Nr.227 Drittes Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesi en) Mittwoch, 2 8. September 1958
Der „Gommernachtstraum" ist von Shakespeare!
Eine Anmerkung
von Hermann Schultze Griesheim.
Intendant Schultze-Gviesheim bittet uns, den folgenden Betrachtungen zur Eröffnungsvorstellung der neuen Spielzeit Raum zu geben.
Wer sich an den „Sommernachtstraum" erinnert 'und ihn mit ähnlichen Shakespeare-Werken vergleicht, etwa mit „Wie es Euch gefällt" oder dem „Wintermärchen" oder gar dem „Sturm", ist leicht geneigt, in ihm zwar ein meisterhaftes, bald lustiges, bald derbes Märchenspiel zu sehen, bei dem er aber doch die Weisheit und den tragischen Widerschein der anderen Stücke vermißt. Die großen Werke der Weltliteratur führen in uns ein eigenes Leben, und wie sich unser Verständnis und unsere Fremck>schaft zu ihnen im Pause der Jahre nach unseren persönlichen Bedürfnissen wandelt, so andern sie auch ihr Wesen, ja manchmal ihr Gewicht in der Wertschätzung der Zeiten. Die Deutschen hatten sich seit einem Jahrhundert daran gewohnt den „Sommernachtstraum" mit der Mendelssohnschen Musik zu verbinden und sie vermeinten aus dem Charakter der Musik auch das Wesen .der Dichtung zu erfassen. So rückte der „Sommernachtstraum in die melodisch süße, stimmungssatte und gefühlsselige Welt einer Pseudoromantik, wurde zu einem schwebenden Waldmärchen mit Elfenspuk und zarten Geistern, mit Hörnerruf und Liebesflüstern und mit „urkomischen" Rüpelszenen. Schlegels Uebertragung kam in ihrem herrlichen „Wunderhorn -Ton dieser Auffassung entgegen. Sie drang süß ins Ohr, verband sich mit der Musik und versetzte den Zuhörer in ein schwelgerisches Genießen ohne Probleme. Was im Text dieser Einheit widersprach, wurde meist gestrichen oder „überspielt". Wir hatten uns so sehr an dieses „Sommernachtstraum"-Bild gewöhnt, daß sogar in dem Augenblick, in dem der Verzicht aus die Mendelssohnsche Musik notwendig wurde, sich bald eine Fülle von Ersatzkompositionen fand, die mit unterschiedlichem Geschick die gleiche Wirkung zu erreichen suchten. Andere wieder griffen auf die alte englische Musik von Purcell zurück, die anmutig und historisch die gewaltige Dichtung in eine barocke Formenwelt entrückte. Rur Wagner-R6geny stellte sich mit seiner „Sornmernöchtstraum"-Musik in bewußten Gegensatz zu Mendelssohn und schuf,
einige Dor- und Zwischenspiele, die streng, hart und sparsam die Dichtung begleiten und aus dem Stilwillen unserer Tage entstanden sind. Sie wurde einmal in einer Konzertaufführung vor zwei Jahren in Düsseldorf aufgeführt, aber außer der deutschen Bühne in Siebenbürgen fand sich kein Theater, das sie praktisch erprobte. Sie war zu unbequem.
In ihr spiegelt sich aber eine Auffassung des „Sommernachtstraumes", die in dem Werk ein panisches Naturdrama zu erkennen glaubt. Heinrich Georges geniale Darstellung des Oberon hat zuerst auf die Möglichkeit einer solchen Deutung hin- gewiesen. Auch Strindberg hat in seiner Dramaturgie etwas von der hier verborgenen Tragödie des Eros geahnt. Aber erst eine aufmerksame Lektüre des Werkes und eine Vergleichung der Uebersetzung mit dem Original wird die tiefere Schicht bloßlegen, in der das Ganze wurzelt. Da offenbart sich eine heidnisch-nordische Welt. Sie fiebert unter einer ungeheueren Elementarkatastrophe, weil die Eifersucht zwischen den Göttern Oberon und Titania die ganze Natur spaltet und ihre Ordnung ouflöst:
„Drum sog der Wind, der uns vergeblich pfiff. Als wie zur Rache, giftige Nebel auf
Vom Grund des Meeres, die warfen sich auf's Land Und mochten jeden winz'gen Bach so stolz. Daß er des Bettes Dämme niederriß. sPflüger Drum schleppt der Stier sein Joch umsonst, der Vergeudet seinen Schweiß, das grüne Korn Verfault, eh seine Jugend Bart gewinnt. Leer steht die Hürd' auf der ersäuften Flur, Und Krähen prassen in der siechen Herde. Verschlämmt vom Lehme liegt die Kegelbahn. Unkennbar sind die art'gen Labyrinthe Im üppigen Grün, weil niemand sie betritt. Den Menschenkindern fehlt sogar der Winter, Kein Sang noch Jubel macht die Weihnacht froh. Drum hat der Mond, der Fluten Oberherr, Vor Zorne bleich, die ganze Luft gewaschen Und fieberhafte Schwären viel erzeugt. Durch eben die Zerrüttung wandeln sich Die Jahreszeiten: silberhaar'ger Frost Fällt in den zarten Schoß der Purpurrose: Indes ein würz'ger Kranz von Sommerknospen Auf Hyems kahlem und beeiltem Scheitel, Als wie zum Spotts, prangt. Der Lenz, der Sommer, Der Früchte träger Herbst, der grimme Winter, Sie alle tauschen die gewohnte Tracht, Und die bestürzte Welt erkennt nicht mehr An ihrer Frucht und Artung, wer ist wer. Und diese ganze Brut von Plagen kommt Von unserem Streit, von unferm Zwiespalt her: Wir sind davon die Eltern und der Ursprung."
Walther Schwerdtfeger.
(Antwort auf eine Anfrage an die Scholle).
selber. Höhere Pflanzen — und um solche handelt es sich bei allen zu unserer Ernährung dienenden ja nur — entnehmen ihre Baustoffe der Luft und dem Bodenwasser. Die sogenannten Blattnährstoffe, Sauerstoff und Kohlenstoff, welche die uns umgebende Atmosphäre enthält, stehen in unbegrenzter Menge zur Verfügung, während nicht sämtliche der zahlreichen Nährstoffe, die durch die Wurzeln aus dem Boden ausgenommen werden, ausreichend vorhanden sind, um alljährlich zufriedenstellende Ernten zu erzielen. Das natürliche in den Böden, je nach ihrer Zusammensetzung oder Entstehung verschieden reiche Nährstoffkapital muß erst durch Verwitterung der mineralischen Bestandteile und Zersetzung oder Fäulnis der abgestorbenen Pflanzen- und Tierreste im Boden, bevor es für die Wurzeln aufnahmefähig, gewissermaßen verdaulich geworden ist, abgebaut, d. h. in einfachste, anorganische Verbindungen zerlegt werden. Diese Umwandlung geschieht ganz allmählich, die aufgeschlossenen Nährstoffmengen stellen gewissermaßen nur die Zinsen dar, von denen die Pflanzen leben. Allein in einfachsten Verbindungen vermögen die Pflanzen ihre Nahrung aufzunehmen. Hierin liegt die wunderbare, sich ergänzende Gegensätzlichkeit in der Ernährung von Pflanze und Tierwelt. Mensch und Tier vermögen sich zum Unterschied von den Pflanzen nur aus komplizierten o r - panischen Verbindungen zu ernähren und ihre Körper aufzubauen, während die Pflanze allein anorganisches Material zu verarbeiten vermag.
Die natürliche Nährstoffquelle des Bodens fließt nun, wenigstens im Hinblick auf einige seltener im Boden vorkommende Stoffe, wie z. B. Stickstoff, Phosphor, Kali und Kalk, zu spärlich, um ohne eine dem Acker zu gewährende jährliche Ruhepause, die Brache oder eine Düngung, d. h. zusätzliche Nähr- stoffzufuhr. mit gleicbbleibenden Erträgen rechnen zu können. Solange Deutschlands Bevölkerung nur halb so zahlreich war wie heute, mußte die Brache neben der Stalldüngung in weitem Maße Verwendung finden. Denn die Erzeugung der animalischen Dungstoffe reichte nie aus, um alle Aecker stets damit versorgen zi- können. Und selbst wenn dies möglich wäre, bliebe, worauf noch hingewiesen werden muß, eine Lücke in der Nährstoffbilanz des Bodens zu füllen.
Die tierischen Abfallstoffe enthalten selbstverständlich alle Bausteine, aus denen die Pflanzen, welche
Ein Bezieher des „Gießener Anzeigers" richtete an unsere Beilage „Die Scholle^' die Anfrage, ob die Verwendung der sog. Kunstdünger in Garten und Feld nachteilige Folgen für die menschliche Gesundheit habe, ob inbesondere die Krebskrankheit unter den Menschen mit der Verwendung dieser Düngemittel im Zusammenhänge stehe. Der Fragesteller, der Vermutungen dieser Art selbst als Aberglauben bezeichnet, erwähnt in seiner Zuschrift u. a., es sei ihm kürzlich in Gießen bei einem Essen sogar gesagt worden: „Ich würde noch viel mehr Tomaten essen, wenn ich wüßte, daß sie nicht mit Kunstdünger behandelt seien." Wir haben uns mit der Bitte um Stellungnahme zu dieser Frage an den Leiter des Instituts für Pflanzenbau der Universität Gießen gewandt, der in diesem Aufsatz den überzeugenden Nachweis führt, daß alle jene Vermutungen und Befürchtungen unbegründet sind.
Die Schriftleitung.
Nicht selten begegnet man heute der Ansicht, daß die Verwendung von Mineralsalzen, oder wie sie oft fälschlich genannt werden „Kunstdünger", für Mensch und Tier auf die Dauer nicht nur allgemein schädlich sei, sondern daß durch Verzehr der damit ernährten Kulturpflanzen auch das stärkere Auftreten gewisser Krankheiten bei uns Erklärung finde. Leider ist durch Verbreitung derartiger, 'bisher durch nichts bewiesener Behauptungen mancherlei Beunruhigung in die Bevölkerung getragen worden. Es soll daher im Nachstehenden einmal etwas eingehender untersucht werden, was vernünftigerweise auf diese für uns alle so wichtige Frage nach dem Stande der heutigen Wissenschaft zu antworten ist. Diese Ausführungen stellen zugleich die Antwort auf eine an die „Scholle" gerichtete Anfrage dar, ob die gefürchtete Krebskrankheit unter den Menschen infolge der intensiver durchgeführten Anwendung von Kunstdünger sich viel mehr als früher ausgebreitet hat. Es findet aber auch dabei die Frage Beantwortung, ob die Stellen, welche über der Gesundheit unseres Volkes zu wachen haben, bisher ihre Pflicht taten, ober ob von ihnen etwas versäumt wurde.
Zunächst erscheinen einige Erläuterungen am Platze über Art und Weise, wie sich die Pflanzen überhaupt ernähren, als auch über die Düngemittel
auf: Rohöl als Brennstoff? Oder Benzin? Gase? Kohlenstaub? Bei 18 Atmosphären Druck brummt schon der Kolben, und 60 sollen erzielt werden. Es gibt wochenlangen Stillstand und plötzliche Explosionen. Technische Einzelheiten, die heute jedem Studenten geläufig sind, bilden Probleme, die nur durch zeitraubende und kostspielige Versuche gelöst werden können. Und das muß wieder vor den Geldgebern gerechtfertigt werden. Diesel reift hin und her zwischen Augsburg und Berlin. In feiner Gartenhauswohnung in der Brückenallee häufen sich die Berechnungen, Pausbogen, Motorenteile und Materialproben. Endlich läuft die Maschine. Kaum eine Minute lang,; 80 Umdrehungen macht sie. Und es ist doch ein beseligender Erfolg. „Ich bin jetzt so weit über allem, was bisher geleistet wurde, daß ich sagen kann, ich bin in dem Motorbau der Erste auf unserem kleinen Erdbällchen, der Führer der ganzen Truppe diesseits und jenseits des Ozeans."
1897 ist der normale Dieselmotor fertig. Da kommt in die Verhandlungen über die Vergebung der Baulizenzen ein großer Patentprozeß. Soll er, am Ziel, alles verlieren? Der Prozeß wird zu seinen Gunsten entschieden. Aber Diesels Nervenkraft ist zu Ende. 1898 bricht er zusammen. Doch heimlich schleppt er Pläne und Zeichnungen mit in das Sanatorium. Der Motor läßt ihn nicht mehr los.
ja das Futter darstellen, gebildet find. Stalldünger ist also eine Generaldünger. Er enthält aber nicht allein sämtliche Nährstoffe,, die den Boden in chemischer Hinsicht verbessern, sondern auch Humus, jenen eigentümlichen Stoff, der selber — wenigstens solange die in ihm enthaltenen Bausteine noch nicht bis zur Aufnahmefähigkeit zerfallen sind — nicht Nährstoff ist, aber durch feine physikalischen und biologischen Eigenschaften auf jeden Boden einen hervorragenden, nicht zu entbehrenden Einfluß ausübt. Humus, der sich als Zwischenprodukt bei der Zersetzung organischer Substanz (Pflanzen- und Tierreste, Stallmist usw.) bildet, hat die Fähigkeit, lockere Böden bindiger und schwere, dicht gelagerte Böden lockerer zu machen, wodurch in jedem Fall der Wasserhaushalt im Acker geregelt wird. Aber nicht nur dies, er bildet für das im Boden sich abspielende Bakterienleben einen sehr wichtigen Faktor. Die meisten Umsetzungen im Boden erfolgen auf Grund von Bakterientätigkeit. Je reger diese im Acker ist, desto fruchtbarer ist er. Man spricht sogar in diesem Sinne von toten Böden, in denen sich kaum Bakterienleben abspielt. Aus diesem Grunde ist die Bedeutung einer geordneten, in regelmäßigen Abständen erfolgenden Humuszufuhr, gewissermaßen als Bakterienfutter, also die Wichtigkeit der Stalldüngung zu verstehen.
Stalldünger ist, daher für die Erhaltung der Leistungsfähigkeit unserer Böden namentlich wegen dieser Eigenschaften notwendiger Grunddünger. Sein Nährstoffgehalt ist leider nicht so groß, um die gesamten in den Ernten dem Boden entzogenen Nährstoffe wieder voll zu ersetzen. Es werden in den Erzeugnissen, welche der Bauer verkauft, in den Feldfrüchten, in Milch, Fleisch usw. große M-mgen aus der Wirtschaft ausgeführt, mithin dem Kreislauf der Nährstoffe entzogen. Im Dung der Tiere, der ein Gemisch ihrer Ausscheidungen mit dem Stre-umittel darstellt, findet demnach nur teilweise Ersatz der dem Boden durch die Pflanzen entnommenen Nährstoffe statt. Bei Aufstellung einer Nährstoffbilanz wird sich dementsprechend eine Lücke, ein Manko, zeigen, das ausgefüllt werden muß. Da nun ein Brachliegen- lasfen, wie oben angedeutet, nur in Ausnahmefällen noch zu rechtfertigen ist, fall nicht unsere Ernährung aus dem deutschen Boden in Frage gestellt und erschüttert werden, so muß alljährlich durch Zugabe derjenigen Nährstoffe, die gerade fehlen, oder wie man sagt, im Minimum vorhanden sind, das
Dann kommt der Sieg. Sehr langsam setzt sich der Motor durch. Diesel erntet Ehrungen, sein Vermögen wächst, er baut sich ein prachtvolles Haus in München. Riesenhafte Schiffsmotoren werden gebaut, Amundfens „Fram" fährt mit einem Dieselmotor in die Antarktis, die französische Marine rüstet ihre U-Boote mit Dieselmotoren aus. Diesel selbst macht Versuche mit einem Motor für Autos. Aber durch die fragwürdigen Geschäfte einer Grundstücksgesellschaft verlor Diesel den größten Teil seines Vermögens. Langwierige Prozesse brachten kein anderes Ergebnis, als daß er sein Geld in juristisch einwandfreier Form verloren hatte. Der Zwang, rasch Geld verdienen zu müssen, um seine neuen Pläne finanzieren zu können, trieb Diesel zu übereilten Geldgeschäften. Schließlich sieht er keine Möglichkeiten mehr. Die Vermögensaufstellung nach seinem Tode ergibt eine hoffnungslose Bilanz. Sein Mathematikergehirn versagt vor den unberechenbaren Kurven der Börsenkurje. Sachlich wie der Indikator eines seiner Motoren registriert er selber das Ende. Ein kleines, schwarzes Kreuz in feinem Taschenkalender beendet die Geschichte eines der größten deutschen Ingenieure.
der Sonnenwärme gespeist wird. Seine Brotarbeit bringt es mit sich, daß er jahrelang an der Konstruktion eines Ammoniakdampfmotors arbeitet. 1889. Paris ist im Fieber der kommenden Weltausstellung. Dom Trocadero aus sieht man zwischen Gerüsten öas Gitterwerk des riesigen Turmes aufwachsen, den der Ingenieur (E t f f e l baut. „Ich stelle vielleicht — wenn ich fertig werde — meine eigne Erfindung aus." Er wird nicht fertig. Die Arbeit von zwölf Jahren hat ihn nicht zum Ziel gebracht. Ohne daß er es selbst beachtet, kehrt er zu seiner Jugendidee zurück: der Motor jaugt reine Luft ein, erhitzt sie durch hohe Verdichtung, und in dieje glühendheiße Luft wird ein Brennstoff eingespritzt, der dadurch ohne irgendeine Zündvorrichtung im Zylinder verbrennt. Im Februar 1892 meldet Diesel das erste Patent an.
Aber nun beginnt die Leidensgeschichte seiner Erfindung. In einer großen Montagehalle der Augsburger Maschinenfabrik ist mit Holzwänden ein Versuchsraum abgeteilt worden. Nun tauchen die Fragen
Als die „Dresden" am Kai von Harwich festmacht, bleiben die Landungstreppen eingezogen. Nur der Kommissar des Hafenamtes und Beamte der Geheimpolizei gehen an Bord. Während der Ueberfahrt ist auf nicht geklärte Art einer der Passagiere, der weltberühmte Ingenieur Dr. Rudolf Diesel aus München, verschwunden. Er hatte sich mit belgischen Freunden in Antwerpen eingeschifft, um in England an der Einweihung einer neuen Dieselmotorenfabrik teilzunehmen. Als das Schiff die Feuer von Vlisfin- gen passierte, sah man ihn zum letztenmal. Der Steward, dem er Auftrag gegeben hatte, ihn am nächsten Morgen zu wecken, sand das Bett unberührt. Der Kapitän ließ den ganzen Dampfer absuchen. Nahe der Reling fand ein Offizier. Mantel und Hut des Verschwundenen. Ein Unglücksfall war nicht möglich; die See war im Kanal vollkommen ruhig gewesen. Ein Verbrechen? Die Sensationspresse hat die tollsten Vermutungen und Geschichten über den Fall Diesel gebracht. Selbstmord? Dr. Diesel war gesund, lebte in glücklicher Ehe, und die Erfindung des nach ihm benannten Verbrennungsmotors hatte ihm Weltruhm eingetragen und ihn zum mehrfachen Millionär gemacht.
Die Beamten suchen die Kabine ab. Ein kleiner Koffer, ein aufgeschlagener Band Schopenhauer, eine Stahluhr am Bett; für den heutigen Ankunftstag, den 30. September 1913, ist schon der Plan aufgestellt: Fabrikbesichtigung, Fahrt nach London, Dinner im Königlichen Automobil-Club. Der Kommissar blättert in dem kleinen Taschenkalender Dr. Diefels. Da findet er hinter dem 29., dem letzten Lebenstag, mit Bleistift ein kleines, schwarzes Kreuz eingezeichnet.
Ein eigenartiges Leben hatte seinen Abschluß gefunden. Seine Eltern,"aus thüringischem Handwerkergeschlecht, waren nach Paris verschlagen worden, und hier schrieb 1858 der Präfekt des 6. Bezirks den Geburtsschein aus für Dieses Rodolphe Chretien. Der Vater hatte eine kleine Täschnerwerkstatt für Safsian- lederwaren; aber in seinen Mußestunden bastelte er allerlei mechanisches Spielzeug. Von ihm mag Diesel das Interesse für Technik und Physik geerbt haben. Nahe seinem Geburtshaus, in dem ehemaligen St.- Martinskloster, das der ganzen Gegend den Namen gegeben hat, war das Conservatoire des Arts et Metiers, das älteste technische Museum der Welt. Oft hat der Knabe sehnsüchtig vor den verstaubten felt=: samen Maschinen in den dunklen Klosterräumen gestanden. Es steckte ein erstaunlich «zäher Wille in dem schmächtigen Kind. Mit vierzehn Jahren hat er längst begonnen, „sein Leben zu organisieren". „Ich will!" ist sein Wahlspruch.
Der Krieg macht die kleine Familie 1870 wieder wurzellos. Als feindliche Ausländer ausgewiesen und mit Verhaftung bedroht, gehen die Diesels nach London. Den kleinen Rudolf schickt man aus der Hungeratmosphäre mit einem Täfelchen auf der Brust 'nach Augsburg zu Verwandten. „Liebste Eltern, mein sehnlichster Wunsch ist, Mechaniker zu werden", schreibt er den Eltern, als seine Schulzeit zu Ende geht. Auf der Augsburger Industrieschule, die äls Vorstufe für das Münchner Polytechnikum gedacht war, sah er in den Sammlungen ein pneumatisches Feuerzeug. Die Tatsache, daß zusammengepreßte.Luft sich erhitzt und leicht brennbare Stoffe zur Entzündung bringen kann, erschüttert ihn. Er wird das nie vergessen.
1878 notierte er in seinem Kollegheft den Vorsatz, eine bessere Wärmekraftmaschine zu bauen, als die Dampfmaschine, die nur 6 bis 10 v. H. der zugeführten Wärme in Arbeit umwandelte. Der Freischüler, der sich mit Sprachunterricht Nebenverdienst verschossen mußte, hat dieses Ziel erreicht; der Dieselmotor ist heute aus der Industrie und der Ver- kehrswirtschaft nicht mehr wegzudenken.
Student, Volontär in einer Schweizer Kältemaschinenfabrik, Ingenieur, Vertreter, kaufmännischer Leiter einer Eisfabrik in Paris. Niemals vergißt er den Motor. Einmal ist er den ganzen Tag glück ch. weil er im Traum einen Motor konstruiert hat, der von
Der Erfinder des Dieselmotors
3um 25. Todestage Rudolf Diesels am 29. September.
Volksgesundheit und Düngung.
Don Pros. Dr. Sessous, Direktor des Instituts für Pflanzenbau der Universität Gießen.
Wenn wir diese Stelle hören, entfaltet sich vor uns doch wohl eine andere Landschaft als wir sie sonst in diesem Stück zll sehen gewohnt sind. Hier herrscht Zauberei und Gewalt. Die Menschen geraten in diesen Bann, werden behext, maßlose Leidenschaften, Mord, Verrat, tierische Gier, Todessehnsucht sind ihnen nicht mehr fremd. Sie drohen wehrlos an einer Geisterwelt zu verbrennen, die plötzlich ihren Bannkreis bis vor die Tore der Städte schlägt. In einer Nacht, in der die Seelen der Toten ihr „wurmbenagtes Bett" suchen „aus Angst, der Tag möcht ihre Schande sehen", doch „der schwarz geäugten Nacht entgehen sie nicht". Es ist etwas darin von der süddeutschen Rauhnacht und der nordischen Sonnwendnacht. Es ist fein Zufall, daß der englische Titel dieses Stückes „Midsummer-nigths- dream“ heißt. Auch in unserer Vorstellung hat das Wort ..Mittsommernacht" einen tieferen, gefährlicheren Klang als das liebliche „Sommernacht". Alle Figuren des Spiels haben ihre Beziehungen zu dieser gewaltigen Phantafiewelt. Aber wie sich Oberon und Titania versöhnen und der böse Zauber sich in einen guten Segen wandelt, so entrinnen auch die Menschen dem Verhängnis, und ihre begrenzte Vorstellungskraft glaubt aufatmend nur aus einem schweren Traum erwacht zu sein, denn „der Mensch ist nur ein Lump und Lappenhans, wenn er sich unterfängt zu faaen, was mir war, als hält ich's", meint Zettel, der Weber.
Diese Andeutungen mögen genügen, um auf die lohnende Aufgabe binzuweisen, die ganze Weite der Sbakesveareschen Welt in diesem Werk zu suchen und mit neuen Mitteln darzustellen.
(Gloria-Palast: »Der Fall öerugo'*.
Den Stoff lieferte, wie man sich erinnern wird, ein seinerzeit viel gelesener Roman von Ricarda Huch. Auch wenn man (aus Gründen, die im Prinzip hier schon des öfteren,dargelegt wurden) die Frage nach der künstlerischen Notwendigkeit einer Verfilmung nicht bejahen will, wird man empfinden, daß sich dieser Kriminalfilm in vielen Zügen über zahlreiche Fälle seiner Gattung hinaushebt. Der Roman ist gewiß ein Nebenwerk der Ricarda Huch, aber er kam aus einer dichterischen Hand, und uns scheint, daß dieser Umstand noch im Drehbuch (von Hans Neumann, Dr. Fritz Peter Buch und I. A. C. Müller) nachwirkt. Man wird das gewahr an der — bei aller natürlichen Spannung — sehr ruhigen, kultivierten Art, wie die Dinge behandelt und verhandelt werden; am Verzicht auf grelle und reißerische Effekte; an
der Bemühung, Gefühl und Verstand gleicherweise sprechen zu lassen, seelische Beziehungen in ihrer Ueberkreuzung aufzudecken und ohne unnötigen Lärm ein Stück Schicksal sichtbar zu machen. Der Spezialarzt Dr. Deruga wird beschuldigt, den Tod seiner seit Jahren von ihm geschiedenen Frau bewußt herbeigeführt und sie kurz zuvor überdies zu einer Testamentsänderung zu seinen Gunsten veranlaßt zu haben. Daß im Fllm.das Gericht am Ende der Verhandlung zu einer von der Romanfassung abweichenden Entscheidung kommt, ist nicht sehr belangvoll. Die Inszenierung leitete Fritz Peter Buch, der früher als Spielleiter am Frankfurter Schauspielhause wirkte, und dessen „Vertrag um Karakal" vor einigen Jahren hier gegeben worden ist; er führt, wie schon angedeutet wurde, ausgezeichnet Regie: es geht alles so natürlich und logisch vor sich, daß man die Regie fast gar nicht merkt; am ehesten an der Besetzung: hier ist ein vorbildlich zusammenspielendes Ensemble tätig, dessen Qualitäten bis in die kleinsten Nebenrollen hinein zu spüren sind. Es fällt schwer, aus der Fülle der Namen die sachlich und künstlerisch bedeutsamsten auszusondern. Man wird mit Genuß beobachten, wie geschickt beispielsweise die Vertreter der Justiz eingeführt und gegeneinander abgesetzt sind: Bildt. Franck und K a r ch o w ; wie sich in den Anwälten (Fiedler und Leib elt) zwei Temperamente, sogar zwei Charaktere gegenüberstehen. Mit großer Plastik ist ferner die lange Reihe der Zeugen durchvariiert, vor allem die weiblichen (Käthe Haack, Roma Bahn, Claire Winter, Erika v. Thell- m a n); aber auch Peukert, Ziegel, Brem, S a b o und O d e m a r. Inmitten steht, als Angeklagter Dr. Deruga, Willy Birgel: er trifft mit einem wachen Instinkt den Menschen, der hier gemeint war, hat auch viel von der früher manchmal an ihm bemerkten Starrheit verloren, wirkt elegant, überlegen, unaufgeregt, und bringt durch feine überaus sicheren und manchmal sehr malitiöfcn Aussagen witzige Lichter in den ernsten Gang der Verhandlung. Mehr im Hintergründe erscheinen Dagny S e r v a e s und Georg Alexander, der hier erfreulich aus feinem früheren Bonvivant- und Lustspiel-Fahrwasser herausgeht. Endlich Geraldine Katt, mit heller Stimme, jugendlichem Ernst und Eifer, gläubig und hingegeben; man wird sich ihrer aus dem „Mädchen Irene" entsinnen. — (Ufa.)
Die Wochenschau bringt einen ausführlichen Sonderbericht vom Reichsparteitag. — Außerdem gibt es den Vorspann zu einem amerikanischen Kriminalfilm, Hans Thyriot


