seelische Aufrichtung schwerbedrängter Menschen immer Herzenssache war.
Unb so wie damals ist das Wirken des Jubilars bis auf den heutigen Tag geblieben, weil er sich allezeit als Betreuer und Freund hilfsbedürftiger Volksgenossen, als Sozialist der Tat betrachtet und dementsprechend sein Wirken gestaltet hat. Daher werden ihm denn auch an seinem morgigen Jubi- läumstage die herzlichen Wünsche vieler Volksgenossen gelten, denen auch wir unsere besten Glückwünsche hinzufügen.
Hitler-Jugend Bann 116.
Bett.: Thealerring der Hitlerjugend.
Die Anmeldungen für den Theaterring sind bis zum 1. Oktober abzugeben. Die erste Vorstellung „Flachsmann als Erzieher" ist am 24. Oktober. Die Ausweise werden zugestellt, wenn die Anmeldungen abgeschlossen sind.
BOM. Mädelgruppe 1/116
Der am Montagabend ausgefallene Dienst findet am Freitag statt. Wir treten um 20.15 Uhr am Uhlheim an.
Ehrengabe
aus der Hindenburg-Gtistung.
Wie erinnerlich, hat der Stadtrat der Stadt Gießen durch Beschluß vom 30. September 1927 aus Anlaß des 80. Geburtstages des Herrn Generalfeldmarschalls, Reichspräsidenten von Hindenburg, eine Stiftung von jährlich 500 Mark errichtet. Die Vergebung dieser Stiftung für das Jahr 1938 ist jetzt wieder an die durch den Beirat für Kriegerfürsorge vorgeschlagenen Personen erfolgt. Es wurden zehn Kriegsbeschädigte und Krieger- hinterbliebene mit je einer Gabe von 50 Mark bedacht.
Verkehrsstörung
auf der Strecke Gießen-Fulda.
Gestern machte sich auf der Eisenbahnstrecke Gießen—Fulda eine Verkehrsstörung sehr unange- nehm bemerkbar. Zwischen Ehringshausen und Zell- Romrod war aus bisher nicht bekannten Gründen eine Rangierlokomotive entgleist. Dabei wurde der Bahnkörper beschädigt, so daß die Züge geraume Zeit diesen Teil der Strecke nicht passieren konnten. Der Verkehr mußte durch Pendelzüge aufrechterhalten werden. Unter diesen Umständen gab es erhebliche Verspätungen, die im Bahnhof Gießen viel Mehrarbeit verursachten. Gegen 20 Uhr konnte die Strecke wieder befahren werden.
Achtung, Verbrecher wird gesucht!
Wie bereits berichtet, wurde am 19. Sevtember in Hamburg, Herrengraben 11, die 50 Jahre alte Witwe Caroline Hoffmann, geb. Meyer, ermordet aufgefunden. Die Frau war zuletzt am 14. September abends gesehen worden. Aus der Wohnung geraubt wurden eine Anzahl wertvoller Schmucksachen, ein Silberfuchs und möglicherweise auch noch andere Wertgegenstände.
Wie die Kriminalpolizei mitteilt, ist der angebliche Händler Ernst Auch, geboren am 23. Dezember 18S7 iy Breitenthal (Bezirksamt Emmerdingen) der Tat dringend verdächtig, und er wird daher von der Kriminalpolizei in Hamburg gesucht. Auch hat - sich mehrere Monate meist unangemeldet und unter falschen Personalien in Hamburg aufgehalten. Er bat, wie festgestellt wurde, den geraubten Schmuck von Frau Hoffmann kaufen wollen. Seit 24. September ist Auch, der wegen Heiratsschwindels und anderer Betrügereien erheblich vorbestraft ist, flüchtig. Er hat sich u. a. früher Josef Stocker, zuletzt auch Ernst Bergmann genannt. Personenbeschreibung: Auch ist 1,74 Meter groß, kräftig, hat volles, rundes Gesicht, hellblondes Haar (Glatze), trägt zeitweise Hornbrille und war mit grauem Ulster und dunklem Hut bekleidet.
Zur Aufklärung des schweren Verbrechens werden alle Volksgenossen zur Mitfahndung aufgeru- fen. Insbesondere ist für die Polizei wichtig, folgende Fragen beantwortet zu bekommen: 1. Wer kennt Auch und unter welchen falschen Personalien ist er aufgetreten?: 2. Wo hat sich Auch seit Anfang September 1938 aufgehalten?: 3. Wer
kann über den Umgang des Auch Auskunft geben?
Mitteilungen nimmt jede Polizeidienststelle entgegen. Beim Austauchen des Auch ist dessen Festnahme sofort zu veranlassen. Der Polizeipräsident in Hamburg hat für die Ermittlung und Ergreifung des Täters eine Belohnung bis zu 1000 RM. ausgesetzt. Die Belohnung ist nur für Mitteilungen aus der Bevölkerung und nicht für Beamte, zu deren Berufspflichten die Verfolgung strafbarer Handlungen gehört, bestimmt.
Irrtümer
Von Regierungsräiin
RSG. Der Laie sucht unter der Fülle der neuen Gedanken, die durch die nationalsozialistische Staatsführung an ihn herangebracht werden, erklärlicherweise nach Vereinfachung und Anhaltspunkten durch Anknüpfen an Bekanntes. So hat sich bei dem durch die Anordnung des Ministerpräsidenten Göring „zur Durchführung des Dierjahresplanes über den verstärkten Einsatz von weiblichen Arbeitskräften in der Haus- und Landwirtschaft" eingeführten Pflichtjahr für Mädchen das landläufige Begreifen zunächst an das Wörtlein „Pflicht" geheftet, sich mit schon vorhandenen Vorstellungen über eine vaterländische Dienstpflicht auch der weiblichen Jugend Deutschlands verbunden, und daraus allerlei Folgerungen gezogen.
Diele Volksgenossen nehmen an, daß das Pflichtjahr genau wie die Arbeitsdienstpflicht und der Militärdienst für Männer von allen Mädchen ab- gelejstet werden muß. Diese grundlegende Folgerung läuft aber dem wahren Wesen des Pflichtjahres genau zuwider, denn das Pflichtjahr ist eine Einrichtung zur Behebung von Mängeln und Fehlentwicklungen im Arbeitseinsatz. Erst auf dem Umweg über diese Zwecksetzung wird die Ableistung des Pflichtjahres durch die Mädchen auch zur Erfüllung einer nationalsozialistischen Aufgabe, weil der Arbeitseinsatz in Deutschland überhaupt nach Maßgabe und als Mittel der Staatspolitik erfolgt.
Es gibt für alle deutsche Arbeit nur ein Ziel: den Fortbestand des Reiches zu sichern. Dazu gehört in erster Linie die Sorge für den Bestand und das Wachstum der deutschen Familien, 'ber Keimzellen des Volkes. In der Sprache des Arbeitseinsatzes heißt dies: Versorgung der Hauswirtschaft -mit Arbeitskräften. Gleich wichtig ist die Sicherung der Rahrungsfrei- heit für dieses Volk, d. h. vom Arbeitseinsatz aus gesehen: Versorgung der Landwirtschaft m Vt Arbeitskräften. Weiterhin bedürfen auch die sozialen und pflegerischen Berufe einer besonderen Förderung, dienen sie doch gleichfalls der Gesunderhaltung des deutschen Menschen. Gerade diese Kerngebiete des-deutschen Frauenschaffens vernachlässigt die deutsche weibliche Jugend bei der Berufsausbildung, trotzdem alle berufenen Stellen schon jahrelang darauf Hinweisen, daß der verantwortliche Arbeitseinsatz der Frauen vor allem auf diesen Gebieten erfolgen muß. Angesichts dieser Sachlage macht die Anordnung des Ministerpräsidenten ^Göring es den weiblichen Arbeitskräften unter 25 Jahren zur Pflicht, ein Jahr in der Haus - oder Landwirtschaft tätig zu sein, ehe sie von privaten oder öffentlichen Betrieben oder Verwaltungen als Arbeiterinnen oder Angestellte eingestellt werden dürfen.
Durch diese Maßnahme sollen Haus- und Landwirtschaft auf einen Schlag eine große Zahl von Arbeitskräften mindestens auf ein Jahr gewinnen. Rach dieser ^sofortigen Wirkung erhofft der Gesetzgeber -aber auch, daß eine größere Zahl von Mädchen als früher einen hauswirtschaftlichen, landwirtschaftlichen oder sozial-pflegerischen Beruf ergreift. Damit müßten alle Vorurteile, die sich aus der minderen Bewertung dieser Berufe herleiten, endgültig aus der Welt geschafft sein.
Ein weiterer Irrtum läßt sich in der Haltung zur Berufswahl erkennen. Da begegnet man folgender Erwägung: Meine Tochter kommt aus der Schule, und da man nie wissen kann, was wird, soll sie zunächst auf alle Fälle ihr Pflichtjahr abmachen, damit sie später keine Schwierigkeiten hat. Die Berufswahl wird dadurch für olle Mädel ohne Unterschied um ein Jahr hinausgerückt. Gewiß wird
** M i e t e r - I u b i l a u m. Am morgigen Samstag, 1. Oktober, sind es 25 Jahre, daß Frau Elisabethe Keil W w e. im Hause der Familie L. Walther, Lindenplatz 7, wohnt. Ein Zeichen gegenseitigen guten Einvernehmens.
** Herbstferien anden Höheren Schu- l e n. Die Dauer der Herbstferien an den Gießener Höheren Schulen ist noch nicht bestimmt. Der Tag des Wiederbeginns des Unterrichts wird rechtzeitig bekanntgegeben.
dieses Jahr niemanden schaden, aber wer in einen Beruf gehen will, für den er kein Pflichtjahr braucht, beginnt zweckmäßigerweise gleich mit der Ausbildung,z.B. mit der hauswirtfchaft- lichen Lehre nach dem Besuch einer Fachschule. Ein späterer Berufswechsel ist immer noch möglich, da die praktischen Ausbildungsformen in Haus- und Landwirtschaft und der soziale Hilfsdienst, sowie auch der Arbeitsdienst für die weibliche Jugend auf das Pflichtjahr angerechnet werden. Für eine schu- lische Ausbildung trifft dies allerdings nicht zu, da während dieser Zeit keine als Verstärkung des Arbeitseinsatzes zu wertende Mithilfe in der Haus- oder Landwirtschaft geleistet wird.
Genau fo falsch wie die vorstehend dargestellte Erwägung ist aber auch, wenn Mädel die in der Praxis gegebenen haus- und landwirtschaftlichen Ausbildungswege benutzen, um in dieser Form ihr Pflichtjahr abzuleisten, also z. B. ein Mädel sich als hauswirtschaftlicher Lehrling ausbilden läßt, um dann später ohne triftigen Grund doch Stenotypistin zu werden. Haus- und Landwirtschaft und die sozialen Berufe brauchen gute ständige Arbeitskräfte. Die Pflicht-Jahr-Mädel sind nur ein Notbehelf. Haus- und Landwirtschaft müssen diese Einrichtung als einen Ansporn arrffasien, sich in Verbindung mit den Berufsberatungsstellen der Arbeitsämter um geeignete Nachwuchskräfte zu bemühen und sie zu halten, vor allem, die vom Lande stammenden Mädchen für eine Tätigkeit aus dem Lande zu gewinnen. Der Bauer, der seine Tochter Stenotypistin, Verkäuferin oder Schneiderin werden läßt, kann keinen Anspruch auf die Hilfe eines Mädels erheben, das im Grunde genommen einem anderen Beruf zustrebt und möglicherweise noch aus der Stadt oder doch aus einem städtischen Lebenskreis stammt.
Schließlich muß eine Sache, weil sie Pflicht ist, nicht unangenehm sein. So sollen die Pflicht-Jahr- Mädel, wie alle anderen Arbeitskräfte in Deutschland, richtig, d. h. nach Taris oder Ortsüblichkeit, entlohnt werden, sofern sie nicht in einer besonderen Maßnahme, z. B. im hauswirtschaftlichen Jahr, stehen. Ueberdies wäre es töricht von den Bauersfrauen und Hausfrauen, wenn sie dem Pflichtjahrmädel gegenüber die Haltung einnehmen würden: „Sie bleibt ja doch bloß ein Jahr, da lohnt es sich nicht, sie groß anzuleiten, ich will sehen, daß ich mir in dem Jahr die größtmögliche Arbeitserleichterung durch sie schaffe." Das wird zur Folge haben, daß das Mädel wirklich nur ein Jahr bleibt und dos Jahr als ein vom Staat eingerichtetes Hindernis vor seinem eigentlichen Lebensglück empfindet. Den Hausfrauen in Stadt und Land ist mit dem Pflichtjahrmädel ein großer Wert anvertraut. An ihnen liegt es, den Mädeln die Anordnung innerlich begreiflich zu machen. Sie müssen ihnen Sinn und Inhalt des Frauenschaffens nahebringen, sie anleiten, ihnen klarmachen, welche Lebensgüter für das deutsche Volk in der Haus- und Landwirtschaft verwaltet werden, und sie die Arbeit lieben lernen. Jede Frau und Mutter sollte in den jungen Mädeln in erster Linie die zukünftigen Frauen und Mütter sehen, die Hausarbeit können und lieben müssen, damit sie ihr später nicht davon- lausen und in den Fabriken oder als Angestellte Arbeit und Verdienst zu gewinnen suchen.
Wenn also das Pflichtjahr kein unangenehmer Zeitabschnitt im Leben des jungen Mädels sein soll, so doch gewiß einer der richtigen und verantwortungsvollen Arbeit sl ei st u n g. Die Anordnung sieht zwar vor, daß die Mädel bzw. deren Eltern die Stellen auch selbst suchen können.
Die Rot ist riesenoroß.
NSG. Gauamtsleiter Haug, der Leiter des Amtes für Volkswohlfahrt im Gau Hessen-Nassau, wendet sich nochmals mit nachstehendem Aufruf an die gesamte Bevölkerung des Gaues Hessen-Nasfast:
Die Zahl der ins Reich geslüchlelen Sudelen- deulschen ist auf über 200 000 gestiegen. Die Versorgung und Betreuung dieser deutschen Brüder und Schwestern durch die national- sozialistische Volkswohlfahrt fordert gewaltige Mittel. Zahlreiche Unternehmen, Belegschaften. Behörden usw. haben bereits in selbstverständlicher Pflichterfüllung vorbildliche Opfer gebracht.
Ich rufe auch die Letzten auf: Opfert für die Behebung der Rot der Sude- tendeutschen! Spendet auf die Konten der nationalsozialistifchen Volkswohlfahrt!
Damit beweist sie Verständnis für die Sorgen der Eltern, die ihr junges Kind — meistens zum ersten Male — aus dem Hause geben sollen. Da in jedem Haushalt und in jedem landwirtschaftlichen Betrieb leicht noch ein junges Mädchen mehr tätig sein kann, sind Mädel zu Verwandten und Freunden gegangen, die ohne das Pflichtjahr keine Arbeitskraft eingestellt haben würden. Es kommt nun aber der Anordnung nicht darauf an, die Mädel von der gewerblichen oder kaufmännischen Arbeit fernzuhalten, sondern sie in der Haus- und Landwirtschaft und in den sozialen Berufen als Entlastung für die überaus angespannte Beschäftigungslage da anzusetzen, wo sie gebraucht werden. In der vorstehend geschilderten Weise wird Sinn zum Un- sinn, und wenn die Mädel nun gar nur stunden- weise arbeiten, um noch nebenbei einen Ausbildungskursus für irgendeinen anderen Beruf durchzumachen, so stellt dieses Verhalten nichts anderes als eine Umgehung der Anordnung dar. Allerdings wird das Arbeitsamt auch zu allen Pflichtjahroer- hältnissen, die nicht durch seine ^Vermittlung zustande tarnen, noch Stellung nehmen müssen, nämlich bann, wenn die Ableistung des Pflichtjahres im Arbeitsbuch bescheinigt roiro. Scheinarbeitsverhält- niffe werden nicht anerkannt.
Zum Schluß sei noch auf einen weit verbreiteten Irrtum aufmerksam gemacht. Der Gesetzgeber war sich bewußt, daß die Anordnung sowohl aus persönlichen, als aus Gründen des Arbeitseinsatzes auf Schwierigkeiten stoßen würde. Deshalb gab er den Arbeitsämtern die Befugnis, Ausnahmen zulassen zu können. Jede Ausnahme ist ein Fall für sich, sorgfältig zu prüfen und vom Arbeitsamt ins einzelne zu verantworten. Kaum aber ist eine Ausnahmegenehmigung erteilt, ba kommt Frau I und Herr P unb wollen für ihre Tochter ein Gleiches, ohne sich im Geringsten Gedanken darüber zu machen, welche Beweggründe im einzelnen das Arbeitsamt zu seinem Entscheid bestimmt haben können. Durch solches unvernünftiges Verhalten wird den Arbeitsämtern die Möglichkeit, der Lage des Einzelfalles gerecht zu werden, zum Nachteil aller erschwert. Darum mag auch dieser letzte Irrtum noch ausgeräumt werden: Ausnahmen sind keine Regel.
Kleine Strafkammer Gießen.
Der I. B. aus Rinderbügen hatte vor einiger Zeit zwei Flaschen Branntwein zu drei und fünf Liter abgegeben, ohne im Besitz der hierzu erforderlichen' Kleinhandelserlaubnis zu sein. Das Verfahren vor dem Amtsgericht in Büdingen wurde seinerzeit auf Grund der letzten Amnestie eingestellt. Der Angeklagte gab sich jedoch damit nicht zufrieden, da er sich unschuldig fühlte, fo daß sich auf seinen Antrag die Kleine Strafkammer mit der Angelegenheit zu befassen hatte. Es handelt sich hierbei um ein Novum auf strafprozessualem Gebiet. Bislang war es nämlich nicht möglich, im Falle einer Einstellung auf Grund einer Amnestie auf der Durchführung des Verfahrens zu bestehen. Dies führte zu mancherlei
um das pstichijahr für Mädchen.
Or. Margarete Thomas, Frankfurt a. M
Kannst du znM, Dore?
Roman von Kedda Lindner.
Copyright by Carl Duncker Verlag, BerlM W 35.
28. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Sie soll sehr schön fein." Dores Stimme klang gepreßt.
„Nicht mein Geschmack. Mein Geschmack ist ganz anders. Wollen Sie wissen, wie, Fräulein Thea?"
Nein. Fräulein Thea wollte es nicht wissen. Fräu- lein Thea wollte ällein fein. „Ich gehe hier gleich durch den Park, da bin ich rascher ba", sagte sie unb verabschiebete sich etwas plötzlich von Suhl, ber ihr etwas verbüßt nachsah.
Am Abend ging dann doch noch ein chiffrierter Brief an den Putzsalon von Fräulein Elfriede Reichert in Berlin. —
*
„Der alte Evers? — Unsinn!" .sagte Gerald, als der Kriminalrat diesen Namen erwähnte. „Ein Mann, der von Kindheit an unserer Familie verbunden ist."
„Darum habe ich ihn auch bisher aus meinen Berechnungen herausgelassen, aber die Bemerkung des Försters gibt mir zu denken."
„Sie war sicher nicht so gemeint, wie Ihre Detektivin sie aufgefaßt hak. Evers hat am wenigsten Grund zu irgendwelcher Gegnerschaft. Er weiß, daß er später eine anständige Rente bekommt."
„Er war nie verheiratet?"
„Nie. Hat also noch nicht mal für eine Familie zu sorgen."
„Theoretisch wäre es jedenfalls möglich, daß er an die Postmappe und auch an das Scheckbuch gelangen kann."
„Das schon. Vor feinem Kammerdiener hat man bekanntlich keine Geheimnisse. Aber der Gedanke ist einfach absurd."
„Er könnte Werkzeug fein."
„Unb was sollte er babei gewinnen? Ich ftanb sehr gut mit ihm, und was er für fein Alter braucht, das hat er. Kein Mensch begeht ein Verbrechen ohne Motiv."
Fiedlers kluges Gesicht hatte einen etwas geistesabwesenden Ausdruck. „Ein Motiv — natürlich, ein Motiv muß da fei", sagte er leise vor sich hin, bann lenkte er das Gespräch auf etwas anderes.
Dore war sehr überrascht, als am übernächsten Tage ein Brief ihrer „Freundin Frieda" sie schon
wieder nach Küppingen bestellte. Ihre erste Sorge war das unauffällige Fortkommen, denn ihren freien Nachmittag hatte sie bereits gehabt. Sie überlegte, ob sie Zahnschmerzen bekommen müßte, aber sie biteben ihr erspart, denn Herr Melchior war nicht da, unb ihr Verehrer Suhl, ber ihn vertrat, sah vollkommen ein, daß sie zum Sonntag neue Strümpfe brauchte. Er bedauerte nur, daß er sie nicht begleiten konnte, was Dore gerade noch gefehlt hätte, aber daß zufällig das Gutsauto an diesem Nachmittag in Küppingen zu tun hatte und sie mitnahm, war ihr doch sehr angenehm. j
Diesmal steuerte Willt, der auch Sonntags als Aushilfsdiener mit servierte und sich auf seine Weise Mühe gab, das Fräulein Sekretärin zu unterhalten. Er erzählte ihr allerhand über die Tiere, ein Thema, bas sie von Anfang an interessierte. Sie war immer tierlieb gewesen, wenn sie auch sonst kaum Gelegenheit gehabt hatte, sich mit Vierbeinern vertraut zu machen. Aber hier auf dem Gute holte sie alles nach. Sie ging in die Ställe und besuchte die Hunderte von Schafen — Schafzucht war ein wesentlicher Bestandteil ber Rehwalbauer Wirtschaft. Doch ihre befonbere Freube waren die Fohlen. Sie lief in jeber freien Minute zur Koppel, Brot unb Mohrrüben in der Tasche, und freute sich, wenn die ganze Gesellschaft zutraulich herangetrabt kam. Ihr gehört Gerald, dachte sie, während sie die weichen Mäuler streichelte, unb man soll euch ihm auch nicht. wegnehmen — man soll nicht.
Unter biefen Gedanken sowie bei einer angeregten Unterhaltung mit Willi waren sie inzwischen in Küppingen angelangt. Als sie durch die Hauptstraße kamen, verlangsamte Willi die Fahrt unb wies mit bem Kopf auf eine elegante Dame, bie vor ihnen die Straße entlangging. „Sehen Sie mal die da, Fräulein Bertram, das ist die Gewesene von unserem jungen Herrn."
Dore fühlte Eifersucht in sich auffteigen. Sie starrte zu der Frau hinüber, die mit lässigen Bewegungen bie Straße entlangging, Bewegungen, die man ohne Uebertreibung mit bem Wort anmutig bezeichnen konnte.
Willi bemerkte ihr Interesse, „'ne schöne Frau ist sie ja", sagte er. „Aber boch mehr so wie — wie die Wachspuppen in Schaufenstern", urteilte er. „Der junge Herr ist ganz vernarrt in sie gewesen", fügte er harmlos hinzu.
Die Frau war jetzt mit ihnen auf gleicher Höhe, unb man sah an ihrem Gesichtsausdruck, daß sie bas Auto erkannte. Willi sah stramm geradeaus, sichtlich im unklaren, wie er sich verhalten sollte. Dore konnte ihr nun zum erstenmal ins Gesicht sehen. Schön war sie — sie hatte Züge von klassischer Regelmäßigkeit.
Unb doch nur „Märchenprinzessin", die richtige Ma- gazinschönheit, dachte Dore.
Die Frau hatte inzwischen ihrerseits die fremde Erscheinung in dem Gutsauto gemustert. Ein leises Befremden malte sich in ihrem Gesicht, als sie das un- verhüllte Interesse in Dores Blicken sah, dann wandte sie sich mit einer hochmütigen Bewegung zur Seite, und das Auto glitt vorüber.
Dore hatte die Ablehnung wohl bemerkt und schlug etwas beschämt die Augen nieder. Wie konnte sie sich so gehen lassen und die Frau dermaßen anstarren, daß sie es merken mußte! Sie machte sich lächerlich mit dieser Eifersucht, zu der sie nicht das geringste Recht hatte. —
Aber sie mußte sich zunächst doch sehr zusammenreißen, um Fiedlers Fragen einigermaßen vernünftig zu beantworten, so sehr hatte diese Begegnung sie innerlich aus dem Geleise geworfen.
Datum erzählte sie ihm als erstes, daß Petry mit Carola an ihr vorbeigefahren war, und daß Suhl von einer Annäherung zwischen den beiden gesprochen hatte: eine Mitteilung, die Fiedler zwar zur Kenntnis nahm, die er aber vorläufig mehr für Klatsch zu halten schien.
„Ich auch", sagte Dore etwas beschämt, „und wenn ich nicht vorhin die Frau gesehen hätte, würde ich auch nichts davon gesagt haben."
„So meine ich bas nicht", schwächte Fiebler seine Bemerkung ab. „In unserem Beruf sind wir oft genug gezwungen, bem Klatsch nachzugehen. Meist steckt ja nichts bahinter, aber manchmal verbauten mir ihm wertvolle Fingerzeige. Mein Kommen gilt bem Förster, können Sie mir sagen, wie ich ihn am besten erreichen kann?"
„Halten Sie ihn für so wichtig?" fragte Dore erstaunt.
„Ich habe aus Ihrer Unterhaltung mit ihm den Eindruck gewonnen, daß er mehr weiß ober wenigstens vermutet, als er Ihnen sagen wollte, unb barum möchte ich selbst mit ihm sprechen. Haden Sie sonst noch irgend etwas beobachtet? Sie wissen, daß jede Kleinigkeit Bedeutung haben kann."
„Das weiß ich. Und ich leide schon bald an Verfolgungswahn", sagte Dore halb lächelnd unb berichtete — mehr im Scherz — von bem Zufall dieser gleichartigen Bewegung, die ihr bei Petry unb dem alten Evers aufgefallen war. „Sie sehen, ich achte tatsächlich bald auf die Fliegen an ber Wand", schloß sie lachend.
Der Kriminalrat lächelte nicht, sondern rührte nachdenklich in seiner Kaffeetasse. „Und wie erreiche ich den Förster?" wiederholte er nach einer Pause seine Frage.
„Wir fahren an feinem Hause vorbei, unb feine Frau wirb sicher sagen können, wann er da ist."
„Mit Ihnen zu fahren, wäre unzweckmäßig. Ihr Chauffeur könnte darüber reden, und außerdem muß ich nach Küppingen zurück. Aber es wäre gut, wenn Sie mich im Vorbeifahren für — sagen wir — sieben Uhr anmelbeh, als Bekannten von Ihnen, der ihn gern in einer persönlichen Angelegenheit sprechen möchte. Autodroschken wird es in dem Städtchen hoffentlich geben?
Die gab es. Pünktlich um sieden Uhr fuhr Fiedler am Försterhause vor, wo der Förster ihn bereits erwartete. Er führte ihn in ein Zimmer und versuchte als erstes, die beiden Dackel zu beruhigen, die den unerwarteten Besuch mit ohrenbetäubendem Gekläff empfangen hatten. Erst nach eingehender Beschnüffe- lung des Gastes erklärten sich Lump und Strolch mit seiner Anwesenheit einverstanden und rollten sich befriedigt auf ihrer Decke zusammen.
Dieser kleine Zwischenfall erleichterte die Bekanntschaft. Beide lächelten und unterhielten sich über Hunde: bas gab Fiebler einen Uebergang zu den berühmten Salukis der Heßlingschen Zucht, und von ba fiel es seiner Gewandtheit nicht schwer, das Gespräch auf das Verschwinden des jungen Barons zu bringen. Er hatte die ganze Zeit unauffällig, aber eindringlich den Förster beobachtet. Der Mann gefiel ihm, wie er seinerzeit dem Untersuchungsrichter Dr. Goltz gefallen hatte; er wirkte ehrlich und zuverlässig.
Der Kriminalrat faßte unter diesem persönlichen Eindruck den Entschluß, seine Karten offen aufzulegen, denn daß dieser Mann nicht zu Geralds Gegnern gehörte, war aus dem Prozeß klar hervorgegangen.
„Der junge Baron Heßling war anscheinend sehr beliebt?"
„Er verstand seinen Kram", antwortete der Förster kurz.
„Der junge Herr von Petry macht aber doch einen sehr liebenswürdigen Eindruck."
Ein kurzes „Jawohl" war die Antwort. Das offene Gesicht des Försters zeigte unverkennbares Mißtrauen.
„Lieber Herr Schröder", sagte Fiedler nun, „ich muß Sie bitten, über das, was ich jetzt sage, vorläufig strengste Verschwiegenheit zu bewahren. 3$ setze dabei voraus, daß Sie ein Freund des jungen Barons sind, denn um ihn handelt es sich."
Das Gesicht des Försters verriet höchste Spannung. „Wenn es sich um unseren Baron handelt, können Sie sich allemal auf mich verlassen."
„Das habe ich auch gehofft. Hören Sie zu!" (Fortsetzung folgt!)


