Ausgabe 
31.12.1938
 
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Hessens Handballelf hat viel vor.

Reffens Handballer werden in den nächsten Wochen und Monaten neben den Meisterschafts­spielen noch einige Gaukämpfe erledigen. Spiel- Vereinbarungen wurden bisher mit den Gauen Mittelrhein, Württemberg und Baden getroffen, doch ist bisher lediglich der Kampf gegen Mittelrhein (zum 15. Januar nach Koblenz) fest ab­geschlossen. Als Austragungsort für das Rückspiel gegen Mittelrhein ist Gießen vorgesehen. Der Rückkampf gegen Württemberg wird wahrscheinlich nach Hanau gelegt und zwei Spiele gegen Baden sollen im April oder Mai im Gebiet Baden und in Fulda stattfinden.

Die Meisterschaftsspiele der Gauklasse werden am 8. Januar fortgesetzt.

Eine Winterbahn-Meisterschaft der Radfahrer?

Die Dortmunder Westfalenhalle hat die Absicht, in dieser Saison eine Winterbahn-Meisterschaft der Radfahrer durchzuführen und sich dabei an das Muster der Meisterschaften der Pariser Winterbahn anzuschließen. Wenn dieser Plan vom Deutschen Radfahrerverband genehmigt wird, sollen acht unse­rer besten Steher zusammengebracht werden, und

zwar Metze, Lohmann, Schön, Stach, Hoffmann, Merkens, Umbenhauer und Bautz. Als Termin ist der 5. Februar vorgesehen.

Norwegen gegen denRest der Welt".

Am 11. und 12. Februar feiert der Norwegische Schlittschuläuferverband sein 45jähriges Bestehen mit einer internationalen Schnellaufveranstaltung, in deren Mittelpunkt ein Kampf Norwegens gegen den Rest der Welt" steht. Das Tressen führt über die vier Strecken 500, 1500, 5000 und 10 000 Meter. Als wahrscheinliche Gegner der norwegischen Schnell­läufergarde werden u. a. die beiden Deutschen Stiepl und Wazulek genannt, die im Augen­blick allerdings gerade ihre Dienstpflicht ableisten.

Europa-Eiskunstlauf-Meisterschaften der Frauen.

Der britische Eislaufverband als Veran­stalter der Europameisterschaften im Kunstlaufen der Frauen am 23.Z24. Januar in London teilt mit, daß zu vieler Meldungen wegen Sperrbe- stimmungen erlassen werden mußten Jede Nation darf nun nach einer Sonderbestimmung des Inter­nationalen Verbandes nur vier Läuferinnen melden.

Partei und Staat als Sportträger.

Durch einen Erlaß des Führers und Reichskanz­lers ist der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen unter der BezeichnungNationalsozialisti­scher Reichsbund für Leibesübungen" unter die Obhut der Partei gestellt worden. Das bedeutet, daß nunmehr die Partei das weitausge­spannte Gebiet der Leibesübungen betreut, also die deutschen Menschen, die sich irgendeiner sportlichen Tätigkeit widmen, deren Pflege zu den Aufgaben des Neichsbunües gehört. Der Reichsbund, der bis­her zwar staatlich organisiert und geleitet war, aber nicht eine staatliche Funktion als solche aus- übte, wird auf seinem Gebiet zum Hoheitsträaer, ist nicht nur Beauftragter, sondern auch Repräsen­tant.

An und für sich ist das eine bedeutsame Neuerung, denn die Leibesübungen werden nunmehr zur An­gelegenheit von Partei und Staat, erfassen das ganze Volk, um es gleichermaßen auch körperlich und seelisch zu ertüchtigen und zu entwickeln. Daß der Reichsbund in Zukunft hie BezeichnungNatio- nÄsozialistischer Reichsbunü für Leibesübungen" führt, bildet in gewisser Hinsicht ein Gegenstück da­zu, daß Organisationen ähnlicher Art im Auslande auf den Hoheitsträger abgestempelt sind. So gibt es in den Niederlanden einen Königlich-Niederlän­dischen Fußballoerband, ebenso eine Organisation mit ähnliche Bezeichnung in Schweden. Ganz ab- ges-ehen davon, daß es zu einer alten Tradition in England gehört, auch Organisationen, die sport­lichen Zwecken dienen, als königlich-britische Einrich­tung firmieren zu lassen. Es bedeutet weiter, daß alles, was mit Leibesübungen zusammenhängt, zu­mal dann, wenn es sich repräsentativ im Auslande betätigen soll, als großdeutsche Abordnung nicht etwa nur von der engeren Organisation be­auftragt und abhängig ist, sondern von der Partei selbst, also dem Hoheitsträger des Reiches schlecht­hin.

Hefter allem steht, daß die Leibesübungen eine Angelegenheit und Sache sind, die zwar als solche im freien Sektor einzelner Verbände ausgeübt wird, die aber unter Leitung und Ueberwachung der Par­tei steht. Das Reich selbst sichert den Vollzug aller Maßnahmen, die irgendwie die sportliche Tätigkeit angehen, wobei streng darauf zu achten ist, daß es sich hier um die Gruppen- und Sportarten handelt, die im Reichsbund für Leibesübungen bisher schon organisiert sind. Das Nationalsozialistische Kraftfah­rerkorps sowie das Fliegerkorps, endlich der Wehr­sport, bleiben davon unberührt.

An der Spitze des Nationalsozialistischen Reichs- bundes steht der Reichssportführer, der kraft dieses Amtes vom Führer und Reichskanzler beauftragt ist, alle die Maßnahmen zu treffen und zu überwachen, die die sportliche Tätigkeit angehen. Wie sich das auf dem ersten großdeutschen Turn- und Sport­fest in Breslau gezeigt hat, gewährleistet die enge Verbindung von Partei, Reich und Sportverbän­den nicht nur rege sportliche Arbeit, sondern auch eine Höherentwicklung aller Sport­arten und Wettkämpfe. Das gilt sowohl für die Wettkämpfer des Inlandes, als auch für die im Ausland, also nicht nur für die olympiscken Kämpfe als vielmehr auch für die internationalen Treffen, auf denen die Bestleistungen festgestellt werden. Für den Nachwuchs galt ja bisher schon die Bestimmung, daß die Voraussetzung für jede sportliche Tätigkeit in einzelnen Gruppen und Verbänden die Mitglied­schaft bei der Hitler-Jugend ist. Ein Unterbau war also schon vorhanden, auf dem sich der Uefterbau des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibes­übungen nunmehr kraftvoll und machtvoll erhebt.

Kurze (Sportnotizrn

Das Sportprogramm des Neujahrs­tages schmilzt mehr und mehr zusammen. In ganz Süddeutschland aibt es keine Gauligaspiele im Fußball und Handball, auch die Kreispokal- Spiele des Gaues Südwest und der Freundschafts­kamps Eintr. Frankfurt VfB. Stuttgart wurden abgesagt. Ebenso fallen der Rugbykampf Bour- gogne Baden in Dijon und die schwäbischen Schi-Titelkämpfe im Abfahrtslauf in Oberstdorf dem Wetter zum Opfer.

Der Rastend urger E V. ist nach seinem 2:2-Unentschieden gegen VfK. Königsberg auch diesmal wieder Ostpreußens Eishockey-Merfter.

Deutsche Amateurboxer, und zwar die Berliner Campe und Krahl, sowie der Bonner Voosen, werden sich auch 1939 wieder an den eng­lischen Polizeimeisterschaften am 1. Februar in London beteiligen.

*

Reiter aus neun Nationen Frank­reich, Polen, Belgien, Rumänien, Ungarn, der Tschecho-Slowakei, Italien, Schweden und Deusich- land beteiligen sich am Internationalen Turnier vom 27. Januar bis 5. Februar in der Berliner Deutschlandhalle.

Rundfunkprogramm.

Sonntag, 1. Januar.

6 Uhr: Hafenkonzert. 8.10: Evangelische Morgen­feier. 8.50: Rechenschaft und Bekenntnis. Von Gos­win P. Gath. 9: Deutsche Meister. 9.45: Dichter unserer Zeit. Karl Götz: Bei den Rußlanddeutschen in dem nordamerikanischen Staat Süd-Dakota. 10: Kater-Frühstück (Flüssige Melodien"). 10.30: Ruf der Jugend zum neuen Jahr. Gar fröhlich zu singen, so heben wir an... 11: Eng ist das Leben, und weit ist das Land... Hörfolge mit Musik zum 60. Geburtstag des Dichters Erwin Guido Kolben- Heyer (31.12.). 11.30: Affen Kater Möpse. Haustiere" am Neujahrsmorgen. Kurioses aus der Tierwelt. 12: 22 Länder Europas wünschen der Welt ein glückliches neues Jahr. 12.15: Musik am Mittag. 13: Das Mikrofon unterwegs. 13.15: Musik am Mittag (Fortsetzung). 14: Kasperlstunde für groß und klein: 14.30: Sportereignisse des Sonntags. Ein Reigen sorgloser Melodien. 15.30: Das neue Jahr hebt an." Hörfolge mit Musik. 16: Musik zur Unterhaltung. Einlage 17 bis 17.10: Sportereignisse des Sonntags. 18: Volkstum und Heimat. Alemannischer Bauernkalender. 18.30: In froher Runde 'ne halbe Stunde! 19: Der Tag der kleinen Freude. Ein heiterer Vorschlag zurGüte" von Herbert Witt. 19.45: Sportspiegel des Sonn­tags. 20: Nachrichten. 20.10: Das Christelflein. Spieloper. 22: Nachrichten. 22.20: Sportbericht.

Montag, 2. Januar.

6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Wir wollen uns auf unsere Kraft besinnen. Eine Werkfeier zum Jahres­beginn. 9.40: Kleine Ratschläge für den Garten und die Zimmerpflanzen. 11.30: Ruf ins Land. 12: Schloßkonzert I. 13: Nachrichten. 13.15: Schloßkon­zert II. 14: Nachrichten. 14.15: Diel Vergnügen! 15: Für unsere Kinder: Wir basteln einen Kalender für das neue Jahr. 15.30: Jdar-Obersteivsr Edel­steinschleifer in Brasilien. 15.45: Politischer Schein­

werfer. 16: Nachmittagskonzert. Einlage 17 bis 17.10:Weltchronisten, Quacksalber und Propheten." 18: Hier spricht der Jurist: Wenn der Erbhofbauer stirbt. 18.15: Von Terzen, Quinten, Stich und Hieb. 18.30:Wie oft sind wir geschritten." Eine Hörfolge über unsere Kolonien. 19.15. Tagesspiegel. 19.30: Der fröhliche Lautsprecher. 20: Nachrichten. 20.15: Stuttgart spielt auf. Heitere Feierabendmusik. 22: Nachrichten. 22.20: Zwischenmusik. 22.30: Kamerad, wo bist du? 22.45: Nacht- und Tanzmusik. 24 bis 2: Nachtkonzert.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

M., Goethestrahe. Lebte der im Felde gefallene Ehemann im gesetzlichen Güterstand der Verwal­tung und Nutznießung, so wurde er, falls eine letztwillige Verfügung (Testament oder Erbvertrag) nicht vorlag, gesetzlich zur Hälfte von seinen Eltern, sofern diese im Zeitpunkt seines Ablebens noch lebten, zur andern Hälfte von seiner Ehefrau be­erbt, der auch der Hausrat zufiel. Das Kind aus zweiter Ehe hat feine Mutter gesetzlich bis zu 8/< beerbt, während das restliche V« dem Hinterblie­benen Ehegatten zusteht. An dem hinterlassenen Sparguthaben des ersten Ehemannes seiner Mutter ist es daher mit Vs berechtigt. Lebten im Zeitpunkt des Todes des im Felde gefallenen Ehemannes dessen Eltern nicht mehr, so sind gesetzliche Erben der dritten Ordnung die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge geworden; lebte zur Zeit des Erbfalls von den väterlichen oder mütterlichen Großeltern der Großvater oder die Großmutter nicht mehr, so erbt der Ehegatte des Erblassers auch den Teil den Nachlasses, der dem weggefal­lenen Großelternteil beim Erleben des Erbfalls zu­gefallen wäre. Von diesem erhöhten Erbteil der Mutter hätte das überlebende Kind bei gesetzlicher Erbfolge alsdann 3/< geerbt.

Wirtschaft

* Carl Miele in Gütersloh f. Der Gründer der Mielewerke AG. in Gütersloh und Ehrenbürger dieser Stadt, Carl Miele, ist im Alter von 70 Jahren nach einem arbeitsreichen Leben im 40. Jahre der Gründung seines Werkes gestorben. Um den Ausbau des von ihm gegrün­deten Unternehmens und um die wirtschaftliche Förderung seiner Heimat durch die Arbeit seiner Werke hat sich der Verstorbene bleibende Verdienste erworben.

Rhein-Mainische Börse.

Still, aber freundlich.

Fran kfurt a. M., 30. Dez. Entgegen den vorbörslichen Erwartungen zeigte die Börse am Aktienmarkt ein freundliches Gepräge, da vor­wiegend mäßige Käufe erfolgten, während sich die letzttätigen Abgaben im Zusammenhang mit dem Jahresultimo weiter vermindert haben. Die Unter­nehmungslust blieb im ganzen aber noch klein, so daß die Umsätze keinen besonderen Umfang er­reichten, wie auch wieder sehr viele Schwankungs­werte mangels Umsatzes anfangs imnotiert blieben. Im Dunhschnitt Tagen die Erhöhungen bei 0,25 bis 0,50 v. H. Von Maschinenaktien traten Demag nach der gestrigen Schwäche mehr hervor mit 144,25 bis 145 (142,75). Sonst setzten vorerst ein: Reichsbank 186,50 (186), Mannesmann 107,90 (107,25), Verein. Stahl 104,50 (104,25), IG. Farben AEG. mit 113, Zement Heidelberg mit 146,50 und 151 (150,50), Rheinmetall 129,25 (128,75), Metall­gesellschaft 118,25 (118), Feldmühle Papier 117,50 (117,25). Unverändert lagen Hoesch mit 107,50, Scheideanstalt mit 200. Aschaffenburger Zellstoff bröckelten noch 0,25 v. H. oft auf 107,75.

Am Rentenmarkt zeigte sich in Vorwir­kung des großen Zinstermins eher Kaufinteresse. Besonders fest lagen auf den bevorstehenden Kupon- abgang Reichsbahn-VA. mit 125 (124,25); Reichs­altbesitz zogen auf 127,60 (127,40) und im Frei- verkehr Kommunal-Umschuldung bei größeren Um»

sotzen aus 92,40 (92,13) an. Am Einheitsrenten- markt war das Geschäft hingegen noch ziemlich still, auch wiesen die Kurse kaum Veränderungen auf. Allgemein etwas befestigt waren jedoch Liqui- dattonspfandbriefe, Franks. Hyp. 100,50 (100,30), Rheinische 100,50 (100,30), Meininger 100,50 (100,30). Von Stadtanleihen stiegen 1928er Mainz auf 96,50 (96). Industrie-Obligationen waren nahe­zu unverändert, etwas niedriger 5 v. H. Gelsen­kirchen Berg mit 99,90 (100,25). Fest lagen Deko- sama I und II mit 134,65 (133,75) bzw. 150,40 (149,50). Reichsbahn-VA. waren im Verlause mit 125 angeftoten.

3m Freiverkehr wurden genannt: Dingler mit 99 bis 101, (Elfäff. Wolle mit 90 bis 91, Ver­ein. Fränk. Schuh mit 79 bis 81, Katz & Klmnpp mit 92 bis 93. Tagesgeld unverändert 2,75 v. H.

Abendbörfe sehr ruhig.

Auch an der letzten Abendbörfe im Jahre 1938 war das Geschäft mangels Kundschaftsbeteiligung überaus still, so daß sich die Feststellung der Kurse größtenteils ohne Umsatz vollzog. Die festere Grund- ftimmung des Mittagsverkehrs konnte sich jedoch erhalten, was auch in zumeist gut behaupteten No- tierungen zum Ausdruck kam. Geringe Abweichungen hatten nur Buderus mit 105 (104,50), Adlerwerke mit 103,50 (103,25), Demag mit 145,50 (145), Rheinmetall mit 129,50 (129,25) und Metallqesell- ichoft mit 117,90 (118,25). Sonst notierten u. a.: IG.-Farben 150,75, Mannesmann 108,40, Rhein stahl 132,50, Verein. Stahl 104,50, Bemberg 132,75, Deutsche Erdöl 121, Scheideanstalt 200, Licht und Kraft 130,75, Gesfürel 129,75, VDM. 170. Auch Großbankaktien kamen wie mittags zur Notiz, Com­merzbank 111,50, Deutsche Bank 115,50, Dresdner Bank 107,75, ferner Effektenbank mit 86. Von Ren- ten stellten sich 5proz. Gelsenkirchen Berg 0,50 v. H. hoher auf 100,40, 6proz. JG.-Farben auf unv. 117,25, ebenso im F.eiverkehr Kommunal-Umschul- düng auf 92,40.

Die Gilvesterpfannkuchen.

Von Christine Großmann

Bei Schmidts war es Traditton, in einige der Pfannkuchen zu Silvester kleine Zettelchen mit sin­nigen Derschen zu stopfen. Früher hatte Vater Schmidt mit seiner safttgen, manchmal etwas der­ben Komik diese Derschen zusammengestottert jetzt aber war Ilse erwachsen genug, daß sie zum ersten Male den Versuch wagen wollte, sich dichte­risch zu betätigen. Außerdem gab es einen zweiten, für Ilse ungemein wichtigen Grund, in diesem Jahr die Zettelchen und ihre Beschriftung zu übernehmen. Für die Feier hatten Schmidts nämlich einige Be­kannte eingeladen, darunter Hans und Peter, zwei junge Studenten, die Ilse verehrten, vielleicht sogar liebten. Es war nun so, daß Ilse eigentlich nicht recht wußte welchen von beiden sie lieber mochte der wichtige Grund also: das Schicksal sollte ent­scheiden!

Bei der Arbeit des Versemachens kamen Ilse aller­dings Zweifel an ihrer dichterischen Begabung; aber dies Problem war schnell überwunden... Wozu gab es einen Wilhelm Busch, einen Ringel- natz, den unbekannten Dichter Hieronymus Silvester und den Zitatenschatz! Fein säuberlich schichtete sie die elf Zettelchen übereinander, jeder mußte natür­lich einen bekommen, es kam nur darauf an, wer den richtigen bekam und Ilse zweifelte nicht im mindesten an der Macht ihres Orakels.

So kam der Silvesterabend heran. Der Punsch dampfte aus der sehr beachtlichen Terrine, die elf bewußten Pfannkuchen lagen etwas vereinsamt auf einer Extraschüssel, Vater Schmidt begutachtete noch einmal das Arrangement der Papierfcblangen, Knallbonbons und kleinen, heiteren Sächelchen (die Streichholzschachtel mit der Maus, den quietschen­den Bierfilz, die Knallerbsen usw.) es war alles in bester Ordnung, die Gästen konnten kommen.

Als erste erschien Tante Milchen, Vaters unver­heiratete Schwester, die nicht nur als Erbtante, sondern auch des Schmidtchens Humor wegen be­liebt war. Dann betrat lärmend und seideknisternd Familie Kaminski das Zimmer, bestehend aus Va­ter, Mutter und besagtem Sohn Hans, stud. med. Ilses Freundin Hertha kam mit ihrem Bruder Pe­ter, stud. phil., und als letzte folgte ihnen das junge Ehepaar Grieftr.

Die Bgrüßung war vorüber, man wartete auf das große Silvester-Amüsement. Gibt es etwas Groteskeres, als eine Reihe ernsthafter Leute, die sich mit dem festen Vorsatz: ,^)eute wollen mir aber

mal lustig fein!* in einem jahrmarktmäßig heraus­geputzten Zimmer zwanglos gruppieren?! Und gibt es etwas Komischeres, als zu sehen, wie ernsthaft diese Leute auf ihrem Vorsatz zu beharren gesinnt sind?! Vater Schmidt ging scbmunzelnd herum er und seine Schwester Milcyen waren wohl die einzigen, die nicht nur am Silvesterabend lustig waren und setzte jedem einen dieser bunten, leicht blödsinnigen Hütchen auf, die selbst aus dem seriöse­sten Mann eine Karikatur machen. Programm­gemäß folgte auf dieseEinkleidung" der erste Heiterkeitsausbruch. Vater Kaminski schritt männlich aufrecht zum Tisch, spießte einen der Pfannkuchen auf den Zeigesinger und sah sich triumphierend im Kreise um, wobei er als sein bestes Publikum in eine drohende LachL ausbrad). Ilse lachte mit, denn es war keiner von' den bewußten elf.

Es ging lustig zu bei Schmidts, die junge Frau Grieser konnte die gayzen Register ihrer Angst auf­ziehen, als ihr aus der Streichholzschachtel die kleine Gummimaus entgegensprang und Mutter Schmidt setzte sich mit Todesverachtung auf den quietschenden Bierfilz, was alles sehr erheblich zur allgemeinen Heiterkeit beitrug. Als man endlich feststellte, daß nur noch eine Stunde bis zum Anbruch des neuen Jahres fehlte, hatten alle, einschließlich Tante Mil­chen, einen Schwips. Ilse saß selig, aber mit eini­gem Bangen zwischen Hans und Peter, und wußte noch immer nicht, welchen sie lieber mochte. Der Punsch hatte sie überdies so leichtfertig gemacht, daß sie glaubte, eine Entscheidung für einen wäre überhaupt Unsinn! Weshalb nicht beide? Wo dock) beide so nett waren!

Aber Vater Schmidt wollte endlich mit der Tra­dition zu Rande kommen und verkündete in nicht sehr gutem Schriftdeutsch, daß diese elf Pfannkuchen und so, na, und jeder sollte sich eben einen nehmen, dann würde man ja sehen! Jeder langte sich also einen Pfannkuchen von der Extraschüssel, obwohl keiner mehr Appetit auf Pfannkuchen hatte, über­flüssig zu sagen, daß Vater Kaminski den {einigen mit dem Finger aufspießte, wobei er in eine dröh­nende Lache ausbrach. Dafür durfte er auch als erster feinen Vers vorlesen, was er gern und mit lauter Stimme tat:

Humor ist eine zarte Pflanze, die man behutsam pflegen muß!"

Alles lachte, und Vater Kaminski lachte am laute­sten, denn er verstand den Sinn nur so weit, als es seine Eitelkeit zuließ. Als nächste verkündete Tante Milchen frei nach Wilhelm Busch, Enthalt­samkeit sei das Vergnügen in Dingen, welche wir nicht kriegen. Die gute alte Tante war fast gerührt.

daß man aus ihrem unglücklichen Leben sogar etwas wie eine philosophische Weisheit machen konnte und gab das Wort an Mutter Kaminski weiter, die mit gräßlich falscher Betonung beteuerte, daß es nur ein einziges böses Weib auf dieser Welt gäbe ...nur schlimm, daß jeder seins für dieses Böse hält!" Dies wäre fast zu einer Klippe der ausqebrochenen Fröh­lichkeit geworden, denn Mutter Kaminski war ein bißchen empfindlich; aber Vater Kaminski betonte ausdrücklich, daß er nie gemeint hätte ... das käme überhaupt nicht in Frage! Und man glaubte ihm.

So las einer nach dem andern seinen Vers, dis nur noch vier übrig waren. Ilse beugte sich atem­los vor, denn jetzt griff Peter nach seinem Zettel und las:Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der liebel größtes aber ist die Schule." Hans brüllte los.Na, mein Lieber, da würde ich doch lieber von der Philologie umfatteln!" aber er hätte nicht so laut lachen sollen, denn jetzt ging die Heiterkeit auf feine Kosten:Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es könnt geladen sein!"Und das einem Medi­ziner!" schmetterte ihm Peter boshaft entgegen. Der Zufall war witzig genug gewesen, jedem etwas Passendes zu bescheren; aber Ilse war ärgerlich, sie hatte sich die Verteilung so ganz anders vorgestellt wer tonnte nur den bewußten Zettel haben, auf den es ankam. Aber da las Vater Schmidt schon mit genußreichem Schmunzeln:

Wenn du mich liebst, dann sag es mir!

Wenn du mich liebst, dann küß mich hier!"

Pa, dann komm mal her, mein Herz", meinte er und küßte seine Tochter lachend auf den Mund, da­bei flüsterte er ihr so laut ins Ohr, daß alle es hören konnten:Reingefallep!" Ilse wurde knallrot und lief aus dem Zimmer. Als sie nach ein paar Minuten wieder erschien, waren drei Dinge ge­schehen. Erstens: hatte Ilse sich vorgenommen, im nächsten Jahr mit der Pfannkuchen-Verschen-Tradi- tion zu brechen, zweitens: war der letzte Zettel ver­schwunden Ilse batte ihn unterschlagen und drittens: zeigte die Uhr auf 12. Die Gläser klangen, von der Straße herauf töntenProft-Neujahr"-Nuse und das Knallen der kleinen Feuerwerkskörper, und auf jedem Platz lag ein zerkrümelter Pfannkuchen.

Der verschwundene Vers aber war ein einge» schmuggeltes Erzeugnis von Vater Schmidts be­währter Dichtkunst und zeigte, daß Vater manchmal viel schlauer sind als ihre Töchter. Er hicß:

.Meine Mädchen wünschen viel.

Manchmal ist ein Kuß das Ziel.

Liebes Mädchen, merke dir, Hans und Peter sind erst für viel später!"

Vom Eilvester-punsch.

Im Jahre des Herrn 1690 erschien zu London ein BuchReisebericht aus Ostindien und Persien", in dem ein^ vielerfahrener Reisender namens Fryar von den Sitten und Gebräuchen in jenen fernen Ländern erzählte. An dieser Reisebeschreibung in­teressieren uns heute weniger die Wunder' und Herrlichkeiten der Natur, die hier beschrieben sind, als seine Mitteilung über ein neues Getränk für alle fröhlich Silvester Feiernden. Fryar teilte näm- Uch den Briten, die für alkoholische Neuigkeiten sehr empfänglich waren, ein Getränk mit, das in den ostindischen Kolonien aufgekommen war. Es bestand aus fünf Stoffen und hatte daher feinen Namen nach dem indischen Wort für die Zahl 5, nämlichPantscha", erhalten.

Es war der Punsch, der auf diese Weise seinen Einzug in Europa hielt. Bald hatten die Eng­länder eine große Geschicklichkeit darin erlangt, die fünf Elemente des feurigen Trankes richtig zu mischen: eine Säure (Zitronensaft), eine Süßigkeit (Zucker), ein Gewürz, eine geistige Flüssigkeit (Rum, Arrac, Cognac usw.) und als fünftes Wasser, mußten dabei sein. Der Punsch fand bald seinen Weg nach dem Kontinent; aber zunächst gewannen ihm nur die Holländer, die ebenfalls über ausgepichte Kehlen verfügten, densteifen Magenwärmer" Geschmack ab.

3n Deutschland mußte erst ein trinkfester Herr kommen, der das Punschtrinken einführte, und der land sich erst im alten Dessauer, der nach der Melo­die feines LeibliedesSo leben wir ..die Saufkomvagnien" nicht verschmähte. Er brachte den Punsch ins Tabakskollegium des Soldaten­königs Friedrich Wilhelm, in dem holländische Sitten überhaupt bevorzugt wurden.

Der berühmteste Sänger des Punsches ist Schil­ler geworden. In seinem bekannten Punschlied ver- fterrlicht er aber nur vier Elemente, da den Deut­schen die bei den Engländern so beliebte Gewürz­zutat nicht zusagte. Auch die Romantik ließ bei geistreichen Reden fröhlich die Punschgläser er­klingen, und noch in den vierziger Jahren wurde in geselligen Zirkeln hauptsächlich Punsch ge­trunken. Die ausgelaufenen Geister bunter Phan­tastik, die aus dem Dampf der Punschterrine auf­steigen und die Gemüter mit feurigen Visionen umnebeln, treiben besonders in den Erzählungen E. T. A. Hoffmanns ihren Spuk, und von ihm wurde der Trank auch zum eigcnN-cfr-' Silvester- getränt erhoben, als das c. ,:i.) : in unsere Zeit e.rhalten hat.