Ausgabe 
24.12.1938
 
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den Türen der Dorfbewohner kirchlichen Brauch fortführen."

Bei den Deutschen i n d e r Z i p s künden die bäuerlichen Hirten die Weihnacht an mit Hör­nern und Schalmeienklang; die Mittagstunde ruft sie dann zu den sieben Weihnachtsspeisen, die aus den Keimen wachsenden Lebens bereitet werden, aus Aepfeln, Nüssen, Erbsen, Sinn­bildern von Jugend, Kraft und Werden.

DasJulfest" des Nordens war ursprünglich mit der Feier des Totengedenkens verbunden. Noch gibt es Gebiete, in denen das Volk zur Weihnacht auf den Gräbern Lichter anzündet. In Kärnten wird zu den heiligen Nächten auch für die Toten der Sippe der Tisch gedeckt.

In den Alpenländern, aber auch bei den Deutschen im Banat hat dasSternsingen" eine Fülle von naiv dichterischem Liedgut hervor­gebracht. Die drei Könige aus dem Morgenland beginnen also:

Was soll das bedeuten?

Schaug, schaug nur umher!

Ein glänzender Stern, Der schimmert so sehr.

Echtes Weihnachtsland ist das sudeten­deutsche Gebiet im Erzgebirge, wo der Holzschnitzer seine Heimat hat und phantasie­volle Volkskunst schasst. Aber er schickte uns in den letzten Jahren auf den volksdeutschen Weih­nachtsmarkt auch Holzteller, an deren Rand eingekerbt die Worte stehen:Unser täglich Brot gib uns heute!" Das Notgebet aus Hundert­tausenden von deutschen Herzen aus dem Su­detenland. In die armen Stuben dieser Volks­genossen, die ihre Kinder hungern sahen, brach nun ein heller Schein. Wle leuchtet ihnen in diesem Jahre das Licht der deutschen Weihnacht, den dreieinhalb Millionen Deutschen, die heim­gesunden haben ins Reich nach zwanzig Jahren des Leides, wie selig mögen ihnen die Glocken der Heiligen Nacht von Frieden läuten! Wie jubelnd mag der Glockenschwall durch die Lüste brausen vom Sudetenland bis in die Bergdörfer der wiedergewonnenen Ostmark hinein, und künden von Liebe und Treue!

Liebe und Treue; das Licht der Kerzen- slammen am immergrünen Baum ist dafür Sinnbild. So empfinden es vor allem die fern­sten Kinder unseres Volkes, die durch Länder und Ozeane vom alten Mutterland getrennt sind, die Deutschen in Uebersee. Die Ausgewanderten schicken ihre Gedanken in die Kinderzeit zurück, und manche Heimwehträne steigt am Heiligen Abend aus ergriffenem Her­zen auf. Und wenn auch viele im langen Jah­reslauf, der erfüllt ist von hartem Daseins­kampf, keine Zeit haben, den Erinnerungen nachzuhängen, in der Heiligen Nacht stehen sie um ihren Weihnachtsbaum und singen die alten lieben Lieder und fühlen den geheimnis­vollen Zauber, den diese Lieder in ihrer Seele wecken. Im letzten Herbst schrieb eine Kolo- nistenfrau aus dem argentinischen Urwald:Ich habe keine Verwandten mehr in der Heimat, deshalb wende ich mich an Sie; schicken Sie mir doch bitte einen Tannenzweig aus dem deut­schen Wald, daß ich ihn meinen Kindern auf den Weihnachtstisch legen kann"

Sie backen Pfefferkuchen und Spekulatius, die deutschen Kolonistenfrauen, anderswo Pnd sie dem heimischen Stollen treu geblieben, und bei den Pommern fehlt nicht der Gänsebraten, aber das alles ist ja nurZubehör" und soll eben sein,wie's daheim war". Den vollen Glanz der Weihnacht bringt der Lichterbaum. Und ob es auch nur ein Eukalyptusstämmchen ist, wie in Misiones, oder die grüne Araukarie, die der deutsche Siedler in Brasilien aus dem Ur­wald holt und mit Lametta und bunten Kugeln schmückt am schwülen Hochsommerabend des

24. Dezember: für sie alle ist das manchmal kümmerliche Gewächs Bild, Bild des Weih­nachtsbaumes, der an diesem Tage über der deutschen Heimat erstrahlt, und Bild der Hei­mat selbst. Ein Sinnbild, das die Fremden nicht verstehen. Viele Ausländer in den überseeischen Weltstädten, die einmal ein deutsches Weih- nachtssest miterlebten, haben den Lichterbaum auch bei sich eingesührt, doch ist es kein leben­diger Baum, den sie am Heiligen Abend aus­putzen; eigentlich ist es nur ein kitschiges Zerr­bild des deutschen Weihnachtsbaumes gewor­den, dies kleine Industrie-Erzeugnis aus grüner Pappe ... Und weiß einer, der nicht aus dem Nordland stammt, was dem Deutschen der Baum bedeutet? Die Birke zu Pfingsten, der Maibaum, das Bäumlein auf dem Dach der neuen Wohnstatt zum Richtfest, und der Baum,

den er auf seiner eigen-n Erde pflanzt? Und der geheimnisvolle Geschlechterbaum seiner Sippe, seines Volkes? Kann das nicht nur ein Deut­scher wissen, weshalb der immergrüne Baum nach Jahrhunderten der Vergessenheit vom deutschen Grenzland, vom Elsaß aus, einst wie­der zum Mittelpunkt unseres deutschesten Feier­tages wurde?

Sie fühlen es, unsere Volksgenossen in ferner Welt, wenn die Lichter erstrahlen und die Stim­men ihrer Kinder mit den geliebten deutschen Weihnachtsliedern erklingen.

Und sie heben an, die Kinderstimmen unseres Volkes, hier im Mutterlande und Millionen jenseits der Grenzen, und sie vereinen sich am Heiligen Abend und singen vom Wunder der Weihnacht, singen selig und froh zum deutsche­sten aller Feste!

Kleiner Wunschzettel ver großen Kinder.

Zur Anregung und Nachahmung im kleinen Kreise empfohlen.

In jedem von uns stecken Wunschträume, nicht bloß zur Weihnachtszeit, und wenn sie auch nie erfüllt würden aufschreiben könnte man sie wenigstens einmal! Die drei Mitarbeiter, die wir darum baten, haben es jedenfalls mit Vergnügen getyn. Man merkt es den folgenden Wunschzetteln ordentlich an, wie sehr ihre Niederschrift drei Männerher­zen erleichtert hat. Vielleicht versuchen Sie es auch einmal, ganz für sich allein Sie wer­den sehen, wie wohl das tut.

Drei Stunden Aebel...

Von Heinz v. Lichberg.

Lieber Herr Schriftleiter!

Ihre außerordentlich freundliche Aufforderung, mich an Ihrem kleinen Wunschzettel der großen Kin­der zu beteiligen, hat einiges Zerbrechen meines Kopfes verursacht, weil, wie Sie so nett schreiben, nicht etwa nur gegenständliche Wünsche gemeint sind, sondern sozusagen der kühne Traum, den man mit großer Phantasie und einer entsprechenden Por­tton optimistischer Kindlichkeit sich zu Weihnachten erfüllt wünschen könnte"!

Ihr Antrag ehrt mich. Sie halten auch mich offen­bar für einen jener echten Männer, von denen der Philosoph sagt, daß ein Kind in ihm versteckt sei, das spielen will. Ich danke Ihnen. Zugleich aber nehmen Sie meine aufrichtigen Glückwünsche zu Ihrer eigenen Portton liebenswürdig-optimistischer Kindlichkeit, mit der Sie erwarten, daß verschiedene Männer die kühnen Wunschträume der in ihnen verborgenen Kinder offenbaren und dann noch auf höchstens einer durchschossenen Schreibmaschinen­seite, die Sie für den guten Zweck genehmigen kön­nen.

Sehen Sie wir Menschen lausen doch alle mit Wunschträumen herum, die wir in der geheimsten Kammer unseres Herzens verschließen, und die tippt Ihnen doch keiner auf die durchschossene Seite! Oder glauben Sie, einer erzählt Ihnen, daß er innerlich von der Sehnsucht nach einem bestimmten Lottchen oder Aennchen völlig zernagt ist? Oder viel­leicht von der brennenden Sehnsucht nach Meeren und Schiffen und der unendlichen Ferne? Daß er von dem roten Häuschen mit grünen Fensterläden am Waldrande träumt zu dem Häuschen gehört ein Obstgarten und ein Steingärtchen und ein Ge­müsegärtchen und ein Kräutergärtchen und ein Hund. Und der Wald rauscht, und die Sonne scheint, und im Häuschen sitzt er selbst, und alle können ihn be­suchen sehen Sie, Herr Schriftleiter, das tippt Ihnen keiner in die Maschine!

Vielleicht wird Ihnen einer offenbaren, daß er sich ein Auto wünscht, obwohl er ein Schriftsteller ist. Oder einer möchte einmal den Fujijama per­sönlich sehen, oder einer gesteht, daß er seinen Sohn brennend um die Spielzeugeisenbahn beneidet. Es gibt viele Wünsche, die von männlicher Kindlichkeit zeugen. Aber glauben Sie, es gesteht Ihnen einer,

daß er seit Jahren danach fiebert, das Christkind­chen möge ihm gestatten, einem gewissen anderen Herrn einmal, ach, nur einmal, rechts und links eine zu knallen, auf daß er wieder zu sich käme nein, lieber Herr Schriftleiter, so offenbarend ehrlich wird wohl keiner sein.

Was mich betrifft, so wünsche ich mir einen kur­zen, etwa dreistündigen Nebel über die ganze Erde. Und wenn der Nebel verschwunden ist, dann müßte allen Menschen einen Bruchteil der ihnen anhaften­den Rücksichtslosigkeit und eigenen Wichtigkeit gegen etwas mehr Sinn für die Schönheit und den Humor des Lebens eingetauscht haben. Ist das kindlich ge­nug gewünscht?

Darüber hinaus wünsche ich Ihnen ein frohes Fest und mir ein Pferd. Die Erklärung, warum ich mir ein Pferd wünsche, würde den Rahmen der durch­schossenen Seite weit übersteigen. Ja ich wäre sogar bereit, genau so wie der aufgeregte Herr im Drama, ein Königreich für ein Pferd zu geben. Der hat, soviel ich weiß, auch Feins bekommen. Und ich habe nicht einmal ein Königreich!

Greta Garbo, meine Frau.

Von Theodor JRiegler.

Greta Garbo müßte einen Monat lang meine Frau sein! Ich würde mit ihr in mein altes Stammlokal gehen, um das ich jetzt immer einen großen Bogen mache, weil ich noch sieben Mark achtzig schuldig bin. Da sitzt einer mit einer Glatze und einer Weinnase, der immer behauptet, ich hätte kein Glück bei den Frauen. Zu diesem Mann würde ich mich ganz bescheiden an den Tisch setzen und ihn mit meiner Frau bekannt machen:Gestatte, Greta, daß ich dir Herrn Scherzl vorstelle!" Und wenn mich eine von meinen alten Freundinnen anrufen würde, würde ich sagen:Tut mir schrecklich leid, mein Kind, aber wir können uns unmöglich treffen, denn ich bin seit einer Woche mit Greta Garbo verhei­ratet!"

Am Abend würde meine Frau auf mich warten und fragen, wo ich so lange geblieben bin.Dieses ewige Mißtrauen!" würde ich dann in leicht ge­quältem Ton antworten. Die unvermeidliche Folge wäre, daß sie leise in ihr Taschentuch hineinweint und mit den Schultern in jenes gedämpfte Zucken ausbricht, das ich an den Frauen so sehr liebe. Ich würde sie dann mit einer liebevollen Geste in die Arme nehmen und ihr ins Ohr flüstern:Schon wieder eifersüchtig, Kindchen? Du weißt doch, daß heute mein Kegelabend war! Schulze hat fünf Helle an mich verloren! Wie kannst du daran zweifeln, daß ich dich liebe?" Greta müßte mich dann unter Tränen anlächeln und mir forschend in die Augen sehen, ,vb ich auch die Wahrheit sage, und mir mit der Hand zärtlich über die ergrauenden Schläfen fahren!Das Essen ist kalt geworden, Liebling! Und ich habe mir mit den Semmelklößen solche Mühe gegeben!"

Am Telephon würde sie sagen:Hier ist Frau Riegler! Wie bitte? Sie wollen meinen Mann spre­

chen? Er ist leider nicht da ... Wichttge Bespre­chung ..." dann würde sie anhängen und an dem warmen Pullover weiterstricken, den sie mir zu Weihnachten schenken will. Abends sprechen wir dann manchmal von vergangenen Filmzeiten, und Greta nimmt meinen Kops Zwischen die Hande: Seit ich dich kenne, Liebling, verstehe ichnicht, daß ich jemals filmen konnte! Was bist du für ein Mann im Vergleich zu Robert Taylor!" Dann wür­den wir Sechsundsechzig spielen, und Greta würde mir ein Schnitzel braten, und wir wären restlos glücklich.

Einen Monat mit Greta Garbo verheiratet sein das wäre der Wunschtraum meines Lebens. Aber leider hat dieser Traum einen Haken. Es würde mir nämlich keiner glauben, daß die Garbo die Garbo ist.

3d) möchte beiühml sein!

I5on Hansjürgen Weidlich.

Früher schrieb ich sie auf, meine Wünsche, auf einen Wunschzettel an den Weihnachtsmann. Heute bin ich der Weihnachtsmann selber und darf nur Wunschzettel annehmen, keinen mehr schreiben. Aber: wenn ich einen schreiben würde ... ach, du lieber Weihnachtsmann!

Da würde ich mir zunächst einmal wünschen, daß ich nur eines Blickes bedürfte, um in sämtliche Kinos eingelassen zu werden. In die Theater natürlich auch. Und mit dem Blick müßte das so sein: Den Portier nur einmal scharf ansehen, und sofort müßte er hauchen:Willkommen wie immer!"

Uebrigens, was die Portiers anlangt, so habe ich da noch mehr allgemeine Wünsche. Wenn ich zum Beispiel Herrn Direktor Ypsilon sprechen möchte, so sollten sie nicht als erstes sagen:Herr Direktor ist leider ganz und gar nicht zu sprechen!" Sondern

RUHL Seilersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170

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sie sollten zu Herrn Direktor Ypsilon stürzen mit dem Ausruf:Er ist da!", sollten ihn gleich zu mir bringen und sich beseligt die Hände reiben, weil alles so großartig geklappt hat.

Und was nun diesen Herrn Ypsilon betrifft, ja, da ..., da fangen meine innigsten Wünsche erst rich­tig an.

Herr Ypsilon ist nämlich meistens Verleger, und die Wünsche, die ich um seinetwegen hege, sind die (in einem Wort): Ich möchte berühmt sein. Nicht um das Ruhmes willen, auch nicht des Schlosses wegen, in dem ich dann selbstverftändlich wohnen würde, und ebenso wären der Achtzylinder und die Weltreise mit derBremen" gar nicht so wichtig nein, mir käme es dabei auf ganz etwas anderes an.

Es müßte bekannt sein, daß meine Bücher aus­nahmslos eine Erstauflage von 100 000 (einhundert­tausend) Exemplaren vollauf rechtfertigen, dann..., ja, bann ... Also stell' sich das einer bloß einmal vor! Ich könnte auf der Couch liegen, Zigaretten, Tasse Kaffee, kein Telephon, mein Portier würde. sagen, daß ichleider ganz und gar nicht zu spre-, chen" sei, die Verleger würden in der kämpferisch­sten Weise trotzdem weiterhin meiner harren, Schlange würden sie vor dem Portal meines Schlos­ses stehen, ich ließe Nummernkarten ausgeben, damit auch alles schön der Reihe nach gehen würde ..., und wenn mich dann einer mit einem Vorschuß von ihm Pleite bringender Höhe in seinen Vertrag locken wollte, müßte ich sagen:Eines Vorschusses bedarf ich nie!"

Weihnachtsmann, Weihnachtsmann was sind das für Wünsche!

Oie Familienblatter bringen heute in ihrer Weihnachtsnummer Gedichte von Maria kahle und Ruth Schaumann und weitere Beiträge von Albrecht Scbaeffer, Ina Seidel, Walter von Molo und Arnold Ulitz.

Wäldlerweihnacht.

Von Johannes Linke.

Es geschieht mitunter, daß ein Mensch aus einer der großen Städte, der keine Eltern mehr hat und sich noch keinen eigenen Hausstand gründete, in un­ser Grenzgebirge flieht, um hier oben ein gemüt­volles, heimeliges Weihnachtsfest zu feiern, wie er es bisher nur in der Sehnsucht feiner Seele er­träumte. So tritt er denn im Marktflecken, wo die steilen Berglehnen der Eisenbahn den Weg versper­ren, in seine Schneeschuhe und gleitet den Berg­dörfern zu. Auf dem Waldwege zerschneiden die tiefen Geleise der Zugschlitten und die breiten, ver­eisten Mulden des Blöcherzuges den dicken Schnee, der die Tannen vermummt und zu fremdartigen Wesen verwandelt hat. Es kommen auch jetzt noch, am Nachmittag des Heiligen Abends, Holzzieher vom Berge herabgesaust, und er hat bei den vielen Kehren der unübersichtlichen Straße Mühe genug, rechtzeitig vor ihnen zur Seite zu springen.

Die Sonne senkt sich schon glutrot in die Dunst­schwaden des hügeligen Vorlandes, wie er den- Wald verläßt und in sanfter Abfahrt einem Dorf entgegengleitet, das sich in einer überschnellen Wie­senmulde birgt. Er hört keine Weihnachtslieder, aber aus der Schmiede klingt der Hammer des Meisters, der einen Schlitten mit eisernen Schienen besohlt. Im Wirtshause, wo er auf einen Trunk und Im­biß einkehrt, sieht er keinen Tannenbaum stehen, und kein grüner Zweig steckt über den Bildern an der Wand. Der Wirt reitet auf der Heinzelbank und nagelt altes Leder auf die selbstgeschnitzten Holz- schuhe und verwundert sich über die Maßen, daß an diesem Tage ein fremder Gast zu ihm in die Stube kommt. Die Wirtsfrau trägt ihm Milch und Käse und altbackene Salzwecken auf und bedauert, daß sie ihm nichts anderes vorsetzen könne, aber die Wurst sei noch nicht fertig, der Rest des alten Hausbrotes sei beinhart, und das frische Brot liege noch im Backofen. Der Städter ist ein wenig enttäuscht, denn alles das, was ihm hier begegnet, entspricht durch­aus nicht seinen Vorstellungen, die er in das Wald­gebirge mitbrachte, aber er läßt sich die einfache Kost schmecken, bezahlt die geringe Zeche und fährt über den knirschenden Schnee in die Dämmerung hinein.

Die höchsten, baumlosen Zinnen des Gebirges glühen in den letzten Strahlen der abendlichen Sonne, während die Täler schon im Schatten und frostgrauen Reife liegen. Die einzelstehenden mäch­tigen Buchen und Ahorne am Hange starren im

Rauhreif, der seine Nadeln in Büscheln und Zeilen um Zweige, Astwerk und Stamm geordnet hat. Ein Hase humpelt über den Harsch, den Hütten zu, wo er noch ein paar Hälmchen zu finden hofft; aber auch der Fuchs leidet Hunger, zwischen den ange- rauhten Stämmen des Jungwaldes schnürt er dem Häslein nach, und die drohenden Zurufe des Schnee­läufers, die ihn von feiner Beute verscheuchen sol­len, bringen ihn nicht von der Spur ab. Die Sterne funkeln kristallisch am Himmel, dicht über den Gra­ten und Höhen, und der Schnee glimmert den Ge­stirnen in unzählbaren Blättchen entgegen, als der Städter den Weiler erreicht, wo er seine Weihnacht feiern will. Außer einem Forstverwalter und einem Gastwirt, bei dem im Sommer die Wanderer und im Winter die Schlittenzieher verkehren, hausen hier oben nur notige Holzmacher, die einen kleinen Erd­äpfelacker bestellen und eine Geiß und eine Sau kümmerlich genug durchfüttern. Auch hier findet der Fremde in der sauber ausgescheuerten kleinen Wirt­schaft keinen Weihnachtsschmuck, wie er ihn erwar­tete, und die Wirtin, die ihm das Bier ausschenkt, meint kopfschüttelnd:O mein, was sollten denn wir mit einem Tannenbaum in unserer Stube? Das mögen die Städter tun; für die ist ein solcher Raum etwas Seltsames. Und das ist auch recht so, daß sie sich Christbäume kaufen, denn das schafft Arbeit für unsere Mannsbilder aber wir haben Tannen­bäume genaug draußen im Wald!" Ja, das ist nun freilich kein Weihnachtsabend, wie er ihn sich dachte, als er aus der Stadt aufbrach, und nun weicht die Christfreude, die er mitbrachte, aus feinem Herzen, unfeierlich verdrossen und müde von der langen Fahrt legt er sich zu Bett, und während er noch über die gefühllosen Wäldler murrt, die nicht ein­mal das Weihnachtsfest recht feiern können, schläft er an diesem heiligsten aller Abende ein.

Aber kaum, daß er ein paar Stunden geschlafen hat, fährt er aus dem Traume und ist gleich hell­wach. Ein wirres Brausen dringt durch das eis- blumige Fenster. In kriegerischer Eile fährt er in seine Kleider und reißt den angefrorenen Fenster­flügel auf. Ist ein Unglück geschehen? Bricht ein Sturm die Wälder nieder ober steht die Nachbar­hütte in Flammen? Kinder schreien mit gellender Stimme, Hornrufe heulen durch die Nacht, Schüsse knallen, und über dieses Getöse brausen vom Tal her die Glockenstimmen. Geschwind tastet er sich die Holzstiege hinab und springt auf die festgetretene Gasse hinaus. Ein Bursche brennt einen Böller ab, ein Weib stößt unablässig in eine Trompete, der Förster schießt mit feinem Jagdgewehr in die Lust, und ein paar Buben knallen mit der Geißel und mit Zündpistolen. Und aus der Ferne, vom Tal­

grunde her und aus dem Pfarrdorfe, wo er gegen Abend rastete, dringt Krachen und Lärm und Glockengelgut.

Was gibts denn?" ruft der Städter den Wirt an, der eben mit einer uralten Büchst aus dem Gaft- haufe tritt.

Was es gibt?" lacht der mitleidig. ..Christkindel­schießen tun wir!" Und damit legt er seine Büchse an und jagt einen Schuß über das Hausdach hin­weg.Wo kommt denn der Herr her, daß er das nicht einmal weiß? Heut ist doch Weihnacht! Das ist die allergefährlichste Nacht im ganzen Jahr! Das ist eine Losnacht, Herr! Da muß man die Teufel und die Hexen und die toten Leut, die keine Ruh finden, und die Drud und die Weihz und das ganze Gelump miteinander, die muß man anweihen, daß sie keine Gewalt kriegen über uns! Das ist fein Leb­tag so gewesen, und das wird auch nicht anders!" Unablässig dauert das Schießen und Lärmen und Schreien fort. Ununterbrochen tönen die Kirchen­glocken.

Da vergeht dem Fremden mit einem Male der Aerger, der in ihm angewachsen war, und das un­heimlich frembartige Treiben biefer heiligen Nacht bekommt Gewalt über ihn. Er spürt, wie sich ur­altes Heibentum der Heimat mit der frohen Bot­schaft des Heilands verquickt, und zum ersten Male begreift er den Sinn des NamensWeihnacht", den er so oft unbesonnen hörte und aussprach: Es ist die Nacht, in der die bösen Geister angeweiht wer­den müssen, nicht nur mit Weihrauch, Kreuz und Weihbrunn, sondern auch mit Feuer und Lärm, da- ~mit ihre finstere^ Macht zerfällt und sie dem Dorfe und seinen Menschen nichts anhaben können. Denn immer und überall, wo der Erlöser ins Licht steigt, sammeln sich die höllischen Widersacher zum Kampfe.

Allmählich verebbt das Getöse, ab und zu durch­peitscht noch ein Schuß die eiskalte Nacht, und nur die Glocken fingen noch eine Weile über das Gebirg. Nun kommen auch die Mettengänger wie­der heim. Sie halten sich dicht beisammen. Es gibt wohl in jedem noch so kleinen Dorfe einen, der am Sonntag seinen Weg allein zur Kirche wandert, weil das die einzige Stunde in seinem arbeitsreichen Leben ist, wo er ungestört seinen Gedanken über Gott und Welt nachhängen kann aber auch die­ser eine geht heute nicht für sich allein, sondern jie*t in der Schar mit, denn in dieser Nacht, wo die Gei­ster der Finsternis losgebunden find, um gegen den Herrn des ewigen Lichtes anzustürmen, hütet sich ein jeder, ihnen ohne Beistand zu begegnen. Fröh­lich gehen die Holzhauer, die Weiber, die Burschen und Kinder auf ihre erleuchteten Hütten zu, sie schälen sich aus ihren Mänteln und Umhängen und

Kopftüchern, reiben sich die durchfrorenen Finger und wärmen sich am Herde, wo schon das Kaffee-^ wasser siedet.

Die Kinder sitzen um den Tisch, als der Gast wieder ins Haus tritt. Die Wirtin schüttet den kräf- ttgen, mit Rahm beweißten Kaffee in die bauchigen Tassen, der Wirt schneidet den unberührten Brotlaib an und legt nach altem Brauche jedem eine mit Semmel und viel Gewürz durchsetzte Mettwurst auf den Holzteller. Hungrig halten siö ihr nächtiges Mahl, an dem auch der Fremde teilnimmt, langen immer wieder neu zu und danken mit singendem Gebete für die Speise. Dann zündet die Hausfrau ein paar Lichtlei'n an und löscht die Lqmpe aus. Und nun findet der Gast aus der Stadt auch noch das, was er sich zur Weihnacht ersehnte. Die Dinge des täglichen Gebrauchs sind im Dunkel versunken, und nur eine Krippe, kunstlos, aber liebevoll aus Rinde geschnitzt, steht im Licht. Die Seidenflicken und Sil­berflitter, mit denen die Muttergottes und die Hei­ligen Drei Könige behängt sind, flimmern unter dem Kerzenflämmchen, und es ist, als ob sich der Vater Joseph und die Hirten und Schafe bei dem Geflacker des Lichtleins regten. Ein Mädchen stimmt zaghaft an, und nun fallen sie alle mit rauhen, ungeübten Stimmen, aber voll Herzensfreude in den Gesang ein: Stille Nacht, heilige Nacht ...

Nein, die bösen Geister werden keine Macht über das Dorf bekommen, und auch aus der Seele des einsamen Mannes, der ins Gebirg kam, um Weih­nacht zu feiern, sind sie längst ausgetrieben.

Zean Paul erzählt Weihnachtsmärchen.

Um die Weihnachtszeit erzählte Jean Paul seinen Kindern immer die schönsten Märchen. Seine Tochter hat in ihren Erinnerungen das anziehende Bild geschildert, wie er dann in der Dämmerstunde mit feiner Pfeife auf dem langen Kanapee Platz nahm; kaum hatte er zu dem ersehnten Fest gerufen, da stürzten die Kinder die Treppe herauf, da jedes als das erste neben dem Papa Platz nehmen wollte. Es war mühselig, sich zwischen Tisch und Bücher­gestell, die das Sofa verbarrikadierten, zu zwängen. Mit Hilfe einer hohen Ritsche fliegen sie über die Kanapeelehne und drängten sich alle drei zwischen die Sofawand und die Beine des liegenden Vaters. Den besten Platz auf feiner Brust hatte schon der schlafende Hund eingenommen. Wenn sich schließlich alle möglichst eng zusammengeschoben und in die unbequeme Stellung gebracht hatten, dann war die richtige Stimmung da, in der der Dichter seine Phantasie ihre Fluge! ausbreiten ließ und die schön­sten Weihnachtsmärchen vom Himmel herunterholte.