Ausgabe 
2.4.1939
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 78 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

1./2. April (939

Europa unO die Welt

Als im 16., 17. und 18. Jahrhundert die west­europäischen Staaten ihre großen Kolonialreiche gründeten, nacheinander Spanier, Portugiesen, Hol­länder, Franzosen und schließlich Engländer, schien die Europäisierung der Welt besiegelt zu sein, die 1492 mit der Entdeckung Amerikas mehr oder weniger eingeleitet wurde. Auch auf über­seeische Gebiete, die zwar nicht Kolonie" wurden, erstreckte sich zum großen Teil die Herrschaft des weißen Mannes, der seinen wirtschaftlichen Einfluß noch wesentlich weiter als den politischen spannte. Im Anfang des 20. Jahrhunderts schien dieser Zu­stand ziemlich stabil zu sein. Amerika war da­mals von Europa noch wesentlich abhängiger als heute, wenn es auch, abgesehen von Kanada, nur noch kleinere Kolonien beherbergte Kanada wurde später Dominion. Die Vereinigten Staaten waren erst seit ein paar Jahrzehnten zur Weltmacht geworden. Trotzdem aber geht von USA. der erste Faktor der Entwicklung aus, der einer Europäisierung der Welt Grenzen bot. Zwei­fellos hat sich nämlich in den Vereinigten Staaten ein Staatsvolk gebildet, das, obwohl es nach verschiedenen Wurzeln europäisch ist, doch so viel spezifischen Eigencharakter aufweist, daß es eben über den Ursprung hinaus ein selbständiges Gepräge zeigt, welches in Lebensform, Wirtschaft und Politik zum Ausdruck kommt, sich in der Welt unbekümmert behauptet und durchsetzt.

In Südamerika muß man ähnliche Beob­achtungen machen, wobei sicher ist, daß die süd- amerikanischen Staaten in ihrem amerikanischen Selbstgefühl durch das Beispiel in Nordamerika und durch direkte Unterstützung man denke an Pan­amerika außerordentlich bestärkt werden. So eng Amerika, und zwar Gesamtamerika, auch heute noch mit Europa verwachsen ist, einer Europäisierung wurde auf jeden Fall Einhalt geboten. Ob man mehr oder weniger europäisch lebt, spielt keine Rolle. Man will Amerikaner sein. In Mexiko hat sich sogar eine Europa bewußt ab­gekehrte Entwicklung herausgebildet. Anknüpfend an die Zeit der Azteken, will Mexiko wieder india­nisch werden. Vielleicht zeigt heute der Mexikaner schon den ausgeprägtesten Typus eines n e u a m e - rikanischen Volkstums, das hier aus roma­nischer und indianischer Quelle gespeist, arteigene Gestalt annahm. Daß die indianische Wurzel vom Mexikaner so sehr hervorgehoben wird, liegt wohl an dem Wunsche, sich nur als Amerikaner geben zu wollen.

Der zweite wesentliche Umstand, der sozusagen zurEnteuropäisierung" der Welt beitrug, war der Weltkrieg. Oft genug ist auf die Tatsache des Verlustes an Prestige verwiesen worden, den die europäischen Kolonialmächte dadurch erlitten, daß die Entente Farbige an die Fronten brachte. Auch die Schwierigkeiten, die England und Frankreich mit ihren islamitischen Untertanen haben, sind eine Frucht des Großen Krieges. Uirruhen in Indien und auf den westindischen Inseln sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Der Aufstieg Japans, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet, wäre wohl nicht so rasch vor sich gegangen, hätte sich Europa nicht zerfleischt. Mindestens könnte man dann Zwei­fel in das Tempo der Entwicklung hegen. Durch den Weltkrieg wurden schließlich auch" die Ver­einigten Staaten vom Schuldner- zum Gläubigerstaat, ein Zustand, der bei der be­kannten Einstellung in diesem Zusammenhang nicht ohne Folgen bleiben konnte, zumal auch Süd­amerika sich von Europa wirtschaftlich wesentlich unabhängiger machte.

Der dritte und wohl hauptsächlichste Grund dafür, daß die Grenzen der Europäisierung der Welt schon überschritten sind, ist aber darin zu suchen, daß Europa nicht mehr genügend Menschen zur Durchdringung der Räume zur Verfügung hat. Weder England noch Frankreich noch Portugal ver­mögen nach ihren eigenen überseeischen Gebieten in so großen Mengen Menschen abzugeben, daß sie völkisch dort in nennenswertem Umfang weiter Wurzel fassen könnten. Die in die Tropen aus-

gewanderten Europäer aber pflegen nur in ganz geringem Umfange an Fortpflanzung zu denken, so daß wenigstens in jenen Ländern langsam eine Rückentwicklung zu befürchten ist/ die z. B. in Afrika schon recht bezeichnende Formen annimmt. Den größten Zustrom nach Uebersee stellen gegen­wärtig prozentual zur Heimatbevölkerung noch Polen und die Slowakei. Mittelamerika und die nördlichen Staaten Südamerikas verlieren wohl mangels Zuwanderung am ehesten in ihren Ober­schichten europäischen Zuschnitt. Für Australien sind für die Entwicklung der Bevölkerung ebenfalls ernst­hafte Befürchtungen zu hegen, zumal die Fruchtbar­keit der Bewohner dieses unterbevölkerten Erdteils sehr zu wünschen übrig läßt. Wird der weiße Mann auf diesem Wege Australien noch lange halten können? Hemmend in fast allen übersee­ischen Ländern wirken sich natürlich die zahlreichesi oft unverständlichen Einwanderungsbeschränkungen aus. Sie sind sozusagen eine Absage an die Euro­päisierung.

Ein Mittel freilich gibt es, bis zu einem gewissen Grade in dem letzten Punkte Wandel zu schaffen: Man gebe Deutschland seine Kolonien wieder! Diese Gebiete würden bann für Europa im Sinne der Vorherrschaft der weißen Rasse ge­rettet werden. Deutschland hat genug Volkskraft, um koloniale Betätigung tatkräftig durchzuführen. Wäh­rend in britischen und französischen überseeischen Besitzungen mehr und mehr die Wirtschaftsführung an die Farbigen übergeht, kann allein Deutschland voll und ganz seine Kolonien unter europäische Oberschicht aus eigener Kraft stellen Gerade auch aus diesem Grunde ist die Rückgabe der deutschen überseeischen Besitzungen, die von rechtlichem und wirtschaftlichem Standpunkte objektiv überhaupt nicht bestritten werden kann, im Sinne der Be­hauptung des europäischen Vorranges in der Welt eine unabweisbare Notwendigkeit, deren Erfüllung nur das Ansehen Eurypas steigern oder wieder­herstellen helfen kann! Dr. Rudolf Albert.

(Sturm der Freude in Madrid.

Xxfv

Eine Szene vor dem Innenministerium in Madrid am Tage des Einzuges der Franco-Truppen. Auf den Barrikaden der Roten jubelten die Falange über den Sieg und die endlich errungene Freiheit. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Durch Italien nach Tripolis.

Eindrücke einer Reise von Dr. Paul Rohrbach.

IV.

Eine Zaubernacht bei Marschall Saldo.

Tripolis, März 1939.

Wir haben hier in Tripolis den VIII. Inter­nationalen Kongreß f ü r tropische und subtropische Landwirtschaft mitgemacht. Es sprachen Vertreter aus vielen Ländern, aus sol­chen, die tropischen Kolonialbesitz ihr eigen nennen, und auch aus anderen, die selbst mit einem warmen Klima gesegnet.sind, wie Griechenland oder Argen­tinien. Ueber die Kongreßarbeit zu berichten, würde

hier zu weit führen, auch die wertvollen Ausflüge in die italienischen Siedlungsgebiete von Libyen, die von der Leitung des Kongresses veranstaltet wurden, mögen einem späteren Bericht vorbehalten sein. Was allen Teilnehmern der Tagung großen Eindruck machte, war der imperiale Zuschnitt der amtlichen Repräsentation, vor allem des Generalgouoerneurs von Libyen, Marschall B a l b o.

Der Kongreß wurde im Teatro Miramare unter den Fahnen des italienischen Imperiums vom Marschall selbst eröffnet. Auch Deutschland war durch eine Abordnung vertreten. Obwohl wir noch auf die Rückgabe unserer Kolonien warten, genießen unsere wissenschaftlichen Arbeiten über tropischen Land bau, Tropenmedizin, Plantagenkultur usw. ein

so hohes Ansehen, daß man einen solchen Kongreß ohne Teilnahme Deutschlands kaum hätte halten kön­nen. Der deutsche Vertreter betonte in seiner An­sprache bei der Eröffnung unser koloniales Interesse auch im gegenwärtigen Augenblick und die Fortdauer unseres kolonialen An- s p r u ch s. In ihrer Art bewundernswert war die Leistung der Damen, die als Übersetzerinnen der Reden und Referate fungierten. Die Vielsprachigkeit bei solchen Kongressen ist ja ein stetes, leider un­vermeidliches Hindernis.

Außer dem Kongreß findet in Tripolis einck Messe mit Ausstellung heimat-italienischer, kolo­nialer und auch einiger deutscher Erzeugnisse statt. Die italienischen Kolonistenbauern, von denen Hunderte auch auf der Galerie des Teatro Mira­mare der Eröffnung des Kongresses beiwohnen durf­ten, füllten auch die Pavillons der Messe, besonders solche, in denen landwirtschaftliche Geräte und bunte Stoffe für die Frauen ausgestellt waren. Die Messe- leitung lud auch die Kongreßteilnehmer zum Be­such der Ausstellung ein und gab ihnen ein Diner im Grand Hotel, das neben der Qualität der Ge­nüsse Erwähnung durch die pompöse Aufmachung der Platten mit Langusten, Fasanen und Eisspeisen verdient.

Unmittelbar vor der Tafel es ging schon auf Mitternacht fuhr man zum Empfang zu Ehren des Kongresses im Palais des Gene­ralgouverneurs. Am Parktor salutterte die

SPITZENLEISTUNG

OPEL ,

erste Wache. Der Weg durch den Garten und dis breite Flucht der Marmorstufen hinauf zu den Empfangsräumen war gesäumt von den hohen Ge­stalten arabischer Spahis in ihreii scharlachroten Mänteln. Jeder Mann stemmte eine fahnenge­schmückte Lanze vor sich auf den Boden. Wenn ein Gast passierte, wurden die Hacken zusammengeris­sen, und der linke Arm legte sich grüßend über die Brust. Oben, vor der Front des Palastes, hielt eins Reihe von roten Reitern, die mit ihren Apfelschim­meln wie aus Stein gehauen schienen, lanzenbe­wehrte Wacht!

In den Sälen wogte eine nach vielen Hunderten zählende Menge von Gästen auf und ab. Gleich im ersten Saal stand Balbo und begrüßte jeden Ein­tretenden mit liebenswürdigem Lächeln und einem Händedruck. Man hörte Tanzmusik und sah, wie dicht hinter dem Gastgeber die Paare sich nach den Klängen eines Tango bewegten. Alle Uniformen der italienischen Armee und Marine waren neben dem Gesellscha stsanzug der Herren vom Zivil vertreten, ein buntes, glänzendes Bild. Die Damenwelt zeigte großen Toiletten-luxus, so als ob man nicht in Afrika, sondern in Rom oder Paris wäre. Ein un­befangener Besucher hätte vielleicht gewünscht, daß manche Tänzerin die Einsicht gehabt hätte, einen minder schönen Rücken besser bedeckt zu lassen, als ihn bis zur Taille hinab zu zeigen. Man schob sich durch die Menschenfülle, bewunderte einen Prunk­raum nach dem andern, die venetianischen Kron­leuchter, die Marmortäfelung und Seidenbespannung der Wände, die Gemälde, die Statuen und die kost­baren Möbel.

Wir hatten die Reihe der Räume durchschritten, dazwischen einmal in einem der intimen, geschmack­voll eingerichteten Seitengemächer ausgeruht, und traten, ohne zu ahnen/welche Ueberraschung unserer wartete, auf die Terrasse heraus, von der sich der Blick in den rückwärtigen Teil des Parkes öffnet. Was sich da vor uns auf tat, glich einem Bilde aus Tausend, und einer Nacht! Im Vordergrund war ein marmorgefaßtes, großes Wasserbecken mit sprühenden kleinen Fontänen durch in der Tiefe angebrachte Lampen in leuchtendes Grün getaucht. Dies grüne. Lichtgewoge war im Hintergrund von einem roten Halbkreis umgeben, in dem man, sobald das Auge sich gewöhnt hatte.

Nie Magnet-Angel.

(Sine Erfindung von Karl Valentin.

Ein wahrer Triumph ist es zu nennen, was der geniale Erfinder Karl Valentin' erfunden hat. Die Verzweiflung der Angelfischer über jahrelanges Nichtserwischen ist behoben. Jeder Angelftscher ist von nun an Beuteheimträger geworden. Das jahr­zehntelange Warten auf den Fischanbiß ist durch das Patent Valentins aus der Welt geschafft. Kein Auslachen der Zuschauer mehr beim Zuschauen des Fischens. Die Anwendung desEMFAF (Magnet- Fisch-Angel-Fix!! Deutsches Armspatent Nr. 141939) ist Knaben und Mädchen leicht. (Kurz gesagt, kinder­leicht.) Aus Anglerkreisen wird uns berichtet, daß alte leidenschaftliche Angler, die 40 bis 45 Jahre und darüber hinaus noch nie beim Angeln etwas erwischt haben, aus Freude über die Erfindung haselnußgroße Tränen gemeint haben. Unter den Fischen selbst ist, wie uns ein berühmter Taucher mitteilte, eine große Bestürzung ausgebrochen. Scharenweise schwimmen sie beisammen, und bera­ten Gegenmaßregeln gegen Emfaf. Sämtliche Ver­lage von Lustigen Blättern, die feit Bestehen des Angelsportes an den Anglerwitzen Geld verdient haben, haben ihre Verlagshäuser schwarz beflaggt. So schwer die Erfindung des Emfaf zu begreifen ist, so leicht ist sie für den Laien verständlich. Statt dem scheußlichen Mordinstrument, Angelhaken ge­nannt, tritt nun das Angelmagnet. Während der Angelhaken aus Stahl und einen) gebogenem Haken geformt ist, besteht das Magnet aus Mag und net. Der Angelhaken mit Widerhaken mußte stets beim alten System trotz Tierschutzvereine widrigerweise mit einem lebenden Regenwurm geschmückt werden, der als Leckerbissen den zu fangenden Fisch an­locken sollte. Bei Emfaf kommt dies völlig in Hin­wegfall, da die Krümmung des Magneten an und Pfirsich schon einem gekrümmten Wurm ähnelt. Der Fisch betrachtet sich nun im Bedarfsfälle das Magnet und denkt sich dabei vielleicht instinkti- fisch... Ja was ist denn das für eine Angel? Er betrachtet sich das Magnet näher (besonders wenn es sich um einen kurzsichtigen Fisch handelt) und schon hat ihn das Magnet erfaßt und warum ... Weil der Fisch Eisen in sich hat, und Eisen wird bekanntlich vom Magnet angezogen. Wie werden aber die Fische eisenhaltig? Diese Frage ist aber ebenfalls von dem feinsinnigen Erfinder gelöst wor­den. Man geht tags zuvor an die betreffende Stelle, wo der Fischfang stattfinden soll, und füttert die Fische mit den kleinen Patentbrotkügelchen, welche unter dem NamenAha" in den Handel gekommen

sind. Diese Patentbrotkügelchenmischung ist ebenfalls eine Erfindung von Karl Valentin. Die Mischun'g der Kügelchen besteht aus Mehlteig, Regenwurm­blut und Eisenfeilspänen. Die, von den Fischen ver­schluckten Patentbrotkügelchen sind nun eisenhaltig und damit die Fische auch. Folglich wird der Fisch, falls er sich dem Magnet nähert, von demselben angezogen, der Fischer merkt am Untergehen des Angelkorkes, daß ein Fisch angebissen hat, also in diesem Falle am Magnet haftet. Nach Entfernung des Fisches vom Magnet wird das Magnet abge­trocknet (da es im trockenem Zustande 'mehr An­ziehungskraft besitzt), wieder in das Wasser gewor­fen, und derselbe Vorgang wiederholl sich nach Be­lieben. Emfaf funktioniert in jedem Wasser, sogar in dem stark salzhaltigen Meereswasser. Nur im schwarzen Meer müssen Pillen mit Radiummischung verwendet werden, da die Fische in dem tiefschwar- zen Wasser nur beleuchtete Kügelchen erkennen können. Allerdings kommt dieses Verfahren ziem­lich teuer, aber der Erfinder Karl Valentin hat Mittel und Wege gefunden, die Herstellungskosten bedeutend zu ermäßigen, indem er statt Radium­mischung die Pillen mit Glühwürmchensyrup ver­arbeitet, womit er dieselbe Leuchtkraft erzielt.

Aerger macht krank!

Von Dr. med. ei. phil. Gerhard Demmer.

Das folgende Kapitel entnehmen wir mit freundlicher Erlaubnis der Franckh'fchen Ver­lagshandlung dem kürzlich erschienenen Buch Dr. Dr. VenzmersAlt werden und jung bleiben".

Es gibt immer noch allzu viele Menschen, die da meinen, der Aerger sei ausschließlich eine An­gelegenheit seelischer Art; er könne einen wohl nervös", keinesfalls aber organisch krank machen. Das ist ein gefährlicher Irrtum; und gerade Unter­suchungen aus neuerer Zeit haben auf vielfältige Weife den schlüssigen Beweis dafür geliefert, daß Aerger und Verstimmung, wenn sie häufig wiederkehren, ernste, ja lebensgefährliche Erkran­kungen Hervorrufen und den natürlichen Alterns­vorgang des Organismus in verhängnisvoller Weife beschleunigen können. In besonders hohem Grade in Mitleidenschaft gezogen wird das Verdau­ungssystem ; und zwar hat man festgestellt, daß zumal die Drüsen, welche die sog.Enzyme" bereiten, alsbald ihre absondernde Tätigkeit ein­stellen, wenn der betreffende Mensch von Aerger geplagt wird. Hört unter der Einwirkung des Aer- gers ihre Absonderung auf, so muß die Verarbeitung

der aufgenommenen Speisen und damit die Er­nährung der einzelnen Organe mehr oder minder schwere Störungen erleiden. Deutlich macht sich dies z. B. an der Haut bemerkbar. Das Unterhautfett­gewebe, das von unten her die Hut schön aus­polsterte und dadurch straff erhielt, schwindet; und damit wird die bedeckende Hauthülle gleichsam zu weit. Sie erschlafft, und es bilden sich Falten. Das alte Wort:Aerger macht häßlich" besteht also durchaus zu recht.

Aber auch sonst noch übt der Aerger auf die Tätigkeiten des Verdauungsfystems schädigende Wir­kungen aus. Die Absonderung des für die Ver­dauung der Speisen so unentbehrlichen Magensaftes hört ebenfalls unter dem Einfluß der Verstimmung auf. Schließlich werden durch den Aerger auch die der Weiterbeförderung der Speisen im Verdauungs­kanal dienenden wurmartig umgreifenden sog. peristaltischen" Bewegungen des Magens und Dar­mes gehemmt.

Die für Gesundheit und Wohlbefinden so wichtigen Vorgänge der Verdauung erfahren also durch Aerger deutlich nachweisbare Beeinträch­tigung; aber wohl jeder Mensch weiß aus eigener Erfahrung, daß durch Gemütserregungen, Verstim­mungen, Aerger, Trauer, Angst und Erschrecken auch noch andere Organe und Organsysteme mehr ober weniger in Mitleidenschaft gezogen werden. So ist in hohem Grade auch die Leber und in engem Zusammenhänge damit wieder die Gallenab­sonderung der Einwirkung von Gemütserregun- gen unterworfen; und zumal der Aerger übt dabei einen ganz besonderen Einfluß aus. Man hat das auf die Art nachgewiefen, daß man einer Ver­suchsperson eine Sonde in den Zwölffingerdarm einführte und nun die selbsttätig aus der Sonde ausfließende Galle in Gläschen auffing, die alle fünf Minuten gewechselt wurden. Derweilen wurde die Versuchsperson mit Hilfe der Hypnose bald in Freude, dann wieder in Trauer, Angst und Aerger versetzt und so der Einfluß der vier Grundformen der Gemütsverfassung auf die Gallenabsonderung geprüft. Es zeigte sich, daß Freude, Trauer und Angst den Gallenfluß erhöhen, durch Aerger da­gegen der Gallenfluß ganz oder doch fast völlig aufgehoben wird. Auch hier wieder bestätigt sichs, ein wie guter Beobachter der Sprachgebrauch ist, wenn er etwa sagt, daß bei Aerger dieGalle insBluttrete"!

Daß im übrigen eine solche, durch Aerger be­wirkte Stockung des Gallenflusses zum Darm hin das körperliche Wohlbefinden sehr fühlbar zu beein­trächtigen vermag, leuchtet ohne weiteres ein; denn das Fehlen der für die Verarbeitung der Nahrung

wichtigen Galle im Darmfaft behindert natürlich den regelrechten Ablauf der Verdauung; und schließ­lich kann sogar die Entstehung von Gelbsucht und Gallensteinen somit bis zu einem ge­wissen Grade mit häufigem Auftreten von Aerger und Verstimmung in Zusammenhang stehen.

Auch an den Nieren und der Blase, am Herz und Blutgefäßsystem sowie nicht zuletzt an den inneren Drüsen und der Hormoneinsonderung kann sich der Einfluß des Aergers und überhaupt heftiger Gemütserregungen auswirken. Sie können z. B. eine plötzliche starke Ausschüttung des Nebennierenhor- monesAdrenalin" zur Folge haben; und dieses übt auf Blutkreislauf und Herz sehr tiefgreifende Wirkungen aus, indem der Herzschlag beschleunigt wird, die Blutgefäße sich zufammenziehen und der Blutdruck steigt. Ist das Herz ohnehin nicht mehr ganz auf der Höhe, so kann ein solcher Zustand, zumal wenn er plötzlich und heftig auftritt, zu bedrohlichen Erscheinungen führen.

Die Beispiele zeigen, daß Aerger und Verstim­mung durch Schädigung der Verdauungsvorgänge, des Stoffwechsels, des Blutgefäßsystems, der Ein- sonderungsdrüsen usw. schwerwiegende Gesundheits­störungen und.Erscheinungen vorzeitigen Alterns zur Folge haben können; und diese Tatsachen sollten jedermann veranlassen, sich wenn er den Aerger herannahen spürt zuvor die Frage vorlegen, ob die Angelegenheit, die uns verstimmen will, es auch wirklich wert ist, daß wir ihretwegen unsere Gesundheit ernsten Gefahren aussetzen; und weiter­hin, ob der Sache selbst durch unseren Aerger ein Dienst erwiesen wird.

Noch an einen Kunstgriff, um den Aerger ztt bannen, möge der Leser in diesem Zusammenhang erinnert werden. Jeder weiß, daß der Aerger das allbekannte Mienenspiel der Verstimmung erzeugt; wie denn überhaupt eine bestimmte Gemütsver­fassung auf dem Wege über die Nervenbahnen ihren äußeren Ausdruck in der mimischen Muskulatur findet. Daß aber umgekehrt auch ein bestimm­tes, etwa gewollt herbeigeführtes Mienenspiel von sich aus diedazugehörige" Stimmungslage aus­lösen kann, dürfte weniger bekannt fein'; doch kann jeder an sich selbst unschwer die Richtigkeit dieser Behauptung feststellen. Wer Aerger und Mißmut Heraufziehen spürt, überhaupt, wer schlechter Lauste ist, nehme sich einmal vor, eine Weile lang ein ganz besonders fröhliches Gesicht zu machen. Der Erfolg ist verblüffend: die Wolken verziehen sich, die Sonne bricht durch, gute Laune und Aufgeräumtheit stellen sich gleichsam zwangsmäßig ein; der geheimnisvolle Nervenstrom vom Gehirn zur Gestchtsmuskulatur hat sich durch unser Zutun umgekehrt!