Nr. 74 Zweites Blatt
Dienstag, 29. März 1938
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nücke zum DeuWum über Land und Meer.
Leben mit der Heimat und das Erleben mit der neugewordenen Heimat, die Brücke, auf der wir alltäglich nach Deutschland wandern." Wie innig
Ein Besuch beim Deutschen Kurzwellensender.
die Deutschen im Ausland mit dem Kurzwellensender verwachsen sind, davon spricht auch folgender
Am 1. April 1938 jährt sich zum fünften Male der Tag, an dem die erste deutsche Rundfunksendung über die Kurzwelle stattfand. Dieses Ereignis gab Anlaß zu einem Besuch bei der Sendeleitung, die in einem großen Hause am Adolf-Hitler-Platz in Berlin ihren Sitz hat.
„Himmel, Herrgott, die Kerle müssen ja eine Haut /Die aus Leder haben", ruft ein Mann vom Kurzwellensender während der Unterhaltung, die wir vor einem Büroschrank führen, der sich rein äirßerlich von keinem anderen Spind unterscheidet. Und doch stehen wir vor einem wahren Schatzkasten, der in bunter Mischung alle die Geschenke enthält, die eine dankbare Hörergemeinschaft an eine der Send^zonen-Abteilungen des Deutschen Kurzwellensenders gelangen ließ. Sie scheinen uns wie kleine Steine aus dem riesengroßen Mosaik einer Freundschaft, die die Männer vom Kurzwellensender mit den deutschen Volksgenossen über Land und Meer verbindet. Was wir eben lachend bewundern, ist beispielsweise ein Tätowierstift, wie ihn die Indianer benutzen, bevor sie zu großen Stammesfesten Maskerade machen. Irgendein Deutscher mag ihn wohl bei einem Besuch in den Reservationen Amerikas zum Geschenk erhalten haben. Das, was ihm damals eine köstliche Gabe dünkte, ist ihm heute gerade gut genug, um damit der Heimat einen Beweis seines großen Dankes abzustatten. Was findet sich in diesem Raum im Haus des Kurzwellensenders nicht alles zusammen! Kostbare Pokale, Meisterwerke der Holzschnitzerei, Schlangenhäute, Teppiche, Pfeile, Bogen und so weiter und so weiter.
Es ist ein guter Gedanke der Sendeleitung, daß olle diese Gegenstände zu geeignetem Zeitpunkt der großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Da wird dann so mancher von uns davor- stehen und mit den Deutschen aus aller Welt stumme Zwiesprache halten.
„Welche Verbindung hatten schon die Millionen Volksgenossen im Ausland früher mit der Heimat. Das einzige waren Briefe, die spärlich oder gar nicht kamen, veraltete Zeitungen, ein deutsches Buch, die Flagge am Heck eines deutschen Dampfers, oder, wenn es hoch kam, in Jahren einmal der Besuch eines deutschen Kreuzers. Das Weltenmeer, der trennende Raum zwischen dem Rejch und seinen Getreuen da draußen, schien unüberwindlich" sagt uns Dr. Schröder vom Kurzwellensender, als wir über die Vergangenheit der Funkstation in Zeesen sprechen. Es ist richtig, dieser Sender fristete ein Aschenbrödeldasein. Planlos wurde in die weite Welt hinausgefunkt, und nur ein paar Amateure und Funkbastler in Uebersee konnten Interesse daran haben, gelegentlich mal einen Fernempfang aus Deutschland zu hören.
Endlich wurde 1933 durch die nationalsozialistische Rundfunkführung eine Kurzwellenanlage geschaffen, die zu den größten und modernsten der Welt gehört. Wir in der Heimat wurden zum erstenmal mit dem Kurzwellensender und Richtstrahler nach Afrika bekanntgemacht, als er auf der großen Berliner Rundfunkausstellung hervortrat und als der Stellvertreter des Führers am Heiligen Abend zu den Ausländsdeutschen sprach. Der Deutsche Kurzwellensender ist dann bis auf den heutigen Tag immer weiter ausgebaut worden, so kraß wir heute nach Afrika, Südamerika, Ost- asien, Südasien, Mittelamerika regelmäßig Sendungen vornehmen. Fast ununterbrochen wird dort am Adolf-Hitler-Platz gearbeitet, tagtäglich und — nachtnächtlich. Denn zu einer Zeit, wo viele von uns schon wieder zu neuem Tagewerk schreiten, | müssen die Männer des Kurzwellensenders noch immer unverdrossen vor den Mikrophonen fingen, spielen oder musizieren.
Der Deutsche Kurzwellensender wurde daher nicht nur die Brücke, die den Ueberseedeutschen mit der Heimat verbindet, sondern er ist zugleich auch die Stimme Deutschlands in der Welt, die
die deutsche Sache, deutsche Kultur, deutsche Musik, deutsches Geschehen in aufrichtiger und überzeugender Weise an Hunderttausende ausländischer Hörer heranträgt
Da ist es gewiß kein Wunder, daß zum fünften Geburtstag des Deutschen Kurzwellensenders aus aller Herren Ländern die Glückwunschschreiben von Ausländern und von Deutschen in gleich großer Anzahl kommen. Wie erschütternd wirkt es, wenn ein 83jähriger Auswanderer in USA. sich meldet und schreibt? „Einen Gruß aus weiter Ferne von einem, der im Jahre 1870 als siebzehnjähriger Jüngling Deutschland verließ. Dieses ist der erste Brief, der in 66 Jahren nach Deutschland geht. Ich hatte keine Ursache für Briefwechsel, da ich keine Verwandten und näheren Freunde verließ." Ein anderer deutscher Volksgenosse schreibt: „Der Deutsche^ Kurzwellensender bedeutet für uns das
Glückwunsch: „Solange wir diesen Freund im Hause haben dürfen, werden wir glücklich sein, Deutsche im Ausland zu sein. Der Deutsche braucht sich nun im Ausland nicht mehr schief ansehen zu lassen, er weiß, feine Heimat spricht Abend für Abend zu ihm, und das gibt ihm stets neue Kraft und Mut zur Verteidigung feines Deutschtums,"
Schließen wir diesen kurzen Auszug aus den Hörerbriefen mit folgendem Schreiben: „Menschen, die wie wir hier dauernd dem Gift und den Lügen einer bolschewistisch inspirierten und kontrollierten Presse ausgesetzt sind, bedürfen heute mehr denn je Ihrer wahren und klaren Berichte Über das Geschehen in der Welt. Dafür danken wir Ihnen besonders herzlich, weil Sie alltäglich durch den Deutschen Kurzwellensender im Ausland die Botschaft des Friedens verbreiten." Hartmann.
MchslNinisterRust besucht die Universität Gießen
Rach der Kundgebung am Sonntagabend in der Gießener Volkshalle mit dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung Rust als Redner, verweilte der Minister auch am gestrigen Montag noch in unserer Stadt. Sein Aufenthalt am gestrigen Tage galt einem längeren Besuch der Universität G i e ß e n.
Reichsminister Rust in Begleitung des Hoheitsträgers für den Kreis Wetterau, Kreisleiter Backhaus, und feiner Reisebegleitung besichtigte unter Führung des Rektors der Universität, Prof. Dr. Baader, und der jeweils zuständigen Professoren am Montagvormittag das Landwirtschaftliche Jn- stitut, das Ägrarmeteorologische Institut, das Agri- kulturchemische Institut, das Forstinstitut und das Physikalische Institut. Rach einer kurzen Ruhepause zur Einnahme des Mittagessens folgten am Nachmittag Besichtigungen der Veterinärmedizinischen Institute und des Tierseuchen-Jnstituts, anschließend in offenen Kraftwagen eine Rundfahrt durch das große Gelände der Medizinischen Universitätskliniken.
Bei den Rundgängen durch die Institute gaben deren Leiter und Mitarbeiter dem Minister in großen Umrissen einen Ueberblick über ihr Arbeitsfeld, ihre Wünsche und ihre Planungen für die weitere Tätigkeit ihrer Institute. Reichsminister R u st brachte diesen Darlegungen ersichtlich großes Interesse entgegen. Bei dem Rundgang im Landwirtschaftlichen Institut anerkannte der Minister entschieden die Notwendigkeit eines Neu- baues der Institute der Landwirt
schaftlichen Abteilung; er erklärte sich bereit, sich nachdrücklich für diese Verbesserungen einzusetzen. Bei der Rundfahrt durch den großen Block der Medizinischen Universitäts-Kliniken zeigte sich der Minister von dem modernen Zustand und den neuzeitlich baulichen Anlagen dieser Kliniken aufs angenehmste überrascht. Als Gesamtergebnis seines Besuches ließ der Reichsminister erkennen, daß er von den Einrichtungen der Universität Gießen einen sehr guten Eindruck erhalten hat. Wie wir von maßgebender Stelle der Universität hören, hat der Reichsminister u. a. erklärt, daß die Universität Gießen weiterhin bestehen bleiben werde unter Beibehaltung ihres bisherigen Charakters. * *
Die Rundfahrt durch das Klinikoiertel am Schluffe des Besuches fand gegen 17 Uhr ihren Abschluß in der Nähe der Veterinärkliniken. Dort verabschiedete sich der Minister von seinen Begleitern aus der Stadt Gießen und setzte dann mit seinen Reisegefährten die Fahrt im Kraftwagen nach B a b - Nauheim fort. Die restlichen Nachmittagsstunden des Ministers waren in Bad-Nauheim der Besichtigung des dortigen Balneologischen Instituts und des Kerckhoff-Jnstituts gewidmet.
Als Vertreter der Studentenschaft nahm Studentenführer Frank an dem Rundgang des Ministers durch die Gießener Institute teil. Für den dienstlich auswärts weilenden Oberbürgermeister Ritter nahm Bürgermeister Prof. Dr. Hamm als Vertreter der Stadt an der Besichtigung teil. Oberbürgermeister Ritter selbst begab sich nach der
MW
siiiü
■
D . W
-
Reichsminister R u st (vorne links in Uniform) auf seinem Rundgang in den Gießener Veterinärkliniken. Rechts neben dem Minister der Rektor der Universität Pros. Dr. Baader.
(Aufnahme: Pfaff Nachf.
Halbotl^ Gießen.)
Rückkehr von seiner Dienstreise noch am gestrigen Abend sofort nach Bad-Nauheim, um dort in einer Besprechung mit Reichsminister R u st die Wünsche und Vorschläge der Universität Gießen in seiner Eigenschaft als Leiter der Gießener' Stadtverwaltung zu unterstützen.
Aus der Stadl Gießen.
Messe!
Es schien gar kein schöner Sonnenschein mehr, sondern es war eisigkalt geworden, und Mutti sagte: „Ausgeschlossen, heute können wir nicht auf die Messe gehen!" Ich bettelte abeY so lange und versprach, lange Strümpfe anzuziehen, bis Mutti es erlaubte. So zogen wir los.
Schon von weitem hörte man das Gedudel, Lachen und Schreien. Ich konnte es gar nicht mehr abwarten und ging immer schneller, so daß Mutti gar nicht nachkam. Endlich! Zuerst sahen wir uns alles an: da gab es Pferderennen, eine Russische Schaukel, ein Hippodrom, wo man reiten kann, eine Todesfahrt und viele Buden mit Eßbarem und Spielsachen.
Mit Bimlimlim hielt gerade die U-Bootflottille an. Mein Geld fest in der Hand, stieg ich schnell in ein weißes Schiff. Mit rasender Schnelle gings nun los, immer rundherum, rauf und runter. Ich
4711
IS)
,23 -.45 -.90
*
GEGEN.
mußte lachen und schreien vor Vergnügen, und viel zu rasch wars vorbei.
Dann gingen wir zu der Tierschau. Da wären kleine und große Affen, und ein großer Bernhardinerhund bewachte sie. Das Kleinste fror sehr und schmiegte sich immer an ihn. Sogar ein Häuschen hatten die Aeffchen, und es sah sehr komisch aus, wenn sich die Tür öffnete und ein Affengesicht her- ausschaute oder auch mal ein Schwanz in der Türe stecken blieb. Ein Junge hatte eine Bähe, damit neckte er die .Tiere. Ein großer Affe mochte den häßlichen Ton nicht leiden, er schrak zusammen und zog sich zurück, ein kleines aber war anscheinend musikalischer, es kam neugierig ans Gitter. In anderen Käfigen waren wundervolle Löwen. Das Elternsiaar, zwei Riesentiere, lagen immer unbeweglich da und schauten mit ihren bernsteingelben großen Augen in die Ferne. Ein einjähriges, dickköpfiges Baby saß gleichfalls teilnahmslos in einer Ecke, ein' zweijähriges Pärchen ober war sehr lebendig. Sie sprangen umher und leckten den heruntergetropften Schnee ab, sie spielten miteinander, bissen sich und hieben sich mit den großen Tatzen ins Gesicht, bis der Wärter kam, der sie streichelte und ihnen die Nase putzte. Da zeigte das eine die Zähne, ich weiß nicht, ob nur aus Spaß?
Nun gingen wir ins Marionettentheater Reizend waren die kleinen Figuren, wie lebendig! Am schönsten waren eine gezierte Sängerin und ein Klavierspieler, der wie wild auf seinem Sessel herumhvvste. Was haben wir gelacht, als fein Kopf zum Schluß von dem Deckel des Flügels eingeklemmt wurde! Dann kam eine Tänzerin, aber eine lebendige, die hatte ein weißes Kleid an, aber dann wurde es herrlich bunt und immer wieder anders in den Farben. Ein kleines Kind neben mir sagte staunend zu seinem Vater: „Gell, die hat'n Z a u b e r kleid?" Der Vater sagte aber ganz trocken: „Ei, des macht doch der Mann da owwe!" Und et zeigte auf den Vorführapparat. Zum Schluß bekamen wir eine
„Diamantenkomödie" im Film
Lichtspielhaus: „Schüsse in Kabine 7."
Erinnern Sie sich noch an den Roman „D i a - mantenfpmöbie" von Horst Biernath, den wir vor nicht langer Zeit im Gießener Anzeiger brachten? Hoffentlich; er war so spannend und so angenehm erheiternd dabei. Vielleicht sind Sie sogar beim Lesen auf die Idee gekommen: das müßte einen hübschen Film geben. Die Terra war der gleichen Ansicht, und siehe, da ist er. Das Buch schrieben Walter Wassermann und C. H. Silier, die in solchen Affären bereits Erfahrungen gesammelt haben. Warum der Film nicht genau so heißt wie der Roman, und was es überhaupt mit dem Filmtitel auf sich hat, wurde neulich in einer kleinen Betrachtung in unserer Filmbeilage auseinandergefetzt. Daß ein Roman und ein Film zwei verschiedene und verschieden zu behandelnde Dinge sind, haben wir schon des öfteren erörtert; darauf einzugehen, warum das so ist, würde hier zu weit führen. Uebrigens war unser Roman eine so brauchbare Vorlage, daß das Drehbuch sich enger an ihn anschloß, als das sonst bei Verfilmungen der Fall zu sein pflegt. Immerhin sind ein paar hübsche neue Motive aufgetaucht, und es lohnt sich durchaus, zu sehen, wie der Film die Einfälle des Autors ins Bild übersetzt; es ergeben sich dabei auch reizvolle Möglichkeiten für den Romanleser, seine eigene Phantasietätigkeit an Hand- eines solchen Objektes unter die Lupe zu nehmen. An die Fabel werden Sie sich noch erinnern: es ist die Geschichte mit dem geheimnisvollen Diamantenraub auf hoher See zwischen Kapstadt und Amsterdam, mit den echten Steinen, den Kieselsteinen und den Ziegelsteinen, die im unpassendsten Moment aus dem Koffer fallen; die Geschichte mit der abenteuerlustigen Reporterin und den beiden gutgebauten jungen Herren, die sich teils ihretwegen, teils aus andern Gründen einen sportlich bemerkenswerten Boxkampf liefern. Na, und bann find da auch noch die beiden drolligen Detektive, die leider ko. in den Betten liegen, und der dicke, gemütliche Käptn Zanten, und diese verdächtige Filmdiva Daisy Lennox, um derentwillen es an der Bar und anderswo einen gewaltigen Aufstand gibt. Wissen Sie noch den Mann, der in den Teppich eingerollt wurde? Ja, und schließlich knallt es unverkennbar, das sind die Schüsse in Kabine 7. Aber vielleicht schauen Sie sich das alles mal der Reihe nach an. Der Regisseur Carl B o e s e hat die bekömmliche Mischung non kriminalistischer Aufregung und entspannender Heiterkeit mit glück
licher Hand auf den Film übertragen, auch die Liebesgeschichte nicht vergessen, die der Diamanten- komödie noch eine leisere, aber nicht minder pikante Spannung mitteilt. Außerdem hat sich eine brillante Besetzung zusammengesunden. Harald Paulsen, dem neuernannten Berliner Intendanten, ist die Rolle des rätselhaften Herrn Martini auf den Leib geschrieben: er macht das mit einer Eleganz, einer Sicherheit und unerschütterlichen Gemütsruhe, sowohl mit Witz als auch mit Muskelkraft, daß der arme Timperley einen schwierigen Stand hat; den gibt Speelmans, und er spielt ihn wirtlich nett. Maria Andergast zwischen beiden, der prächtige Käptn Alfred Maack, Fita Benk- hoff nicht zu vergessen; das ist die angebliche Diva, das „Fleißige Lieschen" Olis' der Bar, sehr aufgekratzt und ein bißchen ordinär, gerade das Richtige für Fitas rheinisches Mundwerk. In einer fast unscheinbaren Rolle die Koppenhöfer, die Herren G ü I ft o r f f, Junkermann und Engel: ein sehr erfreulich abgestimmtes Ensemble. — Musik dazu von Michael I a r y. —
*
Im Beiprogramm: die neue Bavaria-Wochenschau mit Bildern aus Oesterreich und ein lehrreicher Kurztonfilm. Hans^Thyriot.
Höllische Fahrt im Einbaum
Sibirisches Erlebnis von Joseph M Vetter.
Unsere Lodka, ein aus einem Pappelstamm aus- gehauener Einbaum, glitt in rascher Fahrt über die stürmischen Wasser eines Nebenflüßchens der Tschaja. Viele Wochen lang hatten wir in den Bergen nördlich des Baikalsees, des „Heiligen Meeres" der Sibiriaken", gejagt. Nun zog der Winter ins Land, und es war an der Zeit, die Lena und damit Obdach in besiedeltem Land zu erreichen.
Noch indes reckten, zu Beginn unserer Fahrt, die Baikalberge an den Ufern rechts und links die kahlen, vom ewigen Wind abgeschliffenen Granitkuppen in den grau verhangenen Himmel. ' In den Schluchten heulte der Sturm, der furchtbare Bargusin; die kümmerlichen Fichten in den Steilhängen ächzten und wanden sich stöhnend hin und her. Ein Krähenschwarm strich, vom Wind gejagt, in pfeilschnellem Flug mit gesträubtem Gefieder über das Tal und tauchte hinter einer der zahllosen Krümmungen des Flusses unter.
Die Wasser jagten zu Tag. Kleine, schaumgekrönte Wellen klatschten gegen unser Boot, das wir
nur mit kurzen, steuernden Ruderschlägen in der Richtung zu halten hatten. Von Zeit zu Zeit schlug donnerndes Tosen an unser Ohr: Von den Hängen stürzten in jähem Fall schäumende Bäche nieder. Felsen und Geröll säumten die Ufer; immer wieder mußten wir schwarze Blöcke umfahren, um die sich ein Kranz weißen Gischtes zog. Jedesmal hob mein Gefährte Jmquill, der vor mir im Boot saß, schon lange vorher warnend die Hand: die Ruder klatschten ins Wasser, die Lodka flog herum, schattenhaft glitten die Felsen vorbei. Wir lachten vergnügt. Das also waren die unüberwindlichen Gefahren, von denen uns die Burjäten mit so entsetzten Mienen gewarnt hatten, als sie hörten, daß wir auf dem „Teufelswasser" zur Lena hinabwoll- ten! Nun, diese Burjaten — waren es nicht die gleichen abergläubischen Gesellen, die aufgeblasene Ziegenfelle an hohen Galgen zum Schutz gegen die bösen Geister des Dalainor hißten, nicht dieselben Angsthasen, die Pfähle in die Erde rammten, fünf an der Zahl, in primitiver Nachbildung eines Menschen, und graue Filztaschen daran mit kleinen Opfergaben füllten^ auf daß die Götter und Gespenster ihr Leben schonten?
Der Bargusin heult. Die steilen Hänge fliegen an uns vorüber. Wir freuen uns der guten, spannenden Fahrt. Aber dann geschieht es,'daß unser Lachen gefriert. Hinter einer Flußbiegung rauscht und donnert es. Wieder einer dieser stürmischen Gieß- bäche, denken wir und packen die Ruder, das Boot nach der anderen Flußseite zu bringen — es gehorcht nicht. Schneller denn je jagt es vorwärts, biegt um einen Felsvorsprung herum. Eng rücken die Steilwände zusammen, krachendes Donnern füllt das Obr ...
Plötzlich habe ich dqs Gefühl, das Boot gleite unter mir weg, es falle in eine jähe Tiefe. Da aber hebt es sich schon vorne wieder hoch, und nun schießt es wie ein Pfeil in eine weiße, schäumende Molke von Gischt. Nichts ist mehr zu erkennen. Wasser peitscht mir ins Gesicht. Eisig rinnt es in Aermel, Hals und Nacken. Ringsum strudelt, rauscht und gurgelt es.
Aus! Vorbei! Ich empfinde es dunkel: Gegen diese donnernden Gewalten gibt es keine Rettung mehr. Wie der Sturm ein Flaumfederchen packt und es dahinwehtz so schleudert eine urweltliche Kraft uns nach vorn. Neben mir taucht von Zeit zu Zeit etwas Schwarzes auf. Inmitten des weißen Gischtes saust es vorbei. Unmöglich ist es, Näheres zu erkennen. Halt, Felsen müssen es stein, natürlich. Felsen, was denn sonst? Im nächsten Augenblick wird die Lodka mit der ungeheuerlichen Krall dieser Sturzfluten gegen einen solchen Block geschleudert
werden und zersplittern. Und dann? Irrsinn wäre es, in diesem brüllenden Hexenkessel an Schwimmen zu denken! ...
Die dichte weiße Wolke des sprühenden Gischtes bleibt plötzlich zurück. Ich vermag zu erkennen, daß der Fluß, der vorher wenigstens zwölf Meter breit war, hier noch höchstens eine Breite von fünf bis sechs Meter hatte. Zwischen schroffen, schwarzen Wänden rast das Boot dahin. Weiß strudelt es rechts und links, in der Mitte schießt der Strom mit unvorstellbarer Gewalt auf eine ungeheure Felswand zu, die sich vor uns erhebt. Sekundenlang sehe ich Jmquills verzerrtes Gesicht, das sich mir zugewandt hat, sein Mund ist aufgerissen. Er schreit mir etwas zu. Aber es ist immöglich, ihn zu verstehen. Das Wasser brüllt wie ein Tier. Geradewegs schießt die Lodka auf die schwarze Wand zu. Wie Maschinengewehrknattern klingt es uns entgegen ...
Ein lähmendes Entsetzen packt mich Es gibt keine Rettung mehr: Die in der engen Schlucht zusammengepreßten Wasser schießen auf die schwarzes
das Tal abschließende Wand zu und verschwinden in staubfeinem Gischt. Gurgelnd fahren die Fluten in die Tiefe. Hat sich der Fluß ein unterirdisches Bett gegraben? — Ein infernalisches Geheul bringt uns entgegen.
Jetzt stürzt die Lodka in den tobenden Kessel. In unbewußter Abwehr schnellen unsere Ruder schräg nach vorn, den Anprall zu mildern. Ein Stoß, das Boot legt sich auf die Seite, schöpft Wasser. Ein wirbelnder Strudel packt es, dreht es, jagt es im Kreise durch die milchige Wolke von Wasserstaub, der eisig die Augen füllt. Schattenhaft sehe ich die schwarze Wand vorübergleiten.
Was aber ist das? Helles schwimmt voraus! Es ist nicht wahr, daß die Wasser hier in die Tiefe stürzen. Wir werden vorwärts geschleudert. Durch eine schmale, umschäumte Pforte fliegt das Boot — und dann liegt ein breiter Talkessel oor uns. Fahl, bleifarben ziehen die Wasser dahin, Schaumblasen treiben darauf. Das Donnern der Schnellen bleibt zurück.
Wir legen an. Mit leisem Knirschen läuft die Lodka auf. Aber mir sitzen noch lange da, ohne uns zu erheben. So erstarrt sind wir,' so gelähmt und erschöpft vor Entsetzen. Erst als unsere Zähne schlagen vor Frost — mir sind naß bis auf die Haut, handhoch steht das Wasser im Boot —, kommen mir zu uns.
Nie wieder aber haben mir über abergläubische Burjäten gespottet.


