Ortsschelle. Begleitet wird der Wagen von vier Stadtsoldaten.
Beide Veranstaltungen sind Samstag von 15 bis 19 Uhr in den Straßen der Stadt zu sehen.
Schornsteinfeger als Glückbringer am ^stockaufschlag.
Als Abzeichen werden am Samstag und Sonntag von Beamten, Handwerkern und Angehörigen des Reichsluftschutzbundes bunte Porzellanfiguren zum Kauf angeboten, die sich von allen Abzeichen, die während des Winterhilfswerkes von den deutschen Volksgenossen als sichtbarer Beweis ihrer Opferbereitschaft getragen werden, der größten Beliebtheit erfreuen. Waren es im vergangenen Winter Schmetterlinge, Trachtengruppen oder die Soldaten des Dritten Reiches, die an den Rockaufschlägen zu sehen waren, so werden die Porzellanfiguren am Wochenende die schaffenden berufstätigen deutschen Menschen verkörpern. Richt weniger als 28,5 Millionen Porzellanfiguren wurden für die Reichsstraßensammlung hergestellt. Sie gaben den oft« Znärkischen und sudetendeutschen Porzellanfabriken auf lange Wochen hinaus Arbeit.
Die Parole für das Wochenende muß nun lauten: Jeder Volksgenosse unseres Gaues erwirbt einen Schornsteinfeger, einen Bauern, einen Maurer usw.
Professor D. Or. Cordier f.
Bon der Evangelisch-theologischen Fakultät der Ludwigs-Universität Gießen wird uns geschrieben:
Am 1. März starb unerwartet schnell nach kurzem schweren Leiden Prof. D. theol. Dr. phil. Leopold Cordier, Direktor des Praktisch-theologischen Semi- uars und des Instituts für Ev. Jugendkunde an der Ludwigsuniversität. Ein Forscher und Lehrer von großer Gewissenhaftigkeit und Umsicht, von menschlicher Güte und Festigkeit ging damit von uns. Seine Ehre und sein Stolz war es, einer alten Hugenotten- samilie zu entstammen. Geboren am 14. Juli. 1887 zu Landau (Pfalz) als Kaufmannssohn, studierte er seit 1906 Theologie und Philosophie in Halle, Leipzig, Berlin und Heidelberg. 1910 promovierte er in Halle zum t)r. phil. mit einer Arbeit „Die religionsphilosophischen Hauptprobleme bei Pestalozzi" und 1915 in Heidelberg zum Lic. theol. mit einer Abhandlung „I. I. Rousseau und der Calvinismus". Nach kurzem Militärdienst im J.R. 23 und Hilfspredigertätigkeit irt der Militärseelsorge wirkte er als Pfarrer in Eschelbronn bei Heidelberg, Frankfurt a. M. und Elberfeld (1914—26), in Elberfeld auch als Dozent am Predigerseminar, seit 1925 als Privatdozent an der Universität Bonn. 1926 wurde er in die Professur für Praktische Theologie nach Gießen berufen und von der Universität Bonn, mit dem Ehrendoktor der Theologie ausgezeichnet.
Seit seinem ersten Studienaufenthalt in Genf und Basel 1913 und seinen wiederholten Reisen nach Montpellier 1927 ff. trieb es ihn als Hugenotten, literarisch wie persönlich Beziehungen zum französischen Protestantismus aufzunehmen. Sie führten seit 1929 zu einem Studentenaustausch zwischen Gießen und Montpellier bzw. Paris. Beiderseits wurde betont, daß es sich dabei um eine Berständi- gungsarbeit nationaltzesinnter Männer, nicht aber einer internationalen Klique handele. 1934 hat ihm daS Auswärtige Amt Dank für diese Arbeit ausgesprochen. Veröffentlichungen wie die über „Hugenottische Familiennamen in Deutschland", „Hugenottenlieder" 1924, „Principes de pödagogie evangö- lique" (Straßb. 1935), wie auch eine seiner allerletzten Schriften „Was verlor Frankreich mit den Hugenotten?" sind Früchte dieser Tätigkeit. Seine praktisch- theologische Arbeit bekam wesentliche Anregungen aus der Jugendbewegung. Davon zeugen Schriften 'wie „Die religiöse Krisis der Gegenwart" 1924, „Was die Jugend von der Kirche erwartet" 1925, „Not und Verheißung. Reden und Aufsätze über Volkstum, Kirche und Jugend" 1926, sowie vor allem seine beiden umfassend angelegten Hauptwerke „Evangelische Jugendkunde", 3 Bände, 1925—28, und die unvollendet gebliebene „Evangelische Pädagogik", 2 Bände, 1931 und 1938. Sein Anliegen, in der Jugendbewegung der Nachkriegszeit Christentum und Deutschtum zusammenzuführen, ließ ihn 1921 den „Christdeutschen Bund" und dessen Zeitschrift „Christdeutsche Stimmen" begründen. Sichtbarster Ausdruck dieses Willens wurde der Ausbau der Burg Hohensolms.
Das Möchen Mit.
Aoman von Walther Aloepffer.
«opgright by darl Duncker Verlag,VerlinV^Z5
10. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Bitte sehr, gern geschehen. Ich möchte fragen, wann wir anfangen können?"
„Heute, morgen, wenn Sie wollen. Sie sehen ja, es ist nicht viel los. Die Saison geht schon zu Ende."
„Sagen wir morgen. Auf Wiedersehen!"
Das ist ein ganz armes Hascheri, dachte Tinser mitleidig, während er wegging. Als er an dem Gemüsegarten vorbeikam, rief ihn das Mannderl an:
„Herr Baron! Wenn i bitten dürft, Herr Baron, tragen 'S dem Hegemann seine Würmer zum Steg. Sagen 'S, ich hab's genau gezählt: 27. Für den zer- brochenen braucht er mir nichts geben, wenn er nicht will. Wenn's, Herr Baron, ich muß für die Paula jetzt gleich zum Bäcker, sonst laßt er den Apfelkuchen wieder so lange im Rohr. Gelt, Sie sind schon so gut", flüsterte das Mannderl eindringlich, drückte Tinser die Sardinenbüchse in die Hand und verschwand mit einem „Geltsgott" um die Ecke.
„Jetzt so eine Viecherei!" dachte Tinser. „Hängt mir der einfach feine gräßlichen Würmer auf!" Und er faßte den blechernen Behälter am äußersten Zipfel. Als er am Hotel vorbeikam, trat ihm Hegemann in den Weg, der soeben ^oom Telefonieren kam
„Na, Tinser, was halten Sie denn da so vorsichtig wie eine Röhre mit Cholerabazillen? Würmer, ach so? Geben Sie nur her. Eben hat mich das Werk angerufen. Großes Geschäft in Sicht. Morgen kommt nämlich ein Herr aus Argentinien der für die Regierung Medikamente einfaufen will. Sagen Sie mal, wie verhält es sich mit Ihrem Spanisch?"
„Ich kann ohne Unbescheidenheit antworten: gut!"
„Hm. Würden Sie sich getrauen, mit jenem Herrn zu verhandeln?"
„Warum nicht, Herr Hegemann."
„Schön, dann fahren Sie heute nach München. Sie haben ja Ihren Wagen hier. Wann und wo Sie den Herrn treffen, erfahren Sie im Werk. Seien Sie nett zu ihm. führen Sie ihn herum, zeigen Sie ihm die Stadt, erläutern Sie ihm alles, wenn Sie in puncto Geschäft bei etwas nicht ganz sicher sind, besprechen Sie sich erst mit dem Herrn der Verkaufsabteilung, den ich Ihnen als Mentor beigebe. Na, kurz und gut, sehen Sie halt zu, daß ein möglichst großer Auftrag hereinkommt. Haben Sie noch eine Frage?" ^egenmnns Sätze Hangen
Einblick in seine Tätigkeit als Prediger geben zwei Sammlungen seiner Predigten „Einer ist unser Meister" 1934 und „Gottes Ruf zur Weihnachtszeit" 1938. Auf Grund seiner Arbeiten über den evangelischen Liedpsalter und die dadurch gewonnenen Beziehungen zu den reformierten Gemeinden Jugoslawiens und Ungarns wurde er. anläßlich des Jubiläums der ungarischen Universität Debrecen für die Ernennung zum Ehrenprofessor ausersehen. Die feierliche Aushändigung dieser Urkunde, die Pfingsten 1939 erfolgen sollte, hat der 51jährige nicht mehr erlebt.
Auszeichnung eines AGKK -Kameraden.
Dem NSKK.-Truppführer Karl Kraft (in Fa. Neils & Kraft) wird heute nachmittag eine besondere Auszeichnung zuteil. Durch den Führer der Motorgruppe, Prinz Richard von Hessen wird ihm der Ehrenschild des Korpsführers, der ihm durch den Korpsführer verliehen wurde, überreicht, NSKK.-Truppführer Kraft erhält diesen Ehrenschild für besonderen Einsatz für das NSKK., ferner auf
dem Gebiete des Krqftfahrwesens für lfervorragende fachmännische Leistungen, für vorbildliche Haltung innerhalb des Betriebes und dessen sozialer Ausgestaltung.
* * A m 8 5. Geburtstag verstorben. Am gestrigen Donnerstag, 2. März, hätte die frühere Gießener Leichenfrau, Frau Katharine Arndt W w e., Kirchstraße 13, ihren 85. Geburtstag feiern können. Aus diesem Anlaß hatten wir ihrer vorgestern in Wort und Bild gedacht. Leider konnte sie ihren Geburtstag nicht mehr im Kreise ihrer Angehörigen begehen. Am Morgen ihres 85. Geburtstages schied sie, nachdem sie schon einige Zeit krank gelegen hatte, aus dem Leben.
* * Die Leitung des Reichsbundes der Körperbehinderten, Kreisbund Gießen, wurde dem Verwaltungsinspektor Karl Malko- m e s i u s übertragen.
* * Die r ü ck'st ä n d i g e n Strom- und Gasgelder für Dezember 1938 müssen umgehend bezahlt werden, wenn die Säumigen nicht Gefahr lausen wollen, daß die Strom- und Gaszufuhr gesperrt wird.
Den gefallenen Helden zum Gedächtnis
Heldengedenktag am 12. März. — Die Feier in Gießen
Am kommenden Sonntag werden wieder überall in Stadt und Land an den Ehrenmälern und Ge° dächtnisstätten (ür die gefallenen Helden der Nation, die im Weltkrieg Blut und Leben gaben, frische Kränze liegen, zum Zeichen daran, daß sie, die auf dem Felde der Ehre starben, von unserem erhobenen und befreiten Volk nie vergessen sein werden. Ihr Opfer und das Opfer der Helden im braunen Hemd ließen das deutsche Volk wie einen Phönix aus der Asche zu Glanz und Größe erstehen. Und heute kann mehr denn je gesagt werden/ daß das Opfer der Gefallenen nicht vergeblich war! Ein Volk ehrt sich in seinen Helden! Der Heldengedenktag ist auch deshalb, weil das Opfer der Gefallenen im Dritten Reich und in glorreicher Auferstehung seinen tiefsten Sinn erhalten hat, auch kein Tag der Trauer mehr, sondern ein Tag des stolzen Bewußtseins der Lebens- und Opferkraft der Nation. Deshalb auch werden an diesem Heldengedenktag die Fahnen nicht auf Halb- sondern auf Vollmast gesetzt.
Für die Feiern aus Anlaß des Heldengedenktages wird in allen den Orten, die Soldaten in ihren Mauern bergen, die Wehrmacht die Ausgestaltung übernehmen. In den ländlichen Orten werden die Feiern von der Partei veranstaltet.
Für Gießen ist am Vormittag des Heldengedenktages, der diesmal gleichzeitig als „Tag der Wehrfreiheit" gefeiert werden wird, auf dem Trieb eine große Parade vorgesehen, an der alle
Truppenteile unserer Garnison teilnehmen werden. Der Divisionskommandeur, Generalleutnant von A p e l l wird die Gedenkrede halten. Den Abschluß der Feier wird ein Vorbeimarsch bilden. An der Feier nehmen neben der Wehrmacht auch Ehrenstürme der Gliederungen der Partei teil.
Selbstverständlich wird auch in diesem Jahre der Kriegerhinterbliebenen wieder ehrend gedacht, indem ihnen ein Ehrenplatz bei den Feierlichkeiten gegeben werden wird.
Wie in den vergangenen Jahren wird auch am kommenden Sonntag am Ehrenmal der Gefallenen 116er auf dem Landgraf-Philipp-Platz eine Ehrenwache unseres Infanterie-Regiments aufziehen. An den Ehrenmälern am Landgraf-Philipp-Platz, am Marktplatz, wie auch am Gedenkstein auf dem Ehrenhof im Neuen Friedhof werden durch die Wehrmacht, die Formationen der Bewegung, die NS.-Kriegsopferverforgung und den NS.-Reichs- kriegerbund Kränze niedergelegt werden; außerdem werden auch die Gräber der gefallenen Helden im Neuen Friedhof aus Anlaß des Tages geschmückt werden.
Eine besondere Ehrung aber bedeutet es für die gefallenen Helden unserer Nation, daß der Heldengedenktag gleichzeitig als Tag der Wehrfreiheit des deutschen Volkes begangen werden wird. Die Einheit der alten und der neuen deutschen Wehrmacht ist dadurch eindrucksvoll bargetan!
Aus der engeren Heimat.
Furchtbares Verkehrsunglück in Frankfurt am Main.
Zwei lote.
Frankfurt a. HL, 3. TNärz. (DHB. Funkspruch.) Am Donnerstag gegen 23 Uhr stieß in der Nähe des Hauptbahnhofes ein Straßenbahnzug mit einem Motorrad mit Beiwagen zusammen, Das Motorrad wurde vollkommen zertrümmert. Die beiden Fahrer gerieten unter den Triebwagen der Straßenbahn. Dem Lenker des Motorrades wurde der Kopf vom Rumpf getrennt, während dem Beifahrer beide Beine ab- gequetscht wurden. Er starb im Laufe der Rächt im Krankenhaus.
Schweinemästerei in Nidda und Schotten.
Lpd. Nidda, 2. März. In Nidda wurde jetzt eine EHW. -Schweinemästerei eingerichtet, in der vorläufig 30 Schweine zur Mast eingestellt wurden. In der Nachbarstadt Schotten wird in
Kürze gleichfalls eine solche Schweinemästerei ihren Betrieb aufnehmen.
Landkreis Gießen.
= Mainzlar, 2. März. Die Ortsgruppe Mainzlar der NSDAP, veranstaltete im Lokal Müller einen Schulungsabend. Nach der Eröffnung durch den Ortsgruppenleiter Pflüger fand die feierliche Verpflichtung einer Anzahl neuer Parteigenossen statt. Sodann sprach Lehrer Strack aus Allendorf a. d. Lba. über das Thema „Das Icchr 1938 und feine Lehren". Die klaren und volkstümlichen Darlegungen fanden starken Beifall. In einer kurzen weihevollen und würdigen Ansprache gedachte der Ortsgruppenleiter mit des Todestages Horst Wessels.
= Mainzlar, 2. März. Kaufmann Wilhelm Ph. Schlapp von hier, der frühere Postagent und Poststelleninhaber, empfing dieser Tage das Treu- dien st- Ehrenzeichen in Gold für seine vier- zigjährigentreuenDienstebeider Reichs-. poft. Die lleberreicfjung erfolgte durch Postrat Zoll- fr a n k (Gießen).
0 Allendorf a. d. Ld a., 2. März. In einem Teil unseres Ortes wurde eine Verdunkelungsübung durchgeführt. Die Einwohnerschaft
knapp, scharf, befehlend! er war auf einmal nicht mehr der gemütliche Onkel in der Trachtenhose, sondern der Betriebsführer von Firma F. I. Hegemann, Chemischpharmazeutisches Werk, München- Süd.
„Nein. Ich bin völlig im Bilde", erwiderte Tinser militärisch und knallte die Absätze zusammen.
„Danke. Vorhin ist mir ein Hecht, so ein Bazi, mit 200 Meter Schnur durch die Lappen gegangen. Und meine schöne neue Rute ist auch hin. Jetzt fische ich aber doch nicht mehr auf Hechte!"
Tinser empfahl sich lächelnd und ging zu „Pour- quoi pas“ hinüber, der zartgelb, hochmütig und einsam zwischen dem anderen Wagengelichter stand. Während Tinser die Reifen und den Benzinvorrat prüfte, jubilierte es in ihm: Mensch, Defi, dieses Argentiniengeschäft ist eine große Sache. Hast du gemerkt, wie Hegemann sich überlegte, ob er sie dir zuschanzen sollte?" Nun, wir werden das Kind schon schaukeln; wir werden ganz groß sein, daraus können Sie Brief und Siegel nehmen, Herr Hegemann.
- *
„Was braucht man zum Segeln eigentlich alles?" erkundigte sich Dr. Holl bei Fräulein Paula Oiefete. Sie saßen auf der.grüngestrichenen Bank vor dem Häuschen, Paula strickte an einem Jumper und Holl starrte mißvergnügt auf den See.
Die junge Frau, die um sorgenvolle Stirnen, schmächtige Geldbeutel und um solch zaudernd gestellte Fragen Bescheid wußte, sagte aufmunternd: „Weiße Leinenhose, weiße Segeltuchschuhe. Weißes, dazu passendes Hemd haben Sie ja. Das bekommen Sie alles am besten beim Kaufmann Dirrigl im Ort!"
„So", erwiderte Holl, ließ den See im Stich und erhob sich. „Mal umsehen." Dieser Tinser, dieser seichte Fant, hatte ihn mit seiner Stützungsaktion für Paula schwer hineingeritten. Hose, Schuhe, Himmelselement! Man konnte nicht gut im Straßenanzug segeln Das sah blöd aus und war stilwidrig. Holl begab sich mißmutig auf den Weg.
Seesham ist ein Kirchdorf mit vierhundert Seelen, zu denen in guten Sommern nochmal soviel Fremde hinzukommen, die die Gasthäuser, Prkvatunterkünfte und das Hotel mit ihrer Lautheit und ihrer Trach- tcnfreubigfeit bevölkern. Der kleine Ort ist ein Schmuckkästchen und lagert sich eigenwillig und verwinkelt an das hier sanft ansteigende Ufer des Hechtsees. Er besitzt eine Kirche, eine neues Schul- hous, eine Gendarmeriestation und eine Zweigstelle der Darlehenskasse Psunz. Die Witwe Dirrigl betreibt ihr Gemischtwarengeschäft ziemlich in der Mitte der Hauptstraße und vor ihrem Haus stehen zwei tugeiförmig zugeschnittene Atazienbäume, die
nächstens wegen Straßenverbreiterung umgehauen werden sollen. Die Witwe Dimifll, eine freundliche Frau und beliebt bei den (Eingeborenen, beim geistlichen Herrn und bei der Finanzbehörde, beriet Dr. Holl bei feiner schwerwiegenden Unternehmung also:
„Eine weiße Segelhose soll es fein? Jawohl, das führen wir, selbstverständlich. Der Herr haben eine ungewöhnliche Größe, aber das schadet nichts. Darf ich mal nachsehen, wegen des Umfangs. Würden der Herr diese probieren? Einfach an den Leib halten. Paßt, nicht wahr? 10,50 wäre das Aeußerste. Die Schuhe haben wir ja schon gewählt. Macht zusammen geradeaus 16 Mark."
Als Holl mit dem hübschen Pappkarton den Laden verließ, rechnete er wie ein moderner Finanzminister. Diese 16 Mark mußten irgendwo wieder cin- gespart werden, sonst krachte sein ganzer Haushaltsplan zusammen. Wo konnte ein junger, kräftiger Mann am ersten sparen? Am Essen natürlich. In den Magen konnte einem niemand sehen. Wenn ich eine Woä)e lang das Mittagessen in der „Post" fortlasse, geht es, überlegte er befriedigt. Wir werden heute gleich den Anfang machen. Und er kaufte sich Brötchen, Milch und ein Stückchen Butter.
Als Fräulein Giefeke ihren Untermieter mit Bäckertüte und Molkereislasche anrücken und über die Stiege verschwinden sah, wußte sie abermals Bescheid. Sie beschloß, Holl ein Stück von dem Apfelkuchen anzubieten und ihn zu fragen, ob sie ihm nicht Kakao in die Milch kochen dürfe.
Als Holl umgekleidet die Stiege wieder herunter kam, sagte er: „Was ist? Gehen Sie gleich mit, Fräulein Paula?" Sie schritten gemeinsam zum Bootssteg, wo Maxie schon wartete.
„Steht dir famos", flüsterte sie mit Verschwörer- blick
„Dir aber auch."
„Die Hose spannt mich ein bissel, weißt, so um die Hüften. Sieht das nicht recht unanständig aus?" erkundigte sie sich besorgt. Sie nestelte an dem Stirnband herum, das ihr helles Haar zusammenhielt.
„Wo ist denn der andere Herr?" wollte die Segellehrerin wissen.
.Herr von Tinser hat gestern unerwartet in die Stadt gemußt", erklärte Maxie.
„So, schade", murmelte die Giefeke.
Gar nicht schade, dachte Holl.
„Fangen wir an. Das Mannderl rudert uns hinüber. Zuerst die Grundbegriffe." Als sie drüben auf dem „Flederwisch" standen, begannen Namen zu schwirren. Großbaum, Vorsegel, Slchelight, Luv und Lee. Als das Theoretische so halbwegs saß, mar es Mittag. „Nachmittags, so gegen fünf Uhr, könnten
Feuer auf dem Gchiffenberq.
Am heutigen Freitagvormittag gegen VtlO Ahr brach in der einzigen Scheuneauf dem Schiffen berg aus bis jetzt noch unbekannter Ursache Feuer aus. Der Brand wurde sofort bemerkt und schleunigst die Gießener Feuerwache herbeigerufen, die schon zehn Minuten nach dem Alarmruf auf dem Schiffenberg zur Hilfeleistung eintraf.
Die Feuerwehr ging sofort gegen den Brand vor, wobei ihr zustatten kam, daß auf dem Schissenberg in zwei großen Wasserbehältern unter der Erdoberfläche je 14 cbm Wasser enthalten sind. Damit konnte die Löscharbeit kräftig in Gang gebracht werden, die zur Zeit der Riederschrift dieser Zeilen — 11 Uhr — noch eifrig im Gange ist.
Die Scheune ist ausgebrannt. Der Dachstuhl ist durch die Flammen vernichtet, dagegen find die Umfassungsmauern erhalten geblieben. Mitverbrannt ist auch der ganze Borrat an Heu und Stroh, hierdurch hat der Schlffenbergwirt L y n ck e r leider den Futtervor.rat fürseine 18 Stück Vieh völlig verloren. Es darf wohl erhofft werden, daß ihm berufskameradscha^t- liche Hilfe für die Ernährung des Viehbestandes in den nächsten Tagen zuteil wird.
Zum Glück sind die übrigen Wirtschaftsgebäude und alle übrigen Bauten auf dem Schiffenberg nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, da die Feuerwehr durch ihr rasches Eintreffen und den reichen Wasservorrat den Brand sofort auf seinen Herd beschränken konnte.
hatte sich dabei in die Schutzräume begeben. Bei der Ueberprüfung konnte feftgefteüt werden, daß die Einwohnerschaft den notwendigen Anordnungen alles Verständnis entgegengebracht hatte. Die erstmalig eingesetzte weibliche Feuerwehr wurde ihrer gestellten Aufgabe gerecht. Nach der Hebung gab Bürgermeister Krieb der weiblichen Feuerwehr einige Hinweise für die weitere Arbeit und dankte im Namen der Gemeinde für die bewiesene Einsatzbereitschaft.
Ö Lich, 2. März. Die Freiwillige Feuerwehr L i ch hielt ihre Hauptversammlung ab. Hauptbrandmeister Erb hieß Kameraden und Gaste willkommen. Brandmeister Zimmer erstattete den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß die Wehr in Verbindung mit der Pflichtfeuerwehr 8 Fuß- und Geräteübungen, 1 Luftschutzübung und 1 Alarmübung durchführte. An Kursen der Landesfeuerwehrschule nahmen die Löschmeister K. Eise und W. Naumann, sowie die Oberfeuerwehrmänner H. Lechner und Fr. Se-ipp teil. Die in Lich stationierte Bezirksmotorspritze unternahm 46 Hebungen. Sie wurde beim Kreisverbandstag, bei den Bränden in Dorf-Gill, in Hattenrod und in Steinbach eingesetzt. Durch die Anschaffung einer luftbereiften Motorspritze steht der Wehr auch für den Stadtbezirk eine Motorspritze zur Verfügung. Zur Gewährleistung eines ausreichenden Feuerschutzes wurde auch eine weibliche Wehr ins Leben gerufen. Im weiteren Verlaufe der Versammlung dankte Bürgermeister Geil der Wehr für ihre Einsatzbereitschaft und gab einen kurzen Heberblick über die im vergangenen Jahre oorgenommene Neueinteilung des Feuerlöschwesens im Kreis. Kreisfeuerwehrführer Bouffier (Gießen) wies in kurzen Worten auf das gute Einvernehmen zwischen Stadtverwaltung und Feuerlöschpolizei hin. Weiter gab er davon Kenntnis, daß in Lich ein Lehrtrupp aufgestellt werde, der voraussichtlich im Mai dem ganzen Bezirk vorgeführt werden soll. Hauptbrandmeister Erb schloß den Abend.
Kreis Alsfeld.
cxd Decken dach, 2. März. Der Gesangoer- ein „Eintracht" hielt im Saale Heinrich Müller!. seinen Familienabend ab, der wie stets, sehr gut besucht war. Der Vereinsführer hieß die zahlreichen Teilnehmer willkommen und zeichnete im Verlauf des Abends mehrere Sänger für regelmäßigen Singstundenbesuch aus. Im Mittelpunkt des Abends stand eine Theateraufführung, die viel Beifall fand. In kameradschaftlichem Beisammensein vergingen die schönen Stunden wie im Fluge.
wir ein wenig Praxis treiben", schlug die Lehrerin vor. Die beiden Schüler waren Feuer und Flamme und erschienen pünktlich. Paula schielte erst nach dem Himmel, bann nach der kleinen Toppflagge und zog ein zweifelndes Gesicht.
„Sieht ein bißchen schwarz aus, wie?" meinte Maxie.
„Von der Handvoll Wolken werden wir uns doch nicht ins Bockshorn jagen lassen", begehrte Holl auf. „Los, Kinder!"
Das Mannderl ruderte die drei vom Steg zur „Liefet II" hinüber, die sacht auf und nieder ging und an ihrer Trosse scheuerte. Man mußte sich diesmal mit dem kleineren Boot begnügen, weil der Köptn ein paar Fremde mit der großen Jacht nach Axelried fuhr.
Die „Liefet II" war eine angejahrte Dame und mit viel Delfarbe schmackhaft gemacht, aber sonst war sie seetüchtig wie jedes andere zugelassene Schiff. Das Mannderl legte sich in die Riemen und das Beiboot schoß vorwärts. Der Bub machte heute schmale Lippen und sah starr geradeaus. Ihm war nicht recht wohl. Sein Hals kratzte, sein Kops summte und die Augen glänzten zu stark. Es war etwas im Anzug bei ihm, eine Mandelgeschichte vielleicht, aber er ließ sich nichts anmerken, jammerte nicht, feierte nicht und hielt sich bewundernswert tapfer mit seinen neun Jahren. Aus seiner kurzen Hose ragten ein Paar braune, magere, verkratzte Bubenbeine hervor. Das Mannderl sprang als erster an Deck und zurrte das Beiboot fest. Dann machte er sich mit seiner Schwester an den Segeln zu schaffen, zog die Vorschoot dichter heran und hockte sich neben dem Mast nieder.
Man kreuzte über den See, strich rauschend am jenseitigen Ufer entlang und kam wieder zurück m die Mitte. Zwei unverdrossene Möwen begleiten das Schiff. Paula Giefeke erläuterte die einzelnen Manöver und ließ sich Namen und Zweck wiederholen^ Das ging eine Stunde so. Dann machte das Wetter mit einemmal Geschichten. Der Himmel beschlug sich, mit einem unheimlichen Schwarzblau, das von fahlem Gelb durchsprenkelt war, ein bösartiger stoßweiser Wind kam auf und die Wasserfläche wurde ziemlich plötzlich von weißen Gischtkämmen überspült. Der Hechtsee machte eine seiner berüchtigten Revolten. Die Wellen wurden immer starker, der Wind wurde kräftiger und fuhr der „Liefet II" in die Segel, daß sie sich knatternd und wie Weiberröcke aufbauschten. Hnd bann klatschte die erste Woge über Deck, eiskalt und ungut, das Mädchen Marie schrie grell auf und betastete seine durchnäßte funkelnagelneue Hose.
(Fortsetzung folgt!)


