aus unserer neuen Wehrmacht bei den meisten Kameradschaften gut, bei einigen Kameradschaften sogar sehr gut. Manche Kameradschaften haben in den letzten Monaten den Eintritt von 25 bis 40 junger Kameraden zu verzeichnen. Diese Einreihung der jungen Kameraden in den Zusammenschluß der alten Krieger ist in den Land- orten prozentual stärker als in den Städten, wobei man allerdings beachten muß, daß schon von Natur aus das Zusammengehörigkeitsgefühl durch Blut und Boden und durch die Nachbarschaften auf dem Lande stärker entwickelt ist, als in den Städten. Es ist aber auch in den städtischen Kameradschaften mit Sicherheit weiterer Zuwachs zu erwarten, da jetzt bereits bekannt ist, daß vom kommenden Jahresbeginn ab wieder zahlreiche junge Kameraden sich in die Reihen der Alten eingliedern wollen.
Der organisatorische Aufbau der Kameradschaften kann im großen und ganzen als abgeschlossen angesehen werden. Nur in einigen Fällen wird noch eine straffere Zusammenfassung von Parallel-Kame- rädschasten zu einer gemeinsamen größeren Kameradschaft nicht zu umgehen sein, um die Lebenskraft und damit auch den Arbeitswert dieser tarne» radschastlichen Kräfte für das gemeinsame Werk zu steigern. Manche anderen Kameradschaften haben sich von selbst ihrem größeren Stamm, d. h. ihren ursprünglichen Regimentskameraden angeschlossen.
In allen Kameradschaften ist die erfreuliche Fest- tellung zu machen, daß volle Bereitwilligkeit besteht, im Sinne der übernommenen Verpflichtungen nach den Weisungen des vom Führer bestimmten Reichskriegerführers und seiner Nachgeordneten Führungsstellen mitzuarbeiten, wobei es als Selbstverständlichkeit gilt, daß die erlassenen Befehle nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern überall in sorgfältiger Weise ausgeführt werden. Den einzelnen Kameradschaftsführern bleibt es dabei überlassen, ganz nach den von ihnen als zweckmäßig erkannten Wegen die alten Soldaten auch zu guten und in allen Lebenslagen standfesten Nationalsozialisten zu machen. Dabei ist selbstverständliche Voraussetzung für alle alten Soldaten, daß sie sich in treuer Frontkameradschaft mit dem Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, ihrem Frontkameraden Adolf Hitler, in vorbehaltloser Weise verbunden fühlen.
Der Schießdienst.
Schon früher stand das Schießen in den Kameradschaften der alten Soldaten im Vordergründe. Heute wird diesem Teil des Kameradschaftsdienstes noch eine weit größere Bedeutung beigemessen, da das Schießen als der wichtigste Teil zur Erhaltung der Wehrfähigkeit des deutschen Mannes, auch des alten Soldaten angesehen wird. Erfreulicherweise kann die Festellung gemacht werden, daß in den Kameradschaften das Interesse am Schießen sehr groß ist und auch die Beteiligung auf den Schießständen sich in befriedigender Weise aufwärts entwickelt. Die Kreiskriegerführung sieht es als ihre besondere Aufgabe an, den Schießdienst in den Kameradschaften mit allen Kräften und Mitteln zu fördern. Zu diesem Zwecke werden überall da, wo bisher noch keine Schießstände vorhanden waren, für die Kriegerkameradschaften eigene Schießstände geschaffen, von denen schon eine ganze Anzahl in den Orten des Kreises vorhanden ist.
Außerordentlich erfreulich ist es, daß nunmehr auch die Hitler-Jugend ihren Schießdienst auf den Scbießständen der NS.- Kriegerkameradschaften erfüllt und dadurch der Nachwuchs in enge kameradschaftliche Berührung mit den alten Soldaten kommt. Dabei wird nicht nur auf möglichst beste Schießleistung Gewicht gelegt, sondern als ebenso wichtig für die Hitlerjungen gilt das Erfordernis einer straffen soldatischen Haltung, diszipliniertes, soldattsches Auftreten, verbunden mit dem Willen zu guter Kameradschaft untereinander und zu der entsprechenden Haltung gegenüber den alten Soldaten. Aber auch für die ehemaligen Waffenträger ist die Gemeinschaft mit dem jungen Nachwuchs auf den Schießständen erfreulich, denn dadurch werden die Beziehungen zwischen den älteren Jahrgängen und der jungen Generation auch unter dem Gesichtspunkt der soldatischen Kameradschaft und des gemeinsamen Dienstes für Führer, Volk
Als zu Beginn des 7. Jahres der nattonalsozia- listischen Revolution die Presse mit großen Zellen verkündete, daß der Führer durch seine Proklamation die Zusammenfassung des gesamten wehrfähigen und wehrwürdigen Mannestums zur vor- und nachmilitärischen Wehrerziehung in den SA.- Wehrmannschast verfügt hatte, gab diese Tatsache dem einen oder anderen Zweifler Anlaß, sich mit Wesen und Ausgaben der SA. einmal intensiver zu befassen. »
Für uns waren diese Zweifelserscheinungen die Bestätigung dafür, daß der Erziehungsauftrag, der
und Vaterland weiter vertieft und zum Wohle des Ganzen gestaltet.
Neben dem Schießen haben die Kameradschaften natürlich noch weitere Dienstverpflichtungen zu erfüllen, die man zusammenfassen kann in dem Grundsatz: Stete Bereitschaft zum Dienst für Volk und Vaterland nach dem Willen des Führers, Einsatz aller Kräfte zur Sicherung des Vaterlandes gegen alle Nachteile und feindliche Bestrebungen, unermüdliche Pflege der kameradschaftlichen Beziehungen zu unserer jungen Wehrmacht und zur
tatkräftigen Förderung aller Maßnahmen, die auf die Stärkung unserer Wehrkraft ausgerichtet sind, selbstverständliche gute Kameradschaft mit allen alten Soldaten und treue Pflege der großen Traditionen unseres Volkes und feiner Wehrmacht.
Großer Frühjahrsappell. — Vortragsveranstaltungen.
Der Kreiskriegerführer wird am 18. Juni einen großen F r ü h j a h r s a p p e l l der Krieger- kameradfchaften in Gießen abhalten, bei dem der Gaupropagandaobmann des Gaukrieaer- verbandes, Oberstleutnant Endres, über das Thema „Nationalsozialismus und Soldatentum" sprechen wird. Dem Kreiskriegerführer liegt besonders viel daran, auch auf dem Gebiete der weltanschaulichen Schulung den alten Kameraden alle Möglichkeiten zu erschließen und dabei insbesondere die gemeinsamen Grundlagen des Nationalsozialismus und des alten Soldatentums klar und überzeugend zu betonen. Daß sich an diesem Frühjahrsappell alle alten Soldaten beteiligen, ist für jede Kameradschaft eine Selbstverständlichkeit.
Für den kommenden Winter plant der Kreiskriegerführer die Veranstaltung einer größeren Vortragsreihe innerhalb der Kameradschaften, wobei auch allen übrigen Volksgenossen kostenlos Gelegenheit zum Besuch der Vorträge gegeben sein soll. Als Vortragende wird dabei besonders an Professoren unserer Universität gedacht, die in den Reihen der Kriegerkameradschaften mitmarschieren. Damit will die Kreiskriegersührung den Kameraden auch in geistiger Hinsicht wertvolle Stunden erschließen, die im nationalsozialistischen Gemeinschaftsgeist zugleich auch allen Volksgenossen zugute 'kommen soll. $•
der SA. als Gliederung der Partei im Rahmen des Gesamt-Erziehungsauftrages der NSDAP, übertragen worden ist, noch viel Arbeit und den höchsten Einsatz des letzten SA.Mannes erfordert; daß es sich also im wahrsten Sinne des Wortes um einen Auftrag handelt, der nicht in einem bestimmten Zeitabschnitt erfüllt werden kann, sondern ein Ewig- feitsauftrag ist. Andererseits muß zugeftanden werden, daß bei oberflächlicher Betrachtung eine Wertmessung des SA.-Dienstes entsprechend seiner Bedeutung gemäß des Auftrages, der von der SA. die Wehrerziehung auf weltanschaulicher Grundlage vor-
„Tage des Vormarsches."
Gedanken um die Sportkampftage der SA.-Standarte 116 Gießen.
Oer Rhabarber-Streit.
Eine Gartenerzählung von Friedrich Schnack.
Jute, die Köchin des Herrn von Heckenast, im Begriff, ihren Küchenbedarf aus dem Schloßgarten zu holen, war eine volle, starke Person Ende der Zwanzig. Vor Herd und Küchentisch hatte sie sich eine dralle Gestalt anformen können. Die fleischigen Arme, das runde Gesicht, gerötet wie vom Widerschein der Herdflamme, die dunklen Kirschaugen, das krähenschwarze Haar hatten auf Ull, den Gehilfen des Gärtners Borngart, Eindruck gemacht. Insgeheim wünschte er sie sich zur Frau — doch hatte er noch keine Gelegenheit gefunden, ihr diesen Wunsch auszudrücken. Nun war aber Frühling, die Zeit war da, man mußte sich beeilen, damit der Augenblick nicht ungenützt verstreiche — Ull und Jute waren allein im Garten.
Wuchtig stand die Köchin auf dem Kiesweg und redete nachdrücklich auf den Gehilfen ein. 2)tefer mußte aus Pflichtgefühl den Garten gegen die übertriebenen Ansprüche der Köchin verteidigen, was er ebenso ungern wie tapfer tat. Er kniete vor ihr in seinem Beet auf einem Arbeitsbrett, indes er em Pflänzchen in der linken und das Pflanzholz m der rechten Hand hielt. „Weiß Gott!" sagte er, einen höchsten Zeugen für seine Beteuerung anrufend, „weiß Gott! Das dürfen Sie nicht von mir verlangen: die allerfrühesten, die ersten Rhabarberstiele!" , v ,
Jute lachte. Der Rhabarber im Hinterland des Gartens, im Winkel, wo es Platz gab und ein wenig schattig war, nistete auf der fetten Erde. Seine Stengel hatten sich gerötet, und die runzeligen Blätter, noch nicht zu ganzer Größe ausgebreitet, zeigten ein gleichsam bekümmertes Aussehen. Was würde Borngart sagen, bräche Ull die ersten Stiele, und wie würde ein solcher Raub dem Rhabarber bekommen, den man nicht schon in der allerfrühe- sten, ersten Jugend schwächen soll? — ,Die Köchin nannte ihren Verehrer einen „Säugling . Ull schüttelte darüber ernst den Kops. Der Rhabarber sei vielmehr ein Säugling, erwiderte er er sauge Saft und Leben, damit er später eifrig Stiele hergeben könne. Wie man nicht einer jungen Gans ihre ersten Kielsedern ausrupfe, so dürfe man auch nicht dem Rhabarber feine frühesten Stiele nehmen.
Das Gespräch stockte. Ull hielt den Augenblick für gekommen, seine schwebenden Pflänzchen in die Erde zu stopfen und mit dem Pflanzenholz weiche Krume gegen die zarten Geschöpfe zu drücken. Jute aber wandte sich den Rhabarberstauden zu. Seufzend erhob sich Ull, ihr zu folgen. .
Da kauerte er, der begehrte Rhabarber und Trost des Herrn von Heckenast. Die Köchin musterte streng und lüstern die Pflanzen. Das Wesen im Blattkleid begann sich frühlingsfroh zu bauschen. Ungestüm ließen die rosigen, starken Triebköpfe aus dem Boden, rundlichen Erdfrüchten nicht unähnlich. Krebsrote Häute platzten und ließen grünrote, zerknitterte. Jungblätter herausquellen, nicht größer als eine Kinderhand. Am Nachbarstock, der die kräftigste Röte zur Schau trug, waren bereits eine Anzahl Blätter herangewachsen, herzförmige hellgrüne, gewellte und gefurchte Dächer bildend. Die roten Stiele von saftiger, krachender Beschaffenheit zeigten sich rinnig ausgekehlt: sie waren die Regenröhren der Blattdächer und würden das Wasser den klumpigen Wurzelstöcken rasch zuleiten, zutrichtern.
Leckere Stiele, mochte Jute denken, mit den Stengeln liebäugelnd. Wäre Ull nicht so eigenfinnia und bockbeinig, könnte man einen kleinen, hübschen Bund brechen! „Holsteiner Blut!" stellte dieser seiner Angebeteten die wuchtigen Pflanzengestalten vor. „Früher vom Vorgebirge!" rief er, „rotstielige Sorten, sehr begehrt — aber erst im Mai", fügte er vorsichtshalber hinzu. „Ertragreich bis Ende Juni. Der Baron kriegt noch genug davon. Der reichste Rhabarber aber ist der „Amerikaner", dort, ein Riese und beinahe blütenlos. Läßt sich noch im Hochsommer essen!"
Ob nicht jetzt schon Hochsommer sei? fragte sie listig, auf die Pflanze mit den langen Stielen deutend. Der Morgen sei heiß, sicherlich gebe es heute noch Gewitter — wie im Sommer.
„Hochsommer? Nicht bei Holsteiner Blut!" antwortete Ull keck und spürte eine Anwandlung von Vertraulichkeit zur Köchin. Dazu kam es aber nicht, Jute blitzte ihn mit ihren vogelschwarzen Augen spöttisch an — und Ull trat wieder zu feinen Pflanzen. Durste er jetzt nicht einiges von feinem Gartenhandwerk erzählen? So wie der verliebte Soldat von seinem Kasernendienst dem Mädchen berichtet, mit dem er abends durch die Alleen bummelt.
Er begann: einen mastigen, reichgedüngten, schweren Boden braucht der Rhabarber, soll er gut und frech wachsen. Er ist ein Fresser. Das weiß jeder, der mit ihm zu tun hat. Man kann es ihm nicht verübeln, er muß ja eifrig Stiele spenden. Wie du mir, so ich dir! denkt der Rhabarber über seinen Gärtner. Was du mir nimmst, mußt du mir geben...!
Jute hörte nicht länger zu, sie wandte sich ab und blickte zu den Mistbeeten, wo das Radieschen „Rosenrotes Ideal" darauf wartete, abgeerntet zu werden. Der Angriff auf den Rhabarber war abgeschla
gen. Ulls Gesicht drückte Befriedigung aus. Und er ging mit feiner Erkorenen weg.
Deshalb erfuhr die Köchin nicht, und es bleibt auch ungewiß, ob Ull es wußte, daß der aufgedonnerte Rhabarber ein Knöterichgewächs ist gleich dem Wiesenampfer und dem Sauerampfer der Frühlingssuppe. Vor allen Blattpflanzen zeichnet ihn die schöne Eigenschaft aus, ein obstartig mundendes Kompott zu spenden und eine Marmelade, mit Ingwer verkocht. Damit er stets in Saft stehe, muß sein Blütenstand verkappt werden. Diese Vorschrift befolgte Uhl getreulich. Die Stiele wollen gebrochen, niemals geschnitten werden.
Woher rührt sein ungewöhnlicher Name, der sich wie ein Zauberwort anhört, mit dem man Beschwörungen ausführt? mag sich ein Gärtner fragen, der nicht verliebt ist, und ein Pflanzenkenner, der den Rhabarber zu würdigen weiß. Für unsere Ohren tönt in dem Wort Rhabarber der Klang des Frühlings, der ja ein Zauberer ist. Gärtner Borngart, der kluge, würde nun vermutlich die kleine Geschichte erzählen, die sich an die Pflanze anspinnt. Früher nützten die Leute bloß die Wurzel, gepulvert, als Heilmittel gegen Gelbsucht und Verdauungsbeschwerden. Sie kam als pontische Wurzel Rha- ponticum aus den Gebirgsländern des Schwarzen Meeres auf Segelschiffen in den alten Hafen von Barbarike. Die Händler führten sie in ihren Listen als Rhabarbarum. Daraus wurde Rhabarber.
Der wunderliche Name begleitet das Frühjahr des Gärtners, er ist uns geläufig. Wohlgefällig ruht das Auge auf den roten Stielbündeln. Sie haben die Farbe des Apfels und wie von Beerensäure einen gesunden Geschmack, in der obstlosen Zeit des neuen Garten- und Gemüsejahres die Leckermäuler köstlich erfrischend.
Und Ull freut sich schon darauf, von Jute ein Schüsselchen Rhabarberkompott zu bekommen, sobald erst der „Frühe vom Vorgebirge" bruchreif ist. Sie hat es ihm soeben versprochen.
Lochschulnachrichten.
Von den amllichen Verpflichtungen sind entbunden worden: der ordentliche Professor an der Technischen Hochschule Berlin Dr. Otto Eggert (Geodäsie); der ordenlliche Professor an der Technischen Hochschule Breslau Karl Gottwein (Werkzeugmaschinen); der ordentliche Professor an der Universität Hamburg Dr. Otto L a u f f e r (Deutsche Altertums- und Volkskunde); der ordentliche Professor an der Technischen Hochschule Dresden Dr. Walter Ludwig (darstellende Geometrie).
Essen und Trinken auf der Bühne.
Daß die Bühne die Welt des Scheines ist, drückt ich in nichts deutlicher aus als in den „leiblichen Genüssen", die hier verabreicht werden. Der schäumende Champagner ist hier meist nur Selterswasser und der „starke Branntwein" schwacher Tee. Der Schauspieler hat während des Spiels weder die Zeit noch meistens die Aufnahmefähigkeit des Magens, um ein „wirklich" zu essen und zu trinken. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die sich auf den weltbedeutenden Brettern so sicher fühlen, um auch in dieser Einsicht auf volle Wirklichkeit zu bringen. So war der große französische Schauspieler Lucien Guitry dafür bekannt, daß er stets richtig speiste, wenn solches für feine Rolle vorgesehen war.
Gewöhnlich aber bestehen die Mahlzeiten auf der Bühne aus „Schaugerichten", und meist verspeist der Liebhaber bei einem Souper mit seiner schonen Freundin nur gerostetes Brot und Bananenscheiben. Der Theaterdirektor und Schauspieler Sir Herbert Tree fand einmal einen vortreffliche^ Ausweg, als er auf der Bühne eine kalte Ente essen sollte. Eine täuschend ähnliche Attrappe der Ente wurde auf die Bühne gebracht, aber aus ihrem Innern entnahm Tree Bananenscheiben, die im englischen Kulissenreich die Hauptnahrung darstellen. In einer andern Rolle hatte er einen riesigen Humpen mit Wein auszutrinken. Der Humpen war gewöhnlich mtt kaltem Tee gefüllt, aber eines Tages hatte man durch irgendeinen unglücklichen Zufall statt dessen Terpentin hineingetan, und als Tree trank, fühlte er plötzlich die Holle durch seine Kehle rinnen. Er besaß aber genug Geistesgegenwart und Selbstbeherrschung, um feine Qualen nicht zu zeigen und zu Ende zu spielen. Ein ähnliches peinliches Erlebnis hatte ein Schauspieler, dem auf der Bühne in einer Rolle ein Diner serviert wurde. Da er die Attrappen haßte, ließ er sich gewöhnlich eine Speisenfolge aus dem nächsten Restaurant holen. Da diese meistens ziemlich entfernt waren, so bekam er die Suppe stets falt vorgesetzt. Aber in einer Stadt lag unglücklicherweise der Gasthof ganz nahe, die Suppe kam in heißestem Zustand auf den Tisch, und er verbrannte sich so die Zunge, daß er zunächst gar. nicht weitersprechen konnte. Mit dem Komiker James Welch, der im letzten Akt ein großes Glas Whisky auszutrinken hatte, machte man sich einmal den Spaß ihm wirklichen Whisky anzubieten. Aber die Wirkung war günstig, denn er hatte niemals vorher die letzten Szenen so liebenswürdig und aus» gelassen gespielt, wie nach dieser beträchtlichen Aiko* holmenge.


