Ausgabe 
28.6.1938
 
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Nr. 148 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag. 28. Zuni ;YZ8

Aus der Stadt Gießen.

Heuernte.

Zu keiner Zeit des Jahres werden wir so an die Vergänglichkeit alles Irdischen, gemahnt wie in die­sen Tagen der Heuernte. Die Sonne hat lyren höch­sten Stand erreicht. Heiß brennt sie auf die Erde nieder. Alle Pflanzen und Bäume haben ihr rei­ches, dunkelgrünes Laubkleid angelegt. Die Getreide­felder wogen im Winde. Unabsehbar dehnt sich die weite Fläche. Die Linden an den Straßen blühen. Kaum bemerkt man die unscheinbaren Blüten, aber ein Duft strömt von ihnen aus, daß wir unwillkür­lich aufschauen. Tausende von Bienchen umschwär­men die grünen Kronen.

Weit, weit blauen die fernen Berge, silbern glän­zen die Bächlein und Flüsse drunten im Tal. Heber Wiesen und Wäldern liegt es wie ein zarter Schleier. Düfte umwehen uns. Droben am Himmel segeln leichte Sommerwolken dahin.

Wir stehen auf frer Höhe des Jahres. Alles drau­ßen in der Natur ist erfüllt von Leben. Das schöne, satte Grün, durchwirkt mit dem bunten Blumen-

Die Straße ist ein Prüfstein der Volksgemeinschaft. Sei Kamerad auch im Verkehr!

teppich, ist ein Bild des Ueberflusses. Da gaukeln die Schmetterlinge im Sonnenlicht, Fliegen und Mücken summen in der Luft. Vom Walde ertönt der Ruf des Kuckucks, und die Grillen zirpen ihr Lied.

Der Frühling verging. Er brachte uns nur we­nige schöne Tage. Wir hofften auf den Sommer, und auch er begann mit kühlem Wetter und be­wölktem Himmel. Desto mehr schätzen wir die schö­nen sonnigen Tage. Lange schon haben die Bauern ausgeschaut nach dem richtigen Wetter. Jetzt ist es soweit. Die Schnitter kommen. Gräser und Blumen fallen unter dem harten Stahl. Wenn wir abends an den Wiesen vorbeigehen, dann strömt uns der Duft des Heues entgegen. Was gestern noch blühte und duftete, das liegt nun welk auf der Erde. Ein paar Tage mit Sonnenschein, und das Heu wird eingefahren.

Wir möchten sagen in dieser Zeit: Verweile! Die Tage, in denen sich Abend- und Morgenrot fast be­rühren, möchten wir festhalten. Wenn im Morgen­tau die Wiesen wie Diamanten glänzen und die Vögel wie trunken von den Zweigen singen und alles ringsum duftet und blüht, dann schwillt unser Herz vor Freude und Lebenskraft. Aber der Tag der Sonnenwende ist vorüber. Der Wind weht über die Wiesen. Die Tage werden kürzer, wenn wir es auch noch nicht bemerken.

Kaum hat der Somme-r begonnen, erinnert uns die Heuernte schon an das Ende.

Aber ist es nicht überall so? H.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Heiratenr aber wen?"

Einmaliges Gastspiel Gustav Jacoby in Gießen.

Am Freitag, 1. Juli, findet der Heitere Abend des Humoristen Gustav Jacoby im Stadttheater Gießen statt. Gustav Jacoby bringt Scherze und Anekdoten, heitere Schnurren und Erzählungen, eine tolle Revue der Dialekte, fröhliche Rheinlie­der usw. Die Veranstaltung beginnt um 20.15 Uhr und endet 22.15 Uhr.

Tonfilm- und Vortragsabend.

Der Haus- und Grundbesitzerverein und der Reichs­luftschutzbund, Orts-(Kreis-)Gruppe Gießen veranstal­ten am Donnerstag, 30. Juni, um 20 Uhr, im Cafe Leib, einen Tonfilmabend mit Vorträgen des Reichs­ausschusses für Sachwerterhaltung. Vortragender ist Major a. D. Freiherr v. Mässenbach (Berlin).

Heffenburschen und Mädchen in Lissabon.

Die hessische Trachten­gruppe, die unter der Leitung von Georg H e ß (Leihgestern) an der Reichstagung der NSG. Kraft durch Freude" in Hamburg teilgenommen hatte und dann die Reise nach Italien auf dem KdF. - SchiffWilhelm Gustloff" angetreten hat, ist inzwischen in Lissabon gewesen und hat dort auf auf einer Rundfahrt die Schönheiten der Stadt be­sichtigt. Unser Bild zeigt die hessische Trachten­gruppe im schönen Hof des Klosters Hieronymus in Lissabon. Anschließend wurde auch der Insel Madeira ein Besuch ab­gestattet und dann die Fahrt nach Neapel fort­gesetzt.

N *

Ehorliieraiur beim Gausängerfest in Gießen.

Die verschiedenen Sängerfeste des Deutschen Sän­gerbundes oder eines Gaues spiegeln deutlich die Einstellung wider, die die Sängerschaft zum Chor­schaffen der Vergangenheit und Gegenwart hat. Darum hat jedes dieser Feste, die zeitlich weiter auseinanderliegen, sein eigenes k ü n st l e r i - sches Gepräge. Betrachten wir die Dortrags- folge eines um Jahrzehnte zurückliegenden Festes, so werden wir Namen und Stücke finden, die heute bei einem guten Konzert undenkbar sind. Wie in allen Dingen, so hat die sichtende und abwägende Zeit auch hier ihr Opfer gefordert. Andererseits wieder werden wir auch dort Namen finden, die uns* von jeher teuer und wert waren und es auch bleiben werden. Ebenso geben diese Vortragsfolgen genauesten Ausschluß über Stilwandlungen, Umwer­tung der Begriffe und anderes mehr.

So hat auch das Gießener Gaufänger- fest fein eigenes künstlerisches Gesicht: Daß eine große Verwandtschaft mit dem Breslauer Fest des DSB. vom vergangenen Jahre besteht, dürfte nicht weiter verwunderlich erscheinen, denn dafür ist der Zeitabstand zu gering. Davon aber abgesehen, bleibt noch so viel Eigenes, daß wohl von einem hessi­schen Sänge r f e ft gesprochen werden kann.

Am Samstag, dem 9. Juli werden weit über 30 Vereine in Sonderkonzerten, ihr Kön­nen zeigen, ebenso werden in einer Feierstunde und in anderen Großveranstaltungen disziplinierte und geschulte Sängermassen das deutsche Lied kün­den. Bei all diesen Veranstaltungen werden nur solche Werke erklingen, die durch den Musikaus- schuß des Gaues XII geprüft und würdig befunden wurden. Der Vergangenheit und Gegenwart ist glei­cherweise Rechnung getragen.

Von den Komponisten vergangener Zeiten neh­men die Romantiker und unter ihnen wieder Schu b e r t den größten Raum ein. Das ist kein Zufall, denn Schubert steht auch heute noch mit feinen Männerchören auf einsamer, unerreichter Höhe. Neben ihm finden sich Robert Schumann Kon­radin Kreutzer, C. Reinecke, Julius Rietz, Niels Gade, der Däne, dessen Schaffen aber ferne Nahrung aus deutschem Boden zieht, C. M. von Weber, der Freischützkpmponist. Ihre Werke ha­ben dank ihrer äußeren und inneren Haltung die Zeiten überdauert und erfreuen heute noch wie einst. Aus der jüngeren Vergangenheit finden wir Werke von Joh. Br.ahms, A. Bruckner, V. Lachner, F. Hegar, dem Meister der Chor­ballade, F. C u r t i und Wendel.

Es zeugt von einem fortschrittlichen Geist unserer Männerchöre, daß man dem Schaffen der lebenden Komponisten breitesten Raum gewährt hat. Fast alle Namen, die heute Klang und Bedeutung haben, sind vertreten. So: O. Liß mann, wohl einer der bedeutendsten derNeuen", W. Rein, die Reger-Schüler M. Unger und H. Srabner, H. Kaun, P. Sraener, der Braunfelser O. Ger st er, der Schlesier P. Geilsdorf und viele andere. In den Werken fast all der Genannten läßt sich die Stilwandlung, die das Männerchorlied in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat, deutlich verfolgen.

Von besonderem Interesse dürfte es sein, daß in einem Konzert dem Schaffen der Tondichter in unserem Gau 12 besonders gedacht wird Es sind: Grim (Darmstadt), 91 o a cf (Darmstadt), Temes- vary (Gießen) und Zoll (Alsfeld-Darmstadt).

Daß das Arbeitsgebiet unserer Männerchöre nicht auf den Männerchor allein beschränkt bleibt, be­weisen die Aufführung der Jahreszeiten von Haydn und das Konzert der Madrigalvereinigung Darm­stadt, in dem köstlichstes Liedgut der Vergangen­heit geboten wird. Ebenso beweisen das die beiden Kirchenkonzerte in der Johannes- und Stadtkirche.

Eines ist sich im Wandel der Zeiten gleich ge­blieben: die Liebe zum Vokkslied und volkstümlichen Lied. Darauf kann der Männergesang stolz fein, denn gerade jene Liebe zum Volkslied war es, die anerkanntermaßen in Zeiten des Verfalls der kul- turzerftörenden undeutschen Musik einen Damm entgegensetzte, der allen Anstürmen standhielt. So findet sich das liebe alte Volkslied auch recht zahl­reich auf den Folgen beim Gießener Fest. Teils finden wir es in der schlichten Form, wie wir es besonders durch Altmeister Friedrich Silcher kennen, teils in kunstvollen Bearbeitungen von Othegraven, Stürmer, M. Reger, I o - chum, Heinrichs u. a. Wie es auch auftritt, auch beim Gießener Gausängerfest wird es, wie so oft, seine Wirkung auf Herz und Gemüt nicht ver­fehlen.

Dem Sängerkreis Gießen und einigen Vereinen des Sängerkreises Wetzlar ist eine große und schwere Aufgabe gestellt worden. Sie werden bei der Feier­stunde in der Volkshalle aip Samstagabend die KantateHeiliges Vaterland" von F. Philipp zu Gehör bringen. Es wirken mit an 2000 Sänger, ein Knabenchor und ein Orchester. Ebenso werden Gliederungen der Partei und der Wehrmacht dabei beteiligt fein. Es steht zu erwar­ten, daß diese Aufführung einer der Höhepunkte

Zwei Tage Verdunkelungsilbung

Vom Montag, dem 4. Juli 1938,,mit Eintritt der Dunkelheit, bis zum Mittwoch, dem 6. Juli 1938, zum Tagesanbruch, wird in Gießen und Umgebung eine Verdunkelungsübung durchgeführt.

Was ist zu beachten?

Gebäude: Sämtliche Gebäude müssen so ver­dunkelt sein, daß kein Lichtschein nach außen bringt. Im Bedarfsfälle sin/d Lichtschleusen anzubringen.

Fahrzeuge: Fahrzeuge aller Art müssen vorschriftsmäßig abgeblendet, d. h. mit Abblend­kappen versehen sein. Diese Anordnung gilt auch für die Radfahrer. Fahren ohne Licht ist verboten und wird bestraft.

Oeffentliche Beleuchtung: Die öffent­liche Beleuchtung ist während der Dauer der Ver­dunkelungsübung auszuschalten. An den verkehrs­reichen Straßenkreuzungen und Plätzen sind Rich­tungslampen aufzustellen. Gefahrenstellen (Bau­stellen und dergleichen) sind durch rote Lampen kenntlich zu machen.

Ausnahmen: Die im Dienst befindlichen Fahrzeuge der Wehrmacht, Polizei, Feuerlöfch- polizei, Sanitätskolonne und Aerzte dürfen mit grünem Licht am linken Scheinwerfer fahren.

Kontrollen: Zur Überwachung werden Po­lizei, Amtsträger des Reichsluftschutzbundes, NSKK.- und SA.-Männer eingesetzt. Den Anweisungen die­ser Kontrollorgane ist unbedingt Folge zu leisten. Verkehrsteilnehmer beachtet die Verkehrsvorschrif­ten, damit Unfälle während der Verdunkelungs­übung vermieden werden.

Fahrt besonders vorsichtig!

Diese Bekanntmachung gilt als polizeiliche An­ordnung und hat bei Nichtbeachtung Bestrafung noch dem Luftschutzgesetz vom 26. Juni 1935 zur Folge.

des ganzen Festes werden wird. Die Musik des Werkes ist gut empfunden und formal sehr gut aufgebaut. Die eindringliche Wirkung auf die Hörer wird nicht ausbfeiben.

So wird das Gießener Fest wieder einmal be­weisen, welch ein Kulturfaktor das deutsche Lied ist und welche Bedeutung fernem Künder und Träger, dem Männerchor, zukommt.

H. Blaß, Kreischorleiter.

3m Dienste der Krnährungssicberung.

Erste Sitzung des Landesbeirats der Landesbauernschaft Hessen-Nassau.

LPD. Auf Schloß Lichtenberg im Odenwald fand am Montagnachmittag die erste Sitzung des Landes­beirats der Hauptabteilung III der Landesbauern­schaft Hessen-Nassau statt. In feines Begrüßung

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erklärte Landeshauptabteilungsleiter Bürgermeister Weyrauch den etwa 70 Teilnehmern, daß die Ernährungssicherung die engste Zusammenarbeit aller beteiligten Stellen verlange. Diesem Kontakt diene die heutige Versammlung, der weitere Zu­sammenkünfte folgen sollen.

Der Landesbauernführer Hessen-Nassau, Dr. Wagner, umriß dann die Aufgaben des Reichs­nährstandes und stellte fest, daß dieser eine öffent­lich-rechtliche Körperschaft sei, die als Stand eine Aufaabe des Staates durchführe. In seinen weiteren Ausführungen zeigte Dr. Wagner, daß die Arbeit des deutschen Landvolks feit 5 Jahren in uner­schütterlichem Idealismus geleistet werde und stets der Gesamtheit des Volkes zugute komme. Daher

Scharnhorsts großes Kommando

Zu seinem 125. Todestage am 28. Juni.

Als Scharnhorst in preußische Dienste über­trat, stand er bereits im sechsundvierzigsten Jahr. Seine Laufbahn war durchaus nicht ungewöhnlich: mA dreißig Jahren ist er Titularleutnant, mit fünf­zig Endlich Oberst. Und es hat sicherlich Verwunde­rung erregt, daß der König diesen Bauernsohn aus dem hannöverschen Dorf Bordenau in den Adels­stand erhob, als er im Frühling 1801 nach Berlin kam. Dieser Major mit der lässigen Haltung,ver­legen und timide", mit der ruhigen Sprache und den halbgeschlossenen Augen erschien jüngeren Offi­zieren wie von der Marwitz eherein nach­denklicher alter Schreiber". Und in der Tat könnte die schöne Büste, die Rau ch von Scharnhorst ge­meißelt hat, eher den Kopf eines Philosophen dar­stellen als den eines preußischen Generals.

Die Pläne und Anregungen Scharnhorsts zur Umgestaltung der überalterten Armee werden in Hannover nur mißvergnügt registriert und zu den Akten gelegt. Scharnhorst sieht keine Möglichkeit des Ausstiegs: sein Entlassungsgesuch wird mit be­leidigender Gleichgültigkeit bewilligt. In Berlin hat er vielfach mit den gleichen Widerständen kämpfen müssen. Die Taktik Friedrichs des Großen galt als der Gipfel der Kriegskunst. Es genügte der Ein­wand des alten Herzogs von Braunschweig: im Siebenjährigen Krieg sei dies oder jenes bei der Königlich-Preußischen Armee nicht Grundsatz ge­wesen, um einen Reformgedanken Scharnhorsts zum Scheitern zu bringen.

Diese Gedanken kreisen um den einen nüchternen Satz, mit dem er den Entwurf zum Aufbau einer Reservearmee einleitet:Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben". Von diesem großen Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht gehen alle anderen Reformen aus: die Offizierslaufbahn muß Nichtadligen erschlossen werden, denn die Schlagkraft eines Heeres darf nicht durch Standesvorrechte beeinträchtigt werden. Die Freiheit des Rückens" wird proklamiert, Stock­prügel und Spießrutenlaufen aufgehoben, denn wenn Soldatentum Ehrendienst am Volke fein soll, darf der Soldat nicht mit Strafen belegt werden, wie in den Zeiten der Söldnerheere, da die Soldaten ehrlos waren, mißachtet, Verbrechern gleichgestellt. Das sind die Grundsätze, die er einer neuen Gene­ration einhämmert. Unter seinen Hörern in der Berliner Militärschule sitzt auch der junge C l a u s e- w i tz

Dieses Werk der militärischen (Erneuerung durch'.

zuführen, wird Scharnhorst nach der Katastrophe von Jena und Auerstädt Gelegenheit gegeben. Als Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements schafft er unter den Augen der napoleonischen Spione durch das Krümpersystem große Reserven ausgebildeter Rekruten. Sein Leben tritt nun ganz hinter seinem Werk zurück. Als er seine Pläne dem französischen Gesandten verraten sieht und deshalb

(Scherl-Bilderdienst-M.)

seinen Abschied nimmt, wird er durch einen Stroh­mann ersetzt, den Scharnhorst aus dem Hintergrund lenkt. So kommt die große Stunde der Ausein­andersetzung zwischen Frankreich und Rußland. Wo wird Preußen stehen.

Auf wenig befahrenen Landwegen, abseits der großen Kurierstraßen, reist Scharnhorst im Sep­tember 1811 nach St. Petersburg. Seine Papiere lauten auf einen russischen Obristen Menin. In Be­sprechungen mit dem Zaren legt Scharnhorst einen Feldzugsplan dar, wie er später durchgeführt und das Verhängnis der Großen Armee wurde: vor­getäuschter Rückzug bis ins Innere des Landes und inzwischen die Zusammenballung aller Kräfte zum entscheidenden Schlag. Ende Oktober kann er dem König eine preußisch-russische Militärübereinkunft zur Änerkenpung oorlegen. Selbst der Staatskanzler

Hardenberg tritt jetzt auf Scharnhorsts Seite. Aber hartnäckig hält der König an dem Bündnis­angebot an Frankreich fest.

Scharnhorst fährt nach Wien. Aber Metter- n i ch läßt den Vorstoß geschickt ins Unendliche der Geheimakten und Kabinettsverhandlungen ver­laufen. Inzwischen wird in Paris das Bündnis mit Preußen abgeschlossen. Scharnhorst inspiziert wieder schlesische Festungen. Er hat umsonst gearbeitet; pour le roi de Prusse, wie das französische Wort sagt. Von der Leitung des Generalstabs ist er zurück- getreten; aber er bleibt im Lande.

Der Ausbruch des Krieges bringt für Scharnhorst eine neue Enttäuschung. Blücher erhält den Ober­befehl. Scharnhorst hat das erbitterte Ringen bei Groß-Görschen um ein Viereck brennender Dörfer in den Reihen der Soldaten mitgemacht. Gegen Abend trifft ihn ein Schuß unterhalb des Knies. Es scheint eine wenig gefährliche Verwundung zu sein. Zwischen einigen Briefen, die er an feine Tochter schreibt, wird ihm von Feldchirurgen die Kugel herausgeschnitten. Drei Tage später ist er i schon wieder unterwegs zu Verhandlungen in Wien. Auf der Fahrt verschlimmert sich die Wunde. Fieber tritt auf. Jetzt kann er schon nicht mehr auf Krücken gehen. Vom Bett trägt man ihn in den Reise­wagen. Im GasthausDrei Linden" am Graben in der Prager Altstadt hat er lange Unterredungen mit Radetzky und dem österreichischen Ober­befehlshaber Schwarzenberg. Der Brand wuchert im Fleisch. Mehrere Operationen bleiben j erfolglos.

In dieser Lage erreicht ihn die Nachricht, daß der! Waffenstillstand abaeschlossen ist. Soll wieder alles; zu Ende sein?Könnte ich das Ganze komman­dieren! Alle sieben Orden und mein Leben gäbe I ich für das Kommando eines Tages'" In feinen Fieberphantasien spricht er von dem Mädchen, dem: die verzichtende Liebe des alternden Mannes galt, ; und von dem Großen Kommando. Am 28. Juni; morgens stirbt er.

Scharnhorsts Ehrgeiz, einen Tag lana drei Armeekorps führen zu dürfen, ist nicht in Erfüllung > gegangen. Und doch reicht sein Kommando bis in unsere Tage. Niemals wären die deutschen Waffen-> taten möglich gewesen ohne das Bolksheer. ' das Scharnhorst geschaffen hat. Nicht überlegene I Strategie bat über Navoleon den Sieg davonge­tragen, sondern Scharnhorsts Geist. D"shalb konnte ihm Ernst Moritz Arndt über sein Grab auf dem Berliner Jnvalidenfriedhof nachrufen:

Und der Ruhm schlägt seine golhnen Flügel um ihn bis in Ewigkeit."

.Walter Schwerdtfeger.

Gloria-Paioft:Heiraten- aber wen?"

Aus der Ueberschrift kann man wohl bereits ent­nehmen, daß dies ein sommerlich harmloses Ver­gnügen ist: das Abenteuer des Mädchens Urmia, welches einen ungeliebten Mann heiraten soll, ihren Eltern durchgeht und ihr Glück als Stubenmädchen riskiert. Sie kommt mit Hilfe einer Freundin unb einer alten Kinderfrau bei einem freundlichen Chir­urgen unter, der sich bei ihrem Anblick an den seligen Pygmalion erinnert und an dem Mädchen seelisch-geistige Schönheitsreparaturen vorzunehmen beschließt. Da auch der erste Assistent an der Sache interessiert ist und überdies ein neuer Papa für Ursula gefunden werden muß, entsteht ein herrlich schwankhaftes Durcheinander, bei dem sich d->r Be­schauer zwei Stunden angeregt und ohne Ge­wissensbisse unterhält. Hörbiger ist ein österrei­chisch leutseliger Professor, Karin Hardt das ver­schüchterte Häschen auf Anstelluna. Unter Carl Boeses bewährtem Führung tun sich ferner Hella Pitt, Rolf Wanka und (auf Mosers Spuren) Rudolf Carl hervor. Außerdem gibt es die Wochenschau und einen Bildbericht von der Deutfch- land-Fahrt. Hans Thyriot.

Hochsckulnachnchfen

Professor Dr. Wilhelm Pinder. Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Berlin, tnurbe 60 Iahre alt. Am 25. Juni 1878 in Kassel ge­boren, habilitierte er sich 1905 in Würzburg und lehrte später als Ordinarius in Darmstadt. Breslau, Straßburg, Leipzig und München. Pinder ist eine der markantesten und einflußreichsten Persönlich- keilen der deutschen Kunstwissenschaft. Von seinen zahlreichen, vielfach grundlegenden Ar-beiten sind zu nennenDeutsche Dome".Mittelalterliche Plastik Würzburgs", . Deutsches Barock",Deutsche Barock- Plastik". die Werke über die Dome zu Naumburg und Bamberg und deren Bildwerke.Die deutsche Plastik im 14. und 15. Jahrhundert",Das G> ne- rafionenprobfetn in der Kuv'^" unb als frhfe o«-oße ArbeitNom Wesen unb Werden deutscher for­men". Pinder, der seit dem 1 Oktober 1935 m Ber- lin mirktz ist übriaens auch ein feinfinniaer Musiker; er hat Kompositionen für Kammermusik unb eine Anzahl Lieder geschrieben.

Der Führer unb Reichskanzler hat den Professor Dr. Seifert in Würzburg zum o. Professor ernannt. Der Reichsminister für Wissenschaft, Er- Ziehung und Volksbildung hat ihm eine Professur für Chirurgie übertragen unb ihn gleichzeitig zum Rektor der Universität Würzburg ernannt.