Nr. Z06 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 3s. Dezember 1938
Einheimische Künstler erzählen von ihrer Arbeit.
Kleiner Gtreifzug durch Maler- und Bildhauer-Werkstätten am Jahresende.
Wir haben zum Jahresende einen kleinen Spaziergang durch einige Stätten der Kunst gemacht, haben die Ateliers etlicher einheimischer Maler und Bildhauer ausgesucht und uns mit der Leica und im Gespräch ein wenig darin umgetan. Wir wollten, statt einer feierlichen Bestandsaufnahme am Ultimo, für diesmal nur Bilder betrachten und uns dabei erzählen lassen von der Arbeit des einzelnen, von Plänen und Aufgaben, von Aussichten und Eindrücken Einiges von dem, was wir von diesem Nundgange mitgebracht haben, sollen die folgenden Zeilen und Bilder festhalten. Vielleicht wird der eine oder andere Leser davon angeregt, einen solchen Besuch auf eigene Faust zu wiederholen: wir sind gewiß, daß er überall freundlich willkommen geheißen wird. Das Verhältnis zum Künstler und zum Kunstwerk wird nirgends unmittelbarer und persönlicher sein als da, wo der Künstler schafft, wo das Wunder des Werkes Wirklichkeit wird.
Das Häuschen liegt oberhalb der Stadt Laubach im Walde. Wir steigen das letzte Stück zu Fuß hinauf. Die weichen Linien der Landschaft beginnen sich schon im sinkenden Licht des Dezembertages zu verwischen. Drinnen empfängt uns wohltuende Wärme, herzliche Gastbereitschaft und, so- gleich spürbar, die geistige Atmosphäre des Hauses, doppelt gespeist aus den beiden Kraftfeldern künstlerischen Schaffens, die hier, abseits vom Lärm der
Hagenauer: Schwälmer Bauer. (Aufn.: Dr. F. Klein.)
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Klipstein: Selbstbildnis, Radierung.
Welt, beheimatet sind: denn nächst dem Maler und Radierer Felix Kl t pst ein dürfen wir auch der Dame des Hauses unsere Aufwartung machen, Frau Editha Klipstein, deren Roman „Anna Linde" vor einiger Zeit erschien; sie erzählt uns von einer kürzlich unternommenen Reise in die Schweiz, von einem Besuch in Schloß Muzot, Rilkes Name taucht auf und erfüllt für Minuten den Raum ... dann beschäftigen uns Felix Klipsteins Arbeiten in Werkstatt und Wohnraum. Auf der Staffelei steht ein nahezu vollendetes, sehr lebendiges Selbstporträt, im Nebenzimmer eine feine Büste des Hausherrn vom Bildhauer Bourcarde. Viele Blätter gehen durch unsere Hand, bekannte und noch unbekannte, und während wir ein paar besonders charakteristische Stücke photographieren, springt das Gespräch lebhaft hin und her. Wir hören, daß Klipstein einige Bilder an das Luftfahrtministerium verkauft hat; wir halten auch einmal den schweren Holzstock mit dem Laubacher Stadtbilde in der Hand, ein Stück unendlich mühevoller, unendlich liebevoller Arbeit, und es ist von merkwürdigem Reiz, diese Holzplatte mit dem davon gewonnenen Blatt zu vergleichen, das unweit an der Wand hängt. Zuletzt, ehe wir gehen müssen, blättern wir in der spanischen Mappe, versinken im Anblick dieser unerhört lebendigen Augenblickseindrücke einer Studienreise von 1909, ganz weich, knapp und fließend hingewischt mit Kreide, und Klipstein erzählt uns dazu vom spanischen Volksleben, von Musik und Kneipen und Stieren und Toreros, eine ferne, farbige Welt taucht vor uns auf, während ein Blick durchs Fenster eben noch die in winterlicher Dämmerung zerfließenden Umrisse der vertrauten Landschaft erfaßt und im Grunde die weihnachtlichen Lichter der Stadt.
Herr Hagenauer, den wir in seinem Atelier im Liebig-Bau aufsuchen, ist eben von Willingshausen zurückgekommen. An den Wänden hängen Bauernbilder und Landschaften aus der Schwalm, die dort im Auftrage einer Behörde entstanden sind. Für Hagenauer, der aus dem Allgäu stammt und die Schwalm noch nicht kannte, war die Willingshäuser Landschaft ein ganz neuer und starker malerischer Reiz. Er hat dort Bantzer kennengelernt und dos Malerstübchen, und er gehört nun auch zu der jüngeren Generation, die in der stillen Kolonie an eine ehrwürdige Tradition anknüpft. Der Auftrag hat ihm die Möglichkeit verschafft, „endlich einmal unbekümmert drauflos malen zu können". Uebri- gens wendet er sich mit Nachdruck gegen die verbreitete, aber falsche Auffassung, daß der Künstler nur dann wirklich etwas leisten könne, wenn die Sorge um den nächsten Tag oder die nackte Not hinter ihm stehen. Die Bauern dort in der Schwalm, erzählt Hagenauer, nehmen das Malen als Beruf ernst, und er seinerseits will in seinen Bildern das Wesentliche und Ursprüngliche im Bauerntum gestalten — nicht „das Sonntägliche". Das zwingt zu möglichster Sparsamkeit und Vereinfachung. Und die Bauernbilder und die Landschaften, die wir hier sehen, lassen den nahezu unerschöpflichen Reichtum malerischer Motive wieder einmal erkennen, den die Schwalm bietet, und bestätigen auch die eben entwickelte Auffassung in der großzügigen Klarheit
Ködding an einem Relief-Modell.
der Farben und Formen, in der strengen Festigkeit der Konturen. — Neben den Willingshäuser Arbeiten möchten wir noch eine kleine Vorarlberg- Landschaft aus früherer Zeit sesthalten und ein Mutter-Bildnis, das zu den schönsten und menschlich reifsten Leistungen in diesem Atelier gehört.
Noch ehe wir das patrizisch weiträumige Haus an der Marburger Straße betreten, werden wir am Eingang von den schwarzen Scotch-Terriern Narr und Nobel mit Schnuppern und Schwanzwedeln freundlich in Empfang genommen. Bevor wir ins Allerheiligste hinaufstei- getz, stehen wir im Erdgeschoß vor einer prachtvoll farbigen, tief gegliederten Landschaft mit dem Gleiberg im Hintergrund. Es ist ein Lieblingsmo- tiv von M u e ll er-L e u- tert und gewiß eines seiner vollkommensten Bilder. Im Atelier herrscht das typische, pikante Werkstatt-Aroma, in dem sich der Duft von Oelfarbe, Terpentin und Zigaretten mischt, und man empfindet sogleich den Reiz eines solchen Besuches im Atelier, die intimere Atmosphäre, die keine Ausstellung zu geben vermag. Indem wir nach dem lockendsten Ziel für die Leica suchen, haben wir
Mueller-Leutert: Ostsee-Landschaft.
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Muße genug, uns umzusehen, einen Stoß graphischer Blätter durchzumustern, uns zwischendurch die reizende kleine Weihnachtsgeschichte eines in höchst kultivierten Farben gemalten Stillebens erzählen zu lassen, um schließlich zum Mittel- und Blickpunkt des Reimes zurückzukehren: das ist eine weit aus- schwingende Küstenlandschaft, späte Frucht der Studienfahrt an der Ostsee .. Es hilft nichts, sie wird von der Staffelei hinunter in den dezemberlich kühlen Garten geschleppt, wo sich ein von Fachausdrücken strotzender Dialog der Leica-Spezialisten entspinnt, indes der in solchen Fragen ahnungslose Kunstbetrachter beschämt beiseite steht; auch Narr und Nobel wedeln nur freundlich von ferne ... Hernach sitzen wir drinnen gemütlich, wärmen uns auf und lassen uns von Willingshausen erzählen, wo Mueller-Leutert im letzten Sommer im Thiel- mann-Haus gewohnt und gearbeitet hat ... das meiste sind Skizzen, die „richtigen" Bilder sind, wie bei den Küstenlandschaften, erst nach ein oder zwei Jahren reif. Die acht Wochen abseits vom Lärm der Welt, in der lieblichen Landschaft der Schwalm, werden noch ihre Früchte tragen; übrigens ist Muel- ler-Leutert dort ins Malerstübchen ausgenommen worden, dem der eben preisgekrönte Altmeister Bantzer präsidiert; das ist eine hohe Auszeichnung ... immer noch Bilder, immer noch Photos, das Gespräch zieht weite Kreise, heiter und ernsthaft... „lieber Malerei kann man nicht sprechen", diesen Satz des Hausherrn wollen wir festhalten; es lohnt sich, darüber nachzudenken.
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Kröll mit dem Zeichenblock.
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Holzbildhauerei, und wir sehen, daß man nicht nuck Vollfiguren aus dem Holz herausholen kann, fon* bern auch reliefmäßig wirkende flächige Arbeiten: wie die vierzehn großen holzgeschnitzten Städten wappen, an denen Baurcarde eben in behördlichem Auftrage arbeitet, und die als Wandschmuck für ein Wirtschaftsgebäude gedacht sind. Wir lassen uns hernach in der Werkstatt die Technik erklären und sehen zu, wie mit dem scharfen dreikantigen Werkzeug, das „Geißfuß" genannt wird, ein Stück der vorgezeichneten Kontur aus der Holzplatte herausgegraben wird. Der dominierende Eindruck in der Werkstatt geht von dem überlebensgroßen Modell zu einem Kriegerdenkmal aus. Die ernfte, schlichte Gestalt entspricht der Würde eines Ehren-» males für die Gefallenen. Es ist nicht ganz einfach, eine Teilaufnahme von der monumentalen Figur zu erhalten, wir müssen auf Leitern turnen und ein Gerüst bauen, um unfern kleinen Scheinwerfer richtig in Stellung zu bringen... Ehe wir uns veri abschieden, tun wir noch einen Blick ringsum und erleben ein stilles Wiedersehen mit einigen der besten älteren Arbeiten Bourcarde s, den Porträtbüsten seiner Frau und seines Vaters und der wundervollen Totenmaske des früh verstorbenen Malers H. E. Kleine. —
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Lotte Droefe vor einem Studienblatt.
Während wir die Kamera einrichten, steht die Malerin vor einer großen Zeichnung, einer Figurengruppe Mutter mit Kind, und zieht mit weicher Kohle ein paar Konturen nach: es ist ein Studienblatt zu dem großen Bilde in der Weihnachts-Ausstellung, von dem kürzlich die Rede war; dieses Bild ist als Mittelftück eines Triptychons gedacht, und das Triptychon bildet wieder ein Bindeglied in dem großen Motivkreise, den Lotte Droefe gestalten will: das ganze Leben der Frau darzuftel- len in einer Folge figürlicher Kompositionen. Das ist schöner, ein ewig menschlicher und nie veraltender Gegenstand, vielleicht besonders anziehend für eine Malerin, deren Formensprache auf große, freskenhafte Wirkungen zielt. Wir wünschen Fräulein Droefe einmal eine Ausgabe, welche den Raum und die Wandflächen lieferte, solche Ideen zu verwirklichen. Ansätze dazu sind schon vorhanden, und es sollen immer neue Entwürfe entstehen, das Thema im einzelnen zu studieren und durchzuarbeiten. Die Künstlerin hat kürzlich einen Auftrag erhalten, der ihren malerischen Ideen entgegenkömmt und für eine weibliche Hand besonders geeignet scheint ... Später steht die Malerin am Erkerfenster der Atelierwohnung, von wo man einen schönen Blick zum Philosophenwald hat. Wir stöbern derweil ein wenig in der kleinen Bibliothek, die seitlich im Erker ihren Platz hat; da gibt es de Coster und Grimmelshausen,' die Lagerlof und Hamsun, Fontane und Jacobsen, und wir finden, daß diese Bücher auf eine charaktervolle Weise zu den Bildern.stimmen, die man hier sieht, Figuren und Porträts, ^Landschaften und Stilleben, lieber Bücher und Bilder, Theater und Film kehrt unser Gespräch zum Ausgangspunkt zurück, zu den für die Zukunft geplanten Entwürfen; und der lebendige Schaffensimpuls, der aus den Projekten spürbar wird, ist der letzte Eindruck, den wir von diesem Besuch mit heimnehmen.
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Hinter dem Umspannwerk, auf halbem Wege Zwischen Gießen und Gleiberg, lassen wir den Wagen stehen und machen uns seitlich in die Felder. Die Landschaft ringsum ist weiß verschneit; am Waldrand drüben hoppeln die Hasen. Herr Bourcarde kommt uns im Schneetreiben entgegen; nun sind wir oben und treten ins Haus. Das Haus ist das merkwürdigste weit und breit: es war früher mal ein O-Zugwagen und es gibt drinnen eine gemütliche Ecke mit Zweiter- Klasfe-Polstern. Seltener Genuß, darauf zu sitzen. Hanne, die jüngste Tochter des Hauses, zwei Jahre alt und etwas, erzählt uns eine lange Geschichte, bis wir uns auf den eigentlichen Zweck unseres Besuches besinnen und uns von Herrn Bourcarde berichten lassen, was ihn gegenwärtig beschäftigt.
Seine Spezialität ist bi»
Das Atelier liegt im Dachstock des Liebig-Baues« Man hat da oben einen schönen freien Blick über die Stadt. Der Raum ist groß, hell und gemütlich.
Mussolini-Büste von Güngerich. (Ausnahmen |7J: H. L. Neuner.)
Nachdem Herr Kroll uns willkommen geheißen hat, sehen wir uns, neugierig wie wir sind, ein bißchen um und entdecken allerlei Maler-Hausrat, der der Werkstatt ihr eigentümliches Gesicht gibt: eine Schwarzwälder Uhr, einen exotischen Spitzhut aus Borneo, einen Totenkopf und einen Negerdolch aus Afrika, Stahlhelme und Masken, Tabakspfeife und Bücher, Kaktus und Grammophon. Aber die
Bourcarde bei der Arbeit an einem Modell«


