Nr. 285 Zweites Bloh
Gießener Anzeiger (General-Anzelgsr für Gberheffen)
2./3. Dezember |939
C H LO RO D 0 NT
tinien sowie von Britisch-Honduras an Guatemala einsetzen sollten, ohne daß freilich diese Anregung in Argentinien — wo man es den Vereinigten Staaten heute noch nicht verziehen hat, daß sie 1833, trotz der von ihnen selber verkünde- ten Monroe-Doktrin, die Annexion der Inseln durch England duldeten — besonders begeistert ausgenommen worden wäre. Denn wie alle süd amerikanisch en Länder bezeichnet Argentinien, das in dieser Beziehung eine führende Rolle unter den Staaten des Kontinents einnimmt, die Monroe-Doktrin als eine einseitige Erklärung, die nur die Vereinigten Staaten selbst angehe, aber keines der südamerikanischen Länder binde. Demzufolge will Argen- tinien die Rückerstattung der Malvinas auch nicht der Monroe-Doktrin, sondern lediglich der eigenen Energie und der Beharrlichkeit, Wit der es seinen Rechtsstandpunkt vertritt, zu verdanken haben ...
Das Interesse an der antarktischen Region hat jedoch nicht allein kontinentalpolitische, sondern nicht weniger wichtige wirtschaftliche Gründe, denn diese Gegenden sind besonders reich an Wal- fischen und Robben, und die Walfisch- und Robbensagd wird in den antarktischen Meeren gegenwärtig von Engländern, Nordamerikanern, Norwegern (bis zum Kriege auch von Deutschen) betrieben, ohne daß es bisher möglich war, über die Fischereierlaubnis und ihre Vergebung vertragliche Abmachungen zuftandezubringen. Die Schwie- rigkeiten einer solchen Regelung rührt daher, daß, wie bekannt, verschiedene Staaten einander die Souveränität über die gleichen Gebiete streitig machen. In Argentinien hofft man, daß das ver- stärkte Interesse Nordamerikas, das in der Expe- dition Byrds zum Ausdruck ksmmt, dazu beitra- gen wird, daß es bald zu einer Klärung der Sou- oeränitätsansprüche kommt.
Zweierlei ist notwendig, um die Zähne gesund zu erhalten, vernünftige Ernährung und richtige Zahnpflege.
ß'ge, treue und ehrliche Volk, gehorsam und recht- liebend, eines der eigenartigst gebildeten der Erde, mahhaltend in Arbeit, Freude und Genuß, Selbst- emkehr gehalten, allen Haß und Widerstreit niedergerungen, alle guten Kräfte in Bewegung gesetzt hat. Immer war der Kampf um unser Recht begleitet vom Gedanken ans allgemeine Recht — man denke an die Reichstagsrede des Führers vom 6. Oktober Wir können uns immer einem neuen Weltzustand anpassen. Die Gegner brachten die dafür nötige moralische Kraft nicht auf — ihre Völ- ker waren mutig, als sie uns fünfzig Monate lang fn, Waffen gegenüberstarrden, ihre Führer zitterten letzt aus Furcht vor Frieden!
Diesmal kann selbst in Feindesland kein Einsichtiger glauben, daß Deutschland schuldig sei am
Südslawische Reise-Skizzen
Von Dr. Paul Rohrbach.
Byrds neue Antarktis-Expedition
Von unserem Hs.-Korrespondenten.
feit Jahren aus den südlichen Orkaden eine meteorologische Station unterhält.
In Nordamerika geht man verschiedentlich noch weiter, dort wurde kürzlich verlangt, die Regierung solle die Monroe-Doktrin auf das antarktische Gebiet ausdehnen. Eine logische Folge einer solchen Ausdehnung würde jedoch sein, daß auch alle übrigen europäischen Besitzungen und Kolonien im eigentlichen Süd- und Mittelamerika in die Monroe-Doktrin eingeschlossen werden müßten, nicht zuletzt die von England 1833 widerrechtlich besetzten Falklandinseln, die „Malvinas", gegen deren Raub Argentinien nie aufgehört hat zu protestieren. In der Tat hat ja auch der nord amerikanische Senator Reynolds kürzlich verlangt, daß die USA sich für die Rückerstattung der Malvinas an Argen
Furcht vor Frieden.
Machen; ein Kapellmeister hat zum 10. Jahres" tage s°mes Dienstantritts Beethoven s Neunte tangiert: Freude, schöner Götterfunken .. alle Menschen werden Brüder wo dein sanfter Flüaek weilt. Und wir erinnern uns: die Neunte ist ent- &eh.BU«, ?eift btr Befreiungskriege. Die Armee des Welteroberers, des Anbesiegbaren war geschlagen Korner, Arndt und Schenckendors hatten W Freiheitslieder gelungen, Europa durfte das Joch der Kriegsgefangenschaft abschütteln. Wir aber Jatte es angefangen? Gneisenaus Entwurf zur nationalen Erhebung war oom König abgelehnt wor- den mit der Randbemerkung: Als Poesie aut! 91» ^^?^lührbarkeit hatte Friedrich LuhLm III nicht geglaubt. 1
Alles wiederholt sich. Auch wir waren nahe 6ayan,™-%j’0ff?u,y.an Möglichkeit der natio- nchen Wieherauferstehung aufzugeben. Kurz nach dem Wafsenstillstand von 1918 schrieb Bernard Shaw das Drama .Laus cherzenstod". Haus Herzenstod, das war nicht nur irgend ein Wohnhaus in London; das Stück wandte sich an sein ganzes Volk, das seine eigene Seele erstickt die Klarheit des Denkens verloren, allen gesunden Menschenverstand eingebüßt hatte — wie es im Vorwort heißt.
> Buenos Aires, 27. November 1939.
Während in Europa gegenwärtig, infolge der Kriegsereignisse, die neue antarktische Expedition tes nordamerikanischen Polarforschers Admiral Byrd wenig beobachtet wird, beschäftigt sich die argentinische Presse mit ihr in ausführlichen Ar- ttkeln. Die wohl ausgerüstete Expedition besteht aus zwei Schiffen, dem Motorschiff „N o r t h S t e a r", das besonders für die Polarexpedition gebaut worden ist, und dem Walfischfänger „Bear", einem Schiff, das bereits zahlreiche Fahrten in den antarktischen Meeren hinter sich hat. Das Ziel der r!^yen Expedition ist die wissenschasttiche Durchforschung des Sektors, der zwischen dem sogenannten Roß-Meer und dem Wedell-Meer liegt. Das zu erforschende Antarktische Meer wird als besonders eisreich und demzufolge als besonders gefährlich bezeichnet. Byrd hat bereits früher Expeditionen in diesen Teil des Antarktischen Meeres unternommen, wobei er einmal mit seinem Schiff „R u p p e r t" eine Woche lang vom Eis blockiert wurde, in einer Gegend, welche die Expeditionsmit- glieder aus diesem Grunde den „Teufelsfriedhof" tauften. Außerdem überflog Byrd diesen Sektor bei drei verschiedenen Südpol-Flügen im Flugzeug. Soweit bekannt ist, gibt es in dem Sektor keinen Anlegeplatz, keine Bucht, die geeignet wäre, vor Anker zu gehen, weshalb die Byrdsche Expe- ütion, die vor einigen Tagen Boston verlassen hat, ich zunächst zur Walfischbai wendet, die im britischen Sektor des Roß-Meeres x liegt. Von dort wird sich die Expedition nach Osten begeben, um innerhalb des von den Vereinigten Staaten bean- pruchten gewaltigen Sektors des antarktischen Gebietes eine Landbasis einzurichten. Bisher kennt man von diesem Kontinental-Gebiet, das von Byrd auf seinen früheren Flügen entdeckte und von ihm Marie-Byrds-Land genannte Gebiet, ferner das — ebenfalls von Byrd entdeckte — R o cke f e ller -- L a nd und das von dem amerikanischen Flieger James Ellsworth überflogene uni) nach ihm benannte Gebiet. Es handelt sich dabei um eine riesige eisbedeckte Hochfläche von verschiedener Höhe, aus der einige Hügel und Bergketten herausragen.
Das Interesse gerade Argentiniens an der Expedition wie an der Antarktis überhaupt ist ver- ständlich, es kam auch vor einigen Wochen, als die argentinische Regierung die Einladung der norwegischen Regierung zur Polarkon'ferenz von Bergen im Jahre 1940 annahm, in zahlreichen Zeitungskommentaren zum Ausdruck. Argentinien beabsichtigt auf dieser Konferenz seine Ansprüche auf einen großen Teil des gegenwärtig von England reklamierten Sektors der Antarktis,- in dem u. a. die üblichen Orkaden und das Graham-Land liegt, an- zumelden, es verttitt bei seinen Ansprüchen die These, daß der antarktische Kontinent eine durch das Meer unterbrochene Fortsetzung des südameri- kanischen darstelle, daß also in erster Linie die südamerikanischen Nationen berechtigt feien, die Antarktis für sich zu reklamieren. Ferner stützt Argentinien seine Ansprüche auf die Tatsache, daß es
Tat die Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft. Das ist noch kein Jahrhundert her, und in dieser Zeit hat sich das kroatische Bauerntum zum Träger des kroatisch-nattonalen Gedankens entwickelt. Meine Freunde in Zagreb versichern mir mit Stolz, daß die heutigen kroatischen .^Intellek. hielten", die Vertreter der politisch und geistig führenden Berufe, meist Bauern zu Vätern und Großvätern haben. Das unmittelbare Bewußtsein dieser Blutsgebundenheit von Bauerntum und städtischer Berufsbildung ist die Wurzel der Entschlossenheit und Energie, mit der hier auf nationalem Gebiet gearbeitet wird.
Der ßüdslawische Gedanke ist in Agram älter als in Belgrad. In den 30er urtb 40er Jahren hüllte er sich in den historisierenden Namen des Jllyrismus, bis ihm, zur Zeit des deutsch-französi. schen Krieges und des Vatikanischen Konzils von 1870, der Bischof Sttoßmayer — er gehörte zu den Bischöfen, die dem Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit vergeblich Opposition zu machen suchten — durch die Gründung der Südslawischen Akademie das Fundament schuf, auf dem aus der zuerst noch
Man kann weder von Zagreb noch von Kroatien sprechen, ohne zwei Namen zu nennen: den Banns Jelacic und den Bischof S t r o ß m a y e r. Je- lacic war zur Zeit |öer 48er-Revolution Bonus (Stadthalter) des damals staatsrechtlich mit Ungarn verbundenen Kroatien. Er war aber nicht ungarisch gesinnt, sondern habsburgisch, und durch die Unterwerfung des aufständischen Wien rettete er die Dynastie. Für Kroatien war seine fundamentale
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Besuch in Zagreb.
Zagreb, Mitte November 1939.
Zagreb ist dieselbe Stadt, die zur Zeit der k. k. Doppelmonarchie amtlich noch Agram hieß und so auf unseren Vorkriegsattanten verzeichnet steht. Die Kroaten jedoch haben ihre Landeshauptstadt immer Zagreb genannt, und sie legen Wert darauf, daß auch der Gast sich jetzt daran gewöhnt. Unkundige rechnen Kroatien vorschnell zum Balkan. Das ist ein gründlicher Irrtum. Mein Gastfteund, Professor an der Universität Zagreb, ging mit mir durch das Hochschulviertel, und als ich ihn nach der Bestimmung eines imponierenden Prachtbaues fragte, sagte er: „Das ist unsere Universitätsbibliothek!" Ich kenne keine Hochschule im Reich, die sich eines größeren und repräsentativeren Bibliothekbaues rühmen könnte. Ebenso achtungsgebietend sind die anderen wissenschaftlichen Institute.
Mein Begleiter hatte die Philosophie als akademisches Lehrfach. Als ich mich nach feiner Richtung erkundigte, erhielt ich die Antwort: „Ich verttete einen aktivistischen Voluntarismus." Das ist schulmäßig ausgedrückt, aber die Worte sind leicht zu deuten, um so leichter, wenn man sich vergegenwärtigt, wie sehr ein Philosophie der willensbestimmten Aktivität ins heute kroatische Volkstum paßt.
Krieg. Ein großes und fleißiges Volk, das nichts wollte als Frieden und Arbeit in dem ihm gehörenden Lebensraum, soll nicht zum Handelskonkurrenten heranwachsen. Der Kriegsgrund ist der gleiche wie 1914. Aber der Ekel gegen Neid und Niedertracht ruft alle guten Kräfte wach. Nur einen Gedanken haben wir, nur einen Willen: durchs Chaos hindurch, gegen Neid und Niedertracht, wieder. zu Frieden und Arbeit in dem uns gehörenden Lebensraum! Auf das Wirtschaftliche, sagt der Gegner, komme es an; es ist ihm Weg und Ziel, Ein und Alles. Wir sagen: siegen wird der Mut, nichtdas Geld. Und wir hörten's von Italien her: Alles vom Leben und vom Tod empfangen, leben in der Kraft des Rechts, sterben, wenn es sein muß, im Opfer der Liebe!
Kem vernünftiger Mensch verteidigte Versailles John Maynard Keynes, Professor am Kinas College in Cambridge, brachte schon 1919 ein Buch über „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages und bald darauf, als Fortsetzung des ersten, „Revision des Friedensvertrages" heraus Der Amerikaner Frank Vanderlip reifte in Europa umher und machte Revisionsvorschläge in einem ausführlichen Buche „Was aus Europa werden soll" In der paradiesischen Landschaft Halbwegs zwischen Neapel und Sizilien schaute Francesco N i 11 i hinaus in die flimmernde Unendlichkeit des Thyrrhe- nischen'Meeres und schrieb „Der Niedergang Europas", „Die Wege zum Wiederaufbau", das unvergeßliche Buch, das er feinem Sohne widmete, der als Kriegsfreiwilliger hinausgezogen, dreimal vor dem Feinde dekoriert, dann verwundet fünfzehn - Monate lang in Deutschland kriegsgefangen war. Und noch viele andere Stimmen wiesen darauf hin, daß, wie es bei Nittt heißt, der sog. Frieden den Krieg fortsetze, aber grausamer und sinnloser als alles, was angeblich während der fünfzig Kampf- monate in der Absicht der Besiegten gelegen haben soll, daß nur eines sich geändert habe: die Erpressungen, Vergewaltigungen, Wutausbrüche geschehen nun im Namen der siegreichen Demokratte.
Jahr für Jahr erschienen in den europäischen Ländern und in Nordamerika neue Bücher, Tag für Tag irgendwo Zeitungsartikel über die Notwendigkeit der Revision, und noch 1931 konnte ein Engländer feiner Regierung sagen, daß Deutschland wenigstens zunächst einmal soviel Selbstbestimmungs- recht haben wolle wie die Botokuden. Aber unverletzlich fest, geheiligt stand der Versailler Vertrag. Niemand glaubte an seine Gerechtigkeit, niemand aber an die Möglichkeit einer Revision auf dem Derständigungswege. Man sagte, mit dem Deutschland Goeches und Schillers, mit dem Geist von Weimar könne man verhandeln, mit dem Deutschland Ludendorffs nie. Schon Emerson ijctte festgestellt, daß seine Landsleute nie fähig fein würden, den deutschen Geist zu begreifen. Emerson gehörte zu den wenigen Ausnahmen, er wußte von der deutschen Sehnsucht, die sich in der Musik am klarsten ausgesprochen hat, er wußte vom deutschen Streben nach gegenseitiger Anerkennung und Harmonie, er hatte tiefe Einblicke in die gewaltige schöpferische Leistung von 2000 Jahren deutscher Kultur. Emerson hat es auch seinen Landsleuten gesagt, daß innerlich gesund nur jene Nationen bleiben, denen die Wirtschaft ein Mittel ist im Kampf für nationale Kultur, nicht Selbstzweck.
Es ist sicherlich eines der ergreifendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, wie das große und flei-
(Stimmen der Weihnacht.
Von Hedwig Zerstreuter.
Die Schritte der Einsamkeit gehen ums Haus, Man kann sie zur Nachtzeit hören;
Durch Tannenrauschen und Windgebraus Immer im Schnee die Schritte ums Haus Und Stimmen von. fernen Chören.
Wer rastlos war und sehr leise schlief. Darf wieder den Schlummer lernen Und fühlt es wie Freude, daß jemand rief Mit sanfter Stimme, dringend und tief O Stimme über den Sternen!
O Stunde des Wachens, so fern aller Qual, Erfüllt von dem ewigen Lauschen,
Der Wind auf den Höhen, das Klingen im Tal, Du weißt es im Herzen: dies war schon einmal. Und es kam wie mit Flügelrauschen.
Der Tag war wie Nacht und die Nacht wie der Tag So strömend von urtiefem Leben
Geheimnisvoll pochender Pulse Schlag Der Lichtwende zu und dem schimmernden Tag, Den Mythen und Wunder umweben.
Sie kommen unabweisbar, so bittend und klar, So sicher durch alle Fernen
Und ruft um die dunkelste Zeit im Jahr — Weil dunkel immer das Heilige war — Die Stimme über den Sternen.
Die Fabel vom Weihnachisapfel.
Von Paul Gurk
Als der Herbst windhöflich änklopfte und dann u» einiger Sturmstärke feine Besuchskarte abgab, anzukündigen, er käme nun bald und begänne |ht seiner Lieblingsbeschäftigung, mit dem Schüt- 1 lu, betrachteten auch die Apfelbäume sorgenvoll tire teils geratenen, teils ungeratenen Kinder. Wie D'ele waren schon von Um en gegangen, vorzeitig, faion im Frühjahr! Sie hatten keine Hänqefestig- kät bewiesen, waren leichtfertig, obwohl sie noch Acht erwachsen waren, und hatten sich tänzelnd auf öc Reise gemacht. Windige Gesellen mochten ihnen ^geflüstert haben: der Apfel fällt sehr weit vom stamm! Zuwellen aber sind sogar Sprichwörter nähr. Jene Unreifen fielen sehr nah am Stamm
verschwanden schleunigst. Die gefallenen Aepfel!
Nun aber war es soweit. Die Apfelbäume mußten ihre Kinder hergeben, wie es alle tun müssen, und der Unterschied besteht nur darin, daß sie abgemacht oder abgelesen werden!
So geschah es, daß drei sehr verschiedene Aepfel zusammenkamen, sich musterten, und dann ein Gespräch anfmgen.
„Wie unrecht tat man nur, daß ich schon jetzt in die rauhe Welt entlaffen werde!" sagte ein grüner Apfel mit braunen Flecken. „Ich bin so zart! Ich bin em Nachkömmling! Ich bin so vornehm! Mein Vater hat viele Aeste und Zweige. Wir sind sehr reich. Aber das verzeihe ich ihm nicht, daß er mich abschüttelte, ehe meine Ausbildung vollendet war. Ich wollte mir noch einige braune Schönheitspflästerchen zulegen!"
Ein vollreifer, praller Apfel mit roten Backen lachte über das ganze runde Gesicht und meinte: „Sie schneiden bemerkenswert auf, junger Mann! Sie sind ja noch ganz grün! Und ausgewachsen ist nur Ihre Eitelkeit! Was Sie da als braune Schönheitspflästerchen bezeichnen, sind einfach Stockflecken oder — noch schlimmer — Wurmstellen! Vermutlich sind Sie innerlich hohl, taub und zerfressen. Darum hat man Sie auch so unfertig fallen lassen!"
„Dieses nicht, Sie ungehobelter Bursche!" lispelte der grüne Apfel sehr beleidigt. „Ich haoe mir nur tiefere Gedanken gemacht — trotz meiner Jugend! Was aber sind Sie? Einfach Fleisch, Apfelfleisch, nichts weiter! Sie haben gar keine seelischen Hohlräume. Sie sind einfach nur dazu geboren, gefressen zu werden!"
„Sie werden noch früh genug im Magen eines Schweines enden, Sie Pflanze", sagte der rotbäckige Apfel verächtlich. „Ich bin reif. Das freut mich. Ich bin nahrhaft und gesund. Das freut mich noch mehr. Aber Sie wollen aus Ihrer Wurmstichigkeit einfach einen Vorzug machen — und sind doch nur Schweinefraß! Ihr Herr Vater muß sehr viel Nachsicht mit Ihnen gehabt haben, daß er Ihnen solange Kost, Logis und Unterricht gegeben hat, Sie — Früchtchen! Mein Vater hätte Sie bereits im Mai zum Teufel gejagt, zu den Schweinen, obwohl ich mich dagegen verwahren will, etwas gegen diese friedfertigen, äußerst klugen und nützlichen Tiere gesagt zu haben!" —
Die beiden streitenden Apfelparteien sahen sich um, als suchten sie Unterstützung. So kam es, daß beide ein Auge auf den dritten, bisher schweigenden Apfel warfen. Sie nahmen feine Figur und feine Art in sich auf und waren beide verdutzt, der dritte Apfel sah so aus, als ob er überhaupt nicht reden könne. Er war zwar groß und gutgewachsen, aber er hatte eine Wachsfarbe und sah kalt und hart aus.
„Warum hat man Sie eigentlich schon vom Stamm entlassen", fragte der grüne, braunflediqe Apfel hochmütig.
„Weil es an der Zeit war, obwohl es noch nicht meine Zeit ist", antwortete der dritte Apfel. Er konnte sich also wirklich in der Apfelsprache ausdrücken! Man erkannte jedoch, daß er nur ungern redete.
„Sind Sie überhaupt reif?" fragte der rotbäckige Apfel.
-„Nein. Ich reife nach." —
Die beiden Aepfel waren zum erstenmal einig im Erstaunen und im Unverständnis. Sie schüttelten den Kopf und dem Grünen platzte sogar die Haut.
„Ich denke mich zuschanden!" lifpelte der Grüne erschrocken. „Ich habe nun einmal eine unglückliche Anlage und Vorliebe dafür, allem auf die Sprünge zu kommen. Fottern Sie meine Seele nicht länger, Sie Wachsgesicht! Sprechen Sie nicht in Rätseln! Bilden Sie keine neuen Worte! Das macht mich ganz tieffinnig. Was ist mit Ihnen? Sind Sie reif oder nicht? —"
„Für den Magen eines Schweines oder für zusammengekochtes Mus brauchen Sie nicht tief finnig zu fein und vorzugeben, an Seele zu leiden! Aber ich gebe zu: dieser kalte, harte Apfel ist mir unverständlich!" erregte sich auch der rotbäckige Apfel. „Sind Sie überhaupt nicht essenswürdig? Etwa nur ein Schaustück, ein Ausstellungs- oder Museumsapfel? Diese unglücklichen Geschöpfe haben es ja leicht, unzeitgemäß zu sein! Aber Sind Sie etwa, und das wäre ja geradezu unnatürlich, entsetzlich, sind Sie etwa überhaupt nur ein künstlicher
„Das wird es sein!" näselle der Grüne obenhin und legte sich noch einen braunen Fleck zu. „Eben habe ich mich an ihm gestoßen! Er ist ganz hart, daher der neue braune Fleck. Er hat gar keinen Saft und keinen Geschmack. Er ist nachgemacht, und nicht einmal ein Schwein kann ihn fressen! Aber wie kann er dann reden?"
„Zauberei!" sagte der Rotbäckige. —
Der dicke Apfel schwieg eine Zeit. Dann sprach er. „Es ist wahr: ich bin noch sehr hart und habe augenblicklich keinen Geschmack. Ich bin noch nicht reif. Ich sagte es schon. Aber meine Zeit ist nur eine andere Zeit, als die Eure. Ich werde eingelagert, schlafe und reife noch eine lange Zeit. Ich reife nach in der Stille, schweigend; denn ich habe eine besondere Sendung zu erfüllen."
„Aber welche denn um des Urapfetbaumes willen?" fragte der Rotbäckige mit gesunder Ungeduld und Neugier.
,Lch bin für eine hohe Zett aufgefpartl Wenn
es'sehr kalt sein wird und der Schnee liegt, wenn es schneit, als ob die Sonne dem Leben der Erde immer feindlicher werde und sich immer mehr entferne: dann wird ein großes Fest gefeiert in der Zeit, in der die Menschen erkennen, daß diese Sonne nicht ewig zürnt und sich ab kehrt. Zur Feier der Geburt des neuen Lichtes werde ich gegessen. Dann bin ich reif, habe ein köstlich duftendes Apfelfleisch und bin eine Erquickung. Die schönsten von meinen Brüdern aber werden vergoldet."
„Vergoldet?" rief der Grüne empört und neidisch. „Das darf doch gar nicht sein!"
„Vergoldet — und hängen mit den silbernen Nüssen an einer geschmückten Tanne. Was zu hohen Zielen reif werden soll, muß lange ruhen. Ich bin der Weihnachtsapfel!"
Da schwieg der rotbäckige Apfel voll Ehrfurcht, der Grüne aber redete und redete und machte solange bissige Bemerkungen, bis er weggeworfen wurde. Den Frühreifen, Frühfaulen hatte es zu sehr gewurmt ...
Lleberall ist Leitung.
Von Walter von Molo.
Es saßen ein Mann und eine Frau fid) am kleinen Fenster ihrer düsteren Wohnung in schweren Sorgen gegenüber. Sie starrten kummervoll und voneinander abgetrennt in sich hinein, denn sie hatten die Ungrotzmütigkeit des Schicksals erfahren. Der Mann wußte nicht, wie er von nun an ihr Essen verdienen sollte, den Anteil an dem schirmenden Dache über ihren Köpfen; die Frau sah nicht mehr aus, was sie ihm jetzt noch Gutes anrichten könnte.
Sie meinten alles vorbei und zu Ende und waren noch jung.
Nach einer Weile schob die Frau, die mit ihren Augen vorwurfsvoll das kleine Stück Himmel über dem Lichthof gesucht hatte, die Hand auf eines der Knie ihres Gatten, und ihre Stirn und ihre Augen wiesen ernst und bedeutungsvoll zum Fenster, vor dem ein paar Blätter eines Blumenstöckchens, wenn auch oom Ruß arg beschmutzt und von den vergangenen Sommermonaten angedörrt, tm SBinbe fröhlich auf und nieder tanzten.
Die Frau lächelte, und der Mann lächelte feine Frau an. Sie erhoben sich gemeinsam aus dem Ring der Sorgen, den diese um sie gelegt hatten, zum Leben zurück.
Der Mann gab seiner klugen Frau einen festen Kuß auf ihren Mund, den sie dankbar banbot


