Aus der Stadt Gießen.
Weiße"
eihnacht im Sonnenglanz.
Vorsicht bei der Verwendung von JeuerwerkskSrpem.
Schaffende Stille.
Wenn wir an die Tage denken, die uns noch von dem neuen Jahr trennen — „Stille Zeit" heißen sie im Munde des Volkes — so bemächtigt sied unser eine Stimmung ganz eigener Art, besinn- licher als zu anderen Zeiten des Jahres. Zumal den bäuerlichen Menschen, der mitten in die stumme Herrlichkeit der winterlichen Natur hineingestellt ist und mit ihr lebt, weiß sie mit wunderlicher Gewalt anzurühren.
Ist es nicht so, daß die Weihnachtstaae und -nächte gleichsam wie ein festlich erhellter und geschmückter Raum sind, in den sich der Himmel mit allen Ster- nen herunterzuneigen scheint? Und durch den Klang und Glanz dieses Raumes schreiten mir Menschen — Kinder und Greise, Mann und Frau — ein- trächtlich, festlich und hochgestimmt, von verhaltenem Jubel umfangen.
Am Ende des Raumes aber tut sich ein Tor auf, lautlos und hoch! Hinter uns verhallt der Jubel, entschwebt der festliche Glanz, und unser Blick, der noch von bunten Schimmern geblendet ist, sammelt sich auf das vor uns liegende weiße Land, darüber der Himmel wieder hoch und weit und unabsehbar ausgespannt ist, und in das wir nun hineinschreiten, nachdenklich hingegeben an die Stille des Weges, der uns noch trshM von einem neuen Beginn. Lautlos flockt der Schnee und deckt die Felder zu.
Fast unwirklich dünkt es uns, daß hier einmal Korn und Klee geblüht haben, daß hier Saat und Ernte gewesen sind: und es ist doch, als ob es gestern noch war! So eilt die Zeit — wie rinnender Sand im Stundenglas.
Wieder geht ein Jahr zur Neige. Rückschauend umfaßt der Blick das Vergangene in Bild und Gleichnis. Im Lichte dieser stillen weißen Tage schauen wir mit anderen Augen als sonst, erkennen wir die Dinge und ihr Wesen tiefer und klarer als im Gleichschritt des Werktags.
Seht, es dünkt euch, die Erde habe sich in ihrem eigenen Herzen schlafen gelegt, so leise sind olle Dinge geworden. Es ist, als hielten sie den Atem an. um die alte Erde in ihrem Schlaf nickt zu stören. Und so tief scheint uns dieser Schlaf, als sollte es nie mehr ein Erwachen geben aus dieser kalten, starren Umarmung.
Aber ihr wißt es selber: es ist schaffende Stille, die um euch schweigt, es ist ruhendes Leben, das in der Abgeschlossenheit Kräfte sammelt auf den Tag des Erwachens hin.
Fast ein ganzes Jahr lang hat die Mutter Erde geschenkt, sich selbst verschenkt und verströmt. Nun ruht sie und sinnt und träumt über ihrem ewigen Schoß von dem Wunder eines neuen Werdens. Auch wenn ihr's nicht in Worte faßt: in euch und uns allen ist dieser uralte heilige Glaube an das Licht, an das Leben, an den Sieg des Lichtes über die Finsternis, an den Sieg des Lebens über den Tod.
Laßt fester uns zusammenrücken, Mensch zu Mensch, Gemeinschaft zu Gemeinschaft — nicht in Lärm und lautem Getue, sondern im Schein dieses guten, wärmenden Lichtes der „Stillen Zeit".
N. B.
' Dornotizen.
Tageskaleuder für Dienstag.
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr: „Frau Holle"; 20 bis 22.30 Uhr ,Lauter Lüge". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Blaufuchs". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Pfingstorgel".
Stadttheater Gießen.
Heute nachmittag findet eine Wiederholung des Märchens „Frau Holle" von Walter Osterspey statt. Spielleitung: Hermann-Schultze-Griesheim, musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Tänze: Thea Maaß. Anfang der Vorstellung 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. Außer Miete! — Am Abend findet die Erstaufführung der modernen Gesellschaftskomödie „Lauter Lügen" von Hans Schweikart statt. Das Stück hat sich im Laufe dieser Spielzeit fast alle Bühnen des Reiches erobert. Spielleitung: Hermann Schultze- Griesheim, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleicheitig als 13. Vorstellung der Dienstag-Mete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Diesmal hatten wir Weihnachtsfeiertage, die sich in ihrer äußeren Aufmachung sehen lassen konnten. Sie entsprachen durchaus dem, was man von einer schönen Weihnachtszeit erwartet, nämlich Schnee, Kälte und Sonnenschein. Die reichlichen Schneesalle der Tage vorher und die niedrigen Temperaturen hatten bewirkt, daß die weiße Herrlichkeit auch m den Straßen der Stadt liegen geblieben und nicht gleich zu Dreck geworden war. Hinzu kam wahrend der Feiertage ein herrlicher, winterlich klarer Himmel, der zwar zeitweilig Bewölkung aufwies, zum großen Teile aber doch der Sonne unbehindert den Weg zur Erde freigab, so daß wir ein Weihnachts- bild erlebten, das wirklich eine Freude war und viele auch zu einem schönen Spaziergang durch die winterlich weiße und kalte, aber im Sonnenglanz wunderbare Landschaft veranlaßte. So war denn das landschaftliche Weihnachtsbild durchaus stilgerecht im Rahmen aller Erwartungen.
Nicht ganz so nach allen Regeln der Gesetzmäßigkeit wickelte sich Weihnachten auf anderen Gebieten ab. Die Reichsbahn konnte zwar — im Gegensatz zu dem Zugverkehr mit vielstündigen Verspätungen während der Tage vor dem Feste — den Zugverkehr in unserer engeren Heimat an beiden Feiertagen ziemlich planmäßig durchführen, so daß die Züge im großen und ganzen ohne allzu starke Verspätung fuhren. Der Reisendenverkehr nach und von der näheren Umgebung war am ersten Feiertag und am Abend des gestrigen zweiten Feiertages auch ziemlich stark und konnte glatt bewältigt werden. Dagegen hatte der Postbetrieb noch allerlei Nachwelten von den Tagen vor dem Feste zu bewältigen, und auch heute ist auf diesem Gebiete des weihnachtlichen Geschehens allerlei noch nachzuholen. So sah sich denn die Gießener Post am gestrigen zweiten Feiertag gezwungen, zur Beseitigung der aufgehäuften Paketberge von dem Paketversand vor den Feiertagen, der unter den gewaltigen Zugverspätungen zu leiden gehabt hatte, eine Paketzustellung in der Stadt und in den Landorten durchzuführen. Manches Weihnachtspaket kam dadurch zwar
Weihnachten -ei
LPD. Frankfurt a. M., 26. Dez. Schwere Tage hat die Reichsbahn hinter sich. Durch das Winterwetter mit seinen vielen Schwierigkeiten war der Fahrplan erheblich in Unordnung geraten, und die stundenlangen Verspätungen, die besonders in der Vorweihnachtswoche auftraten, machten die Weihnachtsreise nicht immer angenehm. Sie mußten aber hingenommen werden, da die Betriebssicherheit bei der Reichsbahn vor alles geht! Der Weihnachtsverkehr war bis zum 23. Dezember erheblich stärker als im vergangenen Jahre, dann aber flaute er ab, denn viele Reisende haben offenbar wegen der Verspätungen auf die geplante Weihnachtsreise verzichtet, so daß sich der Gesamtweihnachtsverkehr etwa auf der Hohe des Vorjahres hielt. Während der Feiertage fuhren die meisten Züge wieder einigermaßen im vorgesehenen Fahrplan, nur ab und zu kamen noch Verspätungen vor.
Die Wintersportzüge nach dem Vogelsberg und nach der Rhön wurden nicht gefahren, da geringe Nachfrage herrschte, und die nach dem Taunus am ersten Feiertag eingelegten Züge wurden nur für die Hinfahrt benötigt, denn für die Rückfahrt reichten die Plätze in den fahrplanmäßigen Zügen ebenfalls aus. Durch die Kälte und den schneidenden Wind zogen es doch viele Wintersportle'r vor, die Festtage im Kreis der Familie zu verbringen.
Der Rückreiseverkehr setzte am zweiten Feiertag in den späteren Nachmittagsstunden ein, während die Weihnachtsurlauber, die weitere Strek- ken zu fahren hatten, meist erst am Dienstag im Laure des Tages und der Nacht nach Frankfurt zurückkehren werden.
hinaus in die verschneiten Gebirge.
Die Wintersportler hatten sich besonders auf Weihnachten gefreut, und die wirklich Zünftigen waren schon am Heiligen Abend, manche sogar
noch an den Feiertagen, aber doch mit reichlicher Verspätung in den Besitz des Empfängers. Und heute hofft man, die letzten Teile dieser Paketberge fortschaffen zu können.
Die Feuerwache konnte während der Feiertage fast vollständige Feiertagsruhe genießen, nur am ersten Feiertag abends muhte sie nach der Alicen- straße ausrücken, um dort einen Rohrbruch und dessen Folgen' zu beseitigen. Die Bereitschaft der Sanitätskolonne vom Deutschen Roten Kreuz hatte während der Feiertage nur Krankentransporte zu fahren, bis auf einen Fall, bei dem ein auf der Rodelbahn verunglücktes Kind mit einem Beinbruch
Streut den Vögeln Futier!
nach der Chirurgischen Klinik verbracht werden mußte. Völlige Feiertagsruhe hatten die Polizei und die Gendarmerie, da erfreulicherweise während der Feiertage alles so schön brav blieb, daß diese Behörden keinen Anlaß zum Eingreifen hatten.
In den Straßen der Stadt war der Fußgängerverkehr verhältnismäßig schwach, da einerseits die ziemliche Kälte den Aufenthalt in der warmen Stube besonders angenehm machte, anderseits die Schneeverhältnisse und insbesondere manche glatte Stellen auf den Fußsteigen und auf den Fahrbahnen das Marschieren zu einer besonderen Anstrengung machten. Daß dagegen der Rodelbetrieb, das Schlittschuhlaufen und auch der Schilauf ganz auf Hochbetrieb gestimmt waren, versteht sich von selbst und sei hier nur der Vollständigkeit halber verzeichnet.
So hatten wir denn zwei Weihnachtsfeiertage, mit deren Verlauf man durchweg zufrieden sein konnte. Und am heutigen dritten Feiertagmorgen, während wir diese Zeilen schreiben, ist das Schneetreiben wieder kräftig im Gange und verheißt allen Freunden des Wintersports weitere Freuden.
der Reichsbahn.
noch früher, in den Vogelsberg, m die Rhön oder gar in den Schwarzwald gefahren. Dort gab es genügend Schnee, denn es hatte tüchtig geschneit, so daß man bei 20 bis 25 Zentimeter Schneehöhe und 10 bis 12 Grad Kälte sehr schön Schiläufen konnte. Auch die Rodler kamen auf ihre Rechnung. Nur mit den Quartieren soll es da und dort gehapert haben, man mußte dann oft lange suchen, bis man eine Bleibe für die Nacht hatte. Die Orte, die als „Schneeparadiese" gelten, hatten ihre verfügbar en Betten schon lange vor den Feiertagen vergeben. Im Taunus waren die Wintersportmöglichkeiten mäßig. 10 Zentimeter Schnee genügten bei den steinigen Wegen und Schneisen eben noch nicht, um einwandfreien und vor allem gefahrlosen Sport zu treiben. Am ersten Feiertag war es noch besser als am zweiten, denn der Wind trieb den Schnee weg, so daß das Feldbergplateau zeitweise beinahe schneefrei war. An anderer Stelle wurde der Schnee zu mächtigen Wehen aufgetürmt. Immerhin sah man Schihäserln und Rodler, zwar nicht rn den Massen wie an guten Wintersport- sonntagen, aber bei bescheidenen Ansprüchen kamen sie doch noch auf ihre Kosten. Die Fußgänger waren dagegen recht zahlreich, denn der wolkenlose blaue Himmel lockte, und die vom Winter hergezauberte Rauhreifpracht verwandelte Wege, Schneisen und Wälder in ein weißes Märchenreich, das immer wieder begeistert bewundert wurde. Wer mit Kraftwagen in den Taunus gefahren war, hatte wenig Freude. Die Straßen konnten wegen der Glätte nur langsam und mit Vorsicht befahren werden, und der Gipfel des Feldberges blieb vielen Wagen unerreichbar.
In den Odenwald waren besonders nach der Neunkircher Höhe und der Tromm zahlreiche Win- tersportter gekommen, wo sich bald reger Sportverkehr entwickelte.
Bei dem vielerorts üblichen Abbrennen von Feuer» werkskörpern zu Silvester werden häufig ernste Personen- und Sachschäden verursacht, weil fahrlässig ober mißbräuchlich verfahren wird. Es ergeht daher an alle Volksgenossen die dringende Aufforderung, bei der Verwendung von Feuerwerkskörpern die erforderliche Vorsicht walten zu lassen und zu Der« hindern, daß Feuerwerkskörper gefährlicher Art in die Hände Jugendlicher gelangen. Jeder sorge ferner dafür, daß auch die für die Abgabe an Jugendliche zugelassenen Feuerwerkskörper, deren Verpackung die Aufschrift „Verkauf an Jugendliche unter 16 Jahren erlaubt" trägt, nicht mißbräuchlich oder fahrlässig verwendet werden. Schützt euch vor Schaden und Strafen. Eltern, seid euch eurer Aufsichtspflicht bewußt! Zugleich ergeht an alle Personen, die Feuerwerkskörper feilhalten, die dringende Mahnung, die hinsichtlich der Abgabe von Feuerwerkskörpern an Personen unter 16 Jahren bestehende gesetzliche Regelung genauestens zu beachten. Verstöße hiergegen werden unnachsichtlich geahndet werden.
Gießener Dochenmarktpreise.
* Gießen, 27. Dez. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, bas Stück 4 bis 9. Eie^ ausländische Kühlhauseier, Klasse A 11%, Wirsing, % kg 9 bis 10, Weißkraut 7 bis 8, Rotkraut 9 bis 10, gelbe Rüben 9 bis 10, rote Rüben 9 bis 10, Unterkohlrabi 8 bis 10, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 30 bis 35, Zwiebeln 12 bis 15, Meerrettich 35 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3 bis 3,50 Mark, Aepfel, % kg 40 bis 45 Pf., Blumenkohl, das Stück 20 bis 50, Endivien 5 bis 12, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 15 Pf-
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♦* 40 Jahre Hausangestellte. Am heukk gen Dienstag, 27. Dezember, kann die Hausangestellte. Fräulein Margarete Krätzer auf eine 40jährige Tätigkeit bei dem Bäckermeister Ludwig Keil, Neuen Bäue 6, zurückblicken. Diese langjährige gemeinsame Arbeit ist für die Jubilarin und für Die Meisterfamilie gleichermaßen ein ehrendes Zeugnis. Der Jubilarin auch unfern herzlichen Glückwunsch.
** Beim Spaziergang verunglückt. Der 78 Jahre alte Konrad Bepler von hier stürzte bei einem Spaziergang auf der schneeglatten Straße so unglücklich, daß er mit der linken Seite auf einen Mülleimer aufschlug. Dabei erlitt der bedauernswerte Mann einen Bruch mehrerer Rippen, der seine Ueberführung in die Chirurgische Klinik erforderlich machte.
* Führer durch bi e Steuergesetze. Nachdem die Steuerreform in den wesenttichen Punkten durch die bisher erlaffenen Sieuergesetze zu einem gewissen Abschluß gekommen ist, hat die Commerz- und Privatbank eine Schrift heraus- gegeben, die einen zusammenfassenden Ueberblick über den Inhalt dieser Gesetze gibt. Diese Broschüre, die die für jeden Steuerpflichtigen wichtigsten Sten erb esttmmungen mit Ausnahme der beiden Realsteuern (Gewerbesteuer und Grundsteuer) behandelt, berücksichtigt alle bisher erschienenen Durchführungsbestimmungen. Die übersichtliche Anordnung der zu kürzeren Abschnitten zulammen-- gesaßten Ausführungen erhöht die praktische Verwertbarkeit dieser zweckmäßiaen Schrift. Eine Durchsicht ergibt, daß bei der Darstellung des mit- unter recht schwierigen Stoffes immer auf das Orientierungsbedürfnis der Praxis Rücksicht genommen worden ist.
Freiheit«- und Geldstrafen für jüdischen Gkeuerbeirüger.
Lpd. Frankfurt a.M., 26.Dez. Der 40jähriga Jude Gustav Ehrmann in Frankfurt a. M. wurde von der Großen Strafkammer wegen Steuerhinterziehung in drei Fällen zu einer Ge - samtgefängnisstrafe von acht Monaten und insgesamt 20 000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Kollo otSISB,Weil?
Roman von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Meine Kunst! Hoheit, ich liebe sie, und die Stunden höchsten Glücks die sie mir schenkte, sind unvergeßbar. Aber wo sind sie? Und die Stunden der Qual und der Verzweiflung?"
„Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Lieblingen ganz. Alle Freuden und alle Schmerzen!"
„Die Lieblinge haben es immer schwer, Hoheit. Vielleicht bin ich zu sehr ein Liebling gewesen!"
Es lag etwas Bitteres in dem Ton der Stimme.
Die Herzogin strich ihr mtt kosender Hand über den Arm.
„Sie sind eine große Künstlerin, Elisabeth Hellfahr. Ich sah sie zuletzt im „Grabmal" als die Braut des Unbekannten Soldaten. Sie haben mich bis zu Tränen erschüttert."
Elisabeth drückte dankbar die Hand. Sie tränt das Lob in sich hinein.
„Und sehen Sie, Hoheit: was ist von dieser Figur, von meiner Schöpfung, von meiner Kunst also geblieben? — Das Lob aus Ihrem Munde, Hoheit, und das Glück dieser Stunde!"
„Aber Elisabeth", sagte die Herzogin.
„Doch, doch, es ist so! Was bleibt mir Denn, wenn der Vorhang fällt? Der Maler hat sein Bild, der Dichter sein Werk, der Komponist hat seine Noten — da sind die Dome und die Galerien und die Werke der Klassiker — aber was haben wir denn, wir armen, armen Schauspieler?"
„Aber, Elisabeth", wiederholte die Herzogin.
Sie sah erschüttert in Herz und Seele dieser Frau, die sie um ihre Gunst und ihr Können und um das Glück, das sie um sich verschwendete, so oft schon beneidet hatte.
„Wir haben ja alle so viel Sehnsucht nach Glück, nach Lob und Anerkennung, nach Bestätigung unseres Könnens. Wenn wir allein find, quält uns der Zweifel, nur fo lange die Rolle uns trägt, nur so lange hintenher der Beifall uns wärmt, find wir glücklich."
„Mele Menschen sind nie glücklich!"
,4a, aber wir am Theater müssen unser bissel Glück fast zu reichlich bezahlen! Wie sagt Grillparzer: .Alles mußt du mit Blut bezahlen, doch am teuersten den Ruhm/ Wir Schauspieler gehören zu denen, die am teuersten bezahlen müssen. Was bleibt
uns denn? Ich meine natürlich nicht die Gage, die uns heute, wie allen anderen Menschen, in der Hand zerrinnt; aber sonst, was bleibt uns denn? Ein paar alte Photographien, vergilbte Theaterzettel und an den Wänden verstaubte Lorbeerkränze."
„Und die Erschütterung in meinem Herzen!" „3a", sagt Elisabeth, „Dank, tausend Dank!" Sie hungern ja alle nach Liebe, hungern alle nach der Wärme eines wahren Freundes und der Güte eines echten Herzens, alle, die im Lichte des Ruhmes und in der Sonne des Erfolges stehen!
„Danke", sagte Elisabeth noch einmal, „danke". Und dann: „Nein, Hoheit, es ist zu viel Lust am Trug bei unsrer ganzen Kunst, zu viel Rausch und zu wenig Bleibendes; zu viel Schein und zu wenig..."
„Und hier bei uns?"
„Oh", sagte (Nisabeth, und sie war ganz die Tochter ihres Vater, „hier ist die Erde, die uns nie verläßt!"
*
Auf der Terrasse stehen in einer hochwölbigen Gruppe die Lorbeerbäume. Hinter diesen Lorbeerbäumen geht jetzt die Tür. Schritte werden vernehmbar. Die Stimme des Jubilars sagt:
„Mein Junge, ich möchte auch heute abend und in der Stimmung dieses Tages keinen Zweifel darüber laffen, daß mir in diesem Punkt jede... sagen wir jedes Festlegen unerwünscht ist. Es ist die Eigenart dieser Damen, überall Unheil anzurichten .. **■
„Vater!" Das war die Stimme von Fritz von Beeren.
„Sie ist eine schöne Frau, und sie ist eine Künstlerin. Ich habe für so was immer Verständnis gehabt, also huldige, so viel du willst. Aber gegen jeden Eingriff in meine Absichten wehre ich mich."
„Aber sie ist schließlich eine Hellfahr!"
„Also eine Habenichts! Irgendwie liegt das doch schon im Blut, in der Familie. Weiß der Teufel,
„Denk an Magnus, Vater!"
„3d) will nicht an ihn denken. Er ist genau so aus der Art geschlagen — wo ist er heute? Als ob er es spürte, daß er nicht hergehört, genau io wie jene!"
„Aber Vater!"
„Genau wie jene! Ich habe nichts gegen die Kunst, sie hat immer von uns gelebt, aber von uns von unserer Gnade, von dem Ueberftuß ugferer Arbeit. Sie kann und sie darf nicht leben aus unseren Reihen. Ein Beeren, der Bilder malt —!" Er zischte einen Fluch durch die Zähne.
Elisabeth ist zusammengefahren. Die Worte treffen sie wie Peitschenhiebe ins Gesicht. Sie flüchtete zur Herzogin, die die Arme wie in schwesterlicher Sorge um sie schloß.
„Aber es geht jetzt nicht um Magnus. Es geht auch jetzt nicht um die Hellfahr, sondern es geht um dich und uns. Die Lage von Trebbin kennst du. Und ich glaube ja nicht, daß diese Damen heute noch Geld verdienen oder gar ein Vermögen ihr eigen nennen. Das war einmal! Gott sei Dank! Heute gibt es kein Einkommen und kein Vermögen mehr, heute gibt es nur noch Besitz. Wir Grundbesitzer sind die Herren und Besitzer der Welt. Das Geld, das einmal zur Kunst verlocken konnte, ist nur noch eine Lächerlichkeit und Arroganz. Geld gilt nicht mehr. Es vergeht wie Rauch int Wind. Die Geldscheine sind in ihrer ganzen Scheinheiligkeit entlarvt."
Er lachte.
„Boden gehört zu Boden, Besitz zu Besitz. Hanne von Derp kommt zunächst und dann meinetwegen die eine oder andere Leidenschaft!"
Fritz war sttll.
„Also, mein Junge, ich habe es für nötig gehalten, das einmal auszusprechen. Nichts für ungut. Unsereiner wird nun mal mit der Kandare im Maul geboren!"
„O Gott!" Elisabeth barg den Kopf in ihre Hände und stöhnte ihr Leid in die Nacht. Die Herzogin stand neben ihr und stand bei ihr, bis der Sturm vorüber war.
Neuntes Kapitel.
Am ersten Oktober dieses Jahres — der Dollar war auf siebenhundert gestiegen — ereignete sich folgendes:
Als Brasky von der Generalprobe in fein Büro kam, fand er einen Brief vor von Elisabech Hellfahr. Er überflog ihn, gehetzt wie er war, er las m umfangreicher Begründung eine Bitte um ein Engagement.
Brasky pfiff durch die Zähne.
Teufel auch! Sie wäre bestimmt eine Zugkraft! Zwar keine Wienerin — wir wollen ja ein Wiener Theater auf Berliner Boden sein —, aber den Berliner Theaterfreunden als eine Münchnerin bekannt. Also immerhin was Süddeutsches. Und das ist in Berlin die große Mode! lieber die Gage wird man reden. Was wird Jte sagen? Abwarten, ich werde mit Jte den Brief besprechen!
Am gleichen Tage empfing Jago Schmid im Büro feiner Remscheider Zentrale einen Brief feiner Schweriner Bank, der ihm von München her nach- geschickt worden war.
Der Brief enthielt die Mitteilung, daß die auf das Trebbiner Darlehen fällige Zins- und Rückzahlung für die Monate August und September in Devisen geleistet worden sei. „Es erscheint uns auffallend, daß die Zahlung in zehn Scheinen zu je hundert Peseten erfolgt, die in einem Umschlag der Firma Jakob Schmid in Madrid, deutsche Vertretung: Büro Remscheid, überbracht wurden."
Jago lachte. Seine tausend Peseten!
Na also, dieser mecklenburgische Bankbeamte' paßte auf wie ein Detektiv. Er bestellte ein Ferngespräch mit der Schweriner Bank.
Aber was war nun geschehen?
Es handelte sich also um die tausend Peseten, die er Elisabeth beim Abschied auf dem Wismarer Bahnhof als Bezahlung für den Flügel m die Hand gedrückt hatte.
Sie war als eine Reserve für Elisabeth gedacht gewesen, als ein stabiler Hält in der Geldflucht des Tages, jedenfalls nicht gedacht, um die Trebbiner Schuldzahlung damit zu ermöglichen. Aber Elisabeth konnte natürlich mit ihrem Geld machen, was sie wollte. Sie hatte mit dem Inhalt des Umschlages dem Bruder geholfen — ein Tropfen auf einen heißen Stein—, aber sie mußte jetzt jedenfalls Bescheid wissen über Trebbin und feine wirtschaftliche Lage. Sie war mittlerweile schlimmer geworden, denn bei dem schnellen Verfall der Mark wuchs der Abstand zwischen den täglich möglichen Einnahmen und der stabilen Goldschuld immer mehr.
Heute hatte sie Sorgen, seine Elisabech.
Er runzelte die Stirn und glättete sie wieder.
Er zweifelte gar nicht: seine Elisabeth!
Sie war eine Frau und eine Künstlerin! Wie sollte sie fertig werden mit einer irrsinnig gewordenen Zeit, die zu verstehen sogar er oft feine Schwierigkeiten hatte! Er mußte ihr helfen. Sofort! Er hatte gar kein Empfinden für die mancherlei Abfuhren, die er schon erhalten hatte.
Er pfiff vergnügt vor sich hin, wie einer, dem viel zu wohl ist in seiner Haut.
Er träumte. Wenn er nun plötzlich wieder auftauchte, da oben am Schweriner See — Hallo, Elisabeth! — Herrgott, ja, vielleicht würde sie vor lauter Glück aus dem Häuschen geraten und vor Freude — denn sie freute sich dock immer auf ihn, wenn man sich auch dann bitterlich zankte — zu jauchzen beginnen? Oder gar in ihrer Angst Und Sorge vor Freude zu meinen beginnen? Wer konnte das wissen? Und das Letztere wäre doch schrecklich!
(Fortsetzung folgt!)


