Ausgabe 
25.2.1938
 
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Berchtesgaden, ein Markstein -es Friedens.

Oie große Re-e -es österreichischen Bundeskanzlers Or. Schuschnigg. Konzentration aller positiven Kräfte. Mitarbeit aller im Rahmen -er Verfassung.

Der Weg zum wahren deutschen Frieden.

Aun kommt die Zeit der Fahrten und Lager.

Oie Pläne der Hitler-Zugend Hessen-Nassaus für 1938.

der engsten Verbundenheit und Freundschaft mit dem Deutschen Reiche bewußt sei. Dennoch fei ein Bruderkampf gekommen, der fünf Jahre währte. Nun soll", fuhr Dr. Schuschnigg fort,Friede sein. Ein Frieden, der beiden Teilen g e - recht wird. Ein ehrenvoller Frieden, der einem Kampf, der allzu lange mit ungleichen Waffen ge­kämpft ward, ein, so Gott will, endgültiges Ende setzt; einem Kampf, der ganz gewiß nicht im Inter­esse des deutschen Volkes und des deutschen Raumes, wie immer man feine ideale Gestaltung sehen mag, gelegen war."

sei, seine Politik auch weiterhin in den bewährten Bahnen der römischen Protokolle zu füh­ren, deren wirkschaflliche und politische Bedeutung auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren habe. Es wäre sachlich ungerechtfertigt und irreführend, von einer Slenberung der zwischenstaatlichen Be­ziehungen Italiens zu Oesterreich gu sprechen, wie es mitunter in einzelnen Stimmen der inter­nationalen Presse zu lesen gewesen fei.Darüber hin­aus", 'betonte Dr. Schuschnigg,scheint es unerläß­lich, wesentliche Feststellungen nochmals zu wieder­holen, damit an unserem unerschütterlichen Willen zur Eigenstaatlichkeit und Unabhängigkeit kein Zweifel sei. Unser Land ist ein Fixpunkt der Land­karte Europas und für die gesamte Kulturwelt ein Begriff, der aus dem europäischen Gesamtbild nicht wegzudenken ist. Wir haben das geographische Bill) nicht gewollt und nicht verschuldet, welches die Land­karte feit 1918 aufweist. Wir haben uns unsere Grenzen nicht ausgesucht. Liber das, was wir haben,das wollen und werden roirbe» halten. Wir sind ein christlicher Staat, wir sind ein deutscher Staat, wir sind ein freier Staat, und jeder in diesem Lande ist gleichbe­rechtigt vor dem Gesetz. Die möglichen und not­wendigen Plattformen für die friedliche Ausein- anterfefyung und Austragung der Meinungsver­schiedenheiten im Rahmen der Vaterländi­schen Front würden geschaffen werden. Vor allem müsse allen daran liegen, den Arbeits- f r i e D en zu erhalten. Es dürfe keine Klassenfron­ten geben. Es sei nicht jeder, der nationalfozialisti- sches Gedankengut vertrete und sich die organische Fortentwicklung Mitteleuropas in der Schaffung eines neuen großen Reiches vorstelle, deshalb zu­gleich schon ein schlechter Oesterreicher. Es beginne die Periode des Ausbaues der österreichischen Stel­lung.

Wien, 24. Febr. (DNB.) Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hielt am Donnerstag im Bun­destag feine mit Spannung erwartete Rede. Die Regierung, fo erklärte er, steht unverrückbar a u f dem Boden derVerfaffungvoml. Mai 19 34. Sie erachtet es daher als ihre erste und selbstverständliche Pflicht, mit allen ihren Kräften die unversehrte Freiheit und Unabhän­gigkeit des österreichischen Vater­landes zu erhalten. Sie sieht ihre Ausgabe darin, den Frieden nach außen mit allen ihr zu­stehenden Möglichkeiten zu sichern und den Frie­den im Inneren nach bestem Wissen und Ge- wissen zu verbreiten und zu wahren. Ich brauche nicht zu betonen, daß ausländische Vorbilder für uns nicht in Frage kommen konnten. Die Verfas- fung kennt keine Parteien und keinen Parteistaat; sie unternimmt die beruf 2- stci irdische Gliederung des Volkes, wobei als regulierender Faktor die autoritäre Stütze der staatlichen Führung vorge­sehen ist. Daher gebe es auch keine Koalition, fo fuhr der Bundeskanzler fort, weder im politischen Leben noch in der Regierung. Die neue österrei­chische Regierung könne daher keine Regierung der Koalition, also eine Parteienregierung fein, sondern ihr Ehrgeiz bleibe es, die Konzentration aller positiven Kräfte des österreichischen Volkes darzustellen. Jedem Oesterreicher, der zur Mitarbeit bereit und entschlossen fei und der seine Kräfte dem Aufbauwerk widme, stehe der von der Regierung vorgezeigte Weg zur Arbeit offen.

Das Abkommen vorn 11. Juli 1936 habe in sei­ner Durchführung Schwierigkeiten aufgezeigt, deren ungelöstes Fortbestehen eine akute Gefahrenquelle^ bedeutet habe. Trotz aller Bemühungen fei es bis- her nicht restlos gelungen, die Spannungen zu lö­sen, die über dem deutschen Raum, über Oesterreich und Deutschland feit Jahren lasteten. Es habe sich ein auf die Dauer unerträglicher, weil durchaus anormaler Zustand herausgebildet.

Die nunmehr getroffene Vereinbarung", be­merkte der Bundeskanzler,trägt alle M n - sähe guten Gelingens und alte Voraussetzungen einer befriedi­genden Entwicklung und eines restlosen Friedensschlusses in sich.

Leider habe man nicht alles Unheil gutmachen können. Der Opfer feien viele, allzu viele gewesen." Dr. Schuschnigg widmete an dieser Stelle seiner Ausführungen ein besonderes Wort des Gedenkens an Bundeskanzler Dollfuß.Wir neigen uns", sagte Dr. Schuschnigg,in dieser Stunde vor allen Opfern. Wer aus Idealismus und nicht aus Be- rechnung, im Glauben seine Pflicht zu tun, auf die Barrikaden steigt, war zu allen Zeiten niemals der wirkliche Nutznießer der Revolution; er hatte da­her, wenn ihm das Schicksal hold blieb, zu allen Zeiten und überall einmal bei Wiederkehr ruhi­gerer Zeiten den Anspruch auf Versöhnung. Dies ist der Sinn der Amnestie." Wir haben die ehemaligen parteigebundenen Sozialdemokraten zur Mitarbeit in der Vaterländischen Front einge­laden; wir haben den ehemalig parteigebundenen Nationalsozialisten wie den Angehörigen aller an­deren Gruppen unter vollkommen gleichen Bedin­gungen die Möglichkeit der Mitarbeit eröffnet

So war denn dieser Tag von Berchtesgaden, wie ich in Uebereinstimmnng mit dem Reichs­kanzler und Führer des Deutschen Reiches zu« versichtlich hoffe, ein Markstein, der die Beziehungen unserer beiden Staaten im Inter­esse des gesamten deutschen Volkes, seiner Äut- tur und seines völkischen Lebens, im Interesse

insbesondere auch unseres österreichischen Vater­landes, dauernd und für alle Zukunft freund­schaftlich zu regeln bestimmt ist: Ein Mark­stein des Friedens.

Diejenigen, die in der parlamentarisch-demokra­tischen Zeit des Nachkriegsöfterreichs die Derant- motung $u tragen gehabt hätten, seien sich einig gewesen über das von der jeweiligen innerpolitischen Gestaltung unabhängige freundschaftliche Verhältnis zum benachbarten Deutschen Reiche. Auch Dollfuß habe bei seinem Regierungsantritt bekannt, daß Oesterreichals selbständiger deutscher Staat" sich

Der deutsche Frieden, wie er das Abkommen be­zeichnen möchte, lege neuerlich ausdrücklich denen, die sich zu nationalsozialistischen Gedankengängen bekennen, die Wege frei zur Mitarbeit mit allen anderen, sofern ihr Bekenntnis in Ein­klang stehe mit den Grundsätzen der Verfas­sung, die dasunabhängige und selbständige deutsche und christliche, ständisch gegliederte und autoritär geführte Oesterreich" geschaffen habe, in Einklang stehe weiter mit den Grundgesetzen der Vaterländischen Front, neben der es in Oesterreich keine politische Partei und keine poli- tifche Organisattonsform geben könne, innerhalb welcher für die Gleichberechtigung aller bei unverrückbarem Festhalten an ihren Grund­sätzen Sorge getragen werde.Wir wissen genau", betonte Dr. Schuschnigg, ,chaß wir bis zu jener Grenze gehen konnten und gingen, hinter der ganz klar und eindeutig ein ,Bis hierher und nicht weites steht. Ich lege Gewicht darauf, zu erklären, daß ich in vollem Bewußffein der Verantwortung und unter voller Bedachtnahme auf die Lebensinteressen und den friedlichen Aufftteg unseres Vaterlandes bereit bin, ohne jeden Nebengedanken und in absoluter Klarheit des österreichischerseits gegebene Wort ein­zulösen.

Ich und wir alle werden glückllch fein, wenn nun eine harte, opfervolle Zeit, die mit einem harten Tag am 12. Februar 1938 ihren Ab­schluß fand, zum wahren deutschen Frieden geführt hat, einem Frieden, den zu erhalten und zu vertiefen es die gebrachten

Opfer lohnen würde."

Dann wandte sich Dr. Schuschnigg derrein öster­reichischen Seite" zu. Es bedürfe feines besonderen Hinweises darauf, daß Oesterreich fest entschlossen

NSG. Die Hitler-Jugend des Gebietes Hessen-Nassau führt auch in diesem Jahre wieder eine große Zahl von Fahrten in den eige­nen Gau, die Nordmark und die Ostmark durch. Rund 7 0000 Jungen werden im Laufe des Sommers an diesen Fahrten teilnehmen. Die HI. will in ihren Fahrten, die zum ersten Male im Jahre 1937 in großem Maße als Hessen-Nas­sau - F a h r t durchgeführt wurden, den Jungen und Mädeln ihre engere und weitere Heimat er­schließen und durch gemeinschaftliches Erleben die nationalsozialistische Haltung vertiefen. Die j ü n g ft e n Pimpfe werden schon im ersten Jahre ihrer Zugehörigkeit zum Deutschen Jungvolk auf kurze Fahrten geschickt. Ihnen stehen die Jugendherbergen

als Unterkünfte und Standquartier zur Verfügung. Dom Jahrgang 1928, d. h. den jüngsten Pimpfen, werden über 12 000 i n 18 Jugendherbergen des Rhein-Main-Gedietes auf die zu­künftigen Fahrten vorbereitet. Hier sollen sich Die Pimpfe in den Tugenden üben, die für die späteren Fahrten und den gesamten Dienst notwendig sind: in Disziplin, Gehorsam, Treue und Kameradschaft. In den folgenden Jahren geht der Pimpf zunächst im Jungvolk, dann in der HI. auf Hessen- Nassau-Fahrt. Ein planmäßiger Austausch sorgt dafür, daß der Junge der Großstadt die land­schaftlichen Schönheiten des Gaues kennenlernt, während die Sohne der Bauern auf ihren Fahrten die volkreichen Gegenden des Gaues besuchen wer­

den. In jedem Jahr wird der Junge einen anderen Teil seiner Heimat kennen lernen und sich mit fei­nen Bräuchen und Sitten vertraut machen. Er wird darüber hinaus einen Einblick in die landwirtschaft­liche Arbeit nehmen und für diese Arbeit ein größe­res Verständnis aufbringen.

Im Jahre 1938 sollen 52 850 Jungen auf Hessen- Nassau-Fahrt gehen, die in 59 Sonderzügen zu ihrem Fahrtziel gebracht werden. Die, die sich auf diesen Hessen-Nassau-Fahrten bewährt Haden, erhalten die Berechtigung an den großen Grenz­landfahrten teilzunehmen. 12 Sonderzüge brin­gen in diesem Jahre 10 150 Jungen und 100 Mädel in die Nordmark und. vier Sonderzüge 3000 Jungen und 400 Mädel in bie Ostmark. Auf diesen Fahrten werden sie in den Grenzmarken des

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kann.

Die Ursache warZohnstein.der selbst gesunde ZSHne lockern und zum Ausfall bringen Puten Sie deshalb Ihre Zähne regel»

mäßig mit Soliboil Denn nur SoliDot ent» hält in Deutschland Sulforizin-Oleat nach Dr. Bräunlich. Dadurch entfernt es beim Zähneput,en allmählich Den gefährliche» Zahnstein, verhindert seine TleubilDung,

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Gegen Zahnstein

Reiches einen Einblick in den jahrtausende alten Kampf um dos Deutschtum gewinnen. Die letzte Krönung des gesamten Fahrtbettiebes der HI. bil­den die A u s l a n d s f a h r t e n , auf denen 42 Fahrtengruppen mit 1200 Mann 14 fremde Staaten besuchen werden.

Die Hessen-Nassau-Fahrten finden Mitte Mai, Juni, Juli und August statt. Der erste Zug verläßt am 16. Mai seinen Heimatort. Die Fahrten- ziele sind: für den Bann 288 (Niederwald) und 287 (Offenbach) der Westerwald, für den Dann 254 (Wetterau) und Bann 304 (Vogelsberg) bie obere Lahn; die Banne 81/186 (Frankfurt) fahren in die We11erau und den Vogels­berg, Bann 87 (Westerwald) besucht Mainz, Bann 118 (Worms) und 249 (Odenwald) fahren nach Bad Homburg. Die Banne 80 (Wies­baden), 166 (Taunus), 253 (Lahntal) und 303 (Dill- Eder) haben den Odenwald als Fahrtenziel. Die Banne 116 (Gießen) und 392 (Kinzigtal) verbringen ihre Zeit an der unteren Lahn, während Bann 88 (Wetzlar) und 98 (Hanau) den R h e i n ga u aufsuchen. Der Bann 117 (Mainz) fährt in den Oberwesterwald und der Dann 115 (Darmstadt) in das Kinzigtal.

Die Fahrtenzeit teilt sich auf in je drei Tage Lager, Fahrt und Dorfguartier. Die einzelnen Fahrtengrupp.en bestehen aus 19 Jun­gen und einem besonders geschulten Fahrtführer. Die Kosten für die Hessen-Nassau-Fahrt betragen einschließlich Fahrt und Verpflegung 7. RM., während die Kosten für die Nordmarkfahrt 15.RM. betragen. Um diese Beträge zusammenzubringen, hat das Gebiet Hessen Nassau eine großartige Sparaktion eingeleitet, durch die bis jetzt schon namhafte Beträge von jedem einzelnen Jungen für feine Fahrt aufgespart wurden. Einnahmen aus Volksgemeinschaftsabenden und der Altmaterial­sammlung helfen den Jungen, die weniger Mittel haben, die Fahrt finanzieren.

Gießener Gta-ttheater.

Gastspiel Paul Wegener: »Kollege Crampton" von Hauptmann.

Für sein zweites Gießener Gastspiel in diesem Winter hat sich der Staatsschauspieler Paul W e» g e n e r ein sehr viel milderes, versöhnlicheres und freundlicheres Stück ausgesucht als jenen inferna­lischen und zermürbendenTotentanz", den wir kurz vor Weihnachten sahen: die Komödie .Kollege Crampton" von Gerhart Hauptmann, die hier vor ziemlich genau zehn Jahren zuletzt gegeben worden ist.

Das Stsick gehört zu den frühen Werken, zu den ersten großen Erfolgen des nun 75jährigen: eine Ausführung von MoliöresGeizigem" im Herbst 1891 am Deutschen Theater in Berlin gab Haupt­mann, wie sein Biograph Schlencher berichtet, die erste Anregung und weckte Erinnerungen an seine Breslauer Kunstschülerzeit, insbesondere an einen seiner damaligen Lehrer, Professor James Mar- shall, der das Urbild des Kollegen Harry Crampton wurde. Anfang 1892 wurde die in ein paar Winter- wachen in der schlesischen Heimat niedergeschriebene Komödie, ebenfalls am Deutschen Theater in Ber­lin, ein starker und unbestrittener Erfolg.

Im großen, kaum noch auf einen Blick zu über- sehenden Gesamtwerte Hauptmanns nimmt Das Künstler-Problem eine merkwürdige und nicht un­interessante Stellung ein: Hauvtmann hat Das Motiv wiederholt aufgegriffen und in verschiedenen Spielarten abgewandelt. Was denCrampton" be­trifft, wo es zum ersten Male auftaucht, so Darf dieses Drama als die Komödie Des entgleisten Ge- nies bezeichnet werden. Hauptmann kam es hier und später noch offenbar auf Die Grenz- bezirke an, auf einen Sonderfall, auf die Geschichte eines Außenseiters; er gab Dem Motiv, in drei­facher Abwandlung, jeweils einen andern Akzent: imMichael Kramer" wurde das Künstler-Motto vom Generattonsprodlem nahezu überspielt und ver­deckt; hier haben wir fast mehr ein Drama zwischen Vater und Sohn als ein Künstler-Stück. Im ,Peter Brauer" endlich ist das Motto insofern abgebogen, wo nicht ins Gegenteil verkehrt, als Der fragmür» bige Held, Brauer, gar fein Künstler ist, sondern ein schwadronierender Mensch, Der sich Den Anschein gibt, Künstler zu sein.

Der Professor Crampton, etwa in Der Mitte zwi­schen beiben, ist bestimmt kein bloßer Scharlatan wie Brauer, ist aber gewiß auch nicht so ernst zu nehmen wie Kramer; seine künstlerische Echt­

heit und Kraft erscheint mehr als einmal in diesen fünf Akten nicht nur den andern, sondern ihm elber fragwürdig genug, und es wird dem Zu- chauer weder leicht gemacht, mit feinem Schick- al Mitleid zu haben, noch auch an das gute Ende dieser Affäre zu glauben. Sie endet ja nicht nur komödienhaft, sondern geradezu lustspielhaft-tradi- tionell mit Verlobung und in eitel Wonne; der schon erwähnte Schlenther machte mit Recht darauf aufmerksam, daß der Fall Crampton ebenso gut, ja mit größerer Wahrscheinlichkeit, auch ganz anders und keineswegs in rosiger Lustspielheiterkeit hätte enden können, ... vielmehr so, wie es im Dritten und vierten Akt angedeutet wird.

*

Diese Bedenken sind von Anfang an geäußert und nie unterschlagen worden; was aber dem Werk auch immer wieder feinen Reiz und seine unver­wüstliche Lebenskraft gegeben hat, ist Hauptmanns Kunst, ein Stück zu bauen, gewiß ein natura- listisch-undramatisches Stück, in einen Menschen hineinzusehen und ihn lebendig zu machen samt feiner eigentümlichen Umwelt. Die Szenen in der Kunstschule wie die Szenen in der Kneipe sind, noch heute, von einer unangreifbaren Wirklichkeit und Echtheit, und die Liebesszene im letzten Akt gehört zu den feinen Hauptmannschen Idyllen, die er vonSonnenaufgang" bisSonnenuntergang" mit meisterlich leichter und fester Hand dem deut­schen Theater geschenkt hat.

Das liegt freilich an Der Peripherie und hat mit Crampton und dem Künstler-Motiv nichts mehr zu tun; aber es lebt und bleibt und überdauert den Makart-Stil und die verschollene Studio- Atmosphäre, die aus der Entstehungszeit des Stückes i stammen. Crampton selber ift dramatisch wie j menschlich, das Gegenteil eines Helden: er regt , sich nicht und rührt sich nicht, er ist Da, aber er j bleibt passiv. Indessen: so unbewegt er bleibt i er handelt nicht, sondern es passiert ihm. fo lebendig, richtig und rund ist Das menschliche Bild, das man von ihm gewinnt. Er ist eiaentlich, ob­wohlhoher Vierziger", ein großes Kind geblie­ben, weltfremd und ahnungslos, so hochmüttg wie gutmütig, verbummelt, vernachlässigt,unverstan- iDen", wie er glaubt, und aufqerieben in einer Drillanstalt, wo er sich mit Abendakt-Unterricht ' und Korrekturen abplagen muß, fein Faktotum an- pumpt und sich bedenklich Dem Trünke ergibt. Das alles macht Den Mann nicht gerade sympathisch, aber man begreift auch, wie Das, was chm zu- stößt, auf ihn wirken muß: Daß ein fürstlicher Gon- ner aus besseren Zeiten ihn völlig vergessen hat, daß er sein Amt verliert, daß ihm Die Wohnung gepfändet wird und Die Frau davonläust...

Es ist also wohl im Grunde weniger das Bild des Künstlers oder Pseudokünstlers, das die Dar­steller an dieser Rolle immer wieder gereizt hat, als das vielfälttg gemischte und zusammengesetzte Charakterbild eines Menschen, dem zur legitimen Dramenfigur nur der innerste Antrieb zum selbstän­digen Handeln fehlt... Bei Wegener sieht man beides, den Künstler und den Menschen, ... Das Bild eines künstlerischen Menschen, Dermüde ge­worden" ist, der sich verzettelt, aufgerieben, aufge­geben und fallen gelassen hat. In seiner Darstellung wird man jeden einzelnen, jeden kleinsten Zug wiederfinden, den die Rolle enthält, wie sie bet Hauptmann im Buche steht. Er entwickelt diese Gestalt und setzt sie zusammen wie eine Mosaik- malerei, aber vhne alle Kleinlichkeit, sondern aus einer großartigen komödiantischen Ueberlegenheit, mit einem gelassenen Ueberblick über Den aus­ladenden Text und einer souveränen Lust an jener vielfältigen Mischung Des Charakters, dessen wesent­liche Elemente wir angedeutet haben.

Wegener macht es, wenn man will, mit Den naturalistischen Mitteln und in dem Stil, in Dem Das Stück (zwischen denWebern" und demBi­berpelz") entftanden ist. Er kennt auch jede Wir­kung und Wirkungsmöglichkeit genau. Die von die­sem Crampton ausgeht, aber er ist viel zu intelli- gent und spielt ihn viel zu bewußt, als daß er etwa in einem platten Naturalismus mit Husten und Spucken stecken bliebe. Der Crampton gibt Wegener einen prachtvollen Anlaß, seine meist übersehenen oder nur selten gewürdigten Quali­täten als Komiker ins Licht zu stellen, und der Hu­mor, der in manchen Szenen vom Crampton aus- geht, läßt gelegentlich an Wegeners Mephisto Den­ken, so sonderbar es klingen mag: es ist ein ver­steckter, ein hintergründiger und manchmal unheim­licher Humor, der sich auf die Spannung und un­überbrückbaren Gegensätze zwischen Dem Bürger­lichen und dem Unbürgerlichen oder Außerbürger- lichen gründet. Don hier aus gewinnt Die allem normalen, geregelten oder gar amtlichen Wesen feindliche und verlorene Existenz Cramptons noch in den trüben Niederungen einer obskuren und seiner höchst unwürdigen Kneipe eine gelassene Ueberlegenheit und ironische Distanzierung von seiner Umgebung, wozu ihn eigentlich nichts mehr legitimiert als der längst verblaßte Nimbus feiner künstlerischen Vergangenheit.

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_ Wenn es Der in allen Tellen bestechenden und überzeugenden Leistung Wegeners gelang, Die Gestalt bis zu einem gewissen Grade aus den Be­dingungen ihrer Enfftehungsevoche zu losen und zu einem schon irgendwie zeitlosen Typus hinaus- zuspielen, jo war dies Das Letzte, was einer dar­

stellerischen Ausformung Dieser Figur gelingen kann. Die Fragwürdigkeit des Ausganges vergessen zu lassen, vermochte weder der Schauspieler noch der Spielleiter Wegener, der sich übrigens recht genau an den Text hielt, nur leider die Liebes- szene im fünften Akt merklich gekürzt hatte. We» gener hat sich auch fein eigenes Ensemble zusam­mengestellt und aufeinander abgestimmt.

Einige markante Figuren heben sich hier her­vor, an erster Stelle Henry V a h l als das Fak­totum Löffler, ein nichtiger, runder, lebendiger Mensch aus der Hauptmann-Sphäre, mit dem leisen schlesischen Anklang im Tonfall, klein und ver- mickert, aber mit einem guten Herzen und goldenen Gemüt begabt. Dann Fritz Ley, frisch, jugendlich und herzlich als Max, Kai Möller als der lär­mend und fröhlich aufgeräumte Adolf,ein Dicker Krämer", Elisabeth R o h w e r als Gertrud und Nora Brand als Agnes Strähler, Der Hauptmann Den Mädchennamen feiner Mutter gegeben hat. Herr Löffler hatte eine angemessene Ausstattung entworfen.

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Wegener wurde mit Den Seinen, besonders nach Dem letzten Akt, lebhaft gefeiert.

Hans Thyriot.

'a -Musik für Dich -

Dies ist ein Lustspiel Der Terra, in Dem so merk­würdige und wunderliche Dinge passieren, teils mit, teils ohne Musik, daß man sie gar nicht der Reihe nach erzählen kann; es fängt an wie eine Operette, endet mit einer Hochzeitsreise und gebärdet sich unterwegs wie ein grotesker Schwank mit Der- wechslunge^ Hans Söhnker spielt die männ­liche Hauptrolle, ein Findelkind mit Drei /Adoptiv-) Vätern, ist Damenschneider, Herrenfriseur urb Taxichauffeur in einer Person, außerdem macht er dieMusik für Dich", für Magda Schneider nämlich, eine scharmante, aber etwas vergeßliche junge Dame mit einem furchtbar aufgeregten Para und einem niedlichen kleinen Hund. Der dritte im Bunde ist Paul Kemp, den wir lange nicht ge- sehen haben, und der hier eine erstaunliche Vor­stellung als Zauberkünstler gibt. Wer bas Findel- kind, Die Drei Väter, Das Fräulein, Den Gesang und Die Zauberkünste samt Den übrigen Bestand­teilen dieses Films in einem lustspielhaften Zu­sammenhang erleben mochte, muß sich selbst ins Kino bemühen: Regie führt E. W. Emo; Musik von Robert Stolz. Außerdem ein Kulturfilm, Die Wochenschau, ein Vorspann zumTiger von Eschnapur" und eine halsbrecherische Akrobatik» Stummer auf Der Bühne. Hana Thyriot.