Ausgabe 
1.12.1939
 
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Ur. 282 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

5reitag,l. Dezember M9

Aus der Stadt Gießen.

Dezember.

Hat der Dezember viel Sternenglanz, beschert das Folgejahr reichen Erntekranz." Solche Volks- retme sind durchaus begründet; denn es pflegt einem normalen kalten Winter ein normaler war­mer Reifesommer zu folgen; besonders aber ist der reichlich andauernde Winterfrost eines der sichersten, weil natürlichen Mittel gegen die Schädlingsplage! die den Früchten des Feldes und Gartens fo ver­hängnisvoll wird. Kalte Winterwochen pflegen meist auch klar zu sein. So kommt es, daß man die augenfälligere Begleiterscheinung des Frostes die Klarheit der Luft als die eigentliche Ursache guten Zukunftsverlaufes anschaut. Zumal wenn nächtlich die Milchstraße am Himmel schön leuchtet, erwartet man nach alter Meinung, daß dem wei­ßen Winter ein blütenreiches Frühjahr und ein sruchtspendender Sommer folgen werde. Der Sache tiefer auf den Grund geht der folgende Spruch: Dezemberkält' schafft dem Landmann Geld!", und auch dieserEinem kalten Christmonü folgt eine Ernte, die sich verlohnt." Ebenso paßt in diesen GedankengangDezember weiß Sommer heiß". Unser nordischer Boden braucht eben Hitze und Källe. Er braucht zugleich aber Schneedeckenschutz jeweils zu seiner Zeit. Alle drei Voraussetzungen für einen normalen, d. h. innerhalb des Jahres­reitenwechsels sinnvoll verlaufenden Dezember faßt die Bauernweisheit in dem folgenden Vers zusam­men:

Ist der Dezember schneereich, frostklar und frisch, so deckt er fürs kommende Jahr uns den Tisch/ Bei der Aufstelluna solcher Wetterregeln seitens des Landmannes wird zumal die Zeit der Winter­sonnwende beachtet, da nun die Tage am kürzesten geworden sind und sie wieder zunehmen. Meist fällt die Wintersonnwende auf den Thomastag, 21. De­zember, oder wie in diesem Jahr auf den Folgetag. Drum sagt man:(Sanft Thomas kehrt den Tag um." Und begreiflicherweise beachtet der Landmann die klimatische Entwicklung der ersten sich noch ganz unvernehmlich längenden Tage von Weidnacht bis zum Januarbeginn besonders auf­merksam; auch hat er dann am meisten Zeit dazu, obwohl sein Tagewerk immer ausgiebig genug ist. Und es wird wohl auf dem mythischen Zauber der Weihnacht und der mit ihm symbolisch verbundenen Sonnwendzeit beruhen, wenn der Volksmund sagt:

Sonnenschein soll am Christtag sein, denn er verheißt fürwahr dem Bauern ein trefflich Jahr!"

Aber hineinspielen werden hier auch jene vor­erwähnten, berechtigten Beobachtungen über klares, also auch sonniges Winterwetter. Am 26. Dezember ist Stephanstag, da heißt es in ziemlicher Heber« einstimmung zu dem genannten Verse des ersten W e i h n ach ts fei e rt ag e s:

Ist der Stephanustag windstill, sonnig und rein, beschert er viel Korn, Flachs und Wein." W. L.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 22.45 UhrDer Zigeuner­baron". Gloria-Palast, Seltersweg:D III88". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Königswalzer".

Skadttheater Gießen.

Heute abend kommtDer Zigeunerbaron", Ope­rette von Johann Strauß, zur Aufführung. Musika­lische Leitung: Heinz Markwardt; Spielleitung: Harry Grüneke; Bühnenbild: Karl Löffler.

Oie Weihnachtsferien vorverlegt.

Auf die Bitte des Reichsverkehrsministers, die diesjährigen Weihnachtsferien aus verkehrstechnischen Gründen einheitlich vorzuverlegen, hat der Reichs­minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbil­dung durch Erlaß vom 29. November 1939 angeord- let, daß die diesjährigen Weihnachtsferien an allen Schulen bereits am 20. Dezember begin­gen, und zwar ist der 20. Dezember letzter Schultag. Das Ende der Ferien bleibt wie bisher festgelegt.

Schuh des Säuglings in der kalten Jahreszeit.

Der Säugling ist in der kalten Jahreszeit beson­ders gefährdet durch ansteckende Krankheiten der Luftwege, die vielfach als Erkältungskrankheiten be­zeichnet werden. Es sterben mehr Kinder in den Wintermonaten an Lungenentzündung als im Som­mer an Brechdurchfall. Mache dein Kind deshalb widerstandsfähig durch richtige Ernährung, zweck­mäßige Kleidung und viel Bewegung in frischer Luft! Schütze es vor Ansteckung! Vermeide die Be­rührung des Kindes durch Menschen, die Husten oder Schnupfen haben! Daher merke dir:

1. Richtige Ernährung. Stille dein Kind möglichst lange. Gib dem kleinen Kind reichlich Gemüse und Obst und überfüttere es nicht mit Milch und Brei. Ueberfütterte Kinder neigen zur Rachitis und sind besonders anfällig für alle Ansteckungen, die leicht zur Lungenentzündung führen.

2. Gesunde, zweckmäßige Kleidung. Ziehe dein Kind nicht zu warm an. Das Kind darf nie so warm angezogep sein, daß es schwitzt.

3. Frische Luft.'Im Winter ist der Säugling in­folge der häufigen schlechten Witterung viel auf das Zimmer angewiesen. Im geschlossenen Zimmer sitzen aber gesunde und kranke Menschen ost zu­sammen, und die Gefahr der Ueberttagung von

Krankheiten ist daher größer. Durch den Mangel an frischer Luft wird die Haut verweichlicht, das Kind wird empfänglich für alle Ansteckungen. Auch Schnupfen kommt nicht durch frische Luft, sondern wird durch Ansteckung verbreitet. Wird ein Säug­ling mit einem solchen Schnupfen angesteckt, so kann der Schnupfen zu Lungenentzündung und da­mit zum Tode führen. Bringe den Säugling auch im Winter möglichst viel ins Freie! Abhärtung ist der beste Schutz. Benutze dazu die Mittagsstunden und nütze vor allem die Sonne zu jeder Tageszeit aus. Vor scharfem Wind ist das Kind zu schützen. Wind schadet an und für sich nicht und härtet in­folge besserer Durchblutung die Haut ab, aber auch hier heißt es Maß zu halten. Sorge zu Hause durch häufiges Oeffnen der Fenster für frische Lust. Bei Durchzug hänge eine saubere Windel über Wagen oder Körbchen. Zum mindesten lüste durch Oeffnen des Fensters im Nebenzimmer. Stelle dein Kind aus keinen Fall neben den heißen Herd, besser ins kühle Schlafzimmer. Lasse auch im Winter den Säugling tagsüber im Zimmer kurze Zeit nackt strampeln! Bade ihn nicht zu warm und trockne ihn gut ab.

Nächte voller Planeten.

Oer Sternenhimmel im Dezember.

Von Dr. Erwin Kossinna.

Nicht weniger als vier helle Planeten schmücken im Dezember den abendlichen Himmel. Eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang erscheint über dem südwestlichen Horizont Venus, die wieder Abend­stern geworden ist, nachdem sie von Dezember 1938 bis September 1939 als Morgenstern geleuchtet hat und dann bis November unsichtbar geblieben war. Am 12./13. Dezember sehen wir die schmale Sichel des zunehmenden Moires dicht über dem Abendstern vorüberziehen. Venus geht Anfang De­zember reichlich eine Stunde, Ende des Monats zwei Stunden nach der Sonne unter. Mars steht bei Be­ginn der Dunkelheit als rötlicher Stern im Süden und übertrifft immer noch Atair, den Hauptstern im Adler, an Helligkeit. Mars bewegt sich langsam im Sternbild Wassermann; sein Untergang erfolgt um 23 Uhr. Links vom Mars und etwas höher be­merken wir die beiden Riesenplaneten Jupiter und Saturn. Jupiter ist nächst Venus der hellste Stern am Ab end Himmel; mit wunderbarem Glanz strahlt er hoch im Süden. Jupiter ist zwölfmal so hell wie Saturn und Mars, die beide ungefähr gleich hell find. Die Abstände der drei Planeten von der Erde sind sehr verschieden. Vom Mars trennen uns um Mitte Dezember 170 Millionen Kilometer, während Jupiter 678, Saturn 1280 Mil­lionen Kilometer entfernt sind. An den Abenden vom 17. bis 21. Dezember wandert der Mond dicht an Mars, Jupiter und Saturn vorüber.

Um die Mitte des Monats bietet sick eine günstige Gelegenheit, den in der Regel recht schwer auffind­baren Merkur zu beobachten. Merkur geht in der Zeit zwischen dem 9. und 26. Dezember mehr als IV2 Stunde vor der Sonne auf. Wir finden ihn dann am besten etwa eine Stunde vor Sonnen­aufgang tief am südöstlichen Horizont.

Die Sonne erreicht am 22. Dezember um 19.06 Uhr den südlichsten Punkt ihrer Jahresbahn, womit astronomisch der Winter beginnt. Der Mond zeigt folgende Lichtgestalten: Letztes Viertel am 3., Neu­mond am 10., erstes Viertel am 18., Vollmond am 26. Dezember.

Der abendliche Fixsternhimmel gestaltet sich mit dem Emporsteigen der prächtigen Wintersternbilder immer eindrucksvoller. Nach 21 Uhr ist der Orion, das schönste aller Sternbilder, über dem südöstlichen Horizont heraufgekommen. In dem großen Viereck strahlen zwei einander gegenüberstehende Ecksterne

besonders hell: links oben die rötlicheBeteigeuze, rechts unten der weiß funkelnde Rigel. In der Mitte bilden drei annähernd gleich helle, in einer schräg aufsteigenden, Linie stehende Sterne den Gürtel des Orion, von dem das durch zahlreiche kleinere Sterne und den bekannten Orionnebel angedeutete Schwert senkrecht herabhängt. In klaren, mondlosen Winter­nächten erkennen wir den Orionnebel mit bloßem Auge als hellen Lichtfleck. Nehmen wir ein licht­starkes Fernglas zu Hilfe, so sehen wir zahllose schwache Sternchen über den ganzen Raum des Orion verteilt. In der Tat bilden die Orionsterne einen großen, zerstreuten Sternhaufen, der 300 bis 600 Lichtjahre von uns uns entfernt ist und dessen Mitglieder in gemeinsamer Fahrt durch den Welten­raum begriffen sind. Mit freiem Auge sehen wir nur die Lichtriesen dieses Sternhaufens. So besitzt Rigel bei einem Abstand von 540 Lichtjahren die 18 000fache Leuchtkraft unserer Sonne.

Heber dem Orion sehen wir die Zwillinge mit den hellen Sternen Kastor und Pollux, rechts davon den Fuhrmann, dessen Hauptstern die gelbe Kapella ist, und darunter den Sier, in welchem Aldebaran rötlich leuchtet, umgeben von dem Sternhaufen der Hyaden. Diesen voran geht die enger zusammen- gedrängte Gruppe der Plejaden, auch Siebengestirn genannt. Am östlichen Horizont erscheinen nach 21 Uhr auch die beiden Hauptsterne des Großen und Kleinen Hundes: Prokyon und Sirius. Zwischen diesen beiden Sternen steigt die Milchstraße steil zum Zenit auf. Wir verfolgen dieses Lichtband durch die Sternbilder Zwillinge, Fuhrmann, Per­seus, Kassiopeia und Kepheus bis zum Schwan und zur hellstrahlenden Wega im Westen. Der Anblick der Milchstraße verleiht den Winternächten einen zauberhaften Reiz, namentlich seitdem die Ver­dunkelung uns die Sterne gewissermaßen näher­gebracht hat. Der Doppelsternhaufen im Perseus und die Sternwolken in der Kassiopeia und im Schwan sind für die Betrachtung mit dem Feld­stecher äußerst dankbare Objekte. Am Südrande der Milchsttaße finden wir die schöne Gruppe Pegasus und Andromeda, darunter Wassermann, Fische und Walfisch. Im Norden fesselt unseren Blick vor allem der Himmelswagen im Großen Bären, der, rück­wärts rollend, aus seiner ttessten Stellung wieder emporsteigt.

NSDAP., Gießen-Nord.

Am Dienstag, 5. Dezember, um 20 Hhr, findeß im Easö Leib, Walltorstraße,

ein kameradschaflsabenb

der Ortsgruppe Gießen-Nord in Verbindung mA der NS.-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude" statt, zu dem alle Partei- und Volksgenossen hierdurch eingeladen werden. Es wird das große Dariett- ProgrammDer bunte Vogel" gebracht. Eintritts­karten sind im Vorverkauf bei den Blockleitern und auf der Geschäftsstelle, Marburger Straße 20, ec* hältlich.

BDM-Llntergau 116 Gießen.

BDM. r0erk.Gruppe la/116.

Betr.: Dienst der Gruppe.

Er findet nach wie vor regelmäßig sonntags mor< gens von 9 bis 10.30 Hhr im Hhl-Heim, Frankfurter- Straße 5, H., statt. In Zukunft werden nur noch Dienstveränderungen in der Presse befanntgegeben« Ich erwarte restlose Beteiligung aller Mädel der? Gruppe la beim nächsten Dienst am Sonntag« 3. Dezember.

ZHäbel- und Jungmadelunkergau 116.

Betr.: Schwimm stunde im Volksbad. ' Am Montag, 4.12., beginnen unsere Schwimm* stunden für den Winter im Volksbad. Sie finden regelmäßig von 18 bis 19 Hhr statt, Eintritt kostet 20 Pfennig.' Jedes Mädel und Jungmädel kann daran teilnehmen.

Die Führerin der BDM.-Werk-Gruppe la/116: Liesel Fuhry, M.-Gruppenführerin.

600 Büchereien

für die Frontsoldaten bereit.

NSG. Seit sechs Wochen werden in allen Orts* gruppen des Gaues Hessen-Nassau Bücher für dis Wehrmacht gesammelt. Mit großer Emsigkeit gingen die Blockleiter und Blockwalter der Partei und der NSV. von Haus zu Haus, um die Volksgenossen um einen Beittag zu dieser Sammlung zugunsten unserer Soldaten zu bitten. Inzwischen sind die ein* gegangenen Büchermassen in den Kreisleitungen von sachkundiger Seite überprüft und zu Truppen* büchereien von 80 bis 100 Büchern zusommengestellt worden, die, in Kisten verpackt, den Einheiten der Wehrmacht zur Verfügung stehen. Während die Parteiorganisation Sammlung, Sichtung der Bücher und ihre Zusammenstellung zu einzelnen Büchereien vornahm, lag es der NSV. ob, im Rahmen des Winterhilfswerks Verpackung und Versendung der Bücher zu übernehmen. Wie die tbei dem Gauschrift«, lumsbeauftragten eingegangenerf Meldungen er* geben, ist in der verhältnismäßig kurzen Zeit in allen Kreisen des Gaues außerordentlich rasch und gut gearbeitet worden. Es konnten bisher über 600 Büchereien, das sind rund 50 000 Bücher als abruf- bereit dem Oberkommando der Wehrmacht gemeldet werden. Mit dieser hohen Ziffer ferttggestellter Truppenbüchereien dürfte die (Bauleitung Hessen* Nassau unzweifelhaft wieder unter den Gauert Deutschlands mit am besten abschneiden.

3um Heeresdienst eingezogene Hunde.

In einer Versammlung des Vereins der Hunde* freunde Frankfurt gab der Vorsitzende eine Anord* nung des Oberkommandos des Heeres bekannt^ wonach die Hundeersatzstaffeln den ftüheren Be* sitzern der zum Wehrmachtsdienst eingezogenen Hunde über Aufenthaltsort, Verwendungsart urtb Befinden der Hunde Nachricht geben. Den Hunde* besitzern ist damit Gelegenheit gegeben, mit den Hundeführern in Verbindung zu treten, solange diese noch nicht an der Front sind. Bei Verwundung ober Tod des Hundes erhält der frühere Besitzer Nachricht. Ein Rückkauf der eingezogenen Hunds durch den früheren Besitzer ist nach Kriegsende so* weit als möglich durch genaue Kennzeichnung der Hunde und durch die Art der Führung der Hunde* stammrolle gesichert.

Gießener Konzeriverein.

II. Orchester-Konzert.

In den ersten Jahren nach seiner dauernden Üe'oersiedelung nach Wien nahm Beethoven Unterricht bei den dortigen führenden musikalischen Persönlichkeiten, bei Joseph Haydn, Johannes Schenk und Joh. Georg Albrechtsberger. Der Hof- lapeUmeifter und Opernkomponist Antonio Salieri jührte den Werdenden mehr zwanglos als plan­mäßig in die Gesetze der italienischen Sprachbe- Unblung und ihrer Auswertung im dramatischen ßefange ein. Als geistiger Niederschlag aus diesen Studien erwuchs die Szene und Arie Ah! p e r- (i >b o" (1796). Beethoven folgte hier ber Form nach iem Zeitbrauch, aber die Vertiefung, mit ber er icm menschlichen Empfinden nach geht, weist in ihrer lohen Ausbruckskrast schon auf Kommendes vor- cus.

Mit diesem Werk hatte sich A n n i Assion eine Aufgabe gestellt, die sich mit ihrem Bühnenfach aufs ngste berührte. Sie vermochte darum an den Höhepunkten des Affektes ein ausladendes Forte fHenzusetzen und diese Momente in ihrem brama- ijdjen Akzent zu verstärken. Ebenso aber war sie Mlrebt, den rein ariosen Teil mit Innigkeit und Weichheit zu füllen. Nur hätte man sich hier der ^eelenlage entsprechend, noch eingehendere dyna­mische Abstufungen gewünscht. Da, wo die rnelo- d'sche Linie an sich als reine Afsektkurve zum ele- Nentarsten Ausdruck drängt, wie im letzten Allegro ! ^sai ( ... se in tanfo affanno), vermochte sie die iir durch Persönlichkeit und Typus gesetzten Gren­on nicht völlig zu überwinden. Dies erste Erschei­ne Anni Assions auf dem Konzertpodium begeg­nete allseitiger ehrender Anerkennung.

*

, Robert Schumann fanff in Byron sM a n- s' ed" einen Stoff, ber ihn bis ins Innerste er= (Fiff.Noch nie habe ich mich mit der Liebe unb m Aufwand von Kraft einer Komposition hinge­gen, als ber zu Manfreb." Es scheint fast, als hc-be Schumann in ber schreckhaft zerguälten Man- ü-b-Gestalt sein eigenes ihm bevorstehendes Schick­is geahnt. Die im Oktober 1848 entstandene Ouver- 'tire zuManfred" läßt bie Schwere der leiden- (äaftsvollen Erregung Gestalt gewinnen. Die Pole dir vorliegenden Dichtung geben auch ber Musik be Richtung. Zum Schwermütigen, zum erregten dimonischen hin; die Schauer ber Geisterwelt wer- 11 hn ebenso wach wie das Schicksalhafte der Tobes- ,hnbe des Helben. Mit ihrer tragischen Kraft tritt

diese Ouvertüre in ben Kreis des Besten, was Schu­mann für bas Orchester geschrieben hat.

Professor Dr. Stefan Temesväry leitete mit diesem Werk ben Abenb ein unb erhob sich zu machttollen Steigerungen und eindringlichen Ent­wicklungen. In scharfer Akzentuierung, mit leiden­schaftlichem Impuls profilierte er die Themen und erfüllte sie im inneren Ausweiten. Jedoch erscheint dem Schumannschen Melos gegenüber noch mehr nachgiebiges Eingehen geboten. Die ausgesprochen romantische Grundlage seiner Themen kann nicht genug von ber Seite des Gefühlshaften her durch­drungen werden. Damit würde sich auch eine reichere Skala an dynamischen Kontrasten ergeben, und der Aufschwung des Gefühls würde noch pla­stischer unb unmittelbarer zum Hörer sprechen. Das Ersterben zum Schluß hin wäre bann mit noch an­schaulicherer Kraft einbrucksvoll geworben. Das Orchester folgte mit weicher Ton gäbe in den Blä­sern, ganz besonbers auch in den Trompeten, von denen hier beispielsweise ungewöhnlich tiefe Töne verlangt werden, die auch ohne jede Rauhigkeit er­klangen.

Das symphonische Werk Tschaikowskys ist für uns ein Weg zur russischen Volksseele gewor­den. Dadurch, daß er sich an die westeuropäischen symphonischen Formen anschlieht, wird er zum Mittler des spezifisch Russischen, indem durch die Glättung ber Form das Fremdartige des Ostens eingängiger erscheint. Tschaikowsky gibt in seiner 5. Symphonie mit dem einleitenden Andante­thema voll Moll-Schwermut das Mottt für das ganze Werk. In allen vier Sätzen kehrt es wieder; meist erscheint es da, wo der geistige Gehalt des Satzes zu einer besonderen Entwicklung hindrängt, unb mit seiner entschiedenen Haltung stellt er im­mer wieder die Beziehung zur Grundibee des Wer­kes her. Das bestätigte die Wiedergabe. Professor Temesvary ließ das einleitende Andante-Thema in ber ihm eigens zustehenden Gefühlsfarbe sich aus- breiten und legte damit die Grundsphäre des Gan­zen eindeutig ausgerichtet fest. Mit individueller Prägung ließ er die Themen des Kopfsatzes in ihrer vielfältigen Gegensätzlichkeit sich entfalten bei inten­sivster Ausdruckskraft der gesanglichen Linie. Die Durchführung wurde zu realem, elementaren Er­leben; der Hebergang zur Reprise bezeugte letztes Aufgehen in dem Werk. Innerlich reich an Stimmungssätttgung unb klanglicher Schwellung entfaltete sich das Andante mit seiner durch das Horn weich tönend und modulationsreich eingeführ- ten Kanttlene und dem Zwiegesang zwischen Oboe

unb Horn. Das war ein Ausbreiten unb klang- seliges Erschließen, dem bas Erscheinen des Motto- chemas beschwörend drohte. Mit Feinaeistigkeit, graziös innig, zog ber Walzer, den Tschaikowsky an die Stelle des üblichen Scherzos setzt, vorüber. Das Finale wurde in großem Zuge mit machtvoller Eindringlichkeit gestaltet; das verschiedentliche Er­scheinen des Mottothemas, geweitet bis zur klang­lichen Apotheose, ließ das Finale in letzter Hnmit- telbarkeit den Hörer packen und ihn ergreifen.

Begeistert ausbrechender Beifall am Schluß des Konzerts war das Zeichen des Dankes der Hörer; er ehrte alle am Werke Beteiligten.

Dr. Hermann Hering.

D III 88."

Wenn dem Film die Möglichkeit gegeben ist, unsere Luftwaffe einmal in ihren Horsten aufzu­suchen unb sie zum Thema eines abenbfüllenben Filmstreifens zu machen, bann barf das Ergebnis ber Bemühungen ber lebhaftesten Aufmerksamkeit aller gewiß fein. Das gilt in mehr als einer Be­ziehung von bem Film, ber feit gestern im Glo- ria - Palast gezeigt wirb. Der Titel ist bie Be­zeichnung eines Kampfbreibeckers aus bem Weltkrieg, einer Maschine, die in vielen Luftkämpfen bestand. Der Geist, der bie Flieger biefer Maschine beseelte, ist, bas schilbert ber Film klar unb eindringlich, in gerader Linie auf die Flieger unserer modernen Luftwaffe übergegangen. Dieser Geist der Flieger des Weltkrieges ist von den Fliegern der Gegenwart inzwischen auch nachdrücklich bewiesen worden.

Der FilmD III 88" führt in faszinierenden Bil­dern ganz nahe heran an ben Dienftbetrieb in einem Fliegerhorst, läßt bie Form ber Zusammenarbeit von Fliegern unb Seestreitkräften erkennen unb bringt dabei doch eine geschickt eingefügte, regelrechte Hand­lung, die von vielen menschlichen Wesenszügen durch­pulst ist. Die Handlung will, es, baß zwei hoffnungs­volle, befreundete Flieger aus ben Motiven eblen Ehrgeizes hintereinanbergeraten, sich verfeinben, dienstlich aber in einem Flugzeug weiter Zusammen­arbeiten müssen. Dabei lassen sie sich zu Handlungen hinreißen, die unterblieben wären, wenn die Vor­aussetzungen zwischen beiden andere gewesen wären. Es kommt zu einer Bruchlandung, unb später müssen sie sich vor versammelter Mannschaft heftige Worte sagen lassen und erhalten außerdem Startverbot. Erst durch denguten Geist" im Fliegerhorst, den biederen Oberwerkmeister Bonicke, wird für sie ein

gutes Wort eingelegt, sie erhalten eine große Chance unb stellen burch eine bravouröse fliegerische Tat ihr Ansehen roieber her. Daß dabei der alte DreideckeL aus dem Weltkrieg und ber bewährte Oberwerk* meister noch einmal eine letzte ehrenvolle Aufgabe erhalten bas schließt den Ring der großen Ge* meinschast ber Helben ber Luft von 1914/18 und 1939«,

Der Film wurde geschaffen nach Gedanken Dort Hans Bertram, Alfred Stöger und Heinz O r l o v i u s. Die Spielleitung hatte Herberg Maisch. Als militärischer Berater wirkte General z. V. Wilberg und als Marineberater Oberleut­nant z. S. a. D. Vogt mit.

In ber Darstellung, (in der das weibliche Element diesmal im wahrsten Sinne des Wortes keine Rolls spielt) begegnet man einer Reihe krafttoller und sympathischer Gestalten. Christian Kayßler als Oberstleutnant Mitthof erscheint in jeder Bewegung als Soldat mit aller inneren unb äußeren Disziplin« Unmittelbar neben ihm steht Otto Wernicke als Oberwerkmeister Bonicke, ber sich mit aller Gewalt bagegen wehrt, in Urlaub zu gehen unb etwas fütf seine Gesundheit zu tun, fonbem vielmehr mit berrt Opfer seines Lebens bie Rettung zweier junger Ka* meraden ermöglicht. Heinz Welzel unb Hermanrt Braun verkörpern die beiden befreundeten, ver* feinbeten unb roieber versöhnten Fliegergesreitert Paulsen unb Eckert und verhelfen bem Film befon« bers in ben kritischen Szenen in ben Flugzeugen zu! einer unerhörten Spannung. Karl Martell bringt als Jagbflieger Becker in temperamentvoller Weiss bie letzten Tage bes Weltkrieges in bie Erinnerung^ Der Film, ber mit bem PräbikatStaatspolittfch be­sonbers wertvoll" ausgezeichnet wurde, ist in seines Gesamtheit nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein militärisches Dokument, das eindringlich Zeugnis von ber Kraft unserer Luftwaffe unb unserer Ma* rine ablegt. Heinrich Ludwig Neuner.

Goll der Klügere nachgeben?

Maria von Ebner-Eschenbach hatte einst einen Prozeß, bei bem sie zwar im Recht war« aber wenig Aussicht hatte, dies Recht ersol-greich durchzusetzen. Der Richter beraumte auch einen Ter­min zu Vergleichsverhandlungen an und suchte bie! Dichterin dadurch versöhnlich zu stimmen, indem eS sagte:

... schließlich gibt der Klügere nach."

,^Ja, und damit ist bann bie Weltherrschaft bet Dummen eröffnet!" erwiderte die berichmte Dichi, terin. -r-