Hauptsache im Atelier sind natürlich allemal die Bilder, alte und neue, wie die große Figurengruppe auf der Staffelei, an der $err Kroll eben arbeitet. Das Bild ist von einer Behörde in Auftrag gegeben. Ein anderes, auch nach nicht bekannt, stellen wir für die Leica ins rechte Licht: „Hinter der Bühne" heißt die farbenreiche, stimmungsvolle Komposition, in der eine junge Dame im Kostüm, ein Gitarrespieler und ein Hund eine aparte Gruppe bilden. Während wir rücken, leuchten und knipsen, geht das Gespräch hin und her. Herr Kröll erzählt, wie befriedigt die Maler, die hier oben häufen, über die freundlichen, gut beleuchteten Räume sind, welche die Stadtverwaltung ihnen zur 'Beifügung gestellt hat. Der Behördenauftrag sorgt dafür, daß etwas entstehen kann. Kröll sieht hierin auch eine Bestätigung dafür, daß seine Bemühungen um die figürliche Malerei von Erfolg gekrönt sind. Die Arbeitsbeschaffung durch die Reichsregie- „ rung hat ihre Früchte getragen: das Jahr 1938 hat sich viel erfreulicher angelassen als die vorhergehenden. Nur die Initiative der privaten Kunstliebhaber läßt zu wünschen übrig. Ja. und dann tft es ein Kreuz mit Modellen, männlichen wie weiblichen ... einerlei, ob es sich um Akt ober Gewcmd- studie oder Kopfmodell handelt: es gibt keine, ober nur unter vielen Schwierigkeiten. Man kann ja beim Photographieren ähnliche Erfahrungen machen. Vielleicht sind da noch letzte Reste alten Aberglaubens lebendig — wer weiß?
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Wie die Weihnachtsmänner beschneit kommen wir ins Atelier am Eichgärtenweg. wo die Bildhauer Johannes K ö d d i n g und Ludwig Gänge- rich gemeinsam ihren Arbeitsplatz haben. Im Erdgeschoß bei Herrn Ködding sehen wir uns das
langgestreckte Gipsmodell an, Teilstück eines Reliefs für das Stadsgebäude unserer Artilleriekaserne. Der Künstler hat an diesem Projekt drei Jahre lang gearbeitet, und es ist interessant, in großen Zugen die Entstehungsgeschichte zu verfolgen, den ersten Entwurf mit Den frontal gerichteten und stilcherten Figuren am Modell mit der endgültigen Fassung zu vergleichen, die das kriegerische Motiv viel realistischer empfindet: die Kanoniere am Geschütz und die Pferde sind so ungezwungen natürlich erfaßt, wie es die im wesentlichen flächig wirkende Relief-Technik gestattet. Herr Ködding zeigt uns bann auch noch ein kleineres Mobell, das einen Eindruck von der Gesamtanlage vermittelt, von den maßstäblichen Verhältnissen und von der Art, wie die beiden Re- liess — bas Gegenstück behandelt ein landwirtschaftliches Motiv — mit dem Baukörper in Einklang gebracht werden. Die Ausführung des Reliefs ist in Muschelkalk gedacht. *
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Im Oberstock ist Herr G ü n g e r i ch bei der Arbeit. Hier finden mir einen skizzenhaften Entwurf zur Clementia von Gleiberg als Städtegrunderin. die als vollplaftische Figur von beträchtlichem Format als Fassadenschmuck am Marktlaubengebäude gedacht ist. Herr Güngerich bemerkt dazu, wie er sich die., in Haltung und Linienführung möglichst vereinfachte Frauengestalt des 12. Jahrhunderts aus dem Romanischen gleichsam ins Gegenwärtige übersetzt und die Plastik organisch in die Baugruppe cmgeorbnet denkt. Außerdem finden sich in der Werkstatt einige im wesentlichen vollendete Bildnis- plastiken, Köpfe von Mussolini und Dr. Goebbels, die in ihrer großzügigen Linienführung einen ab« gewogenen Ausgleich zwischen Stilisierung und Naturnähe walten lassen. — hth.
Aus der Stadt Gießen.
Das ewige Wagnis.
Von Hans Hartmann.
Platter Verstand ist geneigt, zu sagen, daß der Einschnitt an Silvester und Neujahr künstlich sei unb erfunden, um wieder ein Fest mehr feiern zu können.
Gewiß, die Sterne ziehen ihre Bahnen, die Erde dreht sich weiter, ohne vom neuen Jahr Notiz zu nehmen, die Wachstumsvorgänge, die schon millio- nensältig in der Pflanzen- und Tierwelt stattfinden, werden nicht unterbrochen, unser Herz schlägt im Takte und versinnbildlicht das Urgeheimnis alles Lebens: Immer Leben zu sein und keinen Augenblick den Sttom zu unterbrechen.
Und doch ist dieser Einschnitt mehr als nur eine ,Konventton". Er fällt recht nahe mit der Sonnwende zusammen, und diese ist ein Ereignis der Natur. Die nördliche Halbkugel der Erde neigt sich nun wieder der Sonne zu. Und wenn irgend etwas, so kann uns dies kosmische Ereignis auf größere Gedanken bringen. Nachdem die Wende am 21. Dezember stattgefunden hat, warten wir, daß jetzt das Dunkel langsam weicht und wir dem Licht entgegengehen.
Diese Jahreswende ist von einem symbolischen Gehalt erfüllt, den man ihr nie wird nehmen können. Denn es hat sich mit ihr ein Erlebnis verbunden, das das eigentliche Erlebnis dieser Tage ist: wir fühlen, daß wir einen Augenblick Atem holen und es neu mit dem Leben wagen. Wir tun also, was die Natur nicht tut: wir halten einen Augenblick stille, blicken rückwärts auf das, was war und geschah, und bann „machen wir uns auf" und wagen es mit dem neuen Jahr. Es ist ein Vorrecht des Menschsems, daß wir, hn Unterschied zu den ewig ftteßenden Naturkräften, Abschnitte in unserem Leben machen, es gliedern und so erst „gestalten". Wir freuen uns dieses Vorrechtes und machen bewußt davon Gebrauch.
Wie bei einem lieben Gestorbenen fällt alles Unwesentliche, alles nur Scheinbare ab, und nur der innerste Gehalt bleibt. Ihn fühlen wir als eine die Seele durchdringende Kraft. Wir gewinnen seltsame Klarheit über uns selbst in der Silvesternacht. Wir wissen, wo und warum wir versagt haben. Wir fühlen, wann wir mutlos gewesen sind und woran es uns gebrach. Wir fühlen, ob
und warum wir gegenüber unserer Familie ober unserem Volk nicht so mutig und hingegeben waren wie wir hätten sein sollen. Wir wollen es besser machen!
Und wir sehen in dem Jahre, was nun beginnt, eine neue große Aufgabe. Ein unbeschriebenes Blatt, in das wir unsere Züge eintragen dürfen, das heißt aber: unseren Willen, unsere Tapferkeit, unsere Un- beirrbarfeit, unsere neuen Erkenntnisse vom Wege des Lebens und von der Erkenntnis der Dinge, so daß neue Wahrheit m uns aufbricht und wirksam wird.
Alles Leben ist Wagnis. Die Gestaltung unserer Familie, unseres Berufslebens und -Erlebens ist Wagnis. Wir fühlen dieses Wagen besonders verpflichtend in dem Zeitabschnitt, der heute beginnt.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag (Silvester).
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Der Maulkorb".— Gloria-Palast, Seltersweg: „Pour le mdrite“. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Tanz auf dem Vulkan".
Tageskalender für Sonntag (Neujahrstag).
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Fran Holle": 19 bis 21.30 Uhr .Lauter Lügen". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Pour le merite“. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Tanz auf dem Vulkan".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet im Stadttheater die Silvester- Premiere statt. Es gelangt das heitere Spiel in sieben Bildern „Der Maulkorb" von Heinrich Spoerl zur Erstaufführung. Spielleitung Hannes Razum, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Die Intendanz, macht darauf aufmerksam, daß dieses Stück nicht im Abonnement gegeben wird. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Am 1. Januar, Neujahr, findet nachmittags eine Wiederholung von „Frau Holle", Märchen von Walter Osterspey, statt. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, musikalische Leitung Heinz Markwardt, Tänze Thea Maaß. Außer Miete. Anfang 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. — Am Abend erste Wiederholung des Lustspielerfolges „Lauter Lügen", Gesellschaftskomödie von H. Schweikart. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, Bühnen
bilder Karl Löffler. Außer Miete. Anfang 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Neuer Pfarrer der Lukasgemeinde.
Der von dem Präsidenten des Landeskirchenamts zum Pfarrer der Lukasgemeinde in Gießen berufene Pfarrer und Studienrat Lic. Erwin Wiß - mann zu Darmstadt wird am morgigen Neu- jahrstag in Der Johanneskirche durch Den zuständigen Dekan Sattler (Wieseck) in fein neues Amt eingeführt. In ihm findet nach einem furjen Spezialvikariat des Pfarrassistenten Wendel der nach Hannover verzogene Pfarrer Bechtols- Heimer einen Nachfolger.
Der neue Gießener Pfarrer wurde in Gießen als Sohn des Großh. Baurats Philipp Wißmann (gestorben 1908) am 20. Juni 1895 geboren. In seiner Vaterstadt Gießen besuchte er Vorschule und Gymnasium. Nach im Frühjahr 1913 bestandenem Maturum studierte er Theologie in Tübingen und Heidelberg. Als Kriegsfreiwilliger trat er im August 1914 ins Heer, bei dem er sich bis Dezember 1918, zuletzt als Leutnant der Reserve, bei der Artillerie befand. Seine Studien setzte er nach dem Kriege in Gießen fort und legte hier im Winter 1920/21 Die Theolgische Fakultätsprüfung ab. Im März 1924 promovierte er zum Lic. theol. an der Theol. Fakultät zu Gießen. Nach Besuch des Predigerseminars zu Friedberg und bestandener Schlußprüfung fand er Verwendung als Pfarrverwalter in Nidda von April 1922 bis März 1923, dann bis August 1924 als Pfarrassistent in Griesheim bei Darmstadt. Er wurde Dann Pfarrer in Wenings (Oberhessen) bis April 1928. Don April 1924 bis Herbst 1938 war er Dozent für evangelische Religionspädagogik am Pädagogischen Institut zu Darmstadt, Dann in Mainz, hieraus an Der Hochschule für Lehrerbildung zu Friedberg und Darmstadt. 1924 bis 1933 war er gleichzeitig noch evangelischer Religionslehrer an höheren Schulen in Darmstadt. Seit Wintersemester 1935/36 hat Pfarrer Lic. Wißmann einen Lehrauftrag für evangelische Religionspädagogik und Katechetik in Der Theologischen Fakultät Der Universität Marburg.
25 Jahre im polizeidienff.
Von Der Polizeidirektton Gießen wird uns mitgeteilt:
Am 1. Januar 1939 kann Herr Polizeibüroassistent Heinrich Ludwig auf eine 25jährige Polizeidienstzeit zurückblicken.
Nach über 6 jähriger, tadelloser Militär, und Kriegsdienstzeit trat Herr Ludwig am 15. Mai 1920 als Schutzmann bei Der PolizeiDirektton Gießen ein. Diele Jahre versah er seinen oft nicht leichten Straßendienst, um alsDann vom Jahre 1927 ab im Polizeiverwaltungsdienst als Polizeibüroassistent Verwendung au finden.
Während seiner langen Polizeidienstzeit hat sich Herr Polizeibüroassistent Ludwig stets als ein pflichttreuer, gewissenhafter und stets hilfsbereiter Beamter erwiesen, Der sich nicht nur Die Achtung aller seiner Vorgesetzten unD KameraDen, sonDern Darüber hinaus auch Die aller Volksgenossen erworben bat.
** 82 Jahre alt. Der frühere Gastwirt Der Wirtschaft „Zum Schipkapaß", jetzige Privatter Jean Arnold, Bahnhofstraße 4, kann am morgigen Neujahrstag in ausgezeichneter geiftiger und körperlicher Frische seinen 82. Geburtstag begehen. Der Jubilar erfreut sich in weiten Kreisen in Stadt und Land großer Wertschätzung. Täglich macht er noch seinen gewohnten Spaziergang. Dem alten Herrn bringen auch wir unfern herzlichen Glückwunsch bar.
** Siebzig Jahre alt. Das älteste Gefolgschaftsmitglied der Firma Bänninger GmbH., Gießen, Platzmeister Heinrich Weiß aus Großen- Linden, kann am heutigen Silvestersamstag seinen 70. Geburtstag feiern. Herr Weiß, Der am 2. März d. I. fein 25jähriges Arbeitsjubiläum bei Der Firma Bänninger begehen konnte, ist noch von seltener körperlicher und geistiger Frische. Seine ganze Erscheinung läßt sein hohes Alter nicht erkennen, unb mit jugendlich rüstiger Tatkraft erfüllt er noch seine beruflichen Aufgaben. Herr Weiß nahm als erstes Gefolgschaftsmitglied der Firma Bänninger vor zwei Jahren an einer großen KdF.-Fahrt nach Madeira teil: Darüber berichtete er gelegentlich eines Kameradfchastsabends in launiger Weife. Das kluge unD immer humorvolle Geburtstagskind erfreut sich bei feinen Arbeitskameraden, wie auch in feiner Heimat allgemeiner Wertschätzung. \
Hitler-Jugend Bann 116.
Theaterring der hlller-3ugeud.
Am Mittwoch, 4. Januar, findet die Vorstellung für die Zusatzkarten des Dheaterringes (3. Vor- stellung) statt. Es gelangt zur Aufführung „Der Hochverräter", ttagisches Schauspiel von Langen- beck. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Schwerer Unfall eines Kraftfahrers.
Eine Mahnung: Derdunstungskälte rüst Erfrierungen hervor!
Der Kraftfahrer der Reichspost beim Postamt Gießen, Ludwig D e h u s , wohnhaft Krofdorfer Straße 9, erlitt in Der Nacht zum 23. Dezember einen ebenso schweren, wie eigenartigen Unfall. Er war auf einer Dienstfahrt nach Frankfurt unterwegs, um Pakete dorthin zu bringen. Auf der Rückfahrt auf her Reichsautobahn, unweit von Bad-Nauheim, auf minhumfegter und schneebedeckter Höhe, bemerkte er plötzlich, daß Der Unter« Drud förDerer am Motor fein Benzin mehr heranbrachte und her Wagen stehen blieb. Er stieg aus und versuchte den Schaden zu beheben, indem er Benzin aus dem Tank hob und es in den llnterbrutfförherer gießen wollte. Da der Schaden nicht rasch zu beheben war, hatte er fast eine Stunde zu tun. Zu allem Unglück herrschten in jener Nacht etwa 15 Grad unter Null, so daß ihm bald die Finger steif wurden. Hinzu kam, daß es Dehus bei seiner Arbeit und im Bemühen, rasch voranzukommen, anscheinend nicht vermeiden konnte, daß ihm habet Benzin über die Hände und über Die Arme lief. Dieser Umstand wurde ihm zum schweren Verhängnis! Durch hie Verdunstung hes Benzins entstand neben der an sich schon niedrigen Außentemperatur eine zusätzliche K ä l t e w i r k u n g, die Der Kraftfahrer anscheinend zu gering einschätzte und glaubte, daß es ihm nichts ausmachen werde. Dem war aber nicht so! Dehus erlitt schwere Erfrierungen an den Händen und beiden Armen, so daß er nicht mehr weiterarbeiten konnte und sich um Hilfe bemühen mußte. Da er noch geraume Zeit auf her
Autobahn bleiben mußte, bis es möglich wurde, ihm Hilfe zu bringen, Dürfte sich das Uebel noch verschlimmert haben. Erst nach einiger Zeit wurde das Postamt in Gießen verständigt, das sofort einen Wagen nach Bad-Nauheim sandte und den pflichttreuen Mann abholte. Er mußte sofort in die Chirurgische Klinik gebracht werden. Die Aerzte hoffen, ihm Hände und Arme erhalten zu können.
Der Vorfall Dürfte für jeden Kraftfahrer eine rechte Mahnung sein, bei großer Kälte mit Benzin vorsichtig umzugehen. Es hat sich bei diesem Unglücksfall praktisch erwiesen, daß Benzin nicht nur durch Explosiv- und Feuerwirkung gefährlich werden kann, sondern auch durch den Wärmeentzug, der bei der Verdunstung in der unmittelbaren Umgebung entsteht.
Beim Aufspringen auf den fahrenden Zug tödlich verunglückt.
Ein schwerer Unglücksfall, Dem leider ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel, ereignete sich am gestrigen Freitag gegen 18.50 Uhr auf dem Bahnhof Lollar. Dort sprang Der Hüttenarbeiter Wilhelm Balthasar Lotz aus Allendorf an her Lumda auf den bereits in Richtung Allendorf fahrenden Zug auf, um mit ihm nach Hause zu kommen. Der bedauernswerte Mann glitt aber ab und stürzte unter den Zug, von dem er so unglücNich überfahren wurde, daß her Tod auf her Stelle eintrat. Der Verunglückte hinterläßt eine Frau unb zwei Kinder.
„Eyn glücklich new Lar." r
Don Walther Schwerdtseger.
Aller Dinge Anfang wird gern in den Bereich mystischen Wirkens erhoben. So hat man Dann auch früh den ersten Tag des neuen Jahres als ein schicksälkündenDes Omen angesehen. Eine Anzahl bäuerlicher Wetterregeln bringt diesen Glauben zum $ Ausdruck, und das gesamte Neujahrsbrauchtum geht c auf ähnliche Vorstellungen zurück. Selbst ein so , durchsichtig-klarer Geist wie Wilhelm v o n H u m - [ boldt gab solchen Empfindungen Raum. An die J „Freundin", Charlotte Hildebrandt, schrieb er zur , Jahreswende: „Es gibt mehr oder weniger günstige r Jahre, und Das beweist sich, wie ich oft im Leben bemerkt habe, manchmal an gewissen Anzeichen in , den ersten Tagen, wo Die neue Jahreszahl beginnt. Sie werden das vielleicht etwas abergläubisch finden, aber es ist es Doch nicht so ganz und so sehr."
Schon im Altertum wurde es daher Sitte, sich , zum Jahresbeginn Glück zu wünschen unb auch < Geschenke zu machen. Wir finden Diese Sitte sowohl < bei Den Aegyptern wie bei ben Chinesen. Die ' römische Wunschformel „Prosit!", möge es dir ‘ nützen, Dir ein glücklich Jahr sein! haben wir übernommen. Und noch heute ist in Frankreich Neujahr, ( nicht der Christtag, bas Fest Des Schenkens.
In manchen ©egenben Deutschlanbs hat sich bis । heute der Brauch des „Neujahrssingens" erhalten. Arms Schulkinder zogen von Haus zu Haus, „ein ! seliges neues Iar" wünschend,
„Danach die ewige frohe Seligkeit. Gottlob, bas neue Jahr geht an, das alte ist vergangen.
Wir wandern auf her Lebensbahn Und trachten mit Verlangen Nach einem Reich der Seligkeit, Das auch im Himmel ist bereit. Glückauf zum neuen Jahr!"
Manche dieser Lieder sind sehr alt unb gehen bis ins Mittelalter zurück. Im 14. Jahrhundert berefts hat eine geschäftstüchtige Dame, Frau Clara Hatzlerin, eine reichhaltige Sammlung solcher Neujahrslieder und -wünsche angelegt. Selbst von Den Meistersingern — so von Den Nürnbergern Hans Folz unb Rosenplüt — kennt man eine Reihe von Klopf-an-Versen, Die man am Neuiahrs- morgen Den an das Haustor Klopfenden als Wunsch oder Mahnung zurief. In Sübdeutschland kann man zuweilen Daher noch die Bezeichnung „Klöpflins- iage" für Die zwölf Tage zwischen Weihnachten und Epiphanias finden.
In Goethes Spruchweisheit liest man Die volkstümlich Derben Reime:
„Im neuen Jahre Glück und Heil! Auf Weh und Wunden gute Salbe! Auf groben Klotz ein grober Keil, Auf einen Schelm anberthalbe!"
Recht griesgrämig klingen Die Neujahrswünsche, Die FrieDrich Der Große in Der Form eines Armeebefehls seinen Offizieren sandte. Da heißt es am Silvester 1781: „Ihre Majestät der König lassen allen Herrn Ofsicirs zum neuen Jahre gratulieren, und die nicht sind, wie sie sein sollen, möchten sich bessern." Und zwei Jahre später noch grämlicher: „Ihre Majestät der König lassen allen guten Ofsicirs vielmals zum neuen Jahr gratuüren und wünschen, daß sich Die übrigen so betragen, daß Sie ihnen künftig auch gratuüren könne."
Letzter Nachhall der alten Neujahrsreime und »lieber, Die „eyn glücklich new jar" wünschten, sind die aebruchen Neujahrsglückwünsche, Die von Boten, Handwerkern, Austrägern und Hauswarten zum Jahreswechsel überreicht werden. Aber wenn die Jahreswende den meisten Menschen als Schicksalstag erscheint, wird sie Dem NachDenklichen zu einer StunDe Der Besinnung. „Man sagt sich wohl tausendmal, daß Die Jahreseinteilungen etwas ganz Unbedeutendes unb Unwesentliches sind, unb in her Tat ginge hie Zeit ebenso leer unb ebenso bewegt, wie sie jeher ergreift unb wie sie jeder aufnimmt, hin, wenn man ganz vergäße, welche Woche, welcher Monat und welches Jahr es wäre. Allein Diese trocken vernünftige Philosophie verliert sich Doch im Leben, unb wer nur irgend Empfindung in sich trägt, geht immer ganz andern vom 31. Dezember zum 1. Januar, als von zwei anderen aufeinander folgenden Tagen über. Es ist, als wenn her Mensch versucht, durch die Zeiteinteilun- aen der Flüchtigkeit Der Zeit Einhalt zu tun ... Sie selbst geht zwar immer fort, aber der Mensch ftef)t wie auf einer schmalen Grenze zwischen der 23er« Vergangenheit unb Zukunft still, er sammelt sich, nimmt in seinen Gedanken den zuletzt verflossenen Zeitabschnitt zusammen und umspannt den nächstfolgenden mit neuen Vorsätzen, Entwürfen, Hoffnungen unb Besorgnissen."
Auf dieser Grenze zwischen her Unwiderbringlich- kett des Vergangenen und her Ungewißheit des Kommenden scheiden sich hie Geister. In Der Stille des Pfarrhauses von Cleversulzbach konnte M ö - rite zum neuen Jahre singen:
„Herr, dir in die Hände, Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt!"
Von Der Sorge bedrückt, Daß alles menschliche Wirken in Der Unendlichkeit Der Zeit verweht werde wie Spuren im Sande, schrieb Lenau:
„Eins sei gebeten, Jahr: Was Du getan, gesonnen. Verlaufe nicht im Sand wie Wein zerschlagner Tonnen."
Und Goethe:
„Zwischen Dem Alten, Zwischen dem Neuen, Hier uns zu freuen Schenkt ims Das Glück, Unb Das Vergangne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück."
Siuhweck und Bubenschenkel.
Ein alter Frankfurter Silvesterbrauch ist Das Verzehren von sog. Stutzwecken zum. Punsch ober zur Bowle. Die Stutzwecken werben nur zum Jahresende hergestellt. Sie sind ein Gebäck alis feinem Hefeteig von länglicher Form, bas an ben Enden in je einen Knauf ausläuft. In her Mitte werden einige Schnitte in Den Teig gemacht.' In ben Gastwirtschaften in Frankfurter Vororten werben solche Stutzwecken in Der Silvesternacht im „Losspielen" ausgewürfelt. Am. Neujahrstag essen hie Frankfurter, ebenfalls einem alten Brauch folgend, Sauerkraut oder Weißkraut. Dies soll bewirken, Daß man das ganze Jahr über Geld hat.
Im südlichen Hessen (frühere Provinz Starkenburg) schenken Patin unb Pate am Neujahrstag ihrem Patenkind Das „Neujährche" in Gestalt eines Lebkuchenherzens oder eines „B u bensch e n k e 1 s" ober auch einer Brezel mit einem Zopf. Der Bubenschenkel und der Zopf gehen auf alte Dpferbräudje (Knochen- unb Haaropfer) zurück. Der Bubenschenkel kommt in verschobenen Formen, zwei- bis fünfteilig, vor. In manchen Orten schenkt man sogar gebackene Hasen und Puppen, also vor- weggenommene Frühjahrssymbole. All diese Backwaren sind sehr umfangreich, von Blechgröße oder noch größer.
Im alten Frankfurt war Die Silvesterfeier ein wirkliches Volksfest, an dem auch der Hohe Rat Der Stadt teilnahm. In Dem berühmten Römer versammelte er die Stände, und man vergnügte sich hort lang und weiblich. Dabei verteilte her Rat Geschenke und wurde — eine Art Der Ehrerbietung
— auch selbst beschenkt. Bereits in her Mitte des 14. Jahrhunderts erhielten diejenigen Ratsmitglieder, Die Das Amt her Rechenmeister verwalteten, ferner die Stadtschreiber, andere Beamte und Das Gesinde im Römer ein Geldgeschenk aus Der Stadtkasse. Auch Die Kaufleute gaben ihren Hauptkunden ein Geschenk. Aus Dem Jahr 1614 tft sogar ein regelrechter Geschenktarif bekannt, in Dem Die Höhe her Geldgeschenke genau in Gulden unb Taler angegeben war. Durch Diese Geschenke sollte die Bettelei anr Neujahrstage unterbunden werden. Ein alter Brauch war auch Das Andichten Des „Hoch-Edlen und Hoch- Weisen Magistrats" in allerlei Lobeshymnen, hie auf feines Büttenpapier gedruckt wurden. Dr. G.
Der Zirkus ist da!
„Beim kleinsten Jahrmarktzirkus", so schreibt Der Maler Eugen Oßwa 1D in einem von ihm selbst farbig bebilderten Aussatz hes Januarheftes von 23 elhagen & Klasings Monatsheften „erwartet man Pferde, Dressierte Pferde. Handstände. Athletenarbeit, Kautschuk, Arbeit am Trapez und römisches Ringen — das macht noch keinen Zirkus. Pferde geben dem Unternehmen erst das Recht, sich Zirkus zu nennen. Es sind oft recht arm und müh aussehende Tiere, Die im kleinen Kreis herumhoppeln, über Stangen hüpfen und Der kleinen Miß Ella als Voltigierpferd dienen. Wenn dann die Besucher — 1. Platz 30 Pf., 2. Platz 20 unb Galerie 10 Pf. — zu lächeln anfangen, von Hutteln, Kleppern oder Schindermähren sprechen. Dann möchte man am liebsten sagen: Stiftet Den Tieren Hafer und Heu, Dann werden sie bald wohlgenährter aussehen, und Das Wiehern roirD sich wie ein Ausdruck von Lebensfreude anhören. Hier wirb manchmal sehr gute Arbeit geleistet. Bei Dem mangelhaften Verständnis der zuschauenden Menge ist es Dann nicht Reklame, sondern fast notwendig, daß der Herr Direktor an* kündigt: ,Mache das verehrliche Publikum Darauf aufmerksam, daß der Trick, der wo jetzt kommt, sehr schwer ist. Ich bitte daher um äußerste Ruhe und Aufmerksamkeit!* Der Mann an her Drehorgel kurbelt rasch noch einige Umbrehungen, Der Direktor gibt das Zeichen, die Musik bricht ab, unb Der Pony .macht sein Sach ganz wunderschön! Bravo! Bravo? Man möcht's fast nicht für möglich hatten!*"
Und solche Pferde helfen auch noch den Wohnwagen auf der Landstraße ziehen. Man möchte wünschen, daß dieser Aufruf des ausgezeichneten Münchner Malers, eines begeisterten Zirkusfreundes, überall offene Herzen fände.


