Nr.226 Zweites Blatt
Eießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag. 2 7. September 1938
Der Tod am Thelon-River.
Aus dem Tagebuch eines verlorenen Kampfes in Kanada.
Der junge Engländer, von dem die Rede ist, heißt Edgar Christian. Er zog, achtzehnjährig, mit seinem Vetter und Freund John 5) o r n b t), der sich als unerschrockener Forscher und Trapper bereits einen Namen gemacht hatte, und mit einem weiteren Kameraden, dem achtundzwanzigjährigen Harald Adlard, im April 1926 nach dem kanadischen Norden. Sie wollten im Thelon-Wildschutzgebiet überwintern- und eine neue Route vom Großen Sklavensee zur Chesterfield-Einsahrt an der Hudsonbai ausfindig machen.
Von der Expedition wäre nicht viel zu berichten denn sie erreichte nie ihr Ziel und auch über den Tod dieser drei Engländer könnte man wenig aussagen, wenn man nicht das Tagebuch des jungen Edgar gefunden hätte. Eine Streife der Königlich- Kanadischen berittenen Polizei — offenbar durch Trapper aufmerksam gemacht — fand im Juli 1929 in einer Blockhütte am Thelon-River die drei Leichen, untersuchte die Hütte und verfaßte einen Bericht an die vorgesetzte Behörde. Es wurde da nicht weiter viel Aufhebens gemacht. So etwas ereignet sich häufiger im Norden Kanadas.
Hier also ist von einem Jungen und von einem Tagebuch die Rede. Sein Vater, der alte Oberstleutnant W. F. Christian, hat es der Oesfent- llchkeit nicht oorenthalten, er übergab es ihr „mit der Hoffnung, daß es einige aus dem Heranwachsenden Geschlecht erreichen und mit demselben Mut, derselben Treue und Ausdauer beseelen möge", die sein Sohn zeigte. Und es heißt da weiter in einem Vorwort zu diesem Tagebuch (das jetzt in deutscher Uebersetzung unter dem Titel „Das tapfere Herz" in der Franckhschen Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, erschien): „Nun, da Edgar Christians Eltern sich'entschlossen haben, das ganze Tagebuch zu veröffentlichen, dürfte ihm ein bleibender Platz in d e r Geschichte arktischer Abenteuer und arktischer Tragödien gesichert sein. Denn von diesen Unternehmen stehen die Fehlschläge unserem Herzen näher als.die Erfolge, da sie den menschlichen Geist noch in seinem letzten Kampf, im Kampf mit dem Tode, unbesiegt uns zeigen. Die Geschichte dieses Jungen beweist, daß die Jugend auch in der letzten Verlassenheit, der ein Mensch ausgesetzt werden kann, des höchsten Mutes und der äußersten Tapferkeit noch fähig ist."
Dieser Edgar Christian brach also mit seinen älteren und erfahrenen Kameraden auf. Es gibt da ein paar Briefe an seine Eltern, voll von begeisterten Worten sind über das Land, über die Städte, die sie auf ihrer Fahrt berührten. Er lernt viele alte Trapper und Jäger kennen und hört von ihnen gute Worte über seinen „Jack", über John Hornby. Das ist ein Kerl, sagen sie, der weiß besser Bescheid in Kanada als sonst einer, und der hält mehr aus als ein Indianer. John Hornby wird des Jungen Abgott. Zwar hat er nun, da sie durch das Land ziehen, da sie mit ihrem Boot über die Seen und' Flüsse fahren, schon andere Augen bekommen. Er ist kein romantischer, verspielter Träumer und Abenteurer. Er weiß jetzt seinen Weg; er hält durch, obwohl er manchmal nicht weiter kann, wenn die Moskitos ihn böse zerstochen haben und wenn die Last zu schwer wird. Einmal schreibt er seinem Vater, daß er jetzt fleißig Tagebuch schriebe, um seine Eindrücke festzuhalten und Unbekanntes über die Tier- und Pflanzenwelt aufzuzeichnen. Von John Hornby weiß er, daß die Regierung eine ganz hübsche Summe zahlte für dessen Aufzeichnungen über die Wanderungen der Kckribus, der kanadischen Renntiere. Edgar will sich ein paar Dollars nebenher verdienen. Wochen und Monate in der Einsamkeit der Wälder, in der Debnis/ber Tunbrcn. Beschwerliche Märsche. In solchen Zeiten zeigt sich ber Charakter. Aber ba gibt es kein Nörgeln, denn das wäre Versagen und Abstieg. Adlard rr^te wohl manchmal später, als der harte Winter s 'm ihrer Blockhütte am Thelon-Fluß überfiel, zum Selbst- bedauern, aber der Junge bringt keine Klage über seine Lippen.
Der Winter kam und mit ihm die ungeheure Kalte, da das Thermometer auf m i n ws 4 0'® r ab sank Die Männer saßen in ihrer Hütte unb warte- ten die großen Stürme ab. Wenn der Wind nach- uetz, diese eisigen Wehen, dann gingen sie auf die Jagd. Aber das, was sie fingen, war nur spärlich. Der See fror zu, die Tiere und Vögel verzogen sich vor dem Winter, und die Karibus', mit denen ihr Plan fallen und gelingen konnte, ließen sich nicht sehen. Jedes Abenteuer birgt Gefahren, sonst ist es kein Abenteuer. Edgar wußte das. Hornby wurde von Jenen unberechenbaren Faktoren besiegt, die schon oft alle Berechnungen des sich mit Naturkräf- ten messenden Menschen über den Hausen gewor- fen haben. In ihrem Fall war es das Ausbleiben der normalen Karibuwanderungen und ein selbst in diesen Regionen ungewöhnlich 'langer Winter. Das Wild, das sich in diesem Schutzgebiet sonst in Fülle aufhielt, blieb aus. —
Da liegt dieses Tagebuch vor mir. Der Junge schrieb es, wenn der Tag und die Arbeit vorbei waren. Immer nur ein paar Sätze, das, was sie taten, was sie erjagten und die Temperatur. Mehr nicht. Zuweilen stellt er wohl Berechnungen an, wie lange der. Vorrat wohl noch reichen würde. Er tut das nüchtern und sachlich. Am 5. Dezember heißt es:
„Taten nicht viel, müssen Nahrung sparen. Müssen jetzt das Fallenstellen wohl oder übel aufgeben und eine Art. Winterschlaf halten und sehen, wie wir zu etwas Eßbarem kommen, ohne zu jagen. Macht in diesen kurzen, kalten Tagen zu viel Appetit."
Sie hungern Wochen und Monate hindurch. Zuweilen jagen sie ein Schneehuhn, ein paar Fische ober einen Fuchs. Aber das reicht immer nur für eine Mahlzeit. Sie hoffen immer noch auf die Ka-
ribus. Aber sie bleiben aus. Und dann haben sie keinen Vorrat mehr. Sie zerreiben Knochen, die von früheren Bewohnern ber Hütte in ber Nähe vergraben worden waren. Sie essen Tierfelle und werben schwächer unb schwächer. Die Kälte läßt nicht nach. Am 14. April trägt ber Junge ein:
„3ad immer nach verstopft, ich auch. Es fällt mir aber furchtbar schwer, es Jack gleichzutun, der bewundernswert weiterkämpft. Harold bei Tagesan- brudj völlig durcheinander. Ich wurde schließlich einige Knochen los, fühle mich aber sehr schwach..."
Die drei Männer leiden furchtbare Schmerzen. Die elende Nahrung wütet in ihren Eingeweiden, die Knochen, die Fellhaare, diese ganze ekelhafte Kost, die sie sich mühsam bereiteten. Dazu kommt, daß in Hornbys Bein Muskelschmerzen auftreten. Er leidet unsäglich, und der Junge bekümmert sich weiter um Nahrung, hält den Kranken aufrecht und tut, was er kann.
Die Eintragung vom 16. April lautet:
„Jack.schlief ein und wurde bewußtlos. Können im Augenblick gar nichts tun. Harold und ich so ermüdet, daß wir kaum noch Jack im Auge behalten können. Mein Herz schlägt noch. Atem Regelmäßig."
Einen Tag später stirbt Hornby, der große Trapper unb Forscher, dieser herrliche Kamerad. Drei Wochen später folgt ihm Adlard nach. Der Junge ist allein, und um ihn ist die tödliche Einsamkeit des weiten Schneelandes, und vor der Hütte liegen die steifgefrorenen Körper seiner Kameraden, die er in Hubsonbai-Decken einnähte. Aber er hat noch Hoffnung, sein ungeheurer Lebenswille hält ihn wach. Unter Umftänben, bie ein weniger tapferes Herz dem Wahnsinn oder Selbstmord zugetrieben hätten, hielt er aus. Er ernährt sich von kümmerlichen Resten, die er vor der Hütte findet und leibet unsagbare Schmerzen. Sein Körper ist durch unb durch verstopft. Aber dennoch schreibt er sein Tagebuch, beobachtet präzise den Gang seiner Krankheit unb schildert ganz sachlich, wie ein Arzt, die Symptome feines körperlichen Leidens, die 'Behandlung, unb erhebt bamit den gesunden Menschenverstand zur einsamen Höhe des Heldentums.
Hans Albers und Camilla Horn an der Theke.
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Sie spielen beide in dem preisgekrönten Film „Fahrendes Volk". — (Foto: Tobis.)
Am 1. Juni lautet die Eintragung: 9 Uhr vormittags. Schwächer als je. fyab gegessen, was ich konnte. Hab' noch mehr ba, aber bas Herz? Draußen heller Sonnenschein. Will sehen, ob es gut tut, wenn ich rausgehe, Holz zu holen für die Nacht.
Treffe jetzt Vorbereitungen.
War draußen, zu schwach, vollständig fertig. Hab' es zu lange anstehen lassen."
Dann bricht sein Buch ab. Er starb einsam und allein und konnte der Welt nicht mehr den Tod dieses herrlichen Mannes uyd Kameraden Hornby und feine Taten künden, wie er es wohl noch hoffte. Keine Anklage gegen feinen Führer unb Freund ist irt seinen Auszeichnungen zu finden, kein Wort des Leibes. Er schrieb zuletzt noch seiner Mutter und dankte ihr- für alles, was sie an ihm getan hatte«
Mnn nimmt-
zur täglichen Hautpflege -.23, -.45, -.90,
Er versicherte seine Geschwister seiner Liebe und baf immer wieder: „Gebt Jack nicht die Schuld!"
Inspektor T r u n d l e von der Königlich Berittenen Kanadischen Polizei, Unterabteilung Großer Sklavensee, schrieb am 12. August 1919 seinen Bericht. Das war das Ende.
Es gibt da ein paar gute Worte in dem Buch „Das tapfere Herz" zu Anfang; sie lauten: „Es mag wenige Edgar Christians geben, aber es gibt viele, die fein möchten, was er war. Hier also ist ein Vorbild, an dem seinen eigenen Wert zu messen keiner zu stolz sein sollte; hier in einem Jungen von achtzehn Jahren das vollendete Muster eines Mannes." . Hans H. Henne.
Straßenbahnwagen stürzt um.
Drei Schwer- und viele Leichtverletzte.
LPD. Mainz, 26. Sept. Ein nicht alltägliches Verkehrsunglück ereignete sich am Montagmittög am Bahnhofsvorplatz in Mainz. Ein dicht besetzter Straßenbahnwagen der von dem Vorort Bretzenheim kommenden Linie 8 fuhr nach lieber» querung der Eifenbahnüberführung am Binger Schlag die abfallende Aliceftraße hinunter. Am Fuße dieser Straße, von der aus die Gleise in einem Bogen zur Bahnhofstraße führen, sprang der Wagen aus dem Gleis, rollte einige Meter über das Pflaster und stürzte bann unter dem Angst- gefchrei ber Menschen, in eine Wolke von Staub gehüllt, um. Straßenbahnbedienstete und das Personal eines zufällig vorüberfahrenden Sanitätsautos zerschlugen die Scheiben der nach oben liegenden Fensterreihe des umgestürzten Wagens, halfen den Insassen aus dem Wageninnern und leisteten ihnen die erste Hilfe. Alsbald war auch Polizei und Feuerwehr zur Stelle. Drei von den Fahrgästen wurden schwer, ein Dutzend andere leichtverletzt und sofort dem Städtischen Krankenhaus zugeführt. Die Leichtverletzten konnten bereits nach einigen Stunden das Krankenhaus wieder verlassen.
Im Laufe des Nachmittags trafen von Wiesbaden und Darmstadt Sachverständige ein, um Ursache unb Verantwortung für den Vorfall zu ksären. Das Unglück hätte noch größere Ausmaße annehmen können, wenn zufällig ein Wagen der anderen den Bahnhofsplatz berührenden Straßenbahnlinien die Unfallstelle passiert hätte; der Unglückswagen wäre ihm dann in die Flanke gefahren.
Motorrad gegen Lastwagen.
Ein Toter, ein Schwerverletzter.
LPD. Mainz, 26. Sept. Ecke Neubrunnenstraße und Große Bleiche rannte ein Motorradfahrer gegen einen Lastkraftwagen. Der Motorradfahrer wurde tödlich, sein Beifahrer schwer oerle tz.t.
„Fahrendes Volk".
Lichtspielhaus.
Auch dieser Film ist, wie die „Heimat" nach Sudermanns Schauspiel, vor wenigen Wochen auf der Biennale in Venedig von einem internationalen Gericht preisgekrönt unb mit einer Medaille für die künstlerische Gesamtleistung ausgezeichnet worden. „Fahrendes Volk" führt, wie ber Titel an^eutet, mitten hinein in die bewegte, farbige, noch immer von Romantik umwitterte Welt des großen Wanderzirkus, ber mit riesigen Wagenkolonnen von Stabt zu Stabt zieht, seine Zelte aufschlä^t, roieber abbricht und weiterzieht ... zur nächsten Stadt, zur neuen Vorstellung. Der Film hat ein sehr einprägsames Leitmotiv daraus entwickelt: das Bild ber Männer, die im Takt mit wuchtigen Vorschlaghämmern bie Zeltpfähle in ben Boden rammen, kehrt, die bewegte Handlung durchbrechend, immer wieder und bringt ben unruhigen Lebensrhythmus ber Leute vom grünen Wagen mit symbolhafter Treffsicherheit bem Beschauer zum Bewußtsein. Zwar ist der Zirkus an sich schon ein auch für ben Film reizvoller unb vielfältig ergiebiger Stoff, aber bie Hersteller haben sich nicht bamit begnügt, etwa nur die Oberfläche und schillernde Außenseite zu photographieren: nächtlichen Anmarsch, Paradeauszug durch bie Stabt, harte Probenarbeit unb erregenden Glanz der Vorstellung mit Akrobaten, Pferden, Tigern, Elefanten und bem ganzen Abenteuer ber Schaufreube und Sensationslust, bie noch immer bas Herz aller kleinen unb großen Kinder bewegt : es fehlt hier gewiß, rein handlungsmäßig, nicht an Sensation, aber bas Beste an biesem Film ist doch wohl bas unsensationell Menschliche, bie5 nämlich, daß er hinter bie Kulissen greift unb hineinleuchtet in Wohnwagen, Stallzelt und Lagerplatz und das fahrende Volk auch außerhalb ber grellen Scheinwerferkegel zeigt, ohne Schminke und gefälliges Lächeln, im nüchternen Alltag. Es ist eine ber hübschesten Episoben in biesem von Jacques F e y d e r mit Phantasie, Temperament und großer Bewegung in Szene gesetzten Film, wenn bie freudige Nachricht, baß ein Kind im Wohnwagen inmitten des fahrenden Volkes als in einer großen Familie geboren fei, wie ein Lauffeuer von Mund zu Munde geht: es ist ein Junge! Das geschieht aber freilich erst ganz zuletzt, und vorher hat sich eine Menge ereignet, ein ganzer Roman ist abgelaufen voller Spannung, voller Leidenschaft und verwegener Abenteuerlichkeit. Unterwegs, auf bem nächtlichen Marsch, springt ein junger Mensch im Dunkel in einen der. rollenden Wagen hinein unb
wirb ba von einem Mädchen mit Herzklopfen und scheuer Zärtlichkeit empfangen. Und in einen andern Wagen ber langen Reihe springt aus bem Dunkel ein anderer Mann, unrasiert unb verwilbert, ein entwichener Sträfling auf ber Flucht; er wird weit weniger herzlich aufgenommen, aber bennoch verborgen, als es ernst wird, denn schon knattern die Motorräder der Verfolger heran, und es gibt einen mächtigen Aufruhr in der nächtlich wandernden Zeltstadt. Unb ein wenig später stehen dann die beiden Männer sich gegenüber: der ältere und ber junge, Vater und Sohn, aber der Sohn weiß nicht, daß es ber Vater ist. Der entflohene Sträfling hat ber Mutter versprochen, zu schweigen, und er schweigt auch unb hilft dem Jungen bei feiner Liebesgeschichte, die von vielen Schwierigkeiten bedroht ist, bis zu dem guten Ende, bas sich mit jener vielstimmig von Mund zu Munde gehenden Freudenbotschaft ankündigt: Der Mann,und heimliche Vater, der da aus der Nacht auftaucht und wieder im Dunkel verschwindet, als eine böse Vergangenheit aufs neue ihre Forderungen anmeldet, ist Hans Alders, und wenn er auch in Cowboyhut und Fellhosen einen großartigen Anreißer macht, der den gaffenden Leuten bie Wunder des fahrenden Volkes verkündet, so haben wir ihn boch selten so verhalten und gedämpft fpiel-en sehen, mit trvcknem Humor und verstecktem Gefühl, wahrhaftig als einen Vater, ber mit Stolz und leiser Rührung seinen großen Jungen betrachtet unb ihm hilft. Neben ihm erscheint im Vordergrunbe ber Ereignisse Francoise Rosay — mir kennen sie gut aus ben Filmen „Die klugen Frauen" und „Mein Sohn, der Herr Minister" —: eine prachtvolle Person; sie spricht ausgezeichnet deutsch, fast ohne Akzent, sie beweist als Dompteuse mit einer Tigergruppe großen Schneid, und sie zeigt sich den Konflikten und Wechselfällen - eines bewegten Lebens nicht ohne Humor, mit Fassung, Energie und am Ende mit einem warmen, mütterlichen Gefühl gewachsen. Ueberhaupt ist hier ein sehr ebenmäßiges, sauber zusammenspielendes Ensemble am Werke, in dem Hannes Stelzer in der heftigen Leidenschaft eines jungen Liebhabers, Herbert H ü b n e r als Zirkus- bireftor Barlay, Camilla Horn als bie intrigante Kunstreiterin Pepita, Irene von Meyendorff und Alexander Goll in g Hervorhebung verdienen. — (Tobis.) *
Im Beiprogramm: bie Fox-Wochenschau; schöne Tieraufnahmen in natürlichen Farben; unb Heinz Rühmann, der sich mit gewinnenden Worten für ein neues Lustspiel „13 Stühle" emsetzt. .
1 1 Hans Thynot.
Wolsenbüiieler Serenade.
Von Werner Schumann.
Wir wissen, es alle, bie wir aus ber Großftabt unversehens in Einsiedelei, Dorfstille unb verklungene Winkel geraten, was es mit bem Ausspannen unb Aufatmen auf sich hat. Der Frieben, ber uns da überrieselt, der leisere Gang des Lebens, ber unserem noch stürmischen Schritt entgegentritt, versetzt uns zunächst in Spannungen. Unb ein fremder Ort, wenn wir ihn zur Abendstunde betreten, hat ohnehin etwas Erregendes. Es ist das Nicht- Auskennen, das mähliche Hineintasten in die Atmosphäre des Unbekannten, das alle Sinne erregt.
So ging es mir, obwohl ich öfters dort war, in der kleinen, feinen Herzogstadt Wolfenbüttel. Tief unb friebvoll lag sie in ben Maschen ihrer bunklen Gärten, süßer Verwesungsgeruch war über bem Schloßplatz, und ein Gewitter stand entladungsbereit über dem Turm des Schlosses. Warm fegte der Herbstwind durch die engen Straßen, bewegte die Wetterfahnen des Rathauses und trieb die Menschen vorüber wie das gelbe und braune Laub. Nicht anders ist dieser Abend als jener vor nunmehr 160 Jahren, ba Lessing Frau Eva König heimführte und hinaufzuführen gebuchte aus allen Wirrnissen bitterer Jahre in eiye erträumte Welt von bürgerlichem Frieden, denn er „wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen ..."
Unb ahnte doch nicht, daß ihm das Schicksal all dies zu tun gebot, damit er den bitteren Kelch bes Leibes bis zur Neige leere; bah es ihm alles zu schenken oorgab, um ihm alles roieber zu nehmen: den geliebten Sohn — eine Winzigkeit nur, ein Elendsbündel, das kaum zu atmen begonnen hatte — und zwei Wochen darauf auch Eva, „ber alles, roas Herz an ihm war, gehörte." Wer hatte wohl bis bahin Lessings Herz entdeckt, wer feinen Anhauch empfangen in der weiten deutschen Welt? Die Gebirge seiner Gedanken hatten es begraben; unb da oben wehte eine kühle Luft. Nun hörte man mit Ehrfurcht und Erschütterung den verhaltenen Aufschrei: „Meine Freude war kurz", schrieb er dem Freunde, „und ich verlor ihn so ungern, diesen i Sohn! Denn er hatte so viel Verstand, so viel Verstand! Glauben Sie nicht, daß die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu so einem Affen von Väter gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. War es nicht Verstand, daß man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen mußte? Daß er so bald Unrath merkte? War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon
zu machen? Freilich zerrt mir der kleine Ruschel» köpf auch die Mutter mit fort!"
Ein Patschhändchen von Schreien und Lachen und Singen hatte sich der ernste Mann gewünscht. „Aber", stellte er in einem bebendem Satze fest, „es ist mir schlecht bekommen."
Hier war es, in diesem einstöckigen, weinumsponnenen, matt erleuchteten Häuschen mit dem Blumengärtlein davor, wo er freundlichere Tage erhofft, gearbeitet und endlich allem bürgerlichen Glück entsagt hatte. Er hatte es bezogen, als er abermals allein war, einsamer denn je zuvor. Und es ist wahrhaftig ein Eremitenhaus, ohne unmittelbare Nachbarschaft. Man steht, betritt man das Rosengärtlein, außerhalb des Bannkreises von Wolfenbüttel. Zu beiden Seiten des Eingangs leuchteten dem Eindringling die prallen Trauben entgegen. Leise mäht die Sichel des unsichtbaren Gärtners. Und die letzten, roten Rosen des Sommers verblühn in der nachtdunklen Stunde.
3eitfd>riffen.
— Ein großzügiger Bildbericht über den Reichsparteitag leitet -bie neueste Ausgabe ber ltust r i r t e n Zeitung Leipzig" ein. — Das Münchner Künstlerhaus wirb in einer vortrefflichen Bilbauswahl bem Leser vorgeführt. Es folgt eine Seite „Kunst der Ostmark" mit neuen Plastiken und Gemälden. — „Künstlerferien am Tegernsee": unter diesem Titel sehen wir Bilder, auf denen eine große Zahl bekannter Mitglieder, der Schauspiel- und Opernbühne als Feriengäste am Tegernsee gezeigt werden. Nach München führt auch der Beitrag „Opernfestspiele München 1938".
Hochschulnachrichten.
Geh. Rat Professor Dr. Albrecht Penck, ber em. Ordinarius für Geographie an der Universität Berlin, beging seinen 80. Geburtstag. Zu seinen bedeutendsten Werken zählt die zweibändige „Morphologie der Erdoberfläche". Sein besonderes Interesse wandte der hervorragende Wissenschafter den länderkundlichen Forschungen unb bem Studium ber Formationen des Eiszeitalters zu. Er peröffentüdUe 1882 eine groß angelegte Untersuchung über die „Vergletscherung der Alpen", welche 1902 durch das grundlegende Werk über „Die Alpen im Eiszeitalter" ergänzt wurde Pencks Dolkstum- forschung fand ihren Niederschlag in der von ihm ausgearbeiteten „Karte des deutschen Volkstums in Mitteleuropa", die heute in weitesten Kreisen verbreitet ist.


