das Eis ad er an das Ufer. Die Enten finden sie leicht.
Alle diese Arbeiten machen vor allem Mühe und sind bei hohem Schnee nicht leicht. Aber darin unterscheiden sich Weidmann und Schießer voneinander, daß der eine diese Mühen ohne Murren als etwas Selbstverständliches auf sich nimmt, während der andere ihnen aus dem Wege geht, im warmen Zimmer schöne Reden hält, meint, so schlimm könne es wohl noch nicht sein und dergleichen mehr. Winterfütteruna ist sittliche wie gesetzliche Heger- vflicht. Wer ihr nicht nachkommt, hat nicht das Recht, sich deutscher Jäger zu nennen!
Allmählich werden die Felder im Jagdschein, die Schußzeit bedeuten, immer weniger. Roch kann das Rotwild gleich dem Damwild besagt werden. Der Schnee hilft dem Jäger, die Sauen kurz zu halten. Die Schußzeit des weiblichen Rehwildes und der Kitze ist bis zum 31. Januar verlängert worden. Gerade der Schnee wird es erleichtern, geringe Stücke zu bestätigen und wegzunehmen, ehe sie dem Ludertode verfallen. Um so unentbehrlicher sind die starken Stücke jetzt für die Führung der Kitze.
Die erste Januarhälste bringt die letzten Hasenjagden. Auch der Fasan hat noch bis zur Monatsmitte Schußzeit. Es ist leicht, an den Fütterungen das zahlenmäßige Verhältnis von Hahn und Henne zu beobachten und danach zu bemessen, ob der Abschuß genügend war oder noch Hähne geschossen werden dürfen.
Wenn so die Jagd auf das Nutzwild mehr und mehr aufhört, tritt die auf das R a u b w i l d in den Vordergrund. Noch kann bis zur Monatsmitte der D a ch s bejagt werden. Vor allem gilt das Jagen nun Reinecke, dem roten Freibeuter. Denn die hohe Zeit, die Ranzzeit des F u ch s e s hat begonnen. Verräterische Doppelspuren, Spuren von Bau zu Bau, „duftende" Ranzwitterung, Gekecker sich balgender Rüden sagen dem Jäger genug, um mit dem Erdhund die Baue abzusuchen und den Fuchs zu „sprengen". Oder aber er pirscht und sitzt im Dollmondschein im „weißen Zeug", reizt mit Hasenquäke, Mäusepfiff, Vogelangstruf den roten Schelm, harrt seiner am Paß, sitzt an am Bau, läßt sich die Fuchsdickungen durch
drücken oder setzt den Stöberhund an. kirrt den Fuchs zum Luderplatz an der Ansitzhütte — kurz, Auswahl in Jagdarten genug, um die rote Sippe kurz zu halten und sich selbst hoben weidmännischen Genuß zu verschaffen, wobei nicht vergessen sein soll, daß der Fuchsbalg nun auf der Höhe seines Wertes ist. Auch unsere Edelpelzträger, die Marder, haben noch Schußzeil, während gleichzeitig Iltis und Hermelin willkommene Beute sind.
Auf die Notwendigkeit guter Jagdaufsicht sei gerade bei diesen Wetterverhältnissen hingewiesen. In jeder Notzeit drängt das Wild gleich unseren Wildvögeln zu den menschlichen Siedlungen. Mancher Hase kommt dann aus den Gärten nicht mehr zurück. Drum achtet auf den Biedermann, der in seinen Gartenzaun Schlingen stellt, und bringt ihn zur Anzeige! Die Strafen dafür sind heute so, daß sie eine Fortsetzung dieses dunklen Handwerkes nicht empfehlen! Jagende Hunde sind nirgends gefährlicher als jetzt im Winterwald.
Solche Zeiten sind Probezeiten für ein Revier und seine Jäger! Jagdpächter, Förster, Jagdaufseher, Feldhüter und nicht zuletzt die Verpächter, die Bauern, sollten in solchen Zeiten ohne viel Worte sich zu gemeinsamem Tun zusammenfinden. Der Jäger ober ist der verantwortlichste Teil dabei! Keiner hat dies schöner zum Ausdruck gebracht als unser Heidedichter, der Jäger und Heger Hermann Löns:
„Das Schießen allem macht den Jäger nicht aus;
Wer weiter nichts kann, bleibe lieber zu Haus.
Doch wer sich ergötzet an Wild und Wald,
Auch wenn es nicht blitzet und wenn es nicht knallt. Und wer noch hinauszieht zur jagdlosen Zeit, Wenn Heide und Holz sind vereist und verschneit, Wenn mager die Aesung und bitter die Not, Und hinter dem Wild einherschleicht der Tod;
Und wer ihm dann wehret, ist Weidmann allein. Der Heger, der Pfleger kann Jäger nur sein.
Wer bloß um das Schießen hinausging zur Jagd, Zum Weidmanns hat er es niemals gebracht."
Hubertus.
Aus der engeren Heimat.
Lehrer i. R. Karl Stein 70 Jahre alt.
--Lich, 3. Jan. Am heutigen Dienstag vollendet Lehrer i.R. Karl Stein dahier in voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit sein 7 0. Lebensjahr. Lehrer Stein war 45 Jahre im Schuldienst tätig, und zwar von 1889 bis 1911 in Schlitz, von 1911 bis 1919 in Reiskirchen, von da ab bis zu seiner Jnruhestandsversetzung im Jahre 1934 an der hiesigen Volksschule. Lehrer Stein ist neben seiner Erziehertätigkeit vor allem aus gesanglichem und musikalischem Gebiet heroorgetreten; viele Jahre leitete er den Gesangverein „Cacilia", zu dessen Ehrenchormeister er in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste ernannt wurde, und feierte mit diesem im Jahre 1928 das 90jährige Jubiläum. Don 1929 bis zur Verschmelzung des Rothschen Männerchors mit der „Cacilia" stand er ersterem Verein als Chorleiter vor. Als Kreischormsister des Sängerbundes Chattia übt er noch jetzt eine führende Tätigkeit aus. Seit 1911 steht er als Organist im Dienst der Evangelischen Landeskirche, und zwar zunächst in Reiskirchen und fast 20 Jahre an der hiesigen Marienstiftskirche mit ihrer großen Orgel. Auch als Chorleiter des Evangelischen Kirchenchors und der Chorschule hat er sich um das kirchenmusikalische Leben unserer Stadt größte Verdienste erworben. Dem alten Herrn bringen auch wir unsere herzlichen Glückwünsche zum Geburtstage dar.
Oie älteste nassauische Volksschule.
LPD. Dillenburg, 2. Jan. Die Stadt Dillenburg besitzt die älteste Volksschule in ganz Nassau. Sie wurde im Jahre 1509 von Johann V., dem Großvater des Oraniers, errichtet. Zuerst wurden hier nur Knaben unterrichtet; etwa 20 Jahre später wurde auch eine Schule für Mädchen gebaut Unbestritten hat Dillenburg auch die
älteste gewerbliche Zeichenschule in Nassau; sie wurde im Jahre 1779 gegründet.
Oer Haushaltsvoranschlag der Stadt Lich.
3 Lich, 2. Jan. In Ergänzung unseres Berichts vorn Samstag, 31. Dezember 1938, über den Haushaltsvoranschlag 1938 der Stadt Lich teilen wir nachstehend folgende Einzelheiten mit: (E = Einnahme, A - Ausgabe):
In der Abteilung „B e t r i e b“ beträgt der Rechnungsrest in Einnahme und Ausgabe jeweils 34 000 Mark; ferner sind folgende Posten verzeichnet: Gebäude E 12 200, A 12 600; Grundstücke E 955, A 2800 Mark; Waldungen: E 136 300; A 59 500 Mark; Jagd und Fischerei: E 2053, A 10 Mark; Schäfereien undWeiden: E 950, A 2500 Mark; Grundrenten: E 1,50, A 9 Mark; Messen und Märkte: E 40, A 280 Mark; Waag- und Eichanstalten: E 350, A 200 Mark; Wasserversorgung: E 21100, A 49 500 Mark; Krankenhaus: E 16100, A 16100 Mark; Waldschwimmbad: E 1900, A 19u0 Mark; Verwaltung: E 7190, A 49100 Mark; Oeffentliche Sicherheit: E —, A 1200 Mark; Gesundheitspflege: E 937,25, A 7500 Mark; Feuerlöschwesen: E 1604, A 7100 Mark; Armenpflege: E 1500, A 17 300 Mark; Schulen: E 1430, A 24 500 Mark; Kirchen: E —, A 1607 Mark, Eisenbahnen: E —, A 2740 Mark; Friedhöfe: E 1180, A 1840 Mark; Straßen: E 450, A 40 500 Mark; Kanäle: E 6290, A 4400 Mark; Landwirtschaftszwecke: E 4050, A 15100 Mark; Grenzverhältnisse: E 50, A 852 Mark; Dür- gernutzen: E —, A 12 521 Mark; Denkmäler und Anlagen: E 20, A 3620 Mark; Soziale Fürsorge usw.: E 8035, A 17 500 Mark; Wohnungsfürsorge: E 1215,05, A 6522,75 Mark ;Steuern und Abgaben: E —, A 61130 Mark; Sondersteuern: E 34 450, A
sich auf Grund der dem Kampfwagen eigenen geringen Bodenhaftung und seiner Lenkungsart kaum vermeiden, daß die Fahrzeuge seitlich auswandern oder schleudern. Weiterhin ist zu bedenken, daß Kettenfahrzeuge bei Lenkbewegungen sich immer um den Mittelpunkt der aufliegenden Kettenlänge drehen, d. h. daß zum Beispiel bei einer Rechtsbewegung das Heck des Kampfwagens nach links — der Straßenmitte — ausgescywenkt wird.
Jeder bedenke diese Tatsache beim Ueberholen und Begegnen und bewahre sich vor Unfällen durch Einhalten eines genügend großen seitlichen Abstandes von diesen Fahrzeugen. Deshalb halte man die äußerste Rechtsstraßenseite ein, wenn einem Pan- zerkampfwagen begegnen.
** Ju st i z p e r s o n a l i e. Der beim Amtsgericht Gießen tätige Kanzlist Wilhelm Goffel- meyer ist mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 zum Justizassistenten ernannt worden.
♦* D i e Comedian Harmonists im Stadttheater. Das Meister-Sextett „Comedian Harmonists" kommt am Donnerstag, 5. Januar,
nach Gießen und gibt rm Stadtcheater um 20 Uhr einen heiteren Abend. Es wird ein völlig neues Programm geboten, das auf der großen Deutschland-Konzertreise, die kürzlich begann, überall mit Begeisterung ausgenommen wurde.
** Auf dem Wege der Besserung. Das Befinden des Kraftfahrers der Reichspost Ludwig D e h u s hat sich, wie wir auf Anfrage bei der Chirurgischen Klinik erfahren, erfreulicherweise gebessert. Entgegen den mancherlei Gerüchten, die über das Schicksal des Mannes in der Stadt umgehen, kann mitgeteilt werden, daß zum Glück eine Amputation der Arme vermieden werden kann.
** Lahn noch unter E i s. Entgegen naheliegenden Vermutungen führt die Lahn bisher noch keinen erhöhten Wasserstand. Vielmehr lag heute morgen die Eisdecke der Lahn noch völlig geschlossen Nur der Schnee' auf der Eisfläche ist hinweg- geschmolzen, so daß die ganze Eisfläche in feinem weißlichen Grün schimmert. Lediglich in der Wleseck hat das Wasser die Eisfläche überspült; ein besonderes Ansteigen des Wasserstandes ist aber auch dort nicht zu bemerken.
Oie Jagd im Zanuar.
Wenn alles glitzert im Sonnenschein, Als Jäger hinter dem Wilde sein, Das trifft auch der Sonntagsjäger mit Stolz. Wenn aber weiße Haufen sich türmen. Das Wild mit Leib und Leben beschirmen, Das treffen nur Leute aus anderem Holz.
(Löns.)
Es ist eine harte Zeit um die diesmalige Jahreswende für unser Wild. Weithin deckt der weiße Leithund in hoher Decke Feld und Wald, und die Teiche, Flüsse und Bäche sind in Eis erstarrt. So plötzlich hat der Winter seinen Einzug gehalten und dabei auch sofort ein gar strenges Regiment aufgerichtet, wie wir es in den Herbstmonaten immer für möglich ankündigten und daran den Rat knüpften, rechtzeitig alle Vorbereitungen zur Fütterung durch Anlage von Futterstellen und Bereitstellung von Futtermitteln zu treffen. Mag auch ein-e gewisse Wintersnot für manche Wildarten deswegen ein Gutes haben, weil Schwaches und Lebensuntüchtiges dadurch ausgemerzt wird, so muß doch bei solcher Schneelage von längerer Dauer der Jäger auch dem stärkeren Wilde helfen. Damit tritt aber die Wildpflege und die Hege in den Vordergrund der Jagd im Januar.
Solange der Schnee noch als Pulverschnee liegt, öcrmag. das Schalenwild noch ohne Schwierigkeiten zu ziehen und auch im Altholz nach Bucheckern oder Eicheln zu schlagen. Schlimm wird es erst dann, wenn auf diesen Schnee Regen fällt, der wieder gefriert und den Schnee verharschen läßt. Der Jäger, der durch solchen Schnee gestapft ist, braucht sich nachher nur einmal sein Schuhzeug oder seine Gamaschen zu betrachten, die von lauter feinen Schnitten übersät sind. Genau so schneiden die feinen Eisränder in die Decke des Wildes an den Läufen ein, die Fährte zeigt Schweiß, das Wild fürchtet den Schmerz und zieht nicht mehr nach d-er Aesung oder Fütterung. Der Fuchs aber weiß, was diese Wund- führte für ihn bedeutet. Meisterhaft hat es uns Hermann Löns in seiner Fuchsgeschichte „Der Alte uom Berg" geschildert, wie der Fuchs das lauf- wunde Kitz hetzt und reißt. Und wir wissen, daß in solcher Zeit auch starkes Wild bis zum Rotwild Fuchs und Hund 3um Opfer fällt. Der Jäger sorgt deshalb einmal dafür, daß das Wild in Nadelholzschlägen, die meist eine geringere Schneelage auf- weisen, Futter findet und zum anderen muß er ü-genbmie für Bahnen sorgen, auf denen es ziehen rann, sei es nun, daß er einen einfachen Schneepflug gehen läßt oder auch selbst Spur tritt. Üftan achte doch einmal darauf, wie gern die Hasen z. B. die Schispuren als Wechsel benutzen und auf ihnen ganze „Hasenpfädchen" entstehen lassen, weil sie empfinden, daß sie hier besser darüber hinwegkommen.
Rot- und Damwild sind verhältnismäßig leicht an mit Heu, Stroh, Rüben, Kastanien oder Eicheln beschickte Fütterungen zu bekommen. Das
Rehwild dagegen macht oft viel mehr Schwierigkeiten, obwohl die Verhältnisse in den einzelnen Revieren durchaus verschieden liegen. In manchen werden feste Fütterungsanlagen stets leicht angenommen. In anderen muß man mehr an die natürliche Aesung des Reviers denken. Der Hüter des Waldes im grünen Rock kann hier sehr viel tun, wenn er jetzt Weichholz schlagen läßt, das wie Weiden und Aspen vielfach zu anderer Zeit herausge- hauen wird. Die Knospen werden wie die Rinde gern genommen. Wo die Brombeeren noch Laub tragen (viel ist nicht mehr da), klopft man den Schnee ab. An Stellen, wo Heidekraut ober Heidelbeeren stocken, ist der Rechen am Platze. Alle diese Hilfen müssen von jedem, der es gut meint mit unserem Wilde, nun als etwas Selbstverständliches gegeben werden. Sie bedeuten dabei zugleich auch eine Schutzmaßnahme gegen den Verbiß wertvoller Forstpflanzen! Daneben gibt der Jäger Heu, Grummet, Dickwurzeln und Möhren, Eicheln, Hafer und Haferstroh und Kohl an die Fütterungen. Es gibt keine größere Befriedigung für den Heger, als wenn er diese angenommen und leer findet. Gern nimmt er dann die Mühe auf sich und schüttet immer wieder nach. Denn er weiß, es lohnt sich und erfüllt seinen Zweck.
Auch bei dem Hasen ist Schmalhans Küchenmeister. Mühsam legt er sich Winterfrucht- oder Rapsfelder frei, hoppelt zu den Kohlstücken in der Nähe des Dorfes, bringt in die Gärten ein, verbeißt den Ginster ober die Robinienausschläge und benagt auch junge Obstbäume, wenn der Besitzer sie nicht geschützt hat. Da er bestimmte Wechsel einhält, ist es leicht, ihm zu helfen, denn es bedarf nur des Auslegens von Rüben, Kohl, Möhren oder von Proßholz an seinen Wechseln. Die Annahme ist bann sicher.
Besondere Sorge macht das Federwild, das bei solcher Schneelage ganz Übel daran ist. Den Hühnern schüttet der Jäger in Hecken, wo sie zugleich Schutz finden, Heublumen, die überall auf dem Dors reichlich zu bekommen sind. Die F a - sanen, die man zweckmäßig an feste Fütterungen gewöhnt hat, streut er Hinterkorn, Heublumen, gekochte Kartoffeln, Mais und Kohl aller Art. Die im Garten ab geernteten Rosenkohlpflanzen können dabei noch eine gute Verwendung finden. Man vergesse nicht, allen Hühnervögeln immer mal wieder etwas Sand ober Asche in die Fütterung zu werfen, die sie zum Verdauen brauchen.
Ganz schlecht daran ist das Wasserwild. An wenigen offenen Stellen drängt es sich zusammen, und manch seltener Anblick bietet sich da dem Weidmanne, z. B. Wildschwäne in größerer Zahl an der Lahn. Es ist gut, daß die Schußzstt für Enten bereits zu Ende ging. Denn es werden wie vor zehn Jahren leider wieder genug dieser Breitschnäbel dem Hunger zum Opfer fallen. Wer solche Einfallstellen in seinem Revier hat, der werfe hier nur Grün futter ober Körner und Erbsen auf
roomumßiw?
Kommt von Hubert Kaufte.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Sie sah in ihr Glas, in dem der Widerschein des Lichtes rubinrot funkelte wie ein Liebesstern. Wer ihn so haschen und behalten könnte! Sie mühte sich, aber wenn sie das Glas zum Munde führte, war der Stern erloschen und verschwunden.
Da sagte Jago: „Verzeih mir, Jte, eine Frage.
Brasky sorgt doch für dich?"
„Fängst 'du wieder mit deinen Gelbgeschichten an?"
„Nein, wirklich nicht. Aber bu hast mir mal von deinem Sparkonto in Wien erzählt. Und das hat mir gefallen, du bist so ein vernünftiger Mensch."
,Ha, er sorgt für mich. Ich bekomme einen Teil meiner Gage in Wien auf mein Konto eingezahlt Für hier bleibt mir immer nod)i genug, um das arme Deutschland auszukaufen! Bist du jetzt zufrieden?"
„3a, Jte, ith wollte es nur wissen wegen Elisabeth. Ich will mit Brasky sprechen wegen eines Engagements. Und da spielt in dieser Zeit die Geld- fraae doch eine gewaltige Rolle."
„Brasky hat mir Elisabeths Brief gezeigt. Ich bin überzeugt, daß für uns beide Platz genug ist, wenn man das richtige Stück für uns findet."
„Das wollen wir schon finden", sagte Jago, „und wenn ich bei sämtlichen Berliner Dramaturgen herumlaufen und herumfragen muß. Ein gutes richtiges Theaterstück für eine prachtvolle schwarze Frau von feurigem Temperament, und schön und ichön."
Jte winkte lachend ab.
..Und für eine blonde, edle, herrliche Frau ..."
„Und schön, und schön". — lachte Jte.
Wahrhaftig, dieser verlibte Jago hatte ganz glückliche, helle Augen. Man sah es ihm an, daß er an seine Elisabeth dachte. Vielleicht war es doch zum eifersüchtig werden?
Sie hob ihr Glas.
„Wie das Rot blitzt. Ich trinke auf Elisabeth!"
Jago stieß mit an.
Der schwere Wein erfüllte Jte mit einer behaglichen Wärme: „Du hast recht, Jago, mein Heimweh ist fort. Oder ist es Fernweh? Ich kenne mich in mir selbst nicht aus. Aber ich wollte ja gar nicht von mir reden, sondern von dir. So mit zwei Gläsern Burgunder im Leib bin ich nämlich sehr tapfer."
„Was willst du wissen, Jte?"
..Wie weit du mit Elisabeth bist?" Und als sie die Falte aufspringen sah in seiner Stirn. „Friß mich nur, Jago! Ich frage nicht meinetwegen, sondern deinetwegen. Vielleicht kann ich dir helfen!"
Jago erzählte. Er kannte Jte, und er brauchte sie als Bundesgenossin. Er hatte ein absolutes Vertrauen zu ihr. Er sprach von den Sorgen in Trebbin, von Elisabeths Wunsch, Geld zu verdienen für die Heimat, er sprach von den Nöten der Zeit und daß es ihm gelingen müsse, Elisabeth und Trebbin und alles, was man so Familie und Heimat nennt, durch diese bösen Nachkriegsjahre hindurchzusteuem in eine bessere Zeit.
Jte hörte geduldig zu. Als Jago fertig war, schüttelte sie den Kopf und sagte: „Das meine ich nicht! Zwischen Sorgen und Lieben ist ein Unterschied. Du sorgst für Elisabeth, und bu sorgst biet) um Elisabeth, aber Lieben ist schließlich noch mehr!"
Sie war sehr tapfer hinter ihrem Burgunber, die schmale Jte.
„Sagst du immer noch Sie zu ihr?"
Jago fühlte sich ordentlich erlöst: „Keine Spur, Jte, wir duzen uns seit Wismar!"
„Und Kuß und so?"
Fast wäre der Jago ein wenig rot geworden. Er trank sein Glas mit einem Zuge aus und schimpfte: „Du bist die reinste Jnquisiteuse, Jte, aber bu hast schon recht. Ganz ehrlich gesagt: Nein!" Er würbe ernst. Er beugte sich über ben Tisch unb sah Jte in die Auaen. „Weißt bu, Jte, dir könnte ich jetzt sofort einen Kuß geben, aber Elisabeth? — Ich bekomme nur bei dem Gedanken Herzklopfen, daß es mir völlig ben Atem nimmt. Ich habe keinen Mut, und wenn ich keinen Mut habe, muß ich schon schrecklich verliebt sein."
Jte sah ihn ganz ernsthaft wieder an.
„Ja, das bist bu auch. Ich denke mir, wenn du noch tiefer in deine Liebe steigt, wirst du den Mut schon wieder finden. Aber glaub mir: ein guter Geschäftsmann, ein sorgender Ehemann und ein richtiger Liebhaber — das sind zum mindesten zweierlei Dinge. Du mußt nicht nur verliebt sein, sondern bu mußt ein Liebhaber werben. Liebhaber — ein wundervolles Wort!"
Jago seufzte laut und vernehmlich!
„Und dabei bist du ein Spanier!" sagte Jte strafend.
,^Ja, gerade aus Spanien kommt der Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestatt!"
Mit Brasky hatte Jago einige lange und ausführliche Besprechungen, bei denen er sich ganz als Anwalt Elisabeths fühlte und ga'd. Sie fanden in dem winzig kleinen Büro statt, in dem Brasky täglich einige sorgenvolle Stunden mit Kassier unb
Rendant, mit Vertretern der Steuerbehörde unb des Finanzamtes verlebte. Ihm lagen die wirt- fchaftbichen Dinge wenig, aber die Verhältnisse machten sie zum' Mittelpunkt seines Denkens.
„Täglich ein volles Haus", rief er, „und doch den ganzen Kopf voller Sorgen. Ich verdiene in Mark, unb meine österreichischen Geldgeber soll ich in Schilling zUfriehenstellen. Aus Papier ist fein Gold zu machen."
„Gold ist für Schilling nun doch eine leichte llebertreibung!" sagte Jago.
„Sie tun sich leicht mit ihrer spanischen Währung."
Dir Verhandlungen bewegten sich immer auf dem gleichen Fleck. Eine sehr gute Gage in deutscher Währung war für Elisabeth ohne weiteres zu erreichen, aber die Wahrscheinlichkeit, damit die Trebbiner Gvlbschuld zu begleichen, war gleich Null.
Und Gastoerträge?
Jago ließ sich von Brasky Adressen geben unb fuhr bann zu verschiedenen Agenten, zur Bühnengenossenschaft unb zum Bühnenverein. Ein Gastspiel mit der Hellfahr? Ausgezeichnet, aber auf ähnliche Ideen waren schon zuviel deoi'senhungrige Künstler gekommen. UeberaÜ wimmelte es von deutschen Gastspiel'truppen, und bas lieber an gebot erzeugte Pleite auf Pleite. Also im ' Ausland „märe nichts zu machen!' Aber Berlin fei doch schließlich Berlin! Devisen — schön und gut, aber viele tausend Mark seien auch rricht schlecht.
Der dicke Nürnberger, ein Agent von reinstem Berliner Wasser, hielt den guten Jago für einen versteckten Kollegen.
„Am Staatstheater suchen f so was. Ein schönes Weib, groß, blond, und doch wieder nicht wie die Milford; weicher, runder, so wie die Hellfahr ist, eine Süddeutsche und doch keine Spur von Dialekt. Machen wir's zusammen! Zwanzig Prozent von der Abendgage?"
In der Schellingstraße bat Jago um die Adresse des berühmtesten Berliner Dramaturgen.
Man nannte die Namen am Finger her. Er sei wohl nicht aus Berlin? Hier arbeite jeder fürs Theater, und diese Namen seien stadtbekannt.
Jago schrieb einen Bries, an den ersten im Alphabet, den Doktor Julius Balbo. Er beschrieb genau die künstlerische Art der Hellfahr, er nannte ben Namen der Jte Fall. Er suche ein Stück, in dem die beiden künstlerischen Kräfte neben- ober gegeneinanber m großen Rollen sin-gesetzt werden könnten; klassisch ober modern, aber zugkräftig müsse bas Stück fein. Er legte eine Fünfzig- Pesetennote in den Brief.
Als Absender gab cr einen Seüor Jago an im-
Hotel Adlon. Erledigung brieflich. Als er einige Tage später bei dem 'bekannten Postmanager im Hotel nachfragte, erhielt er die Antwort, daß kein Brief abgegeben, aber ein kleiner, runder, kahlköpfiger Herr mit einer gewaltigen Hornbrille tagtäglich nach ihm gefragt habe.
„Ich will diesen dicken Herrn nicht sehen, unb dieser Kahlkopf soll mich nicht kennenlernen. Ich will eine schriftliche Antwort, um die ich gebeten unih die ich bezahlt habe. Erledigen Sie bas bitte!"
*
Am Tage bevor Elisabeth in Berlin ankam, (egte Jago dem Direktor Brasky ein Buch auf den Tisch, ein ausgeschnittenes, broschiertes Exemplar.
„Hier ", sagte Jago, „ist das Stück, das für Jtc und Elisabeth die richtigen Rollen enthält, bas Ihnen in dieser stillen Zeit vor Weihnachten das Theater füllen wird. Es ist nicht neu, es ist auch nicht alt, aber es ist in Berlin feit einem Jahrzehnt nicht mehr gespielt worden."
Brasky las ben Titel:
„Ein idealer Gatte. Von Oskar Wilde."
Er sah Jago prüfend und zweifelnd an.
„Ob Sie es nun Zufall nennen wollen", fuhr Jago fort, „oder wie immer, dies handfeste, zugkräftige Theaterstück ist seit 1912 in Berlin nicht mehr gespielt worden. Vielleicht ist der Krieg Er klärung genug." Jago holte eine Auskunft der deutschen Spielplanstelle hervor.
Brasky las sie durch, überlegte einen Augenblick und sagte bann:
„Ich gebe sofort eine Notiz in die Zeitung, ich kenne bas Stück sehr gut. Es gehört zum festen Spielplan des Vurgtheaters. Es ist ein todsicheres Geschäft, unb jeben Tag kann ein anderer uns zu- vorkommen." Er sah Jago an. „Bleibt die Frage, ob ich morgen mit der Hellfahr einig werbe."
„Gerade deshalb wollte ich mit Ihnen sprechen", sagte Jago. Die Unterredung dauerte nicht allzu lange.
Schon die Abendzeitungen brachten die Nachricht, daß Direktor Brasky im Theater am Kur- fürftenbamm mit ben Proben zu Wildes „Idealem Gatten" begonnen habe.
„Die Abenteuerin Mrs. Cheveley spielt Jte Fall, die als „Tochter des Kunstreiters" den Beifall der Hauptstadt im höchsten Maße gefunden hat. Ihr ist diese intrigante unb männerbetörenbe Außenseiterin ber englischen Gesellschaft auf den Leib geschrieben. Für ihr Gegenspiel, die Laby Chilbern, wurde die bekannte Münchener Salonbame, Elisabeth Hellfahr, verpflichtet. Wir freuen uns, baß es damit wiederum gelungen ist, eine starke künstlerische Begabung für die Reichshauptstabt zu gewinnen."
(Fortsetzung folgt!)


