Siam -en Siamesen.
Don un|eiem Wst.-Sonderfierichierstufter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Bangkok, Mai 1938.
Asien ist ein gewaltiger Erdteil, und auf der Karte ist Siam nur ein kleines Land. Es hat eine Flächenausdehnung von der Größe Frankreichs und nur 13 Millionen Einwohner. Allein es besitzt eine ElLenschaft, die in jenen fernen Gegenden des Ostens selten ist: Siam ist, abgesehen von Japan, der einzige Staat, der sich seine Souveränität bewahrt hat. Daß das Volk der Thai, wie sich die Siamesen selber nennen, und was nichts anderes als „die Freien" bedeutet, ein Recht daraus hat, ein selbständiges politisches Dasein zu führen, weil es eine felbständige höchst eigenartige und interessante Kultur besitzt, würde im 19. Jahrhundert, in welchem sich das politische Schicksal Asiens, unter dem Einfluß der imperialistischen Kräfte der europäischen Mächte entschied, noch nichts besagen. Tatsächlich verdünkt Siam die Er- Haltung seiner Unabhängikeit der Mißgunst der englischen und franz ö- .sischen Rivalen, denen cs zwar gelang, die siamesischen Grenzen von allen Seiten her zu beschneiden, ohne daß man sich darüber schlüssig werden konnte, wem schließlich das fruchtbareTal des Menam endgültig zufallen sollte.
Eine unendliche zum Teil recht gründliche, zum größeren jedoch abenteuerliche Literatur beschäftigt sich heute mit den pazifischen Problemen. Sie findet Nahrung nicht nur in dem bunten Gemisch der Völker, die das asiatische Festland bewohnen, sondern vor allem in der Tatsache, daß sie sich, ein jedes auf seine Weise, mit dem Eindringen westlich-amerikanischen Geistes auseinandersetzen müssen. Allein diese Vorgänge kultureller Wandlung, seelischer Entwicklung, geistiger Umbildung liegen gewöhnlich auf Ebenen, die nicht ohne weiteres jedem zugänglich und interessant sind. Sehr viel einfacher ist es deshalb, die Dinge machtpolitisch und allenfalls wirtschaftspolitisch zu sehen, die chinesischen Millionen als Käufermasse zu werten, die Japaner als Hersteller billiger Waren zu charakterisieren und daran dann Spekulationen über die kommenden Auseinandersetzungen im pazifischen Raum zu knüpfen.
Betrachtungen solcher Art können unter zwei Ge? sichtspunkten erfolgen: dem historischen, Der mit Jahrzehnten und Jahrhunderten rechnet, und dem p o l i t i s ch e n , der sich darauf beschränkt, das sich bietende Kaleidoskopbild für heute, für morgen und vielleicht die nächsten Jahre zu deuten. Fast in jedem Gespräch ist es üblich, diese beiden Ausgangspunkte fortwährend gegeneinander zu, verschieben, woraus sich dann ergibt, daß die Partner aneinander vorbeireden. Beschränken wir uns auf eine politische Deutung unter Verzicht auf historische Perspektiven, so vereinfacht sich das Problem des Pazifik außerördentlich. Gegenwärtig gibt es nur eine Macht, von der die Bewegung im Fernen Osten abhängig ist und das ist Japan. Alle übrigen scheinen auf dem Rückzug oder in Verteidigungsstellung. Dies gilt sogar, wenn auch gewiß nur sehr zeitweilig und vorübergehend, für den Bolschewismus und den Sowjetstaat, der grundsätzlich jeder Kultur, der östlichen wie der westlichen, gleich gefährlich ist. Geschichte und Politik als verschiedene Zeitkategorien berühren sich hier allerdings am nächsten.
Es kann nicht Wunder nehmen, daß unter solchen Verhältnissen Siam von politischen Spekulanten gern eine Rolle zugemutet wird, die auf die aktuelle politische Bühne führt. Westlichen Ohren und Gedanken scheint die Losung „Asien den Asiaten" eine . japanische Erfindung insbesondere angesichts des großartigen politischen Aufstiegs Japans zur Großmacht im Verlauf nur eines halben Jahrhunderts nicht nur als Drohung, sondern fast schon als Schicksal. Allein so dumm, wie etwa die bolschewistische Kolonialpropaganda die „imperialistischen Mächte" hinzustellen beliebt, sind diese, soweit sie in Asien territoriale Rechte besitzen und asiatische Völker beherrschen, keineswegs. Eine geschlossene asiatische Front gegen die Fremden aus Europa
und Amerika gibt es ebenso wenig, wie eine Front der Letzteren gegen Asien. Ob angesichts der kulturellen, religösen und rassischen Verschiedenheiten der asiatischen Bewohner jenes „Asien den Asiaten" überhaupt jemals, auch in weitester historischer Perspektive politische Bedeutung erlangen 'kann, erscheint ebenso zweifelhaft, wie der reale Inhalt des berüchtigten Worts von der gelben Gefahr. Die blutigen Kämpfe zwischen Japanern und Chinesen demonstrieren zur Genüge, daß das heutige China jedenfalls nicht ohne weiteres bereit ist, sich von den asiatischen Brüdern erlösen zu lassen. Nicht minder kennzeichnend aber für den Zustand der asiatischen Politik, auch über die Tagesprobleme hinaus, ist das Bild, das sich aus Siams außenpolitischer Haltung ergibt.
Den jungen (38jährigen) siamesischen A u - ßenminister ßuang Pradist Manudharm traf ich in einem Augenblick in Bangkok im rosenroten Palais des Auswärtigen Ministeriums, der sicherlich für die Geschichte Siams ein Wendepunkt war. In feinem Dämmrigen, von elektrischen Fächern ge- kühlten Arbeitszimmer verabschiedeten wir uns, um uns wenige Minuten später in einer zum Garten sich öffnenden langgestreckten Festhalle wieder zu begegnen, wo ich Zeuge einer diplomatischen Handlung sein durfte, deren Schlichtheit fast ernüchternd wirkte, ßuang Pradist hatte mich aufgefordert, dem Austausch Der Ratifikationsurkunden des Freundschafts- und Handelsverträge s. zwischen ihm und dem Deutschen Gesandten beizuwohnen. In Gegenwart einiger hohen Beamten setzten sich Minister und Gesandter an einen kleinen Tisch, wechselten die Unterschriften und einige glück- wünschende Worte, tränten ein Glas Sekt mit dem kleinen Kreis der Zeugen und schüttelten sich zum Abschied Die Hände. In gleicher Weise war wenige Tage zuvor die Ratifikation des neuen englisch- siamesischen Vertrages erfolgt, und nicht anders wird das Bild fein, wenn Die übrigen Mächte an Die Reihe kommen. Siam hat mit diesen neuen Handels- und Freundschaftsverträgen die letzten Reste solcher zwischenstaatlicher Vertragsbestimmungen beseitigt, die seine Souveränität einschränkten. Es hat erreicht, daß es unter Gewährung der Meistbegünstigung für Den Handelsverkehr volle Zollhoheit gewann und daß ausländische Personen ausschließlich Der siamesischen Gerichtsbarkeit unterstehen. Als Siam in einem Streit mit *Dem englischen Naphtha-Konzessionsnehmer vor einigen Jahren obsiegte, wurde dieses Ereignis als nationaler Feiertag begangen. Die Zeitungen in Bangkok beschränkten sich auf würdige, zurückhaltende Kommentare. Die amtliche Verlautbarung verzichtete auf jede Phrase. Der Dienst, den ßuang Pradist mit Der geschickten Durchführung der schwierigen Verhandlung über diese neuen Verträge feinem ßanbe erwiesen hat, ist sicher nicht gering. Der.kluge Verzicht auf propaganDistische Auswertung erhöht seine Bedeutung eher als daß er ihm Abbruch tut.
Ringsum eingeschlossen von englischem und französischem Kolonialgebiet, soweit nicht der Golf von Siam, an dem es feinen einzigen leistungsfähigen Hafen gibt, eine natürliche Grenze des Gebiets dar- ftellt, bleibt dem Lande scheinbar keine andere Wahl, als eine Außenpolitik der strikten Neutrali- t ä t. Nicht allein die natürlichen Reichtümer des Landes, feiner keineswegs ausgefchöpften Möglichkeiten auf agrarischem Gebiet und feine kaum erforschten, aber sicherlich in reichem Maße vorhandenen Bodenschätze, machen es'aber zu einer umworbenen Schönen. Die langgestreckte malaiische Halbinsel, der Damm zwischen Indischem und Pazifischem Ozean, ist an seiner engsten Stelle siamesischer Besitz, und Der sthmus von Kra h", der mit japanischer Kapitalhilfe von einem Kanal durchstochen werden soll, spukt als Schreckgespenst in den Köpfen aller Ostasienpropheten.' Es kann versichert werden, daß dieser Kanal nicht nur nicht gebaut wird, sondern daß Siam in der begründeten Besorgnis, fein heute erreichtes Maß von Unabhängigkeit einzubüßen, nicht den geringsten Ehrgeiz hat, zwischen die Mühlsteine Der großen Politik zu geraten. Sein Mißtrauen richtet sich deshalb gegen England und Japan zugleich. Die Engländer haben aus alten Zeiten die wirtschaftliche Vorherrschaft durch den Besitz von Zinn- und Teakholz-
konzessionen, vor allem aber dadurch, daß fast der gesamte Außenhandel überenglischeHäfen — Singapur, Penang, Hongkong — läuft. Siam wünschte es, daß — Da es an heimischem Kapital fehlt — neutrale auslänDische Interessenten sich Der wirtschaftlichen Erschließung Des Landes annehmen würden. So gründlich hat sich das feit 1905, wo die letzten französischen Truppen siamesischen Boden verließen, geändert, daß heute die Nachbarn Siams an der Aufrechterhaltung einer souveränen Neutralität des Landes brennend interessiert sind, und Dafür ZugestänDnisse machen. Von ihnen hat man nichts zu fürchten, von Den Japanern aber deshalb auch nichts zu gewinnen.
Nach der unblutigen Revolution von 1932, die das absolute Königreich in ein konstitutionelles verwandelte, durchzieht ein mächtiger moderner Auftrieb das Land, das feine Zukunft in einer im Tempo gebändigten organischen Entwicklung erblickt. „Siam Den Siamesen" ist ein reales FrieDenspro- g r a m m , zu Dem Die gehörige Ausgestaltung einer schon heute beachtlich modernen Armee und Flotte gehört. Ein glücklicher Umstand ist, daß Deutschland unD^ie Deutschen unter den heutigen Führern eine ganze Anzahl warmer Freunde besitzen. Siam verdient mit einem auf gründliche Kenntnis seiner Verhältnisse gegründeten Interesse Sympathie auf seinem sicheren Weg in die Zukunft.
Kreuz und quer durch den Schwarzen Erdteil.
Briefe von einer Afrika-Reise.
Don Or. Paul Rohrbach.
XL Gold und Schnee im Kongohochland.
Butembo, April 1938.
Unzählige Male haben wir uns in diesen Tagen die Frage wiederholt: Ob wir wohl den Ruwen- z o r i erblicken werden! Der Ruwenzori ist mit 5100 Meter der z w e i t h ö ch sie B e r g A f r i k a s. Ilm diese Jahreszeit ist er aber selten zu sehen, weil dichte Wolkenmassen auf ihm liegen. Die nordöstliche Ecke des Belgischen Kongostaats ist ausgesprochenes Hochland, ganz im Gegensatz zu der weiten Tieflandsmulde, in Der sich Die Gewässer des Kongo- stropres sammeln. Dort ist alles Urwald, hier dagegen offenes Grasland; dichter grüner Graswuchs überzieht Das Gebirge bis hinauf zünden höchsten Kämmen und Gipfeln, Die 3000 Meter erreichen.
Wir mußten einige Taae Station in Bunia machen, einem merkwürdigen Ort, Dem nachgesagt wird, daß er in doppeltem Sinn von den nahegelegenen Goldminen von Kilo-Moto existiere — einmal durch den legalen Verkehr nach dem benachbarten Minengebiet und durch Die dorthin ab» gesetzten Waren, das andre Mal durch Den illegitimen Ankauf von in Den Minen gestohlenem Gold. Ein Besuch in Nizi, dem Zentrum Der Minenregion, 50 Kilometer von Bunia, war für uns interessant, obwohl Die eigentlichen Arbeitsstellen nicht besichtigt werben Durften. Wer an Die Selbstverständlichkeit gewöhnt ist, mit Der große und kleine englische und amerikanische Minenbetriebe fremden Besuchern gezeigt werden, wundert sich etwas, daß eine afrikanische Bergwerks-Direktion von solcher Bedeutung nicht die Vollmacht besitzt, ohne besondere, von Fall au Fall zu erteilende Erlaubnis aus Brüssel, Besuchern von Distinktion einen Blick auf die Wasch- und Stampfbetriebe zu gestatten. Aber das Bedauern des Direktors war in so verbindliche Formen gekleidet, daß wir nur mit derselben Verbindlichkeit seine mangelnde Derfügungsfreiheit anerkennen konnten.
Die gegenwärtige jährliche Goldproduktion Der Minen — zwei Drittel des Goldes werden übrigens durch Auswaschen goldführender Flußalluvien gewonnen — beträgt gegen 8000 Kilogramm. Seit dem Beginn Der Ausbeute sind etwa 100 000 Kilogramm Gold aus dem Gebiet von Kilo- Moto herausgeholt worden. Zur Zeit beträgt Der Goldpreis 33 000 belgische Franken — 2800 Mark für das Kilogramm. Eine Rundfahrt durch einen Teil Des weitaus gedehnten Produktionsgebietes wurde ohne weiteres genehmigt. Der äußere Anblick eines großen Waschbetriebes oder einer Konzentrationsanlage erschien uns nicht so merkwürdig wie der Berg Tsi: ein steiler Felskegel, dessen treppenförmig abgehacktes Profil auf die Massen goldführenden Gesteins schließen läßt, die hier schon entfernt worden sind. Das Gestein am Dsi enthält auf die Tonne nur 0,5 Gramm Gold, es ist bei weitem das ärrnfte Golderz, das überhaupt auf Der Welt verarbeitet wird. Die Arbeitskräfte find aber so billig und Der Tagebau ist so einfach, daß Die Produktionskosten mit etwa 20 Franken
je Gramm immer noch erheblich niedriger sind als Der Verkaufspreis von 33 Franken. Andere Fundstellen im Kilo-Moto-Gebiet sind viel reicher; es kommen einzelne Nester mit einem Goldgehalt bis zu 100 Gramm auf die Tonne Gestein vor. Die bisher festgestellten Reserven sollen, für acht Betriebsjahre reichen, doch werden dauernd neue goldführende Alluvien und „silons" (Erzgänge) gefunden. Die Arbeiterzahl wurde uns mit 30 000 angegeben, und da die Gegend nur schwach bevölkert ist, so werden fortgesetzt große Anwerbungen im dichtbevölkerten Ruanda-Urundi gemacht, das Belgien in Versailles aus Der deutfch - ost, afrikanischen Beute zugesprochen erhielt Der belgische Staat ist mit 50 Prozent am Gewinn von Kilo-Moto beteiligt; auch die königliche Schatulle soll ein dickes Aktienpaket besitzen.
In Der Hoffnung, Den Ruwenzori zu erblicken, haben wir auch eine Fahrt über Das hohe Randgebirge auf Der Westseite des zentralafrikanischen Grabens hinunter zum Alberts ex gemacht Durch das Nordende Des Albertsees fließt bet W.eiß e Nil, und es heißt, England unD.SIegpgs ten wollen Dort gemeinschaftlich einen Riesew»
Steinhäger
•Urquell
würzig mild - mit dem bekannten Schinkenbild!
Damm errichten, um den See aufzustauen und die Wasserführung des Nils während Der Trockenzeit zu verstärken. Wir hatten aber weDer von Der glühend heißen Grabensohle am Seeufer, noch von der über 1000 Meter höher gelegenen Paßhöhe einen Blick auf Den ersehnten Bergriesen, der histter einem schweren Dunstschleier verborgen blieb.
Dann fuhren wir von Bunia ab mit der tröstlichen Auskunft: Sie werden ein gutes Mittagessen im Hotel Ruwenzori in Beni finden und, weil es geregnet hat, vielleicht auch Den Berg sehen! Wir erreichten Beni, Das, Essen war nicht schlecht, das Hotel ganz auf den Touristenverkehr eingerichtet, Der Dem berühmten Ruwenzori von Diesem Punkt aus gilt — aber tiefdunkles Regenaewölk reichte bis zum Fuß des Berges herab und ließ keine Spur feiner Umriffe erkennen. Resigniert stiegen wir wieder in unfern Wagen und suchten uns mit Der schönen Gebirgslandschaft zu trösten, die wir von Beni an Durchfuhren und die nun auch wieder üppigen Wald trug. Charakteristisch für diese tropischen Mittelgebirge ist, daß man nur selten Fels sieht; eine tiefgründige Perwitterungsdecke von rotem Lateritlehm stumpft alle Formen ab und bildet einen fruchtbaren Vegetationsboden.
Es war schon hart am Sonnenuntergang, als wir, kaum daß unser Wagen vor dem „Butembo-Guest- House" hielt, ungeduldig heraussprangen und über den Rasenplatz zu der von lauter Engländern bevölkerten Terrasse liefen, die den Ruwenzori- Blick bieten sollte. Und wirklich! Der mächtige Schneeberg hatte sein Wolkenkleid abgeworfen, die Schneefelder unterhalb der höchsten Gipfel waren
Das Glück ist mit den Ansängern.
Erzählung von Peter Mattheus.
Die Nutzholzhandlung Busack & Sohn besaß sine Schneidemühle in. Grafenberg in Mecklenburg. Und es war üblich. Daß jeder Lehrling Der Firma für mindestens Drei Monate dorthin kam, um Den Außendienst zu erlernen.
Diesmal war Erwin Boll an Der Reihe. Er war nicht ganz siebzehn Jahre alt, hatte ein Jahr Lehrzeit hinter sich und war in bezug auf Holz völlig ahnungslos. Er konnte Briefe kopieren und regi- ' ftrieren. Er konnte Gänge erledigen, eilige Tele- phonverbindungen machen und kleine Rechnungen schreiben. Er konnte auf Anhieb und aus Dem Schlaf heraus sagen, was ein Ausländsbrief, eingeschrieben, zweiunddreißig Gramm schwer, an Porto kostete. Mit Luftpostzuschlag und ohne Luftpostzuschlag. Aber von Holz hatte er keine Ahnung. Diese Kenntnisse sollte ihm Herr Knorre beibringen.
Herr Knorre war Verwalter und geschäftlicher Leiter Der Mühle. Er war ein untersetzter, breitschultriger Mann mit einer erstaunlichen Stimme und einem Temperament wie Schießpulver. Das Temperament war ihm angeboren. Die Stimme hingegen hatte er selber ausgebildet. Wenn Herr Knorre draußen auf Dem sehr großen Holzplatz stand und einer Arbeiterkolonne in einer entfernten Ecke einen Auftrag gab, wimmerten in Grafenberg jenseits des Sees Die Kirchenglocken. Luftlinie anderthalb Kilometer. Und wenn Herr Knorre gereizt war — er war leicht gereizt —, triffelte sich außerdem Das Wasser des Sees.
Sonst war er eine Seele von Mensch. So oft er auch im geschäftlichen Leben über Die Begriffsstutzigkeit Des Lehrlings Boll außer Fassung geriet und heftig explodierte — das Privatleben blieb unberührt davon. Im Privatleben war er ein milder und väterlicher Freund des jungen Boll. Vielleicht zu väterlich in mancher Hinsicht, wie Boll meinte. Dies ist gerade Die Geschichte, Die hier er« zählt werden soll.
Als Boll in Grafenberg erschien und das Dachstübchen über Herrn Knorres Wohnung bezog, war es Mitte April. Im Mai, als das Wetter entschieden frühlingshaft wurde, äußerte Herr Knorre eines Mittages bei Tisch: „Am Sonntag nehmen wir das Boot und fahren angeln".
Erwin Bolls Gesicht zog sich in die Länge. Er war .ein überzeugter Verehrer des Sonntagmorgen« schlafes. Außerdem war er eine Leseratte und liebte es, seine freie Zeit über Schmökern zu ©erbringen, in Denen Männer unausgesetzt Heldentaten ver
richten. Und in beiden Liebhabereien sah er sich bedroht. „Ha —?" machte er peinlich überrascht. „Wie?"
„Wir werden angeln fahren am Sonntag", wiederholte Herr Knorre. - ,
„Aber", wandte Erwin ein, „ich habe noch nie geangelt. Und ich fürchte —"
„Unfinn!'' unterbrach ihn Herr Knorre. „Dann werden Sie's eben lernen. Angeln ist sehr gesund. Es berckhigt Die Nerven, und man ist draußen in der frischen Luft."
Damit war der Fall erledigt. Es handelte sich offenbar um eine Ueberfchneidung Des geschäftlichen unD privaten Lebens. Erwin wußte nicht recht: sprach Herr Knorre im Augenblick als Vorgesetzter ober als väterlicher Freund. Er wollte es mit beiden nicht verderben. Also schwieg er.
Im Laufe Der Woche wuvDe er mit einer Bambusrute ausgeftattet, ferner mit einer aufgespulten Schnur, einem Sortiment von Haken und einer rot angemalten Federpose, Die .'Herr Knorre „Schwimmer" nannte. \ Am Samstagnachmittag gingen sie in Den Garten hinaus unD gruben in einer feuchten Ecke nach Regenwürmern. Sie fanden auch welche. Es schien ein guter Platz für Regenwürmer zu fein, Denn manche waren geraDezu Prachtexemplare ihrer Art. Sehr Dick und sehr lang. Und da Herr Knorre sich nicht gerne bückte, fiel Erwin Die Aufgabe zu, sie aufzusammeln unD in eine Blechbüchse zu tun. Dies brachte ihn Dem Ernst Der Frage näher. Er war schon ziemlich sicher, daß er im Grunde nicht angeln wollte. Immerhin stand er erst am Anfang.
An Den Werktagen begann der Dienst um sechs. Erwin pflegte Daher um halb sechs aufzustehen. Herr Knorre weckte ihn, indem er mit einem Stock gegen feine Tür rumpelte. An Diesem Sonntagmorgen rumpelte Herr Knorrs schon um fünf. Erwin versuchte, es zu überhören. Er bohrte Den Kopf in Die Kissen unD blieb liegen. Aber fünf Minuten später rumpelte Herr Knorre von neuem- und rief, wobei seine Stimme mühelos durch Die Tür. drang: „Aufitehen, Sie Faulpelz — Die Fische warten!"
Erwin verfluchte die Fische. Er tpt es leise. Laut sagte er: „Jawohl, ich komme!" und, stand auf. Beim Frühstück war er schweigsam und zeigte keinerlei Begeisterung. Herr Knorre schien nichts davon zu merken. Er belud ihn mit Dem Angelzeug, nahm selbst Den Korb mit Dem Mundoorrat und trieb ihn zum Boot hinunter.
Sie ruderten los. Das heißt: Erwin ruderte. Herr Knorr saß im Heck unD machte auf verschiedene Fehler aufmerksam: „Nicht so tief eintauchenl" rief er. „Lange Schläge! Mehr durchziehen!"
Wenn Herr Knorre selber ruderte, trieb er Das Boot nach Art Der -HelgolänDer Fischer vorwärts — mit kurzen, ruckweisen Schlägen, die Blätter ziemlich tief eingetaucht. Aber es war nicht Die klassische 2Iri zu ruDern. Wenn andere ruderten, war Herr Knorre für Die klassische Art.
Grasenberg liegt inmitten Der mecklenburgischen Seenplatte. Sie kamen durch Den Kalksee, durch den Mürrensee und durch den Pfahlsee. Dann ruderten sie in Den Pötzensee hinein. „Wenn es noch lange Dauert, sind wir in Der Ostsee", dachte Erwin. So weit kamen sie jeDoch nicht.
In einem Seitenarm Des Pötzensees, in einer schilfbewachsenen Enge, gab Herr Knorre Das Kom- manDo, die Ruder einzuziehen. Er und Erwin nahmen langen Stangen zur Hand, um sie in Den Grund zu bohren und Bug und Heck des Bootes Daran festzubinden. Erwins Stange faßte nicht im Schlick, sonDern „schnellte wie ein Pfeil an Die Oberfläche. Herr Knorre explodierte. Dann Drückte die Strömung das Boot herum und riß auch Herrn Knorres Stange los. Herr Knorre explodierte abermals. Er äußerte sich, bis das Boot fest war, sehr abfällig über Erwins maritime Fähigkeiten. Die Frage, ob Fische hören können oder nicht, ist noch umstritten. Offenbar hören sie mindestens nicht gut. Denn es zeigte sich später, daß nicht alle Fische die Flucht ergriffen hatten. Einige waren noch Da.
Es kam der schreckliche Augenblick, da Erwin einen Wurm auf den Haken stecken mußte. Er tat es, fast ohne hinzusehen, und schleuderte Haken und Wurm weit auf das Wasser hinaus.
„Zu flach!" schrie Herr Knorre. „Sie haben viel zu flach eingeftellt. Sie müssen tiefer stellen!" UnD gleich Darauf: „Mensch — ziehen Sie! Ziehen Sie Doch!"
Erwin starrte verblüfft auf Das Wasser. Wo war Der Schwimmer? Der Schwimmer war nicht Da. Statt Dessen war Die Schnur plötzlich straff. Er zog und holte, fassungslos vor Staunen, einen ausgewachsenen Barsch ins Boot.
„Ein Sauglück!" brummte Herr Knorre. „Na ja — Die Anfänger!" .
Es Dauerte einige Zeit, bis Erwin feinen Haken frei und neu besteckt hatte. Er warf die Angel wieder aus. Wenige Minuten später tauchten beide Schwimmer blitzschnell unter. Bei Herrn Knorre war der Köder abgefressen. Erwin holte einen Barsch ins Boot. „Der Deubel!" sagte Herr Knorre. So ungefähr ging es weiter.
Gegen Mittag war das Verhältnis neun zu vier. Herr Knorre würzte das Essen aus Dem Korb mit Hinweisen auf Die Blindheit Fortunas, auf Die sprichwörtlichen dicken Kartoffeln und Den Geistes-
zustand gewisser Leute. Erwin lächelte freundlich. Dann angelten sie weiter. Als sie abends Schluß machten, hatte Erwin fünfzehn Fische im Netz, Herr Knorre acht. Erwin Durfte wieder rudern. Herr Knorre saß im Heck unD war schweigsam. Es schien jedoch nicht der Abendfrieden zu fein, Der ihn schweigsam machte. Zu Hause >mach Dem Abendbrot sagte er ziemlich brummig „Gute Nacht" und zog sich zurück.
Die ganze folgende Woche wurde vom Angeln nicht gesprochen. Am nächsten Sonntag, als Erwin gegen zehn zum Frühstück erschien, war Herr Knorre fort und das Boot auch. Erwin verbrachte den Tag faul in der Sonne über einem dickleibigen Schmöker. Er war recht glücklich.
Gegen Abend kehrte Herr Knorre zurück. Ec ruderte selbst — nach Art der Helgoländer Fischer — und schwenkte triumphierend ein Netz mit Fischen. „Na —?" rief er, während er Das Boot an Land zog. „Da können Sie sehen, was es heißt, kunstgerecht zu angeln!"
„Hm", machte Erwin. „Wann fahren wir mal wieder, zusammen?"
„Wir?" fragte Herr Knorre mit einem. langen Blick. „Zusammen? Ueberhaupt nicht! Menschens- kind — Sie haben Dach keine Ahnung vom Angeln!' Heber Sie muß ich mich doch unausgesetzt ärgern! Bleiben Sie man hübsch zu Hause und lesen Sie Ihre Schwarten!"
Und Das tat Erwin Dann auch. Später überwand sich Herr Knorre so weit, daß er ihn gelegentlich wieder mitnahm. Aber nur zum Rudern. Ec angelte, und Erwin las, wenn sie an ihrem Platz angelangt waren. Nicht anders! Es war eine friedliche und angenehme Lösung für beide Teile.
©er türkische Schachspieler.
Ende Des 18. JahrhunDerts zog ein Kammerrat aus Wien, Wolfgang von Kempeln, mit feinem Automatenkabinett dvrch Die Welt. Der Clou' Der Veranstaltung war ein Türke aus purem Blech, Der als Der beste Schachspieler weit und breit bekannt war. Kempeln war ohne Zweifel ein äußerst geschickter Mechaniker unD ein trefflicher Automatenbauer. Er zog mit seinem schachspielenDen Türken: unD feiner sprechenDen Puppe von LanD zu. Land. Eine Dampfmaschine, die er erfand, flog ihm in Die Luft, und Die Sache mit Dem Türken flog auch auf- Denn Der Kammerrat hatte nur einen fadjierteit Apparat gebaut, keinen wirklichen. Im Innern Der Maschinerie saß ein Zwerg, der als Schachspieler ein Genie war. Er hat später das Geheimnis ver* raten.


