Ausgabe 
28.5.1938
 
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Nr. 123 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Cberheffen)

28./2Y. Mai 1938

Bäder, Sommerfrischen, Wochenende und Ausflugsorte

Fahrt auf der Bergstraße.

Ein klarer Tag scheint durch die breiten Fenster der Jugendherberge. Mit lachendem Gesicht rollen wir unsere Schlassäcke zusammen und raus! Da sehen wir erst, was für ein Wetter das heute ist! Besser konnten wir es uns nicht wünschen.

Schnellem als sonst werden die Räder bepackt; die Herbergsmutter tritt mit vor die Tür, wir drücken ihr die Hand:Schönen Dank und bis zum nächsten Mal!" Dann steigen wir auf und fahren in diesen leuchtenden Morgen hinein. Eine kleine Stunde, dann verlassen wir den jungen Laubwald und bie­gen in die weiße, gerade vor uns liegende Straße ein. -

Ein großes Schild weist den Weg: Die B e r g - st raße nach Heidelberg. Wir sind schon weiter. Tüchtig treten wir die Pedale. Erst mal so richtig drin sein, dann wollen wir rasten. Bens- h e i m wir fahren durch, aber dann hinter Star­kenburg werden die Räder an ein altes Gatter ge­legt, das einen Garten umschließt.

Auf der anderen Seite tauchen Weinstöcke am Berg auf. Die breite Straße flitzen Autos hinunter, immer an uns vorbei. Busse mit singenden Men­schen und dem weithin kündenden Schriftband KdF." und große schwere Wagen mit ausländi­schem Nummernschild. Wir grüßen und winken ihnen nach. Was wir während dieser Ferienzeit für Autozeichen kennengelernt haben! Aber allzulange darf die Rast nicht dauern, Heidelberg will heute noch erreicht sein.

Bald fahren wir weiter, nun in einemgemäßig­ten" Tempo. Das ist die Bergstraße! Wir sehen sie in ihrem schönsten Schmuck, im weißen Frühlings­kleid, unvergeßlich wird sie uns in Erinnerung blei­ben. Immer wieder schauen mir. rechts hinunter in die fruchtbare Ebene. Zur linken Seite die Wein­berge. Endlos geht so die Fahrt.

Hinter den, zu einer grünen Wand werdenden Bäumen tauchen rote Ziegeldächer auf: Heppen­heim, Weinheim, Wache rburg, alles Orte, die im übrigen Teil des Vaterlandes einen guten Klang haben.

Dann kündigt ein Schild uns an, daß wir in der Pfalz sind. Land einer Lieselotte, wir gedenken auch deiner, als wir durch dein glückliches Kinderland fahren. Und weiter, weiter, durch diese Ebene füh­ren uns die Räder. Das Landschaftsbild verändert sich nicht, endlos, und doch immer anders. Wir wer­den nicht müde, den Blick in das weite Land zu schicken. Wo werden wir Gleiches wieder sehen?

Schriesheim, Handschuhsheim kommen in Sicht! Wir grüßen kurz hinüber. Und dann? Ade, herrliche Bergstraße, du hast uns viel Schönes gegeben. Jetzt fahren wir über die alte Neckarbrücke und da grüßen wir am grünen Necknr Heidelherg. H. O.

Mosel im Frühjahr.

Eine Ialibootfahrt.

In den großen Schwingungen der Mosel, in den Gegenschwingungen entfernter Bergzüge fliegt un­ser Wanderglück flußab. Weiße und graue Wolken­gebirge wechseln eilenden Zugs mit blauen Him­melsseen, und immer, wenn eine neue dunkle Ge­walt die blaue Hoffnung da oben verdrängt, stürzen die Böen ins Tal und zielen auf uns mit tausend und abertausend Wasserpfeilen. Sie greifen in die Fluten und kräuseln die Mosel zu Schaumkämmen auf. Zuweilen sitzen sie uns im Nacken; dann ist es herrlich, mit dem Wind die rasche Trift des Hochwassers zu Überholen. Zgweilen rennen sie uns in die Flanke; dann spüren wir unsere Muskeln und können für Augenblicke das,Ahoi", das uns aus den Nestern und von den Höhen begleitet, nicht erwidern.

Ihr seid die Ersten!" ruft ein Fährmann uns zu,ihr habt den Schlüssel zur Mosel in diesem Jahr!" Aus Weinbergen erkundigen sich Frauen­stimmen, ob unser Kalender vorgeht. Ein kleines Mädchen kommt aus einer Gasse auf die Uferbleiche gelaufen und ruft uns zu mit einem Tonfall, als erblicke sie etwas Unschickliches:Js doch noch fei Summer!"

Ja, Sommer! Moselsommer! Das war etwas an­deres. Damals wären wir nicht erstaunt gewesen, wenn aus den Nußbaumhainen oder den Garben des Korps die Gestalt des um feine Geschöpfe be­sorgten Gottes heroorgetreten wäre imsanften Wandeln seines Tags". Doch sieh:, auch heute noch eine Windung, und sie tritt hervor. Auf der Uferböschung Über den knospenden Weiden steht strahlend weiß eine Gottheit. Oder sind Menschen so schön hier wie Götter? Ist es der Winzerinnnen eine, die sich loslöste aus dem Chor der rebenbin­denden Mädchen und herabstieg, zum Fluß? Klas­sische Statik, unbewegliche Würde, weiß und lang das Gewand, doch dunkel das zurückgebogene Haupt. - Dies Wesen am Ufer ist kein Mensch; es ist eine Erscheinung.

Wir landen am Weidicht. Und wir finden den heiligen Franz, übermenschengroß, aus Holz ge­hauen, seine von den.Jahrhunderten derstümmelten Arme noch segnepd erhoben, sein von unbekannten Schicksalen zerstörtes Antlitz dem Sturme zuge­wandt. So steht er in d.en Fluren von Riol und singt der Flur, den Vögeln und den Fischen der Mosel sein Lied von Sonne und Tod. Von dem hohen, einsamen Feldrain aus sieht er von Jahr zu Jahr, von Jahrhundert zu Jahrhundert, wie im Winter- und Frühlingssturm die Wellen sich tanzend heben, in Sommersgluten die Fische aus dem Wasser schnellen, für Sekunden über den Wellen silbern auffunkeln wie die Blitze nächtlicher Gewitter über den Waldkämmen der Gebirge. Son­nenhymnen, wie die des heiligen Franz, sind Ele­gien auf den Tod. Die allmenschliche Liebesgebärde des Bettlers von Assisi ist das mittrauernde Um­fangen alles dessen, was vom Ende beschwert ist.

Als wir zuletzt die Moseldörfer grüßten, lag auf den Uferangern haushoch gehäuft, was in den Tälern und auf dem Hochland von Hunsrück imb Eifel der Sense erlag; es wartete da, ein zweites Mal Ge­walt zu erleiden in den Fängen der Dreschmaschine, welche die köstlichen Körner, auf denen unser Da­sein seit Jahrzehntausenden beruht, aus den zarten Umhüllungen sprengt. Und nun, im neuen Jahre, wo es hoffnungslos zerrieben ist, duftet und glänzt dieses lebendige Korn des vergangenen Sommers uns als unser tägliches Leben entgegen in dem kleinen Bäckerladen eines Dyrfes, wo wir, von

Kälte und Wind durchhungert, die holprigen Gassen absuchen.-

Aber lebf denn der Mensch an der Mosel vom Brote allein? Er lebt von den Mysterien,' aus denen Dionysos sich enthüllt, er lebt von jeglicher Beere, welche die Keltermarter erlitt. In Ferres, einem an die Felswand hingeworfenen Winzernest, treten wir in eine alte Kapelle und finden Christus in der Kelter, sein Leben verströmend in sieben Gnadenströme. Tiefsinnige Romantisierung des Lebens im Alltag.

Aber gleich nach Ferres wird es ganz finster und uns ein bißchen bange. Die will uns die Paddel aus den Händen winden. Zuweilen greift sie unter das Boot und tut so, als ob sie Ernst mit uns machen wolle. Sie will uns nicht weiter nach Piesport lassen. Mit Not landen wir vor dem, klei­nen hundertjährigen Gasthof, genau in dem Augen­blick, wo nebenan aus der Schule mit gellendem Chorus die Dorsjugend stürzt. Prügelei um die Ehre, unsere Bootsleine halten-zu dürfen!

In der Frühe weckte uns ein Donnergepolter. Es kam nicht vom Himmel, sondern von der Gasse. Einen Gaul hatte der Hafer- gestochen; er war mit seinem Karren durchgegangen. Wir sahen ihn aus dem Dorf auf der Moselstraße nach Ferres rasen, und rechts und links rumpelten die Weinkisten in die Gosse. Der Himmel, die Mosel und was zwi­schen ihnen an fruchtbaren Wänden aufsteigt, lächelten dazu... Während wir mit dem Wirt Kaifee tranken und schon die halben Sorgen der Ortschaft die unseren, waren, drückte sich von außen ein schwarzumlocktes Mosel gesicht, wie eine Er­scheinung aus Römertagen ans Fenster und mel» bete, der Gaul habe den Karren abgeworfen und fei schon über Ferres hinaus. Er hatte zu lange im Stall gestanden. Auch hatte er vermutlich eine Ab­neigung gegen Weinkisten, wenn sie leer sind. Die Moselgäule sollen, so sagte die Schwester des Wirts uns, volle Weinfässer mit ruhiger Begeiste­

rung ziehen, wogegen dasHollern" leerer Wein­fässer sie rasend machen kann.

Auch in uns steckte eine unbändige Lust, zu lau­fen. Nach wenigen Schritten und Biegungen steht man schon über den Dächern des Dorfes,' das bis in die Keller hinab erfüllt ist von ewiger Sorge um die Gewinnung und Wahrung des Edelsten, was dieser Stern an Vergänglichem wachsen läßt. Die Rebstäbe schimmern, die meisten grau von Alter, manche blond von Jugend. Und alle tragen sie den Rebstock mit dem Rankenspiel verschlungener Herzen. Wir schreiten zwischen dem Volk der Reben­pfleger her den Weg hinauf, der bald die Scheide kreuzt, wo sich Moseltal und Eifellandschaft wun­derbar im Auge vermählen. Und wie zur Feier dieses großen Augenblicks jubelt es von Lerchen über den Wiesen und Aeckern, jubelt in den Regen hinein, der über Moselland und Binnenland gleich­mäßig und ohn' Ermatten niedexgeht.

Wenn man den Regen als die Vorbereitung auf den Sonnenschein auffaßt, so kann nichts erwünsch­ter sein als Wasser von allen Seiten. Wir ließen bei Regen-Regen-Regen die Boote wieder in den Fluß und umzogen viele Stunden lang mit der Mosel in geduldigen, immer wechselnden Windun­gen die wolkenschwangerea. Höhen. Bis Gott sprach: Es werde Licht! Und es begann1 ein Glitzern der Gräser; an den schwarzen Obstbaumästen hingen Millionen silberner Perlen; das Schiefergestein er­glänzte mildblau bis hinan zu den dunklen Ge-. hölzen; und die Moselfische sprangen um uns in dionysischer Lust.

Wir machen Zwischenrast an einer Wiese gerade gegenüber demGraacher Himmelreich" und "laufen mit nackten Füßen durch das dampfende Gras. Noch ist kein Flurschaden zu befürchten; noch gehört uns das Ganze. Kirschbaumblüten gehen an, rasch, so scheint uns, wie Lichter am Ehristbaum. Die Finken und Amseln fingen das uralte, ewig neue Liebes­lied der Schöpfung.

Carl Oscar Jatho.

Vorschläge für die psingsiwanderung.

Zwei Tage im Siegerland.

1. Tag:

Laasphe Feudinger Hütte Jlsetal Lahnhof.

Wir fahren über Marburg, an Biedenkopf vor­über, nach dem lieblichen Lahnstädtchen Laasphe, das in einem schönen, von bewaldeten hohen Bergen umgebenen Talkessel liegt. Von hier folgen wir der Hauptwanderstrecke 2 des Sauerländischen Gebirgs- vereins gemeinsam mit roten Strichen. Wir kommen über die Fasanerie, dann über Friedrichshütte dem Lahntal entlang mit hübschen Ausblicken nach der Feudinger Hütte. Von dort dem engen, ungemein reizvollen und idyllischen Jlsetal aufwärts nach dem Hof Lmnefeld und weiter an der heilkräftigen Jlse- quelle.sowie an Heiligenborn vopbei zum Lahnhof (610 Meter), den wir nach dreieinhalbstündiger Wanderung erreichen. In dem einzigen Gasthof finden wir gute Unterkunft für die Nacht. Auf dem Lahnhof entspringt die Lahn, deren Quelle sich in dem Keller des benachbarten Forsthauses befinden soll. Sehr lohnend ist ein Aufstieg zur nahen 635 Meter hohen Stiegelburg, von der man das Sieger­land mit seinen Höhen, Tälern und zahlreichen Ortschaften überblickt.

2. lag:

Lahnhof Lühel Giller Schloßberg Hilchenbach.

Andern Tages wandern wir aüf der schönen Waldstraße, der fo genannten Eisenstraße, weiter. Wir kommen an der mit einer stimmungsvollen Umrahmung versehenen Siegquelle, später am gast­lichen Forsthaus Hohenroth vorüber, gelangen, immer dem Zeichen des Sauerländischen Gebirgs- vereins folgend, über Lützel Hinauf zur höchsten Erhebung des «Äegerlandes, dem Giller (678 Meter), von dessen eisernem Aussichtsturm man den groß­artigsten Rundblick der Gegend hat. Weitergehend kommen wir über den in der Jugendgeschichte Jung- Stillings genannten Schloßberg mit den Resten einer Burg hinab nach dem hübsch gelegenen Bahn­hof Vormwald und in langsamem, an schönen Blicken reichen Abstieg nach unserem Endziel Hilchenbach. Dauer der Wanderung, die zu den schönsten im ganzen Siegerland gehört, vier Stun­den. Interessant ist die Heimfahrt durch die zum Teil vorher durchwanderte Gegend. Da die Bahn eine starke Steigung zu überwinden hat und in mächtigen Kurven in die Höhe strebt, erschließen sich unterwegs prächtige Ausblicke auf das tief unten liegende Hilchenbach und Umgegend urid später bei der Weiterfahrt auf die malerisch gelege­nen Lahnorte.

Zwei Tage im Vogelsberg.

1. Tag: Schotten Feldkrücker höheUlrichstein.

Wir fahren mit Sonntagskarte nach dem freund­lichen Vogelsbergstädtchen Schotten, gehen am Schloß, der stattlichen Kirche und dem schönen Rat­haus vorüber hinauf zur Staatsstraße, von der aus man reizvolle Blicke auf das Niddatal und die Vogelsberger Höhen hat. Grüne Striche, die öfter die vielen Windungen der Straße abkürzen, führen uns an Götzen vorbei zunächst zum Ludwigs- brunnen, einer Quellenanlage, wo wir das rot-weiße Band antreffen. Diesem Zeichen folgen wir jetzt nach links und steigen zur Feldkrücker Höhe empor. War schon vorher am Ludwigsbrunnen der Blick auf die nähere Umgegend überraschend schön, so wird er auf der Hohe noch übertroffen. Denn eine prachtvolle Fernsicht bis zum Odenwald, dem Spes­sart und nach der Wetterau bietet sich dem ent­zückten Auge dar. Heber Feldkrücken erreichen wir alsbald das Endziel des ersten Tages, das hoch- liegende Ulrichstein, wo wir Unterkunst für die Nacht suchen. Da die gänze Wanderstrecke nur knapp drei Stunden beansprucht, können wir noch dem naheliegenden Schlohberg einen Besuch ab­statten, um uns an der herrlichen Rundschau zu erfreuen.

2. Tag: Ulrichstein hoherodskopf Schotten.

Am anderen Morgen gehen wir von Ulrichstein roten Strichen nach die Staatsstraße bis zum Kreuz, das wir überschreiten, um sodann in der seitherigen Richtung einen Fußweg durch Wald und über wald- umsäumte Wiesen einzuschlagen, der später in eine

breite Schneise üb er geht. Auf dieser, die gleichzeitig einen alten Grenzweg bildet, kommen wir zu den Sieben Ahorn (755 Meter). Dem Zeichen geradeaus folgend, gelangen wir zum Ursprung der Nidda, dem Landgrafenborn, einem idyllisch gelegenen Brünnchen. Aus hübschem Pfade gehen wir sodann zur Oberwdldstraße über die mit den schönsten Ge­birgspflanzen bedeckte sogenannte Goldwiese und weiter zum Taufitein, wo wir nicht versäumen dürfen, die großartige Rundsicht vom Turm zu ge­nießen. Auf schönem Waldwege erreichen wir als­bald den Hoherodskopf, wo uns das Clubhaus gast­lich aufnimmt. Grünen Ringen folgend, kehren wir über Breungeshain und Michelbach nach insgesamt viereinhalbstüiidiger lohnender Wanderung zu dem Ausgangspunkt des ersten Tages, nach Schotten, zurück.

Tageswanderungen.

Allendorf Aordeck Ebsdorfer Grund Frauenberg Marburg.

Nachdem uns der Frühzug nach dem Städtchen Allendorf im schönen Lumdatal gebracht hat, gehen wir auf- der mit Dbftbäumen bestandenen Straße aufwärts nach Nordeck mit hübscher Burgruine in­mitten lieblicher Anlagen. Von der Schloßterrasse 'bietet sich ein prachtvoller Ausblick auf das Lumda­tal und die umliegenden Höhen. Blaue Striche, die uns von Allendorf bis zum Schluffe begleiten, führen uns jetzt nach dem Nachbardorf Winnen und von hier am Leidenbofer. Kopf entlang durch das Feld mit weiter Aussicht über die durch ihre kleidsamen Ttachten bekannten Dörfer Leidenhofen und Ebsdorf im fruchtbaren Ebsdorfer Grund hin­auf zum Frauenberg, von dessen Burgruine sich .eine umfassende Rundschau erschließt. Zwei gute Gasthäuser am Fuße der Ruine sorgen für die nötige Erquickung. Vom Frauenberg folgen wir unserem seitherigen Zeichen, das uns auf schönen Waldwegen nach unserem Endziel, der alten Musen­stadt Marburg, bringt. Dauer der Wanderung vier­einhalb Stunden.

Wetzlar Kloster Altenberg Klein-Altenstädten Hermannstein Wetzlar. Wir fahren mit Sonntags karte nach Wetzlar, das vielerlei Sehenswürdigkeiten, wie Dom, Löttehaus und die verschiedenen Goethe-Erinnerungen, birgt. Von der großen Lahnbrücke am Westende der Stadt führen uns rote Punkte durch die Neustadt über zwei Dillbrücken an Gärten -vorbei und durch Felder nach dem malerisch .über dent Lahntal gelegenen ehemaligen Kloster Altenberg, jetzt Braunfelsscher Oekonomieho.f. Wir besichtigen die wohlerhaltene schöne Kirche mit vielen Grabdenkmälern und ge­nießen von der Klvsterterrasse einen prächtigen Blick in das Lahntal. Hinter dem Anwesen be­schreiten wir einen Feldweg, der uns über einen Höhenrücken führt, von dem -aus sich reizvolle Blicke in die Täler, namentlich auf Wetzlar mit der Ruine Kalsmunt, ergeben. Unser Weg leitet uns nach dem anmutig am rechten Dillufer gelegenen Klein-Alten- städten, von wo uns ein weiterer Feldweg über die Dill nach Hermannstein mit seiner eigenartigen Burgruine bringt. Nach insgesamt dreieinhalb- stündiger Wanderung kehren wir. nach unserem Ausgangspunkt Wetzlar zurück.

Reisewinke.

Kunst und Kur in Bad-Nauhöiur.

Bad-Nauheim, das Weltbad im Hessenland, hat seinen Kurbetrieb aufgenommen. Zu den Mitteln der Kur, dem perlenden Naß der Quellen, der Schönheit von Park und Landschaft gesellt sich als weiterer seelenstärkender Heflfaktor die Unterhaltung. Ein Drittel Kunst und zwei Drittel Kur, das ist die rechte Mischung des Bad-Nauheimer Lebens. Man sorgt mit Umsicht und Geschmack dafür, daß auch hier der tröstliche Quellborn der Kunst sprudelt. Das Kurtheater wartet wie jedes Jahr mit einer Reihe reizvoller Inszenierungen auf dem Gebiet der Oper und Operette und des Schau- und Lustspiels auf. Für das erste Philharmonische Konzert unter der Leitung Walter Stövers ist es gelungen, Edwin Fischer als Solisten des Brahms-Abends zu gewinnen.

Kleine Reiseermnnternng.

Von Werner Bergengruen.

Ich bekenne schamhaft und dennoch mit aller Gewißheit, daß ich ein altmodischer Mensch bin: das Herz ist mir nicht der mehr oder minder defekt«^ mehr oder minder überholu'ngsbedürftige Motor einer zu exakten Leistungen vorbestimmten Maschi­nerie, sondern das geheimnisvolle Zentrum allen' Menschenwesens. Der defekte Motor mag seiner Kur bedürfen, das Herz in meinem Sinne bedarf einer anderen.

Du und ich, mein Lieber, wir gehören zu jenen, deren Lebenskurve bei Frühlingsbeginn an ihrem tiefsten Punkt angelangt ist. Die Freudigkeits- und Kraftvorräte, die aus der vorjährigen Sonnenzelt stammen, sind aufgezehrt, neue noch nicht erworben. Lemurische Fledermäuse geistern in irgendeinem staubig gewordenen Spinnwebwinkel unseres Inne­ren; irgendwo, so will es uns bedünken, ist etwas eingerostet, obwohl wir doch so fleißig geschmiert haben mit allerlei heilsamen Getränken, guten Vor­sätzen, morgendlichen Kpiebeugen und moralstärken­den Abreihkalendersprüchen.

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Das Herz regt sich ungeduldig im Brustkorb. Ver­steht du dich noch auf seine Sprache? Tu ihm den Willen und geh auf Reisen, und sei es selbst für zwei Meilen oder zwei Tage; das Herz-rechnet ja nicht, und Rekordziffern machen ihm keinen Ein­druck. Alle deine Tüchtigkeit lasse getrost zu Hause; denn dein Herz weiß ja nichts von deinen Tüchtig­keiten, es ist kindlich und möchte glücklich sein.

Jede Leistung gedeiht nur auf dem Boden der Selbstbeschränkung, ja, der Entsagung. Wer etwas vor sich bringen will, wird sich ständig zu ver­schließen haben, wird seine Organe abdichten müssen gegen zahllose Eindrücke, Lockungen, Freundlichkeiten des Daseins. Auf Reisen, dem gewohnten Zustande entrissen, als einzigem Führer dem Herzen unter­stellt, schließen wir uns auf, werden ein often- stehendes Gesäß: mag die Fülle der Welt ein­strömen!

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Diese Fülle der Welt inkarniert sich tn jedem Ort unseres Reiseweges, denn es ist ja selbst im kleinsten Stückchen ein Abbild des Ganzen be­schlossen, wie sich in der elendesten Glasscherbe tausendfach alles Licht der Schöpfung zu brechen

Lauert nicht an jeder Straßenkreuzung für alle Menschen eine große Geiahr ? Jeder kennt sie jeder fürchtet sie! Klares Sehen schützt Dich vor Unfall. Sprechen Sie wegen einer .guten Brille mit

Geller dem Optiker am Bahnhof Lieferant auch Ihrer Krankenkasse -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------1------------------------------------------------------------------------- vermag. Auch Hümpelburg macht da keine Aus­nahme, übrigens wird man Hümpelburg in keinem der gebräuchlichen Atlanten finden. Der Römer Junius Juvenalis, ein nicht ganz unerheb­licher Dichter, bemerkt in einer feiner Satiren, das Betrachten einer einzigen Familie genüge, um einen die Art des Menschengeschlechts erkennen zu lassen. Auf eine ähnliche Weise wird Hümpelburg dem geöffneten Auges und geöffneten Herzens Reisenden allerlei Weltzusammenhänge erschließen können. Er wandelt durch holprige Gassen, sitzt unter den Linden des Bürgergartens, stöbert im Lokalblätt- chey, besucht die Severini-Kirche, nimmt zuschau­end am Festzug der Schützengilde teil und Hßt sich erzählen, warum Hümpelburg gewerblich von dem benachbarten Zotzenbach überflügelt werden mußte und wieso das Stadtschloß nach dem Erlöschen der kurfürstlichen Nebenlinie zum Bischofspalais oder Rathaus umgewandelt wurde; kurz, unvermerkt sieht er sich mitten hineingestellt in das Leben einer Landschaft und jener zwei großen Mächte, aus denen eine Landschaft sich formt: Natur und Geschichte.

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All solchen Dingen stehen wir plötzlich offen. Denn alles ist ja anders als zu Haufe,, und jede Abweichung vorn Gewohnten kann zu einem herz­stärkenden Abenteuerchen werden. Plötzlich darf man Dinge tun, die einem daheim verboten waren. Ich ertappte einen hohen preußischen Justizbeamten dabei, wie- er sich auf dem Hümpelburger Wocheik- markt für zehn Pfennige Lakritzen kaufte und dabei so selig und selbstvergessen lächelte wie ein kleiner Junge, der hinter die Schule gelaufen ist.. Und in Umpelborgo am Gardasee sah ich einen Universi­tätsprofessor kinderglücklich mit einer jungen Katze spielen; ich entfernte mich eifrig, um diesem ernst­haften Gelehrten, vor dem daheim die Assistenten und Prüflinge zitterten, die Beschämung -zu ersparen.

Ich weiß nicht, warum, aber zu Hause muß man an bestimmten Tagen Kalbsnierenbraten oder Schellfisch mit Senfsauce essen, das sind ewige, eherne, große Gesetze, deren Eingriff sich offenbar keine Menschenexistenz zu entziehen vermag. Aber siehe da, in Hümpelburg ober in Umpelborgo sind mit anderen Gesetzen auch diese gnadenooll auf­gehoben.Aus Reisen bestelle ich immer zweimal hintereinander Bouillon mit Ei und bann gleich Gefrorenes", gestand mir eine Bekannte. Und welch ein Füllhorn der Erlebnis, Füllhorn der Ueber- raschung können die Speisekarten fremder Orte über uns ausschütten! Auf einer schwäbischen Speisekarte las ichGaisburger Marsch", und schon stürzte ich mich mit der Bestellung mitten ins Abenteuer. Das Ergebnis verrate ich nicht; es genüge die Andeu­tung, daß es sich nicht um eine militärische Tisch­musik, sondern tatsächlich um eine Eßbarkeit handelte.

*

Man wird einwenden, solche Dinge seien belang­los, und das sind sie> wohl auch in den Augen der Tüchtigen, der hohen Justizbeamten und der strengen Examinatoren (solange diese noch nicht in Hümpel- bürg ober Umpelborgo ihre Verwandlung erfahren haben). Mr aber unb einigen anderen Narren meiner Art wirb man schon erlauben, diese Dinge symbolisch und somit überaus wichtig zu nehmen. Sie gehören zur Kur. Und jede Reise ist eine Badekur des Herzens, Trinkkur am unversieglichsten aller Quellbrunnen: an der Schöpfung selbst in all chrer Farbigkeit und Fülle.