Ausgabe 
30.6.1938
 
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Nr. 150 Erstes Matt

188. Jahrgang

Donnerstag, 30. Juni (938

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Cm großartiges Zeugnis nationalsozialiUchen Aufbauwillens

Einweihung der Auhrtalsperre in Schwammenauel durch Ileichsminiffer Darre.

Schwammenauel, 30. Juni. (DNB.) Am Mittwochnachmittag wurde die Ruhrtalsperre Schwammenauel in der Eifel durch Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Darrs feierlich eingeweiht. Am 2. Mai 1934 hatte Reichs­organisationsleiter Dr. Ley den Grundstein zu die­sem für den ganzen westlichen Grenzlandraum sehr bedeutungsvollen Werk gelegt. In vierjähriger Bau­zeit haben über 1 4 000 Arbeiter in einer Mil­lion Tagewerke unermüdlich an dem gewaltigen, 350 Meter langen und 52 Meter hohen Staudamm gearbeitet. Der Damm hat an seinem Fuß eine Breite von 340 Meter und verjüngt sich bis zur Krone, über die heute eine breite Fahrstraße führt, auf 10,5 Meter. 100 Millionen Kubik­meter Wasser werden sich nach endgültiger Fül­lung hinter diesem Riesendamm stauen. Der Sperr­fee zieht sich über 20 Kilometer durch die Täler hin und bedeckt eine Fläche von 6,9 Quadratkilometer.

Eine starke Abordnung der Bauarbeiter und viele Ehrengäste der Reichs- und Staatsbehörden, der Partei und ihrer Gliederungen, der Wehrmacht, Wirtschaft sowie die Teilnehmer der Reichswasser- Wirtschaftstagung in Aachen, waren zu dem Festakt erschienen. Rings um die Tribüne hatten Ehren­formationen der Partei und ihrer Gliederungen, des Arbeitsdienstes und die Junker der Ordensburg Vogelsang Aufstellung genommen.

Der Vorsteher der Wassergenofsenschaft Schwam­menauel, Staatsrat Dr. Jarres, begrüßte Reichs­minister Darrs. Der Redner dankte für die ftnan- zielle Hilfe von Staat und Provinz und gab be­kannt, daß die Genossenschaft als Zeichen ihres Dankes der NSV. ein reizvoll gelegenes Gelände auf einer in den Stausee hineinragenden Halbinsel zur Errichtung eines Heimes zur Verfügung stellt. Dr. Jarres gedachte weiter der Verdienste der Mitarbeiter am Werk, nicht zuletzt der Arbeiter­schaft, und ehrte abschließend die sechs Opfer der Arbeit, die auf der Arbeitsstätte ihr Leben lassen mußten. Unter den Klängen des Liedes vom guten Kameraden enthüllte er eine ihrem Andenken ge­widmete Ehrentafel.

Stürmisch begrüßt nahm dann der

Reichsminister Mr 6

das Wort zu seiner W e i h e r e d e, in der er u. a. folgendes ausführte:

Mit dem heutigen Tage wird vor der Oefsent- lichkeit der Bau der Ruhrtalsperre Schwammenauel zum vorläufigen Abschluß gebracht. Der Bau liegt vor uns als ein neuer stolzer Beweis für den Auf­bau w i l l e n des Dritten Reiches und für den Aufstieg unseres deutschen Vaterlandes. Der Baubeginn vor vier Jahren stand noch ganz unter dem Zeichen der vom Führer befohlenen Arbeits- beschaffungsmaßnahmen. Die Talsoerre Schwam­menauel hat also bereits während ihres Baues eine große Ausgabe im Rahmen des Wiederaufbauwerkes erfüllt. Ihr Bau war aber nicht eine Arbeits- beschaffungs- und Notstandsmaßnahme schlechthin. Die Talsperre hat eine große bleibende Auf­gabe zu erfüllen, die sich mit dem Satz umschrei­ben läßt: Es soll für ein großes besiedeltes Gebiet Schaden verhütet und Nutzen gebracht werden.

Darüber hinaus bedeutet die Fertigstellung der Talsperre einen großen Schritt vorwärts, dem für die deutsche Wasserwirtschaft und das deut­sche Landeskulturwerk von mir gesteckten Ziele entgegen: Zu einem ausgeglichenen Wasserhaushalt innerhalb unse- ter Volkswirtschaft zu kommen. Wir wissen, daß unser deutscher Dasserschah mengen- mäßig begrenzt ist. Der ständig zunehmende Wasserverbrauch auf allen Gebieten hat in ein­zelnen Gegenden unseres Vaterlandes bereits zu nicht unerheblichen Schwierigkeiten geführt. Es muh alles darangefeht werden, unseren kostbaren deutschen Wasservorrat so zu bewirt­schaften, daß das Wasser nicht mehr unbenutzt dem Weere zufließen kann. Wir müssen zu einer planvoll betriebenen Wasserwirtschaft kommen, für die in vieler Hinsicht die Markt­ordnung im Agrarsektor ein Beispiel sein kann. Diese planvoll betriebene Wasserwirtschaft muh vor allem im Hinblick auf die Notwendigkeit der Steigerung der landwirtschaft­lichen Erzeugung gefordert werden, wie überhaupt die Ordnung der landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Erzeugung die Ordnung der Wasserwirtschaft vorausseht.

Zur Erfüllung dieser Forderungen spielt der Dau von Talsperren eine entscheidende Rolle. Nur durch entsprechende Vorratsräume kommen wir zu einer wirklichen Beherrschung des Wassers nur durch sie sind wir in der Lage, die Hochwasser abzu fangen und den Niedrigwasserstand der Flußläufe auszufüllen, um in Zeiten der Trocken­heit Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie aus­reichend mit Wasser versorgen zu kön­nen. Dabei bleibt für die Meisterung der großen wasserwirtschaftlichen Aufgaben, die heute gestellt sind, die Talsperre das einzige Mittel, um das Wasser in einem großen Niederschlagsgebiet zu beherrschen. Deshalb müssen alle Talsperren aber auch grundsätzlich unter großen übergeordneten wasserwirtschaftlichen Gesichtspunkten geschaffen wer­den. In jedem Falle muß aber den A n s o r d e - rungen der Landeskultur in. ihrem vol­

len Umfange Rechnung getragen werden, denn für öiä landwirtschaftliche Erzeugung in ihrer Abhängig­keit von ausreichender Wasserversorgung und ihrer Standortgebundenheit wirken sich fehlerhafte Ein- : griffe in den Wasserhaushalt einer Gegend am aller­schädlichsten aus.

Die neue Talsperre hier wird diesen Forderungen gerecht. Außerdem dient sie im Rahmen des wasser­wirtschaftlich Möglichen der Erzeugung von elektri­schem Strom. Wenn ich die neue Talsperre, die sich

nunmehr in den gewaltigen Rahmen der Bauten des Dritten Reiches als stolzes Bauwerk einfügt, ihrer Bestimmung übergebe, so geschieht das nicht nur mit allen guten Wünschen, daß sich der neue Bau zum vollen Segen für dieses Grenzland und seine fleißige und tüchtige Bevölkerung auswirken möge, sondern auch mit unserem Dank an den Führer, der uns auch hier wieder die Möglich­keit gegeben hat, einen wertvollen Beitrag .3irr Ord­nung der deutschen Wasserwirtschaft zu leisten."

General Francos Antwort an Lonvon.

Oie Bombenabwürfe auf britische Schiffe. - Um die Zuerkennung der Kriegsrechte an Franco.

London, 29. Juni. (DNB.) Wie verlautet, wird der britische Agent in Burgos, Hodson, am morgigen Donnerstag in London eintreffen. Er bringt, wie an zuständiger Stelle verlautet, die Antwort Francos auf die letzten britischen Vorstellungen mit. Hodson wird dann bekanntlich die gesamte Lage mit der britischen Regierung be­sprechen.

Times" veröffentlicht Zuschriften von Sir Fran­cis Lindley und Generalmajor Guy D a w n a y. Beide setzen sich für eine de-facto-Anerken- nung der spanischen Parteien als Kriegführende ein. Lindley schreibt: Hätte England vor zwei Jahren klar erkannt, daß sich in Spanien ein Bürgerkrieg im Ausmaß des nord- amerikanischen Bürgerkrieges von 1861 entwickle, dann wäre die Lage der Leute, die mit den Krieg­führenden Handel treiben, geklärt, dann würde heute niemand von der enalischen Regierund erwarten, daß sie britische Schiffe unter Verhältnissen schütze, unter denen sie niemals auf solchen Schutz Anspruch hätten. Generalmajor Guy Dawnay führt aus, man könne sich schwer der Folgerung verschließen, daß die Verweigerung des R chtes von K r i e g f ü h r e n d e n an die National­spanier nicht, nur eine Hauptursache für die Schwierigkeiten Englands sei, sondern daß diese Verweigerung auch im Widerspruch mit den Grund­sätzen des internationalen Rechtes stehe.

Der italienische Standpunkt.

Die Unterredung

zwischen Gras Ciano und Lord Perth.

London, 29. Juni (Europapreß.) In einer halbamtlichen Verlautbarung wurde am Mittwoch­abend bestätigt, daß die Dienstagunterredung zwi­schen dem italienischen Außenminister Graf (Ei a n 0 und dem englischen Botschafter Lord Perth das Bombardement englischer Schiffe in spanischen Gewässern zum Gegenstand hatte. Die Vorstellungen des englischen Botschafters, so heißt es in der Verlautbarung, wurden von Gras Ciano in freundschaftlich st em Gei st auf» genommen. Der italienische Außenminister habe be­tont, daß die Streitkräfte der nationalspanischen Regierung ausschließlich dem Kommando des Gene­rals Franco unterständen. Italien habe daher

keinen Einfluß auf die Maßnahmen der national» spanischen Luftstreitkräfte. Nichtsdestoweniger, so heißt es in der Verlautbarung, habe Graf Ciano dem Botschafter versichert, Italien habe den Wunsch, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um der englischen Regieruna bei ihren Bemühungen um die Einstellung der Luftangriffe, bei denen englische Schiffe in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, zu helfen.

Rom, 29. Juni. (DNB.)Messadgero" wirft die Frage auf, wie lange Europa sich noch die sowjetrussischen und sowjetspanischen Quertrei­bereien und Drohungen mitansehen wolle. Da­mit Europa aus dem Netz des sowjetrussischen Spie­les endlich herauskomme, so antwortete das Blatt, gebe es nur eines: die Zuerkennung der Kriegsrechte an Franco. Damit würden ohne weiteres alle Zweideutigkeiten und die damit verbundenen Gefahren des spanischen Konfliktes verschwinden. Gerade die logischen Widersprüche der gegenwärtigen Lage ermöglichten es den Bolsche­wisten, ihr verbrecherisches Treiben durch Einwände fortzufetzen.

Bolschewistischer Tankangriff zusammengebrochen.

Bilbao, 30. Juni. (DNB. Funkspruch.) An der Teruel-Front unternahmen die Roten einen Gegenangriff im Abschnitt Valbona la Muela, der jedoch unter schweren Verlusten der Bolsche­wisten abgewiesen wurde. Die Roten setzten zahlreiche Tanks ein, von denen fünf zusammenge­schossen wurden. Im Abschnitt Araya der Castellon- Front konnten die nationalspanischen Stellungen verbessert werden. Bei Ribesalbes wurde die Be­setzung des Cordal-Gebirges fortgesetzt. Die natio­nalspanischen Truppen befreiten über 500 Per­sonen, die in den Tälern eingeschlossen waren. Die Noten verloren viele hundert Tote, auch konnten wieder zahlreiche Gefangene gemacht werden. An der Estremadura-Front wurde im Abschnitt Pera- lera de Zaucejo ein bolschewistischer Angriff glück­lich abgewiesen. Die Luftwaffe bombardierte gestern den Flughafen Rabsa bei Alicante und zerstörte verschiedene militärische Anlagen.

Der Fall Sandys wird zur Kadinettssrage.

Ausschluß von llnterhausmitgliedern aus b?t Territorial-Armee.

Der Prioilegien-Ausschuß des Unterhauses ist

am

London, 30. Juni. (DNB. Funkspruch.) Der

London, 29. Juni. (DNB.) Der Fall Dun­can Sandys trat Mittwoch in ein neues Sta-

Mittwochnachrnittag zur Prüfung des Falles San- d y s zusammengetreten. Später teilte Premier­minister Chambeklain im Unterhaus mit, daß Kriegsminister Hoare B e l i s h a das Militärunter­suchungsverfahren solange aufschieben werde, bis der Prioilegien-Ausschuß seine Entscheidung getrof­fen habe.

dium. Sandys teilte dem Unterhaus mit, daß er in seiner Eigenschaft als Offizier der Territorialarmee den Befehl erhalten habe, in Uniform vor dem militärischen Untersuchungsgericht zu erscheinen. Sandys, der bekanntlich streng geheime In­formationen über den Stand der Auf­rüstung in der Flakartillerie vor das Unterhaus gebracht hatte, ist vom Generalstaatsan­walt ersucht worden, seine Informationsquelle zu

walt ersucht worden, feine Informationsquelle zu Fall Sandys läßt in der heutigen Morgenoreffe nennen. Gleichzeitig ist ein militärisches Unter» ! aye anderen Fragen in den Hintergrund treten, fuchungsgericht eingesetzt worden, das ihn nun wie Mehrere Blätter deuten an, daß sich das Kabinett Sandys im Unterhaus bekannt gab, vorgeladen bereits jn seiner gestrigen Sitzung mit der Frage habe. Sandys wandte sich darauf an das Unterhaus befdjäftigt habe, ob es angebracht sei, daß ein Ofsi- mit der Frage, ob seine Ladung vor das Militär- |$icr ber Territorial-Armee gleichzeitig Mitglied des gericht nicht einen Verstoß gegen die Vorrechte des Unterhauses sei. So weist der Parlamentmitarbeiter Unterhauses darstelle. Er müsse das Unterhaus er-1 berTimes" darauf hin, es fei die Frage aufge- suchen, zu entscheiden, ob sein Fall einen B r u ch taucht, ob es wünschenswert sei, daß Unterhaus» der Privilegien des Unterhauses be= rnitgüeöer zur gleichen Zeit einen Posten in der deute. Nach einer Erklärung des Sprechers, daß Territorialarmee bekleiden. Der politische Mitarbei- man nun prüfen müsse, ob Verstöße gegen die Pri- ter desDaily Expreß" behandelt diese Frage in vilegien vorgekommenB seien, stellte Chamberlain Weichem Sinne und berichtet ergänzend, daß das den Antrag, die Angelegenheit zur endgültigen Klä-, Kabinett das Problem einer strengeren Wahrung rung dem Privilegienausschuß des Unter« Don Amtsgeheimnissen erörtert habe Hauses zu überweisen. |Daili) Mail" meint, vielleicht werde das Kabinett

Nachdem die Regierung noch verschiedentlich von den Ausschluß von Unterhausmitgliedern aus der Ter- Abgeordneten der Opposition angegriffen worden ritorialarmee beschließen.Daily Telegraph" setzt in mar, gab Kriegsminister Hoare Belisha eine einem Leitartikel die Gefahr auseinander,-die cnt- Erkl'ärung ab. Er sagte, daß im Heeresrat der Ein- stehe, wenn das Parlament seine Vorrechte Dieb bmck geherrscht habe, daß ein Offizier sich des Der- leicht zu weit treibe. Die Parlamentsprivilegien trauensbruches schuldig gemacht-habe. Der Heeres- dürften sich nicht zum Nachteil der nationalen Si- rat hätte sich also einer Pflichtverletzung schuldig cherhest auswirken. Die Oppositivnsblätter sehen gemacht, wenn er nicht sofort Schritte unternommen bereits das gesamte Kabinett mit dem Fall Sandys hätte Zweck des Verfahrens fei lediglich festzustel- gefährdet. So schreibt der marxistischeDaily He­len ob ein Offizier der britischen Armee einen | ralb", die Regierung werde im Falle einer unmit» Vertrauensbruch begangen habe. Hoare Be- telbaren Herausforderung im Unterhaus die De r - licha bestätigte, daß der Verftauensbruch im Heeres-' t r a u e n s f r a g e stellen, mit deren Ausgang sie rat durch den Brief bekannt geworden sei, den San-, stehe ober falle.

dys an ihn, Hoare Belisha, geschrieben habe. 1 ------

Das Neutralitatsproblem.

Auch Belgien

nimmt an der Konferenz in Oslo teil.

Arn 23. Juli finden sich in Kopenhagen die Außenminister der Staaten ein, die als Oslo- Gruppe bezeichnet werden. Es sind indessen nicht währungs- und handelspolitische Fragen, die dies­mal die Tagesordnung bilden, sondern es steht das Verhältnis der Oslo-Gruppe zur Schweizer Dteutralität zur Verhandlung. Ursprünglich war die Oslo-Gruppe ein mehr oder weniger fester Verband, um sich gegen die rücksichtslose Wirt­schafts- und Währungspolitik gewisser Großmächte zur Wehr zu setzen, ohne dabei die Ergebnisse zu erzielen, die erwartet wurden. Aber die Oslo- Gruppe hat darum nicht an Anziehungskraft ver­loren, denn die Tatsache, daß nun auch Bel­gien an den Verhandlungen teilnehmen will, läßt erkennen, wie sehr es die mittleren Staaten ohne Rücksicht auf die geographische Lage für notwendig halten, ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu erteidigen. Hier läßt sich deutlich erkennen, wie ver­heerend die Sanktivnspolitik der Genfer Liga sich ausgewixkt hat, denn es war die Oslo-Gruppe, die sich zuerst von der Politik absonderte, die der Gen­fer Zweckverband gegenüber Italien erzwingen wollte. Nun hat die Schweiz von sich aus das ge­tan, um ihre unbedingte Neutralität allen macht- politischen Zwischenfällen gegenüber sicherzustellen, insbesondere aber gegenüber solchen Zwischenfällen, die mit der Mitgliedschaft zur Genfer Liga verbun­den sind.

Auf die Staaten der Oslo-Gruppe in weiterem Sinne hat die Neutralitätspolitik der Schweiz einen um so größeren Eindruck gemacht, als einzelne Teil­nehmer von sich aus schon'versucht haben, ihre Neu­tralität auch völkerrechtlich unangreifbar zu machen. Zu diesen Staaten gehört auch^B elgien, das durch Versailles und Genf zeitweilig in die Ab­hängigkeit von Frankreich gedrängt worden war, in einer Form, die Belgien selbst jede Freiheit der Entschließungen nahm. Die Genfer Liga hat es zu allen ihren anderen Fehlschlägen und Mißerfolgen auch nicht annähernd fertig gebracht, bei dem größ­ten Teil ihrer Mitglieder auch nur das Gefühl her­vorzurufen, daß völkerrechtlich gesehen, die kleinen und mittleren Staaten auf unbedingten Schutz und auf unbedingte Sicherheit durch Genf hät­ten rechnen können. Immer wieder wurde die Er­fahrung gemacht, daß die Genfer Liga eigentlich nur der Zweckverband für die westlichen Groß- Demvkratien war, die sich für ihre reine Machtpoli- tik immer wieder von der Genfer Liga durch Mehr­heitsbeschlüssebestätigen" ließen, wie' uneigen­nützig, wie selbstlos die Politik der Liga sei. Bis dann der große Kladderadatsch nach den mißglück­ten Sanktionen gegen Italien kam. Die Oslo- Gruppe hat sich die Taktik der Schweiz zum Vor­bild gemacht, die immerhin erreicht hat, daß die Genfer Liga auch nicht entfernt mehr in den Ver­dacht kommen kann, so etwas wie eine Schirmherr­schaft für freie und unabhängige Staaten zu sein. Wenn die Oslo-Gruppe sich in Kopenhagen ebenso wohl für die Schweizer Neutralität ausspricht, wie sie diese für sich übernimmt, so bleibt von der Gen­fer Liga so gut wie nichts mehr übrig. ss.

MinderHeiten-Vertreter bei Hodza.

Forderung vollkommener Autonomie.

Prag, 29. Juni. (DNB.) Arn Mittwoch kam es zu der angekündigten Besprechung zwischen den Vertretern der Ungarischen Einheitspartei, den Ab­geordneten Graf Esterhazy, Szüllö und I a - roß und dem Ministerpräsidenten Dr. Hodza. Wie verlautet, handelt es sich bei diesem Gespräch nur um eine rein informatorische Unterredung. Die Ungarn forderten wiederum nachdrücklich die Erle­digung ihrer bereits im Frühjahr vorgelegten B e» sck; we rd e über die Behandlung der unga­rischen Volksgruppe in der Tschechoslowa­kei. Sie erklären weiter, daß das ungarische Pro­blem nur auf dem Wege über die Gewährung einer vollkommenen Autonomie einer befriedigenden Lösung zugeführt werden könne. Das Nationali- tätenstatut der Regierung wurde auch den Ungarn bei dieser Besprechung nicht vorgelegt. Ueber' die Fortführung der Aussprache wurde keine Verein­barung getroffen. Dr. H 0 dza empfing auch den polnischen Abgeordneten Dr. Wolf, der dem Ministerpräsidenten eine Erklärung übergab, in der die Forderungen der polnischen Min- derheit bezüglich einer Lösung der Nationali­tätenfrage eindeutig umrissen sind. Anschließend hatte Hodza noch eine Unterredung mit dem polni­schen Mitglied der mährischen' Landesvertretung, der öor allem die polnischen Forderungen in kul­tureller und wirtschaftlicher Hinsicht darlegte.

Sudeiendeutsche Geschäfte sollen botffofftert werben.

Prag , 30. Juni. (DNB.) Das Presseamt ber Sudetendeutschen Partei teilt parteiamtlich mit: In der letzten Zeit machen sich in allen Gegenden Be­strebungen bemerkbar, die daraus abzielen, eine Boykottbewegung gegen deutsche F i r- m e n, deutsche Kaufleute und deutsche Erzeuanisse zu organisieren. Wir fordern die deutsche Oeffent- lichtest auf, auch den kleinsten Anzeichen solcher Be­strebungen nachzugehen, ihre Organisatoren nament­lich festzustellen und diese sofort der nächsten Poli­zeidienststelle bekannt zu geben. Die Rechtswahrer aller Distrikte werden angewiesen, gegen die na­mentlich Festgestellten sofort bei der zuständigen Polizei- bzw. Gendarmeriebehörde die Straf­anzeige wegen Boykotts zu erstatten.