ltt.229 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zreitag, 30. Zeptember (938
Aus der Stadl Gießen.
Der „edyte" Herbstmonat.
2n der Aufteilung des Jahres gilt der September schon als Herbstmonat. In seiner ersten Hälfte schien es auch jo, als wollte er diese Charakteristik gründlich erfüllen, denn es begann nicht nur ein erheblicher Temperaturrückgang, sondern auch die äußere Wetterform nahm alle Symptome des unfreundlichen Herbstes an. Allein die zweite Hälfte des Monats brachte eine Wiederkehr des Sommerwetters in so idealer Form, daß man beinahe von einem „Julisommer im September" sprechen konnte. Es wird uns daher etwas schwer fallen, den echten Herbst, wie er im Oktober mit seinen Rauheiten und Unfreundlichkeiten die Macht ergreift, als un- » abänderliche Tatsache hinzunehmen. Allerdings braucht man nicht nur pessimistisch in den Oktober zu schauen. In der klimatischen Entwicklung vom Sommer über den Herbst zum Winter soll der Oktober jenen Zeitabschnitt bringen, der im Volksmund als „Altweibersommer" ebenso bekannt, wie beliebt ist. , Unter Altweibersommer versteht ntan ruhiges, heiteres Wetter mit verhältnismäßig milden Temperaturen in den Tagesstunden. Es ist allerdings damit nicht gesagt, daß unbedingt noch Blätter an den Bäumen, oder daß andernteils die Zweige schon völlig kahl, sein müßten. Der Zeitpunkt im Herbstablauf, der für den Altweibersommer in Betracht kommt, ist sehr verschieden. Mitunter kommen die Altweibersommertage bereits in der ersten Oktoberhälfte, nicht selten schieben sie auch ihren Eintritt bis in den November auf.
Da die zweite Septemberhälfte noch ausgesprochen sommerliches Wetter und Taaesmitteltempe- raturen brachte, die der Julihöhe entsprachen, dürfte der zu erwartende Umschlag im Oktober um so krasser in Erscheinung treten. Die mittlere Tagestemperatur des Oktober bewegt sich allmählich von 12 Grad abwärts bis auf 8 Grad, es muß also eine Temperaturabnahme ungefähr um die Hälfte der Wärme eintreten, wie wir sie bisher hatten. Das heißt: während bis jetzt die Mittagstemperaturen immer noch 20 Grad, zum Teil sogar 25 bis 28 Grad im Schatten erreicht hatten, sind für den Oktober mehr als 15 Grad in der ersten Hälfte und mehr als 10 Grad in der zweiten Hälfte kaum noch zu erwarten. Mit diesem Temperaturrückgang ergibt sich die Notwendigkeit des Heizens. Ferner ist auch ein zeitweiliger Rückgang der Nachttemperaturen auf und unter den Gefrierpunkt unausbleiblich. Der Oktober bringt die ersten stärkeren Nachtfröste nicht nur in den gebirgigen Landesteilen bzw. im Osten des Reiches, sondern ebenso in den klimatisch begünstigten Zonen West- und Nordwestdeutschlands.
Während im September kaum stärkerer Laubfall zu beobachten ist — wenigstens nicht in der freien Natur — setzt im Oktober die Entblätterung der Bäume in großem Umfange'ein. Durch das Auftreten der Nachtfröste ist im Laufe der zweiten Monatshälfte durchweg mit der> völligen Entlaubung der meisten Bäume zu rechnen. Weitere für den Oktober besonders typische Erscheinungen sind die Nebel und die ersten schweren Stürme. Aus dem nördlichen Polargebiet pflegen sich die kalten Luftmassen, die dort bereits im September zur Aufstapelung gekommen sind, mit aller Energie südwärts in Bewegung zu setzen. Sie brechen dann in die verhältnismäßig milden Temperaturgebiete unserer Zone ein und erzeugen in der langen Linie Nordamerika — Nordatlantik — Nordsee bis in den sibirischen Raum hinein die charakteristischen Sturmwirbelketten. Diese Sturmwirbel pflegen bei ihrem Kurs von Westen nach Osten gerade die mitteleuropäischen Länder von der Nord- und Ostsee her stark zu beeinflussen. Aus dieser Tatsache ergeben sich für den Lauf des Oktober die typischen Westwind-Wetterlagen mit Regen. Der gewisse Mangel an Niederschlägen, der im September vorhanden war, wird wieder ausgeglichen. Für den
Bachstelzen.
Von Karl Scherer.
Aus dem tiefgrünen Gebirgssee im Hochtal zwischen Bergföhren und Rottannen schäumt der Wildbach zu Tal. Hochauf spritzt der weiße Gischt und umflort die überhängenden Aeste der alten Fichten mit Myriaden glasklarer, funkelnder Tropfen. Wenn aber auf kurze Strecken der Bergwald sich lichtet, und die Sonnenstrahlen die strudelnden Wellen mit goldenen Funken bestreuen, stehen Regenbogen über dem' schießenden Wasser.
Doch an der Bergmühle im Tot, wo sich die Wiese zwischen die waldigen Hügel schiebt, hgt der wilde Geselle ausgetobt: das Wehr hat seine Kraft gebändigt, und nun strömt er ohne Sturm und Drang zwischen Erlen und Silberweiden weiter, die fetten Wiesengründe der Niederung befruchtend.
Auf einem Stein im gurgelnden Bach, der handhoch aus dem Wasser ragt, steht schwanzwippend ein zierliches, feingezeichnetes Bögelchen. Die Kehle schwarz wie Ofenru»;, aber blank wie polierter Stahl, ein lichtweißer Ring, den schlanken Hals umrandend, sticht prächtig ab gegen das sanfte Grau des Köpfchens: aschfarben Nacken und Rücken, Brust und Unterleib blütenweiß. Nun hebt es sich beschwingt in die sonnige Luft, quirlt im Kreis umher, fußt einen Augenblick auf dem schattigen Weidenzweig, auf dem sein Weibchen wartet — dann schwirren beide nebeneinander bis zum Mühlenkolk und lassen sich zwischen den feuchten Steinen nieder. Eilig rennen sie bachauf, bald über Kiesel und Sand, bald durch das seichte Uferwasser, nehmen eine Wassermotte, eine Stechmücke, eine Larve auf oder steigen steil in die Höhe, um einen vorübersurrenden Schildkäfer zu haschen.
Der Flug geht weiter bis zu der aus breiten Natursteinen gefügten Staumauer am Wehr, zwischen deren Runse'n das Nestchen der zweiten Brut stehen soll. Doch unterwegs lassen sie alles mitgehen, was sich darbietet- der Taumelkäfer am Quirl des Schachtelhalms und die Wasserspinne, die über die Ufersteine hastet, müssen daran glauben, und die Seejungfernlarve, die zur Unzeit am Stengel des Wassersterns aus dem nassen Element auftaucht, ist ein Leckerbissen ...
Mühle und Wehr, Bach und Ufergrün, feuchte Sandwege und moosige Steine im Wasser umschließen alle Lebenswünsche des Stelzengeschlechts. Hohe Linden umschatten den alten Fachwerkbau: auf dem langen Dachfirst läuft sichs prächtig von einem Spitzgiebel zum andern, und weit ist die Ausschau über das Tal. Wo ruht sichs besser als auf dem grauen Rahmengerüst der Schütze, unter der das Wasser dahinjagi, um das schwere Schaufelrad za
Heraus mit dem Alteisen!
Städter und Bauer Hilst mit!
NSG. Jedes Dorf hat seinen Schuttabladeplatz. In einer alten Kiesgrube, in Gräben, in Waldlosen, manchmal sogar in Teichen verschwindet der „Unrat", den das Dorf nicht mehr braucht. Auf den Höfen selber gibt es oft genug Ecken und Winkel, die voll von „Gerümpel" stehen. Bei irgendeiner Gelegenheit ist irgendein Gegenjtand aus dem Betrieb oder der Hauswirtschaft ausgeschieden worden und hat hier seinen endgültigen Ruheplatz gefunden. Kein Mensch kümmert sich mehr darum. Wind und Wetter und andere Umstände sorgen dafür, daß alle diese Gegenstände allmählich, aber sicher der Auflösung verfallen. Jeder Hof beinahe hat bei uns in Deutschland seinen „Friedhof", auf den all die teuren Maschinen und Geräte wandern, wenn sie ausgedient haben.
Wie auf dem flachen Lande ist es auch in der Stadt. In den Höfen der Häuser und in den Kellerräumen liegt unzähliger Schrott, der im Laufe der Jahre dort zusammengetragen wurde.
Mögen Neuanschaffungen den Geldbeutel des Betriebsführers belasten, bei weitem größer sind die Werte, die Jahr um Jahr dem Dolksvermögen verloren gehen, weil gewaltige Mengen an Rohmaterial in Gestalt der alten Maschinen auf den „Friedhöfen" der Äernichtung anheimfallen. Mit einer unbrauchbaren Maschine verschwindet nämlich nicht nur der Gegenstand, der in der Wirtschaft
keine Verwendung mehr finden kann, sondern vor allen Dingen der Rohstoff, den man zu seiner Herstellung verwendete. Nicht nur zu einer Notregelung, sondern zu einer dauerndes Einrichtung muß deshalb das Bestreben führen, alle diese Altmaterialien planmäßig zu sammeln und sie einer weiteren Verwendung zuzufü^en.
Generalfeldmarschall Goring hat deshalb den Reichskommissar für Altmaterialoerwendung beauftragt, das nutzlos herumliegende herrenlose Alteisen restlos sammeln zu lassen und der Eisen- und Stahlindustrie als Schrott zuzuführen. Die Oberste SA- Führung hat sich bereit erklärt, die SA. für eine Sammelaktion in der Zeit bis zum 31. Oktober 1938 einzusetzen. Sie wird dabei an keinem Haus, keinem Hof und keiner Wirtschaft vorübergehen. In den Dörfern, wo die Maul- und Klauenseuche herrscht, wird die SA. die Bauernhöfe nicht betreten. Bauern und Landwirte solcher Gegenden bringen das gesamte Alteisen, das sich auf ihren Höfen befindet, auf einem Dorsammelplatz des Dorfes zusammen, oder schaffen es wenigstens vor ihre Höfe.
Für die ganze Bevölkerung des Gaues Hessen- Nassau, für die Volksgenossen auf dem Land und in der Stadt muß in den nächsten Wochen die Parole lauten: heraus mit dem Schrott!
Bauer kommt es in Anbetracht dieser vielseitigen Wetterumgestaltung, die der Oktober als echter Herbstmonat mit sich bringt, darauf an, die späte Ernte, zu der namentlich das Einbringen der Win- terka'rtofseln gehört, in der ersten Monatshälfte abzuschließen, denn die erste Oktoberhälfte ist nach langjährigen Erfahrungen mehr vom Wetter begünstigt als die zweite, da sie, wenn auch in weniger ausgeprägter Form, die Fortsetzung des nachsommerlich anmutenden Septemberwetters bringt.
Eine noch markantere Spezialität ist dem Oktober vorbehalten: nämlich die Möglichkeit des ersten Schnees. In Jahren mit Neigung zum Frühwinter können die erwähnten Vorstöße kalter Luft aus dem Polargebiet so stark werden, daß es allgemein in den deutschen Mittelgebirgen, hin und wieder auch schon in der Ebene, insbesondere in Ostdeutschland und Bayern, zu Schneeschauern kommt. Von einer liegenbleibenden Schneeschicht kann natürlich noch keine Rede sein.
So ist der Oktober als „echter" Herbstmonat geneigt, alle seine Eigenarten herauszubringen, und wir müssen uns damit abfinden, daß der Herbst das Regiment übernommen hat. TI.
Dorrwtiren
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: Jubiläums - Vorstellung von Karl Volck: „Flachsmann als Erzieher". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Fall Deruga". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Fahrendes Volk".
Zubiläumsvorsiellung
anläßlich der 30jährigen Zugehörigkeit von Karl Volck zum Stadltheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute abend findet anläßlich der 30jährigen Zugehörigkeit von Karl Volck zum Stadttheater Gießen als Jubiläumsvorstellung die Aufführung von Otto Ernsts „Flachsmann als Erzieher" statt. Der Jubilar ist einer der beliebtesten Gießener Schauspieler und Spielleiter, der immer wieder durch seine große Wandlungsfähigkeit auf der Bühne das Publikum begeistert. In den 30 langen Jahren gestaltete er weit über 700 verschiedene Rollen, von denen eiye große Anzahl auch über die Bad-Nau- heimer^Bühne ging. Spielleitung: Dr. Hannes Ra
zum, Bühnenbild: Karl Löffler. Es wirken mit: Margot Eickhoff, Hilde Kneip, Rose Stirl, Giefela Vollert, Eduard Cossovel, Walter Erler, Gert Geiger, Hans Geißler, Friedrich Gröndahl, Kurt Haars, Hans Schlick, Peter Schorn, Hans Seitz, Karl Volck, Erich Weiland. Die Vorstellung findet als 1. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Kastanienernte.
V. A. Auch in diesem Herbst ist wieder der Ruf an unsere Jungen und Mädel ergangen, Roß-Kastanien, Eicheln und Bucheckern zu sammeln, um sie im Rahmen des Vierjahresplanes einer nutzbringenden Verwertung zuzuführen. Bei sachgemäßer Aufbewahrung sind diese Samen, neben der Wildfütte- rung, auch für Mast- und Arbeitsvieh wertvolle, nährstoffreiche Futterstoffe, die bei sparsamer Der- fütterung dem Landwirt, der seine Futtermenge im eigenen Betrieb erzeugt, Flächenraum erspart. Außerdem stellen diese Baumfrüchte für unsere Volkswirtschaft einen wichtigen Rohstoff dar, da aus ihnen Eiweiß, Fett und Stärke gewonnen wird. Weil die Kastanienernte von Jahr zu Jahr sehr wechselt, wird der Durchschnittsertrag je Baum zwischen 40 bis 300 Kilogramm geschätzt. Bei einem Durchschnitt von nur 25 Kilogramm würde sich eine Ernte von 25 000 Tonnen ergeben.
Das Kastanienöl gleicht in seiner Zusammensetzung .und Verwertungsart dem Erdnußöl und macht, selbst wenn man es nicht mittelbar zur menschlichen Ernährung verwendet, Fette, die als technische Fette dienen, für die Ernährung frei. Außer Oel und Stärke enthält die Kastanie auch Saponine (Sapo = Seife), ein stark Schaum bildendes Erzeugnis, das bisher aus dem Ausland bezogen werden mußte. Wenn es gelingt, selbst inländijche Saponine her- zustellen, würde für die Schaumlösch-Seifen- und pharmazeutische Industrie die Einfuhr mancher Rohstoffmenge erspart bleiben.
Man muß also die Jugend in ihrem Sammeleifer nach Kräften unterstützen, sie aber darauf Hinweisen, die Kajtanien nicht unreif von den Bäumen $u schlagen, da unreife Kastanien für Futterzwecke wertlos sind. Bucheckern dürfen nur bei trocknem Wetter gesammelt werden, weil die stachligen Samenkapseln sonst geschlossen bleiben und die Kerne nicht von selbst herausfallen. O. E.
25 Jahre im städtischen Sozialdienst.
Am morgigen Lamstag, 1. Oktober 1938, kann bei? Vorstand des Städtischen Wohlfahrtsamtes, Verwaltungs-Amtmann Rudolf Keitzer, auf eine 25- jährige Tätigkeit im Dienste der Stadt Gießen zu- rückblicken.
Amtmann Keitzer kam am 1. Oktober 1913 äus der Laufbahn der gehobenen mittleren Justizbeamtenschaft in den Dienst der Stadt Gießen. Er trat damals — wie wir im „Gießener Anzeiger" vom 24./25. September in unserm Artikel „25 Jahre Berufsvormundschaft der Stadt Gießen" bereits mitteilten — sogleich in den Sozialbtenst unserer Stadt ein, da ihm die besondere Aufgabe zugedacht war, beim Aufbau der zu jenem Zeitpunkt in Gießen eingeführten städtischen Berufsvormundschaft an hervorragender Stelle mitzuarbeiten. Der Gang der Entwicklung führte schon nach knapp Jahresfrist dazu, ihm an Stelle der bei Ausbruch des Weltkrieges alsbald bzw. schon kurze Zeit darauf ins Feld gerückten beiden Vorgesetzten die Amtspflichten des Berufsoormundes allein zur Erfüllung zu übertragen. Dieser Verpflichtung wurde er in so ausgezeichneter Weise gerecht, daß er im Jahre 1919 die gerichtliche Bestellung und Verpflichtung für das Amt des Berufsvormundes für die Stadt Gießen erhielt und im Frühjahr 1920 von dem Oberbürgermeister unserer Stadt zum Berufsoormund bestimmt wurde. Nachdem er am 1. April 1920 zum Sekretariatsvorftand bestellt worden war und einige Zeit später die Dienstbezeichnung „Stadtoberinspektor". erhalten hatte, erfolgte am 1. Mai 1923 seine Beförderung zum Verwaltungs-Amtmann. Im Jahre 1925 erhielt er zu seinem Verwaltungsbereich noch das Versicherungsamt der Stadt Gießen hinzu, das er seitdem als stellv^ Vorsitzender verwaltet.
Die Tätigkeit des Jubilars war von Anfang an bem Wohlfahrtsbienft unserer Stabt geroibmet, ber sich früher in dem bamals so bezeichneten Armenamt, nach bem Kriege in bem Städtischen Wohlfahrtsamt entfaltete. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die insbesondere nach dem Kriege jahrelang die Abwicklung der Wohlfahrtsarbeit belasteten, brachten Amtmann Keitzer viele schwere Aufgaben. Stets war er bestrebt, alle Probleme in großzügiger- von starker Hilfsbereitschaft für die notleidenden Volksgenossen bestimmter Weise zu lösen. Dabei handelte er nach dem Grundsatz: nicht nur geben, sondern vor allem helfen! Er sah denn auch eine seiner vornehmsten Pflichten darin, nicht nur der sozialen Fürsorge gerecht zu werden und ihr immer mehr die Wege zu ebnen, sondern im wohlverstandenen Interesse der Volksgenossen auch die soziale Erziehung in gebührender Weise zur Geltung zu bringen.
In den Jahren der Inflation und in den überaus trüben Jahren der Massenarbeitslosigkeit und des damals geradezu von Tag zu Tag ansteigenden Massenelends stand natürlich das Städtische ,Wohlfahrtsamt und mit ihm der Amtsvorstand 'Keitzer ganz besonders im Brennpunkt des öffentlichen Geschehens und ber befonberen Aufmerksamkeit aller vom Schicksal schwerbetroffenen Familien unserer Stabt. Es gab bamals im Bereiche des Wohlfahrtsamts oft schwere und ernste Stunden, begreiflich aus der geradezu verzweifelten Notlage vieler Volksgenossen in jener Zeit, aber auch zum Teil erklärlich durch die hemmungslose Verhetzung, die damals unter besonderer Skrupellosigkeit ber Kommunisten vor sich ging. Bei manchen stürmischen Auseinanbersetzungen im Wohlfahrtsamt hatte Amtmann Keitzer einen schweren Stand, aber alle diese Dinge und auch manche Verkennung seines von aufrichtiger Hilfsbereitschaft geleiteten Wirkens vermochten nicht, ihn von feiner Linie des sozialen Verständnisses und dessen praktischen Anwendung abzubringen. Wer beruflich ober, ehrenamtlich mit ihm zusammengearbeitet hat, ber kann bezeugen, baß das Wohlfahrtsamt in Amtmann Keitzer allezeit einen ber besten unb sozial großzügigsten Beamten besaß, dem die ßinberung der Not und bie
treiben! Hurtig trippelt der Stelzenhahn bas Ge- länber des Bachsteigs entlang, schwingt sich zu kurzem Flug auf unb läßt seinen Liedes- unb Lockruf hören, benn bas Weibchen baut fchon fleißig am Nest in ber Tiefe der Mauernische über dem Wasser. Hier sinb bie Kleinen geborgen gegen die Katze unb gegen die Lerchenfalken aus bem nahen Hoch- walb, ber bie Jungen ber ersten Brut im Nest zwischen den Ufersteinen bachaufwärts mordete.
Ein zärtliches Paar. Immer bleiben sie beiein- anber auf Blickweite nahe, kaum baß sich eins vom anberen auf Augenblicke entfernt. Wenn ber erste graue Dämmer erwacht, tauchen sie aus bem Schlafwinkel, ber gewölbten Mauerkrone der Hofpforte, unb bie Flüge nehmen ihren Anfang. Ueberall ist für Schnabel ober Nestbau etwas zu finben. Das Fundament ber Mulbe bilben trockene Würzelchen unb berbe Stengel aus bem Gebüsch am Mühlgraben, darüber werden feine Reiser und Moosblättchen geschichtet: das Männchen trägt zu, die Henne verwebt alles sorglich und dicht, damit die Kälte ber Mauersteine der Brut nicht schadet. Doch da zieht schon ber Müller die Pferde zum Striegeln aus dem Stall, und nun weichen beide nicht mehr vom Hof, denn Pferdehaar aus Mähne und Schweif ist das Herrlichste, was es an Baustoffen gibt, dazu zarte Wollbüschel, wie sie die Schafe auf der nahen Hude verlieren und die der Neftmulde erst die rechte Weiche und Wärme geben.
Bald liegen sechs grauweiße braungetüpfelte Eier im Nest, größer fast, als der zierliche Bau des Tierchens erwarten läßt. Schon nach zwei Wochen brechen die Schalen, unb die Nesthocker werben von ben Eltern unermüblich versorgt: boch will ein vorwitziger Gelbschnabel bie bergenbe Mauerhöhle, unter ber bas tiefe Wasser raufcht, vorzeitig verlassen, bann steht Mutter Wippsteert in ber schmalen Einfahrt, sperrt ben Ausgang und brängt das Kroppzeug in die Tiefe zurück. Am Tag des ersten Ausflugs aber laufen die flinken Kleinen wie graue Mäuschen mit den Alten schon um die Wette ben Bachlauf hinauf, benn bie quecksilbrige Unrast uno Beweglichkeit ist ihnen angeboren ...
Der Oktober hat bie ersten Stürme gebracht, all- abenblich liegen weiße Nebelschleier über den feuchten Wiesen. Schon in ber letzten Septemberwoche haben sich starke Stelzenschwärme in bem geschützten Bergwinkel versammelt, barunter Gelb- unb Schwarzstelzen unb bie schöne Trauerstelze. Tagsüber folgen bie Ackermännchen in schwarz-weißem Gewimmel ben bampfenben Braunen bes Müllerknechts, ber ben Pflug bie Stoppelbreiten auf- unb niederführt, lesen bie Engerlinge von den Schollen und Herbergen bie letzten Nächte im bichten Rohr bes Mühlteichs, bem Starnrna-fyl ber schwarzen Star- geschwaber zur Herbstzeit. Heute blaut ein frischer Morgen Über dem weiten Tal, Sonne und Wlnd
locken zum Aufbruch: in kurzen Etappen gehts im Wellenflug nach Süden. Doch nicht allzu weit: viele überwintern an ber blauen Adria unb an der Riviera, das sonnige Kap Martin ist das Winterpara- bies von Tausenden ber kleinen Südlanbsflieger, anbere ziehen bis Tunis unb zum Nilbelta.
• Im März sinb sie wieder da und verteilen sich über die deutsche Heimat: denn bort.ifts doch am schönsten: die Weiden am Bach knospen schon, die Wiesen werden grün, und Tag und Nacht braust das Wehr...
Mit dem Kopf nach unten.
Bor 25Jahren: der erste „Looping the loop“.
Vor 25 Jahren, im September 1913, gab es drei Ereignisse in der Flugkunst, die die Welt in Atem hielten: Gar ros Überflog als Erster das Mittelmeer, Prävost erzielte die damals erstaunlich scheinende Geschwindigkeit von 200 Kilometer in ber Stunde, unb, was in ber ganzen Welt das größte Aufsehen erregte, Pegoud führte zum erstenmal bas „Looping the loop“ aus, bas feinen Nomen berühmt gemacht hat. Wenn wir heute die Leistungen unserer Kunstflieger sehen, so erscheint uns bas, was Pegoud gelang, als ein bescheibener Anfang. Aber allen, bie es damals miterlebten, wissen, b«ß diese „Kunststücke" zum erstenmal das Gefühl erweckten, daß der Mensch wirklich die Luft zu beherrschen begann, so frei unb ungezwungen, so von aller Schwere gelöst erschienen biese Menschenflüge. Pögoud hat bamals selbst erzählt, wie er auf die- fes Wagnis gekommen ist. Bei einem Fluge war jein Apparat in eine gefährliche Lage geraten, er schien zu kentern, unb ber Absturz unvermeiblich. Dann aber richtete er sich mit einem Mal wieder auf. In diesen kurzen, bangen Augenblicken kam Pegoud zum erstenmal der Gedanke, daß es doch nicht schwer sein könnte, auch „auf dem Kopfe" zu fliegen. ,Jch erprobte nun", erzählte er weiter, „daß ich bei vorsichtiger, ruhiger Behandlung mein Flugzeug wieder aufrichten konnte. Als ich landete, sprach ich sofort mit Bl6 riot davon, daß ich Versuche in dieser Richtung machen möchte. Ich erklärte ihm, ich sei überzeugt, däß ein kaltblütiger Mensch sich in der Luft vollkommen umdrehen und mit dem Kopf nach unten fliegen können müsse, die Tatsache, daß bei diesen Zwischenfällen keinerlei Gefahr bestehe, wenn der Flieger nur die Geistesgegenwart bewahrt, müsse für alle Flieger von ungeheurem Werte.fein. Blöriot sagte: „Pögoud, ich muß mir das überlegen. Sie werden Ihr Leben riskieren unb bie Verantwortung bafür ist so groß, baß ich dazu nichts ohne ernste llebertegung beitragen kann."
Ein paar Tage später jagte er mir, ich könne den
Versuch mögen. Unb so flog ich empor, drehte mich um, flog auf dem Kopfe unb richtete mich roieber in bie gewöhnliche Lage auf, worauf ich ohne Zwischenfall landete. Die ganze Geschichte ist keineswegs gefährlicher wie das gewöhnliche Fliegen: es mußte nur ein erstes Mal gemacht werben. Ich muß ehrlich gestehen, baß "ich keinen Augenblick Angst hatte: ich führte auch einen Fallschirm an Borb, ben ich schon vorder erprobt hotte. So stieg ich mit meinem ausgezeichneten Motor auf, und alles ging vortrefflich. Ich fürchte, ich kann nicht anschaulich schildern, was man dabei empfindet, wenn man auf dem Kopfe fliegt; der beste Vergleich ist wohl ber Kopfsprung ins Wasser. Wenn man auf bem Londe eine Volte schlägt, ist man natürlich etwas nervös, weil man nicht ganz sicher weiß, wie man niederfallen wirb. Im Wasjer aber unb ebenso in ben Lüften kommt bas Fallen nicht in Betracht. Das Wasser trägt uns unb ebenso bie Luft bei ben großen Geschwindigkeiten, mit denen man fliegt. Die Empfindung dabei ist wunderbar. Ich schnalle mich an meinen Sitz fest, habe volle Bewegungsfreiheit unb bas Gefühl völliger Sicherheit.
Zuerst, wenn bas Vorberteil bes Flugzeuges sich immer höher unb höher emporrichtet, ist es, als glitte man auf Rädern an einer steilen Wanb empor. Es gibt dabei keine Stöße und Erschütterungen: ber Hanb bes Führers gehorsam breht sich bas Flugzeug sanft weiter und dann ist es erreicht; man fliegt auf bem Kopfe. Aus dieser Lage hat man eine prachtvolle Aussicht auf bie Erbe unter einem. Einen Nachteil freilich muß man einstweilen hinnehmen, und das ist der Sprühregen von Petroleum, ber aus bem Motor auf einen niebergeht. Ich entsinne mich, wie ich mir beim ersten Versuche unwillkürlich sagte: „Hallo, Pegoud, alter Junge, du scheinst zu träumen. Du fliegst überhaupt nicht, bu bekommst nur eine reichlichere und stärker riechenbe Dusche als , beim Friseur." Aber ich kann biefen Flug von oben nach unten jebem empfehlen, er ist gut für die Lungen und frischt auf. Er ersetzt eine Woche Seeluft. Aber man fliegt mit alten Kleidern, denn wenn man hinabkommt, wird man sich schlimmer zu gerichtet finden, als man glaubt. Und dafür kann man sich beim Petroleum bedanken."
Pägoud hat babei immer betont, baß es sich für ihn keineswegs nur darum handle, akrobatische Kunststücke auszuführen, sondern daß er beweisen wollte, daß ein in irgendeine Richtung gebrachtes Flugzeug wieder auf seine Linie zurückkommen kann, ohne daß der Pilot in Gefahr gerät „Ich bewege mich in allen möglichen Lagen, ich ahme alle möglich Stürze nach, unb ich bringe immer roieber ben Apparat in feine normale Lage. Ich wollte da- mit meinen Kameraben ben Beweis erbringen, baß sie auch in ben kritischsten Lagen niemals das Vertrauen zu verlieren brauchen," B.


