Rr.280 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 50. November (938
Aus der Stadl Gießen.
»Noch eine Nuß!"
Es ist nur ein kleines Geschichtchen; aber es zeigt ein Erlebnis, dem man in irgendeiner Form immer wieder begegnet.
Der kleine Peter — vier Jahre alt — bittet sehr, zu dem etwas älteren Manfred in den Keller gehen zu dürfen; dort würde Kasperltheater gespielt. „Warum denn gerade im Keller?" — fragt Mutter „Ja", erklärt Peter, „Manfreds Mutti läßt nicht in der Stube spielen, der Schutzmann und Teufels Großmutter machen immer so viel Lärm."
Gut, — Mutti erlaubt es. Peter muß aber in den warmen Mantel schlüpfen, die dicke Wollmütze wird ihm über die Ohren gezogen, und die Händchen werden in Fäustlinge gepackt. Dann bekommt er noch eine Tüte mit entschälten Nüssen, die er so gerne ißt. Mutter hat sie gestern abend, als er schon schlief, liebevoll für ihn aufgeknackt.
Eingemummt wie für eine Polarreise, in der Hand die Tüte, beginnt Peter mit erwartungsfroh strahlendem Gesicht den mühevollen Abstieg am Treppengeländer entlang. Mütterliche Betreuung läßt er sich dabei nicht mehr gefallen, männlich frei will er feinem Vergnügen nachgehen.
So, nun hat Mutter den unruhigen kleinen Mann eine Weile los und kann ungestört ihre Arbeit ver- richten. Nach gut einer Stunde hört sie ein wohlbekanntes Klopfen an der Wohnungstür. Peter ist wieder da: blaß, mit blaugefrorenem Näschen, die Mütze schief in die Stirn geschoben. Ganz klein und gedrückt trippell er vor Mutter her in die Küche. Seine Fäusttinge baumeln an der Halteschnur. In der Hand hält er krampfhaft die leere Tüte. Still und nachdenklich läßt er sich die ziemlich schwarz gewordenen Händchen waschen.
„Nun, war's schön?" fragt Mutter. Er nickt nur stumm mit dem Kopf. „Was hat denn Kasperle gemacht?" will sie später wissen. Peter blickt mit großen ernsten Augen zu chr apf:
„Ja, das Kasperle hat immer gesagt: ,Gib mir noch eine Nuß!'"
Mehr erzählt Peter nicht. Mutter glättet lächelnd die zerknüllte Tüte, und dann knackt sie mit der Zange rasch ein paar Nüsse auf. Und während Peter hungrig zu knabbern anfängt, weiß sie um eine neue, ewig mütterliche Aufgabe, die ihr durch dieses kleine Erlebnis deutlich wurde. Denn gegen Täuschung und List steht mächtig die Güte! B.
Vornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 21.30* Uhr „Aimse" ober „Der gesunde Menschenverstand". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Eine Nacht im Mai"; in jeder Vorstellung ist die Hauptdarstellerin Marika Rökk persönlich anwesend. — Volksbildungsstätte und NSD.- Dozentenbund: 20.30 Uhr im Hörsaal der Medizinischen Klinik, Klinikstraße 41, Professor Dr. A n- thony Vortrag „lieber die Aufgaben der Luftfahrtmedizin".
Stabklheater Gießen.
Heute abend findet die letzte Aufführung der Komödie „Aimee" oder „Der gesunde Menschenverstand" von Heinz Coubier statt. Mittwoch-Miete 10. Vorstellung. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr.
Gießener Konzert-Verein.
In dem für den Kammermusikabend des Wendling-Quartetts ursprünglich vorgesehenen Programm mußte leider eine Aenderung eintreten. Zum Vortrag gelangen Beethoven op. 18 Nr. 4 in c-moll. Reger op. 121 in fis-moll und Haydn op. 74 Nr. 3 in g-moll, das unter dem Namen Reiter-Quartett bekannt ist. Die mitwirkenden Künstler sind Profesior Karl Wendling, Hermann H u b l, Professor Alfred Saal und Hans K ö h l e r , der im Laufe dieses Jahres an Stelle des verstorbenen Professors Nat- terer als Bratschist in die Künstleroereinigung ein- , getreten ist. I
Verkehrsvorschristen sind sorgfältig zu beachten!
Bei einer Kontrollfahrt von Gießen nach Laubach innerhalb einer Stunde
Gelegentlich einer Dienstfahrt von Gießen über Lich nach Laubach haben Beamte der Gendarmerie beim Kreisamt Gießen am Montagnachmittag auch eine Verkehrskontrolle vorgenommcn, die erneut an Hand zahlreicher Fälle die Feststellung ergab, daß von vielen Verkehrsteilnehmern selbst die elementarsten Vorschriften der Straßenverkehrsordnung immer noch nicht in der erforderlichen Weise beachtet werden. Innerhalb eines Zeitraumes von etwas mehr als einer Stunde auf der Hin- und Rückfahrt haben die Gendarmeriebeamten eine große Reihe von Verkehrswidrigkeiten feststellen müssen, aus der wir nach einer Unterredung beim Kreisamt Gießen folgende Beispiele wiedergeben.
Zu viel auf dem Führersitz!
Zunächst trafen die Beamten einen Lastwagen, dessen enger Führersitz von vier Personen besetzt war. Nach § 7 der St raße nve rkeh r s o rd nung darf der Kraftwagenführer zwar andere Personen auf dem Führersitz mitnehmen, aber es muß jederzeit die erforderliche Bewegungsfreiheit für den Autolenker zwecks vollkommener Sicherheit des Verkehrs vorhanden fein, was im vorliegenden Falle nicht als gegeben anzusehen war.
Nicht nebeneinander radeln!
Kurz vor Steinbach wurden zwei Radfahrer nebeneinander radelnd angetroffen. In § 28 der Straßenverkehrsordnung ist der Grundsatz des Hintereinanderfahrens der Radler ausgestellt, nur in ganz besonderen Ausnahmefällen, außerhalb der Orte, kann auch einmal nebeneinanderher gefahren werden, soweit dadurch die Sicherheit des Verkehrs nicht gefährdet wird. Diese Gefährdung der Verkehrssicherheit ist aber stets dann gegeben, wenn andere Verkehrsteilnehmer auf der gleichen Straße fahren und dabei überholen oder kreuzen müssen. Bei dieser Sachlage war auch im vorliegenden Falle das Nebeneinanderfahren der beiden Radler als verkehrswidrig zu beanstanden.
Anhänger-Kennzeichen muß vorhanden fein.
Ein Lastwagen mit Anhänger mußte angehalten werden, da an dem Auto das Kennzeichen für das Mitführen eines Anhängers (gelbes Dreieck oben am Motorwagen), das nach § 44 der Straßenverkehrs-Zulassungsordnung vorgeschrieben ist, fehlte. Diese Bestimmung ist am 1. Oktober 1938 in Kraft getreten, sie muß daher jetzt auch von allen Verkehrsteilnehmern beachtet werden.
Bremslicht muh in Ordnung fein.
Ein Personenauto wurde angehalten, da das Bremslicht nicht funktionierte. Es lag hier eine Zuwiderhandlung gegen § 53, Abs. 2, der Straßen- verkehrs-Zulassungsordnung vor, in der ausdrücklich vorgeschrieben wird, daß auch das Bremslicht an den Kraftfahrzeugen in Ordnung fein muß.
Das Warnzeichen am Ende von Langhoizfuhrwecken.
Beim Albacher Hof wurde ein mit Pferden bespanntes Langholzfuhrwerk gestellt, das an feinem Ende nicht das als Warnzeichen geltende rote Tuch aufzuweisen- hatte. Dieser Mangel ist besonders gefährlich für die von rückwärts kommenden Verkehrsteilnehmer. Der Fuhrmann erklärte, er habe das rote Tuch am Ende der Ladung befestigt, es aber offenbar im Walde verloren. Auch das Anbringen von Tannenzweigen, Säcken oder Papierstreifen usw. genügt nicht. Am zweckmäßigsten ist es, die bekannte rote Metallscheibe mit weißem Rand am Ende der Ladung anzubringen. Das Warnzeichen muß auch so festgemacht werden, daß es auf keinen Fall verloren gehen kann. Der Lenker
zahlreiche Verstöße festgestettt.
dieses Fuhrwerkes hat also verkehrswidrig gehandelt.
Nur zugelassene Fahrzeuge benutzen.
In Laubach wurde an einem Lastkraftwagen ein Anhänger festgestellt, der erst vor einigen Tagen in Betrieb genommen, aber noch nicht zugelassen war. Ab 1. Oktober 1938 ist die Zulassungspflicht auch auf die Anhänaer von Kraftfahrzeugen aus- aedehnt worden. Zulaffungspflichtia sind also alle Anhänger, die erstmalig ab 1. Oktober 1938 in Betrieb gesetzt werden. Außerdem fehlte an dem Motorfahrzeug das gelbe Dreieckzeichen, und obendrein hatte der Kraftfahrer seinen Führerschein nicht bei sich. Also allerlei Verstöße gegen die Verkehrsordnung! Die Gendarmeriebeamten hätten in diesem Falle den Anhänger sofort aus dem Verkehr entfernen können, aus ganz besonderen Gründen haben sie aber hier von dieser Maßnahme abgesehen.
Viel zu schwer geladen!
Ebenfalls in Laubach mußte ein mit Backsteinen beladenes Lastauto angehalten werden, dessen höchst- zulässige Belastung auf 2,6 Tonnen angegeben war, das aber eine Last von 3,9 Tonnen mit sich führte, also 50 Prozent mehr als zugelassen! Da an dem Fahrzeug auch noch die linke Seitenwand des Kastenausbaues stark beschädigt war, ordnete die Gendarmerie an, daß das Uebergewicht sofort an Ort und Stelle ab geloben werden mußte. Der Fahrer hatte das „Vergnügen", sogleich -rund 400 Backsteine abladen zu müssen. Durch eine derartige Ueberlastung der Fahrzeuge tritt natürlich eine erhebliche Beschädigung der Straßen ein, ferner wird dadurch, besonders an bergigen Stellen der Straße, die Sicherheit des Fahrzeugs und damit auch die Sicherheit der andern Verkehrsteilnehmer gefährdet.
Wenn der Motor läuft.
darf der Fohrzeuglenker nicht fortgehen.
Auf einer Straße in Laubach wurde ein Lastauto mit lausendem Motor bemerkt, der Kraftfahrer hatte sich entfernt und den Motor nicht abgestellt. Nach § 35 der Straßenverkehrsordnung hat sich der Fahrzeuglenker eines Verstoßes schuldig aemacht, denn er hat die Pflicht, beim Verlassen feines Fahrzeugs alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen für die Sicherheit des Verkehrs im allgemeinen und feines Fahrzeugs im besonderen zu treffen, hier vor allem den Motor abzustellen.
Unbeleuchtet auf der falschen Straßenseite und mit waagerechter Deichsel!
An einer Strahenkuroe in Laub ach wurde ein Langholzfuhrwerk unbeleuchtet auf der linken, d. h. falschen Straßenseite angetroffen, dessen Deichsel waagrecht in die Gegend hineinragte, anstatt nach der Vorschrift abgenommen oder hochgestellt zu sein. Nach § 15, Abs. 2, der Straßenverkehrsordnung ist das Halten der Fahrzeuge nur auf der rechten Straßenseite zulässig, und nach § 32 dürfen unbespannte Fuhrwerke bei Dunkelheit oder Nebel nicht auf der Straße stehen gelassen werden; geschieht dies dennoch ausnahmsweise, so ist die Deichsel abzunehmen oder hochzustellen. In diesem Falle also auch allerlei Verstöße gegen die Der- kehrsordnung.
Pferde nur nach innen absträngen.
Ein Fuhrmann hatte in Laubach feine Pferde nach außen abgefträngt. Nach § 32 der Straßenverkehrsordnung dürfen die Pferde aber nur nach innen abgefträngt werden. Zur Beachtung auch für andere!
Jn fünf Minuten 6 Mark.
In Wetterfeld hatten sich in der scharfen Kurve der Durchgangssttaße acht Personen, meist Jugendliche, in der abendlichen Dunkelheit so dicht an die Fahrbahn zum Schwätzchen postiert, daß sie zu einer Gefahr für die Verkehrsteilnehmer wurden. Trotz Warnsignals verließen sie ihren unpassenden Schwätzchenplatz nicht. Die Gendarmen stellten sie und erteilten ihnen eine gebührenpflichtige Ver- roarnuna zu 1 Mark pro Kopf. Sie mußten rasch Heimlaufen und die Mark holen. Innerhalb van fünf Minuten waren sie alle wieder zur Stelle und zahlten zusammen 8 Mark Buße für ihre Unkorrektheit im Verkehrswesen. Ein teures Schwätzchen.
Das Nachspiel kommt noch.
Abgesehen von dem Fall in Wetter seid, wo die Angelegenheit durch die sofortige Buße erledigt ist, werden die Verkehrssünder noch ein Nachspiel zu erwarten haben, da ihnen der Denkzettel für ihre Verkehrssünden noch zugestellt wird. Bei einiger Sorgfalt hätten alle diese Beanstandungen und damit auch die Strafen vermeiden können In Zukunft werden bei den Derkehrskonttollen noch erheblich strengere Maßnahmen durchgeführt werden.
Verstöße gegen die preisvorschriflen.
Am Montagnachmittag unternahmen Beamte des Kreisamts Gießen in verschiedenen Gemeinden des Kreises, darunter auch in einer größeren Gemeinde, Kontrollen über d i e Beachtung der Preisvorschriften. Dabei wurde festgestellt, daß die Vorschriften über Preisverzeichnisse und Preisschilder im großen und ganzen Beachtung finden, jedoch mußte in manchen Einzelfällen das Fehlen der Preisverzeichnisse im Schaufenster und das Fehlen der Beschildung der sichtbar ausgestellten Waren vermerkt werden.
Besonders ist aufgefallen, daß in Metzgerläden sichtbar ausgestellte Wurstwaren nicht mit den erforderlichen Preisschildern versehen waren.
In mehreren Lebensmittelgeschäften war zu beanstanden, daß die Preise für Graupen, die eine Spanne von 24 bis 28 Pfennig je 500 Gramm nicht überschreiten dürfen, auf 32 Pfennig festgesetzt
waren, also eine erhebliche Überschreitung aufwiesen.
In einem anderen Lebensmittelgeschäft wurde Mettwurst nach der Stückzahl, anstatt entsprechend der Vorschrift nach Gewicht verkauft. Da Wurst eintrocknet, ist der Verkauf nur nach Gewicht zulässig, weil verhütet werden soll, daß der Käufer, wie es beim Stück kauf möglich ist, mehr bezahlt, als er an Gewichtsmenge erhält.
Für alle diese Verstöße haben die Geschäftsinhaber mit Ordnungsstrafen zu rechnen, wobei zu ihren Gunsten spricht, daß es sich meist nur um kleinere Verstöße handelt. Bei schwereren Zuwiderhandlungen und bei Wiederholungen wird allerdings die Strafe „gesalzener" ausfallen.
Diese Preiskontrollen werden ständig durchgeführt, da sie im Rahmen des Vierjahresplanes ein wichtiger Bestandteil zum Schutze der Verbraucher und auch zum Gelingen des Vierjahresplanes sind. ■»■■■■CMiinwiM ,11 mi
Marika Nökk persönlich.
Gloria-Palast: „Eine Nacht im Mai."
Marika Rökk, die Hauptdarstellerin des neuen Ufa-Films „Eine Nackt im Mai", kam gestern zu Besuch nach Gießen. Wir hatten dreimal nacheinander Gelegenheit, ihr zu begegnen. Zuerst, nach einem sehr freundlichen Empfang am Bahnhof, im engsten Kreise ■ und aus nächster Nähe, und wir wissen manche Leute, die da gern auf unferm Stühlchen am Kaffeetisch gesessen hätten. Wir sahen eine junge, sehr hübsche, sehr zierliche Dame, die alsbald ein ungezwungenes Gespräch führt, allmählich warm wird und das Temperament entfaltet, das wir aus manchen ihrer früheren Filme kennen.
Das Gespräch springt, wie meist bei solchen Gelegenheiten, schnell von einem Thema zum andern: Z.B. von einer neuen Aufnahmetechnik, bei der man viel Geld sparen kann, zur neuen Film-Mode, die bis in erstaunliche Einzelheiten reicht ... wir hören mit Interesse, daß gegenwärtig mehr interessante Frauen als schöne Frauen „gewünscht" seien, beim Film nämlich, wir hören von den Schwierigkeiten mit den Manuskripten, über die in jedem Interview geklagt wird, über alte Erfolge („Gasparone") und neue Pläne („Hallo, Janine"), über die Wirkungen im Lustspiel und in der Operette, über Lachen und Lächeln und Gähnen im Parkett, über Nachsynchronisieren, und über den Unterschied zwischen deutscher und amerikanischer Produktion ... Dom Hundertsten ins Tausendste, im Handumdrehen ist die Tasse leer, eine halbe Stunde um und unsere Uhr abgelaufen: fort müssen wir, denn im Gloria-Palast beginnt der Film.
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Zweite Begegnung auf der Leinwand: „Eine Nacht im Mai". Spielleitung: Georg Jacoby, Hauptrolle: Marika Rökk. Das ist ein Abenteuer, wie es nicht alle Tage und nicht jede Nacht passiert. Hier findet ein Sommerfest statt, auf dem man er- leben kann, was das Herz begehrt: Flucht und Verfolgung, Autobusfahrt ins Blaue, Gesang und Tanz, Liebe und Eifersucht, Irrgarten mit Lach- IPiegel, nächtliches Bad mit Mondschein und anschließendem Gewitter, schreckliches Mißgeschick im Wochenendhaus, neue Flucht, neue Verfolgung, große Revue und happy end mit Kuß.
Das ist eine feine Sache für Marika Rökk: hier sie richtig aus sich herausgehen und ein gan- 3es Register abfpielen, fingen und tanzen. Sie spielt Q,i° 3. B.: schlechtes Gewissen; oder: mein Herr, roa3 fällt Ihnen ein?; aber: eigentlich sind Sie ganz lett; aber: komm mir bloß nicht zu nah;
und: heut bin ich vergnügt; und: ich bin ja so unglücklich; und: wo ist er denn nur? und zuletzt: ach, da bist du ja — endlich, ich hab dich so gesucht. (Ist das nicht eine großartige Rolle?)
Dies waren aber nur ein paar Stichworte. Und von Gesang und Tanz war noch gar nicht die Rede, i (Kommt noch.) Victor S t a a l ist ein, netter Partner für das soeben angedeutete Mädchen. Er hat einen guten, trockenen Humor; man sieht ihn gern. Außerdem seien vom Ensemble genannt: Karl Schönböck, Oskar Sima, Albert Florath, Ursula H e r t i n g und (für die Gießener) Franz Arzdorf.
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Dritte Begegnung: von der Leinwand herab auf die Bühne; Marika abermals persönlich, in dem schicken, knappen, weißen Seemannskostüm der „Nacht im Mai". Und alsbald ertönt der gefühlvoll- melodische Song vom Seemann („nimm dein Herz in beide Hände ...") — aber auf den Text kommt es ja nicht fo sehr an, sondern auf die Stimme, die ganz locker sitzende, biegsame, ausdrucksvolle, — und auf den Tanz: es ist ein Vergnügen, ihr zuzusehen: hier ergibt sich eine Verbindung von Temperament und sauberer Technik, die das Auge erfreut.
Gut besuchtes Haus und großer Beifall. Und dann Autogramme. Hans Thyriot.
Oie Münchener Kellnerin.
Bom Wassermädel
zur Beherrscherin der Matzkrüge.
Die Münchener Kellnerin ist etwas so Einmaliges und Einzigartiaes, daß man kühn von ihr behaupten kann, sie habe kein Beispiel auf dieser Welt. | Man teilt sie ein in Wassermädeln, in Kellnerinnen in besseren Betrieben und in solche dcs Münchener Bierkellers und der Münchener Volksfeste. Mit dieser Einteilung verbindet sich gleichzeitig der Unterschied des Alters.
Mit dem „W a f f e r m ä b e I" fängt der Werde-« gang der Kellnerin an. Es ist meistens eine junge, schlanke und mehr ober minder gepflegte Jung-. mädel-Erscheinung, die hier beginnt, ihren Lebens-1 unterhalt zu verdienen. Ihr Name möchte fast dazu verleiten, zu meinen, daß sie den Gästen Wasser zutrüge. Das tut sie auch in manchen Eafss, aber in den Hotels und Bierrestaurants trägt sie den Gästen bas edelste Naß zu, bas München Einheimischen unb Fremden bietet, das Bier. Und sie lernt dabei in mehrjähriger Lehrzeit „Vollkellnerin" zu werden. Sie wirb, je nachdem, von dem Besitzer
eines Gastwirtbetriebes ober auch von einer Dollkellnerin, von der sie dann ein kleines Taschengeld bezieht, in Dienst gestellt. Sie wirkt beim Gast fast unpersönlich, aber der Einheimische bringt ihr eine stille unb feine Anerkennung und Hochachtung entgegen, vergißt nie, auch ihr beim Abschied aus dem Lokal einen kleinen Obolus zu spenden, denn sie hat gelernt, Bier mit Würde und Wohlwollen zu kredenzen. Man stelle sich bas nicht leicht vor! Der eine Stammgast will wenig Schaum auf dem Bier, der andere will einen Bierwarmer darin haben, der dritte wünscht die eiskalte Halbe mit „Feldwebel", und darüber hinaus muß erfüllt werden, was der Fremdling will, der zum ersten Mal das Lokal betritt. Das eifrigste Streben des Waffermädels wird fein, ihn fo zufriedenzustellen, daß er wiederkommt ober gar Stammgast wird. Mit einem herzhaften Prosit oder einem herzlicheren „Wohl befomm’s" wird das Glas hingestellt unb dabei die umfangreiche Speisekarte zur Auswahl vor den Gast gelegt. Das junge Mädel erregt naturgemäß vor allem bas Interesse der Jung-Männer-Welt, unb viele Wassermädeln haben es mit Akademikern, mit Kaufleuten unb mit Beamten zu dauerndem Ehebunde gebracht. Man drückt in München mancher „gnädigen Frau" die Hand, die ihre Karriere begann unb abschloß als Wassermädel.
Wenn bie Speisekarte auf dem Tisch liegt, tritt das Wassermädel bescheiden beiseite, bie Ke11ne - rin hat bann das Wort. Meist schwarz gekleidet, mit weißer Schürze unb einer Serviette, betreut sie den Gast. Sie „betreut" ihn im wahren Sinne des Wortes unb echt weiblich. Das heißt, um bas Schwierige oorwegzunehmen: Sie macht Unterschiede wie jede Frau, ist nie so neutral unb sachlich wie der Kellner. Sie betreut den jungen Mann und den gereiften Bürger lieber als den, der mit weiblicher Begleitung bie Gaststätte betritt. Man muß es beobachten, wie sie den allein kommenden Gast schnell und zuvorkommend bedient, unb wie ein» gehenb er beraten wird. Beim Beraten wird das Einmalige unb Einzigartige der Münchener Kellnerin besonders ersichtlich. Sie kennt den Stammgast und seine „Schmankerln", die sie nicht nur empfiehlt, sondern die sie ihm sogar bereit hält. Kommt ein Neuling unb stöbert unbeholfen unb immer verlegener in den riesenhaften Speisekarten herum, ohne etwas zu finden, dann schleicht sich die Kellnerin in sein kulinarisches Gewissen. Sie erforscht, wo-1 her er kommt, wie groß sein Hunger ist, unb sie empfiehlt ihm bann nicht etwa feine, sondern die Speisen, die noch auf der Karte stehen, damit auch sie „gesttichen" werden können. Kommt ein Gast, der ihr irgendwie zuwider ist, bann kann man hundert gegen eins wetten, baß sie ihn etwas heraus«
suchen läßt, das auf der Speisekarte steht, aber in der Küche nicht mehr vorhanden ist. Der Stammgast aber wirb von der Kellnerin bemuttert Wie eine Hausfrau sorgt sie für ihn, sie begönnert ihn, unb wer je in ein solches Vertrauensverhältnis mit einer Kellnerin geraten ist, dem geht es gut.
Und dann kommt als dritte Spezies die Kellnerin in den Münchener Bierkellern unb auf den Volksfesten! Dick unb mit einer Kraft ausgestattet, bie des schwierigsten Geplänkels und der größten Zahl an Maßkrügen „Herr" wird, herrscht sie an ihrem Service. Sie hat den Zenith des Lebens überschritten, sie hat auch die normalen Formen des Körpers überschritten, unb sie ist eine Tyrannin geworden. Sie beherrscht den Gast, unb die Gästin übersieht sie. Bei ihr ist Kellnerin Geschäft unb Verdienst. Man muß die Männer beobachten, wie sie sich gern und willig unter sie beugen. Wie sie gehorchen, unb wie sie ein zweitesmal mit abgerissenem Aufhänger am Mantel kaum mehr bei ihr zu erscheinen wagen. Sie erzieht, sie macht „auf der Ebene des Bieres" alle Menschen gleich, sie kann wundervoll grob und plastisch ausdrucksreich werden, wenn es in des Alkoholes Fülle zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Sie hat den Beruf neutralisiert, und sie arbeitet von Tag zu Tag daran, auch ihre Weiblichkeit vergessen zu machen.
So geht die Münchener Kellnerin in drei Schattierungen durch das Leben der Isar-Stadt. Sie kennt ihre Einheimischen unb ihre „Zugroasten", und sie ist in ihrer Treue unb Liebe zum Werk, in ihrer Sauberkeit und Anständigkeit als Mensch und in ihrer freundlichen Grobheit eine Erscheinung, die es nur in München gibt. H. H.
Hochschulnachrichten.
Der nb. ao. Professor Dr. Hermann G u m b e l von der Universität Frankfurt wird im Wintersemester an der Universität Jena die Vertretung des erkrankten Professors Dr. Arthur Witte (Deutsche Philologie und Volkskunde) wahrnehmen. Gumbel hat schon im vorigen Jahre Philologie und Volkskunde in Jena vertreten.
Der nb. ao. Professor Dr. Guido Hoheisel an der Universität Greifswald wird ab 1. Dezember die durch das Ausscheiden von Professor Dr. I F i s ch e r an der Universität Köln frei gewordene । Professur für Mathematik vertretungsweise übernehmen.
Der Dozent Dr. Willy Meinhold in Erlangen wurde beauftragt, im Winter-Semester 1938/39 bie Dolkswirtschaftsleyre an der Universität Marburg zu vertreten.


