Nr.305 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 28. Dezember 1938
Aus der Stadl Gießen.
Fahrt in die winterliche Welt.
Wir können verstehen, wenn unsere Jugend ungeduldig wurde, als sich der Winter immer noch nicht zeigte. Nun sind die Wintertage da und laden uns ein: Kommt heraus auf die blanken Flächen, steigt hinauf die schneebedeckten Berge und schaut die Wunder des Winters!
Wie froh blicken wir nach den Kindern, die sich draußen auf der Rodelbahn tummeln! Wie sie Mäntel und Mützen abwerfen, um sich leichter und freier bewegen zu können.
Fährt da nicht auch der Mutwille noch einmal in die Knochen der Alten? Denken sie nicht zurück an die früheren kalten Winter, in denen sie mit Schlittschuhen und mit Schlitten draußen waren? Und steht nicht der große Schlitten ganz hinten in der Ecke der Wagenhalle? Schon zu lange mußte er feiern. Ich glaube, im Jahre 1929 wurde er zum letzten Male gebraucht. Also heraus damit!
Staub und Spinnweben werden entfernt. Junge und Alte helfen bei der Arbeit. Rostflecken werden abgerieben, einzelne Teile neu eingefettet und geölt. Schon nach einer Stunde steht er da in altem Glanz! Die Pferde, die nun'schon mehrere Tage nicht aus dem Stall gekommen sind, werden neu beschlagen. Sie zittern vor Ungeduld und möchten sich draußen tummeln. Die Schellenbäume werden von der Oberstube geholt. Horch! wie die Glöckchen klingen! Den kleinen Kindern ist das etwas ganz neues. Sie machen große Augen.
Mit Wärmflaschen und dicken Decken versehen steigen nun die Alten ein. Die Pferde ziehen an und möchten gleich in einen scharfen Galopp übergehen, aber die Zügel in der starken Faust halten sie zurück. Tänzelnd ziehen sie den leichten Schlitten durch die Straßen des Dorfes.
Die Sonne kommt und beleuchtet die weiße, unendliche Fläche. Wir sind die ersten, die aus dem Dorf hinaus in den stillen Wald fahren. Es ist wie in einem Märchen. Der Schnee liegt so hoch, daß wir kein anderes Geräusch hören als die Glöckchen an dem Hals der Pferde. Im Wald ist es so still wie in einer Kirche. Und diese feierliche Stille überträgt sich auch auf uns. Eichen und Buchen ragen mit ihren silbernen Aesten in den blauen Himmel. Solche Herrlichkeit sieht man selten.
Die Pferde haben sich beruhigt. Langsam geht's nun durch die kalte Winterschönheit, hinein in das Schweigen des Waldes. Unendliche Ruhe umfängt uns. Wir hören kein Vogelgezwitscher, kein Käfersurren. Im weichen Schnee fahren wir lautlos dahin. Kein Ton, kein Laut aus der unruhigen Welt dringt zu uns. Lustig erklingen die Glöckchen der Pferde.
Die Tannenbäume zur Seite stehen da, wie Männer, die eine schwere Last zu tragen haben. Im Schnee zeigen sich die Spuren des Wildes. Es hält sich im Unterholz verborgen.
Welches Farbenspiel tut sich vor unfern Augen auf, wenn die Sonne mit ihren Strahlen die weiße Fläche beleuchtet! Ueberall glänzt und glitzert es. Wie sich die Farben brechen, wie sie in tausendfältigem Spiel ineinanderfließen! Der ganze Zauber eines Märchenlandes umgibt uns.
In der frischen, köstlichen Winterluft wird uns gar leicht zumute.
Im Nachbardorfe wird Halt gemacht. Schon stehen einige andere Schlitten vor dem Gasthaus. Ein frohes Grüßen hebt an. Warme Getränke beleben die Geister auf ihre Weise. Und weiter geht die Fahrt. Schon senkt sich Abenddämmerung auf den Wald, langsam und lautlos kommt die Nacht. Wir begegnen andern Schlitten, die Glöckchen haben ihr Nahen schon verkündet. Lachen und frohe Zurufe erfüllen die Luft. Ganz selten huscht ein Auto vorüber. Jetzt haben die Schlitten das Recht auf der Straße!
Wir steigen aus und dehnen die etwas steif gewordenen Glieder. Wir freuen uns schon auf das warme Zimmer. Aber wir fühlen uns erfrischt und gekräftigt nach einer solchen Schlittenfahrt und schauen mit frohen Augen auf unsere Arbeit. H.
Gchijöring in Gießener Straßen.
Gestern nachmittag bot sich in einigen Straßen für kurze Zeit ein schönes und nicht alltägliches Bild. Einige Reiter und Reiterinnen begaben sich auf Pferden zu einem Ausflug nach dem winterlichen Schiffenberg. An diesem Ausflug beteiligten sich einige Schiläufer, die am Brandplatz angeschnallt hatten, Leinen in die Hand nahmen und sich nun von den Pferden durch den hohen Schnee ziehen ließen. Der originelle Auftritt der kleinen Kavalkade fand viel Beachtung.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Preisskat als Glücksspiel.
Erlaß des Chefs der Deutschen Polizei.
Der Reichsführer ff und Chef der Deutschen Polizei hat an alle Polizeibehörden einen Runderlaß gerichtet, in dem er zu den Veranstaltungen von Preisskaten und anderen Preisspielen Stellung nimmt. In diesem Erlaß heißt es:
„Skat ist ein Geschicklichkeitsspiel, wenn es unter den allgemein Üblichen Regeln gespielt wird. Es ist jedoch festgestellt worden, daß unter dem Namen „Preisskat" mancherorts Glücksspiele durchgeführt wurden, bei denen das Skatspiel nur den äußeren Rahmen abgab, und bei denen der Veranstalter, der selbst nicht mitspielte, mühelos Geldgewinne einheimste.
Derartige Veranstaltungen, die die Entscheidung über Gewinn oder Verlust nicht mehr von der Geschicklichkeit des Spielers abhängig machen, dürfen ebenso wenig geduldet werden, wie Spiele, bei denen von den Veranstaltern andere für die Gewinnerlangung willkürliche und durch Geschicklichkeit des Spielers nicht mehr erfüllbare Bedingungen gestellt werden. Dies wäre z. B. der Fall, wenn für die Gewinnerlangung die Erreichung einer bestimmten Punktzahl oder die Tätigkeit einer bestimmten Anzahl von Spielen innerhalb eines Spielabschnitts verlangt würde, oder wenn bestimmte Spiele, wie z. B. „Grand ohne Vier" oder „Farbspiel ohne Sieben" besonders gewertet würden. Die Erfüllung dieser Bedingungen Hängt ausschließlich von dem Erhalten hierfür geeigneter Karten und somit vom Zufall ab.
Um die notwendige polizeiliche Kontrolle über die Durchführung unerlaubter Spiele zu ermöglichen, stelle ich anheim, soweit sich ein Bedürfnis dafür ergibt, eine Anmeldepflicht für die Veranstaltung von Preisskaten und anderen Preisspielen durch Polizeiverordnung vorzuschreiben und die Veranstaltungen auf ihre Unbedenklichkeit und ihre einwandfreie Durchführung zu überwachen."
Zur Begründung und näheren Erläuterung über den Kreis der Veranstalter (Absatz 1) wird in dem Runderlaß folgendes gesagt: „Als Veranstalter traten in solchen Fällen Gastwirte, Skatvereine und dritte unbeteiligte Personen auf. Soweit die Preisskatspiele von Skatvereinen veranstaltet wurden, handelte es sich hierbei des öfteren nur um eine Tarnung. Nutznießer waren dann nur einige wenige Personen, Vereinsvorstand, Kassierer usw. Der Preisskat wurde für mehrere hundert Tische oder Listen ausgeschrieben, die abgespielt werden mußten. Jeder Disch oder jede Liste mußte im Regelfälle 40 Spiele erledigen. Zu jedem Tisch wurden vier Spieler zusammengestellt. Jeder von
ihnen hatte den im voraus bestimmten Einsatz zu zahlen, der meist 1,50 RM., 2,00 oder 3,00 RM. betrug. Aus diesen Einsatzgeldern wurden die Unkosten gedeckt, insbesondere auch die Vergütung für die Veranstalter, Spielleiter, Kontrolleure usw. (teilweise bis zu 12 v. H. der Gesamteinnahmen). Hierzu kam für die Gastwirte noch eine erhebliche Umsatzsteigerung. Die hohe Zahl der bei einem solchen Preisskat abzuspielenden Tische oder Listen brachte es mit sich, daß diese Veranstaltungen sich auf mehrere Wochen ausdehnten. Dadurch verlor aber die ganze Veranstaltung an Uebersichtlichkeit. Der einzelne Spieler, der naturgemäß nicht an allen Spieltagen zugegen sein konnte, zumal er sonst an jedem Tage wieder einen neuen Einsatz hätte zahlen müssen, hatte keine Möglichkeit, zu prüfen, wie feine Chancen für eine weitere Beteiligung und für einen etwaigen Gewinn waren. Anderseits gingen die Veranstalter, um einen größeren Anreiz durch recht hohe Gewinne zu bieten, dazu über, die Zahl der abzuspielenden Tische zu erhöhen. In einem Falle wurde ein solches Preisskatspiel unter Zugrundelegung von' 1500 Tischen veranstaltet. Um diese gewaltige Zahl von Tischen unterzubringen, ging der Veranstalter dazu über, das Preisskatspiel gleichzeitig in verschiedenen Ortschaften zu veranstalten, so daß überall Teile desselben Preisskates gespielt wurden. Hier hatte der einzelne Spieler überhaupt keine Uebersicht mehr über den Stand des Preisspieles."
Dornotizen.
Tageskalender für NUllwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22.30 Uhr „Aida". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Blaufuchs". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Pfingstorgel".
Sladtthealer Gießen.
Heute abend findet die erste Wiederholung der am 1. Weihnachtsfeiertag erftaufgefüfjrten Over „Aida" von Giuseppe Verdi statt. Musikalische Lei-
Streut den Vögeln Futter!
tung: Paul Walter, Spielleitung: Gert Buchheim, Bühnenbilder: Karl Löffler. 150 Mitwirkende. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 13. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Großes militärisches Wecken am Neujahrstage.
Am Morgen des Neujahrstages findet Großes Wecken, ausgeführt durch das Inf.-Regt. 116, statt. Das Große Wecken steht unter Führung eines berittenen Offiziers, dem die Spielleute, das Musikkorps des Regiments und ein Begleitkommando in Stärke von einem Feldwebel, drei Unteroffizieren und 45 Mann unterstellt sind.
Abmarsch um 7 Uhr von der Wache in der Berg- kaserne. Der Marschweg des Großen Weckens geht durch folgende Straßen: Kaiserallee, Moltkestraße, Hitlerwall, Walltorstraße, Lindenplatz, Kirchenplatz, Mäusburg, Kreuzplatz, Seltersweg, Hindenburgwall, Gartenstraße, Ludwigsplatz, Kaiserallee, Licher Straße zurück zur Bergkaserne.
Kinder im Winter.
Gesunde Kinder vollführen die unmöglichsten Dinge. Sie riskieren im Uebermut oder im Bewußtsein ihrer jungen Kraft Kopf und Kragen. Sie denken sich nichts dabei, weder bei den waghalsigen Sommerunternehmungen noch bei den Geschichten, die sie im Winter anstellen. Da muß also die Mutter oder der Vater, am besten natürlich alle beide, auf dem Posten sein, um nicht eines Tages einem Ereignis gegenüberzustehen, das Eltern und Kind gleichermaßen schwer trifft.
Jetzt ist Wintr, also sind die in dieser Jahreszeit möglichen Streiche zu erwarten. Da ist es für den Jungen „Ehrensache", als Erster über den eben zugefrorenen Teich zu laufen, er muß doch beweisen, daß er den größten Mut hat. Ob das Eis wirklich hält, ist nicht so wichtig! Es wird schon halten, denkt er, im vorigen Winter hat es ja auch gehalten, als der Karl von nebenan als Erster über
KrümenlÄ!
den Teich schlitterte und damit großen „Ruhm" erwarb unter der Jugend des Dorfes. So denkt der Junge, und dann schlittert er los, oft, allzuoft in ein nasses Grad. Hinterher kommt dann alles Reden zu spät. Es braucht auch nicht immer so schlimm auszugehen, aber eine tüchtige Erkältung" oder eine Lungenentzündung sind nicht gerade angenehm?
Da ist ein Hang, wie vom Herrgott geschaffen zum Rodeln! Unten führt zwar eine Straße entlang, auf der Autos fahren, aber was macht das schon! Das Auto hat ja Bremsen, es wird nicht gerade den Rodelschlitten überfahren! Oder es stehen Bäume am Hang, das macht aber auch nichts, wer wird sich denn da gleich den Schädel einrennen! So denken die Jungen, oder sie denken es gar nicht einmal. Das Denken setzt erst dann ein, wenn ein Spielkamerad daliegt und ins Krankenhaus muß! Hier können und müssen die Eltern denken helfen, und zwar vorher!
Man kann ja auch das Rodeln unterlassen und auf der Straße schlittern! Gewiß, man kann es, es macht Spaß, sogar großen. Nur wird die Straße davon glatt, und wenn dann ein altes Mütterchen — oder auch ein junges — die Straße gegangen kommt, hinstürzt und sich die Beine bricht, was dann? Die soll sich doch vorsehen, meint ihr? Das tut sie schon, aber was hilft das, wenn ihr die Straße, die doch bekanntlich zum Gehen da ist, mittlerweile in eine Eisbahn verwandelt habt?
Der Winter bringt viele Gefahren mit sich, dis ärgsten aber und unangenehmsten schaffen wir uns selbst, d. h. unsere mehr oder weniger gut beaufsichtigten Kinder. Vater und Mutter tun gut daran, das zu bedenken. F. G. (RAS)
Ins Auge gegangen.
Spaß muß sein, am allermeisten am Silvesterabend. Da drückt jeder gern ein Auge zu, auch wenn der Spaß mal auf feine Kosten geht. Aber es muß beim Spaß bleiben! Warum auch Sachen unternehmen, die schief gehen können, wie int
Gießener Stadttheater.
Hans Schweikart: „Lauter Lügen."
Dieses Stück ist einer der dauerhaftesten Theatererfolge der letzten Zeit, das Werk eines Mannes vom Bau (Schweikart ist Oberspielleiter) und über zahlreiche Bühnen im ganzen Reich gegangen; hübsch, gefällig und nicht ohne Geschick geschrieben, übrigens weniger Gesellschaftsspiel als Liebesgeschichte. Mit der Bezeichnung Komödie muß man freilich aus alter, an vielen Beispielen gehärteter Erfahrung vorsichtig umgehen: nicht alles, was hier geschieht, reicht in den scharf begrenzten, unalltäglichen Komödienbezirk; nicht alle Figuren im Spiel haben das Format und den inneren Wertbestand, komödienhaft ernst genommen zu werden. Auch kommt die Exposition etwas langatmig an den Kern der Dinge heran, die wiederum hernach szenenweise ein wenig zu glatt und lustspielhaft routiniert abkaufen ... aber auch ein sauberes, ordentliches, nicht abgleitendes Lustspiel zu schreiben, ist wohl des Schweißes der Edeln wert.
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Ein berühmter Rennfahrer, Andreas, verunglückt erheblich und wird in einer sieben Monate währenden Kur wieder auf die Beine gebracht, während feine tapfere kleine Frau, Garda, daheim mit eigener Arbeit die beträchtlichen Kosten bestreitet. In der Rekonvaleszenz hat er ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer mit einer ziemlich mondänen Dame namens Joan, die sich sogar in den Kopf gesetzt hat, den „komplizierten Naturburschen" zu heiraten. Garda würde nichts davon ahnen, wenn die extravagante Globetrotterin Joan nicht auf den immerhin ungewöhnlichen Einfall geriete, noch vor der Heimkehr des Andreas feiner Frau mit schöner Offenheit und persönlich zu erklären, daß sie Andreas heiraten werde. Nachdem Garda sich etwas erholt hat, geht sie zum Gegenangriff über, empfängt Andreas, als ob nichts geschehen fei, wartet auf ein Geständnis und erfindet, da er natürlich nichts sagt, lauter Lügen: sie ihrerseits habe während der langen Zeit des Alleinseins allerlei Bekanntschaften gemacht, oh, sehr nette, sehr reizende Bekanntschaften ... alles gar nicht wahr, aber der Mann fällt prompt darauf rein, und da Garda auf einer Gesellschaft, zu der auch Ioan eingeladen ist, ihre Rolle unverzagt weiterspielt, hat sie schon beinah gewonnen. Andreas, aufs peinlichste überrascht, i» Gegenwar^jeiner Frau §on Jagn ßgnj verjrquh
begrüßt zu werden, wird wild vor Eifersucht, als er sieht, wie Garda sich ganz offensichtlich mit einem anderen tröstet ... und weder er noch der andere ahnen, daß dies nicht ernst ist, sondern lauter Lügen. Aber das Mittel wirkt, bitter und ziemlich prompt. Andreas kehrt zurück, klein und reumütig. Joan verzichtet, als sie gewahr wird, daß sie das Spiel verloren hat, und jener andere, das unschuldigste und eigentlich beklagenswerte Opfer solcher Lügen, weiß am Ende in der Haltung eines Gentleman Abschied zu nehmen. —
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Herr Löffler hatte das lockere und trotz einigen leeren Dialogstellen unterhaltende Spiel mit einem geschmackvollen Rahmen moderner Innendekoration ausgestattet; besonders die kleine Hotelbar wirkte ausgesprochen apart. Intendant Schultze-Griesheim führte Regie; man merkte der Aufführung das Vergnügen am sauber arrangierten Theaterspiel an; er -begann in einem etwas kühlen, zeitgenössisch knappen Alltagsunterhaltungsstil und ließ die ernsthafteren Auseinandersetzungen in einem Tone stattfinden, der in die menschlichen Bezirke wies, wo das Lustspiel nicht mehr nur um der freundlichen Konversation willen stattfindet.
Margot Eickhoff spielte die kleine Frau Garda auf eine sehr liebenswerte, menschlich anziehende, weiblich überzeugende Weise: geschickt, tapfer, gescheit und beherrscht; es war erfreulich, ihr zuzusehen und zuzuhören. Giesela Vollert war, in jeder Hinsicht, ihr Gegentyp und ihre Gegenspielerin: elegant, kühl und von entwaffnender Offenheit; diese Joan ist eine sehr literarische, gar nicht komödienhafte Erscheinung; aller Ehren wert, wie sie darstellerisch in dieser Umgebung behauptet wurde. Herr Cossovel als Andreas hatte Humor genug, die Rolle zu nehmen, wie sie angelegt ist: komplizierter Naturbursche, robust und wehleidig zugleich, ein bißchen eitel, ein bißchen zornig und furchtbar eifersüchtig. Herr Schlick war Dr. Algys, das ahnungslose Opfer von lauter Lügen; er spielte dies scharmant, gescheit und mit Haltung, nächst Garda die komödienhafteste Figur in diesem Stück. Hilde Kneip war die muntere, nüchterne, zeitgemäße Freundin Elisabeth. Darum herum ein kleines Ensemble wohlbesetzter Nebenrollen.
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Es wurde, wie überall, ein hübscher, glatter Erfolg.
Hans Tbyriot
Oie Schwester des Dichters.
Don Jürgen Schüddekops.
Unter den großen Förderern der deutschen Literatur und Kunst müßten gerechterweise an erster Stelle stillste Gestalten genannt werden, solche, die zwar nicht im geistigen Bezirk die „großen Nährerinnen" gewesen sind, die aber durch ihr wortlos hilfreiches Dasein Lasten und Belastungen vom schöpferischen Menschen weg und aus ihre manchmal nicht allzu kräftigen Schultern nahmen. Gleichzeitig kommt von ihnen der wärmste Zuspruch aus dem tiefsten, weil verwandten Verständnis, kommt von ihnen das Echo in dem gefährlichsten Augenblick, wenn das Schweigen tödlich wird. Es sind die Schwestern der Dichter, Maler und Komponisten, von denen wir sprechen. Nur allzu oft sind sie es, die mit ihrem Leben die schmale Brücke zum Diesseits bilden, die den dünn gewordenen Faden, der das schöpferische Ich auf der Erde hält, in ihren Händen halten und bewahren.
Durch die deutsche Literatur, die Kunst und die Musik geht ein fast endloser Zug dieser Gestalten, denen wohl fleißige Biographen einen schmalen Kranz der Erinnerung flechten und die doch als Kraftquelle des Schöpferischen im Zusammenhänge nie gewürdigt sind, wie sie ihrem Wesen nach nie in den Vordergrund der Oeffentlichkeit treten konnten. Ob es nun Goethe ist oder Kleist — es ist die Nähe der geistigen Existenz, die Briefe gestattet und Bekenntnisse, die, wie an die eigene Adresse gerichtet, Aufschlüsse und Erleichterungen erlauben, die kein Partner sonst ermöglichen könnte. Oder, ob es statt dieses geistigen Beisammenseins das häusliche ist, ob es Betsy Meyers unerschöpfliche Geduld ober ob es Elisabeth Förster-Nietzsches kämpferische, löwenmutige Betreuung des Kranken wie des Nachlasses ist — wie wären Mann und Werk denkbar ohne sie? Noch durch die brummigsten Sätze des kleinen Stadtschreibers von Zürich, hoch durch die stereotype Brief-Floskel von dem „Hauskreuz Regula" klingt der Dank und das Wissen um die Unersetzbarkeit. Ob es Mörike ist ober Schopenhauer — wo immer wir diesen stillen Zug der helfenden Schwester mit Namen anrufen, das Außerordentliche in jedem Falle ist das Gefühl, daß in ihrem Da- Sein Kräfte enthalten sind, ohne die das Werk nicht hätte entstehen und der Mensch nicht hätte bestehen können. Eine aus dieser Reihe ist vor kurzem gestorben, und es ziemt sich wohl, ihrer zu gedenken. In Bingen jtarb Stefan Georges älteste Schwe
ster Anna Maria Ottilie. Ihr Leben ist in Vielem beispielhaft für das ihrer geistigen Schwestern: die rührende und selbstverständliche Hingabe, die sich dem Werk des Bruders widmet, das tiefe Verständnis für die dichterischen Versuche der Frühzeit und die Ehrfurcht vor dem Bedingungslosen seines Werkes, das sie als erste ahnte. Daß Bingen dem Ruhelosen Heimat blieb und Zuflucht, war ihr Werk, wie die pietätvolle Bewahrung seines Nachlasses die Aufgabe ihrer letzten Lebensjahre war.
Stefan George hat das „Jahr der Seele", eines der entscheidenden Frühwerke also, der Schwester gewidmet. Dem Band steht der Vorspruch voran: „Anna Maria Ottilie, der tröstenden Beschirmerin auf manchem meiner Pfade." Und derart ist der unvergängliche Kranz auf dem Grabe dieser Getreuesten. Schlagen wir Mörike auf, wem gelten die schönsten feiner Gedichte — es ist seine Schwester Klara. Und die Jugendbriefe Goethes, und der Abschied Kleists vom Leben, an wen gehen sie? Es ist die Schwester, einst, heute und künftig stille Förderin des Schöpferischen.
Hochschulnachrichten.
Es wurden berufen: Professor Dr. Carl Cor- rens, Ordinarius für Mineralogie und Petrographie an der Universität Rostock, in gleicher Eigenschaft an die Universität Göttingen; Professor 2)r< Hermann Haemmerle, Ordinarius für Bürgerliches Recht, Handels-, Arbeits- und Wirtschaftsrecht an der Universität Königsberg, in gleicher Diensteigenschaft an die Universität Innsbruck.
An der Universität Heidelberg wurde dem Verlagsleiter Dr. Walter Mehls vam Wintersemester 1938/39 ab ein Lehrauftrag für Betriebslehre des Zeitungsverlages erteilt. Seit 1. Oktober 1938 ist Dr. Mehls Derlagsleiter des Hakenkreuzbanner-Verlags in Mannheim.
Von den amtlichen Verpflichtungen sind entbanden worden: Der ordentliche Professor in beC Theologischen Fakultät ber Universität Würzburg, Geheimer Regierungsrat Dr. Anbreas B i g e l m a i r, ber orbentliche Professor in bef Fakultät für Maschinenwesen ber Technischen Hochschule München Georg Marr, der ordentlich? Professor in der Fakultät für Allgemeine Wissenschaften * der Technischen Hochschule Braunschweig Dr. Walther Roth, der ordentliche Professor in der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim Dr. Heinrich Schroeder, samt» lich wegen Erreichung der Altersgrenze.


