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Hr.I73 Drittes Blatt

Es ist Sommer, seit ein paar Tagen sogarrich-

Glückliche Autobesitzer! Ein ganz klein wenig be­neide ich euch und habe Wunschträume in Richtung Volkswagen! Aber na, die Eisenbahn ist auch was Schönes: sie ist sogar etwas sehr Schönes, nur die Leben Mitreisenden sind nicht immer etwas Schönes.

Wenn man z. B. in einen V-Zug einsteigt und vom Gang aus in die Abteile blickt, da hat man oft uerst denangenehmen" Eindruck: Wenn Blicke oten könnten! Da sie es nicht können, wagt man chüchtern, eine Tür zu öffnen und auf drei leere Plätze deutend zu fragen:Gestatten, ist hier noch in Platz frei?" Antwort: Eisiges Schweigen, un­verhohlene Ablehnung aller gegen den Eindringling. Endlich, weil man beharrlich stehen blieb, murmelt iner, notgedrungen: Ja.

Die Kofferplätze sind natürlich alle besetzt! Blickt nan als Frau sich hilfesuchend um, so erwacht edoch meistens das muß ich lobend erwähnen! die bis dahin schlummernde Ritterlichkeit des twa anwesenden männlichen Mitreisenden. Doch in ietn Augenblick, da derRitter" meinen Koffer auf inen anderen legen will, erwacht über ihrem Ro- nan die zu dem anderen Koffer gehörende Weib- ichkeit und meldet spitz und empört:Aber nicht iu| meinen Koffer, der andre muß drunter". Ich pflege das lächelnd zu gestatten, denn: mein Koffer md ich, wir halten schon einen Puff aus.

Ra ja, dann sitzt man endlich, man holt sich seine Zeitung hervor und nein, lesen tu ich noch >icht. Denn jetzt kommt der freundliche Mann, der ie neuen Gäste begrüßt:Die Fahrkarten, bitte, )er hier zugestiegen ist!" Trotz amtlicher Miene ist as manchmal auf einer Reiseunter Larven die inzig fühlende Brust". Wieviel Langmut und Ge- >uld muß doch so ein Eisenbahnschaffner aufbringen!

Man erhält dann seine Karte bestrichen zurück, it sie sorgsam wieder in die Handtasche und ver- hanzt sich aufs neue hinter der Zeitung. Immer och nicht zum Lesen! Ich tu bloß so und betrachte lir nun erst einmal in Ruhe meine Mitreisenden, 's gibt da gewisse Typen, die in allen Abteilen riederkehren. Ich will einige davon beschreiben>

Da ist zuerst der Kreuzworträtsellöser. Ein harm- s»ser Zeitgenosse und angenehmer Mitreisender. Er itzt still, stört nicht, weil er selbst nicht gestört sein vill. Rur manchmal murmelt er leise, wie geistes- bwesend vor sich»hin:Nordische Gottheit, nor­dische Gottheit nordische---" Wenn Sie

ann nett sein wollen, so flüstern Sie um ihn licht zu erschreckenAse", denn das stimmt. Manchmal, aber sehr selten, gibt es dann im Abteil ine Kreuzworträtsel-AG., und dann ist der Bann ebrochen. Ich hab's aber bisher nur einmal riebt.

Dann ist da das erstmalig alleinreisende Mädel, rfrischend durch seine unverhohlene Freude am Iteuen. Es hat Notizbuch und Bleistift zur Hand

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uf alle Reisegefährten als eine Art Wasserfall, oder ie erschöpft sich an den zunächst Sitzenden mit der P regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Frage: ,Verzeihung, ist die nächste Station wohl I?"

Durchweg angenehme Mitreisende sind jungier- >iratete Ehepaare, sie sind meist stillvergnügt. mit

' ch selbst beschäftigt.

Weniger angenehm sind die Reiseprotzen. Das ini> solche, die so tun, als wären sie nur aus Mit- ird einmal zu den gewöhnlichen Sterblichen in der

Wagenklasse herabgestiegen. Sie reifen mit allem

haben, d°M W* reid). Dann habe« - zu dampsen, w<««l |inb bie Sinta I m im iroifen au- o» rf l-ichi-r W«1

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lggehender". Und Sommer ist Reisezeit, ob das Letter nun schön ist, oder nicht. Je nach Tempe- rayrent hat man erst gar keine Lust, oder aber man itzt schon viele Monate vorher über Kursbuch und Wanderkarte. Das Reisefieber kommt auf alle Fälle, und sei es erst am Abend vur dem ersten Ur- aubstag.

Das Liebesnest.

Von Jtia Eleonore.

ImSeegarten" war Schützenball. Man konnte e schon von weitem hören an dem Geschmetter der Uechmusik und den übermütigen Juchzern der Bur­schen, die ihre Mädels im Tanz herumschwenkten.

1 Nahezu ganz Fvohberg und der Ramsqau waren i dem großen, tannen- und bändergeschmückten testsaal versammelt. Denn der Frohberger Schüt- moerein feierte sein 50jähriges Bestehen, da gib es Freibier undSeegartener Schmankerl" da­zu, die bekannt zarten Schweinsbratwürste. Und die ^usik war auch nicht schlecht es war eine or- fc ntlid) handfeste Tanzmusik, die so kräftige Spaße tnn Nagelschuhen und trinkfesten Männern gewohnt mar. Unermüdlich spielte sie ihre Schottisch und Mfa und Ländler, und die schönen alten Sol- ditenmärsche alle. Die Räder der Mädchenrocke leisten, die weißbestrumpften Füße in Trachten- jsäiuhen stampften und sprangen, daß die Bretter krachten, die Bierkrüge wanderten eifrig hin unb ji)it zwischen Durstigen und Schanktisch, während |bir Lärm und der Qualm immer fröhlicher um die »Nhitzten Gesichter quirlte.

I Nur der Wurzer Alois, der rothaarige Sohn vom i&egartenroirt, saß stumm und trübselig dabei und Mihrte sich nicht. Er war kein schlechter Tänzer und hi hätte auch nicht lang zu wählen brauchen unter |bin anwesenden Schönen, denn deroeegarten hmt) in gutem Ansehen weit und breit. Aber er -nmerte sich um niemand. Wie festgefroren hockte n auf seinem Platz und starrte in den gegenuver- lyifgenben Fensterwinkel. Dort saß die Leermoser- M ristel immer wenn Tanzmusik war, und alle seine M danken galten nur ihr, schon seit den Tagen, als « l'e noch in die Feiertagsschule gingen, öie hatte es Lomals schon arg getrieben mit ihm, obwohl sie hr eine arme Kleinbauerntochter war ,,elne,

i> nicht einmal ein richtiges Heiratsgut mitkriegt, Mis der alte Wurzer gemeint hatte. Und schließlich N te sie bann auch ben Leermoser Franz genommen, fei Herrn Postsekretär aus Untersee.

I Alois seufzte schwer auf in Erinnerung. Dann ht1f er nach bem Bierkrug unb leerte ihn auf einen Bbg. Die Elendszeit war ja jetzt glücklich vorbei. Wir brave Leermvser lag unter der Erde, über an« Ee thalb Jahre schon. Er war an den Folgen einer uchfellentzündung gestorben. Und die Christel Wcr wieder in Frohberg, hübscher und vergnügter ps je.

Daß sie nicht kam, die Christel? Alvis schaute sin- zu den Tanzenden hinüber. Er saß jetzt bereits

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Aus der Stadt Gießen

Reisende Mitreisende.

.935 L $

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 27.ZuliM8

Äomfort": Reisekissen, Hutschachteln, Picknickkvffer, Lorgnon, sie ziehen ihre Handschule niemals aus, sie beanspruchen alles erreichbare Personal, sitzen sehr unruhig, nörgeln an allem herum und duften nach allen Wohlgerüchen Arabiens.

Angenehm" sind auch Raucker im Nichtraucher­abteil, und dann dieZugleme". Im Zuge sitzen wir während der Reise ja alle, aber diese Leute haben ihren Kampf mit dem Luftzug. Da gibt's dann die schönsten Meinungsverschiedenheiten zwi­schen Lufthungrigen unb Zugleuten, unb manche von ben letzteren gehören schon zu bem Typ, ben

einmal einer meiner Mitreisenben mit bem Namen Reiseekel" beehrte. Natürlich erst, als er ausge­stiegen war!

Soll ich noch von 'den kleinen unb kleinsten Mit­reisenden erzählen? Ach, die lieben kleinen Plapper­mäulchen, denen auch die Einsieblerkrebse unter ben Reisenden gerne zuhören, die der Sonnenschein des ganzen Abteils^sind! Aber ach, die unerzogenen Rangen, die verwöhnten Kleinkinder, o weh, es fliehen nicht nur die Junggesellen!

Doch, ich habe genügend studiert hinter meiner Zeitung, nun will ich sie endlich lesen. M. D.

DieBauernschä'nke" bei der Viehverfieigerungshalle Rhein-Main.

In ben vergangenen Wochen ist unmittelbar neben ber großen Vieh­versteigerungshalle Rhein- Main auch bieBauern­schänke" entstauben, bie voraussichtlich im Sep­tember ihrer Bestimmung übergeben werben kann. Die Schänke steht im rechten Winkel zur Ver­steigerungshalle, so dnß bie Marktanlage nun einen sehr geschlossenen Einbruck macht. Das Haus bietet sich in harmoni­schen Verhältnissen bar unb macht mit seiner Fachwerkkonstruktion einen ausgezeichneten Einbruck. Unser Bilb zeigt bie Bauernschänke im ge­genwärtigen Bauzustanb im Hintergrunb bie Viehversteigerungshalle.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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Aus den Gießener Gerichtssälen.

Vezirksschöffengericht Gießen.

Im Juni vorigen Jahres war ber H. H. aus Effen-Borbeck im Kurlazarett in Wiesbaden. Nach- bem er bort entlassen wurde, hatte er noch einige Tage Urlaub. In dieser Zeit mietete er sich in einem Wiesbadener Hotel ein, das er aber nach zwei bis drei Tagen verließ, vhne seine Zeche be­zahlt zu haben. Obwohl er kein Geld mehr hatte, mietete sich ber Angeklagte, nachdem er zwei Nächte bei einem Bekannten geschlafen hatte, bei der Frau L. ein und wohnte dort drei Tage. Auch diese Woh­nung verließ er wieder ohne Bezahlung. Nachdem es ihm endlich gelungen war, in Mainz 5 RM zu erhalten, damit er zu Verwandten fahren konnte, reifte er über Frankfurt zu diesen nach dem Vo­gelsberg. Er bat sie aber nicht um das Fahrgeld nach seinem damaligen ständigen Aufenthaltsort, sondern sagte ihnen, daß er seinen Urlaub bei ihnen verbringen wollte. Am Tage nach seiner Ankunft öffnete er, als seine Verwandten nicht zu Hause waren, deren Weißzeugschrank mit einem Schlüssel und entwendete aus einer Kassette in bem Schrank 540 NM., einen golbenen Ring unb ein oergolbetes Anhängsel. Seinen Verwanbten feilte er später mit, baß er in Frankfurt seine Koffer holen wollte; bar= rauf fuhr er fort, um nicht roieber zurückzukehren.

Der Angeklagte verstaub es, innerhalb weniger Tage bas sauer verdiente Geld seiner Verwandten zu vergeuden. Zuerst fuhr er nach Frankfurt, klei­dete sich dort neu ein und verbummelte mit einigen anderen eine ganze Nacht. Hierauf fuhr er nach Hanau, um einen Bekannten zu besuchen. Er mie­tete sich dann in einer Wirtschaft in Klein-Stein-

heim ein und trug sich als v. Sp. in den Melde­bogen ein. Nachdem er zwischendurch wieder einen Tag in Frankfurt verbracht hatte, machte er in Hanau einen neuenSchlag", zuerst in einer Kan­tine und dann im Sperlingshaus. In letzterer Wirt­schaft allein belief sich die Zeche auf etwa 100 RM. Aber schon hier hatte der Angeklagte kein Geld mehr, unb er bat bie mit ihm Zechenben, obwohl sie von ihm eingelaben waren, boch für ihn zu be­zahlen, ba er kein Gelb mehr bei sich habe. Diese zahlten benn auch im Glauben, baß H. ihnen bas Gelb aurücferftatten werbe, was aber nicht geschah. Da bas gestohlene Gelb nun alle war, stellte ber Angeklagte sich ber Polizei, bie ihn zu seinem da­maligen ständigen Aufenthaltsort zurückbrachte.

Nachdem er dort aus der Untersuchungshaft ent­lassen worden war, fuhr er nach Hause. Aber auch dort blieb er nicht lange. Nachdem er nicht nur eigene Sachen, sondern auch solche 'einer Eltern verkauft hatte, trieb er sich wieder herum. Dabei verging er sich abermals gegen bas Gesetz, so baß er in Mainz erneut in Untersuchungshaft genom­men werben mußte. Gerabe biefer Umstand, daß der Angeklagte nicht versuchte, ein geordnetes Leben anzufangen, sondern abermals straffällig wurde, zeigte dem Gericht, daß nur eine strenge Strafe geeignet sein kann, ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Das Gericht verurteilte ihn wegen schweren Diebstahls und wegen Betrugs in zwei Fällen zu einer Gesamtgefängnis strafe oan neun Monaten.

*

Außerdem hatte sich noch der H. R. aus Sontra wegen schwerer Urkundenfälschung in Tateinheit mit

Betrug zu verantworten. Der Angeklagte hatte in drei Fällen als Vertreter Bestellscheine auf Waren ausgestellt und mit Namen unterzeichnet, ohne hier­zu beauftragt zu sein. Für diese angeblichen Be­stellungen erhielt er von seiner Firma eine Provi­sion von 48 RM. Der Angeklagte gibt an, aus Not gehandelt zu haben. Da ihm dies nicht widerlegt wer­den konnte, verurteilte ihn das Gericht unter Zu­billigung mildernder Umstände zu einer Gesamt- gefängnisftrafe van zwei Monaten.

Große Strafkammer Gießen.

Gestern hatte sich der A. Ä. aus Nieder-Bessingen vor der Großen Strafkammer wegen schweren Dieb­stahls im Rückfall zu verantworten. Der Angeklagte, der im Jahre 1934 arbeitslos wurde, benutzte seine freie Zeit, anstatt sich um Arbeit zu bemühen, zu ausgedehnten Diebesfahrten in die nähere unb weitere Umgebung. So machte, er den ganzen Vogelsberg und die Wetterau unsicher, er erstreckte feinenWirkungskreis" sogar bis weit in bas Hinterlanb. Er nahm von zu Hause eine ansehnliche Menge Diebeswerkzeuge mit, bie er unterwegs nach unb nach vervollstänbigte. Dem Angeklagten konn­ten sieben schwere Einbruchsbiebstähle sowie ein einfacher Diebstahl unb ein versuchter schwerer Diebstahl nachgewiesen werben. Besvnbers gravie- renb war ein Fall in Homberg a. b. Ohm, wo er ein Juweliergeschäft restlos ausplünberte.

Der Angeklagte war in ber gestrigen Hauptver­handlung vollkommen geftänbig unb behauptete, aus wirtschaftlicher Not gehandelt zu haben. Diese Einlassung wurde ihm vom Gericht jedoch nicht ge­glaubt, da er einfach alles stahl, was nicht niet» und nagelfest war, obwohl er für die gestohlenen Gegenstände teilweise gar keine Verwendungsmög­lichkeit hatte. Da ber Angeklagte seit zwei Jahren ein orbentliches Leben führt unb in vollem Um­fange geftänbig war, billigte bas Gericht ihm noch einmal mildernde Umstände zu, so daß er am Zucht­haus vorbeikam. Immerhin hielt die Kammer mit Rücksicht auf bie außerordentliche Schwere ber ein­zelnen Fälle eine exemplarische Strafe für not» menbig und erkannte auf eine Gesamtgefäng» nisftrafe von vier Jahren. Sechs Monate ber Untersuchungshaft kamen in Anrechnung.

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Die nächste Anklage wegen Unterschlagung im Amt und Urkundenvernichtung richtete sich gegen ben P. St. aus Großen-Linden. Der Angeklagte, ber als Posthelfer beschäftigt war, bestellte Nach­nahmepakete schon vor bem Zeitpunkt, an bem biese eigentlich zur Austragung kommen sollten, unb steckte bie Nachnahmegebühren in feine Tasche. Diese Fehlbeträge beckte er mit Gelbeingäugen aus späte­ren Zustellungen; so stopfte er ein Loch mit bem anbern. Zur Verheimlichung dieser Manipulationen änderte er, entsprechend seinen Betrügereien, die Eingangsdaten ab, so daß er dieses' Spiel eine ganze Weile unentdeckt fortsetzen konnte. In seinem Bestreben, feine Verfehlungen zu vertuschen, ließ er sich auch noch dazu hinreißen, drei Paketkarten zu vernichten. Der Angeklagte war restlos geständig und gab zu seiner Entschuldigung seine wirtschaft­liche Not an. Da tatsächlich festgestellt werden konnte, daß der Angeklagte in sehr traurigen wirt­schaftlichen Verhältnissen lebt und auch in seiner Familie großes Pech gehabt hat sowie mit Rücksicht auf sein Geständnis erkannte das Gericht auf die gesetzliche Mindeststrafe von einem Jahr Zucht­haus. Trotz der Geringfügigkeit ber unterschlage­nen Beträge mußte auf eine Zuchthausstrafe er­kannt werden, da der Angeklagte als Beamter im strafrechtlichen Sinne anzusehen ist. Immerhin emp­fahl das Gericht, mit Rücksicht auf die besonders gelagerten Verhältnisse, die Einreichung eines Gnadengesuches.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria-Palast (Seltersweg):Manuel".

bei ber dritten Maß Bier, unb braufeen ftanb ber gute Wein umsonst auf Eis, weil sie ihm so bestimmt zugesagt hatte für heute abenb.

Ob ba nicht am Enbe ein anberer daran schulb war, bafe sie nicht kam? Der Krumbichler Lenz viel­leicht ober ber Sonnleitner Hansl?

Er hatte bie zwei ben ganzen Abenb noch nicht gesehen. Unb ber Sonnleitner war ja besonders hinter ihr her, seit sie Witwe war. Das war über­haupt so ein Schleicher, ber es ganz fein anfing mit zuckrigen Reben unb kleinen Angedinben manche Dirn war schon barauf hereingefallen.

Mit einem roütenben Ruck ftanb Alois auf unb schob sich burch bie Tanzenben. Nach rechts unb nach links spähend durchwanderte er ben Saal, ob­gleich er vor kurzem erst bie Christel gesucht hatte. Er fanb sie auch diesmal nicht. Unb ber Hansl fehlte auch.

Von eifersüchtigen Ahnungen verfolgt, ging er ins Haus unb holte seinen Hut, benn zu ben Feiertags­hosen gehört für einen richtigen bayrischen Burschen ber grüne Festhut, auch für ben kürzesten Weg. Unb weit hatte er ja nicht zu gehn.

Die Christel bewohnte zwei hübsche, ebenerdige Stuben in einem Gärtnerbaus, das auf einer An­höhe über bem See lag. Als kurz nach bem Tob ihres Mannes ihr Bruber baheim den Hof über­nahm, hatte sie sich hier eingerichtetauf einen gemütlichen Lebensabend", wie sie manchmal sagte. Das Haus lag in Dunkelheit, als Alois ankam. Ueber dem schwach schimmernden Mauergeviert und schwarzem Gebüsch ruhte der Sternenhimmel frjed- fam klar. Alois ftanb am Zaun, unschlüssig hin- überspähenb.

Recht schön war es hier, so still, so ungestört wie geschaffen für ein Liebesnest!

Vorsichtig drückte er die Klinke ber Gartentür nieber, sie war unverschlossen unb gab nach. Auf her Rasenkante bes Kiesweges pirschte er sich zum Haus hin. Nach einigen Schritten bemerkte er, bafe eines ber Fenster offen ftanb unb blieb stehen. Eine Weile hörte er nichts, als feinen hämmernben Herz­schlag. Dann ging eine Tür drinnen, eine weibliche, sanfte Stimme sprach halblaut Alois reckte hor- chenb ben Kopf es war bie Christel, bie brin- nen sprach:Du bist aber heut spät kommen, Hansl! Wo warst benn so lang? Schau, is ja schon Nacht ..."

Alois ftanb da, als hätte ihn ber Schlag getrof­fen. Er horchte immer noch mit angehaltenem Atem, obwohl es roieber ganz still geworden war. Erst die Schritte eines späten Wanderers verscheuch­ten ihn aus dem Garten. Er bog in den Uferroeg ab, nur für ein paar Minuten, bann trieb ihn die

Eifersucht zurück.

Hansl, hatte sie gesagt zu dem Lackl, zu dem windigen. Hansl! Und wie lieb und süß! Er ballte die Fäuste und holte tief Atem, wie vor einem Kampf. Aber wart nur ein disserl, dachte er, wart nur, bis ich dich erwisch! ... Und er schwelgte in rachelüsternen Vorstellungen, wie er den Sonnleit­ner Hans schlagen würde, bis er sich nicht mehr rühren konnte. Es war sein einziger Trost in den langen Stunden dieser Nacht, während er wieder und wieder das Haus umschlich.

Denn das mißgünstige Schicksal wollte es, daß er der Wartende blieb.

Im Morgengrauen verließ er endlich den Platz seiner, erfolglosen Nachtwache, um nicht noch von Frühaufstehern etndeckt und zum Leutespott zu wer­den. Auf dem Heimweg schwor er sich, nicht mehr ein Wort mit der Christel zu reden, wo er ihr auch begegnen sollte. Es würde ihm schwer fallen, aber es mußte sein. Sie sollte merken, daß er ein.ganzer Kerl war, ein Mann mit Grundsätzen.

Um die Härte diests mannhaften Vorsatzes we­nigstens für diesen Tag etwas zu lindern, legte er sich sofort schlafen. Er schlief trotz seines Liebes­kummers bis zum späten Nachmittag. Dann über­fielen ihn die Nachwehen der eifersüchtigen Wut mit doppelter Wucht. Dagegen gab es für den Alois nur ein Mittel: Rauchen! Ein paar recht dicke Zi­garren qualmen. Die Rauchwaren im©eeqarten" hatte der sparsame Vater zur Kontrolle im Neben­zimmer der Gaststube aufbewahrt. Und dort war­tete seit einer geraumen Weile die Versuchung seiner Charakterfestigkeit in Gestalt der Leermoser Christel. Rosig und gutgelaunt, in einem fröhlich gemusterten Kleid, saß sie auf der Fensterbank, ganz allein.

Bist bös auf mich?" fragte sie, weil er nach kurzem Gruß an ihr vorbei auf den Rauchwaren­schrank zusteuerte.Schau, es tut mir ja selber leib, aber ich hab net kommen können, gestern. Ich hab' meine Tanzschuh' zum Besohlen geben unb hab immer gewartet barauf, unb wie ich bann nach­fragen 'gangen bin, war er net einmal daheim, ber Schuster. Hätt' ganz vergessen darauf über seiner Festred', sagt mir bie Hanni. Weil er boch einer von ben ältesten Mitgliebern ist vom Schützenverein. Und ba kannst bir boch benfen, daß man ..."Ist schon gut", unterbrach er sie.Is schon lang ver­gessen, reben wir nimmer brüber!"

Er hatte sich umständlich seine Zigarre angezün­det und ging nun zum Schanktisch, ohne sie anzu­sehen. Mit sinnlosem Eifer begann er Bierflaschen unb Gläser von einer Seite auf bie andere zu räumen. Die Christel betrachtete ihn lächelnd.

Mir is' recht. Ich bin auch net deswegen kom­men, ich wollt' dich was fragen, Alois" ... sie war­tete einen Augenblick, doch er sah nicht auf.Weißt, ich möcht mein zweites Zimmer vermieten an Som­merfrischler und da hab ich gemeint, wenn einmal wer nachfragen sollt' bei euch, könntest mir doch Leute heraufschicken!"

So so, hast gemeint!" Seine Stimme klang hei­ser. Die Gläser fingen an bedrohlich zu klappern unter seinen Fingern.Hast an mich gedacht, aus­gerechnet an mich!"Freilich, kommen doch soviel' Leut' zu euch. Aber weißt, die Geschicht hat nämlich einen Haken ..."

Freilich, dein Hansl ..."Ah, das weißt schon?" Sie lachte.

Alois starrte sie verblüfft an. Sie lachte wahr­haftig. Sv eine ausgeschämte Person! Sie machte gar kein Hehl aus ihrem Lebenswandel im Gegenteil, sie freute sich auch noch, daß er davon wußte.

Er beugte sich vor, als wollte er zum Schlag aus- holen.Wird's dir net leid tun, wenn du's aus­räumen mußt, dein Liebesnest?"

Das will ich ja grab net", rief sie schnell,des­wegen bin ich ja zur dir kommen. Du mußt mir die richtigen Leut schicken, bie sich net baran stören. Ist boch auch nix dabei! Weißt, wenn man's einmal gewöhnt is, merkt man's fast nimmer, bafe ba ein Schwalbennest ist ..."

Ein Schwalbennest?"

Freilich, bas Nest vom Hansl boch! Er war einer von ben Ersten, ber zu bauen angefangen hat unb gerab bei mir über bem Ofen, und ich hab mir noch denkt ..." Aber sie kam nicht dazu, ihm zu erzählen, wie abergläubisch froh sie den Nestbau des kleinen Vogels beobachtet hatte und wieviel Freude sie erlebt hatte an ihrem Hansl, der seit­dem so allein hauste, wie sie selbst.

Denn der Alois war plötzlich in ein schallendes Gelächter ausgebrochen. Wie ein Verrückter lachte er, als wollte er gar nicht mehr aufhören. Aber was er sich alles fortlachte, verriet er ihr erst später, als sie sich einig waren darüber, bafe sie sich künftig keine Sorgen mehr zu machen brauchte, wenn sie einmal seine Wurzerin war.

Da kannst bann Schwalbennester haben, grab mehr wie genug, unb ich werb' auch barauf schauiU, bafe sie's im Seegarten gut haben, bie Schwalben", versprach er ihr. Damit war bie Christel zufrieben, . .benn wo bie Schwalben hausen, ba wohnt bas Glück!" meint sie.

Das glaubte ber Alois auch gern. Er sagt es heute noch jebes Jahr, wenn bie Schwalben kom« men. Unb er weiß auch warum...