Männer beim Brückenbau.
(Erzählung von Erich Grisar.
Monteur Springmann hielt ein Telegramm in den Händen. Noch einmal las er die kurze^Mel- dung: Einstellen Verkehr Südbrücke 11.50 Uhr. Aufnehmen Verkehr 14.25 Uhr. Eisenbahnverwal. tung.
Springmann brauchte nicht zu rechnen. Mit einem Blick auf die beiden Zahlen wußte er, daß er 2 Stunden 35 Minuten Zeit haben würde. 155 Minuten waren das. In diesen 155 Minuten mußte die alte Brücke von ihrem Platz gehoben werden, muhten die Auflager ausgewechselt und die neue Brücke an ihren Platz gebracht werden. 155 Minuten. Bis dahin waren noch vier Stunden Zeit. Er brauchte diese vier Stunden nicht, denn alles war bereit. Da lagen schon die Kähne mit dem hohen Gerüst, das die alte Brücke aufnehmen sollte. Die Pumpen waren intakt. Ein Kommando, und das Wasser, das die Kähne mitsamt dem Gerüst nieder- hielt, würde sich aus dem Innern der Kähne in den Strom ergießen. Das Gerüst würde steigen. Langsam würde mit dem Gerüst die Brücke sich heben. Ein weiteres Kommando und die Brücke würde mit der Strömung fortgleiten. Die Kähne, auf denen die neue Brücke montiert war, würden herankommen und zwischen den freigewordenen Brückenpfeilern Anker werfen. Die Pumpen würden Wasser in die Tanks pumpen, bis die Brücke sich setzte. Genau auf die Stelle, auf der Minuten vorher die alte Brücke gestanden hatte. Keine sechzig Minuten würde das alles dauern. Die zwanzig Minuten eingerechnet, die das Auswechseln der Lager kosten würde. Und 155 Minuten hatte er Zeit. 155 Minuten. Alles konnte in Ruhe und Gemütlichkeit gemacht werden.
Springmann sah nach der Uhr. Noch immer blieben ihm zwei Stunden. Er ging unruhig auf und ab. Sah nach der neuen Brücke, die die Bewegungen der Wellen des Stromes schaukelnd mitmachte. Auf und ab. Hin -unb her. Kaum merkbar war dem Auge das leise Schwanken des ungefügen Aufbaues, der aus den beiden Kähnen stand wie ein geduckter Mann, der sich in zu großen Stiefeln bewegt.
Springmann unterwies seine Leute noch einmal. Nüchtern bleiben, Leute, und aufgepaßt. Jeder kennt seinen Platz. Was auch geschehen möge, niemand verläßt seinen Platz. Kein Auge auf den Nebenmann. Nur die eigene Aufgabe, die jeder kennt, erfüllen. Wir haben eine Stunde mehr Zeit als wir brauchen, aber die Unvorsichtigkeit eines Augenblicks kann uns einen Tag kosten, kann uns um dje Früchte unserer ganzen Arbeit bringen.
Jeden ermahnte er. Jedem schärfte er noch einmal seine Aufgabe ein. Er sprach mit den Schiffern. Wird der Boden die Anker gut annehmen?
Aber, Monteur! Hier, der Boden? Der ist so mit Tang verwachsen, das ist ja das reine Fangnetz. Auf den Zentimeter können wir hier halten.
Also denn aufgepaßt. Ihr wißt, wir müssen genau zwischen die Pfeiler kommen. Ihr kennt den Platz, an dem ihr halten müßt. Einen halben Meter Spiel müssen wir haben. Etwas Nachlassen können wir ja immer noch. Nur nicht zu weit gehen mit den Kähnen, daß sie uns nicht da durchgehen.
Aber, Monteur!
11.48 Uhr. Ein Zug kommt vom rechten Ufer heran und braust über die Brücke. Neugierig blicken die Reisenden aus den Fenstern des Zuges auf den Strom und sehen den seltsamen Vorbereitungen zu, die hier getroffen werden. Sie wissen nicht, daß sie die letzten waren, die über diese Brücke fuhren, wissen nicht, daß der nächste Zug schon über die neue Brücke fahren wird, die jetzt noch ohne jede Verbindung mit den Ufern des Stromes auf ihrem Gerüst ruht. Ein Taschentuch flattert aus dem letzten Fenster des Zuges. Aber von den Arbeitern blickt keiner auf. Schon steht jeder an seinem Platz. Der Zug braust davon. Seine Geräusche klingen ab. Ein letzter Streifen grauen Rauches, ein weißer Strich darüber. Wasserdampf. Vorüber. Spring- mann blickt nach der Uhr. Auch der Strombauleiter
senden in der Freizeit ihre Heimat und die Welt kennenlernen, daß sie teilhaben an den Schönheiten deutscher Kunst und Kultur.
Eine kraftvolle Lebensbejahung hat unsere Deutschen erfüllt und gerade das Frühjahr 1938 durch große Ereignisse denkwürdig in der Geschichte gemacht. Freude und Jubel klingt von einem Gau zum andern. Daß das Leben schwer ist, wissen wir. Was es von uns fordert, tragen wir in soldatischer Bereitschaft. Dieser 1. Mai ist aber ein Tag der Freude und des Glaubens an unsere Kraft. Wir scharen uns um das Panier des Dritten Reiches mit dem Gelöbnis der Treue zum Führer und zu unserem Volke zum ewigen Reiche. Den Starken und Mutigen hat der Erfolg am Ende immer gehört. Wir haben es erlebt und rufen in den nationalen Festtag das stolze Wort .Herr, mir Hnb frei!" B. R.
3m brausenden Rhythmus der Arbeit.
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Als Kunstwerk des Monats Mai ist dieses Mal aus dem Besitz der Nationalgalerie in Berlin das Gemälde „E i s e n w a l z w e r k", das im Jahre 1875 von Menzel gemalt wurde, ausgewählt worden. Es zeigt eine der Werkstätten für die Herstellung von Eisenbahnschienen in Königshütte in Oberschlesien. Es ist das erste Bild großen Formats, das einen Einblick in die Arbeit eines technischen Großbetriebs gibt. — (Scherl-Bilderdienst-M).
sieht nach der Zeit und der Bahnbeamte, der die Strecke zu sichern hat.
Springmann nickt. Der Mann mit der Mütze nickt zurück. Die Männer in den Wahrschaubooten fahren zur Strommitte. Ein Kommando. Tank lee- ren. Schon arbeiten die Pumpen auf den beiden Kähnen unter der alten Brücke. Gischtend sprudelt das hochgepumpte Wasser über die Bordwand weg in den Strom. Langsam hebt sich mit den Kähnen die Brücke. Frei! rufen die Männer, die auf den Strompfeilern stehen. Und schon sind sie dabei, die Lager auszuwechseln. Höher steigen die Kähne. Achtung! schreit Springmann über den Strom.
Achtung! Fahrt voraus! Anker werden gehivt, und schon gleitet die Brücke langsam zu Tal. Ein Loch entsteht zwischen den beiden Strompfeilern, die solange Halt waren für den Sprung von Ufer zu Ufer, die sechzig oder mehr Jahre hindurch die alte Brücke getragen haben. Es ist, als atmeten sie auf, nun sie befreit sind von der Last, die sie länger als ein halbes Jahrhundert getragen. So licht, so frei ist es auf einmal über ihnen. Die Männer, die dabei sind, die Lager auszuwechseln, sind kaum zu sehen. Fieberhaft arbeiten sie, belauert von dem Blick des Monteurs, der auf dem Teil der Brücke steht, der den einen Strompfeiler mit dem Ufer verbindet. Schon gleitet mit der Flut die neue Brücke heran. Rot wie eine Fahne ist sie. Rot wie die Glut, in der das Eisen seine Form bekam. Rot, wie die Nietköpfe sind, ehe sie unter dem Zwange des Hammers umgeschlagen werden und grau sich ergeben ihrer Bestimmung, Eisen aneinander zu binden für -alle Zeiten.
So rot ist die Brücke. Und rot ist vor Aufregung der Monteur. Zwei Minuten noch. Eine Minute. Dann steht'die Brücke vor der Oeffnung
des Stromes. Eine halbe Minute noch, da sind die Pfeiler aufs neue verdunkelt. Wieder senkt die Last einer Brücke sich auf ihre Rücken. Wieder für ein halbes Jahrhundert? Oder wann wird diese neue Brücke ausgedient haben?
„Wenn de alle äß", sagt Springmann für sich hin, „dann schmiet se mit mine Knucken Aeppel von de Bäume."
Da steht die Brücke zwischen den Pfeilern. Die Anker fallen in den Strom. Drüben ist Karl Doll- kopp schon dabei, das Seil festzumachen, das die Brücke an ihrem Platz verankern soll, damit sie genau über den Auflagern, an denen die Männer noch schrauben und rücken, sich herabsenken kann. Aber was ist das? Die Brücke Neigt sich ja! Die Brücke rutscht ja durch!
Der Anker am westlichen Ufer hat nicht gefaßt. Gerade da, wo die Strömung so stark ist. Verzweifelt ziehen die Mannschaften an dem Ankerseil, um den Anker noch einmal nach unten zu werfen. Ein Glück, oaß der andere Anker gefaßt hat. Aber er hindert nicht, daß die Brücke sich neigt. Schon steht sie auf dreißig Grad. Bei vierzig tippt sie. Aber sie darf nicht kippen. Will denn der Dussel das Tau nicht loslassen da hinten? Was ist denn los da, schreit Springmann zu Karl Dollkopp herüber. Laß doch das Seil los, daß die Brücke sich aufrichtet. Sie kippt uns ja um.
Verzweifelt blickt Springmann zum andern Brückenkopf herüber, wo Dollkopp sich immer noch mit ganzer Kraft an dem Seil festhält, das die Brücke verankert. Vielleicht fürchtet er, daß die Brücke umschlägt, wenn er losläßt, oder er hat Angst, daß er 'herabgeschleudert wird, wenn jetzt plötzlich die Brücke frei kommt und mit einem Ruck sich aufrichtet. Oder befolgt er nur stumpf und
ohne zu Lenken den Befehl den Springm-nnihn, aab? Maa kommen, was kommen will, du haust den Strick fest unb läßt erst nach, wenn mir die Brücke fest verankert haben, hatte Springmann zu
Springmann steht der Schweiß auf der Stirn. Verzweifelt sieht er die Anstrengungen der Boots- leute, den Anker in ihre Gewalt zu bekommen. Wenn nur der andere Anker sich nicht losreißt. Denn dann muß die Brücke umkippen Ein halbes Jahr umsonst. Der Verkehr unterbrochen Er ruiniert. Die Firma ruiniert. Und mindestens ein Dutzend Leute, die auf den Kähnen zu tun haben. Die auf den Pfeilern stehen und an den Auflagern arbeiten. Und Dollkopp, der als einziger auf der Brücke steht und immer noch den Strick halt als ginge es um fein Seelenheil. Laß doch los brüllt Springmann über die Brücke. Losgelassen! noch einmal. Aber Dollkopp hört ihn nicht.
Da ist Springmann schon mit einem Satz aus der Brücke. Don Querträger zu Querträger springt er, denn noch hat die Brücke keinen Belag. Nur die Schienen liegen schon darauf. Und die Schwel- [en. Svnst nichts. Dabei neigt sich die Ebene, über die Springmann springt, von Sekunde zu bekunde mehr. Mindestens dreißig Grad muß sie schon haben. Oder fünfunddreißig.
Am Ufer sammeln sich .schon die Leute. Deden Augenblick glauben sie, die Brücke auf dem hohen Gerüst kippen zu sehen. Springmann turnt weiter über die gefährdete Brücke. Daß ihm das passieren mußte. Ihm, der stets darauf achtet, daß keine Fingerspitze unnötig geopfert -wird. Er denkt daran, wie er vor kurzem erst zwei Leute, die er von der Straße aufgelesen, weil er sie als tüchtige Arbeiter kannte, angefahren hat, weil sie die Sicherheitsgürtel zu Hosenträgern zerschnitten hatten. Immer war er vorsichtiger als seine Leute. Aber was ging ihn das jetzt an? Was nützten ihm jetzt die Sicherheitsgürtel? Was kümmerten ihn die Hosen- träger seiner Leute? Aufhängen würde er sich, wenn öte Brücke ins Wasser ging. Daß er aber auch den dämlichen Hund baranstellen mußte. Nicht mal ein Seil wußte ber Kerl ja anzufassen. Unb loslassen erst recht nicht. Nun stand er neben Dollkopp. Er schüttelte ihn. Aber er ließ den Strick nicht los. Laß doch los,. Mann, schrie Springmann ihn an. Aber in Dollkopps Augen lebte nur die Angst. Wenn er eine Möglichkeit gehabt hätte, den Strick loszulassen und auf das Land zurückzukommen! Aber wie sollte das gehen? Wenn er losließ, verlor er auch seinen Halt. Im glücklichsten Falle flog er ins Wasser, aber es sah eher danach aus, daß die sich aufrichtende Brücke ihm den Schädel zerttümmern würde.
Springmann sah das. Aber er sah auch, daß, wenn Dollkopp das Seil nicht losließ, die Brücke Umschlägen mußte, daß bas Leben von mehr als einem Dutzend Menschen auf dem Spiel stand. Er rang mit Dollkopp um die Enden des Seiltz. Er biß ihn in die Hände, aber Dollkopp ließ nicht nach. Schon knarrte drüben das Ankertau. Schon stand die Spitze des einen Kahns aus dem Wasser. Gleich würde auch die andere Seite überschwemmt fein.
Da hatte Springmann Dollkopp bezwungen. Das Seil schlug einmal durch dje Luft. Dann war es frei. Im letzten Augenblick noch gelang es Springmann, sich an einer Vertikale anzuklammern, da schlug die Brücke schon empor. Dollkopp flog im hohen Bogen in den Strom. Mehr sah Springmann nicht, da hatte er sich schon wieder gefaßt. Laut schallte sein Kommando. Volle Fahrt voraus. Zu Berg! Langsam setzten die Windey, an denen die Kähne hingen, sich in Bewegung. Die Brücke glitt durch die Oeffnung zwischen den Pfeilern. Im Augenblick lag sie in ber Längsrichtung bes Stromes. Es würbe viel Arbeit kosten, sie zurück zu
Bruder, deine Hand!
Von Karl Bröger.
Unser ist dies Land, dieses große Land, umso teurer uns durch Schmerz undNot. Bruder, deine Hand, deine Schwielenhand!
Wir besiegeln heute das Gebot.
Ihr in Nord und Süd, wir in Ost und West, sind uns einig und im Willen gleich, halten daran fest, eisern daran fest: Ueber allem stets das eine Neich!
Unsrer Väter Traum, unserer Kinder Trost, unserer blutigen Leiden einziger Lohn: Nimmer drum gespielt, nimmer drum gelost!
Ieder sei lebendiger Teil davon.
Nicht um Prunk und Pracht, nicht um eitle Zier, freier Arbeit gilt es, gleichem Necht. Neigen sich einmal alle Herzen dir
blühst du von Geschlechtern zu Geschlecht.
bringen unb bas mißglückte Manöver zu roieber- holen. Aber es mußte sein.
Am Ufer rannten bie Menschen zusammen. Gott sei Dank, Dollkopp hatte sich im Fallen nicht ver- letzt; er war unversehrt ins Wasser gekommen unb würbe eben von einem ber Boote geborgen. Springmann sah auf bie Uhr unb schrie seine Befehle Aum Ufer herüber. Ein Schlepper kam unb zoa ben ganzen Aufbau mit ber Brücke zurück burcy die Oeffnung zwischen ben Pfeilern. Eine qualvolle Stunde verging, bann stand bie Brücke roieber an ihrem Platze. Die Anker fielen unb bohrten sich programmäßig in ben Grunb. Die Pumpen begannen ihre Arbeit, unb langsam senkte sich die Brücke. Schon klirrten bie Laschen. Schiene würbe an Schiene geschraubt.
14.05 Uhr. Der Belastungszug fuhr langsam auf die Brücke. Springmann hatte sich einen Platz gesucht auf dem Obergurt. Von ba aus übersah er die ganze Brücke und gab seine Befehle.
14.15 Uhr. Langsam fuhr der Belastungszug von der Brücke herunter. Eine Weiche schrie. Die Strecke war frei. Aber noch kam Springmann nicht von seinem Platz. In der Ferne roar schon das Nahen bes fahrplanmäßigen Zuges zu hören. Springmann sah ein letztes Mal auf bie Uhr. 14.25 Uhr. Der erfte^ Zug fuhr über bie Brücke. Keine Minute zu früh war er gekommen, keine Minute zu spät ...
Mai-Zest auf dem Berge.
Don Karl Bröger.l
Der Berg sieht aus wie eine ungeheure Glatze, mit einigen dürftigen Haarbüscheln, kleinen Obsthainen, "die auf bem glatten, runden Bergschäbel verstreut sind. An ber Seite steht ein kleines Wirtshaus, unb von ferne sieht es aus, als hätte der Berg einen luftigen, schiefen Hut auf. Den Dammweg, der auf den Berg führt, kann man bei einigem guten Willen als Nase ansehen, eine lange, krumme Nase, die weit ins Land hinausschnüffelt. Manchmal, an einem schönen Sonntag im jungen Jahr, hat der Berg auch eine Stimme; sie klingt etwas wunderlich, wenn alle Musiken auf dem Berg durcheinander spielen.
Viele Leute steigen die Dammstraße hinan, auf die Bergglatze, über der ein schüchterner rötlicher Glanz liegt: die Baumblüte. (Eine luftige Tanz- melobie kommt dort oben herunter, viel Ziehharmonika, etwas Geige unb Klarinette. Man sitzt unter ben blühenden Obstbäumen, die Kinder springen nach Schmetterlingen und Bällen, und die Männer legen Rock unb Würde ab. Auf einer Tribüne aus Hopfenstangen und leeren Bierfässern sitzt die Kapelle, vome der Ziehharmonikamann, der ttäumerisch ins Leere schaut, auf ein magisches Notenpult oder einen göttlichen Dirigenten. Er hat ein weißes Hemd an und eine Lederhose, wie sich das für einen Musiker in der Natur gehört, unb dazu Stutzen und Haferlschuhe. Behend greifen feine Finger die Tasten, und an den nackten Vorderarmen springen unter der braunen Haut die Muskeln. Es sicht hübsch aus, wenn er den herabgerutschten Tragriemen seiner Harmonika mit einem kurzen Schulterzucken wieder an seinen Platz bringt
An einem ber weißen Tischchen rings um die Musiktribüne sitzt zwischen einem massigen Ehepaar
ein schmiegsames Mädchen in einem blauen glänzenden Kleid. Ihr Bein wippt leicht im Takt des Tanzes, und wenn ber Harmonikamann sie ansieht, bann bekommt sie auch den magischen Blick. Aber ihre Beine wippen weiter, genau in dem Rhythmus, ben bie Hand an den Batztasten angibt. Der Harmonikamann bedauert es sehr, daß sie so allein tanzen müssen, ihr Bein und seine Hand. Aber soll er wirklich die Harmonika weglegen, die ihm so sicher unb vertraut im Arm liegt, die heute für Essen und Obdach sorgen wird wie eine gute Hausfrau und dafür das blaue Mädchen in den Arm nehmen, das ihn nach einem Tanz vergessen wird?
„Ja", sagen die Augen des Mädchens, und der Ziehharmonikamann gibt fein Instrument einem Kameraden, der damit umgehen kann. Während bie ersten Takte des neuen Tanzes erklingen, schreiten seine festen Beine leicht und tänzerisch aus, als könnten sie es nicht ertragen im Schritt zu gehen. Er verbeugt sich höflich vor den Eltern; die Mutter blickt zärtlich, ber Vater in den Maßkrug, und der Ziehharmonikamann zieht mit feiner blauen Dame ab. Als hätten sie nur auf dieses Zeichen gewartet, drängen sich plötzlich von allen Tischen Paare heran, und die beiden verschwinden m einer Menschenwildnis. Der Hiehharmowkamann führt das Mädchen durch die Tischreihen, und überall, wo sie vorbeikommen, bilden sich neue Paare. Aber die beiden merken nichts davon, lieber dem Gesicht bes Mäbchens liegt ein Abglanz ber rötlichen Baumblüte, und ihr braunes Haar weht im Wind. Es ist ein seliger lana, aber er dauert nicht lange. Bald sind sie am Rand bes Berges, beinahe wären sie den Hang hinabgetanzt. Unter ihnen liegt das weite leuchtende Land; blumenbunte Wiesen, kleine Obsthaine, mit zarten Farben über- haucht und verstreut bis an den Rand der Welt.
Die beiden sitzen am Bergrand unter ben ziehen- 1 den, weihen Wolken. Hie und ba sagt er den Namen
eines Dorfes ober eines Hügels unb wie weit sie entfernt wären. Sie findet alles schön, unb er findet es noch schöner, da sie es schön findet.
Er preist die Blumen, die neben ihrem Knie im Wind schaukeln, aber sie wissen beide, daß er nicht die Blumen meint.
Dann setzt bie Musik roieber ein, unb irgend jemand. ruft nach einem Kind. Die beiden erwachen aus ihrer Verzauberung und stehen auf. Unwillkürlich fügen sich ihre Schritte wieder zum Tanz, sie drehen sich zwischen Tischen und anderen Paaren und zuletzt noch ein paarmal vor dem Tisch ber Eltern. Dann ist der Tanz zu Ende.
Der Ziehharmonikamann sitzt wieder an seinem Platz und läßt seine Finger über die Tasten springen. Den Dammweg hinunter fahren drei Radfahrer, und von dem mittleren Rad flattert ein blaues, seidiges Kleid. Der Ziehharmonikamann sieht ihm nach, bis es im Staub und im Menschen- gewühl verschwindet.
Ein paar Wolkenschatten ziehen über die Stirn des Berges, und einen Auaenblick setzt die Harmonika aus, aber nur einen Augenblick, bann ist bie Stimme bes Berges wieder fröhlich und unbekümmert wie vorher über dem festlichen Land.
Ein Mann hat Heimweh.
In Belawan war es, auf Sumatra, wo unser aus Oftafien kommender Dampfer im Hafen lag. Tabakballen wurden geladen. Passagiere konnten nicht mehr ausgenommen werden, ba sämtliche Kabinen, sogar die ber Hauptstewards und ber Offiziere, an Reisende abgegeben waren.
Da kam er die Fallreep treppe herauf, in einem zerknitterten weißen Leinenanzug, ber ihm in zerdrückter Formlosigkeit am Körper hing, schwarz bis zum Knie von angespritztem Schmutz. In ber Hand hielt er ein tlemes, m Zeitungspaxier ge
wickeltes Paketchen. Auf seinem Kopf schwankte ein zerbeulter, fleckiger Tropenhut. Erstaunte, mitleibige, spöttische Blicke folgten ihm, als er, suchenb umher- späheno, über bas Promenabenbeck der ersten Klasse durch die elegant gekleideten Passagiere schritt. Wer war er — was wollte er? War er einer von den vielen, die östlich von Suez verkommen, auch einer von jenen, denen jahrelanger, glühender Tropenhauch das europäische Rückgrat zerbrochen hat?
Jetzt sprach er den Steward der ersten Klasse an, er wollte mitfahren, einen Platz auf dem Dampfer haben. Der wohlgenährte Steward nahm nicht einmal bie Hände vorn Rücken. Breitbeinig blieb er stehen und schüttelte ruhig den Kopf: „Nichts mehr frei im Zwischendeck, alles überfüllt." — „Das interessiert mich nicht! Ich wünsche eine Kajüte erster Klasse!"
Merkwürdig ruhig, klar und fest klang diese Stimme. Neugierig traten wir näher. Unter dem zerbeulten Tropenhut leuchteten zwei glashelle Augen. Der Steward hatte unwillkürlich eine respektvolle Haltung eingenommen. „Ich bebaure, mein Herr", meinte er dann, „auch in der I. Kajüte ist alles belegt". — „Ich will aber mit! Führen Sie mich zum Kapitän!"
In diesem Augenblick kam der Erste Offizier. Der seltsame, schmutzige Ankömmling nannte seinen Namen, und unser Erster Offizier trat seine Kajüte freudestrahlend an den vermeintlichen Vagabunden ab, ber sich als einer der reichsten Plantagenbesitzer von Sumatra entpuppte, dessen Vermögen auf 50 bis 60 Millionen geschätzt wurde. Er roar gerahe im Walde herumgelaufen, hatte den deutschen Dampfer gesehen, und Sehnsucht nach der Heimat hatte ihn gepackt. Sein Reisegepäck bestand aus Zahnbürste, Seife unb einer Hanbvoll Zigarren, was er »alles schnell noch gekauft unb in die 3ei- iung ringepackt hatte, Heinz Adrian,


