Nr.75 Drittes Blatt_________ Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_____________Mittwoch, ZO. März 1938
Sonderzüge zum Mrer-Zesuch in Frankfurt.
Außer dem gestern bereits bekanntgegebenen Zug fährt die TILG. „Kraft durch Freude" einen zwei
ten Sonderzug nach Frankfurt. Für diesen Sonder-
Zug
sind folgende Fahrzeiten festgetegt:
15.02 Uhr ab Gießen an 2.01 Uhr
15.13 „ Großen-Linden 1.53 „
15.22 „ „ Lang-Göns „ 1.47
15.29 „ „ Kirch-Göns „ 1.42 „
15.39 „ „ Butzbach „ 133 „
16.44 „ an Frankfurt-Vest ab 0.14 „
Fahrpreis: Der Fahrpreis für hin-
und
Rückfahrt beträgt für beide Sonderzüge RM. 1,40 (nicht RM. 1,50, wie gestern bekanntgegeben).
Anschluß Lollar —Grünberg:
Rach Rückkehr der Sonderzüge fährt ein An- schluhzug nach Grünberg, so daß alle Ortsgruppen des Lumdatales Rückfahrgelegenheit haben.
Gießen ab 2.35 Uhr
Lollar „ 2.44 „
Grünberg an 3.47 „
Der Zug hält auf allen Stationen.
Die Ortsgruppenleiter der in Frage kommenden Ortsgruppen melden nunmehr sofort telephonisch an KdF. (2141) den erforderlichen Kartenbedarf.
Kreisleitung Wetterau der 77SDAP.
BOM.-u.IM.!1ntergau 116, (Sieben.
Eilbefehl t 21 n alle
M. - und IM. - Gruppenführerinnen!
Zur Großkundgebung mit dem Führer am Donnerstag, 31. März, in Frankfurt a. M. können sich alle Führerinnen bzw. Mädel, zur Teilnahme melden! Wir treffen uns um 13.30 Uhr am Cafe
Schwarz und fahren um 13.55 Uhr in Gießen ab. Der Fahrpreis beträgt hin und zurück 1,50 RM. Wir fahren in Kluft'! Sämtliche Meldungen zur Teilnahme müssen bis spätestens Mittwoch, 30. März, um 18 Uhr, beim Untergau vorliegen. Das Fahrgeld muß außerdem mit eingeschickt werden.
Betriebsführer!
NSG. Am Donnerstag kommt der Führer nach Frankfurt a. M.! Der Gauleiter hat die gesamte Bevölkerung zur Teilnahme am Empfang und der Kundgebung aufgerufen.
Um auch jedem arbeitenden Volksgenossen die Möglichkeit zu geben, unseren Führer zu sehen und ihm zuzujubeln, werden die Betriebsführer aufgefordert, ihre Gefolgschaftsmitglieder so rechtzeitig von der Arbeit freizustellen, daß sie am Empfang und den Veranstaltungen teilnehmen können. Im allgemeinen wird eine Freistellung etwa um 12 Uhr notwendig sein.
Die für den Absperrdienst benötigten Arbeitskameraden sind schon zu einem Zeitpunkt freizugeben, an dem sie von ihren Formationen für diesen Ehrendienst eingesetzt werden.
Soweit durch Verlegung der Arbeitsstunden ein Verdienstausfall nicht vermieden werden kann, wird von jedem Betriebsfuhrer erwartet, traß er die ausgefallenen Arbeitsstunden auch ohne Arbeitsleistung bezahlt, damit der 31. März 1938 für jeden Volksgenossen auch wirklich ein Feiertag wird.
Frankfurt a. M., 29. März 1938.
Der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen: Dr. S ch m e l t e r.
Der Gauobmann der Deutschen Arbeitsfront: Willi Becker.
Der Leiter der Wirtschaftskammer Hessen:
Lu e r.
Nationalsozialistische Melioration««- und • Giedlungstätigkeit.
Was in Oberhessen feit dem Jahre 1935 geleistet wurde.
Zur Durchführung der kulturtechnischen Arbeiten des Meliorationsarbeits- und Siedlungsprogramms in Hessen, VIII. Abschnitt, wurde die Dienststelle Alsfeld des Kulturbauamtes Oberhessen am 1. April 1935 neu gegründet. Mit der Arbeit im Felde wurde anfangs August 1935 mit etwa 250 Notstandsarbeitern aus den Städten Offenbach und Worms begonnen. Heute sind zusammen 7 ARD.-Abteilungen ausschließlich für diese Arbeiten tätig.
Seit Einsatz sind vom RAD. rd. 75 000 Lohnarbeitertagewerke und von den Notstandsarbeiten rd. 155 000 Tagewerke geleistet worden. Dabei wurden folgende Arbeiten ausgeführt: Regulierung der Cleenbach 12 km
Regulierung der Haberbach 3 km
Herstellung v. Entwässerungsgräben 135 km
Verschleifung von Hohlen 102 000 cbm
Rodung u. Umpflügen o. Waldland 300 Morg.
Dränung von Aeckern 520 Morg.
Seit der Zuteilung der neuen Grundstücke wird in 12 Gemarkungen das Wegnetz ausgebaut und werden die Abfahrten von den Straßen auf die Feldwege hergestellt.
Außer etwa 520 Rohrdurchlässen wurden vier Brücken ausgebaut und 7 Wehre teils neu errichtet, teils gründlichst instandgesetzt.
Im Dienstbezirk des Kulturbauamtes Oberhessen, Dien st st eile Lauterbach, wurden im Rahmen des Meliorationsarbeits- und Siedlungsprogramms in Hessen im Arbeitsgebiet 9 und 9a seit Herbst 1936 bis heute 190 000 Notstandsarbeitertagewerke mit einem Kostenaufwand von rd. 1,2
Millionen Mark abgeleistet. Die Notstandsarbeiter waren im Aufbaulager Oueck, welches vom Gauleiter selbst eingeweiht wurde, und in den Zweiglagern Merkenfritz, Unterwegfurth und Uellershau- fen untergebracht. Es wurden durchschnittlich 400 bis 800 Erwerbslose beschäftigt und dabei folgende Arbeiten ausgeführt:
1. Fuldaregulierung mit einer Gesamtlänge von 1,9 km alten und 1 km neuen Lauf; hierbei wurden rd. 4 Hektar Neuland gewonnen und 35 Hektar trockene und stark versumpfte Wiesen in ertragsreicheres Wiesengelände umgewandelt.
2. 13,6 km Bachregulierungen, wo ebenfalls ganz erhebliche Verbesserungen und Neulandgewinnung erzielt wurden.
3. 17,6 km Entwässerungsgraben zur Trockenlegung von versumpftem Gelände.
4. Hohloerschleifungen, wobei 181400 cbm Erdbewegung und 291 100 qm Mutterbodenarbeiten erforderlich waren und 10 Hektar Neuland gewonnen wurde.
5. Dränagen 27 Hektar zur Entwässerung von versumpftem Gelände.
6. 16,4 Hektar Wald wurden abgeholzt und in Ackerland umgewandelt.
Die Feldbereinigung wurde seit 1933 mit verstärktem Einsatz vorwärtsgetrieben, in 11 Gemarkungen und in Lauterbach. In 32 Gemarkungen wurde sie neu eingeleitet.
Es wurden einige weibliche Arbeitsdienstlager zum Nutzen der Bevölkerung eingerichtet, weitere sollen folgen. In einigen Orten wurde mit dem Bau von Siedlungswohnungen begonnen.
Sind der Stadl Gieß n.
Der Hund an der Kette.
Wenn ich von dem Kettenhund und sc .m Schicksal höre, dann sehe ich immer ein Bild aus meiner Jugend vor mir. —
Es ist Sonntag, im Dorf ist Kirchweih. Die bunten Zelte sind aufgerichtet. Es riecht nach türkischem Honig, nach Lebkuchen und Süßigkeiten. Ich bin zu Besuch in dem kleinen Ort. Langsam gehe ich auf die Budenreihe zu. Aber an einem der Hoftore bleibe ich neugierig stehen. Ein Hund bellt.
Ich schaue in den Hof hinein. Es ist kein schöner Hof. Er ist unsauber; Kot der Hühner und der Gänse hat ihn verschmutzt, der Regen hat die Pflastersteine schlüpfrig gemacht, sie sind übrigens sehr unregelmäßig, manche starren mit scharfen Kanten. Das Scheunentor ist durchlöchert. An einigen Stellen ist es angefault. Man merkt eine gewisse Verlotterung.
An der Kette liegt ein Hund. Es ist ein Schnauzer. Er gehört jener von Laien vielverkannten schönen Hunderasse an, die so herrlich treue, braune Augen hat und eine prächtige Pfeffer- und Salzfarbe. Der Hund hat eine rostige, dünne Kette um den Hals. Er ist wie besessen aus seiner Hütte herausgerast, als ich stehengeblieben bin, aber nun ist er ruhig geworden. Er ist klug. Er weiß, daß ich nichts Unrechtes will, vielleicht weiß er es auch nicht und spürt es nur. Es ist dasselbe.
Ich gehe näher. Die kleine feuchte Hütte mit dem dunklen Loch, durch das der Hund hineinkriecht, ist bemoost und häßlich. Das Stroh, das man in kümmerlichen Resten sieht, ist aufgeweicht, wer weiß, wann es zum letztenmal ersetzt worden ist. Der Hund legt sich platt auf die Erde, je näher ich komme. Er schaut mich an. Ich habe keine Angst mehr vor dem, der vorhin noch so wütend bellte. Er läßt sich streicheln.
Mit einemmal macht mir beim Anblick dieser schlechten Tierpflege die ganze Kirchweih keine Freude mehr. r. k.
*
ZdR. In diesen Tagen veranstaltet der Reichstierschutzbund eine Werbung für den Kettenhund unter dem Motto: ,^)elft dem Kettenhund, er verdient es!" Wie aber' kann dem Kettenhund, diesem hilfreichen Lebewesen, geholfen werden? Seine Pflege gehört hauptsächlich in das Arbeitsgebiet der Frau, an ihre fürsorgende Hand wird appelliert. Daß die Hütte des treuen Wächters geräumig und genügend gegen Kälte geschützt sein muß, ist wohl selbstverständlich. Aber ebenso wichtig ist es, daß der wachsame Hund auch vor Nässe bei Regengüssen im Sommer geschützt, daß die Kette lang genug (mindestens 3 Meter lang), daß sie mit einem drehbaren Wirbel versehen ist, damit sie sich nicht verdreht, daß überhaupt der Hund richtigen Auslauf hat. Das ist nicht nur für sein Wohlbefinden nötig, sondern überhaupt für seine Erhaltung. Am besten ist natürlich ein geräumiger Zwinger, der die Kette überflüssig macht. Die Hausfrau sollte sich einmal daraufhin die Lebensbedingungen ihres Helfers ansehen. Dann wird sie sicher manches Hebel entdecken, das abgestellt werden muß und kann.
Dornoiizen
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 14.30 bis 17.15 Uhr „Wilhelm Tell", Schülervorstellung; 19.30 bis 21.45 Uhr „Die Weiber von Redditz". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Mädchen mit dem guten Ruf". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schüsse in Kabine 7". — Ober- hessischer Kunstoerein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand. — Frühjahrsmesse auf Os- waldsgarten.
Sladtthealer Gießen.
Heute, 19.30 Uhr, findet die erste Wiederholung des neuen Lustspiels von Friedrich Forster „Die Weiber von Redditz" statt. Spielleitung Anton Neuhaus, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 26. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Ende 21.30 Uhr.
Wasserburg am Inn.
Von Anton Schnack.
Zwischen dem Mangfall- und dem Kaisergebirge tritt der Inn aus Tirol nach Bayern über und beschreibt einen von Süden nach Südosten geneigten Bogen, um bei der Königin der Donau, bei Passau, zusammen mit der Donau Bayern wieder zu verlassen. Der Jnnbogen ist wie ein zur Umschlingung gekrümmter Arm. Er zeigt die Liebe, mit der er das echteste und urtümlichste altbayerische Bauernland an sein Herz drückt. Hügelauf und hüaelab, waldein und waldaus, zieht es dahin, bestickt mit üppigen und fetten Getreidefeldern, Wirtshäusern an jeder Wegkreuzung, wo auf den Kegelbahnen und an den Tischen unter Kastanienwipfeln jeden Sonn- und Feiertag die Bauernfröhlichkeit dieser Landschaft sich breit und laut entfaltet.
Die weiße Innschlange hat sich ein breites Tal durch dieses altbayerische Voralpenland gefressen. Das grau-grünweiße Wasser, noch bergwild, brauchte Platz für fein Ungestüm; Kies und Sand liegen auf dem Flußwege, Bänke von Schutt, lange Zungen aus Sand, Zeugnisse einer unentwegten Freßarbeit, die sogar mit Erfolg die Zähne in das stahl- hart zusammengebackene Nagelfluhgeschiebe geschlagen und es ausgewaschen hat.
Bei einer der schönsten der schönen Jnnstädte, bei dem alten, farbigen und malerischen Wasserburg, hat das Jnnwasser Musterbeispiele dieser jahrtausendelangen Nagarbeit geleistet. Eine kleine Schlucht ist entstanden, auf deren Grund Stadt und Fluß liegen. Wer von der Landseite sich Wasserburg nähert, ist überrascht von diesem merkwürdigen Bild: die enge, weißgebänderte Flußschleife, aus der sich, fast inselähnlich, die Stadt erhebt.
Auf der höchsten Stelle dieser vom Inn umflossenen Landzunge, brüstet sich finster und schwarz vor Schwermut und Alter die Burganlage, deren Ursprung ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Damals haben die Herzöge von Wittelsbach sich im neuerworbenen Land befestigte Stützpunkte angelegt. Einer war auch die alte Burg, eben die Wasserburg. Im Schatten und Schutz dieser herzoglichen Festung wuchs das Stadtgebilde, das wie viele andere Bayernstädte bis auf den heutigen Tag Bauernmarkt blieb, bestimmt von dem ringsum liegenden weiten Bauernland.
Für Wasserburg war der Fluß eine wichtige Straße. Mit dem Fluß kam nicht nur der welsche Tand aus Italien und der rote Wein aus Tirol, sondern auch kultureller und künstlerischer Einfluß,
der alle Jnnstädte des bayerischen Gebietes wesentlich beeinflußt hat. Man kann sagen, alle Städte des Alpenlandes, bis hinunter nach Südtirol, haben diesen Stil: es sind breite Häuser mit Lauben im Erdgeschoß, wo die Schuster sitzen, die gewölbten Wirtsstuben liegen, die Wachszieher hausen und wo die Ware aufgestapelt wurde, die mit dem Floß und der eigentümlichen „Plätte" von Stadt zu Stadt transportiert und am Ländegries der Häuser ausgeladen wurde. Das Jnnhaus zeichnet sich durch eine hochgegiebelte, winkelreiche Vorderfront aus, hinter der das versenkte Dach vollkommen verschwindet. Die besten oberbayerischen Baumeister haben in Wasserburg gebaut. Von kirchlichen Denkmälern ist die Frauenkirche zu nennen, die im späten 14. Jahrhundert entstanden ist. ferner die St. Jakobkirche aus dem Jahre 1410, die ein Meisterwerk des größten Meisters südbayerischen, spätgotischen iKrchenbaues ist. Ihr Baumeister war Hans Stetheimer aus Burghausen, der der Kirche hinaufgewuchtete Räume, dabei leichte und unbeschwerte, himmelanstrebende Kraft gab. Eines der schmucksten Häuser ist das Wasserburger Weinhaus, ein Rokokobauwerk von dem Weso- brunner Johann Baptist Zimmermann, das eine Anmut sondergleichen ausdrückt. Es ist ein Gedicht aus Steinen, Stuck, Balkonen und Bögen, voller Schwung und Musik, überwältigend in feiner heiteren und festlichen Anmut; Ausdruck einer trunkenen und diesseitigen Lebensfreude.
Wasserburg ist keine große Stadt, aber eine festliche Stadt. Ein kostbares Stück deutscher Süden ist es, ein künstlerischer Triumph des oberbayerischen Landmaurers, deren Handwerk sich in Wasserburg bis zum Künstlertum steigert. Sie haben etwas von der Landschaft verstanden, aber auch Dom‘ Material, vom Holz und vom Stein, sogar von der Farbe und von der Lüft. Es ist eine eigentümliche Luft, die mit dem Inn ins Land kommt. Föhnluft ist es, die drückende, lässig machende, farbenreiche Föhnluft, die den Himmel so veränderlich und so spielerisch macht. Sie mildert den kühlen Wasserlauf und verdichtet sich über der Stadt oft zu einer trägen Dunstwolke. Zwiefach ist das Gesicht von Wasserburg: aus der Wasserseite herrscht das Holz, die Galerie, die Laube, die flatternde Wäsche, der Blumenschmuck, eine offene, gesellige Haltung rote sie ein Fluß bedingt; auf der Straßenseite sind die Häuser mit großen gegiebelten Stirnseiten und tiefen Hauseingängen von der Straße fast abgeriegelt. Man braucht nicht lange, um Wasserburg zu durchstreifen, aber wer Verständnis für die vielen entzückenden Einzelheiten oberbayerischer Städtebilder hat, braucht viele Tage.
Kremi-schast über den Zaun.
Von Th. t>. Hanfstengel.
Irn Winter saß Krawuttke hinter dem Ofen. Er ist aus Ostpreußen zugewandert, hat hier keine Freunde, ist auch nicht mehr jung genug, um in den Schnee hianauszupatschen oder ins Wirtshaus zu gehen.
Aber im Frühling, am ersten warmen Tage, da ist Krawuttke auf einmal draußen. Wie aus dem Märchen in die Wirklichkeit gezaubert, steht er zwischen Himbeergestrüpp und grünenden Stachelbeersträuchern. Ein aus dem Gebirge in die Ebene herabgestiegener Riese, so steht die mächtige Gestalt da. Alles ist gewaltig an ihm: die riesigen Pranken, der große runde Bauch, der massige Kopf unter dem ungeheuren Kalabreserhut. Seine Stiefel sind zum Fürchten, und Hosen hat er wie ein Sultan.
Drüben, hinter dem Zaun, stehen drei Kinder in ehrfurchtsvollem Staunen. Der Ball liegt unbeachtet, Kreisel und Reifen haben Ruhe. Sie stehen nur, rühren sich nicht und staunen den Alten an.
Krawuttke kommt näher, die Gartenschere blinkt, ein Bannkreis des Schreckens wandert mit ihm. Jetzt ist er ganz nah, groß und starr werden die drei Augenpaare. Dann, ganz plötzlich, stürzen die beiden Kleinsten schreiend davon.
Aber das dritte Kind, ein Mädchen, ist geblieben. Zwei Meter ist der furchtbare Riefe von ihm entfernt. Das Mädchen hat die Hände auf dem Rücken, die Beine stehen breit und fest.
Krawuttkes mächtiger Kopf dreht sich ein wenig; da tönt das Kinderstimmchen, leise, aber ohne Zittern:
„Bist du der Opa?"
„Jawoll," schreit Krawuttke.
„Wohnst du hier bei uns?"
„Nein!" brüllt Krawuttke.
„Wo wohnst du denn?"
„Ich wohne hier bei mir! Aber — ich kann ja mal rüberkommen!"
Wie Donner rollen die Worte über den Zaun.
„Du bist ja viel zu dick."
„Ha-ha-ha!" lacht Krawuttke. Die kleinen Augen in dem riesigen Kopf durchbohren das Kind.
„Ich- will es meinem Vater sagen. Er soll dir eine Tür machen."
„Was soll ich denn bei euch?" dröhnt Krawuttke.
„Du sollst mit uns spielen."
Die Kundgebung in Gießen am 1. April fällt aus.
Die für Freitag, 1. April, angefehte Kundgebung in Gießen mit dem Gauleiter pg. Sprenger fällt aus.
Kreisleitung der RSDAp.
||^DitDtuffiMrbcWroiit
RS. Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Theaterring Gießen.
Die 4. Rate für die „KdF."-Mieten ist fällig. Die Karten können ab sofort in der Kartenverkaufsstelle, Seltersweg 60, abgeholt werden, prompte Abholung ist erforderlich, da die nächste Vorstellung am 2. 4. stattfindet. 2046V
S a m s t a g, 2. April, 20 Uhr: Große „KdF."-INiete
Gruppe I und II:
„Großer Bunter Abend" im Stadttheater für Gruppe I und II gemeinsam (kein Kartenverkauf).
Die 14. Vorstellung der Gruppe I findet ausnahmsweise am 2N o n t a g, 11. April, statt. Operette „Clivia".
Alle ck 0 jährigen zu uns!
Die Gießener Jungmädel des neuen Jahrganges kommen heute, Mittwoch, 30. März, um 14.30 Uhr auf den Brandplatz zum 1. Dienst!
Die Führerin des JM.-Untergaues Gießen (116): gez.: Liefet Göbel.
JM.-Gruppenführerin.
Wahl-Benachrichtigungskarten.
Das städtische Wahlamt gibt heute bekannt, daß für die bevorstehende Abstimmung erstmals bis zum 2. April an jeden Stimmberechtigten in der Stimmliste der Stadt Gießen eine Wahl-Benachrichtigungskarte ausgestellt wird. Diese Karte wird
RUHL Seltersweg Nr. 67
adiO Telephon Nr. 3170
eparaturen t89,D
durch die Post übermittelt. Es erübrigt sich dadurch die Einsichtnahme in die Stimmliste während deren Offenlegung. Diese Karte darf aber nicht mit einem Stimmschein verwechselt werden. Weitere wichtige Anordnungen, die mit dieser Karte in Zusammenhang stehen, sind aus der heutigen Bekanntmachung ersichtlich.
In einer weiteren Bekanntmachung wird die Zeit der Offenlegung der Stimmlisten angekündigt.
Wechsel in der Leitung
des Neichsbahn-Maschinenamts.
Vom Reichsbahn-Maschinenamt Gießen wird uns mitgeteilt?
Mit dem heutigen Tage verläßt der seitherige Vorstand des Reichsbahn-Maschinenamtes Gießen, Reichsbahnrat Pg. Nieder st raßer, Gießen, um unter Beförderung zum Dezernenten nach seinem neuen Wirkungskreis im Reichsbahn-Zentralamt Berlin überzusiedeln. Mit Bedauern sieht die Gefolgschaft den seitherigen Vorstand scheiden, der sich durch sein vorbildliches und gerechtes Verhalten ihr volles Vertrauen erworben hat und der ein treuer Gefolgsmann unseres Führers ist. Pg. Nieder- st r a ß e r war auch Führer des Reichsbahn-Turn- und Sportvereins, in welcher Eigenschaft er sich um das Wachsen und Gedeihen des Vereins große 23er»
„Spielen!!" schreit Krawuttke. „Warte — da bleibst du stehen, verstanden?"
„Ja.
Krawuttke sieht sich um, zückt ein blinkendes Messer und setzt sich langsam in Bewegung, schreitet auf einen Primelbusch zu, säbelt die Blüten ab, unbarmherzig, allesamt. In der Linken das Messer, in der Rechten den Primelstrauß, so steigt er auf das unbewegliche Kind am Zaun zu.
„Da!" schreit er. „Für dich!"
„Danke" piepst das Mädchen und legt sein rosiges Händchen in die braune, haarige Pranke. Dann ruft es im Daoonfpringen:
„Mein Vater macht dir die Tür — bestimmt!"
Ein wiederentdeckter Tintoretto.
In der Bibliothek von Christ Church in Oxford hing feit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Männerbildnis, in dem man zwar ein Werk von Tintoretto vermutete, das aber von einer derartig dicken Schmutzschicht bedeckt war, daß über die Eigenhändigkeit nichts entschieden werden konnte, Jetzt ist nun das Gemälde, wie in der Monatsschrift „Pantheon" berichtet wird, von dem bekannten Restaurator Buttery sorgfältig gereinigt war» den, und es steht fest, daß es sich um eine ausgezeichnete Arbeit Jacopo Tintorettos aus den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts handelt, in denen der Einfluß Tizians auf den jungen Meister noch bedeutend war. Das Bild ist nicht wie gewöhnlich auf lichtem, sondern auf schwarzem Grunde gemalt, in einer Technik, die in der damaligen venezianischen Malerei eine große Seltenheit bedeutet.
Hochschulnachrichten.
Der nb.ao. Professor Dr. Helmuth K a n t e r an öer Universität Hamburg wurde zum Ordinarius ernannt; ihm wurde der Lehrstuhl für Geographie unö die Leitung des Geographischen Seminars an der Universität Marburg übertragen.
„ Der Dozent Dr. Gustav Clausing an der Universität Bonn wurde zum ordentlichen Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Erlangen ernannt.
Professor Dr. Otto Schlüter, Ordinarius für Geographie an der Universität Halle, ist wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand getreten. Professor Schlüter, früher in Berlin und Bonn, wirkte seit 1911 in Halle und beschäftigte sich besonders mit Siedlungsgeographie.


