Männer Hinterm Steuerknüppel.
Ilugmillionäre und Ozeanüberquerer. — Don den Piloten der Lufthansa.
Der „Condor"-Flug und der große amerikanische Film „Werkpilot", dessen Erstausführung für Deutschland wir vor kurzem in Berlin erlebten, haben wieder einmal die Aufmerksamkeit auf öle gewaltigen Fortschritte gelenkt, die unsere Verkehrsluftfahrt in zwei Jahrzehnten genommen hat. Einen großen Anteil daran haben die Männer hinterm Steuerknüppel: die Piloten der Lufthansa.
Wie alt ist eigentlich unsere Derkehrsfliegerei? Bei den riesenhaften Fortschritten, die sie genommen hat, bei der Selbstverständlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit, mit der sie heute Kontinente und Ozeane überquert und das Reisen in der Luft zu einem Gipfel der Bequemlichkeit macht, scheint man es manchmal zu vergessen. Sie ist noch keine 20 Jahre alt. Und wie hat sie begonnen!
Son 1919 bis- 1938.
Die ersten Verkehrsmaschinen des Jahres 1919 waren umgebaute Kriegsflugzeuge. Ihre Sitze waren offen, und die Wagehälse, die sich ihnen anvertrauten, wurden, da es immerhin ein bißchen zog dort oben, liebenswürdigerweise in warme Pelze eingehüllt. Als kurz darauf Junkers die erste geschlossene Verkehrsmaschine herausbrachte, die F 13, wurde sie auf der ganzen Welt wie ein Wunder bestaunt. Eben weil sie eine geschlossene Kabine hatte. Die Höchstgeschwindigkeit dieser Maschinen lag zwischen 100 und 130 km. Die Höchstzahl der Passagiere betrug drei bis vier. Die erste Strecke führte von Berlin nach Weimar. 1923 flog man zum erstenmal nach London. Es war die längste Strecke: 1000 km in 9% Stunden. So sahen die Anfänge der Lufthansa aus.
Und heute? Die Ju 90 befördert 40 Fluggäste bei einer Reisegeschwindigkeit von 320 km, die „Condor" 26 bei einer Geschwindigkeit von 360 km. Die längste Strecke der Lufthansa führt von Berlin nach Santiago de Chile, 15 300 km. Sie werden in vier Tagen zurückgelegt. Es ist die schnellste.Fernstrecke der Welt. Eine andere Fernstrecke, Berlin—Bagdad, wird in einem 24stündigen Tag- und Nachtflug bewältigt.
Männer, die nicht viel reden.
Diese Fortschritte verdanken wir zu einem großen Teil der Vervollkommnung der technischen Mittel, den verbesserten Maschinen und Geräten, die die Industrie in langsamem Aufstieg entwickelt hat. Aber da alle Verbesserungen im Grunde nur aus der Praxis kommen, und zumal in der Luftfahrt, so wären alle diese Fortschritte nicht denkbar gewesen ohne den rückhaltlosen Einsatz des Menschen. Ohne die Piloten, Funker und Maschinisten, die die Neuerungen erprobt oder in vielen Versuchsflügen angebahnt haben, die immer weiter in den Luftraum vorgestoßen sind. Jeder von ihnen ist auf seine Art ein Pionier gewesen. Nur vermeldet es niemand. Und sie selber am wenigsten.
Es ist nichts schwerer, als von einem Piloten ein interessantes Erlebnis, irgendeine besondere Tat aus seiner Praxis zu erfahren. Und dabei weiß man, daß sie eine Million oder sogar zwei Mil- lionenFlugkilometer hinter sich haben. Daß einer den Südatlantik hundertmal überquert hat, ein anderer 800 000 Nachtflugkilometer hinter sich hat, und zwar von den Anfängen her, wo es noch keine Blindfluginstreumente und keine Funkpeilung gab, und das Gelingen eines jeden Nachtfluges allein von der Erfahrung, der Geschicklichkeit und den Nerven des Piloten abhing. All das und noch vieles andere weiß man. Aber ein interessantes Erlebnis? „Nö. Nicht, daß ich wüßte ..." Sie zucken die Schultern und schauen einen an, als hätten sie ihr ganzes Leben hinter dem Ofen verbracht. Was soll man bloß Interessantes erlebt haben? „Ich habe vor Jahren mal im Nebel die Antenne vom Funkturm in Witzleben abgerissen", meint einer. „Aber es war weiter nischt dabei."
Ja, dessen erinnert man sich. Und auch des verzweifelten Funkdirektors, der, als er von dem Zwi
schenfall erfuhrt, Stein und Bein schwor, daß seine Antenne nicht abzureißen wäre und ein Flugzeug eher darin hängen bliebe. Es müßte unbedingt ein Irrtum vorliegen ... Nein, es ist nicht viel aus diesen Männern herauszubringen. Denn sie reden nicht viel. Sie handeln.
Ein Südatlantik-Erlebnis.
Aber doch kennt man das eine oder andere, das ihre Art charakterisiert. Da ist z. B. jener 87. planmäßige Flug über den Südatlantik gewesen. Als das Flugzeug die südamerikanische Küste schon einige Stunden hinter sich hatte, entdeckte die. Besatzung, daß der Kühler des linken Motors leckte. Der Flugzeugführer, der an die ihm anvertraute Post dachte — er hatte 70 000 Briefe an Bord, die pünktlich in Europa sein sollten —, rechnete aus, daß er sich, wenn er zurückflog, heillos verspäten mußte, daß aber, wenn er durchflog und das Katapultschiff an der afrikanischen Küste funkentelegraphisch benachrichtigte, die Verspätung längst nicht so groß fein würde. Und so flog er, da gutes Wetter auf dem Atlantik herrschte, durch. Der linke Motor arbeitete
Gefährliche Reise um die Welt im Segelboot.
In Venedig kamen kürzlich der deutsche Schriftsteller Roderich M a s f e l d t und seine Frau Katharina, eine Malerin, im Segelboot an, um hier eine Woche Rast zu machen und dann die beabsichtigte Reise um die Welt fortzusetzen. Schon der erste Teil ihrer Fahrt hat ihnen recht gefährliche Abenteuer gebracht, durch die sie sich aber nicht haben entmutigen lassen. Vor zwei Jahren war das Ehepaar an Bord eines winzigen Segelbootes von 5 Meter Länge, das sie selbst erbaut hatten, von Deutschland abgefahren und längs der französischen und spanischen Küste nach Marokko gekommen, um dann an der ganzen nordafrikanischen Küste entlang zu segeln. Bis dahin war es zwar ein mühseliges Beginnen gewesen, aber es war ohne große Zwischenfälle abgegangen. Die beiden fuhren weiter an Aegypten, Palästina und Syrien entlang, dann längs der Küste Kleinasiens nach Kreta, und in diesen Gewässern, in
noch eine Stunde, dann stellte man ihn ab und flog, nachdem man die Maschine durch Ablassen von Benzin entlastet hatte, mit dem rechten Motor noch 4/4 Stunden weiter, bis das Benzin gänzlich zu Ende war. Dann wasserte man mitten auf dem Atlantik und wartete zwei Tage, bis das Katapult- schisf kam und alle an Bord nahm. Die Post erlitt auf diese Weise tatsächlich nur zwei Tage Verspätung: die längste übrigens, die jemals auf einem der Postflüge eingetreten ist.
375mal ist der Südatlantik bisher in regelmäßigem Dienst überquert worden, und nur einmal, vor Jahren, hat sich ein Mißgeschick habet ereignet. Eine Maschine, die an der Küste gestartet war, kehrte nicht mehr wieder. Und es wurde auch nie wieder, trotz eifrigen Suchens, eine Spur von ihr entdeckt. Sie blieb verschollen.
Und nun kommt das Merkwürdige. Genau in der gleichen Woche traf die Air France, mit der zusammen die Lufthansa die Strecke befliegt, dasselbe Mißgeschick. Auch eine ihrer Maschinen stieg auf und kam nicht wieder. Auch sie blieb spurlos verschollen. Duplizität der Ereignisse?
In dem Nachruf, den die französische Gesellschaft den verschwundenen Fliegern widmete, stand der schöne und in seiner Kürze ergreifende Satz: „Disparu dans le ciel de la gloire.“
Sie sind verschwunden im Himmel des Ruhms.
J. R. Schmidt
denen plötzlich furchtbare Stürme auftraten, erlitten sie Schiffbruch und konnten sich nur mit Mühe retten, verloren dabei jedoch ihr Segelboot. Als das Ehepaar nach Europa zurückkehrte, hatte es das unverhoffte Glück, eine Hilfe vom Lloyd in Trieft zu erlangen, der ihm ein Rettungsboot schenkte. Das Boot wurde hergerichtet, daß es sich für lange Segelfahrten eignet, und so nahmen die Masfeldts ihre abenteuerliche Reise vor kurzem in Triest wieder auf. Ihre erste Station war Venedig; von hier wollen sie nach Messina, dann wieder zur Küste Afrikas fahren, um die ganze Westküste herunterzusegeln.
Oer Gelbe Fluß in Oberbayern.
Die Sorge um den Gelben Fluß, dessen Ueber- schwemmungen die strategischen Pläne im ostasiati- fchen Krieg entscheidend beinflußten, ist, was wenige wissen werden, auch eine Sorge der deutschen Wasserbauingenieure gewesen. Im Obernachtal zwischen Walchensee und Mittenwald, also in einer unserer schönsten oberbayerischen Landschaften, unterhält das Forschungsinstitut für Wasserbau und Wasserkraft
ein eigenes Freigelände. Vor einigen Jahren erging an dieses Forschungsinstitut der Auftrag der chinesischen Regierung, ein Sachverständigen-Gutachten aufzustellen und nach China mitzuteilen, inwieweit es möglich wäre, den Hoang-Ho (Gelben Fluß) zu regulieren und die ungeheure Schlammflut zu bändigen, welche der Strom dahinzuwälzen pflegt.
Mit deutscher Gründlichkeit hat man sich damals an die Bearbeitung des für die chinesische Volkswirtschaft lebenswichtigen Probsems gemacht und zu diesem Zweck im erwähnten Freigelände gleichsam ein Miniaturmodell des Gelben-Flusses auf einer Sänge-oon 1 50 Meter hergestellt. Es entsprach in seinen Windungen, Hemmungen und Abläufen naturgetreu — wenn auch im Kleinen — jenem großen Strom, der wieder einmal Chinas Schicksal bestimmt. Das deutsche Gutachten ging davon aus, daß nicht der Gelbe Fluß selber, sondern die Art, wie er Sand und Schlamm vor sich herführt und aufhäuft, die unmittelbare Gefahrenquelle ist. Das Gutachten gab genau an, wie es möglich fein müßte, durch geeignete Anlage von Dämmen und Deichen den Fluß zu zwingen, statt einer Erhöhung feines Flußbettes auf einer Länge von Hunderten von Kilometern eine Vertiefung herbeizuführen.
Deutsche Ingenieure legten mit allen Einzelheiten dar, daß man. so den Fluß zum Segen des Landes bändigen könne. Daß die deutschen Vorschläge im Entwurf stecken blieben, liegt an den politischen Verhältnissen Ostasiens. Was von hier aus geschehen konnte, die Flußverhältnisse zu bessern, ist geschehen. Das zeigte sich, als nach langen Versuchen der Gelbe Fluß — en miniature — in den Oberbayerischen Bergen so dahinfloß, wie er es im Sinne des Gutachtens auch im großen tun müßte. —ert.
Vorsicht! Helft Unfälle verhüten!
Bei Näharbeiten nahm ein weiblicher Lehrling Stecknadeln zwischen die Lippen und verschluckte einige Nadeln beim tiefen Atemholen, so daß ein operativer Eingriff erforderlich war. Ein Zögling reinigte sich mit einer Nähnadel (!) hie Zähne, mußte husten unb verschluckte die Nähnadel, die gleichfalls operativ entfernt werden mußte. Ein SchuhmacherlehrUng nahm zur Ausführung einer Arbeit mehrere Eisennägel in den Mund, von denen er beim Sprechen drei verschluckte. Bei der Durchleuchtung wurden-diese im Darm gefunden.
Ein Klempner war mit Ausbesserungen an Roll, lädenverkleidungen beschäftigt. Durch Verrutschen her an ein Fensterkreuz gelehnten Leiter stürzte er aus 8 Meter Höhe auf hie Erde und blieb tot liegen. Eine Schwester benutzte eine kurze Stehleiter, um die Oelwand unmittelbar unter einer Zimmerdecke zu reinigen. Von her obersten Sprosse stürzte sie ab unb wurde später, in einer Blutlache liegend, tot aufgefunden. Ein Elektriker benutzte eine Stehleiter, die er, zusammengeklappt, an die Wand lehnte. Die Leiter rutschte ab, und er verletzte sich Fuß- und Handgelenke.
Ein Anstreicher wallte durch die Schachtöffnung eines Speiseaufzuges seinen Arbeitskameraden im höheren Stockwerk eine Mitteilung - machen. Dabei schlug ihm der herabkommende Fahrkorb derart auf den Kopf, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde. Infolge nichtbedienter Signaleinrichtung wurde einer Schwester durch Ingangsetzung des Handspeiseaufzuges von anderer Stelle her rechte Arm gebrochen und zerquetscht. Aus gleicher Ur- fache kippte eine in den Aufzug abgestellte Suppenterrine um. und verbrühte einem Kochlehrling Gesicht, Hals und Brust.
Zum Absengen von Geflügel wurde an Stelle eines sicherstehenden Spiritusbrenners eine Konservenbüchse mit flammendem Spiritus verwendet. Durch Herabfallen eines Hühnerflügels wurde hie Konservenbüchse umgemorfen und setzte die Hausgehilfin in Brand. Eine andere Küchenhilfe goß zum gleichen Zweck in ein eben ausgebranntes Gefäß neu Spiritus nach, der sich sofort entflammte und ihr ausgedehnte Brandwunden im Gesicht, an den Händen und Armen beibrachte. Eine Krankenpflegeschülerin erlitt dadurch schwere Verbrennungen, daß sie im Verbandzimmer in der Nähe eines Instrumentenkochers Alkohol aus einer größeren- in- eine kleinere Flasche umgoß, wodurch dieser entflammte.
Englisches Großflugzeug zerbrach bei her Landung.
Unser Bild zeigt das größte englische Reiseflugzeug des neuen „Albatros"-Typs nach feinem Landeunfall auf dem Flugfeld von Hatfield, bei dem es in zwei Teile zerbrach, ohne daß die Insassen verletzt wurden. Die Maschine war eines der neuesten britischen Riesenflugzeuge, die in wenigen Wochen einen Nordatlantik-Flugdienst aufnehmen sollten und von der englischen Presse oft als die Rivalen der deutschen vzeantüchtigen „Cvndor"-Maschine hingestellt wurden.
Der Rumpf des „Albatros" bot Platz für 42 Fluggäste. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Buntes Allerlei.
Sin kleiner Fluß im Odenwald.
Von Anton Schnack
An einem Tag, da der klirrende Weizen feuer- gefärbt und schnittreif auf den Odenwälder Hügel- flanken stand und die zitternde, die früchte- und körnerkochende Wärme hohe Wolkenränder im Westen aufbaute, Wolkenberae, angefüllt mit kühlen Regentropfen und flinkey Blitzschnüren, hat mich ein Mann besucht und sich die Mühe genommen, meinen gewundenen und von Erlen und Weiden beschatteten Weg, meinen raschen und meinen manchmal langsamen Lauf von der Quelle bis zur Mündung zu verfolgen.
Es ist kein langer Weg, andere Flüsse, größere und mächtigere Flüsse, haben längere Wege, Hunderte und Tausende von Kilometer lang, ich laufe nur sechzig bescheidene Kilometer, und dann vermähle ich mich mit dem Main, und in seinem breiten Wasser löscht mein Name aus. Ich ziehe eine gekrümmte, bogige und schlangenähnliche Wasserschleife von Süden nach Norden, und mein Flußtal ist wiesengrün, waldverschollen, heckengefüllt, vogelstimmig und anderer Lieblichkeiten voll. Be- arl Tage, da der Mann neben meinem Wassergesang einherzog, war ich reich an Gerüchen aus blühenden Brombeerhecken, Lindenwipfeln und allerlei blauen und gelben Blumen, darüber die Geschwader der Schmetterlinge flatterten und die Metallflugel der Libellen blitzten.
*
Und als der Mann sich zu mir ans Ufer setzte, an einer Stelle, wo ich es besonders eilig hatte sagte er zu mir: Kleiner Fluß, erzähle!
Erne Felsenschwelle, ein aus dem Walde in mein Bett gerollter Steinbrocken, machte meine sanfte unö gemächliche Stimme laut und stark. Ich bin bestimmt em kleiner Fluß, erzählte ich, manchmal nur so breit, daß mich ein kecker Knabe Überspringen kann, und ich bitte die Leser dieser Sätze, seid mir trotzdem zugetan und wendet euch von mir wegen meiner Bescheidenheit nicht ab, zwar bin ich auf den Blattern der Geographie nur ein dünner blauer Wasserfaden, aber in Wirklichkeit bin ich ein dunkelgrünes, lebendiges, strömendes und fließendes Wasser,, ein liebliches Kind der göttlichen Schöpfung, an das sich das alte krummgässige Städtlein und wohlhabende Bauerndörfer gedrückt haben. In meinem Bett liegen schöne Kieselsteine Fische spielen in meiner Kühle, der nahe Wald neigt seine Wipfel über meinen Spiegel, ich bin die fleißige Kraft für viele Mühlen, wo es gut zu verweilen ist, weil Mehlgeruck) und der Duft von
frischgebackenem Brot in her Luft stehen. Die violetten Morgendämmerungen machen mein Wasser sanft, und der Duft der Minze ist um diese Zeit am stärksten. Ich bilde kleine Kessel, von Weidenzweigen überbuscht; ich überspringe hölzerne Wehre und fließe unter Sandsteinbrücken durch.
Ich werde bei Beerfelden im Herzen des Odenwaldes geboxen und komme aus den unterirdischen Wasserkammern der Erde, fein und silberblitzend, und die Bauern jener Gegend nennen die eine Quelle den Hetzbach und die andere die Marbach, und wenn sie ineinandergeflossen sind, bin ich die Mümling. Zwei Namen sind von mir im Umlauf, Mümling heiße ich bei den einen, Mümling bei den anderen. Vielleicht ist mein Name aus einer Lautmalerei entstanden und leitet sich von dem Rkurmeln, von meiner sanften, gleichmäßigen Geschwätzigkeit her, die meine Eigentümlichkeit ist. Vielleicht ist mein Name aber auch aus dem verschollenen Worte „Mummeln" entstanden, was Nixblumen oder Wasserrosen bedeutet. Wassernixen wirst du noch manchmal an meinem Ufer sehen, lauschender Mann, aber es sind Töchter her Erde aus Fleisch und Blut, oft wippend wie Bachstelzen, helläugige, braungebrannte Töchter, nicht mehr die untergründigen und grünäugigen Wasser- Wesen, welche die Mondnächte des Mittelalters benutzten, um auf meinen Steinen zu fitzen, das goldene Haar zu flechten und mit süßen Gesängen die Wanderer zu sich heranzulocken. Seit langem sind öic weißen und fischschwänzigen Frauenleiber aus meinem dunklen Wasserbett verschwunden. Nur ihr wogendes langes Haar wuchs als langfädiges und geschmeidiges Wassergras auf meinem Grunde fest, und die Forelle spielt hindurch, die Rotfeder und der Barsch, und hier sitzen auch die Angler am Ufer, zufriedene und geduldige Männer, die besinnlichsten Menschen, Denen meine Flußschönheit bis in die verstecktesten Einzelheiten bekannt ist.
Gerne kommen auch hie Knaben zu mir, Knaben kommen zu allen Jahreszeiten und zu allen Tagesstunden; sie durchwaten mich mit aufgekrempelten ^ostn, sie , baden sich in mir, sie lassen ihre winzigen schiffe auf mir schwimmen, sie werfen Steine über meinen Spiegel unb gesiegtes Holz in meine Wellen. Ich bin sanft und zärtlich, nicht mörderisch und heimtückisch, ein Fluß der Gänse bin ich, der schnatternden Enten, der flinken Wasseramsel und der Frosche. Vor vielen hundert Jahren habe ich auch das Flößholz aus den Wäldern der Grafen von Dbernburg und Erbach mit auf die Reise in Den Main und Rhein genommen. Aber seitdem die Eisenbahn und die Landstraße mich begleiten, bin id)_ diese stürmischen, krachenden und stoßenden Lasten los.
Die Zeit fließt schnell, und ich kleiner Fluß fließe auch schnell und immerfort bringe ich anderes Wasser aus dem Walde in hen nahen Main. Ich fließe an den Fenstern uni) Türen der alten Ortschaften vorbei, vorüber an Erbach und Michelstadt, an Steinbach und Zell, an König und Müm- ling-Grumbach, an Höchst und Neustadt, Giebel und Türme stehen als Spiegelbilder in meinem Wasser, und ich erinnere mich vieler Dinge und vieler Menschengesichter, und auf meinem Grunde liegen noch Vasen und Steine mit römischen Inschriften, von denen der eine ein Weihestein war, der berichtet, daß Zosimus, Arzt der vierten berittenen aquitanischen Kohorte, ihn für die glückliche Heilung des Präfekten L. Petronius setzen ließ, der Befehlshaber der Römer in dieser Gegend war; denn hier an der Mümling war der große Grenzwall, der Mümlinglimes, und schwarzäugige Gallier lagen in den Kastellen und Wachhäusern und führten morgens und abends ihre Pferde an mein Wasser zur Tränke. Ich bin viele hundert Jahre lang über diesen Weihestein geflossen, bis er gehoben wurde. Und noch birgt der Erdboden an meinen Ufern entlang römische Mauerreste, Gefäße, Münzen, Waffen, lauter Zeugnisse fremder Herrschaft. Und Siegfried löschte seinen Dürft an meinem Wasser, Siegfried, der helle Held, und wenn er durch das Dickicht brach, war es erleuchtet vom Glanz seiner blauen Augen und der Pracht seines Schwertes. Und weiter fließen die Bilder, fortwährendes Wandern und Wechseln der Geschehnisse ... Tränen und Blut aus den Bauernkriegen habe ich mitgenommen, als der bunte Dbenmäfber Bauernhaufen in der mörderischen Schlacht bei Königshofen an der Tauber zerschlagen und die schreckliche Kunde davon in den Odenwald herein- gebracht wurde. Damals war ich ein breites Gewässer voll sumpfiger Ränder, ein Vogelparadies, ein Wildgehege, und die Fürsten und Grafen van Erbach zogen mit großem Gefolge auf die Jagd, und' manche Rehe, und manche Hirsche, die im Zwielicht des Morgens oder des Abends zur Wassertränke kamen, wurden an meinem Ufer zur Strecke gebracht, und das Gehörn und Geweih wurden im Erbacher Schloß aufgehängt, und viele Menschen gingen inzwischen hort ein und aus, um die Schätze und Sammlungen aus aller Zeit und vieler Völker zu sehen.
Und ich fließe weiter im Schatten des Waldes und durchsinge das grillenüberzitterte Wiesenland mit meiner Melodie, in die sich das Knarren der Holzfuhrwerke mischt, und das schmerzliche Lied der Sicheln und her Sensen, und wieder eile ich an einem Schloß vorbei, Fürstenau geheißen und bei Michelstadt gelegen, dahinter sich ein verschol
lener und wunderbarer Park wölbt, dessen Blätter ich jeden Herbst mit auf die Reise nehme. Und wieder neigt sich grüne Waldlandschaft mir zu, bis ich zu dem schönen Höchst, mit her mächtigen Burg, dem Breuberg, komme.
Mann am Ufer, bin ich nicht ein schöner Fluß? Ich labe die Tiere und erquicke und erfreue die Menschen. Mancher liegt einen Sommertag nach dem andern an meinem Ufer, wo der Ginster seine goldenen Blütentrauben flattern läßt und der Sauerampfer seine rote Feuerzunge durch das Gras streckt, und von fern- und naheher kommt das Sausen und Rauschen des Waches, des großen und königlichen Forstes, durch den hie finsteren Nibelungen geritten sinh.
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Lange lauschte der Mann, den Kopf über den Wasserspiegel gebeugt, dem Gemurmel zu. Und er gab der rauschenden Mümling Antwort. Du bist ein schöner Fluß, gesegnet von alter Kultur und neuem Fleiß, überdacht von Bäumen, begleitet von schlüpfrigen und winzigen Pfaden, über denen die Schnecken silberne Spuren ziehen, die Gänse mit roten Beinen watscheln und die blondsträhnigen Vau^rnkinder im Grün des Pflanzendickichts verschwinden. Im Gewinkel der alten Städte und Orte, die dein Wasser bespült, geht die Sage umher, geistern hie Schattenbilder vielfältigen, einstigen Lebens, aufbewahrt von alten Zeichen, Steinen und Schriften. Ich liebe die Flüsse deiner Art, ich liebe deine idyllische Schönheit, und der Schlendrian an deinem Weg entlang war reich an landschaftlicher Beglückung.
Alte deutsche Sonnenuhren in London.
In einer Ausstellung, die im Naturwissenschaftlichen Museum von South Kensington in London gezeigt wird, sieht man eine große Sammlung von Sonnenuhren, Sonnenhöhenmessern und anderen wissenschaftlichen Instrumenten aus dem 16. unb 17. Jahrhundert, die dem Museum von W. E. Miller geschenkt worden sind. Besonders unter den Sonnenuhren finden sich mehrere ungewöhnlich große und schöne Arbeiten von bekannten süddeutschen Handwerkern aus dem frühen 17. Jahrhundert, die auf Elfenbeintafeln hergestellt sind. Unter den Sonnenhöhenmessern fällt ein besonders schönes Stück deutscher Herkunft aus dem 15. Jahrhundert auf, ferner ein flämisches Instrument aus dem 16. Jahrhundert, das wahrscheinlich von Arsenius, einem der führenden Hersteller dieser Zeit, stammt.


